Germanien I

Im ersten Tageslicht bewegt sich eine Gestalt zwischen den Bäumen.
Es ist neblig und kalt, der Winter ist noch nicht ganz vorüber. Sie durchstreift das Tal, bewachsen von mächtigen Eichen und Buchen, die gesäumt sind von dichtem, hohem Farn und dunklen Moospolstern. Berane kennt den Wald gut, hier sucht sie ihre Heilkräuter, essbare Pflanzen, Beeren, Nüsse und hier jagt sie auch Kleinwild. Die Fallen sind heute früh leer, vielleicht hat sie am Abend mehr Glück. Ab und zu bückt sie sich, zieht etwas aus der dunklen Erde, schneidet oder pflückt etwas ab, legt es in den Beutel, der ihr um die Schulter hängt.
Plötzlich erstarrt sie, hebt wachsam lauschend den Kopf.
Pferde. Mehr als eines.
Nur die Römer haben noch Pferde, aber das nächste Camp ist einige Reitstunden entfernt, seit sie hier vor Monaten das Feldlager abgebrochen haben.
Nackte, verbrannte Erde, Witwen und Waisen. Das ist ihr Vermächtnis.
Tiefe Schneisen haben sie in ihren geliebten Wald geschlagen für ihre Feldzüge. Auf den verlassenen Schlachtfeldern entlang des Rheins und der Donau bleichen die Knochen der Gefallenen. Sie hasst die Römer. Sie sind wie Insekten.
Zahlreich und unermüdlich in ihrer Gier nach Land und Macht.
Und sie überrollen gnadenlos alles, was ihnen im Weg ist.
Als die Reiter auf der Lichtung oberhalb von ihr erscheinen, ist sie bereits hinter dem mächtigen Stamm einer Eiche verschwunden. Der hohe, dichte Farn verbirgt sie, als sie hinter dem Baum hervorspäht. Vier Reiter in römischen Uniformen halten ihre Pferde auf der Lichtung an, einen Steinwurf entfernt von ihr. Zwei von ihnen steigen ab, zerren einen Dritten aus dem Sattel. Seine Handgelenke sind  gefesselt. Er scheint auch ein Soldat zu sein, trägt Uniform. Der Mann blickt um sich, sein Gesicht wirkt versteinert, ohne Ausdruck. Die beiden Legionäre drängen ihn ein paar Schritte weg von den Pferden, er muss niederknien. Der Gefangene sagt etwas zu ihnen. Einer der beiden hat offensichtlich vor ihn zu köpfen.
Die Legionäre werfen sich Blicke zu. Dann verändert der Henker seine Position, stellt sich dicht hinter ihn, das Schwert hoch über seinen Kopf hebend, um ihn mit einem Nackenstoß zu töten - die übliche Hinrichtungsart bei Deserteuren und andren schweren Verbrechen in der Legion. Der andere steht ein paar Schritte entfernt gegenüber. In dem Moment, als Berane ihre Augen abwenden will von diesem grausamen Bild, stößt der Gefangene seinen Kopf  mit aller Kraft nach hinten,  sein Henker strauchelt. Eine Sekunde später ist das Schwert bereits in den gefesselten Händen des Opfers, es schlägt dem gegenüber stehenden Legionär den Griff der Waffe ins Gesicht.  Blitzschnell dreht der Gefangene sich um, die Schneide zwischen den Handflächen, stößt dem Entwaffneten  das Schwert in den Hals, zieht es sofort wieder aus dem zusammensackenden Körper.
Geschickt wirft er es hoch und fängt es am Griff auf, wendet sich  dem anderen zu. Überrascht und betäubt von dem Schlag, kann der nicht einmal seine eigene Waffe ziehen, bevor er mit einem mächtigen Streich niedergestreckt wird.

Behände läuft der Gefangene in ihre Richtung, befreit sich dabei von seinen Fesseln. In diesem Augenblick sieht er erschreckend aus, blutbeschmiert, wachsam geduckt wie ein Raubtier auf der Jagd. Einige Meter vor ihrem Versteck stoppt er. Er beobachtet den letzten Soldaten, der ihm  abgewandt auf seinem Pferd sitzt und aus einer Flasche trinkt, nicht ahnend, dass das Opfer selbst zum Henker geworden ist. Mit  tiefer, rauer Stimme ruft er ihm etwas zu.
Der Soldat fährt verblüfft herum, wirft die Flasche weg, zieht sein Schwert und reitet in vollem Galopp auf ihn zu. Berane nutzt den Augenblick.
Sie huscht unbemerkt davon, zu ihrem Unterschlupf nicht weit von der Lichtung - unfreiwillig Zeugin einer missglückten Hinrichtung.

Der letzte Prätorianer ist tapferer als die anderen. Als der Legionär auf ihn zureitet, trifft er ihn mit einem mächtigen beidhändigen Hieb. Aber er wird selbst auch verletzt. Der Reiter trifft ihn quer über den Oberkörper im Schwung seines eigenen Hiebes , bevor er wegspringen kann. Der Schmerz ist ein greller Blitz über Brust und Rücken, aber er steht noch, als der andere vom Pferd fällt.
Der Gestürzte erhebt sich, gewillt den Kampf zu Ende zu führen. Bevor er ihn töten kann, trifft sein Gegner ihn noch einmal unterhalb der rechten Schulter und bringt ihm eine tiefe Fleischwunde bei. Der Prätorianer fällt nach diesem letzten Angriff, tödlich in die Lunge getroffen - er selbst bricht einige Sekunden später in die Knie.
Warm spürt er sein Blut  über  Brust und Rücken fließen, es durchnässt schon seine Hose, dann verliert er das Bewusstsein. Mehrere Male kommt er zu sich, ohne zu wissen, wo er ist. Als es Abend wird, kriecht er zu einer großen Eiche, sinkt zwischen die hohen Farnpflanzen, die überall wachsen.
Er beginnt zu zittern. Ihm ist kalt. Alle Kraft scheint ihn mit dem verlorenen Blut zu verlassen. Bald darauf setzt das Wundfieber ein.
Schüttelfrost peinigt ihn, er ist sehr durstig, manchmal ist er halb wach, meist bewusstlos. Dann wieder Momente der Klarheit.
‚Ich sterbe und spüre keine Angst.’ denkt er verwundert.
Er ist so müde – müde und friedvoll – die Lider fallen ihm zu.
Nach einer Ewigkeit öffnet er wieder die Augen, ein Frauengesicht schwebt zwischen den Baumwipfeln. Helle Augen mit goldenen Flecken.
Mühsam hebt er eine Hand. „Mutter“, flüstert er bittend auf Latein.
„Mutter, ich bin so durstig.“ Eine kühle, feuchte Hand legt sich auf seine Stirn, er spürt wie ihm eine Wasserflasche an die Lippen gehalten wird.
Gierig schluckt er, dann sinkt er wieder zurück ins Dunkel.

Berane wagt sich am nächsten Tag  wieder zu der Lichtung, wo der Kampf  stattgefunden hat. Sie hält Ausschau nach den Leichen, um die Waffen und alles, was ihr von Nutzen sein könnte, zu holen. Römische Waffen sind sehr wertvoll. Vielleicht gelänge es ihr, eines der Pferde einzufangen.
Alle vier hatte der Geflohene sicher nicht mitgenommen.
Sie steckt ihr Messer weg, als sie eine der Leichen wenige Schritte von ihr entdeckt. Die Raubtiere haben ihr Werk noch nicht begonnen, so ist es nicht schlimm, sie zu durchsuchen. Bald hat sie die Ausrüstung der drei Römer. Kurzschwerter, Dolche, einige Münzen in einer Börse, Rüstungen aus Leder und Metall, schwere Wollumhänge, Stiefel. Sie ist froh, dass sie gewagt hat, herzukommen. Der Mann, der die Legionäre getötet hat, ist sicher schon über alle Berge. Warum sie ihn wohl hinrichten wollten? Ein Deserteur. Oder ein Verräter.
Schnell wickelt sie ihre Beute in einen der Umhänge und versucht sie hochzuheben. Zu schwer. Sie wird das Bündel hinter sich herzuziehen müssen. Als sie schon  ein Stück vorangekommen ist, weg von der Lichtung, hört sie etwas.
Der Farn links von ihr bewegt sich. Sofort lässt sie ihre Beute fallen und greift nach ihrem Messer, erwartet einen Angriff.
Nichts.
Vielleicht ein Tier, das sie  gestört hat. Sie lauscht wachsam und hört ein leises Stöhnen, eine blutverkrustete Hand erscheint kurz zwischen den Farnwedeln. Einige Sekunden ist sie starr vor Schreck. Dann nähert sie sich vorsichtig  und entdeckt den Römer, der sich gestern befreit hat. Er liegt auf dem Rücken, fast ganz vom Farn verborgen, sein Gesicht ist aschfahl, die Erde und das Grün unter ihm dunkel von Blut. Ihrer erster Impuls ist, ihn seinem Schicksal zu überlassen. Beim Kampf mit dem berittenen Legionär muss er schwer verletzt worden sein. Seine Gesichtsfarbe zeigt ihr, dass er dem Tod nahe ist.
Automatisch kniet sie nieder, berührt seine fieberheiße Stirn. Sie weiß viel über Heilkunde von ihrer Großmutter, die in ihrem Stamm die Heilerin gewesen ist, bevor sie letzten Winter starb.
Der Instinkt einem leidenden Wesen zu helfen, steht gegen ihren Hass auf die Römer. Sie will gerade ihr Messer an seine Kehle setzen, um ihm wenigstens ein schnelles Ende zu geben, als er die Augen öffnet. Er hebt eine Hand und murmelte ein paar Worte. Sie versteht nur das Wort MUTTER. Seine hellen, flehenden Augen bannen sie, sie lässt langsam das Messer sinken, steckt es weg.
Verwirrt stellt sie fest, dass sie eine Art  Mitleid empfindet.
Sie bringt es nicht über sich, ihn einfach sterben zu lassen oder gar zu töten.
Rasch  nimmt sie eine der Wasserflaschen, die sie den Leichen abgenommen hat und kühlt sein heißes Gesicht. Er sieht sie noch immer an, murmelt heiser auf Latein. Sie hebt die Flasche an seine Lippen, er schluckt gierig, dann verliert er die Besinnung.
Als sie sich später erinnert, kommt es ihr vor, als ob der Instinkt ihren Verstand ausgeschaltet hätte. Sie versteckt ihr Bündel im Gestrüpp, will  seine Wunden  untersuchen, aber der blutgetränkte Stoff klebt fest auf der Haut.
Sie stellt sich hinter ihn und hebt ihn an den Schultern etwas hoch.
Dabei entdeckte sie, dass auch sein Rücken verletzt ist. Er ist schwer - sie ist schweißgebadet, als sie ihn einige Minuten lang über den Waldboden geschleppt hat. Es dauert lange, bis sie ihren Unterschlupf erreicht, immer wieder Atem schöpfend und  kontrollierend, ob er überhaupt noch lebt.
Sie schiebt das Gestrüpp, das den Eingang verbirgt zur Seite, drückt die Tür auf, zieht in an den Beinen hinein. Keuchend lässt sie den noch immer Bewusstlosen auf ihren Schlafplatz sinken. Ein Glück für ihn, denn sie hat ihn über den unebenen Waldboden gezerrt wie ein Bündel Holz.

Kurz ruht sie sich aus, dann macht sie sich erneut auf den Weg, um Spuren zu verwischen und ihre Beute zu holen. Als sie zurückkommt, liegt der Römer noch so da, wie sie ihn zurückgelassen hat. Sie holt Wasser, hängt den Kessel zum Wärmen übers Feuer. Dann beginnt sie vorsichtig, ihm die blutsteifen Kleider vom Leib zu schneiden. Ihre Hände arbeiten, als hätten sie einen eigenen Willen.
Sobald das Wasser warm ist, weicht sie den Stoff auf und legt nach und nach die tiefen Fleischwunden frei. Zwischendurch flösst sie ihm starken  Mohnaufguss ein, damit er nicht erwacht oder wenigstens im Dämmerzustand bleibt und nicht allzu viel spürt oder sich im Fieberwahn  wehrt.
Ein langer, böser Schnitt quer über den oberen Rücken, eine oberflächliche Wunde in der Brust und ein Hieb am Oberarm, der fast bis auf den Knochen geht ist das Ergebnis ihrer Untersuchung. Sie reinigt alles behutsam mit einem Aufguss aus Ringelblume. Die klaffenden Wunden sind bereits entzündet, rot und geschwollen. Er hat hohes  Fieber und immer wieder Anfälle von Schüttelfrost.
Den ganzen restlichen  Tag über ist sie damit beschäftigt, seine Verletzungen zu nähen und zu verbinden. Dazu benutzt sie eine feine, beinerne Nadel, verschiedene Pflanzenfasern und dünne, getrocknete Tierdärme. Für die Umschläge sammelt sie Spinnweben ein und mischt sie mit dem weißen Belag von altem Brot, drückt eine Schicht Moorschlamm darüber, die sie mit den großen Blättern der Pflanzen, die am Wasser wachsen, bedeckt. Erst dann legt sie feste Verbände aus dünnem, gegerbtem Leder an, die alles am Platz halten sollen. Als alle Wunden versorgt sind, flößt sie dem Mann nochmals einen Mohntrunk ein.
‚Schlaf ist der beste Heiler’‚ hatte ihre Großmutter oft gesagt.
Sein Fieber scheint nicht mehr besorgniserregend hoch zu sein.
Er atmet gleichmäßig, aber das Rasseln in seiner Brust  deutet auf eine schwere Erkältung hin. Erschöpft legt sich Berane auf einem der erbeuteten Umhänge neben ihn. Sie lässt ihren Patienten nicht aus den Augen, bis sie ihr zufallen.

Kurz  bevor der Morgen graut, beginnt der Mann unruhig zu werden, er stöhnt und schreit, beginnt, um sich zu schlagen. Berane erwacht sofort und kann gerade noch verhindern, dass er sich den Verband am Arm abreißt. Sie drückt ihn an der gesunden Schulter nieder, er hat die Augen halb  geschlossen im Delirium, wehrt sich heftig. Das Fieber ist wieder gestiegen, ihr Patient ist kaum zu bändigen. Als die Krise endlich abebbt und er ruhiger wird, flößt sie ihm sofort wieder Schlaf- und Fiebermittel aus Weidenrinde und Mohn ein.
Seine Atemwege sind  eindeutig befallen, er atmet schwer und rasselnd.
Das konnte ihre ganzen Bemühungen um die Verletzungen zunichte machen.
Falls es die Lungen erreichte, würde er nicht viel Chancen haben zu überleben.
Sobald der Trank wirkt, macht sie sich auf, Wasser zu holen, die Fallen zu kontrollieren und sucht nach frischen  Heilpflanzen für die Folgen der Unterkühlung. Minze, Huflattich, wilden Lauch, Kampfer, Weidenrinde in ihrem Beutel, frisches Wasser in einem großen Lederschlauch und eine Wildente mit ihrem ganzen Gelege bringt sie am späten Morgen mit zurück von ihrem Ausflug.
Der Römer schläft schwer atmend, er bewegt sich  unruhig.
Berane lädt ihre Schätze ab, nimmt die Pflanzen aus dem Beutel. Schnell facht sie das Feuer neu an, füllt den Kessel mit Wasser. Bis es heiß genug ist, nimmt sie von der Minze, dem Kampfer und dem Huflattich, zerdrückt die aromatischen Blätter zu einem Brei, den sie dem Kranken großflächig auf das obere Brustbein reibt.
Sie deckt die Masse mit Huflattichblättern ab und bindet einen weiteren festen Lederstreifen darum, indem sie seinen Oberkörper zur Seite rollt und den Wickel  über den Rücken wieder nach vorne führt. Die Reste des Pflanzenbreis reibt sie ihm mit etwas Talg  unter und in die Nase.
Die kräftigen Aromen werden  ihm das Atmen erleichtern.
Sie bestreicht auch seine aufgesprungenen Lippen damit. Dann wirft sie Kräuter für einen Aufguss ins Wasser. Bald ist der kleine Raum erfüllt vom Duft der Minze und des Kampfer. Während der Stunden bis zum Abend flößt sie dem heftig Fiebernden unermüdlich den Aufguss  im Wechsel mit dem Schlaftrunk ein.
Er glüht vor Fieber, unterbrochen von Schüttelfrostschüben. Sie häuft alle ihre Felldecken und die erbeuteten Umhänge  auf ihn, wickelt ihn fest darin ein, packt heiße Steine um seinen Körper, auf die Brust. Dann kann sie nur warten.
Während sie die Ente rupft und ausnimmt, behält sie ihn ständig im Auge.
Falls das Fieber noch lange anhält, muss sie  mit kalten Umschlägen versuchen es zu brechen. Wenn er nicht bald anfängt zu schwitzen, ist ihr Kampf um sein Leben wohl vergebens. Sie bereitet eine kräftige Brühe aus dem Fleisch und den  Knochen des Vogels. Einen Teil des Fleisches isst sie.
Erst jetzt merkt sie, wie hungrig sie ist. Den Rest packt sie in Blätter.
Die Pflege hat sie so in Anspruch genommen, dass sie Hunger oder Durst nicht mehr  wahrnimmt, wie immer wenn sie einen kritischen Fall behandelt.
Sie lässt die Brühe in einer Schale so weit abkühlen, dass man sie trinken kann, schlägt Enteneier hinein und flößt sie ihm mühsam Löffel um Löffel ein.
Er hat seit mindestens zwei Tagen nichts gegessen. Die Verletzungen und das Fieber zehren zusätzlich an ihm. Der Schüttelfrost hat aufgehört, sein Gesicht ist rot und gedunsen. Eigentlich sieht er nicht wie ein Römer aus. Die Römer sind meist klein und hager, dunkle Augen, glatt rasiert. Der Mann  hat einen Bart und ist mindestens so groß wie sie. Bisher hatte sie ihn nur als Patient gesehen, jetzt mustert sie ihn eingehend. Im mittleren Alter, vielleicht ein paar Jahre älter als sie selbst. Berane  ist Anfang Dreißig. Kräftig gebaut ist er, breite Schultern, starke Arme. Ein Krieger. Er hat Narben am Körper, die Hände sind rau, wie die eines Bauern oder Handwerkers. Er trägt eine Lederschnur mit einem hölzernen, ihr unbekannten Symbol um den kurzen, starken Hals. Kräftige Nase und Brauen, ein echtes Männergesicht bis auf den stark geschwungenen, rosigen, kleinen Mund, umgeben von einem dichten Bart.
„Was tue ich mit dir, Römer, wenn du wieder gesund wirst? Wirst du mich wie den Feind behandeln, der ich nun mal  bin? Mich gefangen nehmen oder schänden, berauben und töten?“redet Berane mehr mit sich selbst, als mit dem Kranken.
Es war dumm gewesen ihn mitzunehmen, so dumm. Aber jetzt  war es zu spät.
Sie konnte ihn nicht sterben lassen. Jetzt nicht mehr.
„Vielleicht werde ich dich mit Gewalt vertreiben müssen, oder dich gar töten.
Oh, Freya, was hat das alles für einen Sinn?“
Berane schilt sich für ihr unbedachtes Handeln. „Ich werde ihn fesseln müssen, sobald er wieder zu sich kommt. An Händen und Füßen. Und wenn er gesund ist, werde ich  ihn zum Feldlager bringen  und ihn dort aussetzen, wie ein wildes Tier, das man gesund gepflegt hat.“ Nein, von dort kam er ja. Sie pflegte ihn nicht, damit die Römer ihn am Ende doch hinrichten.  Berane lacht über sich  selbst.
Sie kann in der Siedlung niemand bitten, ihr zu helfen, sie würden ihn sofort töten. Einen Feind zu retten und zu pflegen- wie konnte sie nur so leichtsinnig und töricht sein?? Er könnte sie töten oder gefangen nehmen, ohne Rücksicht darauf, dass sie ihm geholfen hat. Die Römer kennen kaum Gnade.
„Ich muss die Flammen fragen“, murmelt sie. Berane ist keine dumme oder naive Frau. Aber ihr Verhalten ist unklug gewesen und völlig untypisch, bis auf die Tatsache, dass sie ihrer inneren Berufung zu helfen und zu heilen nachgegeben hat. Dann bemerkt sie, dass seine Stirn feucht ist. Innerlich jubelt sie auf, aber ihr Verstand tadelt sie sofort. „Du hast gewonnen. Er schwitzt, die Krise ist vorüber. Nun, sieh zu wie du mit ihm fertig wirst.“
Sie schiebt diese Gedanken vorerst beiseite, konzentriert sich wieder auf ihren Patienten. Sein Gesicht ist schweißnass. Sie flösst ihm in der nächsten Stunde weiter  Tee und Brühe ein. Er wird langsam kühler, seine Hose ist feucht  und die Umhänge ebenfalls. Der kranke Geruch, den er verbreitet hat, schwindet mit dem Fieber. Aber er riecht auch  stark nach Schweiß und Urin, da er die Kontrolle über seinen Körper während der Ohnmachten und Krisen verloren hat.
„Ich muss ihn waschen und das Lager  neu machen“, redet sie leise mit sich selbst. Sauberkeit ist wichtig an einem Krankenlager für das Wohlbefinden von Patient und Heiler. Rasch flößt sie ihm den Rest des Schlafmittels ein, nimmt die Decken und Umhänge weg, legt die abgekühlten Kochsteine wieder zurück ans Feuer. Dann  schnürt sie seine Stiefel auf, zieht ihm die Hosen aus, hüllt ihn schnell in den  relativ sauberen Umhang, auf dem sie geschlafen hat.
Die blutverkrustete Hose und die verschwitzten Umhänge nimmt sie mit zu dem kleinen See nicht weit von ihr. Sie weicht sie ein , bearbeitet sie mit Seifenkraut und einem flachen Stein. Die ausgewrungenen Kleider hängt sie später zum Trocknen über die Äste der Bäume. Der kräftige Wind  an diesem Tag müsste sie bald getrocknet haben. Schnell zieht Berane sich aus, hängt ihren Kittel und die Hose über einen Ast. Sie löst ihr Haar, das sie immer im Nacken zusammenbindet und steigt bis zur Taille in den See, taucht kurz unter, reibt sich bebend mit dem restlichen  Seifenkraut ab. Kurz danach ist sie zurück, die Arme voll  duftendem Farn. Sie schürt das Feuer, dann rollt sie den Betäubten zur Seite und legt ein dickes Polster  frischer Wedel auf sein Lager, dreht ihn vorsichtig auf den Bauch.
Behutsam zieht sie den Umhang von seinem nackten Körper, beginnt ihn rasch mit einem weichen Stück Fell, getränkt mit einer  Mischung aus Kamillensud und Seifenkraut, die seit ihrer Abwesenheit im Kessel gezogen hat, abzureiben.
Dies hat sie schon oft getan,  ein nackter Körper hat nichts Peinliches  für eine Heilerin, egal ob Mann oder Frau. Dann trocknet sie ihn mit einem der sauberen Leinenkleider ab, die sie im Sommer trägt. Ein feiner Duft nach Kamille  breitet sich aus. Bevor sie ihn zurück auf den Rücken rollt, lockert sie den Verband der großen Schnittwunde unter den Schultern und stellt fest, dass die Entzündung zurückgeht.  Die anderen Verletzungen sehen ebenfalls besser aus.
Mit einem zufriedenen Lächeln wäscht sie ihn fertig, hüllt ihn wieder in den dicken Wollstoff, legt noch einmal Holz aufs Feuer.
Sie versucht das Flammenritual zu beginnen, aber sie ist zu müde, rollt sich neben der Feuerstelle zusammen und schläft sofort ein.

Den ganzen folgenden Tag bleibt der Römer dank ihrer Heiltränke ruhig.
Er hat nur noch leichtes Fieber, einige Male hat er die Augen halboffen, scheint aber nichts wahrzunehmen. Berane kennt diesen Halbschlaf der Genesung. Zufrieden stellt sie an seinen Atemgeräuschen fest, dass seine Lungen kaum befallen sind. Er hat angefangen zu husten, sie gibt ihm lindernde Aufgüsse dagegen. Bevor sie in die Siedlung geht, um Kranke zu versorgen, Kräuter und erlegte Vögel gegen andre Lebensmittel zu tauschen, fesselt sie ihm mit widerstrebenden Gefühlen Hand–  und Fußgelenke.
Sie stellt eine Schale mit Wasser vor ihn  hin, falls er erwacht, bevor sie zurück ist. Es kann nicht mehr lange dauern, bis er das volle Bewusstsein wiedererlangt.

Maximus Decimus Meridius, Tribun der in Germanien stationierten Legionen des Römischen Imperators Marcus Aurelius, siegreicher Feldherr in der letzten Schlacht gegen die Barbaren erwachte im Dunkeln.
Als er sich bewegte, stellte er fest, dass er an Händen und Füßen gefesselt war. Pochender, stechender Schmerz in Rücken, Brust und im rechten Arm.
Soweit als möglich tastete er sich ab, bemerkte, dass sein Oberkörper an mehreren Stellen verbunden war. Er war nackt und lag in etwas gewickelt, das er schnell als Armeeumhang  erkannte.
Meridius ruhte mit weit geöffneten Augen auf etwas Weichem, das wie ein dicke Schicht aus Farn roch und versuchte verzweifelt all das, woran er sich erinnern konnte und dies hier miteinander zu verbinden.
Langsam gewöhnten sich seine schmerzenden Augen an das Halbdunkel und er konnte erkennen, dass er sich in einem Raum mit einer Feuerstelle befand.
Eine Schale Wasser stand vor ihm, er hob sie mit beiden Händen auf, leerte sie durstig.
„Selene, hilf mir!“ murmelte er. Seine Kehle schmerzte und  seine Stimme klang so heiser, dass sie fast nicht zu hören war. Selene war nicht da.
Wie in den bald drei Jahren davor. Es war nicht ihre Schuld.
Nichts hiervon war ihre Schuld.
Meridius schloss die Augen, gab sich Erinnerungen  hin.
Sein Weib, ihren Sohn an der Brust. Sein wunderbares Weib, das ihm nie Vorwürfe gemacht hatte. Nie geweint hatte in seiner Gegenwart, wenn er Abschied nahm. Alles was er je gewollt hatte. Eine Familie. Kinder.
Warum hatte er nicht ‚NEIN’ gesagt?
Nicht als Marcus ihn zum Statthalter von Trujillo machte?
Nicht als Marcus ihn zum Tribun machte?
Nicht als er ihn zum Feldzug nach Germanien beorderte? Nicht. Nicht. Nicht.
Sie hatte NICHT geweint. Nicht vor ihm.
Sie hatte ihm versichert , sie sei stolz auf ihn. Dann war sie hinausgegangen.
Sie hatte  nicht gewollt  , dass er die Tränen sah.
Nur das Miniaturporträt, das sie ihm letztes Jahr mit einem der Briefe geschickt hatte, erinnerte ihn genau an ihre Züge. Davor waren es nur noch Details gewesen, die vor seinem inneren Auge erschienen, das woran sich seine Sinne erinnerten. Dunkles , langes Haar, gewellt. Dunkle Augen. Eine helle, süße Stimme. Ihre kleine Gestalt. Weiche Haut, ein weiblicher Duft. Vermischt mit Orangen, Zitronen und Jasmin. Warme Nächte voller Zikadengezirpe und ihrem scheuen Kichern in den Flitterwochen. Das Schönste woran er sich erinnern konnte. Nicht Ruhm und Sieg. Die sanften Hände seiner Frau an seinem Gesicht, auf seiner Haut. Ihr Blick und ihr Lächeln, wenn er sie beim Stillen ihres Kindes beobachtet hatte. Ihre Laute, wenn sie sich geliebt hatten.
„Selene, verzeih mir.“ murmelte der Tribun in das Halbdunkel.

 
Höchstens ein Jahr hatte er fortbleiben wollen. Es waren nun fast drei.
Viele Briefe nach Spanien und zurück ins Feldlager lang. Meist bemühte sie sich , ihn abzulenken mit Berichten von ihrem Sohn, von den Verwandten, den Ernten. Aber hin und wieder las er zwischen den Zeilen, dass  sie ihren Mann vermisste, den Vater für ihr Kind. Es war eine arrangierte Heirat gewesen.
Das Paar hatte sich vorher kennen lernen können,  um unüberwindliche Antipathie auszuschließen. Man hatte sich einige Male unter Aufsicht besucht und bald  festgestellt, dass man sich  mochte, was sich allmählich in  Verliebtheit und in der Ehe zu tiefer Verbundenheit entwickelt hatte.
Es hatte viele Jahre gedauert bis ihr Sohn zur Welt kam. Selene war fast verzweifelt, sie fürchtete unfruchtbar zu sein. Ihr Gemahl stieg die Karriereleiter in der Armee höher und höher indessen und was sie am meisten gefürchtet hatte, geschah an einem kühlen Frühlingsabend nach dem fünften Geburtstag  von Claudius. Ein Bote kam mit einem Schreiben des Kaisers.
Der Tribun Meridius solle sich binnen dreier Tage an die Donau aufmachen, ins Feldlager Vindobona , dessen neuer Kommandant er nun  sei, Tribun der gesamten Truppen in Germanien. Selene hatte kein einziges Mal geklagt oder geweint in diesen drei Tagen, obwohl sie krank vor Angst um ihn war. Nur bei seinemAbschied. Claudius hatte es nicht verstanden. Er hatte seine Mutter noch nie weinen sehen und seinen Vater noch nie so ernst und traurig.
Selene, Tochter eines Weinbauern, der nach seiner Dienstzeit bei der Armee in Spanien geblieben war, wie der Vater ihres Mannes, hatte einen Offizier geheiratet. Die meisten Frauen, die sie kannte, liebten ihre Männer nicht und es kümmerte sie kaum, wenn sie lange fort waren.
Ihnen war so viel Glück zuteil geworden. Liebe, Wohlstand, ein Sohn.
Dies war der Preis dafür.
Es war seine Pflicht. Er hatte keine Wahl.

Die Germanen waren schwerer zu besiegen gewesen,  als der Kaiser  oder er je geglaubt hatten. Marcus.
Die Erinnerung durchzuckte ihn wie ein Peitschenhieb. Marcus war tot.
Sein Mentor und väterlicher Freund. Sehr überraschend gestorben in der Nacht nach dem endgültigen Sieg über die restlichen Rebellen.
Angeblich eines natürlichen Todes. Der Kaiser war alt gewesen, aber er hatte noch am  selben Morgen mit ihm gesprochen. Erst jetzt konnte er um ihn weinen. Minuten nachdem er von des Kaisers Totenbett in sein Zelt zurückgekehrt war, hatten ihn seine eigenen Leute verhaftet. Hochverrat.
Er hatte Commodus die Gefolgschaft  verweigert  aus einem Impuls heraus, der ehrlich aber äußerst unvorsichtig gewesen war. Marcus hatte ihm an diesem Morgen seine Nachfolge angetragen, bis der Senat die Republik ausrufen würde. „Commodus ist kein moralischer Mensch. Er darf nicht herrschen.“ waren Marcus beschwörende Worte gewesen. Hatte seine eigene Eitelkeit, die er immer so geschickt zu verbergen wusste, ihm einen fast tödlichen Streich gespielt?
Erst war er wie vor den Kopf geschlagen gewesen, als Marcus ihn fast anflehte seine Aufgaben zu übernehmen nach seinem Tod.
Rom. Das höchste Amt. Meridius war ehrgeizig.
Er schämte sich manchmal dafür als Anhänger der Schule der Stoa. Bescheidenheit, Demut, Einfachheit. Aber sein Ehrgeiz war ein ehrlicher, aufrechter. Der Kaiser war selbst Stoiker gewesen. Meridius konnte stur sein, wenn er von etwas überzeugt war. Diese Sturheit war sein Fehler gewesen.
Er war kein Diplomat. Loyal, ehrlich, gradlinig , aber nicht diplomatisch.
Es war nie seine Natur gewesen.
Lucilla war ihm begegnet als er Marcus Zelt verließ. Sie musste Verdacht geschöpft haben, versuchte ihn auszuhorchen. Viele Jahre waren vergangen, es war  fast ein Schock gewesen, sie wiederzusehen. Aus dem hübschen Mädchen war eine schöne, kluge Frau geworden, die ihm zunächst kühl und berechnend erschienen war. Dann hatte sie ihm signalisiert, dass sie keinen Groll gegen ihn hege und er sah hinter die Maske der hochgestellten Dame.
Sie war Witwe, Verus war gefallen . Am Totenbett ihres Vaters hatten sie sich  noch einmal gesehen. Sie hatte ihre Jugendliebe entsetzt angesehen, als er die ausgestreckte Hand ihres Bruders abwies und grimmig aus dem Zelt des Aurelius stürmte. Sie hatte gewusst, wie ihr Vater entschieden hatte.
Auch Commodus musste es gewusst haben. Des Kaisers plötzlicher Tod war ein Rätsel. Aber er konnte nichts beweisen.
Wieweit Lucilla mit in dieser Intrige steckte- wer konnte das sagen.
Er traute ihr vieles zu. Und selbst wenn er ihrem Bruder Gefolgschaft geschworen hätte, er wäre dennoch im Weg gewesen. Nur die republiktreuen Senatoren  hätten ihn retten können, aber er war verhaftet worden bevor er sich ihnen anvertrauen konnte. Commodus durfte  nicht riskieren ihn zuviel Einfluss gewinnen zu lassen.

Meridius hatte den vernachlässigten Knaben damals auf Capri kennen gelernt und der Jüngere hatte ihn als Freund und Vorbild gesehen. Galeria, jetzt Kaiserin Faustina, war dem Klatsch nach zu sehr  mit ihren Amouren mit Schauspielern und Gladiatoren beschäftigt, um sich selbst um ihre  Kinder zu kümmern.
Dafür gab es Diener. Die Aufmerksamkeit die seine Schwester dem Spanier schenkte, hatte ihn verletzt, da er in die  kapriziöse Lucilla vernarrt war, aber gleichzeitig hatte er den vermeintlichen  Rivalen um ihre Gunst zum Freund haben wollen. Meridius war ihm entgegengekommen, hatte den Knaben unter seine Fittiche genommen, ihn behandelt wie seinesgleichen. Sie waren Fischen gegangen und Reiten, er hatte ihn ein wenig im Fechten unterwiesen. Die unkontrollierten Wutausbrüche des Knaben hatte er damit entschuldigt, dass ihm die liebevolle Strenge von Eltern wie seinen eigenen, gefehlt hatte. Dennoch hatte er ihm klar zu verstehen gegeben, dass er solches Verhalten nicht akzeptiere und hatte den Knaben aufgefordert sich wie ein Mann und nicht wie ‚ein kleines Kind’ zu benehmen. Der hatte zunächst beleidigt reagiert, aber die Freundschaft des einnehmenden, jungen Spaniers war ihm wichtiger gewesen.
Commodus war, wie Lucilla, gewohnt seinen Willen zu bekommen.
Meridius hatte sich damals freundschaftlich vom Sohn des Kaisers verabschiedet und ihn erst vor wenigen Tagen nach der Schlacht wiedergesehen.
Ein dunkler Adonis war er geworden, schlank und athletisch.
Seine Augen hatten Maximus beunruhigt. Commodus Blick war noch immer  der eines verzogenen Kindes und im nächsten Moment kalt und unberechenbar, wie der eines Reptils. Formell hatten sie sich begrüßt und Marcus hatte ihm, dem Feldherrn,  nicht dem Sohn,  vor der ganzen Truppe den Vorzug gegeben. Das  allein mochte Grund genug gewesen sein ihn loszuwerden.
Und er selbst hatte ihm das Schwert gereicht ihn zu richten mit seinem unüberlegten Hochmut.
Meridius schüttelte bei dem Gedanken an seinen törichten Stolz, seine Dummheit den Kopf. Quintus, sein erster Offizier hatte eine Bemerkung gemacht, die  kalte Panik in ihm geweckt hatte. „Du wirst deine Familie im Jenseits wiedersehen.“ hatte der erwidert, als sein Tribun ihn bat sich um Selene und seinen Sohn zu kümmern, nachdem das Urteil gesprochen war.
‚Reitet bis zum Morgengrauen, dann exekutiert ihn.’
Meridius hatte in ohnmächtiger Wut aufgeschrieen , aber ein Schlag auf den Kopf hatte ihn  sofort verstummen lassen. Instinktiv zerrte er an den Fesseln, sank aber gleich  resigniert zurück auf sein Lager, als er spürte wie schwach er war und wie viel Schmerzen ihm die Bewegungen verursachten. Er schloss erschöpft die Augen, weinte um Marcus und verfluchte gleichzeitig  sein Unvermögen sofort nach Hause zu reiten, um seine Familie zu beschützen. Man hielt ihn hoffentlich für tot.
Das würde ihm Zeit verschaffen. Selene und Claudius würden Nachricht bekommen, dass er gefallen sei und dann ...eiskalt griff  wieder die Angst nach seinem Herzen.‚Du wirst deine Familie im Jenseits wiedersehen’.
Man würde sie heimlich beseitigen, alle Stimmen zum Schweigen bringen.
‚Meridius, du  eitler  Narr!’ schalt er sich  in Gedanken.
‚Du warst unbedacht, stolz und überheblich. Du hast gedankenlos die Deinen gefährdet mit deinem Verhalten. Und jetzt bist du auch noch undankbar.
Du hast überlebt. Dank wem auch immer. Tot kannst du nichts mehr bewirken.’
Zutiefst frustriert von der Situation und seinem Zustand schlief er wieder ein.
Als er das nächste Mal erwachte, war er nicht mehr allein.

Berane hat einen Fußmarsch von einer Stunde  zurückzulegen. In diesem Dorf ist sie aufgewachsen. Es war eine blühende, wachsende Siedlung gewesen, die Ernten waren gut gewesen  und die rund hundert Einwohner hatten eine funktionierende Gemeinde gebildet. Kämpfe mit anderen Stämmen waren Vergangenheit seit Baldurs Vater Germund die umliegenden Dörfer davon überzeugt hatte, dass sie ein Bündnis gegen Räuber und Plünderer schließen mussten.
Sie hatten  gemeinsam über die Jahre Übergriffe abgewehrt, denen eine Siedlung allein nicht hätte standhalten können. Die Wehrhaftigkeit in diesem Landstrich sprach sich herum. Germund wurde  eine Art Vorsitzender des Rates, der aus den Ältesten der verbündeten Gemeinden bestanden hatte. Baldur war sein Sohn gewesen und ihr Spielkamerad von klein auf. Er war zu einem großen, blonden Mann herangewachsen und ihre Freundschaft war zu einer festen Bindung gereift. Für alle, die sie kannten, stand fest, dass Baldur und Berane einmal das Bündnis ablegen würden als Mann und Frau. Er war einer der wenigen, die es begrüßten, wenn eine Frau mit dem Schwert und dem Bogen umgehen konnte. Sie gingen oft gemeinsam auf Jagd und maßen sich miteinander an den Waffen.
Berane war fast so groß wie er und eine bessere Schwertfechterin geworden als mancher Mann  unter seiner Anleitung. Obwohl Jungfräulichkeit keinen großen Status hatte bei den Germanen, war es doch üblich, dass vor dem Fest der Vermählung die Braut nicht das Lager mit ihrem Zukünftigen teilte.
Baldur drängte sie nicht, sie hatten sich geeinigt im nächsten Frühjahr Mann und Frau zu werden. Bis dahin gab es Küsse und andre Zärtlichkeiten, sie verbrachten aber nie eine Nacht gemeinsam. Sie wollten es sich aufheben für das Fest.
Dann, vor über 10 Jahren, waren die Römer gekommen.
Die Nachricht von den  technisch und zahlenmäßig überlegenen  Eroberern hatte sie schnell erreicht, und nach einigen verlustreichen Scharmützeln anderer Gemeinden mit den Römern hatte Germund versucht einen Friedensvertrag auszuhandeln. Er war mit den Führern der verbündeten Dörfer zum Feldlager der Römer gegangen und hatte dem Kommandanten jährliche  Abgaben und Vieh angeboten als Tribut für Frieden und Freiheit für die Siedlungen.
Bedingung war ,dass keine jungen Leute entführt und verschleppt werden dürfen, wie es oft geschah. Vor allem die jungen Frauen waren gefragt als Wäscherinnen, Köchinnen und natürlich als Konkubinen für die Offiziere und  Lagerdirnen für die gemeinen Legionäre. Jedes Dorf würde zehn junge Frauen schicken, die tagsüber für die Römer arbeiten, aber zu nichts andrem gezwungen werden sollten.
Der Kommandant ging auf das Angebot ein und hielt sich daran.
Ständige Scharmützel mit den Einheimischen wegen Entführungen und Plünderungen waren unnötig. Der Tribun Marcus Claudius Fronto, ein Freund des Kaisers, war ein Mann mit Gewissen  und einem guten Herzen, was selbst mehrere Feldzüge nicht hatten ändern können. Unzucht im Lager und damit verbundene Ansteckung durch Krankheiten und Seuchen, sowie Streitereien waren ihm ein Dorn im Auge. Er sorgte in seiner Truppe dafür, dass  gesunde, römische  Prostituierte die Truppen begleiteten, die von ihm eine gute Prämie erhielten zusätzlich zu dem, was die Männer ihnen bezahlten für ihre Dienste.
So blieb das ganze unter Kontrolle. Fronto war Römer und Stoiker, aber auch Vater und er wusste das einen‚Barbaren’ Unrecht so schmerzte wie einen Römer und Willkür keine Grundlage für Frieden war. Einzelne der germanischen Mädchen fingen heimlich Liebeleien mit den Legionären an, wie es bei jeder Besatzung geschieht, aber dies taten sie freiwillig. Die anderen Frauen wurden zum Teil umworben, aber es gab nur einen einzigen  Übergriff. Der Täter wurde streng bestraft und von da an war Ruhe. Die Römer waren also doch mehr als nur brutale Eroberer, man schien  unter ihrer Herrschaft leben zu können.
Germunds defensive Politik mit den Römern hatte viele Kritiker. Vor allem die jungen Männer sahen ihren Stolz verletzt und warfen ihm heimlich Verrat an ihrem Volk vor, trotz aller Unsinnigkeit einer kriegerischen Haltung gegenüber dem  übermächtigen Rom, das die halbe Welt beherrschte.
Die Dinge normalisierten sich, das Leben lief wieder in geregelten Bahnen.

Einige Monate nach dem Friedensabkommen wurde Fronto abgelöst.
Der neue Befehlshaber sah keinen Grund, einem unterlegenen Volk Zugeständnisse zu machen und ließ die Frauen, die für die Römer gearbeitet hatten an seine Offiziere verteilen und nahm sich  selbst Germund  Tochter Arnhild, eine 15jährige Jungfrau der Freya, in sein Zelt. Die Mädchen waren alle Schülerinnen von Beranes Mutter Ute. Als sie eines Abends nicht heimkamen, bat am nächsten Morgen Germund zusammen mit Ute und einigen Ältesten den neuen Kommandanten sprechen zu dürfen. Sie wurden von einem jungen, gutaussehenden Mann in seinem Zelt empfangen, der sie ruhig anhörte und dabei Wein aus einem kostbaren Pokal trank. Germund war sehr diplomatisch, er wusste, dass er nichts fordern konnte. Er konnte nur an Ehre, Menschlichkeit und die moralischen Pflichten eines Führers appellieren. Ihre Töchter waren in der Gewalt dieses Mannes, ein falsches Wort könnte furchtbare Folgen haben.
Er ahnte, dass ein Abkommen, wie das mit Fronto, eher die Ausnahme war.

Was Germund nicht wissen konnte, war, dass Gracchus Septimus Valens strafversetzt worden war ins kalte, karge Germanien. Er hatte in Spanien  eine Garnison befehligt und einer seiner Unteroffiziere, ein in Trujillo geborener Römer namens Meridius hatte ihn ans Messer geliefert.
Valens war ein Emporkömmling. Sein Vater, ein reicher Senator hatte ihm den Posten verschafft, weil er der Ausschweifungen und Unmoral seines Sohnes überdrüssig war. Der hatte in Spanien rasch eine Clique von Trunkenbolden, Schlägern und Wüstlingen um sich gesammelt und unverdrossen weitergemacht, womit er in Rom hatte aufhören müssen. Die Unteroffiziere bekamen alle Pflichten aufgehalst und er vergnügte sich mit den Offizieren, die Geschäftsleute einzuschüchtern und auszuplündern, ihre Söhne und Töchter zu missbrauchen  und grausame Kampfspiele mit Sklaven und Tieren zu veranstalten.
Meridius und einige andere hatten sich hin und wieder angeschlossen, waren mit ihnen durch ein paar Schenken gezogen, hatten bei einigen Spielen zugesehen.
Er versorgte sie mit Wein, den er selbst anbaute. Dieser Meridius, der den Dialekt der Einheimischen sprach und in der Gegend aufgewachsen war, ging bald nicht mehr mit zu den Orgien und Beutezügen, belieferte Valens aber weiterhin kostenlos mit dem ausgezeichneten Wein der Gegend.
Im Geheimen hatten sich die Unteroffiziere unter seiner Führung verbündet, Beweise gesammelt und Valens und seine Mittäter nach einigen Monaten des Terrors für die Bevölkerung beim Oberkommando hochgehen lassen.
Es gab kein offizielles Verfahren, das wusste Valens’ Familie um ihres Rufes willen zu verhindern. Die Deliquenten wurden einzeln strafversetzt nach Germanien und Britannien. Valens hatte danach  versucht Meridius in einer Schenke umbringen zu lassen, aber der Wirt erfuhr von dem Plan  und warnte den jungen Offizier. Er wusste, wer ihn von seinem Peiniger erlöst hatte, der wöchentlich hohe ‚Schutzgelder’ erpressen hatte lassen. Meridius, der ein Landgut bei Trujillo geerbt hatte und jung verheiratet war, wurde überraschenderweise zum neuen Kommandanten der kleinen Garnison ernannt und stand von da an in hohem Ansehen bei der Bevölkerung und seinen Männern.

Die Aufdeckung von Valens’ Machenschaften rief seinen Namen in den höchsten Kreisen in Erinnerung. Er hatte vor Jahren einen Sommer auf dem Landsitz des Kaisers auf Capri verbracht als blutjunger Adjutant und war in der kaiserlichen Familie gern gesehen gewesen. Vor allem der Kaiser selbst hatte große Stücke auf den jungen Mann gehalten, den Sohn eines ehemaligen Offiziers. Der hatte vor seinem Tod die Legion  mit Wein und Vieh belieferte, nachdem er eine Einheimische geheiratet hatte. Schon damals hatte sein Sprössling ähnliches Rückgrat und Prinzipien gezeigt.  Dem Kaiser war die Romanze zwischen dem jungen Spanier und seiner Tochter Lucilla entgangen, die bereits aus Staatsräson mit seinem wesentlich jüngeren Stiefbruder Lucius Verus verlobt  gewesen war.
Lucilla war es gewohnt, dass Männer sie verehrten. Zumal  sie eine elegante, junge Schönheit war  und natürlich verwöhnt vom Luxus und all der Aufmerksamkeit. Sie war bald  verliebt gewesen  in den  anziehenden, aber  schüchternen Meridius, der viel über Dichtung und Kunst wusste, aber auch ein begabter Soldat war. Ihr Verlobter, der Tribun Lucius Verus war ein Soldat von Schrot und Korn, 15 Jahre älter als sie, der es  bisher sehr an Romantik und liebevollen Gesten gegenüber seiner jungen Braut hatte fehlen lassen. Er sah es  als überflüssig an.
Lucilla hatte in der hochromantischen Landschaft von Capri und durch den ständigen Kontakt zu dem liebenswerten  jungen Legionär, der sie verehrte den Kopf verloren gehabt, wollte ihre Verlobung lösen und mit dem Spanier durchbrennen. Sie hatten bis dahin lediglich kleine Liebkosungen und Küsse getauscht. Eines Nachts war sie in sein Zimmer geschlichen, um  ihre Verlobung zu zerstören und ihren Vater zu zwingen, Meridius heiraten zu können.
Der jedoch  beschwor sie zu gehen, worauf sie sich in eine hitzige Diskussion verstrickten. In ihrer Eitelkeit verletzt,  hatte sie ihm vorgeworfen, er sei ein opportunistischer Feigling und hätte sie nur benutzt, um sich bei ihrem Vater einzuschmeicheln. Meridius hatte schockiert das Zimmer verlassen, da sie nicht freiwillig hatte gehen wollen. Der junge, unerfahrene Mann, der die Kaisertochter  wie eine Göttin verehrt hatte, sah sein Idol vom Sockel stürzen und übrig blieb ein hübsches, reiches, verwöhntes Gör, das seinen Kopf durchsetzen wollte, gegen alle Vernunft. Er ging ihr danach aus dem Weg. Der 18 jährige reiste kurz darauf Hals über Kopf ab. Sein Vater war schwer erkrankt und starb im Jahr darauf.
Er hinterließ Lucilla einen Brief, in dem er ihr klar zu machen versuchte, dass es nur jugendlicher Übermut von ihnen beiden gewesen sei, der Charme von Capri und er immer ihr Freund sein würde. Und ihr alles Gute für ihre Ehe mit Verus wünsche. Lucilla schrieb ihm erst  nach einem Jahr zurück.
Ein Jahr in dem sie erst getobt, dann geschmollt und schließlich eingesehen hatte, dass Meridius sie vor einem großen Fehler bewahrt hatte.
Jeder andre hätte sie entjungfert, es hinausposaunt und einen Riesenskandal heraufbeschworen. Sie schämte sich im Nachhinein, erkannte die Wahrheit in seinen Worten und beschwor ihn, dies nie preiszugeben.
Sie war jetzt die Frau von Lucius Verus.
Er antwortete sofort auf ihren Brief und versicherte ihr absolute Verschwiegenheit.
Und er hielt Wort.

Der Zwischenfall mit Valens brachte die Erinnerung von Vater und Tochter an ihn zurück. Lucilla schlug beiläufig vor, ihn zum Nachfolger von Valens zu ernennen, als bei Tisch darüber diskutiert wurde. Der Kaiser meinte, er sei noch etwas zu jung für einen solchen Posten, aber er habe es eigentlich verdient für diese beherzte Tat.
Lucilla, die inzwischen zu einer ernsten, pflichtbewussten Frau  herangereift war, unglücklich in ihrer Vernunftehe und besorgt die Entwicklung ihres unberechenbaren, kleinen Bruders Commodus beobachtete, freute sich sehr über diesen Gefallen, den sie ihrer Jugendliebe erweisen konnte. Jetzt waren sie quitt.
Er würde es nie erfahren, denn sie hätte ihm zugetraut, dass er den Posten ablehnen könnte in seiner grundehrlichen Art, die aus ihrer Sicht  manchmal an Dummheit grenzte.

So war es gekommen, dass der weise und umsichtige Germund statt mit dem  humanen Stoiker Fronto, den Aurelius zurück nach Rom berufen hatte, mit dem skrupellosen Opportunisten Valens um das Schicksal seiner Gemeinde und ihrer Kinder feilschen hatte müssen. Der neue Kommandant  hörte aufmerksam dem Dolmetscher zu, dann ließ er sich den Pokal erneut füllen und nahm einen tiefen Schluck.
„Nun, die Verträge meiner Vorgänger gehen mich nichts an, Germane“,meinte er gelangweilt. „Die Mädchen habe ich den Offizieren überlassen. Die Abgaben werde ich weiterhin fordern.“ Germunds Fäuste hatten sich geballt, als er verstanden hatte, was der schöne, blonde Mann zu ihm gesagt hatte.
Er selbst hatte noch kein Wort erwidert, als er von den Wachen weggezerrt wurde. Valens hatte die Geste als aggressiven Akt gedeutet und befohlen den Mann zu hängen. Er hatte von Beginn seines Amtes in Vindobona an  vorgehabt, ein Exempel zu statuieren, um sich Respekt zu verschaffen.

Baldurs  Vater starb wenige Minuten später an einem Strick im römischen Feldlager. Beranes Mutter Ute wurde mit den anderen vom Rat zurückgeschickt, nachdem man sie aus dem Lager geprügelt hatte.
Arnhild, Germunds Tochter, die Valens in der Nacht davor vergewaltigt hatte, entdeckte am Abend die Leiche ihres Vaters an einer Eiche hängend, einige Meter vor dem Lager. Sie stahl einen Dolch und empfing in derselben Nacht den Kommandanten  unterwürfig in seinem Zelt. Ihr reizendes, junges  Gesicht war mühsam beherrscht, während sie ihm zitternd Wein einschenkte.
Der Dolch war unter ihrem Ärmel festgebunden. Valens drängte sie bald zu seinem Bett, forderte intime Liebkosungen von ihr.
Sie tat als würde sie ihm gehorchen, berührte ihn, wie er es verlangt hatte.
Als er die Augen schloss, zog sie den Dolch und hätte es fast geschafft, seine Kehle tödlich zu treffen. Aber Valens war ein ausgebildeter Soldat mit geschärften Reflexen und  Instinkten. Arnhild war nur ein halbes Kind, das in der Nacht davor missbraucht worden war und  ihren Vater tot an einem Baum vor dem Feldlager gesehen hatte. Eine Stunde später hing sie neben ihm.
Der Kommandant hatte sie eigenhändig erwürgt.
 Die Narbe, die ihm  von ihrer verzweifelten Attacke blieb, erinnerte Valens sein Leben lang  an diese Nacht.

Berane fühlt nach so vielen Jahren noch immer  tiefe Trauer, als sie sich an die Ereignisse von damals erinnert. Ute war grün und blau geschlagen nach Hause gekommen, hatte weinend behauptet der neue Kommandant habe Germund einfach hängen lassen. Ihre Tochter war sofort zu Baldur gelaufen und nach Anbruch der Dunkelheit mit ihm zum Feldlager geschlichen.
Sie hatte Baldur noch nie weinen sehen seit er erwachsen war.
Als er seinen Vater und seine kleine Schwester in dieser Nacht von dem Baum geschnitten hatte, während sie ihm  mit dem Bogen Deckung gab, war sein Gesicht nass von Tränen gewesen. Berane  selbst war starr vor Entsetzen, wozu die Römer imstande waren. Baldur hatte Germund ins Dorf getragen, Berane trug Arnhild. Das Mädchen war eine begabte Schülerin ihrer Mutter gewesen, sehr interessiert an Runendeutung und anderen Riten, vielleicht eine zukünftige Seherin.
Germund war ein unersetzlicher Verlust, nicht nur als Vater, auch als Diplomat. Diese schreckliche Nacht hatte sie mit Baldur, seiner Mutter Alfrid  und den beiden Toten verbracht. Baldur hatte nicht viel gesprochen. Immer wieder hatte er sie beide  umarmt, sie hatten sich aneinandergeklammert und gemeinsam geweint. Am nächsten Abend hatten sie Vater und Tochter  feierlich verbrannt wie es Brauch war. Die Gemeinde hatte ratlos und verstört teilgenommen.
Baldur war nach dieser Zeit ein andrer geworden. Krank vor Schmerz und Wut hatte Rache sein Denken regiert. Sie hatte versucht ihn zu beschwichtigen, bat ihn zu warten, beobachtete mit Sorge, wie der Mann, den sie liebte sich veränderte, hart und grausam wurde. Jetzt wusste sie, dass er Recht gehabt hatte.
Sie konnten sterben wie Vieh oder sich wehren. Baldur wählte den Kampf.
Der Mord an seinem Vater und seiner Schwester vergiftete seine Seele.
Er war besessen davon Valens zu töten oder wenigstens so viele Römer als möglich. Alle kampffähigen Männer der Siedlungen, die Germund geeint hatte, schlossen sich ihm an, als die Nachricht von Germunds und Arnhilds Tod die Runde gemacht hatte.
Die jungen Männer, welche mit Mädchen, die jetzt im Lager  festgehalten wurden, versprochen oder verwandt gewesen waren, bildeten mit ihm eine Einheit.
Rasend vor Zorn griffen sie die Römer an, wo sie gingen und standen.
Anfangs hatten sie Glück, dann verstärkten die Römer ihre Späher.
Einer nach dem anderen von Baldurs Mitstreitern  wurde getötet oder gefangen und  hingerichtet. Bei einer der  großen Schlachten vereinte Baldur seine verbliebenen Männer mit dem Heer der Chatten. Alfrid begleitete ihren Sohn. Berane versuchte sie davon abhalten, war aber selbst bereit gewesen, mitzugehen. Ihre Eltern flehten sie an, es nicht zu tun. Sie gab nach und blieb.
Keiner aus dem Dorf und den anderen Siedlungen kehrte zurück. Ein halbes Jahr später war Valens  abgelöst worden wegen Korruption und übertriebener Grausamkeit gegenüber Untergebenen und Gefangenen.

Die ersten Hütten kommen in Sicht. Berane ist ratlos, was den Römer angeht.
Nach all dem, was sie erlebt und gesehen hat, den Feind zu pflegen, zu retten- sie schüttelt den Kopf über ihr Handeln, das für andre völlig verrückt und unverständlich erscheinen muss. Niemand darf es erfahren.
Eine alte Frau entdeckt die sich nähernde Gestalt, kommt ihr entgegen, umarmt sie. „Wir haben uns schon Sorgen gemacht um dich, Berane!
Zwei Tage warst du nicht bei uns. Wittgern hat wieder diesen bösen Husten, hast du etwas für ihn?“ fragt sie. Edred ist eine entfernte Verwandte ihres Vaters, ihren Mann behandelt sie seit ihre Großmutter tot ist. Sie geht  mit in die Hütte, wo ein  kahlköpfiger, alter Mann am Feuer sitzt. Er strahlt sie an, hebt grüßend die Hände. “Berane, setz dich her. Wir haben Brot für dich.„
Sie dankt ihm, folgt seiner Bitte. Dann holt sie Kräuter aus ihrem Beutel, erklärt Edred wie sie den Aufguss und Brustumschläge  machen solle, um das Leiden ihres Mannes zu lindern. Edred weiß so gut wie Berane, dass er  nicht zu heilen ist. Es ist der Verlust ihrer beiden Söhne und der jüngeren Tochter, das Schicksal der Verwandten und Freunde, wie bei allen anderen.
Wie bei ihr selbst. Baldur fällt mit seinen Männern. Ihre Eltern ersticken vor zwei Jahren nachts in ihrer Hütte, als ein Feuer im Dorf ausbricht. Sie ist bei Freunden in einer Nachbarsiedlung. Die jungen Witwen gehen zu verheirateten Verwandten, verlassen das Dorf. Berane bleibt bei ihrer Großmutter all die Jahre, kümmert sich dann allein um die Kranken, als die alte Frau vorletzten Winter stirbt.
So wunderlich und zerstreut Hildur  zuletzt gewesen war, die Kunst des Heilens hatte sie nie vergessen, bis zu ihrem Tod. Oft denkt Berane daran fortzugehen, alle schmerzlichen Erinnerungen hinter sich zu lassen.
Der Krieg ist  vorbei und verloren. Sie ist einsam.
Ständig den Wald durchstreifend, richtet sie sich einen Unterschlupf in einer kleinen Felshöhle ein, die sie früher schon mit Baldur benutzt hatte.
Sie jagt, sammelt ihre Kräuter, legt dort große Vorräte an.
Sie übernachtet kaum noch in der Siedlung.
Wenn Erinnerungen von früher sie quälen, hält sie das Flammenritual ab, versinkt stundenlang darin, bis das Feuer erloschen ist. Ihre Mutter, Ute, hat es sie gelehrt.
„Kind, die Flammen sammeln deinen Geist. Schau hinein, bis du in ihnen aufgehst. Stell ihnen die Fragen, die du dir nicht beantworten kannst. Opfere ihnen deinen Schmerz, die Angst und Schuld und die Schuld anderer, und sie werden alles verzehren. Die Flammen sind dein Freund. Wenn du frierst, lass sie dich wärmen, auch wenn sie nur in deiner Vorstellung sind. Wenn du hungerst oder durstest, lass sie dich nähren und deine Not lindern.“
Berane hungert nach Zuwendung, nach Liebe, Frieden und Glück, wie jeder Mensch. Die tägliche  Meditation  macht es ihr leichter, lindert  den Schmerz, der manchmal zu einem großen Knoten in ihrer Brust wächst und sie zu ersticken droht.
„Edred, hast du noch deine Runensteine?“ fragt sie die alte Frau. Edred nickt, bringt ihr Ziegenmilch und frisches Fladenbrot. Berane dankt ihr, isst hungrig. Aus einer Ecke kramt die Runenleserin einen kleinen  Leinensack hervor, hinkt zurück zu Berane und Wittgern, der zufrieden seinen Aufguss schlürft.
Sie setzt sich ächzend, blinzelt sie aus kurzsichtigen, klugen Augen an.
„Soll ich dir die Runen deuten, Kind?“ Ein wehmütiges Lächeln  zuckt um ihre Mundwinkel. Berane stimmt zu. Edred sieht verborgene Dinge.
Sie wurde  früher als große Seherin geehrt in den Siedlungen.
Stammesführer kamen um ihren Rat zu holen. Sie sind alle tot. Germund, Baldur, Wulfric, Geisar, Wido, Odbert.
Die alte Frau beginnt sich zu wiegen und vor sich hin zu summen. Wittgern ist fertig mit seinem Tee, schlurft hinaus, lässt die Frauen alleine mit den Runen.
„Stell die Frage“ fordert Edred.
Berane überlegt.“ Ist das Neue gut oder schlecht für mich?“
Edred  schüttelt den Sack, Berane greift hinein und legt einen Stein auf den gestampften Lehmboden vor sich.„Naudhiz“ murmelt sie.
„Stell die Frage“ verlangt die Seherin erneut.
„War ich töricht ?“fragt  Berane. Sie zieht die zweite Rune.“ Hagalaz“
„Stell die letzte Frage“  krächzt sie.
„Wohin führt mein Weg?“ wagt sie zu fragen. Berane zieht den dritten Stein heraus. “Uruz“„ Jetzt ziehe die neun Steine des Weges.“ fordert  Edred.
Die neun Steine des Weges sind Sinnbild der nahen Zukunft. Berane  platziert sie nach Edreds Anweisung als Kreuz um die drei ersten Steine.
Sie mustert die Runen.
"Isa, Kenaz, Wunjo, Naudhiz, Ehwaz Gebo, Eihwaz, das umgedrehte Laguz und  Mannaz.“ verkündet sie feierlich. Dann  schweigt sie lange.
Ihre eingesunkenen Augen gleiten wieder und wieder über die Symbole.
Endlich spricht sie ihre Deutung aus.
„Ich sehe dich von der Kälte in die Hitze gehen. Du wirst finden, um gleich darauf zu verlieren und das wird mehr als einmal geschehen. Du wirst im Schatten der Wölfin in ihrem Namen morden  und dabei  zweimal sterben  um zu leben.
Du wirst ihr helfen das tollwütige Junge zu töten und den Kreis vollenden.
Berane schaut  die alte Frau verständnislos an. Die hebt in einer„Warte!“
Geste die runzlige Hand.„Das Neue fordert deine ganze Kraft. Es bedroht dich nicht, aber es bewirkt große Veränderungen und Gefahren für dich.“ beginnt sie die Runendeutung auf Beranes drei Fragen.
„Es ist keine Torheit in dir, Tochter Utes. Hagalaz sagt mir, dass dies unabänderlich ist. Es steht nicht in deiner Macht es abzuwenden.“ deutet sie das zweite Zeichen. Edred sieht die  wachsende Verwirrung im Gesicht der jüngeren Frau.“ Uruz. Vertrau deinen Instinkten. Sie werden dich nicht im Stich lassen. Deinen Weg habe ich dir schon gedeutet. Auch wenn du es nicht verstehst, vertrau deinen Gefühlen. Sie sind deine große Stärke.“
„Der Schatten der Wölfin?? ?Sterben um zu leben... Mord... Edred, ...“  murmelt Berane entsetzt. Die Seherin hebt abwehrend die Hände.
„Berane, vieles wird erst mit  der Zeit verständlich. Und vieles ist oft nicht wörtlich gemeint. Auch ich verstehe es nicht.
Mehr kann ich dir nicht sagen. Es tut mir leid.“ 
Auf dem Rückweg schwirrt Beranes Kopf wie ein Bienenschwarm. Sie hat sich bei der alten Frau bedankt und verabschiedet, danach hat sie ihre Runde in der Siedlung gemacht. Als es Abend wird , kehrt sie mit einem Schlauch voll Ziegenmilch und Brot als Lohn für ihre Behandlung und die erlegten Vögel, die sie mitgebracht hatte zurück in ihr Waldversteck.
Als sie ihre Mitbringsel abgelegt hat und die letzte Glut neu entfachen will, lässt eine tiefe Männerstimme sie erschreckt herumfahren. Der Römer liegt auf einen Ellbogen gestützt bei vollem Bewusstsein auf seinem Krankenlager, redet heiser und erregt  in Latein auf sie ein. Sie starrt ihn völlig überrascht an. Er verstummt, scheint zu überlegen, dann fragt er mühsam krächzend  in schlechtem Germanisch: „Wer du, Frau? Wo ich?“
Berane  erfasst die Situation rasch, wendet sich ihm zu und  hebt instinktiv in einer beruhigenden Geste die Hände. Ihre Augen treffen sich im Halbdunkel.

„Du sicher, Römer. Keine Furcht." erwidert sie auf Latein. Sie hat sich nicht auf diesen Moment vorbereitet, bemüht sich die Unsicherheit in ihrer Stimme zu verbergen. ’ Weiche seinem Blick nicht aus.’ ermahnt sie sich. Es gelingt ihr und es ist gut, denn der Römer fixiert sie unablässig.
’Vertrau deinen Gefühlen.’ hatte Edred gesagt.
Verwirrung, Unsicherheit, aber auch  Trauer und  Wut branden ihr entgegen  aus diesen Augen. Berane lächelt den Mann an, reicht ihm einen der mitgebrachten Fladen.“ Iss, du hungrig“ fordert  sie ihn in seiner Sprache  auf.
Der Römer streckt die gebundenen Hände aus, nimmt das Brot.
"Warum ?“ fragt er. Sein Blick richtet sich  auf die Fesseln, nachdem er abgebissen hat. Berane hebt in einer beschwichtigenden Geste die Hand.
Sie leert Milch von dem Schlauch in eine Schale, beugt sich zu ihm und hält sie ihm hin. Sein Blick, der sie nicht einen Moment verlassen hat, verharrt kurz auf der Schale, dann nickt er. Sie lässt ihn trinken, gießt nach bis der Schlauch leer ist, wischt ihm mit der Hand  sein bärtiges Kinn ab. Überrascht schaut  er auf zu ihr, sein Blick voller Fragen wandert, flackert. Berane versteht.
„Römer, schlafe. Du viel krank. Ich nichts Böses. Später sprechen.“ versucht sie ihn mit Brocken  seiner Sprache zu beruhigen. Er mustert sie ungläubig, seine Lider werden schwer, er murmelt auf  Lateinisch vor sich hin.
Berane  drängt ihn sacht zurück auf sein Krankenlager, deckt ihn zu.
Dann wendet sie sich ab, entfacht das Feuer, wirft ab und zu einen Blick zu ihrem Patienten. Der kämpft mit der Müdigkeit, die mit der Genesung einhergeht.
Als sie das nächste Mal einen Blick hinüber wirft, ist er wieder eingeschlafen.

Sie hat nach Tagen wieder das Flammenritual abgehalten. Es hat ihr innere Ruhe gegeben. Der Römer schnarcht leise. Sie legt noch etwas Holz nach, wickelt sich in einen der Umhänge, die inzwischen getrocknet sind. Bald schläft sie tief  und erwacht plötzlich mitten in der Nacht mit der Erinnerung an einen  Traum.
Es waren nur Bilder. Ein Paar in intimer Umarmung. Nie zuvor hat sie sich an einen ähnlichen Traum erinnert. Die Bilder waren deutlich, sie hat sich fast als Teil des Ganzen gefühlt. Keine Gesichter. Hände, Lippen, sich liebende Körper in enger Umarmung. Ein Traum, wie ihn jede Frau hin und wieder haben mag.
Aber eins ist merkwürdig. Immer wieder liegt ihr Traumauge auf der Hand des Mannes, wenn er die Frau berührt, ihre Brust umschließt, ihre Hüfte an sich zieht, sie streichelt. Der Ring. Er trägt einen großen, silbernen Ring am kleinen Finger. Berane starrt ins Dunkel, denkt über die Traumbilder  nach.
Schließlich dreht sie sich zur Seite und schläft wieder ein.

Krampfhaftes Husten weckt sie. Der Römer sitzt auf seinem Lager und ringt nach Luft. Berane steht auf, schöpft eine Schale aus dem Kessel voll und hält sie ihm hin. Ein kurzer Blick von ihm, er nickt und sie lässt ihn trinken.
Die starke Mischung aus Minze, Kampfer und Kamille lindert den Hustenreiz sofort. Er schließt dankbar die Augen, fällt zurück auf sein Lager, atmet einige Male tief ein. Berane füllt die Schale noch einmal, trinkt selbst ausgiebig.
Dann füllt sie den Rest des Suds hinein und stellt ihn ihrem Patienten hin.
„Trink, du krank. Du kalt.“ radebrecht sie in dem dürftigen Latein, das sie in den Jahren der Besatzung gelernt hat. Das Feuer besteht nur noch aus Glut.
Sie facht es wieder an. Über der Feuerstelle hat sie ungegerbte, steife Felle so  aufgehängt, dass der Rauch durch eine Öffnung dazwischen aufsteigt und dann Richtung Ausgang geleitet wird, wo er durch einen breiten Schlitz über der groben Tür aus dünnen Birkenstämmen ins Freie abzieht ohne allzu viel Aufmerksamkeit zu erregen. Das hatte Baldur ihr beigebracht. Baldur.
Lange  hatte sie den Schmerz um ihn verdrängt. Die Anwesenheit eines Mannes war wohl der Grund, sich an ihn zu erinnern.
’ Er war mein bester Freund, mein Gefährte. Die Römer haben ihn getötet, ihn mir weggenommen.’ schoss es plötzlich durch ihren Kopf. Mit zwei Schritten ist sie bei dem Römer, kniet neben ihm. Der Mann sieht sie erschreckt an. Sie packt ihn bei den Schultern, schüttelt ihn.„Warum tut ihr das? Warum zerstört ihr alles? Kennt ihr kein Mitleid , keine Gnade ,keine Gefühle??“ bricht es aus ihr hervor.
Sie schreit den Verwundeten an, der abwehrend die gefesselten Hände hebt.
Das holt sie zurück. Sie lässt ihn los, entfernt sich einige Schritte.
‚Freya, was machst du mit mir?’ fragt sie sich, erschreckt über sich selbst.
Sie reibt fest über ihr Gesicht, als wolle sie die Gedanken vertreiben.
„Sprechen!“ dringt es heiser aber  energisch vom Krankenlager an ihr Ohr.
Sie dreht sich um. Der Römer schaut sie wütend  an. Im aufflammenden Feuer sind seine verwirrten Züge deutlich erkennbar.
Ja, du hast recht’ stimmt sie in Gedanken zu und setzt sich neben ihn.
Ja, es wird Zeit zu reden.’

Sofort nachdem sie ihn so grob geschüttelt hatte, was ihm ziemliche Schmerzen verursachte, die nur langsam nachließen, hatte er versucht ihr klarzumachen, dass er mit ihr reden wolle. Sie hatte sie sofort verstanden und saß ihm jetzt gegenüber. Zum ersten Mal sah er sie richtig.
Sie war das Gesicht aus seiner Vision, das Gesicht das in den Bäumen geschwebt hatte. Meridius war ein intelligenter Mann, nicht ungebildet und nicht sehr abergläubisch, was ihn von vielen Zeitgenossen abhob. Als Soldat und Taktiker sammelte er die Fakten. Er kam zu dem Schluss, dass diese Frau ihn gefunden haben musste. Sie hatte ihn hierher gebracht, ihn versorgt, gepflegt und es auf wundersamer Weise geschafft die, seiner Ansicht nach langfristig tödlichen Wunden  so zu behandeln, dass er noch lebte. Und die Unterkühlung, der er den Husten und den entzündeten Hals verdankte, besserte sich auch schon.
Der Angriff und die verbale Attacke schockierten ihn natürlich.
Einen Moment glaubte er es mit einer Wahnsinnigen zu tun zu haben. Warum sonst sollte eine Germanin einen Römer retten und mit solchem Aufwand pflegen?? Mitleid und Gnade und zerstören hatte er verstanden. Sein Germanisch war nach fast  drei Jahren noch immer jämmerlich. Diese Sprache war so barbarisch wie die, die sie sprachen. Als er ihr jetzt in die Augen schaute, erkannte er, dass sie mit Sicherheit nicht wahnsinnig war. Und dass diese ‚Barbarin’ genau verstand, was er gesagt hatte. Meridius lächelte grimmig  über sich selbst.
‚Sie versteht DICH besser als du SIE, Tribun’ Die Frau lächelte zurück.
‚Sie ist gerissen’  dachte er widerwillig anerkennend. Sie musste ein paar Jahre jünger als er selbst sein. Eine erwachsene Frau.
Helles Haar war im Nacken zusammengebunden. Ein blasses, flächiges Gesicht mit lebhaften Augen über hohen Wangenknochen. Eine kurze, gerade Nase.
Volle, blasse Lippen. Stark geschwungene, dunklere Brauen und Wimpern.
Sie musste ziemlich kräftig sein, ihn zu schleppen oder irgendwie hierher zu bringen. Sein Blick glitt über ihren Oberkörper, der von einem losen Lederhemd verhüllt war. Ihre Beine steckten ebenfalls in lockeren, ledernen Hosen.
Die Frau errötete leicht und wich etwas zurück, ihre Züge wurden wachsam.
„Du kämpfen“ fing sie die Unterhaltung an. „Ich sehen, dann fort. Dann kommen. Sehen mit Blut. Bringen hier.“ erklärte sie, ohne seinem Blick ein Mal auszuweichen.
Meridius hatte nur eine Frage. „Warum?“
Die Germanin sah rasch zu Boden, als schäme sie sich, dann  blickte sie wieder in seine Augen, zögerte. „Nicht verstehen. Runen.“ antwortete sie schließlich.
Dann wiederholte  sie: „Ich nicht verstehen. Freya Wille.“
Meridius verstand gleichfalls  gar nichts. „Warum das?“
Er hielt ihr seine gebundenen Handgelenke hin. Ihre Züge verhärteten sich, sie presste die Lippen aufeinander. „Du Feind. Ich Angst. Nicht wissen.“ sagte sie  fast entschuldigend.„Dein Mann?“ fragte er.
Sie antwortete mit einer Geste. Die flache Hand über die Kehle. Tot.
Er nickte verstehend.  „Nicht Angst. Ich nicht böse.“ erklärte er.
Sie musterte ihn lange, dann zuckten ihre Mundwinkel spöttisch.
„Römer, ich nicht dumm. Du denken ich dumm? Warum ich glauben?“erwiderte sie zu seiner Überraschung. Dumm war sie wirklich nicht.
Meridius lachte krächzend und musste prompt husten. Sie sah ihn besorgt an.
Er nahm schnell einen  Schluck aus der Schale.
Verflucht, er musste diese Fesseln loswerden.Der Hustenreiz verflog.
“Du gut Medica.„ stellte er fest. Sie sah ihn noch immer aufmerksam an.
Dann schloss sie die Konversation. “Du krank. Schlafen. Bald besser. Ich denken. Dann reden.“ Mit diesen Worten stand sie auf und ging wieder zu ihrem Schlafplatz. Als sie sich hingelegt hatte, sah sie noch einmal zu ihm herüber.
„Du gut?“ wollte sie wissen. Er wusste nicht ob sie nach seinem Befinden oder seiner Gesinnung fragte. Oder beidem. Er konnte auf beide Möglichkeiten
„Gut“ erwidern. Sie wirkte nicht überzeugt, nickte aber und drehte ihm schließlich den Rücken zu, um zu schlafen.

Helligkeit blendete ihn. Er hob schützend die Hand vors Gesicht. Keine Fesseln mehr an den Handgelenken. Er bewegte die Füße, sie waren gleichfalls frei. Allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Licht, das durch den weit offenen Eingang des Raums fiel. Er hatte drei Tage im Halbdunkel  hier verbracht, hatte nur Umrisse erkennen können. Zum ersten Mal konnte er sich richtig umsehen. Felswände, teils mit Fellen behängt. Über der mit wuchtigen Steinen umrandeten Feuerstelle, wo ein größerer und ein kleinerer Kessel an einem Gestell hingen war ein simpler aber wirkungsvoller Rauchfang aus weiteren rundgeformten, ungegerbten Fellen  an einem  hohen Gestell aus schlanken, geraden Ästen angebracht. Sie sammelten den Rauch in einer Öffnung in der Mitte und leiteten ihn durch eine Art Kanal zum Ausgang, wo er durch den breiten Schlitz ins Freie gelangte. Baldur hatte vor vielen  Jahren  die Höhle als Jagdunterschlupf gewählt, weil der Eingang windgeschützt hinter einem Vorsprung  lag.
Plötzlich knurrte Meridius Magen bedrohlich. Er fühlte sich schwach und halb verhungert. Als er sich aufrichten wollte, fuhr der Schmerz in seinen Oberkörper und ließ ihn aufstöhnen. Mühsam stützte er sich auf den gesunden Arm, sah sich weiter um. Auf der anderen Seite vom Feuer war ein zweites Lager, bedeckt mit Fellen und einem Wollumhang der Armee, wie seines. Kniehohe, quer geschnittene Stücke von großen Baumstämmen dienten als Ablagefläche für Schalen, Tongefäße und kleine Körbe. Ein längs halbierter Stamm schien als Tisch zu dienen. Darauf lag ein totes Kaninchen und ein Haufen dunkelgrüner Blätter. Der Raum schien nach hinten weiter zu gehen, war mit Fellen abgehängt. Eine Schale Wasser stand vor seinem Bett, wie gestern. Er trank sie leer, versuchte wieder aufzustehen. Er musste dringend seine Blase leeren. Das Lager zu beschmutzen wäre  ihm mehr als peinlich gewesen. Als er sich unter Schmerzen aufgesetzt hatte, entdeckte er seine Hose am unteren Ende seines Lagers. Sie war sauber und trocken.
Es brachte ihn fast um, sie anzuziehen. Er biss die Zähne zusammen, konnte  aber ein qualvolles Knurren nicht verhindern. Plötzlich stand die Frau neben ihm, schimpfte leise  auf Germanisch auf ihn ein. Ihr  Haar war mit einem ledernen Stirnband  aus dem Gesicht und im Nacken zusammengebunden.
Sie kniete nieder, wollte offensichtlich, dass er sich wieder hinlegte.
Ihre Züge waren besorgt und wirkten verärgert. Er hob abwehrend die Hand, deutete verlegen auf seinen Unterleib. Die Frau stutzte, errötete leicht.
Sie murmelte etwas, das wie eine Entschuldigung klang, griff die leere Schale und nickte auffordernd, dann erhob sie sich und ging wieder hinaus.
Meridius erleichterte sich mit wohligem Seufzen. Sie musste ihm literweise ihre Tränke eingeflößt haben. Er blinzelte ins Licht, als sie wieder hereinkam und ihm die volle Schale abnehmen wollte. Er zögerte, aber sie nickte auffordernd und sagte „Geben. Medizin.“ Meridius schaute sie entgeistert an. Unbeirrt trug sie die Schale vorsichtig in eine Ecke des Raums und stellte sie ab, wo sie sicher stand. Dann kam sie zurück und hielt ihm eine undefinierbare Masse in einer anderen  Holzschüssel hin. Er sah sie hilflos an. Sie lächelte und sagte:
„Essen. Du Hunger.“ Dann ging sie wieder. Meridius betrachtete skeptisch den Brei. Körner schienen darin zu sein und getrocknete Früchte. Er rührte ein wenig mit dem Finger darin herum und kostete vorsichtig. Es war eine in saure Milch eingeweichte, sehr sättigende  Mischung aus Körnern, Nüssen und getrockneten Beeren. Das Aroma war ungewohnt, aber nach einigen Bissen schmeckte es ihm. Er wollte gerade die letzten Reste vom Boden  kratzten, als sie wieder hereinkam. Sie musterte ihn mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck, fragte mit ihrer sonoren Altstimme:“Gut?“ Er nickte und schluckte ein letztes Mal. Sie nahm die leere Schüssel entgegen und sagte einige Sätze auf Germanisch. Es klang, als rede sie mit sich selbst. Sie lief umher, kehrte mit einem abgetrennten  Stück von einem der Umhänge und einem Kessel voll Wasser zu ihm zurück. Sie kniete sich vor ihn, schien zu überlegen. Er versuchte herauszufinden, was sie wollte.
„Was?“  war alles was er herausbrachte. Sie lächelte beruhigend, berührte leicht den Verband über seiner  Brust.
‚Wie lange hat keine Frau mich berührt? ’ dachte Meridius.
 ‚Über ein Jahr ist es her. Als die Frau dieses Offiziers mir das Porträt von Selene brachte und mich tröstend umarmte.’ stellte er fest. Plötzlich war die drohende Gefahr wieder da, die Frau bemerkte es an seiner Haltung und seinen Augen, blickte ihn fragend an. „Ich gehen. Gefahr“ erklärte er ihr.
Sie schüttelte entsetzt den Kopf. „Du gehen, du sterben.“ warnte sie unmissverständlich.„Wann gehen?“ fragte er. Seine Augen flehten förmlich. Berane begann vorsichtig den Verband um seine Brust zu lösen.
„Viele Tage.“ Sie hob beide Hände. Meridius stöhnte verzweifelt.
In zehn Tagen könnte er längst in Spanien sein. Da wurde ihm bewusst, dass er nicht einmal  Pferde hatte. Er presste in wütender Hilflosigkeit die Lippen aufeinander, verfolgte gereizt ihr Tun. Als sie die Blätter über der Stelle abzog, wurde er aus seinen trüben Gedanken gerissen. Erstaunt musterte Meridius die Wunde, die sie freigelegt hatte. Sie hatte  den handbreiten  Schnitt  genäht.
Besser als er es je im Feldlager gesehen hatte. Vorsichtig wusch sie die Rückstände des Umschlags ab, machte dann mit dem Verband am Arm weiter und reinigte schließlich die große Rückenverletzung. Die Wundränder waren blass und sahen  gut aus. Auch den Schnitt am Arm hatte sie genäht, mit sauberen, kleinen Stichen und etwas das wie ein heller Faden aussah. Er wollte darüber tasten, aber sie wies ihn scharf zurecht. Erschreckt sah er zu ihr hoch.
„Nicht! Schmutz. Du Fieber!“ Sie konnte weit mehr Latein als er Germanisch, stellte er erneut frustriert fest. Dann holte sie die Schale mit seinem Urin und betupfte die Wundränder ausgiebig damit. Es brannte. Er fuhr zurück, sah sie entsetzt an. Leise und spöttisch kam es: „Römer, ich machen gut,  dann machen krank? Du denken ich sehr dumm.“ erklärte sie, sah ihn halb belustigt, halb vorwurfsvoll an. Meridius überlegte kurz, dann krächzte er:
„Du gut Medica.“ Sie musterte ihn aus hellen Augen, die in ihn hineinzublicken schienen.„Und du Angst, Soldat.“  Er lief rot an und drehte den Kopf weg
‚Dieses Weib ist ....’  ihm fiel nichts ein.
Er seufzte resigniert. Sie hatte aufgehört seine Wunden zu behandeln, richtete sich auf. „Du gehen Licht. Ich helfen.“  forderte sie. Er streckte ihr den gesunden Arm hin. Sie umfing den Unterarm mit beiden Händen, zog. Er kam auf die Beine und sie stütze ihm sofort die Schulter, trug ihn halb hinaus ins Freie.
Schwer atmend half sie ihm, sich auf einen umgefallenen Baum zu  setzen. Meridius blinzelte in die Sonne. Es war viel wärmer geworden, Vögel sangen.
Der Frühling war plötzlich da. Es war Mitte März. ’Zuhause in Trujillo blühen schon die Bäume und Sträucher.’  dachte er wie die beiden Jahre davor, seit er in Germanien war. Eine eisige Faust krallte sich wieder um sein Herz und drückte zu, als er an seine Familie dachte.‚Ich muss möglichst schnell zu Kräften kommen und mir ein Pferd beschaffen.’ Wo waren die Pferde der Prätorianer? Sie hatten sicher versucht zurückzulaufen und waren dabei von Raubtieren gerissen worden. Er atmete tief ein.
‚Es muss einen Weg geben. Ich werde einen Weg finden.
Sie werden sich Zeit lassen, es eilt nicht. Sie halten mich für tot.’ versuchte er sich zu beruhigen. Warm schien die Sonne auf seinen nackten Oberkörper.
Sie ließ ihn lange so sitzen. Er sog dankbar die frische Luft ein, döste vor sich hin. Als ein kühler Wind aufkam, legte sie ihm einen der Mäntel um, nachdem sie ihn wieder verbunden hatte. Sie ließ ihn im Freien bleiben bis Wolken aufzogen.
Dann half sie ihm zurück auf sein Lager, brachte ihm eine Schale frischen  Aufguss für seinen Husten. Ein wenig Mohn darin würde einem ruhigen Schlaf  nur zuträglich sein. Er schlief  auch bald ein, nachdem er ihn getrunken hatte.

Während sie das Kaninchen abbalgt und ausnimmt, denkt sie über den mittlerweile seit Stunden schlafenden  Römer nach. Sie hat ihm die Fesseln gelöst, bevor er heute Morgen erwacht war.
Er war ohnehin noch viel zu schwach, um wegzulaufen oder sie anzugreifen.
Wie verzweifelt er ausgesehen hatte, als sie ihm sagte, er könne frühestens in
10 Tagen gehen. Und das war optimistisch gewesen. Wohin wollte er?
Zurück ins Feldlager bestimmt nicht. Sie muss herausbekommen, warum man ihn hinrichten wollte. Vielleicht täuscht er sie nur. Dann erinnert sie sich an die Runen. Es sei nicht zu verhindern, hatte Edred gesagt.
’Verlass dich auf dein Gefühl, es ist deine große Stärke.’ Ihr Gefühl sagt ihr, dass dieser Mann nicht böse  und ihm selbst  etwas Schlimmes zugestoßen ist.
Sie reibt den Braten mit wildem Knoblauch ein und stopft die großen, grünen Blätter hinein, die mit dem Fleisch gegart  eine würzige Beilage ergeben.
Dann hängt sie ihn auf einem Zweig übers Feuer.
’Wenn er nur ein bisschen mehr von meiner Sprache verstehen und sprechen würde. Nun, dann muss ich eben von ihm  lernen.’

Ein köstlicher Duft weckte Meridius. Das Kaninchen hing gebräunt und brutzelnd über den Flammen. Die Frau saß daneben und kämmte ihr Haar.
Ab und zu drehte sie den Spieß. Er tat als schlafe er noch, beobachtete sie heimlich. Er hatte Selene gern zugesehen, wenn sie ihr Haar gekämmt hatte, bevor sie zu Bett gegangen waren. Dunkles, gewelltes Haar, das bis zu ihren kleinen Brüsten reichte. Das der Germanin war ganz anders. Es fiel nur leicht  über ihre Schultern, glatter, heller und rötlich glänzend im Schein des Feuers.
Sie hatte nur einen groben Holzkamm während die Frau des Tribuns Meridius mehrere Schildpatt- und Hornkämme besaß. Es war dennoch schön diese vertraut anmutende Szene zu verfolgen. Sie streckte den Hals in einer typisch weiblichen Bewegung, fuhr mit der Hand über ihre Stirn und strich das offene Haar zurück. Er sah, wie sich dabei ihre vollen Brüste unter dem Hemd bewegten.
Sein Blick glitt  über ihre Gestalt, während sie sich erhob und den Kamm beiseite legte. Eine vertraute Wärme begann sich in seiner Mitte zu sammeln.
Als ihm bewusst wurde, wie sein Körper reagierte, erschrak er.
’Du wirst fast hingerichtet, deine Familie schwebt in größter Gefahr und du hast lüsterne Gedanken.’
schalt er sich.
‚Wenn du dazu fähig bist, kannst du auch alleine aufstehen.’

Berane wandte sich  überrascht um, als der Römer vorsichtig und  unter sichtlichen Schmerzen aufzustehen versuchte. Sie wollte ihm helfen, aber er winkte ab, schaffte es alleine zum Feuer zu gehen und sich auf einen  der Klötze zu setzen. Dabei schwankte er beängstigend, aber es gelang ihm. Benommen blickte er zu Boden, wich ihrem Blick aus. Sie fühlte prüfend seine  kühle Stirn, nickte zufrieden. Dann reichte sie ihm eine Schale, nahm den Spieß vom Feuer und schnitt mit einem Dolch, der ihm bekannt vorkam ein großes Stück Fleisch ab, reichte  es ihm. Er verbrannte sich natürlich die Finger, weil er so hungrig war. Sie lachte auf, hielt dann entschuldigend die Hand vor den Mund. Es war lange her, dass sie gelacht hatte. „Warten“ wies sie ihn an. Er musterte die Waffe, sie bemerkte es . „Wald holen. Du töten Männer.“ erklärte sie.
Sie hatte die Waffen der Prätorianer geholt. Und ihn  dabei gefunden.
Er spürte ihren Blick. Offen und prüfend. Sehr direkt  fragte sie:
„Warum? Du böse? Nicht falsch reden. Ich wissen.“
Verblüfft sah er in ihre Augen. Sie wich ihm nicht aus.
„Du sprechen Rom. Ich lernen.“ Meridius wusste wieder einmal nicht, was er sagen sollte. Diese Frau war unheimlich. Sie hatte gesehen, wie er die Prätorianer überwältigt hatte, oder wenigstens, dass sie ihn hatten hinrichten wollen.
Trotzdem hatte sie ihn hierher gebracht und versorgt. Er fasste sich und wollte beginnen. Da  unterbrach sie ihn.„Du Hunger. Erst Essen dann sprechen.“ meinte sie sachlich. Er nickt zustimmend und biss in das saftige Fleisch.

 Sie tat es ihm nach. Kurz darauf war das Kaninchen nur noch ein Gerippe. Meridius fühlte sich angenehm gesättigt. Er schaffte es sogar ins Freie, um sich zu erleichtern. Danach legte er sich wieder hin.

 Sie setzte sich neben ihn, sah ihn auffordernd an. „Du jetzt sprechen.“

verlangte sie. Er zögerte kurz, räusperte sich einige Male, um seine noch immer heisere Stimme zu klären. Dann erzählte er, dass er lange viele Männer geführt habe, sein Führer gestorben sei und der neue Führer ihn töten wolle.

 Warum, konnte er ihr nicht verständlich machen. Sie sah das Glitzern in seinen Augen, als er davon sprach, dass seine Frau und sein Kind in großer Gefahr seien und er schnell zurück müsse.

„Wo du ?“fragte sie. „Weit .Viele Tage mit Pferd. Süden.“ antwortete er.

“Kein Pferd.“ stellte sie fest. Er nickte bekümmert.„Frau gut?“Er nickte wieder. „Ich glauben du guter Mann, ich traurig.“ murmelte sie. “Familie tot. Mann tot.“ sagte sie plötzlich, deutete auf sich selbst. Meridius schwieg.

Er ahnte warum sie tot waren und schämte sich das erste Mal in seinem Leben, römischer Soldat zu sein. Aus einer hilflosen, schuldbewußten Regung  nahm er ihre Hand, legte in einer Demutsgeste seine Stirn auf ihren Handrücken,

berührte  ihn  leicht mit den Lippen. Dabei sprach er Dankesworte.

“Ich danke dir von ganzem Herzen für deine Güte und Freundlichkeit.

 Die Götter mögen dich belohnen. Ich stehe für immer in deiner Schuld.“

Sie verstand die Worte nicht, aber den Sinn, denn sie lächelte scheu und nickte anerkennend. Dann  stand sie auf und ging zum Feuer.

„Du Name?“ fragte sie ihn plötzlich, wandte sich wieder zu ihm.

 Er räusperte sich.„Maximus Decimus Meridius“ erwiderte er. Sie runzelte die Stirn.„Viel Name. Ich sagen Maximus. Gut?“ bat sie schüchtern.

Erst war er verblüfft, dann hatte er Mühe ein Lachen zu unterdrücken.

 „Gut.“ stimmte er zu. Sie warf Holz ins Feuer, sah ihn freundlich an.

„Du schlafen, Maximus. Du bald gut.“ ermutigte sie ihn. Er schloss  die Augen und schlummert  bald darauf ein. Als er erwachte, brannte das Feuer noch kräftig. Sie saß aufrecht davor, starrte regungslos in die Glut. Es sah unheimlich aus, sobald  die Schatten der Flammen über ihr Gesicht huschten, unheimlich, aber  auch geheimnisvoll und anziehend. Er hatte schon viele Länder gesehen.

Gallien, Britannien, Afrika, Ägypten. Sie schien ein Ritual abzuhalten, nahm Nichts um sich wahr, selbst als er sich bewegte. Ein Feuerritual hatte er hier bisher nicht kennen gelernt. ’Ich bin seit bald drei Jahren Befehlshaber der gesamten Legion in Germanien. Und ich weiß nichts über dieses Volk.’ stellte er frustriert fest.
Er beobachtete sie lange bevor er wieder einschlief.

Berane sah im Traum wieder das Paar. Und sie erinnerte sich daran wie beim ersten Mal. Ihr Patient schlief noch. Schnell ging sie zu dem kleinen See, zog sich aus und stieg ins kalte Wasser. Als ihre Mutter sie das Flammenritual gelehrt hatte, hatte Berane einige Male seltsame Dinge geträumt. Einmal sah sie ein junges Mädchen aus ihrem Dorf mit einem Fremden bei ihrer Hochzeit. Ein paar Wochen später war die junge Frau von einem Verwandten, den niemand bisher gekannt hatte, auf eigenen Wunsch hin entführt worden. Ihre Eltern waren gegen die Verbindung gewesen. Das Paar hatte tatsächlich kurz darauf das Gelöbnis abgelegt. Ein anderes Mal hatte sie geträumt, dass ihr Vater blutüberströmt am Boden lag. Zum Glück entpuppte sich diese Vorsehung als ungefährlicher Unfall. Er hatte beim  Holzschlagen einen Ast übersehen und sich eine stark blutende, aber harmlose Kopfwunde zugezogen. Es hatte noch andre Ereignisse gegeben, die sie im Traum vorhergesehen hatte. Verlorene Dinge. Gestohlene Dinge.
Der Tod einer Ziege. Schneefall im Mai. Als Berane älter wurde, hörten die Vorsehungen auf. Ihre Mutter hatte  ihr erklärt, es habe mit den Stürmen des Erwachsenwerdens zu tun. Es war ihr Erbe. Frauen ihrer Familie hatten hin und wieder intuitiv hellseherische Fähigkeiten gehabt, die mehr oder weniger stark zu Tage getreten waren. Erfrischt und sauber lief sie zurück, schnitt unterwegs kräftige Farnwedel und junge, aromatisch duftende Tannenzweige ab, um die Schlafstätten neu zu polstern, füllte  den Wasserschlauch am Bach. Wenige Meter vor dem Eingang sah sie etwas im Morgenlicht funkeln, als sie einen letzten Zweig abschnitt. Ein silberner Siegelring, der halb im Waldboden steckte. Er musste dem Römer vom Finger geglitten sein, als sie ihn hergeschleppt hatte.
Berane  hob ihn auf, wischte die Erde ab. Dann  schob sie  den Ring in ihren Hosenbund und ging hinein.
Maximus  war wach, er saß in einen Umhang gewickelt  am Feuer, hatte kleine Zweige von draußen geholt. Nun prasselte das Feuer mit dem typischen Knacken und Zischen, wenn junges Holz verbrennt. Er schaute  erleichtert zu ihr hoch, als sie eintrat. „Wo du?“ fragte er anklagend. Sein Stimme klang schon besser.
„Der Morgen grüßt dich“ sagte sie auf Germanisch. Er zog nur die Brauen hoch. Sie konnte nicht erklären, was sie gesagt hatte, machte eine hilflose Geste.
Dann spielte sie es ihm vor. Sie tat, als würde sie erwachen und jemand bemerken, der hereinkam. Dann sagte sie wieder ihren Gruß, nickte dem imaginären Gast zu. Verstehend lächelte er.„Du sprechen!“ forderte sie ihn auf. Er wiederholte ihre Worte. Sie schüttelte den Kopf.„Rom sprechen.“ bat sie. Maximus wünschte ihr feierlich eine guten Morgen auf Latein. Sie wiederholte fehlerlos. Er nickte anerkennend. Dann machte sie eine Bewegung, die er nicht verstand. Sie bemerkte es, winkte, er solle mit hinaus ins Freie kommen. Noch immer mühsam, aber  immerhin schneller als gestern rappelte er sich auf und folgte ihr. Erwartungsvoll blickte sie ihn  an, wies mit dem ausgestreckten Arm in Richtung Sonnenaufgang, wiederholte den lateinischen Morgengruß. Dann bewegte sie den Arm nach Süden, auf Mittag.„Wie ?“ wollte sie wissen. Er wünschte ihr einen guten Tag.
Sie wiederholte es. Den Abendgruß. Eine gute Nacht. Als er sie beim ‚Gute Nacht’ verbessern wollte, unterbrach sie ihn plötzlich. „Ich dumm. Viel sprechen. Du Hunger.“ Sie zog ihn zurück in ihre Behausung, warf Holz aufs Feuer.
Er setzte sich wieder, wärmte sich, beobachtete neugierig wie sie geschäftig umherlief. Kurz darauf reichte sie ihm einen ähnlichen Brei wie am Morgen davor. Getrocknete Äpfel, die sie am Abend davor eingeweicht hatte, vermischt mit gekochten Körnern und Walnüssen. Er nickte dankend, fing  heißhungrig  an mit den Fingern zu essen. Sie stieß einen undefinierbaren Laut aus, als sie es bemerkte und reichte ihm gleich darauf einen groben, geschnitzten Löffel aus Buchenholz. Als er ihr dabei in die Augen sah, lächelte sie entschuldigend.
Sie beobachtete seine ersten Bissen, dann fragte sie:„Gut?“ Maximus nickte und widmete sich weiter seinem Frühstück. Sein genesender Körper forderte hochwertige, sättigende Nahrung. Das hier war viel wohlschmeckender als die Gerstensuppen im Feldlager.„Wenn ich wieder im Lager bin...“dachte er.
Da wurde ihm plötzlich bewusst, dass er nie mehr ins Lager gehen würde.
Er war nicht mehr Tribun. Nach all der Zeit. 22 Jahre. Ein gewöhnlicher Legionär wird nach 25 Jahren pensioniert. Darüber hatte er sich als hochrangiger Offizier nie Gedanken gemacht. Sein Vater war in Spanien Viehzüchter und Weinbauer geworden nach seiner langjährigen Laufbahn dort als Offizier.
Es war fast unmöglich  für ihn, sich als etwas anderes als Soldat zu sehen.
Jetzt war er tot für die Legion. Ein Verräter. Meridius zwang sich praktisch zu denken. Er musste so bald und schnell als möglich nach Hause zu Selene und Claudius. Verwandte würden sie verstecken müssen, bis die Sache in Vergessenheit geriet ...Commodus würde sich nicht lange auf dem Thron halten.
Der Senat war zu mächtig geworden unter Marcus  und Lucilla stand vielleicht doch hinter der Entscheidung ihres verstorbenen Vaters, Rom wieder zu einer Republik zu machen.
‚Ich werde eine Lösung finden.’
Pferde, Proviant. Er hatte nichts davon. Automatisch aß er die Schale leer, starrte ins Feuer. Die Frau setzte sich zu ihm, sah in eindringlich an.
„Maximus, ich gehen. Du hier. Nicht gehen. Gefahr.“ schärfte sie ihm ein.
Die letzte Frau, die seinen Namen ausgesprochen hatte, außer Lucilla  vor wenigen Tagen, war Selene gewesen. Marcus hatte ihn kurz vor seinem Tod gefragt, wann er das letzte mal zuhause gewesen sei.
„Zwei Jahre, 264 Tage und der heutige Morgen.“ hatte er geantwortet.
Einem Besuch Selenes hatte er nie zugestimmt. Die Reise war zu gefährlich, nur in seiner Begleitung hätte er es zugelassen, aber das war unmöglich gewesen. Vielleicht war alles  umsonst gewesen. All die Jahre bei der Armee.
All die Zeit  fort von zuhause. Aber das war nicht das Wichtigste.
Er konnte immer noch den Geschäften seines Vaters nachgehen, um die sich ein  bestellter Verwalter in seiner Abwesenheit gekümmert hatte.
Wenn nötig unter falschem Namen.

“Du schlafen.„ forderte die Germanin. "Ich kommen Mittag“ erklärte sie, nahm ihren Beutel, ihr Messer, nickte ihm noch einmal aufmunternd zu und ging. Meridius legte sich wieder hin. Er hatte Schmerzen.
„Segne mich, Vater. Wache über meine Familie. Hilf mir, Mutter.“ rief er seine Ahnen an. „Wie soll ich so nach Hause kommen? Wie soll ich die Meinen beschützen?“ flehte er leise. Er erinnerte sich daran, was die Frau gesagt hatte:
„Familie tot. Mann tot.“ Bedrückt schloss er die Augen. Kurz bevor er einschlief, fiel ihm etwas ein. Er hatte sie noch nicht einmal nach ihrem Namen gefragt.

 

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