| Kapitel 22 | Einsamkeit |
| Kapitel 23 | Schrecken |
| Kapitel 24 | Erwachen |
| Kapitel 25 | Nachwort |
22. Kapitel Einsamkeit
Drei Monate waren vergangen, seit sie sich vor Marks Haus verabschiedet hatten. Jackie war damals nach Sylt gefahren und hatte sich für den Rest des langen Wochenendes in einer Pension verkrochen. Auf endlosen Spaziergängen am Strand richtete sie den Panzer um ihr Herz wieder auf, vergrub den Verlust und die Zweifel in der hintersten Ecke, um schließlich einigermaßen gefasst nach Hamburg zurück zu kehren. Maggie hatte ihr eine Szene gemacht, die Hollywood reif war, hatte aber immerhin auf einen Rauswurf verzichtet. Die Arbeiten an der Webseite wurden in Korrespondenz mit Russells Agentur zu Ende gebracht und schon kurz nach der Veröffentlichung erwies sich das Konzept als durchschlagender Erfolg. Zumindest beruflich war Jackie damit rehabilitiert.
Ihre Isolation im Team aber blieb. Sie kapselte sich ab, ließ niemanden an sich heran und vergrub sich in der Arbeit. Davon gab es mehr als genug. Laufend gingen neue Anfragen ein und auch Interessenten aus Übersee ließen nicht lange auf sich warten. Die Auftragslage der Agentur war so gut wie lange nicht mehr und doch nahm Maggies Sorge um ihr Art Direktorin ständig zu. Jackie war blass, hatte über zehn Kilo verloren und lebte scheinbar nur noch für ihren Beruf. Kein Wort hatte sie seit ihrem fürchterlichen Streit über ihre Beziehung zu diesem Crowe verloren. Und obwohl Maggie auch alle Neuigkeiten von dessen Seite unter die Lupe nahm, fand sie auch dort nie einen Hinweis oder eine Bemerkung in Jackies Richtung. Sie wusste nichts von den nächtelangen Telefonaten der Beiden, ahnte nichts von Jackies Leid, die sich einerseits danach sehnte, Russells Stimme zu hören und andererseits anfing zu hoffen, er möge aufhören, sie anzurufen. Jackie hasste sich für ihre Unfähigkeit, sich seinem Bann zu entziehen und verzehrte sich gleichzeitig nach seiner Liebe. Sie träumte davon, in seinen Armen zu liegen und von ihm geliebt zu werden, bis sie wieder einmal Schweiß gebadet und aufs Äußerte erregt verzweifelt aufwachte. Sie fand wenig Schlaf in diesen Nächten und schleppte sich am nächsten Morgen völlig übermüdet ins Büro, froh, ihrem ganz persönlichen Horror für einige Stunden entronnen zu sein.
Ihr war klar, dass sie so nicht mehr lange weiter machen konnte. Aber jedes Mal, wenn sie Russ fragte, ob die Einwanderungsbehörde sich gemeldet hätte, bekam sie eine ausweichende Antwort und er bat sie um etwas mehr Geduld. Die Verhandlungen schien sich immer weiter in die Länge zu ziehen und sie spürte, dass ihm dieser Prozess an die Nieren ging. Ein Interview jagte das nächste und immer kamen die gleichen kompromittierenden Fragen. Er stand zu seinem Wort, hielt ihren Namen aus allem heraus. Dennoch blieb ein Rest Ungewissheit und Jackie wusste nicht, wie lange sie diesen Zustand noch würde ertragen können. Sie verfiel in Lethargie, die nur durch ihr Engagement im Job unterbrochen wurde. Maggie wusste sich schließlich keinen Rat mehr und beschloss, nicht länger mit anzusehen, wie ihr Schützling sich zu Grunde richtete. Ohne Umschweife stürmte sie eines Tages in Jackies Büro und verordnete ihr einen sofortigen dreiwöchigen Urlaub. "Bring' dein Leben in Ordnung und komm' als die zurück, die wir einmal gekannt und geschätzt haben. Hier arbeiten Menschen und keine Maschinen. Das gilt auch für dich." Sie wartete keine Antwort ab und verließ das Büro genauso plötzlich, wie sie gekommen war. Zurück blieb eine völlig verdutzte Jaqueline.
Zuerst hatte sie nicht gewusst, was sie mit der Zeit anstellen sollte, dann aber schließlich doch zum Telefon gegriffen. Mark, Lisa und drei weitere Leute wollten als Saisonabschluss nächste Woche mit den Motorrädern nach Dänemark hoch. Vielleicht hatten sie noch Platz für eine weitere Person. Die Freunde hatten sich rührend um sie gekümmert und waren begeistert, als Jackie fragte, ob sie sie begleiten durfte. Schnell einigten sie sich darauf, sich am nächsten Tag zu treffen, um die Details zu besprechen. "Gut, dann bin ich morgen gegen mittag bei euch. Ich freu' mich" Erstaunt stellte sie fest, dass die Aussicht auf die Fahrt am nächsten Tag ihre Laune merklich aufbesserte. Zum ersten Mal seit Wochen verließ sie an diesem Abend pünktlich ihr Büro.
Sie hatte die Nacht durchgeschlafen und fühlte sich so frisch und erholt, wie lange nicht mehr, als sie ihre Maschine aus der Garage holte. Es war ein milder Oktobertag. Der Herbst hatte die Blätter bunt gefärbt und die Luft roch würzig. Jackie genoss die Fahrt und freute sich auf das Wiedersehen mit Mark und Lisa. Sie fuhr sicher und besonnen. Trotzdem gelang es ihr nicht, rechtzeitig auszuweichen, als der PKW seitwärts auf sie zu raste. Metall schlug auf Metall. Ein Kreischen ertönte wie von einer Schleifmaschine. Mit dem letzten klaren Gedanken ließ sie den Lenker los und fühlte, wie sie durch die Luft geschleudert wurde. Sie spürte die Schmerzen beim Aufprall auf die Erde. Ihr ganzes Leben spulte sich in sekundenschnelle vor ihrem inneren Auge ab. Sie sah Russells Gesicht vor sich, wollte nach ihm greifen, sich an ihm fest halten, konnte sich einer Ohnmacht aber doch nicht entziehen und verlor das Bewusstsein.
23.
Kapitel Schrecken
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Russell war gerade im Gericht angekommen. Heute sollte endlich das Urteil gegen Bowers verkündet werden. Seine Agentin und die Anwälte waren bereits da und er hoffte inständig, diesem Gebäude so schnell wie möglich wieder zu entrinnen. Jackie hatte sich bei ihrem letzten Telefonat nicht gut angehört und Mark hatte seine Befürchtungen bestätigt. Das Visum für sie hatte er schon in der Tasche. Spätestens in einer Woche wollte er in Hamburg sein und sie überraschen. Diesmal würde er die Stadt nicht alleine verlassen. Er versuchte, sich ihr Gesicht vorzustellen, wenn er auf einmal vor ihr stand, und der Gedanke an sie, zauberte ein Lächeln auf seins.
Er war gerade vor dem Verhandlungszimmer angekommen, als einer der Agenten auf ihn zu kam. "Guten Morgen, Sir", hob der dienstfertig an. Russ hasste diese Wichtigtuer. "Da war gerade in der Agentur ein Anruf für sie von einem Mark Schmidt aus Deutschland. Er behauptete, sie dringend sprechen zu müssen. Ich habe mir erlaubt, ihn auf später zu vertrösten. Sicher möchten sie vor dem Urteilsspruch nicht gestört werden." Völlig entgeistert sah Russ ihn an. Warum rief Mark in der Agentur an? Er hatte ihm die Nummer nur für absolute Notfälle gegeben. Russ zuckte zusammen - Notfälle! Er hatte in den letzten Monaten oft mit dem Freund in Deutschland gesprochen, war ihm dankbar für seine Hilfe und vertraute ihm. Mark würde nie ohne Grund anrufen. "Idiot", warf er dem Agenten an den Kopf, während er schon zum nächsten Telefon im Foyer eilte. Ungeduldig wählte er Marks Nummer. "Mark? Ich bin's Russ", meldete er sich, als er ein Knacken am anderen Ende der Leitung vernahm. "Hallo Russ. Hier ist Melanie. Mark hat mich gebeten auf deinen Rückruf zu warten." verdutzt hielt Russ einen Augenblick inne. "Hallo Mell. Was gibt es denn so dringendes?" Er hörte, wie seine Gesprächspartnerin nach den richtigen Worten suchte. Mit einem Seufzer sagte sie schließlich "Ich fürchte nichts Gutes. Jackie wollte eigentlich heute hier raus kommen. Sie hat überraschend Urlaub gekriegt und wollte nächste Woche mit uns nach Dänemark. Als sie um drei immer noch nicht da war, haben wir angefangen uns Sorgen zu machen. Dann haben wir es im Radio gehört." Sie machte eine kurze Pause. "Russ, Jackie hatte einen Unfall. Ein PKW hat sie von der Straße gedrückt. Es tut mir so leid."
Russell war wie betäubt. Er rang nach Luft und hielt sich krampfhaft an der Zellabgrenzung fest. "Mell, was ist mit ihr? Du willst mir doch nicht sagen, dass sie...", seine Stimme versagte. Nein - das durfte nicht sein. Nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel. Er konnte diesen Gedanken nicht aussprechen. "Nein - sie lebt noch", hörte er die junge Frau am anderen Ende sagen. Vorsichtig atmete er aus. "Aber es sieht nicht gut aus. Sie hat eine sehr schwere Gehirnerschütterung, ein Schleudertrauma und starke Prellungen am ganzen Körper. Der Hubschrauber hat sie in die Uniklinik gebracht und dort haben sie die Ärzte ins Heilkoma gelegt. Mark und Lisa sind auf dem Weg zu ihr." Atemlos endete Melanie. Am anderen Ende herrschte Stille. "Russ? Wirst du kommen?", fragte sie vorsichtig. "Ja - ich bin so schnell wie möglich da." Russ Stimme war tonlos und heiser, als er antwortete. "Und Melle - danke. Sag Mark und Lisa, dass ich auf dem Weg bin." Bitte lass es nicht zu spät sein, fügte er in Gedanken hinzu, als er den Hörer auflegte.
* * * * * * *
36 Stunden später war er endlich in Hamburg. Voller Ungeduld hatte er die Urteilsverkündung abgewartet, sich ein paar Sachen aus seinem Appartement holen lassen und war dann direkt zum Flugplatz gefahren. Wendy hatte ihn gebracht. "Russ, was ist los mit dir? So kenne ich dich gar nicht. Ist sie dir so wichtig, dass du hier alles stehen und liegen lässt und dich Hals über Kopf auf den Weg machst?" Er hatte sie nur stumm angesehen und genickt. Sie fuhren direkt auf das Rollfeld, wo die Maschine startklar wartete. Seine Pressesprecherin und Freundin hatte ihn zum Abschied umarmt. "Ich wünsche euch Glück und bring sie ja mit, wenn du wieder kommst. Auf die Frau bin ich mehr als gespannt." Inständig hoffte Russ, ihr und sich selbst diesen Wunsch zu erfüllen. Er schob die Angst, zu spät zu kommen, beiseite. Als das Taxi endlich das Tor der Uniklinik passierte und kurz danach vor dem Gebäude der Notaufnahme hielt, schickte er zum x-ten Mal ein Stoßgebet zum Himmel.
Lisa und Mark warteten in der Halle auf ihn. Sie sahen genauso übernächtigt aus, wie er selbst und die Zeitumstellung machte sich langsam bei ihm bemerkbar. Zumindest würde er nicht allein sein und erleichtert begrüßte er die Beiden. Mark brachte ihn nach oben auf die Intensiv. Wie im Trance vernahm er die Stimme des Freundes, der ihm so schonend wie möglich, beizubringen versuchte, dass es Komplikationen gegeben hatte. "Was für Komplikationen?" fragte Russ heiser. Mark stockte. Die Ärzte hatten versucht, Jackie am Morgen aus dem Heilkoma zu holen, aber ohne Erfolg. Sie war über Nacht in ein echtes Koma gefallen und es war nicht sicher, ob sie jemals wieder aufwachen würde. Russ wurde schlecht. Krampfhaft lehnte er sich an die Wand und versuchte, das Schwindelgefühl zu unterdrücken. Entsetzt sah er den Freund an. "Sag, dass das nicht wahr ist." Seine Stimme war kaum mehr als ein Keuchen. "Mark, ich kann sie nicht aufgeben. Dafür liebe ich sie viel zu sehr." "Niemand hat etwas von aufgeben gesagt." versuchte der Ältere ihn zu beruhigen. "Es ist nur" fuhr er tonlos fort, "wenn in den nächsten Tagen keine Besserung eintritt, werden sie die Geräte abschalten. Jackie hat keine lebenden Verwandten mehr. Es gibt niemanden, der die Ärzte rechtlich daran hindern kann. Du bist derjenige, der ihr am nächsten steht. Es wird also von dir abhängen, diese Weißkittel zu überzeugen." Russ schloss die Augen. Kraftlos ließ er sich an der Wand entlang zu Boden gleiten, um seinen Kopf auf seinen Knien zu bergen. Ein Zittern durchlief seinen Körper. Mark betrachtete ihn mitfühlend. Er mochte Jackie und Russ. Mehr als alles andere auf der Welt wünschte er den beiden Glück. Er war einer der Weinigen, der wusste, wie sehr die Beiden unter der Trennung und der Geheimniskrämerei gelitten hatten, und obwohl der Mann, der nun zu seinen Füssen gegen die eigene Verzweifelung kämpfte, etliche Mittel zur Verfügung hatte, war er doch relativ hilflos in diesem gnadenlosen Spiel des Lebens. Um nichts hätte Mark mit ihm tauschen mögen.
Als Russ wieder aufsah, erschrak Mark leicht. Unbändige Wut blitzte in den Augen seines Gegenübers. Russ rappelte sich hoch. "Nein", wandte er sich entschlossen an Mark. "Sie wird leben. Sie muss leben. Ich bin nicht bereit klein beizugeben, nachdem wir es soweit geschafft haben. Wenn es wirklich einen Gott gibt, dann wird er sie mir nicht nehmen. Nicht nach Allem, was wir durchgemacht haben, um endlich zusammen zu sein. Ich werde es nicht zu lassen. " Entschlossen betrat er den Vorraum zur Intensivstation. Mark war verdutzt stehen geblieben. Innerlich schüttelte er ungläubig den Kopf. "Ich wette, mein Freund, du würdest es mit dem Teufel persönlich aufnehmen, wenn du sie dadurch retten könntest. Zu zu trauen wäre es Dir und an des Teufels Stelle hätte ich Angst davor." Aber sagte kein Wort, als er Russell folgte.
* * * * * * *
Drei Tage waren vergangen. Drei Tage des Wartens und Bangen. Sie hatten abwechselnd an ihrem Bett gewacht, auch wenn Russ nur schwer davon zu überzeugen war, das Zimmer zu verlassen. Er schlief auf dem Sessel, ernährte sich von Kaffee und verließ die Station höchstens, um in aller Eile eine Zigarette zu rauchen und etwas Frischluft zu tanken, wenn der Krankenhausgeruch ihm den Atem zu nehmen drohte. Mark sollte recht behalten mit seiner Vermutung. Russ setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um Jackie zu retten. Ein Spezialistenteam wurde zusammen gestellt und internationale Experten zu Rate gezogen. Nichts blieb unversucht und doch war keine Besserung in Sicht.
Sie sahen es an seinen Augen, als er nach dem Gesprächstermin beim Professor wieder in Jackies Zimmer kam. "Könnt ihr mich bitte einen Augenblick mit ihr allein lassen", bat er sie tonlos. "Was ist passiert?", fragte Lisa ihn angespannt. Es dauerte etwas, bis Russ schließlich stockend antwortete, "Jackies Anwalt ist mit einer Patientenverfügung aufgetaucht. Keine lebensverlängernden Maßnahmen steht da drin. Ich kann nichts mehr tun." Sein Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, als er fortfuhr. "Sie werden die Maschinen in einer Stunde abschalten. Alles, was uns bleibt, ist, uns zu verabschieden." Seine Stimme versagte. Mit geschlossenen Augen lehnte er sich an die Tür. Er konnte das Entsetzen in den Gesichtern der Freunde nicht ertragen. Lisa hatte aufgeschrieen und Mark gelang es gerade noch, sie stützend in den Arm zu nehmen, als sie bedrohlich schwankte. Verzweifelt hielten sie sich aneinander fest. Wenigstens hatten sie einander, dachte Mark bei sich. Mitfühlend sah er zu dem Mann, den er seit Kurzem seinen Freund nennen durfte. "Kommst du klar?", fragte er leise. Russ sah ihn an. Verzweifelung, Wut und unendliche Trauer standen in diesen Augen. Stumm nickte er zur Antwort. Langsam führte Mark seine Frau aus dem Zimmer. Sein letzter Blick galt Jackie, die reglos zwischen den ganzen Schläuchen und Apparaten auf dem Bett lag. "Leb wohl, Kleine.", flüsterte er tonlos.
24.
Kapitel Erwachen
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Sie hatten kaum die Tür geschlossen, als Russ kraftlos vor Jackies Bett auf die Knie fiel. Die ganze Zeit hatte er die Beherrschung behalten, aber jetzt in der Stille des Krankenzimmers, alleine mit der Frau, die er liebte, brach es aus ihm heraus. Er ließ seinem Kummer freien Lauf. Verzweifelt klammerte er sich an ihren Körper, griff nach ihrer Hand und barg sie in der seinen. Unter Tränen fuhr er die Linien ihres Gesichts nach und sah in Gedanken ihre strahlend blauen Augen vor sich, die ihn anlächelten. Bei ihr hatte er in so kurzer Zeit gefunden, was er sein Leben lang gesucht hatte. Er war sich sicher gewesen, mit ihr glücklich zu werden, wollte sie an seiner Seite wissen, mit ihr gemeinsam alt werden. Seit sie zusammen waren, war sein Streben immer mehr und mehr auf dieses Ziel gerichtet gewesen und nun schien das Schicksal ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen.
"Warum tust du uns das an?", schrie er in den Raum. "Bitte, nimm sie mir nicht. Geh nicht, Jackie. Ich brauche Dich. Bitte bleib bei mir." Völlig verzweifelt barg er sein Gesicht an ihren Brüsten. Atmete ihren Duft, der so vertraut und durch die Umgebung doch so fremd war. Wie lange er so lag? - Er wusste es nicht. Raum und Zeit schienen verloren, während er sich mit all seiner Kraft an ihr schwindendes Leben klammerte. Irgendwann begann er sich zu beruhigen und in das scheinbar Unvermeidliche zu fügen. Gleich würde die Ärzte kommen und sie ihm endgültig nehmen.
Da spürte er eine Hand, die durch sein Haar fuhr. Stocksteif verharrte er. Nein - er hatte sich nicht getäuscht. Da war die Bewegung wieder. Vorsichtig drückte er ihre Hand und hielt den Atem an, als der Druck sacht erwidert wurde. Ungläubig sah er auf.
* * * * * * *
Sie war durch den Nebel gewandert, ohne so recht zu wissen, wohin sie ging, noch wo sie war. Das Gefühl für Zeit hatte sie schon lange verloren. Doch da war ein Licht am Ende des Weges, dass sie anzuziehen schien. Es dauerte ewig, bis sie es erreichte. Das Licht war so wunderschön und rein, wie sie es nie zuvor gesehen hatte. Sie wollte darauf zu stürmen, als etwas sie zurück hielt. Jemand berührte sie und rief ihren Namen. Aus einer Ecke ihres Gedächtnisses formte sich ein Gesicht - Russ. Ihr Herz wurde warm und sie fühlte es bis zum Hals schlagen. Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen das Licht und lief zurück durch den Tunnel, durch den sie gekommen war. Mit einem unhörbaren Keuchen kehrte sie ins Leben zurück. Sie versuchte die Augen zu öffnen, schloss sie aber gleich wieder geblendet. Vorsichtig versuchte sie es erneut und diesmal gelang es. Sie erkannte, dass sie in einem Krankenhaus war und ja - er war wirklich da. Russ hielt sie in seinen Armen, hatte sein Gesicht an ihrem Körper geborgen und weinte still. Sie wusste nicht, was los war, war maßlos erstaunt. Erst langsam realisierte sie, dass sie auf einer Intensivstation zu liegen schien. Bruchstücke des Unfalls tauchten in ihrer Erinnerung auf. Sie zuckte innerlich zusammen, als der Schmerz des Aufpralls sie noch einmal durchfuhr. Allmählich fügte sich das Puzzle zusammen. Sie wollte etwas sagen, aber es gelang ihr nicht. Russ war da. er war bei ihr und es schien, als weinte er um sie. Alles in ihr drängte danach, ihn zu trösten, sich bemerkbar zu machen, ihn wissen zu lassen, dass sie zurück gekommen war. Um seinetwillen, um ihrer Liebe willen. Jackie kämpfte und nahm alle Kraft zusammen. Fast schien es, als würde es ihr niemals gelingen, ihre Hand auf seinen Kopf zu legen. Sie fühlte sich so schwach, wie nie zuvor. Dann - endlich - gelang es ihr doch. Sie merkte, wie er sich versteifte. Mit letzter Anstrengung wiederholte sie die Bewegung, Endlich löste er sich aus seiner Starre. Er drückte vorsichtig ihre Hand. leise erwiderte sie. Ungläubig richtete er sich auf und sah sie an. Sie lächelte, als sie in diesem Meer aus grün und blau versank, das sie so sehr liebte.
* * * * * * *
Sie hatte die Augen geöffnet und schien ihn anzulächeln. Erschrocken hielt er die Luft an. Litt er jetzt schon an Wahnvorstellungen? "Jackie?", fragte er vorsichtig. Ein Blinzeln war die Antwort. Die Anstrengungen hatten ihr die letzte Kraft geraubt. Russ war außer sich vor Freude. Sanft nahm er sie in den Arm, spürte den leichten Druck ihrer Hand und lachte seine Erleichterung laut heraus. Die Zimmertür wurde aufgerissen und die Ärzte stürmten gefolgt von dem Professor herein. Abrupt hielt dieser inne. "Mister Crowe, ich muss doch sehr bitten.", sagte letzter gestelzt. Russ ließ Jackie nicht einen Moment aus den Augen, als er sich aufrichtete. Es war, als hätte er Angst, sie könnte ihm wieder entgleiten. Aber es war noch da, das Lächeln in ihren Augen, das den seinen folgte und sich an ihnen fest sog. "Sehen sie selbst, Professor", sagte er nun völlig ruhig. "Sie lebt und ist gerade wieder aufgewacht."
Die Doktoren verwandelten sich in einen schnatternden Haufen, als sie sich staunend um das Bett scharrten. Geräte wurden überprüft, EKG und Pulsfrequenzen gemessen. Der ganze Raum war mit einem Mal angefüllt mit hektischer Betriebsamkeit. Schließlich räusperte sich der Professor. "Ich bitte um Entschuldigung, Sir. Irgendwann müssen sie mir verraten, wie sie das gemacht haben. Aber es gibt keinen Zweifel. Frau Melzer ist wieder bei uns." Er streckte Russ die Hand entgegen. "Meinen herzlichen Glückwunsch. Würden sie jetzt bitte trotzdem kurz den Raum verlassen, damit wir noch einige Untersuchungen machen und ihre Braut optimal versorgen können?" Russ hatte die Hand geschüttelt und den Glückwunsch entgegen genommen. "Ja, natürlich.", sagte er schlicht. er beugte sich hinab und gab Jackie einen kurzen Kuss auf die Stirn. "Dass du mir ja hier bleibst und dich nicht wieder davon stiehlst, okay? Du wirst nämlich noch dringend gebraucht", grinste er sie glücklich an. "Ich sage nur kurz Mark und Lisa Bescheid und bin bald wieder da." Ein Blinzeln war wieder die Antwort und ihre Augen folgten ihm, als er das Zimmer verließ.
Mark hatte sich auf das Schlimmste gefasst gemacht, aber als Russ nun auf sie zu rannte, sah er ihm skeptisch entgegen. Völlig perplex versuchte er sein Gleichgewicht zu halten, als der Freund ihm ohne Vorwarnung um den Hals fiel und ihn herzlich drückte, um im nächsten Moment nach Lisa zu greifen und sie im Kreis durch die Luft zu wirbeln. Atemlos fuhr Mark ihn an "Bist du jetzt völlig übergeschnappt?" Russ hielt inne und setzte die verdutzte Lisa zurück auf den Stuhl. Über das ganze Gesicht strahlend wandte er sich ihrem Mann zu. "Verstehst du denn nicht? Jackie lebt! Sie ist wieder aufgewacht! Die Ärzte sind gerade bei ihr und versorgen sie. Sie ist noch sehr schwach, aber sie ist wieder da und sie wird wieder gesund werden.", fügte er voller Zuversicht hinzu. Es dauerte ein wenig, bevor Mark und Lisa den Sinn dieser Worte völlig begriffen hatten. Dann aber lagen sich alle drei in den Armen und Lisas Tränen waren diesmal Tränen der Erleichterung und Freude.
Jaqueline:
"Der Rest der Geschichte ist relativ schnell erzählt und darum werde ich euch auch nicht länger auf die Folter spannen.
Meine Genesung ging gut voran. Da ich , Gott sei Dank, keine Knochenbrüche hatte und das mehr oder minder unfreiwillige Koma seltsamerweise sehr gut für meine Gehirnerschütterung war, konnte ich einen Monat später die Klinik verlassen. Russ war geblieben und kümmerte sich ständig um mich.
An dem Abend als ich aus dem Krankenhaus kam, führte er mich groß zum Essen aus. Ich war froh zu hören, dass er von allen Vorwürfen frei gesprochen worden war. Als er mir dann jedoch mein Visum reichte und mir unmissverständlich klar machte, dass er das Land diesmal nicht ohne mich verlassen würde, war mein Glück vollkommen.
Gemeinsam haben wir meine Wohnung aufgelöst und meine persönlichen Dinge auf den Weg ans andere Ende der Welt gebracht. Ich bin auch an Stefans Grab gewesen und habe mich von ihm verabschiedet. Fast war es, als hätte er mir leise "Pass auf Dich auf, meine Kleine." zugerufen. Für mich war dieser Gang auf den Friedhof, wie der endgültige Schluss eines Lebensabschnittes. Ich musste aufhören, in der Vergangenheit zu leben, wo mir eine interessante und aufregende Zukunft an der Seite eines wundervollen Mannes bevorstand.
Von Maggie habe ich den Auftrag erhalten in Sydney eine Filiale der Agentur aufzubauen und sie hat versprochen uns im Frühjahr zu besuchen. Ich freue mich auf die Arbeit, bin mir aber auch im Klaren darüber, dass sie nicht mehr den Mittelpunkt meines Lebens darstellen wird. Der ist jetzt für Russ reserviert.
Die letzten Wochen sind wie im Flug vergangen und heute war dann auch schließlich der Abreisetag gekommen. In einer Woche ist Weihnachten, aber dann werde ich bereits in Down Under sein. Unser Winterfest schlechthin bei Hitze zu feiern, scheint mir noch immer etwas merkwürdig und der Schneefall vorgestern macht den Abschied nicht unbedingt leichter. Ein wenig mulmig ist mir schon. Darum hatten wir auch darum gebeten, dass niemand zum Flughafen kommt. Aber was wären schon echte Freunde, wenn sie sich immer an das halten würden, um was man sie bittet?
Sie waren alle da. Mark, Lisa, Melanie, die restliche Motorradtruppe, meine Kollegen und natürlich Maggie. Selbst der Professor hatte es sich nicht nehmen lassen, uns für unsere Zukunft alles Gute zu wünschen. Es war schön und doch ist mir die Trennung von den Freunden schwer gefallen. Es würde eine ganze Weile dauern, bevor ich die mir vertrauten Menschen wiedersehen würde. Der ganze Antritt dieser Reise ist für mich wie der Eintritt in eine neue Dimension. Neben den Freunden hatte die Presse Wind von unserem Abflug bekommen und ein paar Fans hatten sich auch versammelt. Es war am Anfang schon etwas befremdend, eskortiert von Security Leuten zum VIP-Raum geleitet zu werden, aber Russ war die ganze Zeit an meiner Seite und ließ mich nicht los. Ich weiß, ich werde mich an Situationen wie diese gewöhnen müssen und irgendwie gelang es mir dann auch, das ganze als Abenteuer zu betrachten und ich habe begonnen, mich voller Neugier umzuschauen.
Wichtig ist letztlich nur, dass ich mit Russell zusammen bin. Seine Liebe hat mich in mehrfachem Sinn zurück ins Leben geholt und meinem Dasein einen neuen Sinn gegeben. Ihn neben mir zu wissen, während wir über ein Meer von Wolken gleiten, ist die Belohnung für alles , was in den vergangenen Monaten geschehen ist.
Das Band, das uns seit seiner Ankunft in Hamburg verbindet, ist stark geworden. Stark genug, um auch kommende Stürme zu überstehen, um uns gegenseitig Halt und Schutz zu geben. Er war da, als ich ihn am dringendsten brauchte. Das allein ist Beweis genug und alles, was zählt. Die Liebe, die uns jetzt verbindet, wird mich fort an begleiten - auf dem Weg in eine neue Welt."
If you love something, set it free.
If it comes back it's yours.
If it doesnt' it never was.