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IRGENDWO AUF DIESER WELT Story
« So jemand noch
im Lande wär, Ovid, röm. Dichter, 43 v.Chr. - 17 n.Chr. |
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Sorgsam überprüfte sie ihr perfektes, doch fast überflüssiges Make up und zog mit ruhiger Hand die Konturen ihrer vollen Lippen nach. Ihr Mund prangte rosenholzfarben und verlockend im hellen Oval ihres Gesichts. ‚Sollte ich mir die Lippen aufspritzen lassen?’ dachte sie, und verwarf in derselben Sekunde diese Idee, noch bevor sie zu Ende gedacht war. In ihrem Bekanntenkreis gab es einige Frauen, die eine derartige „Verschönerung“ gewagt hatten. Das Ergebnis war bei manchen eher grotesk als verschönernd ausgefallen. Natürlich würde sie es besagten Damen nie von Angesicht zu Angesicht sagen, doch, sie vermied es, ihre aufgequollenen Münder zu betrachten, begegnete man sich hier und da, dann und wann. Sie hatte Angst, das Entsetzen würde ihrem Gesicht abzulesen sein. Es bestürzte sie zu sehen, wie es die Frauen veränderte, ihren Gesichtsausdruck, ihre Persönlichkeit. Nicht alle sahen „Miss Piggy“, nach dieser Schönheitskorrektur verdächtig ähnlich, der Grossteil jedoch, war nicht mehr wie zuvor... Sie musste dennoch lächeln und fuhr sich mit gespreizten Fingern durch das halblange rotblonde Haar. Außerdem wozu? Für wen? Sie wurde ohnehin immer puppenhafter und unnatürlicher, auch ohne ihr Zutun...
‚Ich brauch einen Termin bei Anatol’, dachte sie weiter. Anatol war ihr Coiffeur und Visagist. Die Pariser Bourgeoisie, die weibliche, die etwas auf sich hielt, war sein Kundenstamm. Der Jetset der französischen Hauptstadt schwor auf ihn und seinen Salon. Kein anderer kam in Frage. Gianni vielleicht. Aber der war nicht schwul. Man konnte nie mit ihm so reden wie mit Anatol. Anatol verstand die Frauen, er nahm Anteil an ihren Problemen, Modefragen und Herzensangelegenheiten. Er konnte sich für alles begeistern und er litt mit seinen Kundinnen, wenn diese Kummer hatten. Anatol war die perfekte Freundin.
Gianni war zwar nicht verheiratet, aber er war bekannt dafür, seine Kundinnen nicht nur punkto Frisur zu befriedigen. Nein danke! Er war nicht ihr Fall. Zu italienisch, zu sehr Macho, zu durchschaubar. Etwas Ähnliches hatte sie zuhause. Ihre Freunde pflegte sie in anderen Kreisen zu suchen und sie war nicht interessiert daran, dass ihr ein südländischer Haarkünstler beim Brushing zweideutige Angebote, jedoch eindeutig sexueller Art machte.
Sie seufzte und sah auf ihre diamantbesetzte Armbanduhr. Sie erschrak. Sie war eindeutig zu spät dran. Die Eröffnung des neuen luxuriösen Restaurants ihres Mannes, es war das dritte in Paris, nebst eines renommierten Kaufhauses, unweit ihrer Stadtwohnung, und des Golfclubs in Vichy, außerhalb der Stadt. Dass ihr Mann seine Finger in vielen anderen, nicht immer durchschaubaren Geschäften hatte, war eine Tatsache, über die sie jedoch kaum Bescheid wusste. Es interessierte sie nicht, auch wenn darüber gemunkelt wurde. Bernard würde es ihr übel nehmen, wenn sie zu spät kam. Sehr übel! Er bestand darauf, dass sie an seiner Seite repräsentierte. Dass sie sein Auftreten ergänzte, oder wie er zu sagen pflegte, „ihm den richtigen Rahmen zu seiner Persönlichkeit verpasste“. Nett gesagt, aber er meinte es wortwörtlich. Er meinte immer was er sagte. Gerade heraus, unerbittlich, kränkend. Kein Kompliment, kein Lob. Wofür auch? Sie lebte von ihm. Sie lebte nicht schlecht. Dafür hatte sie zu schweigen und zu gehorchen. Ihn zu reizen würde ihr einmal mehr schlecht bekommen. Ihre Gedanken wanderten fünf Jahre zurück.... ***** Er hatte sie aus ihrer heimatlichen Bretagne geholt, als er zufällig in der Kleinstadt, unweit von Brest Halt machte, um einen Café zu sich zu nehmen. Eigentlich wollte er durchfahren, Paris heute noch erreichen, aber diese verdammte Fähre nach London hatte Verspätung gehabt. Er schwor sich, das nächste Mal zu fliegen. Auch wenn er seine Flugangst erst besiegen musste! Sie war mit ihrer Schulklasse an dem kleinen Lokal vorbeimarschiert. Alles Erste und zweite Klasse und sie voran, im Gänsemarsch, geradewegs Richtung Fischerhafen. Sie wollten eine Exkursion mit einem der Fischerboote machen. Einem der großen, auf dem sie alle siebzehn Platz hatten. Er sah umwerfend gut aus. Sonnenbrille auf der Nasenspitze, in den schlanken gepflegten Händen hielt er den „Figaro“ und las die Börsenberichte. Sein Kamelhaarmantel war maßgeschneidert, das sah selbst ein Laie und sein dunkles, gewelltes Haar saß perfekt um den asketischen Kopf. Die Spitzen seiner Ted Lapidus Schuhe glänzten in der Morgensonne und die frische Brise aus Westen zerrte an seinem naturfarbenen Seidenschal. Die schrillen Rufe der Möwen ärgerten ihn, sie schienen ihn zu verspotten und er hasste Tiere im Allgemeinen.
Ein Blick, ein Kontakt. Sie beeindruckt, - man sah selten Fremde hier, vor allem nicht zu dieser Jahreszeit – er, sich sicher, er habe genau das gefunden, was er seit langer Zeit schon gesucht hatte. Ein unverdorbenes, frisches Mädchen, von Natur aus mit allen Vorteilen der Schöpfung ausgestattet, schlank, klare, helle Augen, Lockenkopf, ein wenig zerrauft, ein wenig einfach – nun, Rohmaterial zu formen war seine Spezialität. Vor allem, wenn es sich dabei um Menschen, und im Besonderen um Frauen handelte. Seine Trennung von Gisèle, seiner Exfrau, hatte er endlich positiv durch gestanden. Seine Anwälte hatten erreicht, dass sie keinen Cent mehr bekam, als sie zu Beginn ihrer Ehe mitgebracht hatte. Dass seine Finanzberater mit List und Fachkenntnis aus ihrem Vermögen das seine um Vielfaches vermehrt hatten, konnte sie nicht wissen. Sie war naiv. Sie war dumm. Schön, reich, aber strohdumm. Seit dem Tod ihres gewieften Vaters hatte er freie Hand gehabt. Niemand war da, der sie vor Leuten wie ihn und seine Untergebenen schützen konnte. Er hatte ihr nie verziehen, dass sie ihm keinen Erben schenken konnte. Wenn man jedoch ihren IQ berücksichtigte, war es vielleicht besser so... Wer wusste schon, welches Monster sie hervorgebracht hätte... Gisèle stand allein da, denn auf seine Mitarbeiter konnte er sich voll und ganz verlassen. Nicht nur, weil er sie gut bezahlte. Aber zum Teufel mit Gisèle. Sie hatte keine finanziellen Sorgen. Und an sein Geld würde sie nie heran kommen, das wusste sie. Und sie wusste auch, dass man ihn besser nicht reizte. Wie schnell konnte ein kleiner Unfall passieren....
Bernard Lapierres Augen folgten dem schwingenden Gang der jungen Frau, bis sie und ihre Schulklasse seinem Blick zu entschwinden drohte. Dann schnalzte er mit den Fingern und der Barbesitzer eilte herbei um dem gutaussehenden Gast dessen Wünsche zu erfüllen. „Wer ist diese Person?“ fragte er den dickbäuchigen Mann. Monsieur Moineau sah kurz auf und antwortete geflissentlich: „Sie meinen Mademoiselle Gillaine , Monsieur? Gillaine Bavert, sie unterrichtet die beiden ersten Klassen unserer Schule. Nettes Mädchen, ich frage mich, was sie hier noch tut, in diesem Kaff. Könnte anderswo Karriere machen. Man spricht davon, die Schule zu schließen, zu wenig Schüler, Monsieur. Sie wissen ja, der Staat muss sparen...“ Lapierre winkte ungeduldig ab. Er hatte keine Lust dem Geschwafel des Alten länger zuzuhören. Er warf ein paar Münzen in die kleine, runde Tasse und verließ grußlos das Café.
Nach ein paar eiligen Schritten hatte er die Klasse eingeholt, die bereits den Kai erreicht hatte und nach dem Schiff Ausschau hielt. „Mademoiselle Bavert?“ Sie sah sich erstaunt um. Die zaghaften Sonnenstrahlen des frischen Aprilmorgens zauberte rotgoldene Funken in ihr Haar und ihre grünblauen Augen blickten fragend zu dem Mann hin, der kaum größer als sie selbst war. „Ich bitte um Entschuldigung, sie einfach so anzureden, aber erlauben Sie, dass ich Sie bitte, heute Abend mein Gast zu sein!?“ Ihre Miene wurde abweisend. Dieser Großstadt-Kerl glaubte doch nicht ernsthaft, dass sie ihm auf seiner Geschäftsreise als billiges Befriedigungsobjekt diente? Ein Abendessen tête à tête, ein Fläschchen Wein und dann ein nettes Zimmer.... ‚Komm Mädchen, zier dich nicht so, du wusstest doch, dass das kommen musste...’ Andererseits lockte sie der Gedanke sich mit anderen Leuten, als jenen, die ihre Kleinstadt zu bieten hatte, zu unterhalten. Außer übers Wetter, die Fischzüge, die immer spärlicher wurden, oder den neuen Supermarkt, der unweit des Ortes errichtet werden sollte, gab es kaum Themen, die oft variierten. Er hatte ihr Zögern sofort bemerkt. „In aller Förmlichkeit, natürlich. Ich bin ein Ehrenmann, Mademoiselle. Ich stelle mich hiermit vor.“ Er deutete eine kurze Verbeugung an und reichte ihr dabei seine beringte Hand, die er davor von dem feinen Lederhandschuh befreit hatte: „Bernard La Pierre, Geschäftsmann“. Er hatte seinen Nachnamen absichtlich in zwei Teilen ausgesprochen, ein wenig Eindruck schinden konnte nicht schaden bei dieser Landpomeranze. Aus Erfahrung wusste er, dass Frauen auf Adelige standen. Er war weit davon entfernt einen solchen Namen, eine solche Herkunft zu besitzen, aber die Kleine erst einmal ein wenig zu beeindrucken, konnte sein Vorteil sein. Sie erwiderte seinen leichten Händedruck, sagte jedoch nichts und mahnte ein paar Kinder, sich nicht allzu weit an die Kaimauer vor zu wagen. Mit lautem Tuten legte eben das Boot an, auf das sie gewartet hatten. ‚Verdammte Gören’, dachte Bernard. Sie war abgelenkt worden und schien ihn zu vergessen. Doch er hielt immer noch ihre Hand fest und ein kleiner Druck der seinen erinnerte sie daran, dass sie nicht allein mit den Kindern hier stand. „Entschuldigen Sie“, sagte sie hastig. „Ich habe zwar wenig Zeit, muss noch Hefte verbessern und so, aber ein Stündchen kann ich schon erübrigen.“ Er spürte, dass sie es eilig hatte. Die Kinder wurden ungeduldig und drängelten. „Ich hole Sie heute Abend gegen 20.00 Uhr hier an dieser Stelle ab, wenn es Ihnen recht ist. Ein bisschen plaudern, gut essen. Ich habe anstrengende Geschäftsverhandlungen hinter mir, Sie verstehen...?“ Sie nickte und entzog ihm ihre Hand. Er würde dann ebenfalls verstehen... „Eine Stunde, Monsieur, länger ist es mir nicht möglich! Sie entschuldigen...“ Dann war sie auf die Planke des Schiffes gesprungen und half den beiden Fischerleuten, die Kinder an Bord zu holen. Sie würdigte ihn keines Blickes mehr, hatte alle Hände voll zu tun und er ärgerte sich ein bisschen darüber und machte würdevoll kehrt. Normalerweise zollten Frauen ihm mehr Aufmerksamkeit, oder Achtung. Sie hatte immerhin angenommen. Ein wenig gezwungenermaßen, weil sie in Eile war und nicht unhöflich erscheinen wollte. Unverdorbene Kleine! Das suchte er. Jung, schön und noch abzurichten nach seinen Anforderungen, seinem Geschmack! Er pfiff vor sich hin und kramte nach seinem Mobiltelefon, um seinem Sekretär die Verspätung durchzugeben. Paris würde er erst morgen erreichen. Diese Nacht blieb er in diesem öden Dorf mit seiner hübschen Lehrerin. Mal sehen, wie unverdorben sie wirklich war.... |
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2 – Ein Imperium
Er war pünktlich und sie hatte Verspätung. Er war wütend, sie zeigte Bedauern und schließlich versöhnte ihn ihr unschuldiger Blick. Er hatte sich nach einem guten Hotel erkundigt, doch hier in der Gegend gab es nur kleinere Pensionen und Gasthäuser. Aber hübsch, anmutig, alt und authentisch. Im Stil der Landschaft erbaut, aus Stein, niedrig und mit guten, schweren Möbeln. Sie waren etwa zwanzig Kilometer die Küste nordwärts gefahren, dort hatte man in einem solchen Haus einen Tisch für ihn reserviert und ein Zimmer. Das Beste natürlich, doch es war dennoch nur ein Zimmer mittleren Standards. Wenn er geglaubt hatte, sie wäre ungebildet oder stillos dann hatte er sich getäuscht und er war freudig überrascht. Ihre Manieren waren tadellos und sie kannte sich aus mit Weinen und den Jahrgängen derselben. Sie verschwieg, dass ihre Eltern ein ähnliches Gasthaus geführt hatten und sie an Wochenenden den beiden in der Wirtschaft oft geholfen hatte. Sie verschwieg auch den Autounfall im vorletzten Jahr, bei dem sie beide ums Leben kamen, und sie verschwieg, dass die angehäuften Schulden ihrer Familie alles Hab und Gut hinweg gerafft hatten. Sogar der kleine Motorkutter ihre Vaters war gepfändet worden. Froh darüber, ihre Ausbildung als Lehrerin vollendet zu haben, war sie weitgehend unabhängig geblieben. Obwohl sie oft schon mit dem Gedanken gespielt hatte, in die Hauptstadt zu gehen, oder zumindest nach Brest, brachte sie es noch nicht übers Herz, die Heimat einfach hinter sich zu lassen. Irgendwann würde der Tag kommen, doch noch war es zu früh für ihre schmerzende Seele, dem Ort ihrer glücklichen Kindheit, ihrer Freunde und der Menschen, die sie kannte, den Rücken zuzukehren. Doch all dies verschwieg sie und ließ ihn reden.
Er redete viel und gewandt und sie hörte immer aufmerksamer zu. Er erzählte von seinen Geschäften, seinen Unternehmungen, seinen Projekten. Er erzählte von seiner herzlosen Exfrau, die ihn andauernd betrogen hatte. Er verschwieg natürlich, dass es eher umgekehrt gewesen war. Der Mann war ihr sympathisch. Irgendwie flösste er ihr auch ein wenig Respekt ein. Aus dem Nichts hatte er ein Imperium geschaffen. Sie konnte nicht ahnen, dass dieses „Nichts“ gut organisierter Schmuggelhandel war. Und nicht nur von legalen Produkten ....
Er spürte, dass sie zu ihm aufsah, ohne dabei die eigene Würde zu verlieren. Er versuchte ganz vorsichtig, sie in den Arm zu nehmen, als die Kerzen bereits bis auf den Stumpf niedergebrannt waren. Er spürte, dass sie sich versteifte. Und er zog sich sofort zurück. Sie war eindeutig Jungfrau. Das roch er, das spürte er und es schürte sein Begehren. Aber er wollte dieses Mädchen für sich allein und er konnte warten. Die Kellnerin, die gelangweilt darauf zu warten schien, endlich zu Bett gehen zu können und abzuschließen, warf ihm einen anzüglichen Blick zu. Sie hatte ebenfalls bemerkt, dass die Kleine an seiner Seite nicht das halten würde, was ihr Aussehen versprach. Er würde später seine unerfüllte Lust an ihr stillen. Die Nacht war nicht verloren. Er zwinkerte ihr zu, ohne dass seine Begleiterin es merkte. Das Schankmädchen nickte leicht und lächelte. Ja, sie würde auf ihn warten. Er mahnte zum Aufbruch, Gillaine willigte ein. Sie hatte noch zu tun. Schularbeiten verbessern, den Unterricht für morgen planen. Nachdenken. Träumen. Doch sie war so gut wie seine Beute, jetzt schon. Er hatte sie fest in seinem Netz aus Charme und geheimnisvollem Reichtum gefangen. Niemand ist unempfindlich gegen Reichtum – und Macht. Er besaß beides. Und bald besaß er auch sie, auch wenn sie es zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste. ***** Gillaine parfümierte ihre glatten, runden Schultern und zog die Falten ihres weinroten Abendkleides zurecht. Dann läutete sie nach ihrer Zofe und verlangte, dass ihre Limousine bereitgestellt wurde. Sie hatte es eilig. Bernard wartete. Er wartete ungern. Mit ihm warteten an die zweihundert Gäste darauf, dass sie die Eröffnung seines Luxusrestaurants mit ihm zelebrierte. Als sie sich in die weichen Lederpolster des Wagens zurücklehnte und ihr Blick teilnahmslos auf die erleuchteten Schaufenster der Avenue fiel, dachte sie zurück an die Eroberungsversuche ihres Mannes.
Er hatte Blumen gesandt, täglich, er hatte ihr Einladungen zukommen lassen, sie nach Paris gebeten. Sie hatte abgelehnt. Einmal, zweimal. Das dritte Mal sagte sie zu, nachdem er gedroht hatte, sie persönlich abzuholen, mit Pauken und Trompeten. Sie wollte unauffällig bleiben. Niemand brauchte zu wissen, dass sie der Einladung eines gut situierten Pariser Verehrers Folge leistete. Es wurde rasch getuschelt in diesen kleinen Orten. Schlecht geredet. Sie war Lehrerin, und um ihr gutes Ansehen bemüht. Gut erzogen, naiv und erwartungsvoll, was das Leben ihr bereithielt. Er ließ sie per Limousine abholen. Der grauhaarige Marcel fuhr sie nach Paris, wie heute auch. Sie hatte ein märchenhaftes Wochenende an der Seite des Mannes erlebt, der nach ihrem Vater der erste Mann ihres Lebens werden sollte. Sie lernte Paris kennen und lieben, genoss kulinarische Genüsse bei „Maxims“ und sie tanzten in den Nobelbars der Stadt. Man dienerte vor ihr und behandelte sie wie die Königin von England. Es war fast zu viel für sie, aber es faszinierte Gillaine. Es faszinierte sie so sehr, dass sie auch die folgenden Einladungen annahm. Bernard Lapierre versuchte nicht sie zu verführen, doch nach ein paar Wochen erklärte er ihr sachlich seine Liebe. Das was Kaltschnäuzigkeit war, hielt sie für Aufrichtigkeit. „Ich brauche eine Frau wie dich an meiner Seite, mein Liebling“, hatte er unumwunden gesagt. „Gebildet, jung, und als Draufgabe auch noch schön.“ Sie hielt es für ein Kompliment, für ihn war es eine sachliche Feststellung. Von Liebe sprach er nicht. Ein leiser, urwüchsiger, ländlicher Nachhall haftete ihr an, machte sie für ihn zu etwas Besonderem. Ein zarter Kuss besiegelte ihre heimliche Verlobung und der Diamantring, den sie am Finger trug als sie heimfuhr und ihre Kündigung der Schulakademie bereits gefaxt hatte, bedeutete Bernard Lapierres Siegel. Sie gehörte ihm, auch wenn sie es nicht wusste. Erwartungsvolles Leben hinter anmutiger Fassade, geistreicher Witz gepaart mit der Ernsthaftigkeit einer erblühten Frau, ein Sammelobjekt erster Klasse für Lapierre.
Die Hochzeit war pompös, sie war eine strahlende Braut gewesen. Reine naturfarbene Rohseide. Rohmaterial wie sie selbst. Ihr Designerkleid kostete den Preis mehrerer ihrer Jahreslöhne. Man hatte sie gestylt, frisiert, behängt mit allerlei prachtvollen Juwelen und sie glich einer Märchenprinzessin. Doch sie war seine Puppe. Sein Vorzeigschmuckstück. Sie wurde beneidet und geliebt. Kritisiert und akzeptiert. Ihr Herz schien nur für ihn zu schlagen. Sein gefärbtes, dunkles Haar täuschte über seine annähernd fünfzig Lenze hinweg, und die Verjüngungsinjektionen, die er sich jährlich während seines Kuraufenthaltes in der Schweiz verpassen ließ, taten ihr übriges. Er sah gut aus, sie strahlte, schön wie ein Stern, etwas schüchtern, aber sie würde sich bald an die Gesellschaft, der sie nun angehörte, gewöhnt haben. Die Leute in ihrem Heimatort zeigten stolz die Zeitung umher. Sie war in aller Munde. Sie war eine von ihnen. Aschenputtel auf dem Weg zum Schloss. Der Prinz hatte an den Platz geholt, der ihr zustand...
Die Hochzeitsnacht gab ihm das, wonach es ihn seit langem gelüstet hatte. Ihre Jungfernschaft, ihren unberührten Körper, ihre Unschuld. Sie blickte ihm erwartungsvoll entgegen. Die Rundungen ihrer schlanken Gestalt wurden kaum von dem Traum aus weißer Seide verhüllt. Ihr Herz schlug wie wild, doch so voller Glück. Er würde sie in die Liebe einführen, bis sie in seinen Armen das Liebesglück erleben durfte. Doch er ließ alle Zärtlichkeit beiseite. Besser, sie begriff sofort, dass er der Herr der Lage war. Nicht nur in ihrem Alltag, auch im Ehebett. Junge Stuten mussten zugeritten werden. Man brach am besten gleich ihren Willen, bevor sie überhaupt begriffen, was da vorging. Machte sie willig, gefügig. Die Seide zerriss unter seinen ungestümen Händen. Er wälzte sich auf sie und nahm sie wie eine Dirne. Und so hatte ihr diese Nacht, von der man im Allgemeinen sagt, sie sei die schönste im Leben einer Frau, Schmerz, Ernüchterung, und die Erkenntnis, dass sie ihre Entscheidung länger und besser überlegen hätte sollen, gebracht. Eine Überlegung, die zu spät kam. Sie war seine Frau und er machte ihr unmissverständlich klar, dass sie sich zu fügen hatte. Tag und Nacht. Jetzt und fortan, ihr Leben lang.
Ihre Jugend, ihre Unerfahrung reizten ihn umso mehr und er machte von seinem Eherecht fast jede Nacht Gebrauch. Sie hatte ihn verjüngt und sein sexueller Appetit nach ihr hielt fast ein Jahr lang an. Er hatte nicht einmal eine Geliebte genommen. Schließlich begann ihn ihre Teilnahmslosigkeit zu langweilen. Als er ihr dies mitteilte, erwiderte sie trotzig und verletzt, dass es nicht ihre Schuld sei, dass er sie nicht befriedigen konnte. „Ich fühle nichts für dich“, hatte sie mutig geantwortet und ihre hellen Augen blickten ihn geradewegs und furchtlos an. Da hatte er weit ausgeholt und sie zweimal ins Gesicht geschlagen. Danach lächelte er kalt und sagte leise: „Das macht nichts mein Schatz. Nur schade für dich, dass deine Pflicht dir so wenig Spaß bringt!“ Danach war sie zwei Wochen nicht ausgegangen. Als ihr Gesicht schließlich abgeschwollen war, hatte er bereits eine Geliebte genommen und ihre Nächte blieben ruhig und ungestört. Es kam zwar vor, dass er manchmal zuviel getrunken hatte, dann klopfte er lautstark an ihre Tür oder betrat ihr Boudoir, ohne sie um Einlass zu bitten. In diesen Nächten machte er sich über sie her, doch sie schloss die Augen, ließ ihn gewähren und dachte daran, dass eine heiße Dusche ihr Leben und das ihrer Seele wieder ins Lot bringen würde. Und es schien, dass das auch funktionierte.
Sie hatte sich wahrhaftig schnell in die Pariser Gesellschaft eingefunden, fand Trost in dem Reichtum, den er ihr trotz allem gönnte. Sie war sein Aushängeschild, seine Puppe, sein Spielzeug und man beneidete ihn um dieses Prachtstück von Weib. Er wusste es, man sagte es ihm und er genoss seinen Besitz. Dass sie eines Tages die Scheidung verlangen könnte, schien ihm ausgeschlossen. Wohin sollte sie gehen? Er hatte einen Ehevertrag abgeschlossen, es stand ihr im Falle einer Trennung nichts zu. Kein einziger Franc! Außer, er verließ sie und darauf konnte sie lange warten. Er war immerhin zwanzig Jahre älter als Gillaine. ***** „Beeilen Sie sich, Marcel“, gab sie dem Chauffeur zu verstehen und dieser nickte und erhöhte die Fahrgeschwindigkeit. Sie hatte getrödelt, sich in Gedanken verloren, die nirgendwohin führten. Als sie das Gebäude, in dem sich das Restaurant befand erreichten, sah sie ihn bereits unwillig auf dem Treppenansatz stehen. An seiner Seite sein Sekretär. Dieser eilte ihr entgegen, öffnete den Wagenschlag und half ihr aus dem Fahrzeug. „Gut dass sie da sind, Madame! Monsieur wurde bereits ungeduldig!“ Sie nickte nur, lächelte die umstehenden Menschen an und ging ruhigen Schrittes an die Seite ihres Mannes. „Wo hast du gesteckt?“ zischte er ungehalten und ergriff ihren Arm. Doch sein Gesicht zierte ein Lächeln, das von einer Welt, die in Ordnung war, zeugen sollte. Lapierre der Blender, der Schauspieler. An seiner Seite jene wunderschöne Frau, mit Gold und Samt geschmückt. „Der Verkehr“, erwiderte sie entschuldigend. „Wir steckten fest, du kannst Marcel fragen!“ beeilte sie sich hinzuzufügen. Sie wusste, dass Marcel ihre Worte bestätigen würde. Auf ihn war Verlass. Dieser Abend reihte sich an all die anderen, die vom Geschäftssinn, Wohlhabenheit und geschickten Spekulationen Lapierres zeugten. Es war eine rauschende Nacht und die Chefköche des fünf Stern Lokals, das Lapierre ‚Gillaine’, nach seiner hübschen Frau benannt hatte, bewiesen ihr Talent bis in die frühen Morgenstunden. Das Restaurant würde sich bald einen guten Namen in den Feinschmeckerkreisen aller Welt gemacht haben. Ein Liebesbeweis? Nein, ein weiteres Täuschungsmanöver. Gillaine, die um die Berechenheit ihres Mannes wusste, konnte die Ehre, dass man ihren Namen gewählt hatte, um einen weiteren Meilenstein zum Geschäftsruhm ihres Mannes zu setzen, nicht schätzen. Beim besten Willen nicht!
Sie lag lange wach, diese Nacht. Bernard hatte sie nicht nach Hause begleitet und sie war erleichtert mit Marcel heimgefahren. Wahrscheinlich war er mit einer seiner Geliebten zusammen, sie konnte sich nichts Besseres wünschen. Sie wälzte sich unruhig in den Seidenkissen ihres ausladenden Bettes herum und starrte zum Fenster. Die durchsichtigen Gardinen blähten sich leicht im Sommerwind und sie beschloss, das Fenster zu schließen und die Klimaanlage einzuschalten. Außerdem drang der Lärm der erwachenden Grosstadt bis zu ihr herauf. Ihre Gemächer gingen zwar nach rückwärts, auf den Jardin de Luxembourg hinaus, doch der Großstadtrubel machte sich zu dieser frühen Morgenstadt um sie herum bemerkbar. Einmal mehr spürte sie, wie sehr ihr die Ruhe ihres Heimatortes fehlte. All die Jahre hatte sie sich selbst belogen. Luxus und finanzieller Wohlstand haben sie zwar über die Leere ihres Gefühlslebens hinweg getröstet, ja beinahe gleichgültig ihrem Schicksal gegenüber werden lassen, aber im tiefsten Inneren spürte sie, dass sie ihr Leben in den nächsten Jahren grundlegend ändern musste. Gleichzeitig nagte die Gewissheit an ihr, dass es besser war, derartige Überlegungen sofort zu verwerfen und nicht weiter auszuspinnen. Es gab für sie kein Entrinnen. Sie gehörte dem Imperium Lapierre an. Und so schlecht ging es ihr auch wieder nicht, versuchte sie sich zu trösten. Eigenes Bankkonto, auch wenn sie darüber Buch führen musste. Freiheit, bis zu einem gewissen Maß, auch wenn er sich von ihr erzählen ließ, wie sie ihren Tag verbracht hatte. Einen ausgedehnten Freundeskreis, wenn man die schillernden Kriecher Lapierres als solchen bezeichnen konnte, und.... ‚Was und’, dachte sie und ihre Stimmung für den anbrechenden Tag sank auf den Nullpunkt. Wo lag das Ziel? Wo lag der Sinn? Konnte es sein, dass es allein ihre Lebensbestimmng war, die Zeit tot zu schlagen? Sich um ihr gepflegtes Äußeres zu kümmern und Bernards Geld unter die Leute zu bringen? Warum eigentlich nicht? versuchte sie sich einzureden. Und schließlich war da ja auch noch André. Der verträumte und weltfremde André. Er liebte sie, seit dem Moment, als er sie bei ihren zahlreichen Museumsbesuchen im Louvre erblickt hatte. Er begann von Ägypten zu erzählen, vom Glanz der Pharaonen und der Weisheit ihrer Priester. Sie hatte gebannt gelauscht und versprochen, wieder her zu kommen. Er studierte Archäologie und fristete sein Studentendasein zwischen überfüllten Hörsälen der Universität und den Gelegenheitsjobs, die Paris im bot. Sie trafen einander wieder und er entführte sie in die Welt der Mythen und Götter. Bei ihm holte Gillaine sich die Zärtlichkeit, die sie brauchte, um ihr Leben an Lapierres Seite auszuhalten. Sie waren nicht wirklich „Amants“. Sie tauschten Zärtlichkeiten aus, Küsse, Streicheleinheiten, doch es war nie zum Liebesakt gekommen. Nicht annähernd! Gillaine wollte es so und André war viel zu verliebt in sie, um sie zu drängen. Manchmal, nachdem ihn seine ungewöhnliche Freundin verlassen hatte, verschaffte er sich selbst Erleichterung, um seine aufgestauten Emotionen los zu werden. Er hatte dabei ihr Bild vor Augen und manchmal weinte er danach. Das konnte sie nicht wissen. Wahrscheinlich hätte es sie sogar entsetzt. Er gab dennoch die Hoffnung nicht auf, dass sie Lapierre eines Tages seinetwegen verließ, auch wenn sie ihn jedes Mal, sobald er das Thema anschnitt, nachsichtig lächelnd einen Dummkopf nannte.
Natürlich unterstützte sie ihn seither finanziell, doch er nahm ihre Geschenke nur widerwillig an und das war nicht einmal vorgetäuscht oder gespielt. André liebte seine Unabhängigkeit und er verstand Gillaines Unterwerfung nicht, wie konnte er sie auch verstehen? Bernard Lapierre war ein Blender. Gerissen und berechnend. Angesehen, beliebt wegen seiner Großherzigkeit bei Politikern und Industriellen, Geschäftemachern und Spekulanten. Respektiert von Politikern. Begehrt von Frauen, die ihm umschwirrten wie bunte Schmetterlinge, um sein Interesse zu erlangen. Nur ihr Interesse, das seiner Frau, das war seit langem erloschen, genau seit jener Hochzeitsnacht, in der er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, liebevolle Gefühle vorzutäuschen. Was blieb war eine gewisse, versteckte Furcht vor ihm, Respekt und Widerwillen. Er hatte mit einem Schlag Illusionen und die Fähigkeit zu lieben, in ihr ausgelöscht. Einfach so. Er war über ihren erwartungsvollen, jungfräulichen Körper brutal hinweg gefegt und hatte ihre intimsten Wünsche und Sehnsüchte samt der Wurzel ausgerissen, ausgemerzt, und ihr Gefühl für ihn mit seinem harten, unbarmherzigen Stachel vergiftet.
Gillaine blinzelte und erhob sich mit einem Satz aus ihrem Bett, das viel zu groß für eine schlanke und mittelmäßig große Frau wie sie war. Sie sollte sich eine Katze zulegen, oder einen Hund. Etwas zum Herzen und Kosen. Lapierre würde es nicht wagen, ihr den Wunsch abzuschlagen. Doch er hatte für Tiere noch weniger Gefühle als für Menschen. Es würde ihm eine weitere Handhabe gegen ihr zeitweiliges Aufbegehren geben. Sie war zu schwach um eine solche Verantwortung zu übernehmen. Er könnte ihr mit deren Verschwinden drohen und er war zu allem fähig, wenn man nicht nach seiner Pfeife tanzte. Sie war eine gelehrige Schülerin gewesen, ein braves Mädchen, und sie versuchte ihn so wenig wie nur möglich zu reizen. Dies war ein bequemer Weg, sie wusste es. Ein bequemer, wenn auch langweiliger Weg. Vor allem jedoch war es nicht der richtige Weg. Aber es war der ihre. Ihr Leben bestand aus Empfängen, Partys, Museumsbesuchen, Ausstellungen und den wenigen Stunden, die André ihr von seiner bemessenen Zeit überlassen konnte.
Sie schob die Vorhänge zur Seite und sah auf den Park hinaus. Die Morgendämmerung machte dem hellen Licht des Frühsommers Platz und flutete über sie hinweg. Ihre Augen folgten dem Spiel der glitzernden Wassertropfen des nahen Brunnens. Sie streckte sich und beobachtete eine Weile die städtischen Gärtner, die ihren Dienst antraten. Einer winkte ihr und sie winkte leicht zurück. Sie kannten die schöne Frau im zweiten Stock des imposanten Stadtgebäudes. Sie bewunderten sie und sie waren daran gewöhnt, dass sie zu den Frühaufstehern gehörte. Wenn ihresgleichen erst zu Bett gingen, stand sie meist schon am Fenster ihres Boudoirs und sah zu ihnen herunter. Die Ausrichtung der Blumenbeete schien exakt wie mit einem Lineal gezogen. Wahrscheinlich waren sie es auch.
Sie läutete nach dem Mädchen. Bernadette erschien Sekunden später und Gillaine wollte wissen, ob ihr Mann schon nachhause gekommen war. „Ja, Madame“, antwortete die Zofe. „Er wünscht mit Ihnen um punkt acht Uhr zu frühstücken, im kleinen Salon, Madame.“ Gillaine nickte. Kein Wunsch, ein Befehl. Er war also nicht bei einer seiner Huren geblieben. Sie war etwas beunruhigt. Meist machte er sich gleich nach seinen Frauenbesuchen auf den Weg in sein Büro auf den Champs Elysées. Er ließ sich nicht fahren, wie sie selbst es bevorzugte. Marcel stand ihr dafür immer zur Verfügung. Lapierre bevorzugte kleine, schnittige Sportwägen, mit welchen er selbst die Stadt nach Belieben durchkreuzen konnte. Seine alljährliche, mehr als großzügige Spende an die Verkehrspolizei der Stadt, erlaubte ihm, überall und allseits den Wagen einfach abzustellen. Man würde ihn weder deswegen belangen noch strafen. Geld war Macht und beides besaß er im Überfluss. „Ich trinke jetzt noch eine Tasse Tee und mache eine Runde durch den Park“, ließ sie das Mädchen wissen. Die Angestellte nickte und verschwand. Sie ging ins Bad, schlüpfte in einen leichten Jogginganzug und Sportschuhe und als sie fertig war, stand der dampfende Tee bereits in ihrem Zimmer. Sie nahm nur wenige Schlucke und wollte sich noch die Füße vertreten, bevor sie mit Bernard zum Frühstück zusammen traf. Sich sammeln, Mut tanken und Luft.
Ihr Mann saß bereits am Tisch, als sie eintrat. Er sah kurz auf die Uhr und schenkte ihr ein sekundenlanges Lächeln. „Du bist ausnahmsweise pünktlich, Schatz!“ Sie ersparte sich jegliche Antwort. War sie das nicht immer? Sie hasste Bernards zynische Äußerungen, wenn sie sich um Minuten verspätete. Er hatte sie gut abgerichtet und sie hielt sich so schadlos wie möglich an sein Geld. Die größten Beträge, die ihr zur Verfügung standen, gab sie nicht in Boutiquen aus, wie sie vorgab, und auch nicht in Schönheitsinstituten oder für gute Zwecke. Sie kamen auf mehrere Geheimkonten in Luxemburg. Davon durfte er natürlich niemals erfahren! Ganz so naiv war sie nun doch wieder nicht! „Hattest du eine angenehme Nacht?“, wollte er wissen. Sie bejahte und ließ sich von Bernadette Kaffee einschenken. „Ich muss ernsthaft mit dir reden, Gillaine“, begann Lapierre, und sie wusste, dass er etwas von ihr wollte, etwas, das er vielleicht nicht einfach so erzwingen konnte, wie er es üblicherweise tat. Sie versuchte gleichgültig drein zu sehen und spürte doch, wie ihr Herz stärker zu pochen begann. „Und?”, sagte sie höflich und biss zaghaft in das noch warme Croissant, auf das sie etwas Zitronenmarmelade gestrichen hatte. „Ich will ein Kind, Gillaine“, antwortete ihr Mann unumwunden und ihr blieb der Bissen in der Kehle stecken. Sie senkte ihren Blick und trank lange und ausgiebig von ihrem frisch gepressten Orangensaft. Sie versuchte, keine Gefühlsregung zu zeigen. Der Appetit war ihr jedenfalls vergangen. Mit Nachdruck stellte sie ihr Glas ab und schwieg. „Hast du mir zugehört, Schatz?“ Sie hasste seine Stimme, seinen Tonfall, den er annahm, wenn er glaubte, sie sei zu dumm, um den Sinn seiner Worte zu erfassen. “Natürlich“, erwiderte sie gelassen. „Du willst ein Kind!“ „Ja“, betonte er etwas ungehalten. „Hast du selbst noch nie darüber nachgedacht, dass wir daran denken sollten, einen Erben für mein Imperium zu zeugen? Ich dachte, das würde sich irgendwann von selbst ergeben. Du wirst nicht jünger, und ich auch nicht!“ ‚Ein Kompliment am Morgen, bringt Kummer und Sorgen’, dachte sie grimmig. Waren ihm ihre siebenundzwanzig Jährchen schon zu alt? Begann sie die Treppe bereits herab zu steigen, um sich auf ihren Verfall vorzubereiten? „Hast du bedacht, Bernard, was das für uns bedeutet?“ wollte sie wissen und bevor er antworten konnte, fuhr sie eindringlich fort: „Eine Schwangerschaft ist etwas Beschwerliches, man wird fett und unansehnlich. Jeder, der das Gegenteil behauptet, lügt! Ich kann dich nirgendwohin begleiten, hänge wie eine Qualle herum und wenn das Kleine erst einmal geboren ist, dann beginnt die Zeit, in der ich keine freie Minute mehr für dich und die Verpflichtungen, die du mir übertragen hast, erübrigen könnte. Milchtriefende Brüste, die kein noch so raffiniert geschneidertes Kleid verbergen kann, die Verpflichtung dem Kind alle drei Stunden als Futterquelle zu dienen, Schwangerschaftsstreifen, Hängebrüste und einen ausgedehnten, unansehnlichen Bauch. Ist es das, was du aus mir machen willst? Ein Muttertier, das man besser zuhause einsperrt? “ Sie hatte sich etwas in Rage geredet und seine blitzenden Augen sagten ihr, dass sie bei ihrer Rede gewaltig übertrieben hatte. Er grinste kalt. „Mit einem Wort, du verweigerst mir den Kinderwunsch. Weißt du eigentlich, dass ich dich vom Gesetz aus verstoßen kann? Ein triftiger Scheidungsgrund! Weißt du, dass du in die Gasse zurücktaumeln wirst, wenn ich nur mit den Fingern schnippe?“ Sie schnappte nach Luft. Was faselte er da von Gosse? Er hatte sie doch nicht von der Gosse aufgelesen und in seinen Palast geholt! Erzählte er das etwa bei seinen Freunden herum? Möge der Kuckuck in holen! „Ich warne dich, Gillaine“, fuhr er weiter fort und seine Stimme war leise und lauernd. „Das ist nicht der richtig Zeitpunkt, mich zu verärgern! Deine Argumente sind Schwachsinn! Wir werden eine Nurse engagieren, du brauchst das Kind auch nicht selbst zu stillen, wenn dir das zuwider ist, und deine Figur wird ganz sicher nicht darunter leiden. Du bekommst höchstens ein paar weibliche Formen mehr, das kann dir nicht schaden!“ Sein Blick glitt abschätzend über ihre schlanke Gestalt in dem engen Jogginganzug. „Ich hasse dieses Zeug, das du da trägst. Erscheine bitte nicht mehr in solchen...“ er suchte nach dem richtigen Ausdruck, „in solchen, mein Auge beleidigenden Straßenfetzen bei Tisch!“ Er lehnte sich zurück und Bernadette, die Teile der Unterhaltung ungewollt mit angehört hatte, schenkte ihm verlegen Kaffee nach. Er fasste nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass kein Wort, das in diesem Haus gesprochen wird, ausgeplaudert wird, oder?“ „Natürlich nicht, Monsieur“, stotterte die verängstigte Angestellte. Sie wusste nur zu gut, dass sie nach ihrer Anstellung bei Lapierre keinen Arbeitsplatz in Paris mehr fände. Ein kurzer Blick von ihr streifte Gillaine, die das Croissant zwischen ihren Fingern zerbröselte. „Was willst du eigentlich?“ fragte Lapierre sie. „Klagst du nicht oft genug über Langeweile? Ich dachte, du würdest vor Freude in die Luft gehen, wenn du von meinem Wunsch, ein Kind mit dir zu haben, hörtest! Ich kenn dich anscheinend doch nicht genug und habe mich wieder einmal in dir getäuscht. Oft genug denke ich, es wäre besser gewesen, ich hätte damals nicht in dem verdammten Café Halt gemacht!“ ‚Wie recht du hast, mein Lieber’, dachte sie und blieb dennoch stumm. Sie konnte ihm ja nicht sagen, dass sie Angst davor hatte, ihm ein Kind zu schenken. Nicht ihretwegen. Aber dieses Kind würde er nach seinen Idealen formen, es möglicherweise gegen sie aufhetzen, sobald sie nicht so funktionierte, wie er es ausdrücklich wünschte. Eine Trennung war dann noch weniger denkbar als heute, denn ihr Kind im Stich zu lassen und hilflos seinen Fängen auszuliefern, dass könnte sie niemals....
Sie wusste, er wartete auf Antwort. Eine, die ihn befriedigte. Sie rang sich ein paar Worte ab: „Ich werde darüber nachdenken Bernard. Lass mir Zeit!“ Unwillig winkte er ab. „Fünf Jahre waren Zeit genug. Es ist an dir, dich mir gegenüber endlich erkenntlich zu zeigen. Denkst du etwa, ich werde dich weiterhin umsonst wie eine Larve durchfüttern? Mein Entschluss steht fest. Ich will ab jetzt genau wissen, wann du deine fruchtbaren Tage hast. Und versuche nicht, mich zu belügen. Dein Termin bei Dr. Grimaud ist morgen, 11.00 h. Sei pünktlich, Gillaine. Grimaud ist ein Freund, er hält mich über deinen Gesundheitszustand auf dem Laufenden. “ Das klang wie eine Drohung und war sicher auch als solche gemeint. Sie wusste wenigstens woran sie war. Er machte eine Pause und fuhr dann genüsslich fort: „Und er wird dir dann auch gleich das Ding entfernen, dass du dir hast einsetzen lassen, um nicht von mir schwanger zu werden!“ Sie erschrak. Wie konnte er davon wissen? Sie hatte anonym einen Arzt am anderen Ende der Stadt aufgesucht. „Du siehst, ich bin informiert. Wie konntest du annehmen, dass ich auf deine Spielchen reinfalle? Du solltest mich wirklich besser kennen, Gillaine. Sei auf der Hut, ich beginne, genug von deinen Spielchen zu bekommen!“
Aha. Es gab also kein Entrinnen. Sie war zu seiner Gebärmaschine auserkoren worden und hatte zu funktionieren. So leicht würde sie es ihm jedoch nicht machen! Er stand auf und bevor er den Raum verließ und die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, gab er ihr einen flüchtigen Kuss aufs Haar, bevor sie sich noch wegdrehen konnte. „Und ich will dich in diesem abscheulichen Anzug nicht mehr an diesem Tisch sehen, klar?“ Er wartete keine Antwort ihrerseits ab und ging. Sie saß hoffnungslos vor dem Haufen ihres zerbröselten Croissants, als Bernadette begann, den Tisch abzuservieren. „Tut mir leid“, murmelte sie, als das Mädchen sich anschickte, die Bescherung auf einen Teller zu bugsieren. „Das ist schon in Ordnung, Madame!“ „Bernadette“, sagte sie plötzlich, einer Eingebung folgend. „Nehmen Sie die Pille?“ Bernadette war etwas verblüfft über diese intime Frage. „N-nein, Madame!“ „Aber sie können sie jederzeit durch ihren Arzt bekommen, oder täusche ich mich da?“ „Ich weiß nicht, Madame!“ Sie hielt das Mädchen fest. „Ich beschwöre Sie, Bernadette. Tun sie es für mich. Lassen Sie sich die Pille geben. Sie wissen, mein Mann lässt mir sicher nachspionieren. Mein Gesicht ist bekannt, eine undichte Stelle, selbst bei einem unbekannten Arzt, und ich bin geliefert. Verstehen Sie, was ich meine?“ Bernadette nickte. Natürlich verstand sie. Sie mochte Gillaine und sie würde ihr den Wunsch erfüllen. „Sie dürfen mich aber nie verraten, Madame!“ bat sie leise und Gillaine drückte sie überschwänglich an sich. „Sie werden es nicht bereuen, Bernadette, das verspreche ich Ihnen! Bitte erledigen Sie das so bald wie möglich für mich, ja?“
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