| Kapitel 10 | Rückblick |
| Kapitel 11 | Verwirrung |
| Kapitel 12 | Abendspaziergang |
10. Kapitel Rückblick
Die Dusche hatte ihm gut getan. Während er das Wasser über seinen Rücken laufen ließ, spürte er seine Lebensgeister zurück kehren. Er wurde ruhiger und ging in Gedanken die Ereignisse der letzten Wochen noch mal durch.
Er kannte Mitchell Bowers noch von der Schule und hatte sich riesig gefreut, als er ihn vor drei Monaten durch Zufall in Sydney getroffen hatte. Spontan waren sie los gezogen , hatten von alten Zeiten geplaudert und sich erzählt, wie es ihnen in der Zwischenzeit ergangen war. Wie sich herausstellte, arbeitet Mitch mittlerweile erfolgreich als Börsenmakler und schien diesen Job wirklich zu beherrschen. Natürlich war Russ hellhörig geworden, als er ihm von einer einmaligen Chance erzählte. Nach einigem Hin und Her, sowie den routinemäßigen Überprüfungen hatte Russ sich entschlossen, in das Geschäft einzusteigen. Mehr noch. Er verschaffte Mitch den Zugang zur High Society in Sydney und half ihm Investoren für das Projekt zu finden. Am Anfang schien alles hervorragend zu laufen und alle Beteiligten fuhren satte Gewinne ein, die sie gleich wieder investierten. Innerhalb von sechs Wochen hatte sich das Anlagekapital verdreifacht. Dann aber kam der Anruf. Morgens um fünf hatte der Polizeipräsident ihn aus dem Bett geklingelt. Mitch war verschwunden und mit ihm das Geld.
Es folgten endlose Verhöre und nervenaufreibende Verhandlungen mit Anwälten. Von den empörten Anrufen anderer Opfer mal ganz abgesehen. Den meisten ging es wie Russ. Der Verlust tat weh, kratzte aber nicht an der Existenz. Was wirklich schlimm war, waren die ganzen Privatanleger, die teilweise komplett um ihr Erspartes gebracht worden waren. Als Russ von seiner Reise nach England zurück kehrte, hatten einige Opfer sich am Flughafen versammelt und ihn mit Eiern beworfen. Er war nicht vorbereitet gewesen auf diese Attacke und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Die nächsten Tage hatte er sich in seinem Appartement mit einigen Flaschen Jack Daniels verschanzt. Doch es half nichts, das Telefon lief heiß. So sehr er sich auch bemühte den Schaden in Grenzen zu halten, so sehr sah er sich doch mit der Tatsache konfrontiert, dass die öffentliche Meinung ihm keine Fehler zu gestand. Seit Jahren hatte er jetzt an einem besseren Image gearbeitet und war froh darüber gewesen, dass man ihn mittlerweile als Künstler akzeptierte und nicht ständig nach irgendwelchen Skandalen suchte. Sein Privatleben hatte stark darunter gelitten. Die paar Affären, die es in der Zwischenzeit gegeben hatte, erwiesen sich schnell als Flop. Er hatte sich damit abgefunden, alleine zu bleiben. Das seine Menschenkenntnis nun auch im geschäftlichen Bereich versagte, hatte ihn schockiert. Es war dringend an der Zeit, Abstand zu gewinnen. Er wollte nur noch weg.
Aber wohin? - Ihm war nicht danach auf seine geliebte Ranch zu fahren, um sich dort den Fragen seiner Familie auszusetzen. Er wollte allein sein. An einem Ort, wo ihn keiner kannte und er in Ruhe nachdenken konnte. "Ans Ende der Welt", hatte er verbittert gedacht. Dann war ihm der Termin in Hamburg eingefallen und kurz entschlossen hatte er den Flug gebucht und seine Agentur informiert. Eine einzige falsche Entscheidung hatte die Bemühungen der letzten Jahre zunichte gemacht. Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte, aber es gab kein Zurück. Nach seiner Ankunft in Hamburg hatte er sich mit seinen Anwälten in Verbindung gesetzt und alles Notwendige veranlasst. Er hatte nicht den Nerv gehabt, sich so früh schon ein Hotelzimmer zu suchen . Die Presse würde noch früh genug heraus finden, wo er sich aufhielt und dann würden sie sich wie die Geier auf ihn stürzen. So hatte er also beschlossen, gleich in das Büro der Agentur zu fahren. Es war noch sehr früh, aber vielleicht war Jaqueline ja schon da.
Bei dem Gedanken an die Frau, die eine Tür weiter an ihrem Schreibtisch saß, stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht. Sie hatte ihm mit ihrer direkten und dennoch sensiblen Art in London imponiert und ihn neugierig gemacht. Er hatte gehofft, sie würde Verständnis aufbringen für den Zustand, in dem er sich befand, und sie hatte ihn nicht enttäuscht. "Vielleicht besitze ich ja doch noch ein bisschen Menschenkenntnis.", schoss es ihm durch den Kopf und dieser Gedanke hatte etwas tröstendes. Was hatte sie ihm vorhin gesagt: "Den Rest nehme ich, wie es kommt, und versuche das Beste daraus zu machen." Eine gute Einstellung fand er und beschloss es damit zu probieren. Instinktiv hoffte er, diese Frau da draußen würde ihm helfen, wieder zu sich zu finden und erstaunt stellte er fest, dass er sich darauf freute, einige Tage in ihrer Nähe und vielleicht sogar mit ihr zu verbringen.
Er hielt sein Gesicht ein letztes Mal in den Wasserstrahl und drehte die Dusche ab. Als er sich fertig angekleidet hatte und in den Spiegel schaute, sah ihm der Schauspieler entgegen und das Funkeln in seinen Augen war zurück gekehrt. "Ja", sagte er grinsend zu seinem Spiegelbild, "Wir werden das Beste daraus machen."
11.
Kapitel Verwirrung
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Maggie hatte sich knapp an die ausgebetene Stunde gehalten und war dann pünktlich in Jackies Büro gestürmt. Ihr Schützling allein mit einem geheimnisvollen männlichen Besucher - ihre Fantasie wollte mit ihr durchgehen und bevor das geschah, beschloss sie reinen Tisch zu machen. Umso erstaunter war sie, als sie Jaqueline allein und arbeitend an ihrem Schreibtisch vorfand. Abwartend sah ihr die Jüngere entgegen, als ihre Chefin schwungvoll das Büro betrat. Nur mühsam konnte Jaqueline sich das Lächeln verkneifen. Sie kannte mittlerweile die Neugier ihrer Mentorin und war ihr im Stillen dankbar dafür, dass sie sich immerhin so lange bezähmt hatte. Fragend blickte sich Maggie um, als Jackie sie schließlich anlächelte und mit einem Nicken in Richtung des Waschraumes wies.
"Guten Morgen, Maggie", sagte Jackie etwas lauter als nötig. Russell sollte wissen, dass sie nicht mehr allein waren. Maggie bekam große Augen. Was zum Kuckuck machte Jackies Besucher im Waschraum? Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, öffnete sich die besagte Tür. Als Russell den Raum betrat, hielt Jackie überrascht mit ihrer Arbeit inne. Da war sie wieder, diese überwältigende Präsenz, die mit einem Mal den Raum erfüllte. Er sah umwerfend aus. Lässig gekleidet, mit zurück gekämmten nassen Haaren und einem Strahlen in den Augen, dessen Intensität automatisch dazu führte, dass beide Frauen die Luft anhielten. Nachdem er seine Reisetasche wieder neben dem Koffer platziert hatte, steuerte er geradewegs auf Jackie zu, beugte sich zu ihr hinunter und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. "Danke", sagte er schlicht, "Die Dusche hat gut getan." Dann wandte er sich an Maggie "Und sie sind vermutlich die Chefin vom Ganzen. Freut mich sie kennen zulernen, Miss Ferguson." Rein automatisch ergriff Maggie die Hand, die sich ihr entgegenstreckte und erwiderte seinen Gruß. Wäre Jaqueline nicht selber völlig verdutzt gewesen, hätte sie wahrscheinlich schallend gelacht über den krampfhaften Versuch ihrer Chefin, die Kontrolle über ihre Gesichtszüge zu behalten. "Willkommen in Hamburg, Mister Crowe." Sie hatte sich gefangen. "Ich wusste nicht, dass sie heute schon kommen. Wir hatten erst nächste Woche mit ihnen gerechnet." Anklagend fiel ihr Blick auf die Frau am Schreibtisch. Hatte sie es gewusst, ohne ihr etwas zu sagen? "Ja, das ist richtig.", ließ sich Russels tiefe Stimme vernehmen, "Aber meine Termine haben sich verschoben und so habe ich beschlossen, Miss Melzer schon vorher auf zu suchen. So weit ich gehört habe, ist das Konzept fertig. Ich denke also, die Vorverlegung des Termins bereitet ihnen keine sonderlichen Schwierigkeiten." Es war mehr eine Feststellung als eine Frage und Maggie beeilte sich dann auch, ihm beizupflichten.
Jackie beobachtete verwundert diese Szene. Sie war mehr als erstaunt über Russells sichtbare Verwandlung und begann sich zu fragen, welches der beiden Gesichter, die sie mittlerweile an ihm gesehen hatte, denn nun das Echte war. "Zumindest weiß ich jetzt, warum sie ihn das Chamäleon nennen", dachte sie bei sich. Sie war derart versunken in ihre Betrachtung, dass sie gerade noch rechtzeitig mitbekam, wie Maggie ihm vorschlug, umgehend alles für die Konzeptpräsentation vorbereiten zu lassen. "Geben sie uns 30 Minuten und wir können beginnen." Beschwörend sah sie Jaqueline dabei an und atmete erleichtert aus, als diese zustimmend nickte. Russell hatte sich beim Kaffee bedient und wandte sich nun wieder Maggie zu. "Danke, Miss Ferguson, aber mir wäre es lieber, wenn wir die Präsentation auf morgen verschieben. Ich bin hauptsächlich gekommen, um Miss Melzer von meiner Ankunft zu informieren." Er lächelte Jackie so strahlend an, dass diese sich einen argwöhnischen Blick ihrer Chefin einfing. "Ehrlich gesagt", fuhr Russ unbeirrt fort, "hatte ich gehofft, heute vorab einen kleinen Blick auf das Konzept riskieren zu können und dann muss ich mich auch noch um eine Unterkunft bemühen. Morgen stehe ich ihnen für den offiziellen Teil aber gerne zur Verfügung." Er hatte es leicht dahin gesagt, aber etwas in seiner Stimme machte deutlich, dass er keiner Änderung seiner Pläne zustimmen würde. Auch Maggie hatte dies erkannt. Resigniert zuckte sie mit den Schultern. "Wie sie wünschen, Sir," erwiderte sie. "Dann werde ich sie jetzt Miss Melzers fähiger Obhut überlassen, Bitte sagen sie es uns, wenn sie noch etwas brauchen." Damit machte sie kehrt und verließ das Büro. Jaqueline sah ihr mit gemischten Gefühlen nach. "Das kann ja noch heiter werden", murmelte sie leise vor sich hin und wandte sich dann ihrem Gast zu.
* * * * * * *
Die Arbeit mit ihm gestaltete sich einfacher, als Jackie angenommen hatte. Er war einverstanden mit dem Konzept und brachte lediglich drei kleine Änderungswünsche ein. Bezugnehmend auf sein Gespräch mit Maggie, hatte Jaqueline ihm vorgeschlagen, über die Agentur ein Zimmer zu buchen. Sie empfahl ihm das Elysee, ein erstklassiges Haus am Rande der City. Es bot den Vorteil, dass es nicht zu den Adressen gehörte, die Gäste seines Ranges in der Hansestadt normalerweise bevorzugten. Aber wo niemand vermutet wird, sucht man auch nicht. Sein bisheriges Verhalten hatte darauf schließen lassen, dass er nicht sonderlich erpicht darauf war, seinen Aufenthaltsort früher als notwendig bekannt werden zu lassen. Auch diesmal behielt sie recht mit ihrer Vermutung und Russ willigte ein. Er verabschiedete sich recht früh an diesem Tag und Jackie gelang es doch noch, den Stapel auf ihrem Schreibtisch abzuarbeiten.
Auch die Präsentation am folgenden Tag verlief erfolgreich und ging ohne Verzögerung in die beginnende Erstellung über. Bis spät in die Nacht hatten sie mit Frank und Maggie zusammen gesessen und über die einzelnen Punkte diskutiert. Es ging zügig voran und Jackie fing an, Gefallen an den Gesprächen mit Russell zu finden. Sie hatte sämtlich Scheu verloren und genoss es, offen ihre Meinung zu sagen und ihre Ideen mit ihm zu besprechen. Darüber hinaus hatte sie sich nicht getäuscht. So verbindlich er sich auch ihren Kollegen gegenüber verhielt, der Umgang mit ihr war anders. - Da war etwas Vertrautes beinahe Intimes. Am Morgen seiner Ankunft war ein Faden zwischen ihnen geknüpft worden, der sich mit jeder Stunde, die sie gemeinsam verbrachten und jedem Gespräch stetig weiter zu einem soliden Band entwickelte. Den Kollegen und vor allem Maggie blieb dies nicht verborgen und schon waren die ersten Zoten im Umlauf, aber es störte Jaqueline nicht. Sie genoss dieses Gefühl der Nähe und hatte nicht vor, sich das irgendwie kaputt reden zu lassen. Aus ihrer Sicht war dies die größtmögliche Nähe, die sie je würde zu ihm aufbauen können und das wollte sie sich auf keinen Fall nehmen lassen. Sie ertappte sich dabei, sich auf ihn zu freuen und ungeduldig auf das Wiedersehen am nächsten Morgen zu warten. Hatten ihr genau diese Art von Gefühlen am Anfang Sorge und Angst bereitet, so ließ sie sie nun dennoch zu. Jaqueline kam nicht umhin, sich einzugestehen, dass sie auf dem besten Wege war, sich in Russell zu verlieben. Die Schmetterlinge in ihrem Bauch waren ein untrügliches Zeichen dafür. Sie zeigten ihr aber auch, dass sie noch lebte und zu solchen Gefühlen überhaupt noch fähig war. So bemühte sie sich nach Außen um Gelassenheit, während sie innerlich dieses Kribbeln auskostete. Ihre Beziehung war rein geschäftlich und auch der noch so vertraute Umgang miteinander konnte darüber nicht hinweg täuschen. Russell würde nie davon erfahren und Träume waren schließlich erlaubt. Was sie nicht sah, war das Offensichtliche.
Vor allem Maggie war es aufgefallen. Sie wusste nicht, was sich an jenem Montag Morgen in Jaquelines Büro zugetragen hatte, aber es war sonnenklar, dass sich hier etwas anbahnte. Die Blicke, die sich die beiden zuwarfen, sprachen Bände. Verstohlene Berührungen und eine Fixierung der Beiden aufeinander, die soweit ging, dass sie die übrigen anwesenden Personen völlig ausblendeten, trugen dazu bei, Maggie massiv zu beunruhigen. Sie hatte versucht Jackie darauf aufmerksam zu machen, aber die Jüngere hatte nur gelacht und fröhlich erwidert "Danke für deine Fürsorge, Maggie, aber ich denke, du siehst Gespenster. Wieso sollte eine Mann wie er sich für mich interessieren?" Natürlich konnte Maggie diese Frage nicht beantworten und so nahm sie ihrem Schützling zumindest das Versprechen ab, auf der Hut zu sein.
12.
Kapitel Abendspaziergang
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Am Donnerstag waren sie schließlich soweit. Die Gestaltung der Seiten lag fest, die Navigation war aufgebaut und nun musste der Inhalt eingefügt werden. Nachdem sie die letzten Inhalte grob skizziert und zur ersten Eingabe frei gegeben hatten, atmete Jaqueline erleichtert aus. Es war früher Nachmittag und das Gröbste war geschafft. Bis zur Korrektur würde sie den Kopf frei haben und sich wieder ein bisschen um sich selbst kümmern können. Lächelnd richtete sie sich an Russell "Kompliment! Ich hätte nicht gedacht, dass wir so schnell voran kommen würden. Aber sie wissen sehr genau, was sie wollen und das erleichtert uns die Arbeit. Nach dieser Rekordzeit haben wir uns fast ein langes Wochenende verdient." Herausfordernd grinste sie Maggie an, die jedoch nur schief zurück lächelte. Die Zusammenarbeit ihres Art Directors mit diesem Kunden begann ihr unheimlich zu werden und die Schnelligkeit, die Beide an den Tag legten, machte sie beinahe schwindelig.
Russ zündete sich eine Zigarette an und lachte zu Jackie hinüber "Ja", erwiderte er ihr, "Scheint als geben wir ein verflucht gutes Team ab. Aber wenn wir jetzt etwas Luft haben, kannst du ja endlich dein Versprechen einlösen und mir die Stadt zeigen. Wie wäre es, wenn wir heute Abend mit einem Essen beginnen? Ein Nein werde ich diesmal nicht wieder akzeptieren." Jaqueline verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee. Mist - das Versprechen hatte sie glatt vergessen. Unsicher schaute sie Maggie an. Die Ältere zuckte aber nur mit den Schultern. Sie hatte sie gewarnt, aber Jackie hatte nicht hören wollen. Alles was außerhalb der Agentur geschah, entzog sich überdies ihrem Einfluss, also würde Jackie da alleine durch müssen. An Russell gewandt sagte Maggie dann auch laut "Wenn Miss Melzer es ihnen zugesagt hat, wird sie sich auch daran halten. Einen zusätzlichen freien Tag hat sie sich alle Mal verdient." Sie schaute in ihren Terminkalender. "Die ersten Korrekturen werden am Dienstag vorliegen. Lassen Sie uns 10:00 Uhr für das nächste Meeting ansetzen." Sie hatte sich erhoben und steuerte auf den Ausgang zu. Kurz vor der Tür wandte sie sich noch mal um "Bis dahin wünsche ich ein schönes Wochenende." Weg war sie - und Jackie saß in der Falle. Diesmal kam sie nicht daran vorbei und sie spürte regelrecht, wie ihr die Nervosität die Beine hoch kroch.
Russell kam auf sie zu und blieb bedrohlich nahe vor ihr stehen. Der Blick aus seinen Augen hatte etwas zärtliches. "Schön", sagte er, "Vier Tage, um dich noch besser kennen zu lernen. Ich erwarte dich dann also heute Abend um 19:00 Uhr im Hotel." Sanft küsste er sie auf beide Wangen. "Ich freu' mich auf dich, also komm bitte nicht zu spät, okay?" Als er gegangen war, atmete Jackie tief aus. Sein Blick hatte ihr beinahe den Verstand geraubt. Fast hätte sie schwören können, mehr darin entdeckt zu haben als rein geschäftliches oder freundschaftliches Interesse. Einbildung - winkte sie innerlich ab und machte sich schleunigst auf den Weg nach Hause. Sie hatte nicht vor ihn warten zu lassen.
* * * * * * *
Prüfend stand Jaqueline vor dem Spiegel und betrachtete sich. Es war Sommer und der Tag war heiß gewesen. Noch immer stand die Hitze flirrend über den Straßen der Stadt. Sie war unschlüssig, was sie heute Abend tragen sollte und entschied sich schließlich für ein naturfarbenes Leinenkleid. Es betonte ihre Figur und bildete einen guten Kontrast zu ihrer leicht gebräunten Haut und den braunen kurzen Haaren. Auf jeden Fall wirkte es bei weitem weiblicher als ihre übliche Bürokleidung. Sie war sich nicht sicher, ob sie so los gehen wollte. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, dessen war sie sich bewusst, aber sie wollte auf keinen Fall einen falschen Eindruck bei Russell hinterlassen. "Verflixt", schimpfte sie mit sich selbst, "Du bist schließlich eine Frau. Also steh' auch dazu." Aufmunternd nickte sie ihrem Spiegelbild zu. "Na dann - genieße den Abend, altes Mädchen."
Russell wartete in der Hotelhalle auf sie. Sie mochte dieses Haus, in dessen Foyer es zuging, wie auf einem südländischen Marktplatz. Als er ihr entgegen kam, hielt sie unwillkürlich die Luft an. Er sah fantastisch aus. Die Jeans war diesmal im Schrank geblieben und er hatte einen schlichten Anzug gewählt, unter dem er ein am Kragen offenes Hemd trug. Der Drei-Tage-.Bart war noch da und die Haare hatte er zurück gekämmt, aber einige Strähnen stahlen sich immer wieder hervor. Sollte sie wirklich mit diesem Prachtexemplar der männlichen Gattung den Abend verbringen? Ein leichtes Schwindelgefühl stellte sich ein und Jaqueline holte tief Luft. Dann war er auch schon bei ihr. "Guten Abend, Jackie", sagte er leise und gab ihr einen kurzen Kuss auf die Wange. "Schön, dass du da bist. Ich hatte schon befürchtet, du würdest mir wieder einen Korb geben." Seine Augen blitzten, als er auf sie herab lächelte. "Ein zweites Mal hätte ich das bestimmt nicht gewagt.", gab sie grinsend zurück. "Also dann, Mister, vertrauen sie meiner Führung und ich zeige ihnen diese Stadt."
Sie nahmen ein Taxi bis zum Gänsemarkt, schlenderten von dort Richtung Jungfernstieg und aßen im Alsterpavillon zu Abend. Jaquelines Befürchtungen, sie könnten kein Gesprächsthema außerhalb der Geschäftsbeziehung finden, löste sich bereits nach wenigen Minuten in Luft auf. Sie sprachen über Architektur und Geschichte, fanden Unterschiede ihrer beiden Kulturen und philosophierten über Gott und die Welt Stundenlang hätte sie ihm zu hören können, nur um dem Klang seiner Stimme zu lauschen und sich an seiner lebendigen Erzählweise satt zu sehen. Sie amüsierten sich beide und lachten viel. Nach und nach vergaß Jackie seine Stellung, seine Vielschichtigkeit sprach ihren Intellekt an und sie genoss mehr und mehr das Zusammensein mit diesem faszinierenden Mann. Zwei Stunden später verließen sie den Pavillon. Sie zeigte ihm die Großen Bleichen und den Neuen Wall, um von dort auf den Rathausmarkt abzubiegen. Wie immer um diese Jahreszeit war es hier noch recht belebt. Straßenmusikanten hatten sich aufgestellt und spielten Lieder aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt. Sie bleiben bei einer ungarischen Gruppe stehen und hörten eine Weile zu. Als die Musiker begannen, einen Walzer zu spielen, nahm Russell sie unvermittelt in den Arm. "Kannst du eigentlich tanzen?", fragte er verschmitzt und ehe sich Jackie versah, bewegte sie sich im Walzerschritt über den Platz. So glücklich und frei hatte sie sich seit langem nicht mehr gefühlt und sie lachte Russ offen an. Aus einem Impuls heraus, schlang sie ihre Arme um seinen Hals und umarmte ihn herzlich. "Danke für den Tanz, Monsieur", sagte sie scherzhaft. "Es war mir ein Vergnügen, Madame" grinste er zurück. Seine Hände ruhten noch immer auf ihrer Taille. Kurz entschlossen hob er sie hoch und schwang sie einmal herum. Als er sie runter setzte, berührten seine Lippen flüchtig ihren Mund. Dann ließ er sie frei. Jaqueline wusste nicht, wie ihr geschah. Die kurze Berührung seiner Lippen hatten einen Blitz durch ihren Körper gejagt. Konnte es wirklich sein, dass sein Interesse doch weiter ging? Ihr Herz klopfte bis zum Hals. "Hör' auf zu grübeln", ließ sich ihre innere Stimme verlauten. "Egal, was kommt, nimm es einfach hin und koste es aus."
"Komm", lächelte sie ihn an und ergriff seine Hand. "Ich möchte dir noch ' was zeigen" Sanft und warm umschloss er ihre Finger. "Dann mal los", gab er zurück, "Ich bin gespannt, wohin du mich jetzt entführst." Sie gingen zurück zum Jungfernstieg und nahmen das Boot zur Außenalster bis zur Anlegestelle Lombardsbrücke. Hand in Hand überquerten sie die Brücke und gingen hinab in den Park. Vor ihnen lag das ganze Panorama der City. Die alten Fassaden der Häuser erstrahlten warm im Licht der Glühlampen und die Alsterfontäne schoss ihren erleuchteten Strahl hoch in den Himmel. Jackie ließ seine Hand los und lief die paar Schritte bis zum Ufergeländer. Übermütig lehnte sie sich etwas vor und rief triumphierend über die Schulter "Und? Was sagt du jetzt? Herrlich, oder?"
Russ war hinter sie getreten. Sie fühlte seinen Atem in ihrem Nacken und spürte, wie ihre kleinen Härchen dort sich aufstellten. "Wunderschön", sagte er leise, "aber bei weitem nicht so schön wie du." Er drehte sie zu sich um und sah ihr in die Augen. Jackie glaubte in diesem Blick zu ertrinken. Sie wusste, es wäre besser sich wegzudrehen und diese Situation zu beenden, bevor sie richtig begann, aber sie war unfähig sich zu bewegen. Seine Finger glitten zärtlich über ihr Gesicht und berührten ihre leicht geöffneten Lippen und dann - endlich - begann er sie zu küssen. Vorsichtig zuerst. Ganz sanft berührten sie sich, erkundeten die Lippen des anderen. Jackie spürte, wie ihr Körper auf ihn reagierte. Er bemerkte es ebenfalls. Sein Arm griff nach ihrer Taille und zog sie fester an sich. Sein Mund wurde dreister, begann ihren Hals, ihre Schultern zu erkunden und fand schließlich wieder ihre Lippen. Ihre Zungen trafen sich, liebkosten einander, während ihre Körper sich aneinander pressten und so die Lust, die in ihnen wuchs, weiter anstachelten. Jackie spürte die Schauer, die seine Berührung hervorriefen und fühlte, wie die Wärme ihres eigenen Begehrens sich in ihrer Mitte sammelte. Viel zu lange hatte sie auf diese Art von Berührung verzichten müssen. Sie wollte ihn und hatte nicht vor, über das Für und Wider nachzudenken.
Als er von ihr abließ, lehnte sie sich atemlos gegen seine breite Brust. Die Umarmung seine starken Arme umfing sie und sie ließ es geschehen. Minuten vergingen, in denen sie einfach nur die Nähe des Anderen genossen. "Du weißt, das ich dich will", sagte er schließlich tonlos, "aber..." Jackie hob den Kopf und sah ihn an. Die Lichter der City spiegelten sich in seinen Augen. Zärtlich blickte er auf sie nieder. "Aber", setzte sie seinen Satz fort, "Ich weiß auch, das du nicht bereit bist, irgendwelche Verpflichtungen einzugehen. Das musst du auch nicht. Wir sind beide erwachsen und jeder auf seine Weise allein. Also lass uns einfach etwas Spaß haben. Ist das okay?" Verdutzt sah er sie an und fing leise an zu lachen. "Verdammt, Honey", sagte er grinsend, "Das wäre eigentlich mein Text gewesen." Zärtlich zog er sie an sich. "Du bist eine erstaunliche Frau, Jaqueline, und etwas Besonderes." Er küsste ihre Nasenspitze, ergriff dann ihre Hand und zog sie mit sich Richtung Straße. "Komm", sagte er schlicht, "Lass uns hier verschwinden."