1

 

Ein lauschiger Sommerabend. Kerzenlichtdinner mit meinem aktuellen Favoriten.
Leise Musik im Hintergrund. Die Luft schwanger vom Duft des Jasmingestecks auf unserem Tisch. Er legt seine Hand auf meine. Wir schauen uns tief in die Augen...
Der Wecker klingelt, reißt mich mitten aus diesem Traum.
Ich stöhne auf, werfe einen Blick auf die Digitalanzeige. Kurz nach 6 Uhr morgens.
Ich robbe ans Fußende meines Bettes, strecke meine Füße ins Kalte und hangele nach meinen Latschen. Mit noch halb verklebten Augen schlafwandele ich ins Wohnzimmer.
Das Fenster ist offen. Ich friere, sehe sehnsüchtig zum Bett.
Wärme. Geborgenheit. Träume von Sean Bean. Hhmm...
Meine beste Freundin macht sich immer über meine Sprunghaftigkeit lustig. Diese Woche ist es Bean, die Woche davor war es Sutherland, die Woche davor Bloom, die Woche davor Boyd und nächste Woche wird es vielleicht mal wieder meine alte, müßig vor sich hinflackernde Flamme Csokas sein.
Ich halte inne. Hatte es da nicht mal jemand anderen gegeben? Ich kratze mich am Kopf.
Mir will partout der Name nicht einfallen. Doch kann ich sein Bild deutlich vor meinen geistigen Innern sehen. Dunkelblondes Haar, blau-grüne Augen, gut genährter Körper, leicht watschelnder Gang... Australier... Lange Zeit Quelle meiner Inspiration.
Ich schrieb nicht für ihn, doch manchmal über ihn. Im Grunde genommen war es das Schreiben allgemein. Mir hatte lange Jahre etwas gefehlt. Dann kam er. Seit zwei Jahren ist er wieder von meinem Interessehorizont verschwunden, aber das Schreiben ist geblieben.
Ich schulde ihm Dank, denke ich. Spätestens wenn ich meinen ersten Roman veröffentliche, werde ich ihn im Index erwähnen. Wenn ich mich bis dahin an den Name erinnert habe.... Kleiner Scherz. Ich will euch hier nur ärgern. Klar weiß ich, von wem ich rede. Ihr auch???

Auf dem Weg ins Bad werfe ich alles von mir, was mich hemmt und host und klettere in die Dusche, drehe das Wasser auf. Ich gähne, lasse mir dennoch die gute Stimmung nicht verderben. Ich plane ein Überraschungsattentat. Hab mir dafür heute und Montag extra frei genommen. Verabredet war, dass ich morgen – sprich Samstag –
bei meiner Freundin eintrudele, um mit ihr und den anderen üblichen Verdächtigen am Sonntag ihren Geburtstag zu feiern. Da wir uns 500 Kilometer räumlich voneinander getrennt befinden und so nur telefonisch Kontakt halten können, möchte ich einfach ein bisschen Zeit mit ihr allein verbringen. Darum überfalle ich sie schon heute und hoffe, dass ich mit einem blauen Auge davonkomme, ist mir doch hinreichend bekannt, wie sehr sie so was "liebt".
Ich will mit ihr reden, den Vorfall von vor ein paar Monaten betreffend. Ich will wissen, ob es ihr wirklich gut geht. Mal ehrlich, wie kann man erwarten, aus so einer Geschichte heil wieder rauszukommen? Sich auf jemanden anderen einzulassen ist immer ein Wagnis.
Vor allem, wenn man weiß, dass die Zeit begrenzt ist. Meine Freunde bedeuten mir was.
Ich trage Sorge für sie. Punkt und Schluss.
Zuerst wollte ich es nicht glauben. Allerdings hatte ich den fotogenen Beweis der Bild-Zeitung. Und Dingen, die Schwarz auf Weiß (oder in diesem Falle BUNT) vor einem liegen, "sollte" man eigentlich glauben. Normalerweise lese ich keinen Presse-Schund, aber mein Arbeitskollege schon. Da ich Langeweile hatte, nahm ich sie mir in der Mittagspause zu Brust und verschluckte mich prompt an meinem Mettwurst-Käse-Brötchen, als ich auf einem der Fotos meine Freundin erkannte und in ihrem Schlepptau jemanden, der überall nur nicht bei ihr sein sollte. Keine Beleidigung, nur das logische Zusammensetzen von ein paar Tatsachen. Die wahren Hintergründe plus Entwirrung der Identität des besagten Herrn erfuhr ich ein paar Wochen später.
Ich weiß, dass es kein Hirngespinst war. Bei uns gab es ja schließlich auch Probleme mit den "Master & Commander" Filmen. Nur gut, dass es als technischer Fehler durchgegangen ist.
Ich bin nicht eifersüchtig. Hhmm… wäre es Maturin gewesen… Lassen wir das.
Zehn Minuten später und wacher als wach rubbele ich mich trocken, krame in der Wäscheschublade nach meiner Lingerie. Ich überlege fieberhaft, was ich alles in meinen Rucksack stopfen muss und stopfe es tatsächlich ohne groß zu überlegen in ungeordneter Reihenfolge hinein. Ganz oben drauf natürlich das Geschenk.
Oder eher seitlich rückwärts, ist es doch ein wenig sperrig.

 

2

Die Fahrt kommt mir heute unendlich lang vor. Ich bin diesen Weg schon oft rauf und runter gereist, weiß genau, dass es nicht mehr als vier Stunden sein können, aber dennoch habe ich das Gefühl, dass ich schon seit Jesus’ Geburt in diesem Wagon sitze, ohne meinem Ziel wirklich näher gekommen zu sein. Aber so ist es ja meist. Wenn man etwas will, kriegt man es nie dann, wann man es will und vor allem nicht so pronto, wie man es will.
Ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe, schließe die Augen, denke über das nach, was sie mir erzählt hat. Ich weiß, dass sie mich nicht angelogen hat.
Dazu hat sich keinen Grund. Und die Fotos sind authentisch. Da mein Vater Fotograf ist, habe ich genetisch den Vorteil, ein Fake zu erkennen. Meistens jedenfalls. Ich habe das immer für kompletten Humbug gehalten. "Purple Rose of Kairo" ist ein unterhaltsamer Film, mehr aber auch nicht. Jetzt muss ich mir eingestehen, dass da doch mehr dran ist.
Wer weiß, woher Woody Allen seine Inspiration genommen hat. Wenn es wirklich möglich ist, nein, eher, da es möglich ist, warum ist dann bei mir ist noch kein 5000 Jahre alter, schwertschwingender Unsterblicher aufgetaucht? Egal wie oft ich die Kassetten durch meinen Videorecorder georgelt habe, nichts ist passiert. *schmoll* Dagegen hätte ich rein gar nichts einzuwenden. Aber vielleicht ist es bei jedem Medium anders. Leinwand. Fernseher.
Wir sind hier schließlich nicht bei Star Trek. Oder ich habe bis jetzt einfach nur Schwein gehabt. Ich tippe mir dreimal an den Kopf. Auf Holz klopfen soll ja bekanntlich Glück bringen. Der Imbisswagen rattert an mir vorbei. Ob ich einen Wunsch hätte? Ja, klar.
Aber den kann mir der Mann vor mir sicher nicht erfüllen. Also nehme ich nur einen normalen Kaffee, ringe nach Atem, als ich den Preis erfahre, krame in meiner Börse, bezahle und genehmige mir erst mal einen kräftigen Schluck.
Ich stöpsle mir die Kopfhörer in die Ohren, drücke gelangweilt auf den Kanälen des zuginternen Radioprogramms herum. Country. Oper. Plötzlich die Stimme von Thomas Fritsch. Bin auf dem Fernsehkanal gelandet. Drei Worte weiter und ich weiß den Film. Gladiator. Ich muss lachen, ernte ein paar fragende Blicke des Mitreisenden zu meiner Linken. Ich zucke die Schultern, er vertieft sich wieder in seine Frankfurter Allgemeine.
»You knew Marcus Aurelius?« murmle ich bei der besagten Szene vor mich hin, blocke die Synchro aus. Ich kann die Originaldialoge noch immer aus dem Effeff.
Hab ja auch diese Fassung oft genug gesehen. Da gibt es zwar Fehler im Script, aber wenigstens muss man sich keinen Pfusch der Übersetzer antun. Ich grinse und bin froh, dass es nicht "Master & Commander" ist. Da hat die Textregie sauschlechte Arbeit geleistet. Mal ehrlich: Hat von euch einer den Joke mit dem Käfern – die eigentlich aussehen wie Maden – verstanden? Dass es ein Wortspiel ist – Weevil – evil – wurde mir erst klar, nachdem ich das Original gesehen hatte. Jetzt fangen mir  die Übersetzter  doch an ein wenig leid zu tun.

Aber nur ein ganz klein wenig....

Es regnet, als ich aus dem Zug steige. Ich achte nicht darauf, sprinte den Bahnsteig entlang, um den Anschlusszug zu kriegen. Der bringt mich zwar nicht genau an mein gewünschtes Ziel, aber doch ziemlich nah dran. Wenn ich den Rest des Weges mit dem Taxi hinter mich bringe, könnte ich – ich sehe auf die Uhr – so gegen 12 Uhr mittags bei ihr sein.
Ich hoffe, sie hat gekocht. Mir knurrt der Magen. Außer einem belegten Ei-Brötchen und einer Tasse grässlichen Kaffees habe ich nämlich nichts in den besagten bekommen.
Ich lasse mich in den flauschigen Sitz fallen und wackle mit den nackten Zehen. Trotz Petrus’ Sturzbächen ist es warm draußen. Und hier drin auch. Die Klimaanlage funktioniert nicht.
Ich erinnere mich an eine ähnliche Fahrt vor 3 Jahren. Da saß ich schweißgetränkt in einem ICE und wartete darauf, endlich in Hildesheim einzutrudeln.
An diesem Tag war alles schiefgelaufen. Unser Abflug in Dallas hatte Verspätung…
Oh ja, Dallas, die Stadt der Ewings. Eine von vielen unserer Odyssee durch Texas.
Austin, Dallas, Houston, Galveston, San Antonio, Corpus Christi… Ich hatte nie daran gedacht, mal in die USA zu reisen. Aber ein guter Grund machte es mir schmackhaft.
Und dieser Grund hieß  TOFOG.
Ich schüttele den Kopf, als die Bilder vor meinem geistigen Auge dahinziehen.
Vollkommen gaga. Bin froh, dass mich die Erde seit zwei Jahren wieder in mehr oder minder seelischer Stabilität zurückhat. Doch waren diese Eskapaden nötig für meinen Entwicklungsprozess. So wie eine Raupe sich verpuppt.
Jaja, ich höre schon auf, mit diesem Psychogebrabbel.
Immer wieder gleitet mein Blick auf die an einem Deckenplan ausgeschilderten Stationen.
Ich zähle sie mit. Ungefähr 30 Minuten später bin ich endlich da. Ich schultere meinen Rucksack und trete in die schwüle Vormittagshitze. Der Regen hat aufgehört.
Der Boden dampft. Kein Taxi in Sicht.
Ich ziehe mir erst einmal eine Zigarette aus der Packung und rauche genüsslich, während ich über den Beton marschiere. Am Stationshäuschen hängt ein Plan. Dort ist zum Glück eine Taxenzentrale angegeben. Schnell das Handy aus der Tasche gefischt und angerufen.
Dann heißt es warten.
10 Minuten verstreichen, dann rollt ein beigefarbener Mercedes heran. Der Mann lehnt sich aus dem Fenster, fragt mich, ob ich das Taxi bestellt hätte. Ich sehe mich um. Außer mir ist keiner am Bahnhof. Wer glaubt er sonst, hat ihn gerufen? Harvey?
Ich stelle den Rucksack auf den Rücksitz, steige ein. Die Lederpolster sind furchtbar.
Ihr kennt dieses Gefühl sicher auch. Überall, wo ein bisschen nackte Haut hervorlugt, klebt man sofort fest. Und wenn man sich davon löst, gibt es ein schmatzendes Geräusch. Argh!
Der Fahrer ist ein gutgelaunter Türke. Er schwatzt munter drauf los, fragt mich, was ich vorhabe, wo ich herkomme. Blablabla. Ich bin kein verschlossener Mensch, habe aber dennoch Hemmungen, mit jemandem, den ich nicht kenne, über private Dinge zu reden.
Ich antworte sporadisch. Irgendwann merkt er, dass ich mich nicht unterhalten will und hält die Klappe.
Ich bin erleichtert, als er in den Weg mit den Ein- und Zweifamilienhäuschen einbiegt.
Beim zweiten auf der rechten Seite hält er an. Der Twingo ist da. Also ist sie zuhause.
Ich grinse, bezahle und steige aus.
Als ich durch den Carport nach hinten gehe, vernehme ich schon auf halbem Weg lautes Brüllen aus dem Wohnzimmer. Ein  männlicher Bariton und ein nicht minder energischer weiblicher Alt.
»You’re damn crazy! How could you dare?« Poltern auf dem Boden. »Stop doing that!«
Ich bleibe abrupt stehen, lausche. »Try  and  understand me!« kommt es beschwörend.
Neugierig geworden gehe ich weiter, bis ich die Terrasse erreicht habe und durch die Tür ins Innere sehen kann. Sie ist einen Spalt offen, deshalb kann ich alles so deutlich hören. Ich habe das unbändige Gefühl, meine Brille abnehmen und putzen zu wollen, denn ich traue meinen Augen nicht. Das Geburtstagskind in Spe steht mit vor der Brust verschränkten Armen neben ihrer Couch, macht den Eindruck, als würde sie gleich explodieren.
Ihr gegenüber...
Mir rutscht der Rucksack von der Schulter, knallt polternd auf die Fliesen.
Zwei Köpfe fahren zu mir herum, während ich linkisch die Arme hebe und winke.
Ich muss selten dämlich ausgesehen haben, denn das nächste, was folgt, ist ein Lachanfall meiner Freundin.

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