Rom IV
Berane
Juba konnte mir nicht sagen wo er war. Er
wusste es nicht.
Als ich wieder gehen wollte, kam Maximus.
Der ertappte Ausdruck auf seinem Gesicht wich sofort einem Lächeln.
„Wo warst du? Ich habe beim Feuer gewartet.“ Er sah mich verwundert an, dann
erinnerte er sich, wurde verlegen. Er hob entschuldigend die Hände.
„Berane, verzeih. Wie konnte ich nur vergessen....“
„Wo warst du?“ fragte ich arglos. Sein Ausdruck bekam etwas Abwehrendes.
Er nahm mich am Arm, zog mich aus der Zelle.
Ich blieb stehen, blickte ihn verwirrt an. „Was ist? Ich werfe dir nichts
vor, ich habe dich nur etwas gefragt.“ Er rieb sich die Stirn.
„Berane, vertraust du mir?“ wollte er unvermittelt wissen.
Ich nickte. Er hielt meine Arme fest, sah mich beschwörend an.
„Dann erwarte keine Antwort. Ich werde nicht darüber sprechen. Es tut mir
leid, dass ich dich habe warten lassen.“
Seine Stimme duldete keinen Einwand. Die Saat des Misstrauens war gesät.
Einige Tage danach kam Callista auf mich
zu, als ich nach dem Training den Ludus verließ. Erst redete sie ein wenig
um den heißen Brei, bis sie schließlich auf den Punkt kam.
„Dein Spanier wird alle paar Tage nachts abgeholt und kehrt erst Stunden
später zurück. Ich dachte, du solltest es wissen.“ rückte sie schließlich
heraus.
Ich wusste, dass sie Maximus nicht schlecht machen wollte.
Es ging ihr um mich. Sie selbst war aufs bitterste betrogen worden, wollte
mir etwas derartiges ersparen.
“Eine Römerin namens Flavia hat ihn mehrmals besucht, in seiner
Zelle. Seither verschwindet er nachts immer wieder.“ Sie beobachtete meine
Reaktion. Ich dankte ihr und versicherte, ich wüsste davon.
„Wie hast du das erfahren?“ fragte ich beiläufig.
„Einer der Wächter erzählte es mir gestern. Ich habe ihn ein wenig
ausgehorcht, er hat eine Schwäche für mich. Er hatte Dienst, als sie kam und
einmal hat er gesehen, wie der Spanier nachts in den Ludus ging und von
einem Mann durch das Tor hinausgelassen wurde. Er stieg in eine bewachte
Sänfte, kehrte auf gleichem Wege zurück.“ Ich nickte, als wäre mir all das
bekannt, dankte ihr.
„Wohin geht er? Zu dieser Flavia? Geht es um Geld? Wie kannst du das
ertragen, Berane?“ wollte sie befremdet wissen.
„Es ist alles ganz anders, als es aussehen mag.“ beschwichtigte ich sie.
Sie sah mich zweifelnd an. „Bist du sicher?“ meinte sie misstrauisch.
Ich nickte, versuchte überzeugend zu wirken. Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Ich war auch einmal so gutgläubig. Sei wachsam, ich werde dich alles wissen
lassen, was ich erfahre. Ich habe nichts gegen ihn , aber ich will nicht
dass es dir ergeht wie mir.“ Damit trennten wir uns wieder.
Ich wollte seiner Bitte folgen und ihm vertrauen.
Ich glaubte nicht daran, dass er sich von Römerinnen kaufen lassen könnte.
Dass er mir nichts darüber erzählen wollte, beunruhigte mich weit mehr als
Callistas Verdacht. Es gab nur einen Grund, dass er mir nichts sagen wollte:
Ich könnte dadurch in Gefahr geraten oder es könnte mich beunruhigen, dass
er sich in Gefahr begab. Nur eine Sache schien dafür in Frage zu kommen.
Es hatte etwas mit seinem früheren Leben zu tun.
Aber was für eine Rolle spielte Flavia? Wer war sie? Eine alte Bekannte?
Ich verspürte keinerlei Eifersucht. Es war absurd daran zu glauben, er würde
sich mit einer anderen vergnügen, wenn wir mindestens jede zweite Nacht
einige Stunden gemeinsam verbrachten. Stunden, die erfüllt waren von
Zärtlichkeit, Vertrautheit, Lust und Hingabe. Manchmal redeten wir nur und
hielten uns im Arm. Manchmal redeten wir kaum, stillten nur unser Verlangen
nacheinander. Maximus war kein Mann, der darin den Antrieb für sich fand.
Er konnte es genießen und sich danach sehnen, aber er würde sich nicht davon
manipulieren lassen. Es musste etwas anderes sein.
Oija hatte mich gebeten, das Feuerritual mit
ihr zu vollziehen. Wir taten es hin und wieder gemeinsam. Sie hatte sich
sehr verändert. Sie begann ihre Gefühle wieder zuzulassen. Es war sehr
schwer für sie. Sie erzählte mir Dinge aus ihrer Kindheit, die mich zum
Weinen brachten. Es war sehr spät als wir uns verabschiedeten. Oijas Worte
ließen mich gedankenversunken durch die Gänge zu unserer Zelle gehen. Sie
war noch geblieben, wollte die Flammen auf sich wirken lassen, bis sie
erloschen waren.
Ich bemerkte flüchtig einen Mann, der vor einer Tür zu wachen schien.
Diese Zellen standen leer, was hatte dieser Fremde hier verloren?
Er war klein und schmal wie ein Halbwüchsiger, wandte sich ab, als er mich
kommen sah, als wolle er vermieden erkannt zu werden. Ich ging rasch an ihm
vorbei, als habe ich ihn nicht bemerkt. Wenige Schritte nach der nächsten
Biegung hörte ich, wie eine Tür sich öffnete. Gedämpfte Stimmen.
Eine Frau. Und Maximus Stimme. Ich blieb stehen, wie vom Donner gerührt.
Angestrengt lauschte ich. Da ich wenig verstand, schlich ich zurück bis an
die Stelle, wo die Gänge sich kreuzten und ich mich noch verbergen konnte.
Die Stimmen wurden deutlicher. Ich spähte um die Ecke.
Maximus stand vor der Tür, ihm gegenüber eine Frau. Sie war schwarzhaarig,
groß und schmal. Ihre Kleidung , soweit ich es erkennen konnte, war kostbar.
Ein großer Karneol blitzte im spärlichen Licht am Ring an ihrer rechten
Hand. Flavia.
Er redete beschwörend auf sie ein. Ich verstand ein paar Fetzen des
Gesprächs.
„... werde nicht wieder den Befehl übernehmen... dein Bruder... kennst meine
Bedingungen...“ Sie schien nicht zufrieden, hielt eindringlich seine Arme
fest. Sie schienen sich gut zu kennen. „... wer sonst als du... früher oder
später wirst du einsehen.... Bedingungen erfüllen.... vertrau mir...“ kam es
von ihr.
Dann umarmten sie sich, sie küsste ihn auf die Wange, sah ihm noch einmal
kurz in die Augen, dann wandte sie sich ab, eilte mit ihrem Begleiter davon.
Wenig später ging Maximus an mir vorbei. Ich war in eine Nische
zurückgewichen.
Er war Tags darauf wie immer, aber ich spürte seine innere Anspannung, wenn
wir zusammen waren.
Auriane und ich hatten zwei Auftritte in
diesen Tagen, ich selbst hatte fast täglich einen meiner kurzen Auftritte
mit Freya, die das Publikum sehr mochte, da meine Tigerin sehr komisch sein
konnte. Manchmal warf sie sich einfach vor mich in den Sand, wälzte sich wie
eine verspielte Katze, anstatt furchteinflößend und majestätisch zu wirken.
Sie war ein Possenreißer, schien es zu mögen, wenn das Publikum über sie
lachte. Dann hob sie den mächtigen Kopf zu den Rängen und grollte dem Mob
ein befriedigtes Raunzen zu, was ihn noch mehr erheiterte.
Ihre
Kunststücke vollführte sie meist brav und wenn sie mir nachhetzte, sich mit
mir im Sand wälzte, stockte ihnen zum Glück noch immer der Atem.
Mir war bewusst, dass sie zu einer der Schlächtereien mit wilden Tieren
benutzt worden wäre. Unser Auftritt bewahrte sie davor.
Maximus
Berane
respektierte meinen Wunsch, aber ich wusste, dass sie früher oder später
dahinter kommen würde. Zu oft traf ich mich mit ‚Flavia’. Zu oft war ich bei
Pompeianus. Mir war der Fehler unterlaufen, ein Treffen mit ihr nicht
einzuhalten. Die Planung des Attentats hatte mich so sehr in Anspruch
genommen, dass ich es einfach vergessen hatte. Das versäumt hatte, was hier
das doch das Wichtigste und Schönste war für mich, außer der Freundschaft
Jubas. Vielleicht verdiene ich ihre Liebe nicht.
Unser Wiedersehen ist solch ein Geschenk. Ein Teil von mir war tot, so wie
in Zucchabar. Sie hat mich wieder zum Leben erweckt, in dieser Nacht, als
sie mich in den Baderaum geführt hat. Sie hatte es geplant, die Schwarze
namens Oija empfing uns, hatte Vorbereitungen getroffen.
In Germanien hatte Selene zwischen uns gestanden, in Zucchabar waren es die
Erinnerungen Beranes an Missbrauch und Gewalt gewesen.
Ausgerechnet an diesem Ort fanden wir die Vertrautheit wieder, die damals
zwischen uns entstanden war. Sie war nicht mehr die anfangs scheue Geliebte
wie in Germanien. Sie begegnete mir , wie ich es mir immer von einer Frau
ersehnt hatte. Mit einem Verlangen, dass meines übertrifft und ihrer
Sanftheit, die der Begierde das Animalische nimmt.
Manchmal frage ich mich warum ich es tue. Es wird mir höchst wahrscheinlich
den Tod bringen und vielleicht auch allen Beteiligten. Darum wollte ich
Berane völlig im Ungewissen lassen. Aber ich fürchte, es ist bereits zu
spät.
Sie hat Verdacht geschöpft. Sie weiß zuviel über mich, um arglos zu sein.
Bisher habe ich nicht gewagt Auriane auf Valens anzusprechen.
Die Zeit drängt, ich darf nicht länger zögern.
Es soll gegen Ende der Festspiele geschehen.
Das ganze ist eigentlich ein Wahnsinn.
Man will einen Kampf auslosen, bei dem der Sieger das Rudis bekommt, um das
Volk bei Laune zu halten. Das Murren und die Kritik wegen der Seuchen in den
Armenvierteln und der Verschwendungssucht des Kaisers, seinen
Ausschweifungen, die Valens unterstützt werden immer lauter.
Pompeianus weiß, wo er ansetzen muss.
Ich soll ‚ausgelost’ werden, soll der Sieger sein. Wie ich das anstelle, ist
mein Teil der Aufgabe.
Einer meiner Leidensgefährten wird sterben dafür.
Oder wir werden es vortäuschen.
Wenn der Kaiser die Arena betritt, um mir das Symbol der Freiheit zu
überreichen, werde ich ihn töten. Da ich die Waffen niederlegen muss, werde
ich es mit einem Dolch tun, der in meinem Unterarmschutz verborgen sein
wird.
Die Prätorianer werden nicht eingreifen.
Lucilla steht in Übereinkunft mit dem Führer der Garde.
Nach Commodus Tod wird der Senat die Regierung übernehmen.
Lucilla will, dass ich den Oberbefehl über die Truppen und die Prätorianer
erhalte. Ich habe es abgelehnt. Sie akzeptiert es nicht.
Es steckt mehr dahinter als nur Politik.
Sie will mich an ihrer Seite.
Auriane
Ich kann mich nicht länger herausreden. Valens besteht auf
meiner Anwesenheit. Es ist soweit. Er will der Demütigung durch den Spanier
die Krone aufsetzen. Ich wusste immer, dass dies kommen würde.
Er will das, was ich bisher jedem Mann verweigert habe.
Mein Entschluss war bereits gefasst, bevor der Spanier mich in seine Pläne
einweihte. Jetzt sieht es so aus, als ob ich mir damit vielleicht sogar die
Freiheit verdienen könnte.
Wenn ich ihn nicht inzwischen gut genug kennen würde, hätte ich ihm keinen
Glauben geschenkt. Berane weiß anscheinend von nichts, so behauptet er.
Ich kann mir das nicht ganz vorstellen.
Der Spanier kennt einflussreiche Leute, die alles vertuschen werden, es wie
einen Überfall aussehen lassen wollen.
Nicht nur Valens soll beseitigt werden. Er ist der, der die Fäden zieht,
deshalb muss er zuerst verschwinden.
Ich habe vor über einem Jahr, in meinen ersten Wochen hier Gerüchte gehört,
dass der alte Kaiser nicht natürlich gestorben sei.
Einer seiner Generäle in Germanien wurde zur gleichen Zeit wegen Verrats
hingerichtet, hieß es. Dann kam Commodus im Triumphzug zurück nach Rom,
wurde gekrönt und begann sofort seine Leidenschaft für die Arena
auszuleben.
Eine germanische Heilerin findet zu etwa derselben Zeit in derselben
Gegend, wo Marc Aurel die letzte Schlacht geschlagen hat, einen der
Hinrichtung entgangenen schwerverletzten Offizier. Er fällt nach seiner
Rückkehr in die Heimat in die Hände von Sklavenhändlern und wird in den
Provinzen zum Gladiator wie viele Kriegsgefangene und Verschleppte.
Das Mosaik fügt sich mehr und mehr zusammen.
Maximus
Auriane hat
eingewilligt. Sie muss Valens sehr hassen. Ich weiß nicht, was er ihr
angetan hat. Sie ist die Einzige, die nahe genug an ihn herankommt.
Claudius wird sie sofort danach zurückbringen lassen und es wie einen
Raubüberfall aus persönlicher Rache aussehen lassen. Valens hat genug
Feinde.
Man wird es glauben.
Die Dinge kommen ins Rollen. In wenigen Tagen soll Amazonia ihren Gönner auf
seinen Befehl aufsuchen. Gebe ihr Gott Donar ihr Mut und Kraft.
Von ihr hängt alles weitere ab. |
Commodus
Ab und zu wünsche ich mir, ich hätte einen
Mann wie Meridius an meiner Seite statt Crassus.
Meridius war loyal bis zur Dummheit.
Das hat ihn das Leben gekostet. Ein exzellenter Offizier.
Allerdings hätte er mir sicher das Leben in andrer Hinsicht schwer gemacht.
Er war so.....so....rechtschaffen, es machte ihn berechenbar.
Im Feldlager
in Vindobona habe ich nicht damit gerechnet, dass er wirklich diesen Weg
gehen würde. Ich hatte es aber einkalkuliert. Er wurde verhaftet bevor er
sich unter den Schutz der Senatoren stellen konnte.
Crassus hingegen ist loyal soweit es im nutzt.
Wir wissen, was wir voneinander zu halten haben.
Es ist ein Spiel, ein gefährliches Spiel, das er treibt.
Er will das Oberkommando und die Prätorianer. Der Senat würde mich
zerfetzen. Es kommt nicht in Frage. Ich muss ihn hinhalten.
Lucilla hat vollkommen recht. Ich traue ihm nicht. Aber seine Einfälle sind
so kreativ, so unerschöpflich. Die beiden Germaninnen gegen einen
Neuankömmling kämpfen zu lassen, war einfach genial. Amazonia wird durch die
Gönnerschaft von Crassus ohnehin zu eingebildet. Es war Zeit ihr ein wenig
die Flügel zu stutzen, meinte er. Und den beiden Frauen in seiner Villa
zuzusehen, war ein Genuss der besonders delikaten Art.
Lucilla intrigiert. Ich weiß sehr gut, dass
sie mit Pompeianus paktiert.
Crassus hält mich auf dem Laufenden. Sie hat neuerdings einen Liebhaber
unter den Gladiatoren. Es ist der, der Amazonia besiegt hat. Der Spanier.
Schlägt sie doch noch Mutter nach? Ich habe es aufgegeben gegen ihre Mauer
aus Ablehnung anzurennen. Sie wird sehen, was sie davon hat.
Crassus hatte eine blendende Idee. Es ist lange keinem Kämpfer mehr die
Freiheit geschenkt worden. Das römische Volk wird aufgewiegelt vom Senat,
ich muss es auf meine Seite ziehen.
Ich werde ihnen meine Großzügigkeit beweisen, sie werden mich wieder lieben.
Brot und Wein wird kostenlos verteilt werden, wenn ich bei den Spielen
anwesend bin. Ich komme meist am späten Nachmittag, wenn die Besten
auftreten.
Und Lucilla werde ich dafür bestrafen, dass
sie mich so leiden lässt.
Es wird einen Kampf geben auf Leben und Tod. Mit von mir bestimmten Gegnern.
Der Sieger erhält das Rudis und die Freiheit. Crassus will Amazonia dafür.
Sie scheint ihn verärgert zu haben.
Oder er ist ihrer überdrüssig. Ich sehe sie auch gern kämpfen, sie kann es
mit jedem aufnehmen. Und deshalb wird es nicht sie sein, sondern die andre,
die gegen meiner Schwester Bettgefährten antreten wird.
Sie ist entbehrlich, auch wenn ihr Auftritt mit dem Tiger mal etwas neues
war.
Auf den ersten Blick ist diese Paarung unsinnig. Sie ist ihm nicht
gewachsen.
Lucilla suchte ihn spät nachts mehrmals
auf in den letzten Wochen. Was aber noch interessanter ist, sie scheint ihm
nicht zu genügen, mein armes Schwesterlein, trotz ihrer Schönheit und
Eleganz. Der Spanier hat wohl eher einen bodenständigen Geschmack. Oder er
genießt das Feine im Wechsel mit dem Deftigen. Mein Spion war immer
zuverlässig. Er behauptet, dass der ‚Spanier’ und Achillia sich oft nachts
treffen, was Lucilla sicher sehr missfallen dürfte.
Sie wird einsehen, dass ich ihr damit einen Gefallen tue.
Crassus war sehr angetan von der Idee diese beiden gegeneinander antreten zu
lassen. Und er hatte eine grandiosen Einfall. Nur die Frau bekommt das
Rudis, sollte sie ihn besiegen. Für den Spanier ist es keine besondere
Leistung, sie zu töten.
Was wird geschehen? Wird er sich für seine andre Geliebte opfern und
Lucilla eine zweifache Demütigung erleben oder wird er die Frau töten, was
seine andre Metze sicher abstoßend finden wird? Sie wird verlieren, so oder
so.
Wenn der ‚Spanier’ nicht nur den Ehrenhaften spielt, sondern sich danach
verhält, wird er sich opfern. Achillia wird das Rudis bekommen und das Volk
wird jubeln, dass ich einem ihrer Lieblinge die Freiheit schenke. Oder sie
wird über sich hinauswachsen und ihn aus eigener Kraft bezwingen.
Ich werde gewinnen, so oder so.
Ich kann es kaum erwarten. Welch ein Schauspiel das werden wird...
Der Kampf ist in einer Woche angesetzt. Acon hat Anweisung es erst am Morgen
des selben Tages bekannt zu geben.
Auriane
„Das musst du falsch
verstanden haben, Acon. Er soll sicher gegen mich antreten. Das macht
keinen Sinn.“ Ich starrte ihn entsetzt an.
Der Oberaufseher schüttelte den Kopf. „Ich
habe genauso reagiert wie du, Auriane. Ich weiß nicht wessen krankem Geist
das entsprungen ist, aber ich habe einen Verdacht.“ Er sah mir direkt in die
Augen. Ich wusste worauf er ansprach.
Valens hatte hier seine Spitzel, wie überall. Er musste erfahren haben, dass
Achillia und der Spanier mehr als Freunde waren.
Eine Welle der Übelkeit überrollte mich.
Berane und Maximus. Er wird sich töten lassen, um ihr die Freiheit zu
ermöglichen. Sie wird sich töten lassen, um seinen Plänen nicht im Weg zu
stehen und ihn zu retten.
Wieviel wusste Valens? Kannte er die Identität des Spaniers?
Wusste er von dem Komplott gegen den Kaiser? Vielleicht sah er darin eine
Chance für sich, Commodus völlig in seine Hand zu bekommen?
Nicht unmöglich.
Ein widerliches Spiel mit den Gefühlen von Menschen.
Der Reiz für diese beiden verkommenen Perversen lag sicher darin zu
beobachten, wer den anderen opfern würde zu seinem Vorteil. Ob Achillia über
sich hinauswachsen wird, wenn ihr die Freiheit winkt und sie ihn dafür
tötet.
Mir drehte sich der Kopf, je länger ich darüber nachdachte.
„Wann?“ fragte ich Acon. Er sah
beschämt zu Boden. Acon war selbst Sklave und Gladiator gewesen. Er wusste
wovon er sprach.
„In sechs Tagen. Sie sollten es erst Stunden davor erfahren. Auriane, du
kennst mich gut genug inzwischen. Ich kann mich nicht widersetzen, aber ich
kann wenigstens dafür sorgen, dass Achillia sich darauf vorbereiten kann und
der Spanier ebenfalls. Ich erwarte, dass niemand sonst es erfährt.“
Er drückte mir mitfühlend die Schulter, ließ mich allein.
Ich war allein im Ludus, es war schon spät.
Ich setzte mich in den warmen Sand, legte die Hände über mein Gesicht und
weinte das erste Mal nach meines Vaters und Sunias Tod..
Drei Tage später hatte ich den beiden noch
nichts gesagt. Ich konnte es nicht.
Der Überfall auf Valens sollte am selben Abend sein. Er wird mich abholen
lassen, wie immer. Der Freund des Spaniers wird Männer schicken, um mir
freies Feld zu schaffen für meine Flucht. Der Rest ist meine Sache.
Valens wird heute Nacht sterben. Oder ich.
Also musste ich es dem Spanier sagen, bevor ich ging.
Berane weiß nichts von meinem Auftrag.
Ich fand sie bei Freya. Sie fütterte sie. Der Spanier war bei ihr.
„Kommt bitte in unsere Zelle. Ich muss euch etwas mitteilen.“ bat ich.
Berane
Es ist noch schlimmer
als ich befürchtet habe.
Endlich haben die beiden mir reinen Wein eingeschenkt.
Auriane ist an der Verschwörung beteiligt.
Was sie uns dann mitteilte, war so furchtbar, dass ich es einen Tag
später noch immer nicht fassen kann.
Einer von uns wird bald sterben. In wenigen Tagen. Maximus will natürlich,
dass ich überlebe, weil ich damit die Freiheit gewinne.
Welcher grausame Geist hat sich das ausgedacht... wir haben versucht diskret
zu sein, aber es nicht für nötig gehalten unsere Beziehung zu verbergen.
Das konnte niemand ahnen.
Also hat sich Edreds Weissagung doch nur zum Teil erfüllt.
Wenn ich Maximus töte und so nach Germanien zurückkehren kann, werde ich
damit leben können? Ich kann es mir nicht vorstellen.
Wir haben noch drei Tage. Er will den Kampf genauestens mit mir
einstudieren, damit es echt aussieht und mir das Rudis nicht am Ende
verweigert wird, weil es zu offensichtlich war, dass er sich hat töten
lassen.
Aber wer kann schon die Launen eines Wahnsinnigen einschätzen?
Ich weiß nicht was ich tun soll.
Freya hilf mir.
Auriane
Valens ist tot.
Der Verbündete des Spaniers hat ganze Arbeit geleistet.
Er muss einen Spion in diesem Haus haben. Wie hätte er sonst wissen können,
dass keine Gäste geladen waren? Dass nur das Personal und die Wachen da sein
würden? Oder war es einfach ein glücklicher Zufall? Wohl kaum.
Ich fühle keinerlei Schuld oder Reue. Dieser Mann hat den Tod mehr als
verdient. Es war fast zu einfach.
Nach meiner Ankunft wurde ich ins Triclinium geführt. Dort wartete er
bereits, behandelte mich ganz wie ein Dame von hohem Rang, bot mir Wein an,
ich aß mit ihm zu Abend.
Die Römer haben eine Vorliebe ihre Speisen unter einer nach faulem Fisch
stinkenden Sauce namens Garum zu begraben. Als ich erfuhr wie sie gemacht
wird , hätte ich mich fast übergeben. Aus nichts anderem als aus dem,
wonach die eklige Masse roch. Ihre Essgewohnheiten sind so abstoßend wie
ihre Lust an Blut und Tod in der Arena. Zungen von Singvögeln, Gehirne von
exotischen Tieren, das schleimige, rohe Innere seltsamer Meerestiere, das
die Manneskraft stärken soll. Ich begnügte mich mit Brot, Obst und
Geflügel, Honig und Wein, lehnte die ‚Spezialitäten’ ab.
Die Waffe war in meinem Brustband verborgen. Ein kleiner, schmaler Dolch,
der nicht einmal zu spüren war, wenn sich jemand an mich pressen würde.
Die Römerinnen behalten während des Liebesspiels das Brustband an.
Seltsame Gewohnheit. Deshalb hatte ich dieses Versteck gewählt.
„Nun, Auriane, hast du endlich deinen Starrsinn überwunden?
Mir schien nicht, dass deiner Freundin euer kleiner Auftritt so missfallen
hat.
Obwohl ich weiß, dass sie sich auch mit Männern vergnügt. Sie ist nicht so
wählerisch wie du.“ Ich hatte die richtige Ahnung gehabt. Er wusste es.
Er erhob sich, setzte sich auf den Rand meiner Liege. Ich wich instinktiv
zurück.
Er lachte. „Welch ein Kleinod. Eine Frau, die scheu ist und unberührt. Eine,
die ich nicht zwingen kann, weil sie zu stark ist. Ich werde nicht die
Wachen rufen, um mir zu helfen, das ist unter meiner Würde. Du wirst es
freiwillig tun und gern, denn ich werde dich dafür loskaufen und zu meiner
Favoritin machen. Keine Frau hat mich je so erregt wie du, meine stolze
Barbarin.“ eröffnete er mir pathetisch. Meine Verblüffung war echt.
Mit allem hatte ich gerechnet, aber nicht damit.
Sein Angebot führte mich keinen Augenblick lang in Versuchung.
Er wusste ja nicht, wie leicht er es mir machte.
Crassus Septimus Valens war ein schöner Mann, er hätte fast ein älterer
Bruder von Endymion sein können. Sie ähnelten sich. Nur dass der eine ein
Löwe ist und der andre war eine Viper.
Ich spielte die schüchterne Junfger, ließ mich küssen, mich berühren.
Das war es, was ihn anzog. Die Mischung aus Unschuld und Gefahr.
Er löste mein Haar, verbarg sein Gesicht in den Strähnen.
„Du bist die erste Frau seit Jahren, die ich begehre. Ich bevorzuge sonst
Männer, aber du bist beides. Das ist köstlich.“ murmelte er.
„Was sagst du , meine Amazone? Werde ich mit dir kämpfen müssen darum, oder
ist mein Angebot verlockend genug?“ wollte er wissen.
Ich überlegte fieberhaft. Er durfte keinen Verdacht schöpfen.
„Nur, wenn ich nicht mit anderen Männern schlafen muss, damit du zusehen
kannst. Frauen, ja.. Versprich mir, dass ich nur dir zu Willen sein muss.“
forderte ich.
“Und dass ich weiter in der Arena kämpfen darf. Als Freie.“
Er erhob sich, schien verärgert. Mit einem Zug leerte er seinen Pokal.
„Für eine Sklavin hast du erstaunliche Forderungen.“ meinte er nüchtern.
Ich fürchtete schon, ich hätte den Bogen überspannt.
Aber er setzte sich wieder zu mir, legte seine Hand in meinen Nacken und
küsste mich gierig. Ich ließ es über mich ergehen, öffnete die Lippen.
„Und genau das gefällt mir so an dir. Dein Mut und Starrsinn. Die
Gefahr, die du ausstrahlst. Dass du weiter kämpfen willst, ist mir recht.
Ich hätte ungern darauf verzichtet, dir zuzusehen. Und du wirst nur mir
gehören. Kein andrer wird dich je besitzen. Ich würde es nicht wollen.“
stieß er schweratmend hervor.
„Ich habe lange genug gewartet, komm jetzt.“ drängte er, zog mich von der
Liege in eines der Schlafzimmer. Ich sträubte mich zum Schein ein wenig,
hatte ihn noch nie so unkontrolliert erlebt, genoss die Macht, die ich über
ihn hatte.
Ich hatte wenig von dem Wein getrunken, im Gegensatz zu ihm.
Er presste sich eng an mich, ich spürte seine Erregung.
„Leg dich aufs Bett,“ wies er mich an. Er drückte mich an der Schulter nach
hinten, kniete über mir. Als mein Blick auf die Narbe fiel, erinnerte ich
mich, dass Berane ihn daran erkannt hatte. Sie hatte es mir erzählt.
Ich lag auf die Ellbogen gestützt, während er sich an meiner Kleidung zu
schaffen machte, sich zwischen meine Beine zu drängen versuchte.
Ich sperrte mich ein wenig, versuchte ihn abzulenken, um Zeit zu gewinnen.
Dabei kam mir ein heimtückischer, aber möglicherweise hilfreicher Gedanke.
„Woher habt ihr die Narbe an eurer Kehle, Herr?“ wollte ich arglos wissen,
half ihm mein Gewand bis zur Mitte herabzuziehen. Ich brauchte freien
Zugriff zu der Waffe. Er begann meinen Bauch zu küssen, den Nabel, glitt
tiefer, zerrte am Stoff. Unbemerkt glitt meine Hand unter das Brustband ,
ich versteckte den Dolch unter dem Kissen, auf dem mein Kopf ruhte.
„Die Narbe?“ murmelte er, hob etwas den Kopf. Dann lächelte er boshaft.
„Eine Landsmännin von dir. Sie war meine Geliebte im Feldlager. Irgendwann
wurde sie wahnsinnig, griff mich an. Das ist über zehn Jahre her. Warum
fragst du?“ Ich rekelte mich verführerisch unter ihm, legte meine Hand an
seine erregte Männlichkeit, rieb verlockend. Er stöhnte erfreut auf.
„Eure Frauen verbergen ihre Brüste, wenn ihr euch liebt. Ich verberge meine
nicht.“ Mit einer Hand schob ich das Brustband hinab, begann mich selbst zu
streicheln. Er sah fasziniert zu. „Komm“ lockte ich ihn, “Küsse sie. Mach
mich bereit dich zu empfangen. Zeig mir, wie schön es mit einem Mann sein
kann.“ flehte ich. Er umschloss meine Brüste mit beiden Händen,
streichelte die Spitzen mit der Zunge. Meine Linke rieb weiter, während
meine Rechte nach dem Dolch tastete.
„Sie war deine Geliebte und hat dich angegriffen?“ nahm ich das Gespräch
wieder auf. Er fuhr fort mich zu liebkosen, gab einen zustimmenden Laut von
sich.
“Ich habe die Geschichte anders gehört.“ Er reagierte nicht, da mein Tonfall
sich nicht geändert hatte. Ich fuhr mit liebenswürdiger Stimme fort, wartete
konzentriert auf den Moment, in dem er Verdacht schöpfen würde.
Valens war unberechenbar. Ich traute ihm zu, dass er mich in Sicherheit wog,
längst aufmerksam geworden war. Auch damit musste ich rechnen.
„Ich habe gehört, dass du das Mädchen missbraucht und danach ihren Vater
getötet hast.“ Valens stutzte. Ich werde niemals die absolute Verwunderung
auf seinem Gesicht vergessen, als er den Kopf hob, mir in die Augen sah.
Meine Rechte, die die Waffe hielt, bewegte sich, für ihn unsichtbar in
seinen Nacken, ich rieb mit dem Handrücken sanft über die Mulde unter dem
Schädel, wo ein gezielter Stich tödlich ist.
„Was hast du gesagt?“ fragte er ungläubig.
„Dass du das Mädchen missbraucht und sie und ihren Vater getötet hast..“
Bevor er sich aufbäumen konnte, stach ich mit voller Kraft zu.
Die Klinge drang ein bis zum Heft . Er erstarrte. Der Stich lähmt, lässt
einen die Kontrolle über den Körper verlieren, bevor man kurz darauf
stirbt.
Ein sehr gnädiger Tod, die Römer richten so ihre Verräter hin.
Ich zog die Klinge heraus, hielt ihn mit den Knien und an den Schultern über
mir. Seine Augen waren so ungläubig wie die jeden Mannes, den ich gesehen
habe, wenn ihn der Tod so unerwartet ereilt. Er versuchte zu sprechen, sah
mich vorwurfsvoll an. Seine Lippen bewegten sich.
„Und ich bin hier, um das zu vollenden, was ihr nicht vergönnt war.“
Mit den Knien drückte ich ihn hoch, er fiel zur Seite, starrte nach oben.
Ich glaube er war schon tot, als ich ihm zur Sicherheit die Kehle
durchschnitt.
Ich sprang vom Bett, das sich vom Blut langsam dunkel färbte.
Hastig ordnete ich meine Kleidung. Sie war zum Glück unbefleckt.
Vorsichtig spähte ich in das andre Zimmer, legte die Schleier an. Sollte ich
die Wachen und Diener vorfinden, war ich verloren. Aber es war niemand da..
Unbehelligt gelangte ich zur Halle. Alle Türen waren offen.
Ich verließ die Villa. Die Sänfte wartete am üblichen Platz.
Die Sänftenträger waren nicht die, die mich gebracht hatten.
Noch vor Mitternacht war ich zurück im Colosseum.
Den Dolch ließ ich tags darauf in der Waffenkammer verschwinden.
Am Nachmittag erreichte mich die Nachricht, mein Gönner sei in seiner Villa
überfallen und ermordet worden. Die Räuber hätten die Wachen und Diener
überwältigt und alles von Wert mitgenommen.
Valens habe sie wohl überrascht und sei dabei getötet worden.
Mein Auftrag war erfüllt. |
Maximus
Berane beginnt
langsam einzusehen, dass ich Recht habe.
Es hat nur einen Sinn, wenn ich sterbe.
Und ich bin froh, dass es so ist. Ich könnte sie nicht töten.
Seit zwei Tagen hämmere ich ihr immer wieder den Ablauf des Kampfes ein.
Anfangs wehrte sie sich, weigerte sich.. Auriane war mir eine große Hilfe.
Sie hat sie mit Worten an den Punkt geführt, wo sie es nicht mehr verleugnen
konnte, ohne sich selbst in Frage zu stellen.
Und sie hat Valens beseitigt.
Sobald ich tot bin, erhält sie ihre Freilassungsurkunde.
Lucilla hat es mir versprochen. Sicher wird sie mit Berane heimkehren, wenn
alles vorbei ist. Diese Frau an ihrer Seite zu wissen, macht mich ruhig.
Ich habe große Achtung vor ihr.
Die letzten beiden Nächte hat Berane
geweint. Lautlos.
Sie versuchte es vor mir zu verbergen. Ich nahm nur ihre Hand, legte sie
auf mein Gesicht, damit sie meine Tränen spürt und sich nicht schämt für
ihre.
Wir versuchten uns zu lieben, gaben es aber bald auf.
Der Schmerz tötet jedes Begehren in einem.
„Es gibt Zeiten für Tränen...“ sagte ich zu ihr.
Sie antwortete nicht, schmiegte sich eng an mich, ließ mich nicht los bis
zum Morgengrauen.
Auriane sieht uns zu, wenn wir üben,
beurteilt die Glaubwürdigkeit.
Der tödliche Streich wird erfolgen, nachdem Berane mir mit dem Fuß eine
Wolke Sand ins Gesicht geschleudert haben wird. Ich drehe mich, öffne meine
Deckung etwas zu weit, sie fällt mich mit einem Nackenstich.
Wenn er danebengeht, lasse ich mich fallen und sie wiederholt ihn während
ich seitlich liege.
Ich verlange von der Frau, die mich liebt, dass sie mich tötet.
Heilige Götter, das ist der Gipfel dessen, was ein Mensch ertragen kann.
Sie und ich. Aber es ist der einzige Weg, der irgendwo hinführt in diesem
Wahnsinn, der uns umgibt.
Auriane
Freya hat mir zum
ersten Mal in meinem Leben eine Vision geschickt.
Berane und Oija waren schon schlafen gegangen, als mich die Flammen noch
einmal in ihren Bann zogen. In ihnen bewegte sich etwas.
Verschwommene Gestalten. Ich konzentrierte mich auf das Trugbild, wusste es
kam aus meinem Geist.
Ein Mann und eine Frau, die gegen einander kämpften.
Ich sah den Kampf der in zwei Tagen stattfinden sollte, sah den Ablauf, wie
Berane und der Spanier ihn geübt hatten.
Dann wechselten sie die Rollen. Die Frau wurde defensiv, der Mann bedrängte
sie, trieb sie in die Enge. Ich stöhnte leise auf, als er ihr mit dem Fuß
Sand ins Gesicht schleuderte, sie taumelte, er traf sie im Nacken.
Sie stürzte zu Boden. Als er den Helm löste, sah ich ihr Gesicht.
Berane.
Langsam zerflossen ihre Züge und wurden zu meinen.
„.. du wirst zweimal
sterben um zu leben.“
Ich hatte dieselbe Vision am nächsten Abend und im Schlaf
träumte ich sie ein weiteres Mal. Immer ist es am Ende mein Gesicht.
Die Vorstellung ängstigt mich nicht. Ich habe dem Tod so oft ins Auge
gesehen, er schreckt mich nicht. Berane wird es nicht tun können.
Sie wird versagen. Sie kann ihn nicht töten. So wenig wie er sie.
Selbst wenn sie es täte, die Schuld würde sie nicht zur Ruhe kommen lassen.
Er würde umsonst sterben.
Sie werden beide in der Arena umkommen und es wird keinerlei Sinn haben.
Berane wird nicht frei sein. Der Spanier wird keine Chance haben, sein Volk
von einem wahnwitzigen Despoten zu befreien und selbst die Freiheit zu
gewinnen.
Alles was sie beide erlitten haben, wird vergebens gewesen sein.
„ ... du wirst zweimal sterben um zu leben.“
Sie wird sterben. Für die, die zusehen. Und dann wird sie weiterleben.
Achillia ist tot, es lebe Amazonia.
Das ist Freyas Botschaft an mich.
Hätten wir nicht diese Ähnlichkeit in Größe und Gestalt, es wäre unmöglich.
Das ist kein Zufall, sondern ein weiterer Stein in dem Mosaik, das mir jetzt
ein fast vollendetes Bild zeigt.
Ich bin schon lange gegangen.
Als Sunia starb, in meinen Armen, bin ich mit ihr gestorben. Mein Vater.
Als meine Männer niedergemetzelt wurden.
All meine Männer.
Ich habe nie verstanden warum die Götter nur mich verschont haben.
Jetzt weiß ich es. Ich will nicht zurück in die Heimat.
Alles was mir Heimat war, ist tot.
Ich bin müde. Ein Freund wird es tun. Ich, die ich bisher nur Leben genommen
habe, werde ihr mein Leben geben, solange es ihr von Nutzen sein kann.
Er wird es verstehen. Er ist klug - wird wissen, was zu tun ist.
Ich habe keine Angst.
Berane
Meine Göttin bleibt stumm. Sie scheint keinen Rat
für mich zu haben.
Vielleicht ist genau das der Rat. Dass ich auf andre hören solle.
Auf Maximus. Auf Auriane.
Mein Verstand weiß was richtig ist, aber mein Herz will aufhören zu
schlagen, wenn ich daran denke was er von mir verlangt.
Auriane hat ihren Auftrag erfüllt. Sie wird frei sein, wie ich, wenn
Maximus tot ist, vorausgesetzt der Kaiser hält Wort.
Noch habe ich Hoffnung, dass jetzt nach Valens Tod der Kampf abgesagt wird.
Ich bin ruhelos, ich schlafe kaum, kann nicht essen.
Ich darf nicht schwach sein, wenn ich morgen in die Arena muss.
Oija und Callista gehen mir aus dem Weg, lassen mich in Ruhe. Es gibt keinen
Trost für mich, sie spüren es. Der Gedanke in die Heimat zurückzukehren um
den Preis eines geliebten Lebens ist bitter wie Galle, scharf wie eine
Klinge, die mir ins Fleisch schneidet.
Maximus wollte Rache an Commodus. Ich will nicht leben, wenn er tot ist.
Jetzt nicht mehr. Nicht nach der Zeit mit ihm. Es ist kindisch, Frauen
verlieren ständig ihre Männer, das Leben geht weiter. Es ist mir gleich.
Ich will nicht in meiner Vergangenheit leben danach. Will nicht um ihn
trauern.
Nicht um das weinen, was wir nicht hatten.
Ich will, das es vorbei ist. Friede. Kein Schmerz. Ich ertrage es nicht
mehr.
Nicht noch einmal.
Maximus wird nicht umsonst sterben. Wenn der
Kaiser mir das Rudis überreicht, wird er ihm folgen. Sollte ich es wider
alle Erwartungen überleben, ist es ein Zeichen Freyas. Dann werde ich leben,
dann werde ich es können. Wenn nicht... gut.
Ich werde Maximus Rache an Commodus vollziehen.
Das ist die Weissagung Edreds. Du wirst morden im Schatten der Wölfin..
Maximus Tod ist kein Mord. Das war nicht gemeint.
So hat es auch für mich einen Sinn.
Freya hilf mir.
Maximus
Heute Nacht müssen wir Abschied nehmen. Wie kann
ich ihr Hoffnung geben, wenn ich selbst keine hätte an ihrer Stelle?
Sie muss stärker sein, als ich es je war. Ich muss ihr Kraft geben, sonst
wird sie versagen. Sie darf nicht versagen. Sonst war alles umsonst.
Ich werde ihr Hoffnung geben. Sie muss einen Grund haben weiterzuleben.
Es ist eine List, aber vielleicht wird aus der List Wahrheit werden.
Beranes letzte Blutung liegt nur ein paar Tage zurück. Wir haben uns nicht
geliebt seither. Es ist unsere letzte Nacht zusammen.
Sie könnte heute Nacht empfangen. Ich werde bald tot sein und der Gedanke
etwas zu hinterlassen, ist mehr als tröstlich für mich.
Sie hat mir schon in Germanien deutlich zu verstehen gegeben, dass sie es
begrüßt hätte.
Die Möglichkeit ein Kind empfangen zu haben, wird alles ändern.
Das wird sie am Leben halten. Wenigstens ein paar Wochen, bis sie Klarheit
hat, falls sie nicht schwanger wird. Es wird Auriane Zeit geben, sie
fortzubringen. Und ihr selbst, sich mit der Situation abzufinden.
Auriane schwieg, als ich ihr davon erzählte, sie
darum bat meinen Plan zu unterstützen. Als ich sie bittend ansah, sprach sie
endlich.
„Ich verspreche es zu tun, wenn es in meiner Macht liegt.“ murmelte sie.
Es schien als billige sie es nicht. Sie wich mir aus.
„Auriane, was..??“ sie hob abwehrend die Hand, wandte sich ab.
Ich ging, sie wollte offensichtlich alleine sein.
Auriane
Ich habe mir nie vorstellen können, dass es Männer
wie den Spanier gibt.
Er ist Manns genug es mit jedem hier aufzunehmen und gleichzeitig ist er
einfühlsam und gefühlvoller als manche Frau, die ich gekannt habe.
Berane erzählte mir, er habe seine Frau und seinen Sohn verloren.
Vielleicht hat ihn das so demütig gemacht.
Es fiel mir unendlich schwer Haltung zu bewahren, als er vor wenigen Stunden
zu mir kam mit einer Bitte, die mich fast in Versuchung geführt hat ihm
alles zu verraten. Ich würde ihnen gern den Schmerz dieser ‚letzten’ Nacht
ersparen.
Die Qual des Abschiedes. Ich habe viele Nächte erlebt, in denen ich nicht
wusste, ob es eine nächste geben wird.
So grausam es ist, es schärft die Sinne um ein Vielfaches.
Du schmeckst und riechst alles intensiver, du empfindest alles doppelt so
stark. Der Wein berauscht dich mehr, das Essen ist köstlicher, der Honig
süßer, die Begierde stärker.
Im Angesicht des Todes ist das Leben ein funkelndes Juwel, auch wenn es
dir davor ein Brocken Lehm war.
Dies ist meine letzte Nacht. Berane wird nicht
hier sein.
Oija und Callista waren mir gute Gefährtinnen. Aber ich kann nicht Abschied
nehmen. Ich werde nicht riskieren, dass jemand Verdacht schöpft.
Der Spanier wird es ihnen erklären, ich vertraue ihm.
Nur von einem werde ich Abschied nehmen.
Von einem, dem ich viel zu verdanken habe, einem der mir ein besserer Freund
war als ich ihm. Einem, der mich liebt, wie ich von Sunia geliebt wurde und
sie wiedergeliebt habe.
Einem, den ich gequält habe, ohne es zu wollen.
Endymion
Auriane wollte mir nicht vor meinen Zellengenossen
sagen, was sie hergeführt hatte. „Komm“ forderte sie nur, ging voran.
Sonst hätten die anderen derbe Zoten hinterhergebrüllt, aber da es Amazonia
war, hüteten sie sich. Zudem kannten sie ihren Ruf.
Ich holte sei ein. “Wohin gehen wir?“ wollte ich wissen.
Sie antwortete nicht, strebte dem leerstehenden Bereich in der zweiten Ebene
zu.
Sie öffnete eine Tür, meinte nur: “Komm“ Ich schloss sie hinter uns.
„Auriane, was soll das? Warum...?“ begann ich. Sie wandte sich mir zu.
Ich hatte noch nie einen solchen Blick von ihr bekommen.
„Endymion, willst du mich noch?“ fragte sie mich geradeheraus.
Ich war so verblüfft, dass ich nicht antworten konnte.
Sie sah zu Boden. “Ist das ein Nein...?“ murmelte sie.
„Nein.. ich meine, das ist kein Nein. Auriane, was ist mit dir??- Warum
fragst du mich das? Ich denke, das war klar zwischen uns?“
Sie sah hoch, wirkte erleichtert. Ein Lächeln spielte um ihre Lippen.
Sie sah wunderschön aus. Dann kam sie auf mich zu.
„Endymion, du bist mein bester Freund, ich habe dich oft verletzt, habe dir
Schmerz bereitet. Bitte mich nicht, dir zu erklären, warum ich es tue. Du
wirst es bald verstehen. Ich habe dir nie gesagt, dass ich dich sehr schätze
und dich sehr mag. Deshalb möchte ich dir etwas schenken. Ich hoffe nur,
dass du das Geschenk möchtest.“
Ich glaubte meinen Ohren nicht zu trauen. Wenn das nicht ein böses Spiel
war, war die Frau, die ich liebe seit ich ihr begegnet bin, zu mir gekommen,
um sich mir anzubieten. Mein fassungsloses Gesicht brachte sie zum Lachen.
Sie nahm es in ihre Hände, nie zuvor hatte sie mich so berührt, und küsste
mich auf den Mund. Es war ein zarter Kuss.
„Hast du jetzt verstanden, du Bild von einem Mann?“ frotzelte sie gutmütig.
Ich versank in ihren blauen Augen, zog sie zu einem weiteren Kuss an mich.
Sie sträubte sich nicht, schmiegte sich willig in meine Arme.
Hatte ich die Schüchternheit einer Jungfrau erwartet?
Wahrscheinlich. Rein körperlich war sie es, aber sie war auch eine reife
Frau, die Liebe auf eine andere Art erfahren hatte.
„Endymion, bitte vergiss nicht, ich bin nicht unerfahren, aber kein Mann hat
mich bisher besessen. Ich will wissen, wie es ist. Und ich will, dass du es
bist.“
Ich konnte nicht sprechen, ich konnte sie nur küssen, an mich pressen, sie
spüren lassen, wie sehr ich sie wollte.
Sie war anders als alle Frauen, die ich bis dahin gehabt hatte.
Beim ersten Mal, ließ sie mich einfach machen. Ich versuchte ihr möglichst
wenig wehzutun, sie keuchte nur kurz auf, als ich in sie eindrang.
Sie ging auf mich ein, blieb aber passiv.
Weder ich noch sie sagten etwas, nachdem ich mich von ihr gelöst hatte.
Sie hatte mich gebeten, nicht zu fragen, also ließ ich es.
Wir lagen auf der Pritsche, umschlungen. Mein Kopf an ihren Brüsten.
Ich erinnerte mich an die Nacht mit Berane. Sie ist ganz anders.
Ihr Begehren ist fast männlich aggressiv. In Verbindung mit ihrem ausgeprägt
weiblichen Äußeren ein reizvoller Widerspruch.
Auriane ermunterte mich, sie noch einmal zu
nehmen.
Sie schien Gefallen daran zu finden, erwiderte meine Liebkosungen, empfing
mich diesmal mit einem rauen Stöhnen, das mich sehr erregte.
Sie blieb bei mir, nachdem wir uns ein drittes Mal geliebt hatten.
Es war die wunderbarste Nacht, die ich je mit einer Frau erlebt habe.
Als ich am frühen Morgen erwachte, stand sie neben der Pritsche und
lächelte mich an. Sie beugte sich zu mir, küsste mich.
„Es war schön, Endymion. Hab Dank für alles.“
Dann ging sie. |
Berane
Meine Gefährtinnen haben mir heute nacht
unsere Zelle überlassen.
Sie haben Kerzen aufgestellt. Auf dem Tisch stehen Teller mit Weintrauben
und Feigen, Geflügel, frisches Brot, Honig und Wein.
Ein herrliches rotes Seidengewand liegt auf meinem Schlafplatz.
Goldener Schmuck für Ohren, Hals und Handgelenke.
Es kann nur von Auriane sein, nur ihre Sachen passen mir, Callista und Oija
sind viel kleiner und knabenhafter als ich.
Sie hat mich gebeten, unmittelbar bevor ich mich für den Kampf ankleiden
werde, das Feuerritual mit ihr zu vollziehen. Ich bin erleichtert, denn ich
wollte sie selbst danach fragen. Sie ist sehr ernst und still, seit sie es
uns gesagt hat,
Endymion wollte von mir wissen, was sie hat. Ich gab mich ahnungslos.
Schon einmal hat es einen solchen Abschied
gegeben für uns.
Es wäre möglicherweise ein Abschied für immer gewesen.
Dieser wird es ohne Zweifel werden.
Ich hatte gerade das Gewand und den Schmuck angelegt, als jemand an die Tür
klopfte.
Es war Maximus.
Maximus
Berane sah mich verwundert an. Ich schloss
die Tür hinter mir.
Sie trug ein blutrotes Seidengewand und Schmuck, den ich noch nie an ihr
gesehen hatte, sah ähnlich elegant aus wie in Zucchabar, nachdem Lentulus
sie entführt hatte.
„Auriane sagte mir, wo ich dich finde. Sie sagte auch, dass die Zelle heute
Nacht uns allein gehört.“ erklärte ich.
Sie wies mit der Hand zum Tisch, auf dem Essen und ein Weinkrug stand.
„Schau...“ Tränen schimmerten in ihren Augen.
Callista hatte ihr die Haare gelockt für ihren Auftritt mit Freya gestern.
Jetzt hingen sie ihr offen und gewellt über die dunkel gebräunten
Schultern.
Ihre mit Khol geschminkten, hellen Augen bildeten einen starken Kontrast zu
der Farbe der Seide und ihrer sonnengebräunten Haut.
Sie sah wunderschön aus. Ich hatte ihr nie gesagt, sie sei schön.
Hatte ihr nie gesagt, dass ich sie liebe.
„Berane, du siehst sehr schön aus.“ murmelte ich. Sie sah mich erstaunt an.
Ich ging zu ihr, umschlang sie. Etwas wie Widerstreben war in ihrer Haltung.
„Versprich mir etwas. Wir werden nicht über das reden, was morgen geschehen
wird. Wir werden nicht trauern. Wir werden feiern, dass du bald frei sein
wirst und in deine Heimat zurückkehren kannst. Wir werden feiern, dass es
nicht umsonst sein wird. Und dass, wenn das Schicksal es will, du eine
Erinnerung an mich mitnehmen wirst. Eine lebendige Erinnerung, die es mir
leichter macht, dass ich nicht da sein werde, um unseren Sohn oder unsere
Tochter aufwachsen zu sehen.“
flüsterte ich in ihr Ohr. Ich spürte, wie sie sich bei meinen letzten
Worten versteifte, sah den bestürzten Ausdruck in ihrem Blick.
„Es ist deine Entscheidung.. ich verlange nichts von dir. Nur, dass du
morgen tust, was unvermeidlich ist.“ erklärte ich beschwichtigend. Ihre Züge
entspannten sich.
Dann lächelte sie flüchtig und legte mir die Rechte über den Mund.
„Morgen ist fern. Bist du hungrig?“ Sie zog mich zum Tisch, begann mich mit
Trauben zu füttern. Ich setzte mich, zog sie auf meinen Schoß und ließ sie
gewähren. Ein trauriges Lächeln lag um ihre Lippen, wie damals, als sie mich
mit dem Honig geneckt hatte. Sie schien den gleichen Gedanken zu haben,
griff nach dem Glasgefäß mit der goldfarbenen Masse, naschte erst zur Probe,
dann bestrich sie meine Lippen zart mit der süßen Masse.
“Warte..“ Sie begann den Honig abzulecken und jedes Mal mittels eines
Kusses in meinen Mund zu bringen.
“Erinnerst du dich..“ murmelte sie heiser.
Ich nickte nur, erwiderte ihre Küsse mit wachsendem Verlangen.
Plötzlich löste sie sich von mir, stand auf. Sie ging zu ihrem Lager, blieb
mit dem Rücken zu mir stehen, begann den Halsschmuck und die Armbänder
abzulegen.
Ich ging zu ihr, umschlang sie von hinten, ließ meine Hände über ihre
Schenkel, die runden Hüften, ihre schmale Mitte zu ihren Brüsten streichen.
Sie drückte ihren Rücken gegen mich, umschloss meine Hände mit ihren.
„Ich werde nie einen anderen wollen, als dich.“ sagte sie leise, fast
ausdruckslos.
Ich rieb meine Wange an ihrem Hals, ich wusste wie sehr sie das mochte.
„Du wirst wieder lieben. Ich befehle es dir. Ich will nicht das Gespenst in
deinem Leben sein. Ich will, dass du glücklich bist und dass du unserem Kind
davon erzählst, wie seine Mutter seinen Vater gerettet hat. Wie sie ihn
davor bewahrt hat, sich selbst zu hassen. Und davon, wie sehr er sie geliebt
hat und das was hoffentlich aus unserer letzten gemeinsamen Nacht entstehen
wird.“
Sie drehte sich unvermittelt in meinen Armen, sah mich nur an.
Als die Tränen über ihre Wangen zu rollen begannen, küsste ich sie fort.
Berane
Ich hätte es wissen müssen. Maximus ist viel
zu klug, es nicht in Betracht zu ziehen.
Er weiß, wie sehr ich ihn liebe. Seine Bemühungen es mir leichter zu machen,
mich am Leben zu halten, rühren mich zu Tränen.
Er hat meine Pläne durchkreuzt.
Ich werde alles tun , um zu überleben, um seinetwillen.
Solange bis ich weiß, ob sein letzter Wunsch sich erfüllen wird.
Dann werde ich in der Heimat sein. Alles wird anders sein.
Er hat das eingerechnet. Auriane wird mich begleiten, hoffe ich.
Er verließ mich erst kurz vor Mittag des nächsten Tages.
Der Kampf war für den Nachmittag vorgesehen.
Wir sprachen beide nicht. Alles war gesagt worden in den Stunden davor.
Die Nähe des Todes verlieh dieser Nacht eine Intensität, die uns beide so
erfüllt hatte, dass Worte überflüssig waren. Schlaf hatten wir wenig
gefunden.
Immer wieder war in ihm oder mir das Verlangen nach absoluter Nähe
aufgeflackert, um in gegenseitiges Verlangen zu münden.
Zwischen den Umarmungen tranken wir Wein, fütterten uns gegenseitig mit
Obst, Fleisch und Brot. Jedes Mal, wenn er Erfüllung fand, betete ich zu
Freya.
Um das Kind, dass er sich wünschte.
Das Kind, dass mich am Leben erhalten würde.
„Ich muss gehen.“ Seine Stimme war rau von
unterdrücktem Schmerz.
Er presste mich ein letztes Mal eng an sich, rieb seine Wange an meiner,
küsste meine geschlossenen Augen.
Als ich sie wieder öffnete, war er fort.
Auriane
Berane war erleichtert, als ich sie wegen
des Feuerrituals fragte.
Sie schien darauf gehofft zu haben.
Die Mischung aus Opium und Schlafkräutern wird sie lange genug bewusstlos
halten. Bis es vorbei ist. Der Spanier wird verstehen, was ich beabsichtigt
habe.
Callista und Oija werden mitmachen. Auch Accon wird den Mund halten.
Sie wissen noch nichts, aber ich vertraue auf ihre Loyalität.
Ich weiß nicht wie viel Zeit dies bringen wird.
Hoffentlich genug.
Ahnte sie etwas? Sie nahm den Becher ohne
Zögern, nachdem ich ihr erklärt hatte, dass die Mischung die Sinne stärkt
und die Angst mindert.
Wir vollzogen das Ritual. Ich sah den Kampf.
Ihr Gesicht wurde erneut zu meinem.
Ich schloss sie in die Arme, bevor wir in die Zelle zurückkehrten, ging mit
einer Ausrede. Als ich wenig später zurückkam, lag sie besinnungslos am
Boden.
Atem und Puls waren gut und gleichmäßig. Ich bettete sie auf mein Lager,
verbarg sie unter Decken und Kleidung, legte sie mit dem Gesicht zur Wand,
ließ ihr Platz zum Atmen.
Bevor ich ging, küsste ich sie zum Abschied. Wie wir uns nie geküsst hatten.
„Leb wohl. Schwester. Verzeih mir. Ich liebe
dich.“
Ein letzter Blick bevor ich den
Raum verließ, sagte mir , dass erst der Spanier sie dort entdecken würde.
Maximus
Juba begleitete mich. Nur ihm hatte ich
verraten, was geschehen würde.
Nur ihm vertraute ich genug. Er stellte es nicht in Frage.
Er respektierte meine Entscheidung. Nachdem ich Berane verlassen hatte,
ging ich mit ihm in den Baderaum. Bis zu dem Zeitpunkt, wo ich meine
Ausrüstung anlegen musste, leistete er mir stumm Gesellschaft.
Ich lag nach dem Bad auf meiner Pritsche und dachte an die letzte Nacht.
Ihr Verlangen und ihre Hingabe waren so unerschöpflich und gleichzeitig so
nachsichtig und liebevoll gewesen.
Alles was ich mir von einer Frau je erhofft habe und mehr als das.
Kann es einen besseren Ausklang für mein Leben geben als dies und von ihrer
Hand zu sterben? Vor meinem inneren Auge das Bild eben dieser Frau, mit
meinem Kind auf den Armen?
Lucilla wird ihren Kampf alleine beenden. Sie hat genug Unterstützung.Ich
habe die Sache vorangetrieben. Valens ist tot. Dank Auriane.
Mein Schicksal ist es der Frau, die mir das Leben gerettet hat, ihres wieder
zu geben. Ein Leben, dass durch mich ungewollt eine so schmerzliche und
tragische Wendung genommen hat.
Wenn Beranes Göttin es will, werde ich weiterleben.
Durch sie.
Ein scharfer Stich fuhr durch mich, als ich
sie, bereits fertig gerüstet im Gang der ersten Ebene erkannte. Ich wollte
auf sie zugehen, aber sie streckte mir abwehrend die Hand entgegen,
schüttelte deutlich den Kopf. Ich konnte sie verstehen.
Wir hatten vereinbart, dass sie nach dem tödlichen Streich bei mir bleiben
würde, bis es vorbei war. Ich hatte sie um einen letzten Kuss gebeten.
„Denkst du, ich lasse dich alleine? Ich werde nicht von deiner Seite
weichen, bis der Kaiser in die Arena kommen wird. Ich werde ihn bitten, dich
angemessen bestatten zu lassen, sonst werde ich das Rudis nicht annehmen.
Und ich werde nicht weichen, bevor es geschehen ist.“ hatte sie empört
erwidert.
Ich habe sie gescholten dafür. Und ich liebe sie dafür.
Das ist die Frau vom feindlichen Stamm, die ich kennen und lieben gelernt
habe. Ihr Kern ist unbeugsam. Sie hätte all dies niemals überstanden, wenn
nicht der Geist ihres kämpferischen Volkes in ihr wäre.
ch trete in die blendende Helligkeit der
Arena. Das Brausen des Applauses, die Stimme des zehntausendköpfigen Molochs
namens Rom.
Meine Gegnerin steht wie eine Statue vor der Loge des Kaisers.
Lucillas Platz ist leer. Sie konnte nichts tun , ohne alles zu verraten.
Sie weiß, dass ich heute sterben werde, dass unser Plan vergebens war.
Sie muss sich einen andren Henker suchen für ihren Bruder.
Commodus sitzt dort allein, Sinnbild der Verderbtheit, des Größenwahns und
der grausamen Willkür eines Nero und Caligula. Ein wohlgestalter junger Mann
mit dem Herz einer Kobra und dem Gewissen eines Säuglings.
Ich trete vor, vollführe mit meiner Gegnerin den Gruß der Gladiatoren.
Sie wirkt hölzern. Der Kaiser erhebt sich, eröffnet den Kampf.
Wir umkreisen uns.
Mein Herz will zerspringen, ich will mir das Schwert in die Brust
rammen, um ihr dies zu ersparen.
Aber sie macht den ersten eingeübten Ausfall und greift mich an.
Der Tanz beginnt.
Es geht alles nach Plan, doch ein seltsames Gefühl bemächtigt sich bald
meiner.
Sie ist zu gut.
Sie ist zu geschmeidig.
Als sie plötzlich meine Rolle übernimmt, weiß ich es.
Nicht Berane kämpft gegen mich.
Auriane.
Ihre Augen lassen mich nicht eine Sekunde los.
Sie reden mit mir. Beschwören mich.
„Schweig.“
Erst glaube ich, sie will Berane nur die Schuld nehmen, mich getötet zu
haben.
Wenn der Kaiser ihr die Freiheit geben wird, muss sie den Helm abnehmen.
Man wird sie erkennen. Auriane ist bereits frei. Wo liegt der Sinn?
Wir spielen die Komödie von der Germanin, die einen Spanier besiegen muss.
Der Kaiser hat sich vorgebeugt über das Geländer, lässt keinen Blick von
uns.
Ich kann seine Erregung spüren.
Diese kranke, widerliche Gier nach dem Schmerz und Leiden anderer.
Auriane spricht Germanisch mit mir.
„Bruder“ So nennt sie mich.
„Bruder, töte mich. Ich will es.“ Ich kann nicht glauben, was ich höre.
„Bruder, Achillia wird tot sein. Amazonia wird leben. Jetzt töte mich!“
fordert sie. Ich schüttle den Kopf. Ich kann es nicht.
Dann sehe ich den Zorn in ihren Augen.
Ich ziehe mich zurück, verweigere mich.
Phentesilea greift mich lodernd vor Wut an.
Ich bin Achilles. Sie treibt mich durch die Arena, angefeuert vom Tosen des
menschlichen Meeres um uns.
Wir sind auf den Schlachtfeldern vor Trojas Mauern.
Die Amazonenkönigin zwingt mich, gegen sie standzuhalten.
Wenn sie mich besiegt, fliegt der ganze Betrug auf.
Sie hat es perfekt durchdacht.
Achillia fällt. Amazonia lebt. Der Spanier lebt.
Ich habe keine Wahl.
Als ich ihre Rolle übernehme, lächelt sie und nickt unmerklich.
Achilles gewinnt die Oberhand. Er tritt der Amazone Sand ins Gesicht, sie
strauchelt. Ich sehe in ihre Augen, als sie ihre Deckung öffnet.
Sie lächelt.
Mein Hieb trifft und sie sinkt in den Sand, der sich dunkel zu färben
beginnt.
Einen Moment sitzt sie eingeknickt, dann kippt sie um.
Der Moloch schweigt.
Ich lasse mich auf die Knie fallen, lasse die Waffe los.
Auriane lebt noch. Ich stütze sie. Ihre Augen finden meine.
Ihre Lippen bewegen sich. Ich neige mein Ohr an ihren Mund.
„Spanier, Amazonia lebt. Achillia ist tot.“ höre ich sie.
Sie wiederholt es mühsam. Ich nicke, sie lächelt. Helles Blut läuft mir warm
über den Arm, der ihren Nacken stützt.
„Auf Wiedersehen, du tapferste aller Kriegerinnen. Königin der Amazonen.
Niemals wird der Name Auriane vergessen werden. Ein Leben genügt nicht, dir
zu danken.“ murmle ich unter Tränen.
Aurianes Blick ruht zufrieden auf mir, dann
wendet er sich in den Himmel bevor er bricht. Eine einsame Wolke spiegelt
sich darin.
Ich höre, sehe, spüre nichts, hebe die tote Frau hoch, auf meine Arme.
Nicht einmal das Urteil des Kaisers warte ich ab, der wie versteinert über
die Brüstung seiner Loge gebeugt steht.
Ich sehe nur das Tor, an dessen Treppenabgang Juba auf mich wartet.Je näher
ich komme mit meiner Last desto deutlicher wird das Entsetzen auf seinen
dunklen Zügen.
Als ich den Ausgang mit Aurianes Leichnam durchschreite, kehren meine Sinne
zurück. Der Beifall der Menge brandet mir nach.
Ich sehe Jubas und Proximos verzerrte, mich anklagende Züge, sie
gestikulieren.
Ich beachte sie nicht, durchschreite die Gänge auf Aurianes letztem
Weg, eine helle Blutspur hinterlassend.
Endymions Gesicht ist plötzlich vor mir.
Er starrt mich entsetzt an, dann folgt er mir. Woher weiß er es?
Hat sie es ihm gesagt?
Berane sagte mir, er liebe Auriane.
Hinter mir seine Stimme.
„Spanier.“
Er tritt neben mich.
„Gib sie mir“
Ich folge seiner Bitte, folge ihm. Er hat das Recht.
Plötzlich ist Proximo bei uns.
„Spanier, du bist viel schlauer als ich geglaubt hatte. Ich habe gewettet,
dass sie dich tötet. Ich dachte, ich kenne dich. Die Szene in der Arena und
sie dann hinauszutragen, war das gerissenste, was ich je gesehen habe. Du
....“
Mein Schlag trifft ihn hart an die Schläfe, schleudert ihn zu Boden.
„Schweig, alter Mann. Schweig.“ fordere ich.
In seinem Blick liegt Entsetzen und eine Mischung aus Anerkennung und Hass.
Wir betten sie auf die Ruhebank im Baderaum
der Frauen.
Waschen ihr das Blut ab. Lösen den Helm. Sie lächelt noch immer.
„Verzeih mir.“ presse ich hervor. “Sie hat mich überrumpelt.“
Der schöne Kreter nickt, müde lächelnd.
„Nicht nur dich, Spanier. Nicht nur dich.“ Ich sehe die Tränen.
Dann scheint ihm etwas einzufallen. Er sieht mich eindringlich an.
„Such Berane. Sie hat sie bestimmt betäubt. Ich werde euch decken. Geh
jetzt. Geh!“ treibt er mich.
Ich raffe mich auf und suche, besudelt von Aurianes Blut und dem Sand der
Arena die Frau, die für Rom gerade gestorben ist.
Du wirst zwei Mal sterben, um zu leben.
Ich finde sie in
ihrer Zelle, verborgen unter Kleidung und Decken.
Betäubt. Sie atmet, ihr Puls ist gut.
Wie in einem Traum lege ich mich neben sie, blutverschmiert und schmutzig.
Schützend lege ich noch den Arm über sie, dann schlafe ich erschöpft ein. |
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