21 – Die Häscher

Tom, der Gillaine von der Schule abholte, sah den Kindern zu, wie sie aus dem Gebäude purzelten wie kleine bunte Käfer, die dann ihres Weges gingen, besser, sprangen, und geradewegs in die Arme ihrer Eltern oder größeren Geschwister, die sie abholten und nach hause begleiteten. Ein kräftiger Wind, vom Osten her, blähte ihre Jacken und riss die Mützen von ihren Köpfen. Gejohle und Gekreische wurden von den Windböen weggetragen und verloren sich in allen Richtungen.  Tom schob seinen Hut in den Nacken und sah auf die Uhr. Ihre Klasse war eine der ersten, die die Schule verließen. Es kamen die größeren, nicht weniger lauten Schüler und ihre Lehrkräfte. Endlich erblickte er sie und atmete sichtlich erleichtert auf. Seine Augen schweiften über den Parkplatz. Er sah kein verdächtiges Fahrzeug herum stehen und auch keine verdächtigen Personen. Es waren meist Frauen, Mütter, die ihre Sprösslinge nach dem Unterricht abholen kamen. Die Luft war also rein, und sie würde die paar Schritte zum Wagen auch ohne sein Zutun gefahrlos schaffen. Er startete den Motor und ließ den Wagen anrollen. Eine Kinderschar hüpfte aufgeregt an seiner Kühlerschnauze vorbei. Er dachte an seinen kleinen Jungen zuhause. Er war erst wenige Monate alt und hatte noch ein paar Jahre vor sich, bevor er ihn ebenfalls in diese Schule von Nana Glen chauffieren würde. Die Kinder hatten ihm Sekunden lang die Sicht auf Gillaine genommen, er bedeutete ihnen mit einer ungeduldigen Handbewegung, sich schneller vorbei zu bewegen und atmete erleichtert auf, als er ihren rotblonden Schopf abermals zu sehen bekam. Die junge Frau kam mit wenigen Schritten auf den Wagen zu und er ließ für sie die Beifahrertür aufschnappen.

„Hi“, grüsste er. „Alles in Ordnung?“

„Ja!“ rief sie und er bemerkte trotz ihres fröhlichen Lächelns die versteckte Nervosität.

„Der Boss lässt Ihnen bestellen, er musste dringend nach Sydney, kommt aber nachts noch zurück. War noch einiges mit den Agenten zu klären wegen seines nächsten Jobs!“

Sie nickte und dachte an die bevorstehende Abreise ihres Geliebten, die in zwei Tagen endgültig bevor stand. Sie konnte nur hoffen, dass die Polizei einstweilen mehr über die beiden Kerle, die nach ihr gefragt hatten, herausgefunden hatte. Sonst würden ihre Nerven schon nach wenigen Tagen blank liegen.

Sie schlug sich auf die Stirn. „Ach, verdammt! Ich habe die Schulhefte zum Verbessern vergessen! Der Stoss liegt auf meinem Schreibtisch! Ich hole ihn rasch, Tom. Dann können wir losfahren!“

Er hielt sie zurück. „Ich mach das für Sie, Mam! Zweite Tür rechts, nicht wahr? Bleiben Sie hier, ich brauche nur ein paar Sekunden.“

Sie nickte dankbar. Allein der Gedanke, das schützende Innere des Wagens zu verlassen, stimmte sie unruhig.

„Bin schon weg! Bleiben Sie im Wagen, Gillaine!“

Sie nickte und er war schon ausgestiegen. Sie sah wie er im Haus verschwand. Die Putzfrau würde dann abschließen, sobald sie mit ihrer Arbeit fertig war.

Der Jeep, der langsam hinter dem Schulgebäude hervor gefahren war, erregte nicht weiter ihre Aufmerksamkeit. Erst als der Fahrer abrupt   Gas gab und direkt auf sie zuraste, wurde sie nervös. Während sie noch überlegte, ob sie die Autohupe betätigen sollte, war der Beifahrer aus dem Auto gesprungen und eisiger Schrecken durchfuhr sie wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Im gleichen Moment wusste sie, dass sie keine Chance mehr hatte zu entkommen! Sie fummelte an ihrer Handtasche, wollte den kleinen Revolver, den Russell ihr aufgezwängt hatte, greifen, doch ihre Autotür wurde bereits mit einem Ruck brutal aufgerissen und ihr Handgelenk, das die Waffe fest hielt, so grob gepackt, dass sie einen Schmerzenslaut von sich gab und ihn fallen ließ. Sie wurde unter Flüchen einer ihr unbekannten Sprache von schwielig harten Händen aus dem Wagen gezerrt und das dunkle Gesicht, das größtenteils von Sonnengläsern verdeckt wurde, verhieß  nichts Gutes. Während der Mann den Autoschlüssel eilig abzog, schaffte sie es irgendwie mit dem Ellbogen auf die Autohupe zu drücken, um Tom zu alarmieren. Dann fand sie sich auf dem staubigen Boden des Parkplatzes wieder. Ein Arm wurde ihr auf den Rücken gedreht und sie schrie schmerzerfüllt auf.

„Halt dein Maul, sonst mach ich dich gleich hier kalt!“ schnarrte die Stimme in schlechtem, kaum verständlichem Französisch und sie wurde unsanft an den Haaren gepackt und in den Fond des Jeeps gestoßen, der direkt neben dem Auto Toms zum Stehen gekommen war. Der Lenker spornte ihren Entführer mit fremden Worten an und kaum war er neben sie in den Fond des Wagens geglitten, fuhr er mit quietschenden Reifen los.

 

Sie konnte Toms entsetztes Gesicht durch die Rückscheibe sehen, als sie dagegen schlug, die Schulhefte, die er fallen gelassen hatte und deren Seiten lustig im Winde flatterten, als winkten sie ihr zum Abschied zu. Dann war der Wagen auf die Hauptstrasse gebogen und der Mann neben ihr, grinste hämisch: „Ein Glück, dass dein Freund so schwer von Begriff ist, sonst läge er jetzt tot auf dem Boden! Er drückte ihren Kopf auf seine Knie. „Bleib unten und rühr dich nicht.“

Sie sah, dass er ein Messer in der anderen Hand hielt, eine Art Jagdmesser, das er ihr nun an die Kehle drückte. Sie spürte, wie sich die Spitze schmerzhaft durch ihre Haut bohrte und für den Bruchteil einer Sekunde wurde ihr schwarz vor den Augen. Sie schluckte und versuchte, ihre Beherrschung zu bewahren. Die Hand des Kerls hatte sich in ihrem Haar verkrallt und ihre Nase wurde auf seinen Beinen platt gedrückt. Sie bekam kaum Luft.

„Bring sie nicht um“, brummte der Fahrer.

„Ich werde mich hüten, Bruder“, antwortete der Peiniger, „ich habe noch einiges mit ihr vor!“ Doch Gillaine verstand nichts von der Unterhaltung, die in Albanisch geführt wurde. Sie tippte auf Türkisch, zumindest klang es für sie so ähnlich. ‚Ruhig Blut’, dachte sie. ‚Sie können nicht weit kommen! Die Polizei sucht sie bereits und Tom wird sofort Alarm schlagen.’ Doch würden sie sie so lange noch leben lassen? Sie würgte und wollte sich erbrechen. Der faulige Geruch nach Fisch, der die Luft in diesem Fahrzeug verpestete, trug nicht dazu bei, ihre angegriffenen Nerven zu beruhigen. Sie konnte nur hoffen und Ruhe bewahren. Dass Russell sich an diesem Tag viele hundert Kilometer weit entfernt aufhielt, stimmte sie nicht zuversichtlicher, obwohl bei genauer Überlegung, selbst er nicht viel gegen die beiden Entführer ausrichten konnte, wenn sie erst einmal über alle Berge mit ihr waren.

 

Sie drehte ihr Gesicht zur Seite und versuchte stoßweise zu atmen. Ihre Lungen füllten sich mit dem bestialischen Gestank von verwestem Fisch und ihr Inneres gefror mehr und mehr, bis eisige Todesfurcht sich durch Mark und Bein fraß und sie unbeherrscht zu zittern begann. Der Mann der sie festhielt, gab ein grunzendes Lachen von sich und strich mit dem Messer genussvoll über ihren entblößten Nacken, als er heiser und an sie gewandt feststellte: „Ich spüre, dass ich dir einige Emotionen entlocke, mein Täubchen. Nur zu, du bekommst bald mehr davon!“ Sie schwieg und versuchte ihr Zittern unter Kontrolle zu bekommen. Sie wurde von blinder Wut auf ihr Schicksal erfasst, und dieses „sich nicht abfinden wollen“ mit der aussichtslosen Lage, in der sie sich befand, ließ sie merkwürdiger Weise  ruhiger werden. ‚Würde’, dachte sie und spürte, wie dieser Gedanke sie zu beruhigen schien. ‚Selbstachtung! Das ist nicht das Ende, kann es nicht sein...’

Inzwischen raste der Wagen der Küste entgegen, weit südlich von Coffs Harbour, dorthin, wo das versteckte Boot vor Anker lag und auf sie wartete.

*****

Tom war außer sich vor Selbstvorwürfen. Als er bemerkte, dass man ihm den Autoschlüssel entwendet hatte, telefonierte  er im Laufen mit der Polizei, bevor er auf der Farm Bescheid gab. Ein Polizeiwagen kam ihm entgegen, während er noch rannte, als wäre der Teufel hinter ihm her. Crowe würde ihn persönlich zur Verantwortung ziehen, doch schlimmer war noch, dass er so kläglich versagt hatte und ihm niemand mehr trauen würde. Wenn er nicht in hohem Bogen von der Ranch flog, so stand man ihm ab heute nur mehr die kleinen Drecksarbeiten zu, ihm, der es nicht verstand, die kleine Miss fünf Minuten lang im Auge zu behalten. Warum hatte sie auch nicht die Sicherheitsriegel vorgeschoben? Doch es war sinnlos, die Schuld bei ihr zu suchen. Wahrscheinlich war sie derart geschockt gewesen, dass sie alles außer Acht gelassen hatte, und Sekunden später war es bereits zu spät, um vernünftig zu reagieren. Er sprang ins Polizeiauto und gab an, in welche Richtung er das Fahrzeug hat davon preschen sehen.

„Die wollen nach Coffs“, stellte der Fahrer fest.

Der daneben sitzende Sergeant schüttelte den Kopf. „So einfach machen es uns die Burschen nicht. Man hat sie seit mehreren Tagen nicht mehr in Coffs gesehen. Die sind zwar unterwegs zur Küste, aber sicher nicht nach Coffs. Ich werde die Strassen nördlich absperren lassen und wir fahren direkt ohne Umwege die Küste entlang und sehen uns dort um. Wahrscheinlich sind dort leichter untergetaucht, weil sie keine Fragen mehr gestellt haben und so nicht weiter auffielen!“

Mit Blaulicht raste der Wagen an der Abzweigung nach Coramba vorbei, in Richtung Süden.

„Ich muss den Boss informieren“, beharrte Tom im Fond des Wagens. „Er ist nicht mal auf der Farm, hatte heute einige Termine in der Stadt. Selbst wenn er einen Hubschrauber anheuert, ist er nicht vor zwei Stunden hier.“

 Joey, der Sergeant, fühlte sich nicht besonders wohl, als er an Russells unvermeidliche Reaktion dachte, die das Verschwinden seiner Freundin auslösen würde.

„Warte damit“, riet er dem Cowboy. „Wir wollen erst sehen, ob wir das Pack nicht abfangen können.“ Dann macht er über Funk alle verfügbaren Männer mobil, um Straßensperren errichten zu lassen und sie an den wichtigsten Verkehrspunkten zu postieren.

„Du weißt so gut wie ich, dass es hunderte von Abkürzungen auf Feldwegen und über die Hügel gibt, Joey!“ wagte Tom einen verzweifelten Anlaufsversuch. „Die haben einen Jeep, und kommen überall damit durch!“

„Sie wissen aber, dass sie auf dem Landweg keine Chance haben“, widersprach der Polizist. „Außerdem gaben sie sich als Angler aus, also sind sie auf dem Wasserweg angereist. Selbst wenn wir keine Spur von den beiden finden konnten, heißt das immer noch nicht, dass sie ihren Kahn nicht irgendwo zwischen Coffs und Sawtell versteckt haben. Das sind keine Anfänger, mate, das sind professionelle Banditen.“

‚Mörder’, fürchtete Tom. ‚Das sind Mörder und vielleicht liegt die arme Frau schon längst mit durchschnittener Kehle im Strassengraben.’ Wenn das wirklich zutraf, konnte er sich ohnehin gleich die Kugel geben, bevor Crowe es tat!

„Aus dem Land können sie sie nicht bringen“, bemerkte der Detektiv. „Ich fürchte fast, dass sie das erst gar nicht in Erwägung gezogen haben...“

Tom schnitt eine grimmige Grimasse und kalter Schweiß stand in seinem Nacken, den er nicht weiter beachtete. Joey hatte ihm nur bestätigt, was er zwar verdrängt hatte, das sich jedoch immer wieder auf Neue als logische Schlussfolgerung ergab. Gedungene Mörder, die ihr Opfer gefasst hatten und in aller Ruhe mit dem Showdown ihres Auftrages beginnen konnten.

*****

Als sie Kostovico aus dem Gebäude zerrten, ließ er eine Flut obszönster  Verwünschungen in seiner Muttersprache auf die Polizeileute los. Auf Grund eines aufgegriffenen Mädchens, verletzt und vergewaltigt, zwischen Mülltonnen deponiert wie Abfall, war es den Pariser Beamten endlich gelungen einen Transport von Frauen an der italienischen Grenze abzufangen. Seit das Vereinte Europa die Grenzen  zwischen den einzelnen Ländern der Union abgeschafft hatte, war es ein Leichtes, scheinbar harmlose, als Familienbusse getarnte Lastwägen, nicht schwerer als 3,5 Tonnen, die also der Zollkontrolle keine Unterlagen vorlegen mussten, über die imaginären, unbesetzten Grenzen zu schaffen. Die menschliche Fracht befand sich eingezwängt zwischen eingebauten Möbeln, oder im zusätzlich eingezogenen Boden der Fahrzeuge. Meistens mimten sie einfach nur Urlaubsreisende, da sie den Versprechungen ihrer Schlepper noch Glauben schenkten.  Nichts war einfacher, denn die wenigen Zollbeamten die auf der  Transitstrecke Stichproben machten, hatten mehr als genug zu tun, um die vielen Schwertransporte zu kontrollieren. Von Albanien über Italien nach Frankreich, Deutschland oder gar an die nordafrikanische Küste, von wo aus man sie in  Richtung Nahost weiter verschleppte, wurden sie während der Fahrt eingeschüchtert, geschlagen und unterjocht, ja, gefügig gemacht. Kaum eine wagte es, den Mund zum Protest aufzumachen oder sich gar fort zu stehlen. Ihre Schlepper waren brutal und ohne Mitleid, und sie hätten auch auf fliehende Frauen und Mädchen bedenkenlos geschossen, wenn es nicht anders ging. Kostovico hatte klare Anordnungen getroffen, wie in solchen Fällen vorzugehen war. Bar jeden Gefühls, gehorchten die Handlanger, das Geschäft war ja einträglich und dankbar.

Und dieses eine Mädchen, das sie aufgegriffen hatten, erzählte ihnen halbtot, dass ihre Schwester mit dem nächsten Transport über Ventimiglia ins Land kommen würde. Ernüchtert, als sie in Paris eingetroffen war, wie ein Stück Vieh behandelt, hatte sie versucht zu fliehen, um ihrer Schwester entgegen zu eilen, sie zu warnen, zu befreien. Ein Anflug von verzweifeltem Wahnsinn hatte ihre Sinne beherrscht, Angst verlieh ihr Flügel und sie wuchs über sich selbst hinaus. Sie schaffte die Flucht nur bis zur nächsten Strasse, dann hatten die Männer sie wieder eingefangen und verpassten ihr die Abreibung, die sie ihr bereits angedroht hatten. Als sie wieder zu sich kam und sich geschunden und blut überströmt zu ihrem Fenster im dritten Stock dieses baufälligen Hauses schleppen konnte, überlegte sie nicht lange. Sie rutschte über das Fensterbrett und segelte wie eine leblose Puppe geradewegs zwischen die stinkenden Mülltonnen. Dieses Leben war es nicht wert, gelebt zu werden. Ihre Schwester war verloren wie sie selbst, und die schmerzhaften Prügel hatten ihr den letzten Lebenswillen genommen, der ihr verblieben war.

 

Ein zufällig vorbei fahrender Streifenwagen wurde durch den Lärm des Aufpralls auf das dramatische Geschehen aufmerksam. Er bremste jäh ab und die Detektive hatten keine Mühe den armseligen Körper des Mädchens zwischen Säcken und Kartons zu entdecken. Man beorderte einen Krankenwagen zum Schauplatz und transportierte das Mädchen, das sie zwischen dem Müll von Kostovicos Nachtclub fanden, unter strenger Bewachung ins nächste Krankenhaus.

Inspektor Fargette wurde von Interpol über die Sache informiert und rieb sich zufrieden die Hände.

 

Als sie, ein halbes Kind noch, versorgt war und ihre Wunden verbunden – die äußerlich sichtbaren, denn die inneren, unsichtbaren würden möglicherweise nie heilen – wurde in ihr die schwache Hoffnung auf Rettung ihrer Schwester wach. Sie erzählte was sie wusste, beschrieb ihren eigenen Transport und auf Grund verschiedener Einzelheiten wussten die Beamten, wo sie ungefähr den nächsten Menschenschmuggel abfangen konnten.

Gesagt, getan.

Einer Spezialeinheit der Polizei, einer Truppe der RAIDS, die sich über das felsige Terrain, durch das sich die Autobahn von Italien nach Südfrankreich schlängelte, verteilt hatte, gelang es, den Menschentransport abzufangen und die Mädchen in Gewahrsam zu nehmen. Einer der beiden Fahrer wurde erschossen, als er versuchte, eine der Frauen als lebendigen Schutzschild vor sich her zu schieben und im nahen Pinienwald mit ihr zu verschwinden. Später stellte sich heraus, dass es sich bei der Frau um die Schwester der Verletzten gehandelt hatte. Der gezielte Kopfschuss des Snipers verfehlte sein Ziel nicht, und bevor der Mann noch begriffen hatte, was mit ihm geschah, war er tot und die Albanerin konnte ohne Schaden geborgen werden. Der zitternde Haufen von sieben Frauen wurde direkt zum Flughafen von Nizza gebracht, wo eine Militärmaschine sie nach Paris bringen würde, zur Vernehmung und eventuellen Abschiebung zurück in ihre Heimat.

 

Der verbliebene Fahrer hatte erst nichts ausgesagt, doch er war neu in dem Geschäft und Kostovico bedeutete ihm nichts. Als man ihm mit einer Mordanklage drohte, erzählte er, was er wusste. Über Umwege kam man zu Kostovico, täuschte den eintreffenden Transport der Ladung Weiblichkeit vor, und als er persönlich dieselbe in Augenschein nehmen wollte, um jeder Frau ihre weitere Bestimmung zuzuordnen, befand er sich plötzlich den vermummten Männer, die ihr Maschinengewehr geradewegs auf ihn und seine Helfer gerichtet hatten, gegenüber. Selbst der Dümmste unter ihnen wusste, dass sie verloren hatten. Kostovico war überführt. Der anstehende Prozess, sobald alle Ermittlungen und Anklagen feststanden, würde die Presse für Wochen auf Trab halten und die oft kritisierte Polizeigewalt hatte ihre Schäfchen einmal mehr ins Trockene gebracht.

 

Als die gefangen gehaltenen Mädchen von der Sache erfuhren und die als Massagesalons und Nachtclubs kaschierten Bordelle aufflogen, wurden sie plötzlich allesamt sehr gesprächig. Es mangelte bereits in Kürze an albanischen Dolmetschern, die die Aussagen der Frauen übersetzen konnten. Weitere Verstecke wurden dank ihrer Hilfe gestürmt und die Unglücklichen aus Kellern und Verschlägen geborgen. Viele von ihnen waren krank und schwach. Trotzdem für den Grossteil der Frauen die Abschiebung bevor stand, waren sie froh, ihren Peinigern und der erzwungenen Prostitution entkommen zu sein. Ein ärmliches Leben in Albanien erschien ihnen plötzlich als paradiesische Willkommenheit, angesichts der erduldeten Gewalttaten und Entwürdigungen.

*****

Für ein paar Stunden überließ man Fargette den Albaner, damit der Mordfall Favier endlich abgeharkt werden konnte. Kostovico wurde unter schwerer Bewachung ins Kriminalamt am Quai d’Orfèvres gebracht, wo man eine Gegenüberstellung mit Lapierre vollziehen wollte. Dieser wurde ebenfalls höflich, aber bestimmt ins Polizeibüro gebeten und persönlich von Henri Fargette dorthin gebracht. Madeleines kalter Blick folgte dem Abgang des geliebten Patrons, der an Achtung bei ihr einiges eingebüsst hatte, seit die Polizei ihn des Mordes verdächtigte. Sie hoffte zwar immer noch, dass die Beamten sich täuschten, besaß aber nicht mehr die ungetrübte Stärke, an seine Unschuld zu glauben. Ein Seufzer entrang sich ihrer Brust und sie war einmal mehr froh, sich nie an eines dieser undurchschaubaren Wesen der Spezis Mann gebunden zu haben. Liebe gab es scheinbar nur in Romanen und Fernsehfilmen, die Wirklichkeit sah ganz anders aus...

 

Kostovico war stumm geblieben, grinste den Inspektor und seine Männer nur höhnisch an und verlangte nach seinem Anwalt. Auch die Frage, ob er Lapierre persönlich kannte, war unbeantwortet geblieben.

Interessant wurde es, als dieser in den Raum gebracht wurde. Die Überraschung auf dem Gesicht des „biederen“ Geschäftsmannes, konnte nicht übersehen werden. Doch er fasste sich rasch und nahm auf dem ihm angebotenen Stuhl Platz. Fargette lehnte an der Fensterbank mit verschränkten Armen und blickte von einem Mann zum anderen.

„Ich denke, Sie kennen einander sehr gut, meine Herren!“ Kostovico blickte kurz auf die Fotos, die man vor ihm ausgebreitet hatte und sein Gesicht verriet keinerlei Regung.

„Ein Kunde, na und? Ich kenne meine Kunden nicht, und die meisten davon wollen sich unerkannt in meinem Etablissement amüsieren, Inspektor. Vielleicht waren Sie selbst schon da und ich weiß rein gar nichts davon!“

Fargette überging die Anmaßung und wandte sich an Lapierre. „Was meinen Sie dazu, Monsieur? Kennen Sie diesen Mann?“ Lapierre zuckte leeren Gesichts mit den Schultern und schwieg sich aus. Sein Zeigefinger schnippte angelegentlich ein paar imaginäre Staubkörnchen vom Revers seiner Jacke. Er schien sich nicht betroffen zu fühlen.

Fargette schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, als erinnere er sich ganz plötzlich an ein wichtiges Detail: „Ehe ich es vergesse, Sie müssen wissen, Monsieur, Mehmet Kostovico ist des Menschenhandels beschuldigt worden und auch des Mordes in mehreren Fällen. Er sitzt nicht unschuldig auf diesem Stuhl und wurde mir von Interpol sozusagen nur geliehen!“ Er grinste spöttisch.

„Wir bringen seine Schützlinge auch noch zum Reden. Die Frauen, seine Opfer, erzählen die wundersamsten Geschichten über ihn, und eine Durchsuchung des Banktresors im Büro dieses miesen Zuhälters, hat einen Haufen von Reisepässen ans Tageslicht befördert. Wir werden jeder Spur nachgehen, jeder auch noch so unbedeutenden!  Wenn Sie den Mann nicht kennen, Lapierre, dann haben Sie noch einmal Glück gehabt. Lebenslängliche Haft ist nicht eben eine vorzügliche Lebensaussicht, vor allem nicht in ihrem Alter, Monsieur Lapierre. In Anbetracht ihrer derzeit noch recht angenehmen Lebensweise, schaffen Sie es wahrscheinlich nicht einmal, in der Haft das Alter von Sechzig Jahren zu erreichen, ich hoffe, das ist Ihnen klar.“

 

Fargettes Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Kostovico hatte verächtlich auf den Boden gespuckt, als Fargette ihn als miesen Zuhälter bezeichnet hatte, und seine blitzenden Augen sprühten blanken Hass auf den Detektiven.

„Sie müssen mir erst einmal alle Anschuldigungen, die sie mir an den Kopf geworfen haben, beweisen!“ schrie er ungezügelt. Fargette betrachtete interessiert seine Fingernägel und antwortete ungerührt: „Das ist nicht meine Sache, ich bin nur von der Mordkommission und kläre den Mord an Serge Favier auf. Mehr will ich auch gar nicht. Für den Rest, Verletzung der Menschenrechte, Freiheitsberaubung, Prostitution und wer weiß, was noch hinzukommt, sind andere Behörden zuständig. Wie Sie sehen, erwartet Sie ein großes Maß von Interesse an Ihrer armseligen Person. Mich interessiert nur eines: Hat sich dieser Mann“, er deutete auf Lapierre, der seine Beherrschung zu wahren versuchte, „an Sie gewandt, um Sie mit irgendetwas zu beauftragen, für das er nun, selbst angesichts Ihrer ausweglosen Lage, nicht gerade stehen will?“

Schweigen.

Fargette ließ nicht locker: „Gut, Kostovico, nicht zu reden, ist dein gutes Recht“. Der Detektiv war ohne Umschweife auf die duzende Anrede übergegangen und das verächtliche Funkeln in seinen Augen traf jeden der beiden vor ihm sitzenden Männer. „Lapierre wird aus diesem Büro in Ruhe hinaus spazieren und während du in Zukunft hinter Gittern und über Jahre hinweg deinen Arsch hinhalten musst, frönt er weiter seinem tadellosen Image als ehrenwerter Geschäftsmann und vergnügt sich bei Champagner und im Bett der schönsten Frauen. Wie man mir gesagt  hat, Kostovico, gibt es im Gefängnis ‚Frenes’ eine Haftabteilung, die in einschlägigen Kreisen ziemlich bekannt und gefürchtet ist. Sicher hast sogar du schon davon gehört. Dort bist du kein gefürchteter Patron, für den du dich bis jetzt gehalten hast, sondern ein verhasster Ausländer, ein Albaner noch dazu. Die sind dort besonders beliebt, besonders bei Türken! Ich erspare dir Details darüber, was sie mit denen dort machen! Es ist mir ein Leichtes, dich direkt dorthin überstellen zu lassen, wenn man mit dir erst einmal fertig ist. Du solltest dich schon jetzt nach einem Vorrat von Vaseline umsehen, Mehmet, du wirst es brauchen!“

Kostovico verlor die Beherrschung und sprang brüllend wie ein Stier von seinem Stuhl auf, den er mit einem Fußtritt in die Ecke des Zimmers beförderte.

„Verdammtes Christenschwein!“ brüllte er. „Du bist tot, Mann, tot! Hörst du? Ich habe immer noch Beziehungen und du wirst verrecken, wie es dir gebührt!“

Fargette schüttelte bedauernd den Kopf, während zwei der Beamten den Albaner grob auf den Stuhl zurück drängten.

„Du hast keine Möglichkeit mehr, deine Beziehungen spielen zu lassen! Deine Verhaftung schlägt Wellen, wir heben eine Bude nach der anderen aus. Jegliche Kontaktaufnahme wird dir ab jetzt untersagt. Du bist allein wie eine jämmerliche Kanalratte, die du bist, Kostovico!“ Fargettes ruhige Stimme hat sich zu einem Zischeln herab gesetzt, um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen.

„Nachdem mich das alles hier nicht betrifft,  kann ich jetzt  wohl gehen, meine Herren“, stellte Lapierre zufrieden fest und erhob sich. Er schien es plötzlich eilig zu haben, von der Bildfläche zu verschwinden.

„Wenn Sie noch Fragen haben, dann wissen Sie ja, wo ich zu finden bin.“

Er würdigte Kostovico keines Blickes, doch Fargette versperrte ihm den Weg. „Nehmen Sie Platz, Monsieur, wir sind noch lange nicht fertig!“

Ein Gott ergebener Seufzer begleitete seine Rückkehr auf den Stuhl.

Kostovico kochte. Er hatte für Lapierre, den Mann, der seine Familienehre, seine Mannesehre nicht allein bewältigen konnte, nur Verachtung über. Was verband ihn mit diesem gelackten Affen? Freundschaft? Niemals! Sie waren mehrere Male Geschäftspartner gewesen und dabei hatte einer den anderen zu übervorteilen gesucht.

Schließlich brach es aus dem Albaner heraus und er zerrte wie wild an seinen Handschellen, die seine Hände am Rücken zusammen hielten: „Dieser Mann, der mich nicht zu kennen scheint, hat mich beauftragt, seine Frau aus dem Weg zu räumen!“ schmetterte er in den Raum.

Lapierre wurde weiß, wie die Kalkwand des einfach möblierten Büros.

„Der Tod seines Sekretärs geht ebenfalls auf sein Konto! Gillaine Lapierre wird eben in diesem Moment auf sein Verlangen hin gejagt und dann exekutiert werden! Er hat gut dafür bezahlt!“

Fargette war sich sicher: der Albaner würde jetzt singen wie eine Nachtigall. Interpol hatte einen guten Fang gemacht!

„Dieser Mann lügt!“ kam ein schwacher Einwand des Beschuldigten. Die Worte seines ehemaligen Partners waren wie Peitschenschläge auf ihn nieder gehagelt und er rang um seine Fassung.

Ein Telefonat unterbrach ganz plötzlich und vorübergehend das Verhör.

Fargette nahm den Hörer ab, hörte, was man ihm zu sagen hatte, grinste zufrieden und nickte dazu. “Verstanden! Schicken Sie mir den Kram gleich rüber!“

Dann wandte er sich an beide Männer und hievte sich von der Fensterbank weg.

„Die Sache ist erledigt. Ich bedaure, Lapierre, aber man hat eben die Überwachungsvideos in Kostovicos Büro sichergestellt. Die Unterhaltung die sie miteinander geführt haben, dürfte sehr interessant gewesen sein. Sie ist klar und deutlich zu hören und belastet Sie mehr als ich erst gedacht habe. Sie haben es uns wirklich leicht gemacht, meine Herren!  Man glaubt sich in einem schlechten Film! Und das in unseren Tagen und in unserer viel besungenen  Stadt der Liebe!“

Er schien die Situation, die sich zum Vorteil der Gesetzeshüter gewandelt hatte,  voll auszukosten und fischte sich eine neue Zigarette aus der blauen Packung.

„Monsieur Lapierre, Sie werden vorläufig unter dem Verdacht, dass sie den Mord  an Serge Favier, sowie ihrer Frau, Gillaine Lapierre, in Auftrag gegeben haben, festgenommen! Abführen!“

Als die beiden Männer unter gegenseitigen Beschimpfungen den Raum samt ihren Bewachern verlassen hatten, wandte sich Fargette an seinen Kollegen. „Thierry, für Favier ist es ja leider zu spät! Setz’ dich sofort mit der Botschaft in Sydney in Verbindung, alarmiere Interpol und die sollen dort drüben sehen, was Sie tun können, um die Frau zu retten! Vielleicht ist es ja noch nicht zu spät!“

Er zog an seiner Zigarette, inhalierte genüsslich die todbringenden Substanzen und erfreute sich an dem Ausblick seines Büros. Er hatte dem träge dahin ziehenden Fluss  sein Geheimnis um den Tod Faviers entrissen. Er konnte mit sich zufrieden sein. Er musste sich dennoch eingestehen, dass er nicht mehr daran glaubte, Gillaine Lapierre könnte noch gerettet werden, und diese Tatsache verdarb ihm erneut die Laune...

 

22 – Auf See

 

Sie waren die einsame Küstenstrasse mit großer Geschwindigkeit entlang gefahren und hielten  knapp vor der letzten Biegung, dort, wo man einen sagenhaften Ausblick auf den Ort Sawtell hatte. Doch keiner der drei Wageninsassen hatte große Lust, den Rundblick zu genießen. Coffs Harbour lag nun gute zehn Kilometer weiter nördlich hinter ihnen. Wer würde schon vermuten, dass sie sich hierher zurückgezogen hatten, um ihren tollkühnen, gemeinen Plan anschließend von hier aus auszuführen? Ihr Boot lag unweit des Ortes verankert und die Bucht schien eher unzugänglich zu sein für Spaziergänger.

Gillaine wurde aus dem Wagen gezerrt und ein unsanfter Stoss in den Rücken trieb sie stolpernd vor den Männern her.

„Wir gehen die letzte Strecke zu Fuß“, bestimmte der Kleinere der beiden. Er schien jedoch älter zu sein schien, als jener, der sie während der Fahrt festgehalten und ungeniert begrabscht hatte. Sie hatte in sein Bein gebissen und er gab ihr einen Schlag ins Genick, der ihren Hals fast unbeweglich gemacht hatte. Doch zumindest war ihm die Lust vergangen, sie überall zu betatschen.

„Wir wissen nicht, wie weit sie uns gefolgt sind, aber ich bin dennoch zuversichtlich, dass sie keine Ahnung haben, in welche Richtung wir uns begeben haben! Es gibt davon zu viele Möglichkeiten und bis sie alle geprüft haben, sind wir längst nicht mehr hier!“

Sie verstand nichts von der Unterhaltung der beiden. Die harte Aussprache machte ihr Angst. Verstand und Instinkt hatten ihr zu verstehen gegeben, dass es sich hier um Berufsgauner der schlimmsten Sorte handelte. Das trug nicht eben zu ihrer Beruhigung bei, doch sie versuchte nicht hysterisch zu werden.

„Was haben Sie mit mir vor?“ fragte sie leise. Man gab ihr keine Antwort, nur einen weiteren Stoss in den Rücken, der sie beinahe auf der Landstrasse zu Fall gebracht hätte.

Sie wollte nicht daran denken, welche Strafe sich ihr Exmann für sie ausgedacht hatte. Mit Sicherheit die schlimmste. ‚Ich will nicht!’ schrie es in ihr und sie stolperte weiter.

Sie versuchte es mit einer List, denn mehr als Worte standen ihr zu ihrer Verteidigung nicht zur Verfügung: „Ich würde meinem Mann nicht trauen“, sagte sie. „Er wird sie betrügen! Ich kenne ihn! Egal, was er ihnen versprochen hat, er wird sich aus der Affäre ziehen, und selbst wenn Sie mich töten, werden am Ende nur sie beide zur Rechenschaft gezogen werden! Er wird sie wahrscheinlich höchstpersönlich denunzieren und den trauernden Witwer spielen!“

Die beiden Männer sahen sich gegenseitig an und lachten laut los.

„Wir kennen deinen Mann nicht, Frau! Wir machen keine Geschäfte mit ihm! Also halte den Mund und geh schneller voran!“

Sawtell lag hinter ihnen und sie machten sich an den steilen Abstieg zu den Klippen, zwischen welchen der Mietkahn vertäut vor Anker lag.

Sie rutschte mehr, als sie ging, und die andauernden Puffer in ihren Rücken trugen nicht dazu bei, ihr Gleichgewicht zu halten. Auf den Knien rutschend, schützte nur der widerstandfähige Jeansstoff ihrer Hose sie vor schmerzhaften Abschürfungen. Ihre Fingerknöchel waren abgeschunden und ihre Augen brannten von dem aufwirbelnden Sand.

„Ich kann nicht mehr“, versuchte sie kläglich einzuwenden. Zeit zu gewinnen, schien ihre einzige und letzte Chance zu sein.

„Bitte, lassen Sie mich ein paar Minuten ausruhen!“ flehte sie.

„Nichts da“, knurrte Mirko und ein weiterer Stoss trieb sie vorwärts. „Zum Ausruhen hast du dann Zeit genug!“ Er gackerte laut über seinen schlechten Scherz und Faysal schwieg dazu.

Das Boot kam in Sichtweite. Ein paar Kinder tummelten sich unweit davon und bewarfen sich gegenseitig mit Sand. Sie lachten und schrieen, vertieft in ihr ausgelassenes Spiel. Ein kleiner zotteliger Hund folgte ihnen laut bellend nach.

 

„Verdammt!“ zischte der Grosse und zog sie zu Boden. Dürres Gras verfing sich in ihrem Haar und zerkratzte ihre Wange, ihren Hals.

Die abgelenkten Männer sahen angestrengt zu den Störenfrieden, die eindeutig das Versteck zu ihrem Spielplatz auserkoren hatten.

„Was machen die Bälger hier?“ Der Ältere zuckte die Schulter. „Keine Ahnung, aber wir werden wohl warten müssen, bis sie sich verziehen!“

„Wir müssen schnellstens von hier verschwinden“, erwiderte Mirko ungehalten.  „Am besten wir machen ihnen Angst und vertreiben sie!“

Faysal schüttelte den Kopf und seufzte einmal mehr über die Naivität seines Bruders.  „Du bist ein Idiot!“ gab er knurrend zurück. „Damit sie nichts Besseres zu tun haben, als uns zu beschreiben und vor allem die da!“ Er machte eine bedeutsame Bewegung mit dem Kopf auf Gillaine.

„Dann sollten wir sie gleich hier umlegen und dann abhauen! Das gibt uns genug Vorsprung, um aus der Gegend zu verschwinden. Bis sie sie finden, sind wir über alle Berge und nehmen den nächsten Flug nach Europa!“

Faysal schüttelte den Kopf. Er verlor langsam die Geduld mit dem Trottel, der sein Bruder war. „Sie werden alles absperren lassen. Möglicherweise müssen wir uns eine Zeitlang irgendwo verstecken, bis die Luft rein ist und wir das Land verlassen können!“

„Du meinst, sie kriegen uns?“

„Wenn es nach dir ginge, hätten sie uns schon längst gefasst. Besser du überlässt alles mir und hältst den Mund!“

Das fremde Wortgeplänkel, das von der Meinungsverschiedenheit ihrer Entführer zeugte, gab Gillaine die Gelegenheit unerwarteter Weise und mit dem Mut der Verzweiflung in die Höhe zu schnellen, beide Arme in die Luft zu werfen und den spielenden Kindern zuzuwinken: „Hilfe!“ schrie sie! „Hilfe, Hilfe!“

Mirko zog ihr die Beine unter dem Boden weg und sie stürzte ins Gras zurück. Er holte zum Schlag aus und sie spürte, wie ihr Kopf von einer Seite zur anderen fiel, als handle es sich dabei um eine überreife Melone. Ein weiterer Schlag folgte dem ersten und ihre Lippe platzte schmerzhaft auf und brannte wie Feuer. Ein trockenes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle.

„Schlampe! Ich werde dir zeigen...“ Faysal befahl ihm, damit aufzuhören, damit sie nicht noch mehr Aufmerksamkeit erregten.

Er beobachtete die Kinder. Sie starrten zum Hügel hoch und der kleine Hund rannte und sprang aufgeregt umher. Er bellte dabei wie wild geworden. Mirko richtete eine Pistole auf ihn.

„Ich knall den Köter ab!“ zischte er und legte den Sicherheitshebel um.

Faysal schlug ihm die Waffe aus der Hand.

„Bist du verrückt?“ knurrte er aufgebracht. „Steck’ das Ding da weg, bleib ruhig, dann werden sie sicher bald verschwinden!“

Nachdem die Kinder nichts mehr weiter sehen konnten und wahrscheinlich etwas ängstlich durch den plötzlichen Hilferuf geworden waren, liefen sie davon und verschwanden zwischen den Klippen, nicht, ohne sich dabei mehrere Male nach eventuellen Verfolgern umzusehen. Sie riefen nach dem Hund und dieser folgte ihnen Schwanzwedelnd.

 

Die Männer blieben noch eine Weile geduckt mit ihrer Beute versteckt und zusammengekauert im Gras liegen, und als alles ruhig war, liefen sie mit ihr das letzte Stück Hügel hinunter zu den Klippen.

Der salzige Geschmack ihres Blutes im Mund verursachte ihr Übelkeit und sie spuckte es aus. Mirko zog sie an den Haaren neben sich her.

„Jetzt ist es aus mit deinen Spielchen, Frau!“

Faysal löste das Seil, mit dem der Kahn an einem der spitzen Felsen vertäut gewesen war und warf es ins Boot. Er sprang hinterher und Mirko hob Gillaine hoch und bugsierte sie ihm direkt in die Arme. So konnte wenigstens der harte Aufprall auf dem Schiffsboden vermieden werden. Er schob das Schiff vom Sandboden weg ins seichte Wasser, bevor er ebenfalls zustieg. Mirko stieß sie in die Kajüte und verschloss die Tür. Sie sank, mutlos geworden,  auf dem Boden nieder und schlug die Hände vors Gesicht. Jeder einzelne Knochen tat ihr im Leibe weh, von den Kopfschmerzen ganz zu schweigen.  Der Motor wurde angeworfen und der Kahn tuckerte vom Ufer weg. Sie spürte, wie sie Fahrt aufnahmen und versuchte, etwas Konkretes durch das schmutzige Bullauge zu erkennen. Doch sie sah nur die unscharfen, graugrünen Wassermassen, die sie durchpflügten. Was spielte es auch für eine Rolle, wohin sie fuhren. Wahrscheinlich war sie längst dazu ausersehen, als Fischfutter zu enden.

 

Man hätte es dem alten, unscheinbaren Kahn nicht angesehen, aber er fuhr mit ziemlich hoher Geschwindigkeit auf das offene Meer hinaus. Wahrscheinlich waren die Gauner darauf bedacht, einen großen Bogen um die Küstenorte zu machen, um so auch der Wasserpolizei zu entgehen, die höchstwahrscheinlich alarmiert worden war. Die Erschöpfung machte sich langsam und sicher bemerkbar, doch man ließ sie vorerst in Ruhe. Den Kopf auf die angezogenen Knie gestützt, nickte sie ein, und als sie wach wurde, war es bereits ziemlich dunkel. Sie hörte, wie die Männer miteinander diskutierten. Das Motorengeräusch war erstorben, und kein Lichtschimmer drang zu ihr in die Kajüte. Die plötzliche Stille schien sie geweckt zu haben. Dann drang entferntes Motorengeräusch an ihr Ohr, das nicht vom Schiff stammen konnte. Es schien von einem Hubschrauber zu kommen, der ganz in der Nähe über ihnen kreiste. Um unauffällig zu bleiben, hatten die beiden es vorgezogen, still und ohne Licht auf dem Wasser zu schaukeln. Um einfache, harmlose Fischer vorzutäuschen, ließen sie ihre Angelruten ins Wasser hängen, und der Hubschrauber schien tiefer zu gehen, um sich von der Richtigkeit der Sache zu überzeugen, denn der Motorenlärm wurde lauter.

Sie hämmerte an die verschlossene Tür. Durch das kleine, schmierige Fenster drohte ihr Mirko mit der Faust, bevor er sich wieder seiner scheinbaren Angelei zuwandte. Schließlich entfernte sich der Hubschrauber, oder was auch immer die Stille der anbrechenden Nacht durchbrochen hatte, und der Bootsmotor erwachte tuckernd erneut zum Leben.

Erneut stieg Verzweiflung und Aussichtslosigkeit in ihr auf. Sie dachte an Russell und seine Besorgnis, an ihre eigene Unvorsichtigkeit und an Bernard Lapierre, der hinter alledem steckte.  Hatte sie nicht Fotografen und öffentliche Auftritte gemieden? Alles getan, um unentdeckt zu bleiben, unerkannt ein neues Leben zu beginnen, fernab allen Erinnerungen? Eine Ahnung sagte ihr, dass all das einfach kommen musste. Wer sich an Russells Seite aufhielt, konnte nicht unauffällig bleiben. Medien lebten davon, Gerüchte in Umlauf zu setzen, intime Fotos jeder Art zu verbreiten und die Welt war so klein, so klein und so rasch über alles und jeden informiert! Satelliten sandten ihre Bilder um den Globus und dieses unbedeutende kleine Kügelchen, das inmitten des Universums schwebte, war schnell umrundet und über alles und jeden bestens informiert.

Sie wog ihre Chancen ab. Es gab kein Entkommen auf dem Meer. Es gab kein Versteck und keinen Unterschlupf. Sie war den beiden ausgeliefert und konnte sich nur mehr in ihr Schicksal ergeben. Eventuell um Gnade flehen, es rasch und schmerzlos durchzuziehen. Der Traum vom großen Glück war ausgeträumt und zerplatzte gleich einer Seifenblase am ausgestreckten Zeigefinger ihres Exmanns, dessen arrogantes Grinsen sie deutlich genug vor sich sah.

Sie begann zu beten, bewegte lautlos ihre Lippen und wusste nicht wirklich, an wen sie sich wenden sollte. Wer würde ihr schon beistehen wollen? Welche Kraft oder Macht würde ihren Bitten Gehör schenken, wo Millionen auf dieser Welt verfolgt wurden, ermordet, verhungerten oder an Seuchen starben? Nur ihre Liebe zu Russell ließ sie nicht verrückt werden in diesen Momenten der Hoffnungslosigkeit. Sie erinnerte sich an seine blitzenden Augen, sein einzigartiges Lächeln, seine Gesten, die ihr so vertraut waren und die vielen wunderbaren Nächte in seinen Armen, die sie ihre Vergangenheit vergessen haben lassen. Kurzzeitig, wenn auch nicht endgültig, hatte  sie Schmach und Schmerz vergessen können, wenn er in ihrer Nähe war. Doch nun war er fern, wahrscheinlich irgendwo im Äther über ihr, flog heimwärts und wusste genauso gut wie sie selbst, dass er nichts mehr für sie tun konnte. Seine Hoffnungslosigkeit schmerzte sie mehr als ihre eigene.

Sie verdrängte die aufsteigenden Tränen. Sie wollte den Kerlen nicht den Gefallen tun, sich an ihrem Ende, ihrer Angst zu weiden. Würdevoll sterben, wenn schon nicht würdevoll gelebt zu haben vor noch nicht allzu langer Zeit...

 

Die Kabinentür wurde aufgerissen und der hoch aufgeschossene Fremde trat ein. Er verschloss sorgfältig die Tür hinter sich und sah sie mit gierigen Augen an. Sie konnte das Flackern in seinem Blick sehen und wusste, was er von ihr wollte. Na wenn schon! War sie es nicht gewöhnt? Einfach abschalten, es über sich ergehen lassen, denn es änderte ja nichts mehr an ihrem Schicksal.

Sie konnte den anderen Mann reden hören. Wahrscheinlich telefonierte er mit jemandem. Nur Wortfetzen drangen an ihr Ohr, aufgeregt, wütend.

„Wenn du besonders nett zu mir bist, dann werde ich es nachher schnell genug erledigen“, versprach der Mann mit heiserer Stimme, der auf sie nieder starrte. Er begann seine Hosen herunter zu lassen und sie wandte sich angeekelt ab.

„Komm schon Mädchen! Ich bin sicher, du hast so ein Naturwunder noch nicht wirklich gesehen.“

Sie versuchte ihn abzulenken und verweigerte den Blick auf sein nacktes Geschlecht.

„Bist du Türke?“, fragte sie scheinbar interessiert und versuchte das Zittern in ihrer Stimme zu verbergen. 

Mirko zeigte sich etwas verdutzt und lachte dann. „Ich? Türke? Sehe ich etwa so aus?“

Sie wollte schon bejahen, unterließ es jedoch, um ihn nicht zu erzürnen und zuckte nur die Schulter.

„Ich bin Albaner! Wie kannst du mich mit einem verdammten Türken verwechseln, mit einem, der die Ziegen auf den Weiden fickt?“

Sie suchte nach einer Antwort, krampfhaft und verzweifelt. Ihr Kopf schien wie leer gefegt zu sein.

„Der Sprache wegen“, antwortete sie leise und krampfte die Hände noch stärker um ihre angezogenen Knie.

„Ich spreche albanisch, nicht türkisch. Wir sind ein stolzes und tapferes Volk, mein Täubchen! Meine Vorfahren haben die Osmanen erfolgreich bekämpft, lange Zeit hindurch. Dann haben sie uns besiegt, aber nicht unseren Stolz gebrochen. Fast hundert Jahre schon sind wir ein eigener Staat, haben die Türken verjagt! Bist du nicht Lehrerin? Solltest du das nicht wissen?“

Natürlich hatte sie es ungefähr gewusst. Jahreszahlen waren ihr zwar entfallen, aber den Hergang der albanischen Geschichte hatte sie noch halbwegs in Erinnerung.

„Ich wollte dich nicht beleidigen, entschuldige bitte!“ antwortete sie kleinlaut.

Vielleicht ging er ja auf ihr Wortspiel ein und ließ sie dann zufrieden.

Er schien etwas aus dem Gleichgewicht geworfen zu sein, dachte an zuhause und sie harkte nach, bevor er sich an seine Absichten mit ihr erinnerte: „Warum bist aus deiner Heimat weg gegangen?“

Es war lächerlich. Sie unterhielt sich mit einem Mann, einem Killer, der gekommen war, um sie zu töten und fragte ihn wie einen ihrer Schüler über sein Heimatland aus. Tat, als ob es sie interessierte, welche Hölle auch immer ihn ausgespieen hatte...

„Albanien ist ein armes Land! Diese vielen Kriege haben uns ausgeblutet! Ihr habt uns ausgeblutet! Der Westen! Und jetzt betrachtet man uns als feindliche Ausländer, lässt uns verrecken und verachtet uns obendrein!“

Das hatte sie nicht gewollt. Er begann sich in Wut zu reden, schien sie verantwortlich für die Misere in Albanien zu machen. Sie und alle anderen, denen es besser ging als es ihm ergangen war. Sie suchte blitzschnell nach einer Entgegnung, doch er war in seinem Zorn nicht mehr aufzuhalten. Der cholerische Mann wurde immer wütender.

„Jeder muss sehen, wo er bleibt!“ zischte er und seine Augen verengten sich dabei! „Das kannst du nicht verstehen. Du bist mit einem sehr reichen Mann verheiratet gewesen! Aber das hat dir nicht genügt, sagte man uns. Warum nicht? Andere Frauen tun alles, um so leben zu können, wie du gelebt hast! Wie eine Prinzessin in Luxus und Geld! Hat er es dir nicht oft genug besorgt, oder was hat dich von ihm weg getrieben?“ Seine ausgeprägten Triebe schienen sich erneut zu melden, denn er kam ihr ein gutes Stück näher und sein dunkles Gesicht verzerrte sich zu einer höhnischen Grimasse. „Bist du so schwanzsüchtig, dass du diesem Australier gefolgt bist wie eine läufige Hündin, die sich in den Gassen von Tirana herum treibt, um sich winselnd von allen geilen Hunden besteigen zu lassen?“

Sie wollte protestieren, ihm etwas erklären, doch ein Blick in sein markantes, jedoch dümmliches Gesicht sagte ihr, dass sie genauso gut zu einem Stück Holz sprechen konnte. Er würde es nicht verstehen, nicht einmal versuchen, es zu begreifen. Er war gekommen sie zu eliminieren, nicht sie zu verstehen. Dieser Schlag von Mann war bar jeden positiven Gefühls! Sein Weg war gezeichnet von Gewalt und Tod, und sie war die Nächste auf seiner langen Liste der Verbrechen.

Er schüttelte sie bei den Schultern und sie schlotterte wie eine Stoffpuppe gegen die Wand, an der sie hockte. Ihre Schultern schmerzten und sie konnte kaum den Hals noch drehen.

Sie hielt sich beide Ohren zu und presste ihre Hände darauf, um nichts mehr von seinen schmutzigen Ausdrücken hören zu müssen.

„Warum redest du so viel mit mir, he? Hältst du mich auch für einen Idioten, wie mein Bruder da draußen? Ich werde dir beweisen, dass ihr mich alle unterschätzt habt!“

Er riss an ihrem Haar und schleifte sie auf die eine Koje an der gegenüber liegenden Wand, wo er sich auf sie stürzte wie ein gieriger Wolf auf sein Opfer.

Sie versuchte abzuschalten und ließ ihn gewähren, als er an ihrer Hose zerrte, ihr  Sweatshirt hochschob und sie auf den Bauch rollte. „Ich wollte mit dir nicht verfahren wie mit den Schlampen, die wir erst gefügig machen müssen, damit sie für uns arbeiten, aber du willst es anscheinend nicht anders!“

Sie presste kurz ihre Beine zusammen, doch sie wusste, dass es zwecklos war, ihn aufhalten zu wollen. Er schob sich auf sie und seine groben Hände versuchten ihre Beine zu spreizen, sich endlich an ihr zu befriedigen, wie er es sich seit langem schon vorgestellt hatte.

Bodenloser Zorn überrollte  sie überraschend, und sie sah helle Blitze vor ihren geschlossenen Augen. Sie konnte nicht zulassen, dass sie abermals benutzt wurde wie ein Stück Vieh, wie Dreck! Wer immer diese Leute waren, für was auch immer Lapierre sich halten mochte, sie hatte die Nase voll von all dem Schmutz, der Niedertracht,  die ihm anhaftete.

„Du bist nur ein Stück Scheiße und wirst verrecken wie es dir gebührt!“ zischte sie hasserfüllt und war überrascht, wie stark sie sich dabei fühlte. Der Mann hielt in seinen Vergewaltigungsversuchen ein und riss ihren Kopf an den Haaren hoch, um ihn danach brutal gegen die übel riechende Matratze der Koje zu drücken. Sie bekam kaum Luft und versuchte das Gesicht zur Seite zu drehen, was ihr nicht gelang.

„Du wagst es mit mir so zu sprechen, Frau?“ Die Tatsache, dass er Muslim war, verdoppelte seine Wut auf sie. Er nestelte nach seinem Messer und schon spürte sie die, ihr bereits vertraute, kalte Stahlklinge an ihrer Kehle. Doch sie ließ sich nicht von seiner Bedrohung beirren.

Eingepfercht zwischen der stinkenden Koje und seiner Faust konnte sie dennoch ein paar Beschimpfungen übelster Sorte hervor quetschen, die sie irgendwann von Russell aufgeschnappt hatte. Sie hatte nichts zu verlieren und wollte sich Luft machen, sagen, was sie wirklich dachte und ihre Erniedrigung auf diese Art und Weise vergelten. Es schien ja zu klappen, denn der Fremde wurde so wütend, dass er brüllte wie ein wildes Tier. Dabei schlug er mehrere Male ihren Kopf gegen die Matratze, sodass sie dennoch immer wieder kurz Luft holen konnte, um nicht jämmerlich zu ersticken.

 

Der zweite Albaner hämmerte draußen gegen die Kajütentür und versuchte mit seinen auffordernden Schreien, den Rasenden zum Öffnen der Kajüte zu bewegen. Doch dieser kannte sich in seiner Wut kaum mehr. Ein gezielter Pistolenschuss fetzte das Schloss aus der Verankerung und die Tür flog weit auf. Die Pistole richtete sich auf die beiden miteinander Ringenden. Verdutzt starrte Mirko in die Mündung der Waffe seines Bruders, mit der dieser vor seiner Nase herum fuchtelte. Gillaine nützte die Gelegenheit und rollte sich auf den Rücken, grabschte nach ihrer Kleidung und streifte sie rasch und zitternd über, während sie die beiden Männer dabei beobachtete, wie sie sich drohend gegenseitig ansahen.

„Was ist los, Bruder?“ fragte Mirko den Älteren, ohne dass Gillaine verstand worum es ging. Ganz offensichtlich waren die beiden nicht der gleichen Meinung. Doch Mitleid mit ihrer Person war ganz sicher nicht der Auslöser für die unterwartete Reaktion des Zweiten gewesen.

„Warum hörst du nicht auf mich, wenn ich dir sage, du sollst die Tür öffnen?“ antwortete Faysal mit einer Gegenfrage.

„Du hast versprochen, ich kann sie haben, verdammt!“ knirschte Mirko.

Faysal überlegte eine Sekunde lang, bevor er antwortete: „Du warst dabei sie umzubringen!“

„Dieses Weib hat mich beschimpft und zur Weißglut gebracht! Mir ist die Lust auf sie vergangen! Sie hat den Tod verdient! Gleich!“

Faysal senkte die Pistole und schnarrte erbost: „Ich bestimme hier! Merk’ dir das endlich! Die Sache hat sich geändert! Der Boss ist aufgeflogen und mit ihm auch dieser Typ da, dessen Weib sie ist!“ Verächtlich machte er eine Kinnbewegung in Gillaines Richtung, die klopfenden Herzens von einem Mann zum anderen sah und sich wünschte, wenigstens einen ungefähren Wortzusammenhang aus alledem erkennen zu können.

Mirko blickte sich finster nach ihr um, während er seine Hosen hoch zog, um sein klägliches ‚Naturwunder’ wieder ruhig zu stellen. „Ich schneide ihr die Kehle durch und ab ins Wasser mit ihr! Soll ja nur so von Tigerhaien hier wimmeln!“

Er hatte seine Ausführungen mit eindeutigen Handbewegungen unterstrichen und sie begriff, dass sie darüber verhandelten, wie und wann sie sterben sollte. Nämlich sofort, wie ihr der eisige Blick ihres verhinderten Vergewaltigers sagte.

„Nehmen Sie mich doch als Geisel!“ folgte sie einer ganz plötzlichen Eingabe, da sie spürte, dass der ältere der beiden am überlegen war, was man mit ihr am besten tun könnte.

„Ich meine, Mr. Crowe wird ganz sicher bezahlen, allerdings nicht für meine von Fischen angenagte Leiche!“ Sie hatte sich dabei direkt an Faysal gewandt. In ihrer Stimme schwang kein Bitten mit, nur nüchterner Überlebenswillen. Es war ein letzter verzweifelter Versuch, wie sie die Kerle doch noch dazu überreden könnte, sie nicht jetzt und auf der Stelle abzuschlachten und kurzerhand zu entsorgen, indem man sie über Bord warf.

Faysal sah sie erstaunt an und meinte dann langsam, an seinen Bruder gewandt, allerdings in Französischer Sprache: „Sie hat recht! Sie ist nicht allzu dumm für eine Frau. Wir werden um den Rest unseres Geldes kommen, Bruder! Kostovico und diesen Lapierre können wir vergessen, die haben keine Möglichkeit mehr, uns auszuzahlen. Außer dem Flugticket in der Tasche besitzen wir nicht mehr viel. Die verdammten Bullen werden alles aus dem Boss herausquetschen, unsere Konten sind so gut wie beschlagnahmt, also müssen wir umdisponieren!“ Seine Stimme klang absolut gefühllos.

Mirko versuchte seine Gedanken zu sammeln und etwas Brauchbares aus dem Gehörten zu formen, das seine Gehirnsubstanz verarbeiten konnte.

„Wir sollen den Schauspieler erpressen? Er wird nicht zahlen für diese Schlampe! Warum sollte er? Er kann an jedem Finger zehn andere haben, dieser Hundesohn! Ich glaube nicht, dass sie hält, was ihr Aussehen verspricht!“ Die Wut in den Augen des Mannes machte triefendem Hohn Platz. Damit konnte sie leben! Und gut sogar!

Sie beeilte sich, den Älteren vom Gegenteil zu überzeugen: „Russell liebt mich! Wir wollten heiraten, sobald die Scheidung durch war! Er wird zahlen! Wenn er es nicht tut, könnt ihr mich nachher immer noch auf eure Art loswerden!“ Sie versuchte ihrer Stimme einen festen, überzeugenden Klang zu geben und senkte nicht den Blick, als Faysal sie mit dunklen, prüfenden Augen anstarrte. Er steckte seine Pistole in den Gürtel zurück, und nickte langsam.

„Wir haben keine Wahl! Entweder wir versuchen es, oder wir können ganz von vorne anfangen, wenn wir hier überhaupt weg kommen, “ kamen die gepressten Worte langsam über seine Lippen.

Er richtete seinen Zeigefinger auf den Jüngeren: „Und du, du lässt sie ab jetzt in Ruhe! Du rührst sie nicht an. Auch nicht für deine Spielchen! Wenn er wirklich ein Mann ist, dann wird ihn eine beschmutzte Braut nicht weiter interessieren! Ich will deinetwegen nicht abermals in der Patsche sitzen, hörst du mich?“

Mirko nagte ärgerlich an seiner Unterlippe und versuchte die Befürchtung seines Bruders abzuschwächen, denn ganz hatte er nicht vor, auf Gillaine, und das Vergnügen, seine niedrigen Instinkte  an ihr zu befriedigen, zu verzichten.

„Sie ist nur eine Christin“, sagte er abfällig. „Sie zählt kaum!“

„Ich sagte, du lässt sie in Ruhe! Sie zählt vielleicht für ihn, kapiert? Wir werden das ohnehin rasch genug herausfinden! Verschwinde nach draußen und sieh dich nach eventuellen Verfolgern um. Ich werde mit ihr reden und sie wird mir sagen, wie der Typ am Besten zu erreichen ist, er, oder die Familie!“

Mirko antwortete murmelnd in seiner Sprache, aber folgte dem Befehl des Bruders und kroch an Deck. Die Koje hatte keine Tür mehr, sie hing windschief und zerschlagen in einer einzigen Angel, doch das war auch unwichtig. Faysal wandte sich an Gillaine, die neue Hoffnung geschöpft hatte und es unterließ, sich zu bedanken, aus Furcht, dass der Albaner annehmen könnte, sie wollte rein Zeit gewinnen, nichts sonst. Sie antwortete auf alle seine Fragen und entlockte ihm mit einer zögernden Anfrage die Information, dass Lapierre in Haft saß. Ein weiteres Stossgebet entfleuchte ihren Gedanken und stieg in den nachtschwarzen Himmel empor. Wenn der Kopf dieses Mordkomplotts ausgeschalten war, dann fand sich vielleicht eine Lösung den beiden Albanern doch noch zu entkommen. Doch sie musste vorsichtig sein und sich eher an den älteren Mann halten, der scheinbar mehr Hirn besaß wie der andere.

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