Kapitel 16 Ausflug
Kapitel 17 Barbecue
Kapitel 18 In Concert

 

16. Kapitel            Ausflug             

Sie lotste ihn raus aus der Stadt, Richtung Elmshorn. Russell hatte sich schnell mit dem Motorrad zurecht gefunden und fuhr sehr sicher. Jackie genoss es ausgiebig, sich einfach an seinen breiten Rücken zu lehnen und den warmen Fahrtwind durch das offene Visier zu spüren. Nach ca. einer Stunde hatten sie ihr erstes Ziel erreicht und Jackie lotste ihn zu einem Haus vor dem schon mehrere Maschinen standen. Sie hatte ihm schon erzählt, dass sie sich mit einigen anderen Bikern treffen würden, um dann weiter zu fahren. Die Clique wollte hoch an die Nordsee, wenn möglich auf eine der Inseln, und dann dort das Wochenende verbringen.

Russell sah der Begegnung mit ihren Freunden gemischt entgegen. Einerseits war er neugierig auf die Leute, mit denen sie sich umgab. Andererseits wollte er nicht unbedingt erkannt werden. Er genoss es viel zu sehr, einige Tage ohne die üblichen Bodyguards um sich herum und vor allem ohne Paparazzi auf den Fersen zu verbringen. Gerade nach der letzten Woche war dies in Wohltat. Jackie hatte versucht, seine Bedenken zu zerstreuen.  „Es sind Biker unter sich und sie sind okay. Die meisten von ihnen sind schon in den Staaten gewesen oder arbeiten zum Teil auch im Ausland. Du wirst also auch mit der Sprache keine Probleme haben. Sollten sie tatsächlich mitkriegen, wer du bist, wird Mark schon dafür sorgen, dass sie es für sich behalten. Außerdem können wir jederzeit abhauen, wenn wir keinen Bock mehr haben.“ Belustigt hatte er festgestellt, dass mit der Kleidung auch ihre Ausdrucksweise freier geworden war. 

Es gab ein ziemliches Hallo bei ihrer Ankunft. Jackie schien beliebt zu sein in der Truppe und kannte die meisten von ihnen seit Jahren. Von allen Seiten wurde sie gedrückt und geküsst. Besonders ein Typ nahm sie herzlich in den Arm und schien sie gar nicht mehr los lassen zu wollen. Russell wollte die Begrüßung abwarten und sich erst dann zu ihr gesellen. Hier war er der Gast und bis er sich ein Bild gemacht hatte, würde er sich etwas im Hintergrund halten. Amüsiert hatte er die Begrüßungsszenen beobachtet, die letzte Umarmung aber störte ihn und seine Augen verengten sich leicht. Überrascht stellte Russell fest, dass es ihm einen Stich versetzte, Jackie mit diesem Mann zu sehen. Es gefiel ihm ganz und gar nicht, aber er unterdrückte den Impuls, zu ihr hinüber zu gehen und seinen Anspruch auf sie geltend zu machen. Dies hier waren ihre Freunde. Sie würden ihr bleiben, wenn er gehen musste. Er wäre dumm, es sich mit ihnen zu verscherzen. Russ atmete tief durch. Eigentlich lag es nicht in seiner Natur, in diesen Dingen nur nach dem Verstand zu handeln, aber da hatte Jackie sich endlich aus der Umarmung des Typen gelöst und winkte zu ihm hinüber.

Er schwang sich von der Maschine und steuerte auf sie zu. Sie stand jetzt vor dem anderen Mann und unterhielt sich angeregt mit ihm auf Deutsch. Er war ein ziemlicher Klotz, ungefähr so groß wie Russell, aber ein paar Jahre älter. Russ kam näher und trat hinter Jackie. Seine Hände fassten ihre Taille und er beugte sich vor, um ihr einen kurzen Kuss auf die Wange zu geben. So ganz konnte er es doch nicht auf sich sitzen lassen. Zufrieden registrierte er, dass Jackie sich automatisch an ihn lehnte. Dann blickte er sein Gegenüber geradewegs an. Der Typ hatte ein sympathisches Gesicht und zwei lebendige Augen musterten ihn neugierig über den Vollbart hinweg. „Mark, ich möchte dir Russell vorstellen.“ Jackie hatte ins Englische gewechselt und Mark schaute sie verdutzt an. „Russ ist Australier und für einige Zeit hier in Deutschland. Wir haben uns vor einigen Wochen kennen gelernt und sind seit kurzem zusammen.“ Mark schaute von Russell zu ihr und wieder zurück, um den anderen einen Augenblick lang stumm zu betrachten. Dann streckte er ihm die Hand entgegen. „Hallo Russ“, sagte er mit einer ebenfalls sehr angenehmen und tiefen Stimme, „willkommen bei unserer Truppe. Ich denke, wir werden viel Spaß miteinander haben.“ Russ schlug in den dargebotenen Handschlag ein. „Danke“, sagte er schlicht, „Ich werde mich überraschen lassen.“ Mark grinste jetzt übers ganze Gesicht und wandte sich dem Haus zu. „Kommt rein Kinder. Wir müssen noch auf zwei Nachzügler warten und bis dahin können wir uns schon mal beschnuppern.“ Auffordernd versetzte er Russ einen Klaps auf die Schulter, der ihm lächelnd mit Jackie folgte, ihre Hand fest in seiner geborgen.

 * * * * * * * 

Jaqueline war ein wenig nervös gewesen, wie die Gruppe es aufnehmen würde, dass sie auf einmal wieder mit Partner auftauchte. Aber ihre Zweifel zerstreuten sich schon nach kurzer Zeit. Mark hatte Russell den übrigen Leuten vorgestellt und als sie mit bekamen, dass er kein Deutsch sprach, wechselten die meisten von ihnen wirklich ins Englische über. Schon nach wenigen Minuten hatten die Männer eine Diskussion über die Vor- und Nachteile von Cruiser - Maschinen begonnen und Mark hatte Russ in die Garage geführt, um ihn sein Prunkstück zu zeigen, eine Harley E-Glide. Das Eis war gebrochen. Der eine freute sich, ein Thema gefunden zu haben, über das er ohne Verfänglichkeiten sprechen konnte und der andere war begeistert festzustellen, dass Jackies neuer Freund anscheinend eine ganze Menge von Motorrädern verstand. Sie lächelte in sich hinein, überließ die Männer ihren Fachsimpeleien und gesellte sich zu den übrigen Frauen.

Neugierig schauten sie ihr entgegen, sagten aber nichts. Melanie, die Jüngste im Bunde, war die erste, die es schließlich nicht mehr aushielt. „Jackie, wie machst du das? Wo findest du nur immer solche Prachtexemplare?“ fragte sie atemlos. Die Angesprochene lachte herzlich auf. „Ach, weißt du, Melle“, antwortete sie fröhlich, „ich habe keine Ahnung. Sagen wir mal, ich bin ihm zufällig über den Weg gelaufen und mehr wirst zu dem Thema von mir auch nicht erfahren.“ Jackie hatte die begehrlichen Blicke der Jüngeren gesehen, als sie Russell musterte, während Mark ihn vorgestellt hatte. Er hatte die ganze Zeit über Jackies Hand gehalten und damit klar gestellt, wer zu wem gehörte. Insgeheim musste sie sich gestehen, dass es sie ein bisschen mit Stolz erfüllte, für eine kurze Zeit, die Frau an seiner Seite zu sein. Der Neid der Jüngeren schmeichelte ihrem Ego. „Er scheint dir gut zu bekommen und es freut mich ehrlich für dich.“, schaltete sich Lisa, Marks Frau, ein, „Aber Australien ist höllisch weit weg. Bist du sicher, dass du mit einer Beziehung auf Zeit klar kommst?“ Lisa und Jackie waren gleich alt und mochten sich sehr gern. Es war nur natürlich, dass sie sich Sorgen um die Freundin machte. Jackie sah sie an. „Ich weiß, was du meinst.“ sie nickte Lisa zu. „Wir wissen beide noch nicht, was daraus wird, aber ich für meinen Teil möchte nicht eine Sekunde missen. Alles weitere wird sich zeigen.“ Lisa schien mit dieser Antwort zufrieden zu sein. „Gut“, erwiderte sie, „Pass nur auf, dass er dir dein Herz nicht vollends stiehlt.“ „Das hat er schon getan“, dachte Jackie, aber sie sagte nichts.

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Vier Stunden später trudelten endlich die beiden Nachzügler ein. Mittlerweile war es später Nachmittag und laut Verkehrsfunk waren die Autobahnen ziemlich voll. Nach einer kurzen Beratung beschlossen daher alle, für heute mit einer kurzen Rundfahrt vorlieb zu nehmen und anschließend bei Mark zu grillen. Morgen früh wollten sie sich dann zeitig zur Küste aufmachen. Die Sonne schien warm und die Natur stand in voller Pracht. Es waren tolle Bilder, die sich Ihnen boten, als sie über die Landstraßen von Holstein fuhren. Völlig selbstverständlich hatte Russ den vorletzten Platz in der Kolonne eingenommen und hielt sich seitlich vor Mark. Dieser war zunächst skeptisch gewesen. Nur die Besten fahren hinten. Misstrauisch hatte er ihn auf den ersten Kilometern beobachtet, musste dann aber einsehen, dass sein Misstrauen unbegründet war. Dieser Australier schien mit der Maschine verwachsen zu sein. Man sah es ihm einfach an, dass er schon etliche Kilometer auf diese Weise hinter sich gebracht hatte. Zum wiederholten Male fragte sich Mark, wen Jackie ihnen da mitgebracht hatte. Ihm waren Russells Ausstrahlung und die begehrlichen Blicke, die die ledigen Frauen der Gruppe ihm zuwarfen, nicht verborgen geblieben und er war neugierig, welches Geheimnis diesen Fremden umgab. Weder Jackie noch Russell hatten irgendetwas näheres über die Umstände ihres Kennenlernens verlauten lassen. Innerlich zuckte er jedoch mit der Schulter. Vielleicht würden sie im Laufe des Abends ja noch mehr erfahren.

Jaqueline genoss die Fahrt und sie spürte, wie auch Russell sich zusehends entspannte. Eng hatte sie sich an seinen Rücken geschmiegt und er lehnte sich leicht zurück, um den Kontakt noch zu verstärken. Sie waren zusammen und nur das zählte. Jackie versuchte, jede Sekunde auszukosten und sie in ihrem Herzen zu verschließen. Wer konnte schon sagen, ob sie jemals wieder die Gelegenheit haben würde, einfach hinter ihm auf einer Maschine zu sitzen und seine Nähe zu fühlen, während die Landschaft ihrer Heimat an ihnen vorbei zog? Die Tour dauerte fast zwei Stunden, bis sie wieder vor Marks Haus eintrafen. Jackie blickte Russell an, als er den Helm absetzte. Seine Augen leuchteten und ein strahlendes Lächeln beherrschte sein Gesicht. Sie lachte ihn an, unendlich froh zu sehen, dass die Therapie gewirkt hatte. Die Fahrt hatte ihm wirklich gut getan und sein Gleichgewicht wieder hergestellt. Grinsend zog er sie vor sich auf den Tank und küsste sie kurz aber so heftig, dass Jackie nach Luft schnappen musste, als er sie los ließ. "Danke" sagte er zärtlich. Irgendwie schien diese Frau immer zu wissen, was er gerade brauchte. Für ihn eine völlig neue Erfahrung, aber er merkte, dass er anfing, sich daran zu gewöhnen und es zu genießen. "Gern geschehen", hatte sie ihm schlicht erwidert und sich auf den Weg in die Küche gemacht, um den anderen Frauen bei den Vorbereitungen für das Essen zu helfen.

 

17. Kapitel            Barbecue           

Russ stellte die Maschine ab und folgte den anderen in den Garten. Mark hatte gerade den Grill aufgebaut und begann ihn anzufachen. Als er Russ sah, winkte er ihn zu sich rüber und hielt ihm lächelnd ein Bier entgegen. Russ zögerte. "Greif schon zu", forderte Mark ihn auf. "Du musst heute nicht mehr fahren. Unten im Keller ist ein großes Gästebett und da kannst du es dir heute nacht mit deinem Mädchen gemütlich machen.", fügte er gutmütig hinzu. Russ lachte. Mark wurde ihm immer sympathischer. Er konnte verstehen, warum Jackie ihn mochte, und beschloss sein Misstrauen für eine Weile zu begraben. "Na, bei dem Angebot kann ich kaum widerstehen. Auf deine Gastfreundschaft, Kumpel!" Sie prosteten sich zu und bemühten sich dann mit vereinten Kräften den Grill anzuwerfen. Als schließlich die Holzkohle langsam anfing vor sich hin zu brennen, grinste Mark ihn von der Seite an  "Jetzt lernst du also mal ein deutsches Barbecue kennen. Ihr Australier seid ja berühmt für eure Grillspezialitäten." Er reichte Russ eine neue Flasche und fügte dann beiläufig hinzu "Wann musst du eigentlich wieder zurück?". Russ schaute auf. Er hatte damit gerechnet, dass Mark diese Frage irgendwann stellen würde. Dieser Mann war Jackies Freund und es war sein Recht, sich Sorgen um sie zu machen. Irgendwie beruhigte ihn die Gewissheit, dass es jemanden gab, der auf sie aufpassen würde, wenn er nicht mehr da war. Er war fast dankbar dafür. "Ich weiß es nicht, mate", offen sah er Mark an. "Aber du brauchst nicht um den heißen Brei zu schleichen. Sag mir einfach, was du wissen willst." Mark stutzte. Er hatte wirklich vor gehabt, ein paar Dinge über diesen Typen zu erfahren. Mit dessen Direktheit hatte er jedoch nicht gerechnet. Anerkennend nickte er. Schien als hätte Jackie mal wieder gut gewählt.  "Gut", hob er an, "reden wir also Klartext. Die Kleine hat in den letzten Jahren 'ne Menge durchgemacht und wir sind alle heilfroh, dass sie so langsam wieder auf die Beine gekommen ist. Du scheinst ihr gut zutun und es macht Spaß euch beide zusammen zu sehen, aber, versteh mich bitte nicht falsch, sie ist keine Frau für halbe Sachen und Australien ist auf der anderen Seite der Erde. Da fliegt man nicht mal eben für ein Wochenende hin. Alles, was ich daher wissen möchte, ist, ob du es ernst mit ihr meinst. Sollte das nicht der Fall sein, wäre es besser, du verziehst dich ganz schnell." Nachdenklich sah Russ ihn an. "Dir liegt sehr viel an Jackie. Stimmt's?" Es war mehr eine Feststellung. "Ja", erwiderte Mark, "Aber das beantwortet nicht meine Frage." Herausfordernd blickte er Russell an. Er war gespannt, ob dieser Kerl wirklich so direkt war, wie er tat. Russ überlegte eine Moment und nickte dann. "Okay - du bist ihr Freund und machst dir Sorgen um sie, also sollst du wissen, woran du bist.  Ja - es ist mir verdammt ernst mit ihr. Sie ist eine tolle Frau und je länger ich mit ihr zusammen bin, umso bewusster wird mir das. Aber ich hänge im Augenblick in einer ziemlich miesen Situation und muss erst einige Dinge wieder einrenken, bevor ich für uns beide eine praktikable Lösung suchen kann. Jackie weiß das und hat es akzeptiert. Reicht Dir das als Aussage?" "Du bist doch hoffentlich nicht in irgendwelche krummen Dinger verwickelt?" Mark schaute ihn derart misstrauisch an, dass Russ automatisch lachen musste, obwohl ihm danach nicht zumute war. "Nein nicht wirklich", sagte er lächelnd und wurde dann wieder ernst. Er dachte kurz nach, wie er es Mark plausibel machen konnte, ohne sich zu verraten. "Fakt ist, dass von mir erwartet wird, für etwas gerade zu stehen, was ich nicht getan habe", abwehrend hob er die Hand, "Bevor du mir aber jetzt an die Gurgel gehst - es sind schon sämtliche Gegenmaßnahmen in die Wege geleitet worden. Die Chancen stehen mehr als gut für mich, heil aus der Sache heraus zu kommen. Der Punkt ist nur, dass die Sache von öffentlichem Interesse ist und es, da ich zuhause nicht ganz unbekannt bin, auch dementsprechend viel Wirbel gibt. Ich möchte Jackie das gerne ersparen und sie da so gut es geht raus halten. Danach können wir weiter sehen." Er wusste, er hatte hemmungslos untertrieben, aber immerhin entsprach das am ehesten den Tatsachen. Es würde Mark reichen müssen. Sein Gegenüber sah ihn abschätzend an und nickte schließlich. "Hört sich an, als wüsstest du, was du tust. Und solltest du mal eine Auszeit brauchen, weißt du ja jetzt auch, wo du hin kannst. Solange du auf die Kleine aufpasst, bist du hier immer willkommen." Das Angebot verblüffte Russ, aber er meinte es ernst, als er Mark zu prostete. "Danke, mate ! Gut zu wissen."

* * * * * * 

Das Essen schmeckte himmlisch und wie eine wilde Meute machten sich alle mit großem Appetit über das zarte Fleisch und die leckeren Salate her. Die Stimmung war ausgelassen. Alle freuten sich auf die morgige Fahrt und so wurde schon jetzt ausgiebig über die besten Fahrtstrecken diskutiert. Abwechselnd gesellten sich immer wieder einige Leute zu Russ und Jackie, um alte Geschichten und Begebenheiten aus vergangenen Touren aufzuwärmen und den Neuling so mit einzubeziehen. Sie lachten viel und Jackie stellte zufrieden fest, dass Russ sich zunehmend wohler fühlte. Als Mark ihn schließlich aufforderte, etwas über seinen Kontinent zu erzählen, war er nicht mehr zu halten. Bald lauschte die ganze Gruppe seinen Erzählungen, nur unterbrochen von kurzen Übersetzungspausen, und Jaqueline bemerkte erstaunt, wie sie an seinen Lippen hingen und ihn fasziniert beobachteten. Sie lächelte in sich hinein, als sie ihn von der Seite betrachtete. Seine Augen leuchteten, ein Lächeln beherrschte sein Gesicht und seine großen, starken Hände untermalten ausdrucksvoll das Gesagte. Er hatte ihre Freunde in seinen Bann gezogen mit seiner kraftvollen Ausstrahlung, seiner Präsenz und dieser enormen Vitalität, die an ihm haftete. Er entführte sie an das andere Ende der Welt und ließ dieses geheimnisvolle Land Australien vor ihren Augen entstehen. Bilder schienen vor ihnen lebendig zu werden und zeigten diesen einzigartigen Kontinent Zehntausende von Kilometern entfernt in dem Licht eines Mannes, der seine Heimat liebte und dazu stand. Als er mit seiner Erzählung endete, herrschte für einen kleinen Moment absolute Stille. Russ hatte sie mit seinem Vortrag so beeindruckt, dass einige sich mit Gewalt von seinen Lippen reißen mussten. Mark räusperte sich schließlich als erster. "Du bist nicht zufällig Schriftsteller?  Wenn nicht, solltest du dich dringend darin versuchen, Mann. Ich wette, du könntest ein Vermögen damit verdienen." Russ kicherte in sich hinein. "Nein, mate! Schriftsteller bin ich nicht, aber vielleicht versuche ich es eines Tages tatsächlich mal." Er griff zu seinem Bier und nahm einen kräftigen Schluck. Das Erzählen hatte ihn durstig gemacht. "Und womit verdienst du deine Brötchen zur Zeit?" Jackie hielt die Luft an und Russ verschluckte sich beinahe an seinem Bier. Melle grinste ihn provozierend an und fügte unschuldig hinzu, "Es würde mich wirklich mal interessieren, was einen Australier nach Deutschland verschlägt." Alle Augen hatten sich Russ jetzt zu gewendet und warteten gespannt auf die Antwort. Jackie biss sich auf die Lippen und schüttelte unmerklich den Kopf. Sie fühlte, wie sein Griff um ihre Taille fester geworden war und er seine Muskeln angespannt hatte. "Bitte gib uns noch etwas mehr Zeit!" schickte sie in Gedanken ein Stoßgebet in den Himmel. "Ich habe mehrere Jobs" , hörte sie seine tiefe Stimme sagen, "Aber im Grunde meines Herzens bin ich Farmer. Zusammen mit meiner Familie betreibe ich eine kleine Ranch etwas nördlich von Sydney. Wir züchten dort Rinder und Pferde." Er bedachte Melle mit einem schiefen Lächeln. "Und was mich nach Deutschland führt, dürfte offensichtlich sein." Ehe Jackie sich versah, hatte er sie in seinen Arm gezogen und sie leidenschaftlich geküsst. Grinsend ließ er sie wieder frei und seine Augen funkelten gefährlich, als er sich abermals an Melle wandte. "Ist deine Frage damit beantwortet?" Melle schluckte mehrmals und nickte, während Mark lachend sein Glas hob und Russ zu prostete. "Na, dann - auf das junge Glück." 

Jaqueline war noch immer schwindelig von dem Kuss und brauchte etwas, um sich zu fassen- Dankbar stellte sie fest, dass die  Aufmerksamkeit für sie und Russ nachgelassen hatte. Erleichtert lehnte sie sich an ihn und genoss es, seine Wärme und Nähe in ihrem Rücken zu spüren. Sie drückte seine Hand und  dankte innerlich für die Erhörung des Stossgebetes. Für eine Sekunde hatte sie gedacht, die unbeschwerte Zeit wäre zu Ende. Russ aber hatte es verstanden, sich aus der Affäre zu ziehen, ohne zu lügen oder jemandem zu nahe zu treten. Insgeheim bewunderte sie ihn für seine Sensibilität, sich auf Menschen einzustellen. Dieser Mann hatte es ohne fremde Hilfe ganz nach oben geschafft. Je mehr Zeit sie mit ihm verbrachte, desto klarer wurde ihr warum. Sie wusste, dass er nicht immer so feinfühlig reagierte, gerade wenn man ihm Fragen stellte zu Dingen, die seiner Definition nach die Außenwelt nichts angingen. Im Stillen war sie froh, dass Melle so gut dabei weg gekommen war und Russ auf ihre Provokation nicht reagiert hatte. Besonders nach den Ereignissen der letzten Wochen war das keine Selbstverständlichkeit. Langsam entspannte sie sich und lauschte den Gesprächen. Es schien, als hätte die Gruppe sich wirklich mit seiner Erklärung zufrieden gegeben und somit Jaqueline und Russell noch etwas länger ein wenig Frieden und die Illusion einer 'normalen Beziehung' gegönnt. Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken und merkte wie er sein Gesicht an ihrem Hals und in ihren Haaren vergrub. Der Griff um ihre Mitte war noch immer fest. "Ich wünschte, diese unsägliche Sache wäre bereits ausgestanden.", raunte er leise in ihr Ohr. "Dann müsste ich dich nicht zurück lassen und könnte dich gleich mitnehmen." Überrascht drehte sie sich zu ihm um und sah ihm lange in die Augen. Wie gerne würde sie in diesem Blick ertrinken. "Lass uns über das Morgen nachdenken, wenn es soweit ist", sagte sie fast unhörbar. Er wollte etwas erwidern, aber Jackie legte nur zärtlich ihre Finger auf seine Lippen, um sie diesmal ihrerseits mit einem sanften Kuss zu verschließen.

 

18. Kapitel            In Concert               

"Ich störe ja nur ungern", hörte sie Mark plötzlich sagen, "aber wie wäre es, wenn ihr den zweiten Teil auf später verschiebt und du mir statt dessen erst mal ein wenig Gesellschaft leistest? So kommen wir alle auch mal zu unserem Recht." Verdutzt schaute Jackie auf und schüttelte gleich darauf energisch den Kopf. "Oh nein, mein Lieber", sagte sie entschieden, "Auf mich wirst du heute verzichten müssen." Leicht entsetzt realisierte sie, dass Mark seine Gitarre  heraus geholt hatte und ihr nun ein zweites Instrument entgegen hielt. Sie hatte nicht vor, sich bis auf die Knochen vor Russell zu blamieren. Für den Rest mochten ihre musikalischen Fähigkeiten ja ausreichen, aber auf einen professionellen Musiker wie ihn würden sie wohl doch eher lächerlich wirken. Er schien das anders zu sehen und hatte Mark die Gitarre abgenommen, bevor diese dem Älteren aus der Hand zu rutschen drohte. Interessiert sah er Jackie an. Kleine Funken schienen in seinen Augen zu leuchten, als er sie fragte "Sag jetzt nicht, du spielst auch noch Gitarre?" Kleinlaut nickte Jackie. Die Aufforderungsrufe der Gruppe ließen ihr keine Wahl. Sie nahm Russel das Instrument ab und suchte sich ergeben einen Platz bei Mark. Ein wenig verzweifelt blickte sie Russ noch mal an "Versprich mir bloß, nicht zu lachen, okay?" Er nickte und sie begann zu spielen. Zögernd zuerst, dann langsam sicherer werdend, konzentrierte sie sich auf Mark. Sie spielten häufiger zusammen und die Harmonie ihrer Stimmen verblüffte Jackie jedes Mal wieder aufs Neue. Es dauerte nicht lange und sie fühlte, wie die Musik begann, sie zu tragen. Ein Dialog entspann sich zwischen ihr und Mark und die Freude der Beiden an ihrer Musik übertrug sich automatisch auf ihr Publikum. Sie spielten die alten Lieder. Country & Western, Folk und ab und zu einen Blues oder einen Gospel. Die Übung machte sich bezahlt und ihr Zusammenspiel klappte hervorragend. Jackie vergaß den Rest ihrer Unsicherheit und überließ sich einfach dem Spiel und dem Gesang. Sie hatte Russ absichtlich halb ihren Rücken zugewendet, aber nach dem sie nun atemlos mit 'Whiskey in the jar' geendet hatten, suchte sie seinen Blick. Beinahe hätte sie nun lachen müssen, konnte sich aber im letzten Moment noch zusammen reißen.

Völlig entgeistert sah er sie an. Er hatte in sich hinein gelächelt, als sie zu spielen begann, sich gefragt, ob seine empfindlichen Ohren wohl arg in Mitleidenschaft gezogen werden würden. Was er dann zu hören bekam, hatte ihn wirklich verblüfft. Sie hatte eine angenehme tiefe Stimme und beherrschte mühelos 2 1/2 Oktaven. Ein leichtes Timbre in den Gospels und dem Blues war ebenso vorhanden, wie eine glockenklare Stimme bei dem irischen Folk. Mark und Jackie harmonierten perfekt und es war ein echter Genuss ihnen zu lauschen. Mit jedem Lied steigerte sie sich ein klein wenig mehr, so dass ihm beim letzten Stück fast die Luft weg blieb. Hatte sie ihn ernsthaft aufgefordert gehabt, nicht zu lachen? Es schien ihm unverständlich, dass sie tatsächlich nicht wissen konnte, wie gut sie war. Er war schon vielen Sängerinnen begegnet, die mit weitaus weniger Stimme Karriere gemacht hatten. Und mit dieser Frau hier war er seit gestern zusammen. War es wirklich erst gestern? Es kam ihm vor, als würde er sie schon viel länger kennen. Insgeheim fragte er sich, wie viele Überraschungen sie wohl noch für ihn bereit hielt. Mehr und mehr wuchs in ihm die Hoffnung, dieses Mal vielleicht die Richtige getroffen zu haben. Es gab so vieles, was sie teilen konnten und doch stand noch so viel zwischen ihnen. Ein Entschluss reifte in ihm und nahm langsam aber stetig Gestalt an. Es musste einen Weg geben. Er würde eine Lösung für sie beide finden und in seinen Augen begann sich die ganze Zärtlichkeit zu spiegeln, die er für sie empfand.

Jackie sah es und hielt die Luft an. Erstaunt folgte ihm ihr Blick, als er sich nun erhob und schweigend auf Mark zu ging. Fragend streckte er die Hand nach der Gitarre aus und sagte schlicht "Darf ich?" Mark stutzte einen Moment und übergab ihm aber dann das Instrument. "Ich schätze, du würdest nicht fragen, wenn du nicht wüsstest, wie man damit umgeht." Wie zur Antwort glitten Russells Finger auch schon prüfend in einigen Läufen über die Saiten. Mark nickte und nahm neben Lisa Platz. "Ich schätze", meinte er leise zu seiner Frau, "was wir jetzt zu hören bekommen, werden wir so schnell nicht vergessen."

Jackie blickte Russ fragend an. "Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich es wagen würde, mit dir zu spielen?" "Doch das glaube ich, weil ich dich darum bitte", gab er prompt zurück. "Spiel einfach so, wie du es immer tust. Ich finde mich schon rein." Aufmunternd rief Mark ihr zu "Na komm, Jackie, Zier dich nicht so" und der Rest der Truppe bedachte diese Äußerung mit Beifall. Achselzuckend ergab sich Jackie abermals. "Okay", meinte sie an Russell gewandt, "aber sag mir wenigstens, was wir spielen wollen." Er wählte 'Carpenter' und sie begann. Es wurde warm in ihrem Innern, als Russ mit seiner tiefen vollen Stimme mit einfiel und am liebsten hätte sie sofort aufgehört, nur um ihm zu zuhören. Er hielt sie jedoch mit seinem Blick gefangen und so spielte sie weiter. Ihre Stimmen harmonierten ebenso perfekt miteinander, wie vorher mit Mark, vielleicht noch einen Tick besser. Er untermalte ihr Spiel mit Solosequenzen und kleinen Einlagen und es schien, als hätten sie schon ewig zusammen gespielt. Ihr Zuhörer hielten den Atem an und Marks Augen ruhten bewundern auf den breiten Schultern seines Gastes. "Ich fresse einen Besen mit anhängendem Stiel, wenn der Kerl nur ein einfacher Rancher ist", raunte er seiner Frau zu. Lisa nickte lächelnd bevor sie ebenso leise zurück gab "Ich denke, er ist noch für einige Überraschungen gut."

Sie spielten noch eine ganze Weile, bis Jackie schließlich ihre Finger nicht mehr spürte und Russ das Feld überließ. Eigentlich wollte er auch aufhören, aber durch das allgemeine Bitten ließ er sich überreden. Die Musik war schon immer seine Zuflucht gewesen und auf allgemeinen Wunsch spielte er dann doch noch 'Waltzing Matilda'. Er genoss das Spiel so sehr, dass er beschloss, es darauf ankommen zu lassen. Jackie sah abrupt auf, als 'High-Horse-Honey' erklang. Verzaubert lauschte sie ihm und hoffte gleichzeitig inständig, dass keiner der Anwesenden jemals etwas von TOFOG gehört hatte. Es folgten zwei weitere seiner eigenen Lieder. Dann gab er die Gitarre lächelnd an Mark zurück, der aufstand und sich theatralisch vor Russ verbeugte. "Danke für den Genuss", grinste der Ältere ihn an. "Du scheinst viele verborgene Talente zu haben. Wenn das mit der Schriftstellerei nicht klappt, kannst du es auf jeden Fall als Musiker versuchen." Russ stutzte und begann dann laut zu lachen. "Guter Tipp, mate", antwortete er glucksend, "Aber glaube mir, den Versuch habe ich schon hinter mir. Es macht zwar sehr viel Spaß und möchte die Musik nicht missen, aber die Hoffnung, davon leben zu können, habe ich schon vor langer Zeit aufgegeben." Herzlich schlug  er Mark auf die Schulter. "Wie sieht's aus? Bekommt ein armer Sänger noch ein Bier von dir?" Natürlich bekam er. Es war spät geworden und während Russ sein letztes Bier austrank, lichtete sich die Runde. Sein Blick traf Jackie. Sie kam lächelnd auf ihn zu und seine Augen glitten genüsslich über ihren Körper. Bald würde er endlich für ein paar Stunden mit ihr alleine sein und er hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie er diese Zeit mit ihr verbringen wollte.

  

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