3 – Stummer Kampf

„Er will ein Kind von mir“, begann sie nervös, nachdem sie André mit einem leichten, verstohlenen Händedruck auf einer der Parkbänke begrüßt hatte, wo er auf sie wartete.

„Du wirst doch nicht...“ begann André entsetzt und sie saßen nebeneinander auf der im Schatten stehenden Holzbank, vor neugierigen Blicken geschützt, und sahen zu den spielenden Kindern hinüber.

„Natürlich nicht“, beruhigte sie ihn, und ihre Finger zeichneten unbewusst die eingekerbten Namen und Herzen im Holz nach.

„Aber er ist fest entschlossen. Ewig kann ich ihn nicht hinhalten. Wenn er ein Projekt ins Auge gefasst hat, gibt er nicht Frieden, bevor dieses auch realisiert ist! Und ich bin ein Projekt! Der Erbe ist sein Projekt. Ich muss eine Lösung finden, André! Ich kann nicht ewig „glückliche Familie“ spielen.”

“Verlass ihn einfach, Gillaine!” erwiderte der junge Mann leidenschaftlich und strich sich eine seiner langen, dunklen Haarsträhnen aus der Stirn.

Sie winkte müde ab. „Darüber haben wir wohl ausreichend gesprochen. Er würde mich zurückholen. Lapierre verlässt man nicht einfach. Ich habe dir soviel von ihm und den Machenschaften, die mir bekannt sind, erzählt. Du solltest wissen, dass es unmöglich ist. Ich glaube, er würde mich eher umbringen lassen, als mich frei zu geben!“

André lachte unsicher. „Du übertreibst. Dein Mann ist doch kein Mafiosi, ein beinharter Geschäftsmann vielleicht, aber kein Mörder!“

Sie legte ihm rasch einen Finger auf den Mund und zwang ihn zum Stillsein.

„Lass uns zu dir gehen, André. Nur kurz. Nimm mich in den Arm und lass mich einfach deine beruhigende Nähe genießen, ja?“

 

Sie hatten sich geküsst und er hatte sie beschwichtigt. Sie war etwa eine Stunde bei ihm geblieben und sie fühlte, dass sie auf dem Nachhauseweg verfolgt wurde. Sie konnte niemanden ausmachen, doch sie fasste den Entschluss, André nicht mehr wieder zu sehen. Seinetwegen. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie hatte André wie einen kleineren Bruder betrachtet, er war ein Kind. Aber das konnte Bernard wohl nie verstehen und er würde ihr noch weniger glauben.

*****

 

Dr. Grimaud war freundlich, zeigte sich verständnisvoll und sie tat, als wäre es auch ihr Wunsch, ein Kind zu bekommen. Ihre Unterhaltung würde er wortwörtlich an Lapierre weitergeben, das wusste sie. Deshalb gab sie nur knappe Antworten und Grimaud führte diese Wortkargheit auf Schüchternheit zurück, oder Scham.

„Sie sind vollkommen gesund, Madame“, sagte er abschließend.

„Ihr Mann wird sich freuen. Sie können ihm eine ganze Menge Kinder schenken.“

Sie hatte ihm natürlich ein falsches Datum genannt, was ihre letzten Tage betraf. Sie musste Zeit gewinnen. Sie musste auf Bernadettes Hilfe warten. Und sie musste sich Bernard weitgehend vom Halse halten, wenn sie aus der Sache heil hervorgehen wollte. ‚Kommt Zeit, kommt Rat’, dachte sie, doch irgendwie erschreckte sie die Ungewissheit ihrer Zukunft. Aus einem Glas Wein wurde ein Zweites und schließlich ein Drittes. Als Bernard nachhause kam, schlief sie tief und fest und er störte ihre Ruhe nicht. Er hatte mit dem Arzt telefoniert. Grimaud hatte ihm bestätigt, dass Gillaine eine junge, gesunde Frau war. Ein bisschen mager vielleicht. Sie sollte mehr essen. Der Appetit würde mit der Schwangerschaft kommen, zeigte sich Grimaud zuversichtlich. In zehn Tagen wäre sie empfängnisbereit, meinte er. Man könne also den ersten Versuch starten....

 

Bernadette brachte Gillaine heimlich die Pille, wie versprochen. Sie hatte große Angst, die ihr anzusehen war. Gillaine hatte sich einen Spielraum ausgerechnet und wusste, ihre fruchtbare Zeit kam frühestens, nachdem sie die Pille lang genug schon eingenommen hatte, um so einer Schwangerschaft vorzubeugen. Es war erniedrigend und gleichzeitig lächerlich, dieses Spiel zu spielen. Doch sie sah keinen anderen Ausweg, wenn sie nicht neuerlich eine nervenaufreibende Konfrontation mit dem Mann, der sie in der Hand hatte, herbeiführen wollte.

Als Lapierre seine Frau drei Nächte  lang hintereinander besuchte, um die Zeit, in der sie empfänglich war, auszunützen, und so seinem Ziel, einen Erben zu zeugen, näher zu kommen, empfand sie weder Gewissensbisse noch Scham wegen ihres Hintergehens. Sie schlug mit den Waffen zurück, den bemessenen, die ihr zur Verfügung standen. Und das waren ohnehin reichlich wenige.

 

                                                        *****

 

Sie hatte André einen Brief geschrieben und ihm alles erklärt. Die Furcht um ihn, ihre Mutlosigkeit und den einfachen Weg, den sie weiterhin beschreiten würde. Sie bat ihn um Verständnis, und wusste doch, er würde nicht verstehen. Sie hoffte auf seine Vernunft und wusste, er würde alles versuchen, um sie zu kontaktieren. Sie legte sich eine andere Telefonnummer zu und als er sie auf der Strasse abpasste und ansprach, ja,  beschwor, ihn nicht zu verlassen, schrie sie ihn an, er solle sich endlich zum Teufel scheren.

So ließ sie ihn stehen und rannte nachhause um sich auszuheulen. Sie hatte weder Freundinnen noch Verwandte. Sie konnte niemandem vertrauen und die freundschaftlichen Gesten ihrer Bekannten nahm sie nur gelassen und fast unnahbar hin, aus Angst, auch sie könnten auf der Lohnliste ihres Mannes stehen.

Nun hatte sie auch André verloren und es war besser, sie trug ihren Kampf gegen Lapierres Imperium still und allein aus. Eigentlich ging es nur um Selbsterhaltung. Weiter wagte sie nicht zu denken. Weiter konnte sie nicht gehen. Wohin auch?

 

Vielleicht sollte sie Bernards Wunsch nochmals überdenken. Ein Kind konnte ihr zumindest die Sicherheit verschaffen, nicht in späteren Jahren, wenn ihre Schönheit, ihre Jugend zu verblassen begannen, in Mittellosigkeit gestürzt zu werden , dann, wenn sie keinen Job mehr finden könnte, dann, wenn sie nicht anders mehr zu leben vermochte als in der Übersättigung ihres derzeitigen Luxus’.

Das waren sicher keine Gedanken für eine junge Frau ihres Alters, doch sie fühlte sich alt und ausgelaugt. Benutzt und wertlos für sich selbst geworden. Ein träges Mobiliar in Lapierres Wertsammlung.

 

Als sie nach zwei Monaten noch immer nicht schwanger wurde, zeigte sich Bernard wieder von seiner besonders ‚charmanten’ Seite. Er beschimpfte Grimaud, er sei ein alter Idiot und schickte sie zu einer Laboruntersuchung. Als man ihre negativen Untersuchungsergebnisse in Händen hielt, die ihre ganz normale Weiblichkeit und dadurch die Wahrscheinlichkeit problemlos schwanger werden zu können bestätigten, warf er ihr die Untersuchungsergebnisse ins Gesicht.

„Verdammt Gillaine! Was ist los? Hast du dir irgendwo ein Zeug verschafft, das verhindert, dass du schwanger wirst, oder was? Biete ich dir nicht genug gegen diesen kleinen Dienst, mir ein Kind dafür zu geben? Worauf willst du hinaus? Sag es mir!“

Sie saß unbeweglich da und spielte mit ihrer Serviette.

„Ist dir noch nie der Gedanke gekommen, dass es möglicherweise an dir liegen könnte?“ fragte sie unschuldsvoll.

„Ich meine, Sterilität ist auch bei Männern möglich!“

„Danke für die Aufklärung“, grinste Lapierre kalt. „Aber ich habe mich lange bevor ich dir meinen Kinderwunsch unterbreitet habe, von meiner Zeugungsfähigkeit überzeugen lassen!“

Sie zuckte die Schulter. „Vielleicht ist es seelisch, ich weiß auch nicht. Bekanntlich klappt es am ehesten, wenn man nicht mehr daran denkt!“

„Das könnte dir so passen, Herzchen“, höhnte er zurück.

„Ich soll dich also in Ruhe lassen und vielleicht kommt dann der Heilige Geist und du erhältst seine unbefleckte Empfängnis! Sag, für wie blöd hältst du mich eigentlich? Niemand kann etwas dafür, dass du ein frigides Weibsstück bist, mein Täubchen! Spiel deine Spielchen nicht länger mit mir, Frau! Es könnte sehr gefährlich werden, wenn du versuchst, mich zu täuschen, merk dir das! Ich wiederhole mich nicht gerne!“

 

Sie erwiderte nichts auf seine Kränkungen und widmete sich ihrem Erdbeersoufflé. Sie wusste, er weidete sich an ihrem Entsetzen, das sich tiefer und tiefer in ihren Magen grub. Ihre Stimme hätte sie verraten können und ihre Gedanken rasten und suchten nach einem Ausweg, einer Lösung. Nichts hätte sie sehnlicher für sich gewollt als ein Kind. Aber nicht mit Bernard an ihrer Seite. Sie ignorierte den kalten Schweiß in ihrem Nacken und tat weiter so, als würde sie ihr Dessert besonders genießen.

„Und vergiss nicht“, rief er ihr zu, als sein Sekretär bereits an der Tür stand, um ihn zu einem Meeting mit japanischen Geschäftsleuten abzuholen.

„Wir sind heute bei der Filmpremiere eingeladen, also putz dich raus.  Wenigstens dafür bist du noch gut. Für andere Zwecke bist du ja anscheinend nicht zu gebrauchen! Der Kulturminister persönlich hat mich um meine Anwesenheit gebeten!“

Als er gegangen war, rief sie nach Bernadette und ließ sich zwei Gläser Gin einschenken. Sie wollte ihren inneren Aufruhr besänftigen. Wie siedendes Öl rann das scharfe Zeug durch ihre Kehle. Danach war ihr wohlig warm und sie fühlte sich bedeutend besser. Ihre Finger zogen die geschwungenen Formen der Rosentapeten nach. Das dunkle Mädchen beobachtete sie dabei.

„Sie sollten sich noch etwas hinlegen, Madame. Die Premiere ist erst um 9.00 h abends. Sie haben noch ein paar Stunden Zeit und ich helfe Ihnen dann beim Fertigmachen! Was wollen Sie heute tragen, Madame? Dann kann ich es rauslegen und eventuell aufbügeln!“

„Ist mir egal“, murmelte sie belegt.

„Suchen sie einfach irgendetwas für mich raus!“ Sie kicherte und stellte sich vor, welches Gesicht ihr Mann schneiden würde, wenn sie mit dem Jogginganzug an seiner Seite auftauchte.

Unter Bernadettes besorgten Blicken, stakste sie zur Treppe, und zog sich mühsam am Treppengeländer hoch. Schließlich verschwand sie, ein Liedchen summend, in ihrem Boudoir.

Bedauernd blickte ihr die Zofe nach und seufzte, während sie damit begann, den Tisch abzuräumen. Gillaine war dabei sich aufzugeben und Bernadette bedauerte den zunehmenden seelischen Verfall der hübschen, aber unglücklichen Frau. Ihr konnte sie nichts vormachen! Sie war schon hier gewesen, als Gillaine noch das frische, lustige Ding aus der Bretagne war, deren helles Lachen wie ein Kirchenglöckchen zu Ostern durchs Haus klang, wenn sie zu Besuch kam. Die letzten paar Jahre hatten sie reifer werden lassen, nachdenklich und lustlos. Apathisch. Sie nahm kaum mehr Anteil an den Dingen, die um sie herum vorgingen. Vielleicht konnte ihr die angekündigte, lang erwartete Filmpremiere heute Nacht etwas die Sorgen vertreiben. Sie, jedenfalls, wäre gerne dabei gewesen, allein schon, um den Hauptdarsteller wenigstens von weitem zu erblicken..... Während sie den Tisch nach und nach abräumte, kreisten ihre romantischen Gedanken um den australischen Schauspieler, der durch zahlreiche, erfolgreiche Filme und sein unglaubliches Talent zum besten Schauspieler dieser Zeit avanciert war. Zumindest stand das für Bernadette fest.

‚Was für ein Mann’, dachte sie naiv und sah vor sich das dunkelblonde, lange Haar des Mannes, sein überaus männliches Gesicht, das meist von einem Stoppelbart geziert wurde und diese meergrünen Augen, die einen schwach und zu allem bereit werden ließen. Gillaine schlief inzwischen wie ein Stein, angezogen auf ihrem aufgeschlagenen Bett und schwebte traumlos durchs Nichts.

4 – Die Premiere

 

Polizeiliche Sicherheitskräfte hatten das Viertel abgeriegelt. Seit es weltweit Terroranschläge gab und diese sich täglich mehrten, war man besonders vorsichtig. Besonders, wenn es um prominente Gäste aus dem Ausland ging. Die Pariser Gesellschaft war fast vollzählig um den Filmpalast versammelt. Die Aristokratie mischte sich mit den populären Musikern und französischen Filmleuten ihrer Zeit. Küsse wurden ausgetauscht, Komplimente gemacht. Und alle harrten der Hauptdarsteller, die sich heute Nacht in Paris einfinden würden.

Gillaine und Bernard unterhielten sich mit dem Kulturminister und seiner Frau. Dieser hatte nicht versäumt, Lapierre die Einladungen persönlich zukommen zu lassen. Gillaines Kopf dröhnte wie eine Basstrommel und diesmal waren ihre Schmerzen nicht vorgetäuscht. Sie hatte zuviel getrunken, und das bereits am frühen Nachmittag. Als sie aufgewacht war, hatte sie etliche Schmerztabletten geschluckt, um den rasenden Druck aus ihrem Kopf zu vertreiben. Doch das Pochen war noch da. Dumpf zwar, aber es erinnerte sie daran, dass sie zuviel trank und es machte ihr nichts aus. Es beruhigte ihren Aufruhr und ihre Nerven.

„...meinen Sie nicht auch, Madame?“

Sie hatte die an sie gestellte Frage des Ministers verpasst und lächelte.

„Gewiss“, erwiderte sie höflich und nur Lapierre erkannte, dass ihre Gedanken nicht bei der Sache waren. Er drückte warnend ihren Arm und sie versuchte sich auf das Gespräch zu konzentrieren.

„Es fehlt uns nur an Budget“, fuhr der Politiker weiter fort. „Unsere Schauspieler sind nicht weniger talentiert als die amerikanischen. Ich würde sagen, sie sind sogar besser. Wer hatte schon einen Jean Gabin oder einen Michel Simon in seinen Reihen? Und dieser Australier, nun, ein Mann ohne Manieren, hab’ ich mir sagen lassen, ein Wilder! Aber die Frauen stehen heutzutage auf so was, nicht wahr, Chérie?“

Seine angesprochene Frau lachte hell und ersparte sich eine Antwort darauf. Gillaine konnte sich lebhaft vorstellen, was sie jetzt dachte.

„Alte Schule ist wohl nicht mehr gefragt“, fuhr der Mann selbstsicher fort und zwinkerte Lapierre zu.

„Sie wollen es auf die harte Tour und Charme ist endgültig aus der Mode gekommen!“ wandte er sich vertraulich an Bernard. Dieser nickte.

„So ist es wohl“, antwortete er und nahm einen Schluck aus seinem Champagnerglas.

‚Als hättest du je Charme besessen, mein armer Liebling’, dachte Gillaine und ihre Augen wurden magnetisch von der Limousine angezogen, die nun vor dem ausgerollten, roten Teppich anhielt. Die Gäste wandten sich fast gleichzeitig um und blickten neugierig auf die, dem Fahrzeug entsteigenden Fremden. Ein breitschultriger, dunkler Mann verließ das Auto als Erster. Er blickte sich um, schätzte die Situation ab und nickte den Wageninsassen zu. Es folgte ein weiterer männlicher Gast. Der Star. Ein kräftiger Mann mit blond meliertem, zu einem Pferdeschwanz gebundenem Haar lächelte in die Runde, und er erwiderte das Beifallsklatschen mit einer grüssenden Handgeste in die Menge. Es war ein Lächeln, das Gillaine tief in der Seele traf. Ganz, als galt es nur ihr, ihrer blassen und traurigen Wenigkeit im verführerischen Kleid der Lüge. Sie vergaß zu atmen und gewahrte, dass er seine Hand einer platinblonden Frau, die ebenfalls strahlend schön den Wagen verließ, reichte. Eine Märchenprinzessin und ihr Prinz. Einer jener keltischen Helden und seine Göttin.

Sie griff an ihre Stirn. Die vielen Tabletten, der Alkohol mussten ihre Sinne verwirren. Wo war sie, was tat sie hier?

Ihr Mann griff grob nach ihrem Arm und hielt sie fest. Sie zwang sich zu einem Lächeln. ‚Na also, geht doch’, schienen seine kalten Augen zu sagen. Die beiden Gäste winkten und Fotoblitze zuckten durch die Nacht. Gillaine konnte hören, wie der Mann angerufen wurde, damit er sich nach allen Seiten drehte und man so die bestmöglichsten Fotoaufnahmen von ihm machen konnte.

„Hi Russell“, hieß es, und „Wellcome Russell, wellcome in Paris!“

Das war also der Hauptdarsteller! Der Wilde, wie der Minister ihn betitelte! Gillaine war dieser Art von Mann noch nie begegnet. Er schien einem Traum entstiegen, einem verbotenen Traum.

 

Sie kannte ihn natürlich aus den Medien, doch er war so lebendig, als würde er der Vertreter der Lebensfreude schlechthin sein. Und sie war seltsam berührt von seinen Augen. Sein Blick streifte sie kurz, er schien zu überlegen, ob er sie kannte. Natürlich war das nicht der Fall. Woher sollte er sie kennen?

„Da ist er also, der Australier“, hörte sie den Kulturminister feststellend sagen. Der abfällige Unterton war ihr nicht entgangen.

„Russell Crowe“. In seiner stark französisch akzentuierten Aussprache klang es mehr wie „Rüssel Crauv“. Gillaine beherrschte, wie nur wenige Franzosen, ein ziemlich gutes Englisch. Sie hatte gehofft, es einmal unterrichten zu können, dazu war es jedoch nie gekommen. Sie verbiss sich ein Lachen, um den hoch gestellten Herrn nicht zu verärgern oder gar bloß zu stellen.

„Nun, dann wollen wir ihn erst mal angemessen begrüßen, unseren Star. Kommen Sie, Monsieur Lapierre, Madame, darf ich bitten?“

 

Sie folgten dem Politikerehepaar, und der Minister ließ sich dem Schauspieler vorstellen, bot ihm galant die Hand zum Gruß dar und das Gesicht der beiden Männer wurde von tausend Fotoblitzen erhellt. Sie konnte die Worte nicht ganz verstehen, die die beiden Männer miteinander austauschten. Höfliche Floskeln wahrscheinlich. Nichts sagend und unaufrichtig. Der Minister schob Bernard nach vor und stellte ihn als großen Kunstgönner vor. Das war natürlich schamlos übertrieben. Wenn er Vernissagen besuchte oder in seiner Loge in der Pariser Oper thronte, machte ihn das noch lange nicht zu einem Kunstgönner.... Illegaler Kunsthandel vielleicht? Gillaine war nicht auf den Kopf gefallen und auch nicht taub...

Doch sie nahm eher an, dass Bernard und der Minister ein paar Geschäfte miteinander abgehandelt hatten.

 

Ihr Blick glitt über die imposante Gestalt des Schauspielers. Sie war wie vom Donner gerührt. Nicht nur durch sein Charisma, das er schamlos versprühte, sondern auch durch die greifbare Stärke, die von ihm auszugehen schien, die Stärke seiner Persönlichkeit, seines Inneren. Sie war erregt und wusste nichts damit anzufangen. Erregung war ihr fremd, sie hielt es für Beeindruckung. Wie kam sie dazu, den Mann nach einigen Minuten bereits so einzuschätzen?

 

Bernard stellte nun auch sie als seine Frau vor und sie machte einen kleinen Schritt vorwärts, ergriff seine dargebotene Hand, und ein ganz besonderes und unbekanntes, wohliges Gefühl überkam sie, während er ihre Hand sekundenlang in der seinen festhielt. Diese große Hand war warm und sicher. Sie spürte, wie es ihr heiß den Rücken hinunter lief und dann wieder hinauf, und wie der ungeahnte körperliche Reflex dann bis zwischen ihre Schulterblätter wanderte und sich dort festsetzte. Sie versteifte sich unwillkürlich ein bisschen. Wer diese Hand schüttelte, der konnte sicher sein, dass der Mann, dem sie gehörte, jedes Versprechen einhielt, das er einmal gegeben hatte. Blödsinn! Wie kam sie auf so etwas? Er war einfach ein attraktiver Mann, der wusste, welche Wirkung er bei Frauen erzielte.

 

Ganz, als hätte er seine Auswirkung auch auf sie bemerkt, grinste er ein wenig schelmisch und sie hatte vergessen seine Hand los zu lassen. Irritiert beobachtete Lapierre, was da vor sich ging. Crowe begrüßte sie mit zwei, drei Worten und diese lösten ihre Erstarrung. Konnte ein Mann überhaupt ein derartig erotisches Grinsen besitzen? Ihre Augen konnten sich kaum aus den seinen lösen, doch der Moment der Magie verschwand so rasch wie er gekommen war. Sie lächelte der Begleiterin des Mannes zu, erwiderte ihren leichten Händedruck und dann folgten sie alle den Ehrengästen in den Filmpalast. Sie ging wie auf Wolken, verhedderte sich sogar in dem roten Teppich und konnte ihr Missgeschick gerade noch im letzten Moment korrigieren. Dabei starrte sie auf den breiten Rücken des Mannes vor ihr. Nicht auszudenken, dass sie ihn beinahe angerempelt hätte...! Sein langes Haar wurde von einer schwarzen Schleife zusammen gehalten. Gab seine Frisur nicht Anstoß zu etlichen zynischen Bemerkungen in den Medien, der Presse? Ihr gefiel sie. Er war so anders als die Männer, denen sie bis jetzt vorgestellt wurde, und schien wahrhaftig aus einer anderen Welt zu kommen. Ihr entgingen die interessierten Blicke der Frauen keineswegs. Wahrscheinlich sah auch sie geradewegs so baff drein, wie all die anderen auch. Auch Männer schienen von seiner Erscheinung angetan zu sein. Sie würde Anatol diesen Abend ausführlich schildern müssen. Aber vielleicht war er ohnehin zugegen und konnte seine schmachtenden Blicke auf den Star werfen. Sie zweifelte daran, dass Russell Anatols Anbetung willkommen wäre! Sie schmunzelte bei diesem Gedanken und vergaß sogar ihre Kopfschmerzen.

„Was belustigt dich, Gillaine?“ wollte Bernard mit einstudiertem Lächeln wissen.

Sie schüttelte nur den Kopf und fühlte sich seit langem wieder heiter und fröhlich. So unsäglich leicht. Ihr Platz war neben der blonden Schauspielerin mit dem beinahe weiß gefärbten Haaren. Sie war ein Verschnitt von Jean Harlow und Jayne Mansfield. Crowe saß zwei Stunden lang keinen Meter von ihr entfernt, und ihre Gefühle wechselten ebenso rasch, wie die Handlung des Filmes und die Emotionen, die dieser bei ihr hervor rief. Es war ein phantastisches Werk. Ein verfilmter Klassiker. Er handelte von Schifffahrt, einem außergewöhnlichen, heroischen Kapitän und seinen Schlachten gegen die „bösen“ Franzosen, - dachte sie ein bisschen schadenfroh. Ein gewisser, zynischer Konkurrenzkampf herrschte auch heute noch zwischen Engländern und Franzosen und Gillaine genoss es, dass der Minister sich dazu nicht äußern konnte, wie er es gerne getan hätte....

Sie waren ein ziemlich selbstzufriedenes Volk, diese Franzosen, auch, wenn sie dazu gehörte. Oder doch nicht? Schließlich war sie Bretonin, und ihrem Aussehen nach zu schließen, floss mehr britisches Blut durch ihre Adern als französisches, soviel stand fest. Sie fühlte sich jedenfalls bedingungslos zu den „guten“ Engländern hingezogen, vor allem zu dem Helden des Films, dem Schiffskapitän Jack Aubrey. Und das war er: ebenso strahlend, mutig, kämpferisch, heiter und sensibel, wie sie ihn auch privat einschätzte. Er saß ja direkt neben ihr!

....Schon wieder diese Vorurteile....

 

Nachdem das Licht anging und der Beifall kein Ende nehmen wollte, sich alle erhoben hatten, und dem Star und den Nebendarstellern zujubelten, wusste sie, dass sie nicht mehr dieselbe war wie zuvor. Etwas hatte sich in ihr gewandelt und sie wusste nicht, was ihre Gemütsbewegungen ausgelöst hatte. Der Mann, der lächelnd die Huldigungen des Publikums entgegennahm, oder der Film, der sie beeindruckt hat wie wohl keiner zuvor? 

Oder doch? Ja, natürlich! Es musste an die drei, vier Jahre zurückliegen und plötzlich wurde ihr bewusst, dass dieser beeindruckende Historienfilm, der damals triumphal um die Welt gegangen war, ebenfalls ihn zum Helden hatte. Wieso kam sie erst jetzt darauf? Er war so eine ganz andere Persönlichkeit in diesem neuen Film und doch der gleiche Mensch. Eindeutig. Seine Rollen waren geprägt von Charakterstärke und echten Gefühlen, von Männlichkeit und einer Faszination, die er auf sein Publikum ausübte, die kaum in Worte zu fassen war. Er erfand sich für jede seiner Rollen aus Neue...

 

Sie wurde unruhig, als sein Blick abermals auf sie fiel, nestelte an ihrer Kette und wandte sich ab. Er sollte ihre Unruhe nicht bemerken. Sie konnte das Knistern, das in der Luft um sie herum lag, laut hören und dachte unwillkürlich, warum die anderen sie darauf hin nicht ansprachen? Waren sie taub? Sie wünschte, ein Glas Gin oder Wodka könnte jetzt ihre Unruhe besänftigen.

Bernard hatte die amerikanische Schauspielerin in ein Gespräch verwickelt. Machte er sich etwa Hoffnungen, sie für sich zu gewinnen?

„Hat es Ihnen gefallen, Mam?“ wollte Russell wissen und neigte sich etwas zu ihr hin. Seine Ausstrahlung war reine Materie, wenn sie jetzt die Hand ausstreckte, konnte sie sie bestimmt greifen, doch sie hielt sich zurück und seufzte nur. „Welche Frage“, erwiderte sie konsterniert. „Ich stehe noch ganz unter diesen, ... diesen Gefühlen, der Handlung und Ihrem großen Talent, Monsieur“, antwortete sie verzaubert und macht erst gar keinen Versuch, diesen meergrünen Augen auszuweichen. Der schön geschwungene Mund des Mannes verzog sich zu einem wissenden Lächeln. „Ich bin Russell, Mam. Einfach Russell!“

“Oh”, erwiderte sie überrascht von seiner greifbaren Natürlichkeit. Ihr Freundeskreis hatte mit Leuten seiner Art nicht viel zu tun....

„Und ich bin Gillaine, einfach Gillaine“, kam es ihr wie von allein über die Lippen und sekundenlang versank die Umwelt um sie herum in schemenhafte Schatten. Das Knistern wurde etwas lauter. Da war nur mehr er, die Augen, seine Lippen, sein Lächeln, sein männliches und doch anrührendes Gesicht.... Stimmen, Klänge, Farben, Blicke...

 

„Gillaine, hörst du mir eigentlich zu, chérie?“ mischte sich die befehlsgewohnte Stimme ihres Mannes dazwischen. Sie schrak auf.

„Ich sagte, du solltest dich besser nachhause fahren lassen. Du weißt, du brauchst Ruhe! Ich hoffe, du wirst nicht krank, meine Liebe!“

Sie sah ich verständnislos an. Wer war er, dass er glaubte zu wissen, was sie brauchte?

Russell rettete die Situation für sie, bevor sie noch klein beigeben konnte.

„Ich glaube nicht, dass Ihre Frau schon gehen möchte. Ich habe sie und natürlich auch Sie, Mister Lapierre, eben zu dieser Filmparty, die der Produzent im Ritz gibt, eingeladen. Gil”, er sprach die Kurzform ihres Namens englisch aus, “ hat bereits zugesagt. Ich hoffe, Sie tun das ebenfalls, mate!“

Sie konnte sich ein Lachen kaum verkneifen. Der Mann war gerissen und Bernard wusste sicher nicht, dass dieses „mate“, die australische Bezeichnung für Kumpel war. Möglicherweise hielt er es für einen Adelstitel....

„Nun, dann“, gab Lapierre widerwillig und in gebrochenem Englisch nach und sie vermied es, ihn anzusehen. Wenn er dachte, sie könnte ihm möglicherweise im Wege bei seinen Flirtversuchen mit der blonden Filmdiva stehen, dann lag er vollkommen falsch. Was interessierte sie schon sein Tun und Handeln? Sie fühlte sich verzaubert, berauscht und sie nahm den dargebotenen Arm des Stars ohne zu Zögern an. Somit konnte sich Bernard um Russells Begleiterin kümmern, die anscheinend auch nicht allzu abgeneigt war, dem vermeintlichen Charme eines echten Franzosen zu erliegen.

Sie schritt nicht an der Seite des Stars nach draußen, nein, sie schwebte, und die aufflammenden Blitzlichter, die sie in der lauen Sommernacht Paris’ erwarteten, erhellten den Anblick der beiden Menschen ebenso, wie seine Anwesenheit heute  Nacht ihr Herz erhellt hatte.

 

Die Nacht im Ritz gab ihr Gelegenheit den Schauspieler auch weiterhin fasziniert zu studieren. Jedes seiner Worte prägte sich in ihr ein, unauslöschlich und für immer. Sie fand in jedem einzelnen eine Weisheit, einen Rat oder einfach  nur die Freude, seine Stimme zu hören. Sie kannte viele Menschen, viele Männer, aber dieser schien einer anderen Welt anzugehören. Woher kam er? Wer war er? Waren alle Australier so locker? Möglich. Aber sicher nicht so Geist versprühend, unterhaltsam, humorvoll und dann gleich wieder ernst und philosophisch veranlagt. Sein Erfolg und seine Beliebtheit waren kein Geheimnis mehr für sie. Sie hatte Bernard vergessen, ihr eintöniges Leben im goldenen Käfig ihres Mannes. Sie tanzte mit ihm, ließ  sich entführen in die Schwindel erregenden Höhen von Illusion und Traum, lachte mit ihm und unterhielt sich über Weltpolitik und Umweltschutz. Wahrscheinlich hatte sie die ganzen letzten fünf Jahre nicht soviel geredet wie in dieser Nacht. Natürlich trank sie auch. Doch nicht so viel wie sonst. Ihre Sucht galt seiner Stimme und seinen Blicken, war berauschender als jeder Drink und verursachte danach keine Kopfschmerzen. Er schien ebenfalls ziemlich trinkfest zu sein. Natürlich, er war auf Empfängen und Festivitäten dieser Art zuhause. Ihr helles Lachen ließ Lapierre mehrere Male ungehalten in ihre Richtung blicken. Die drohende Stirnfalte, die er dabei zog, entlockte ihr nur ein noch befreiteres Lachen. Wie konnte sie sich je vor einem solchen Mann gefürchtet haben, überlegte sie, und verstand die Welt nicht mehr.

 

Glücklicherweise war Bernard mit der Blondine beschäftigt und ließ sie weitgehend in Ruhe. So entschwand sie immer wieder dem Gesichtsfeld ihres Mannes. Russell schien ihre Gesellschaft zu schätzen und als der Morgen graute, wusste er viel über sie, ihre Herkunft, ihr Leben in der Bretagne und ihre Verwandlung in Paris. Dass sie unglücklich war, das verschwieg sie. Wahrscheinlich wollte sie es sich selbst nicht eingestehen. Vielleicht wollte sie es auch nur nicht wahrhaben...

Er hatte ihr von der Farm erzählt, von seiner Musikband, anderen Schauspielern, ihren Macken und den Schattenseiten Hollywoods. Er machte ihr klar, dass er sein geliebtes „Down Under“ für nichts und niemanden verlassen würde.

„Ich danke Gott für mein Land“, sagte er und blickte dabei so ernsthaft drein, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen. Sie wünschte, sein Land zu sein.

„Sie sind eine wunderbare Frau, Gillaine, und ich beneide ihren Mann, dass er einen Schatz wie Sie sein eigen nennen darf!“

‚Ich bin nur sein Gebrauchsgegenstand’, dachte sie bitter. Der von ihm beneidete Mann schickte sich eben an, in ihre Richtung zu starten. Die Blondine hatte ihm anscheinend einen Korb gegeben und seine Miene war finster und drohend nichts Gutes.

„Gillaine!“ rief er grollend.

„Marcel hat den Wagen vorgefahren. Die Party ist zu Ende!”

„Das bedauere ich zutiefst“, erlaubte sich Crowe zu sagen und Lapierre nickte ihm kurz, mit zynisch kaltem Lächeln zu.

„Ich muss Ihnen meine Frau leider entführen, Monsieur. Ich befinde, sie hat genug getrunken. Und ich denke, ich habe sie Ihnen lange genug geliehen für diese Nacht!“

Dem Schauspieler gefiel der Tonfall Lapierres nicht besonders und er straffte sich, wobei er den Geschäftsmann um einen ganzen Kopf überragte.

„Ich respektiere und bewundere ihre Frau, mate! Ich würde sagen, Mann, Sie haben großes Glück, sie an Ihrer Seite zu haben, das sollte Ihnen klar sein!“

Lapierre, der keine Furcht kannte und einen anderen Ton gewohnt war,  kam dem Gesicht des Gegenüberstehenden näher und zischelte anzüglich: „Schon möglich, Buschmann. Da sie jedoch mein Eigentum ist, werde ich sie heute Nacht ficken und nicht Sie, auch wenn Ihnen dieser Wunsch in den Augen geschrieben steht! Pech für Sie, Mann! Sie können sich ja an ihr Blondinchen halten und sich dabei meine Frau vorstellen, wenn das ihre Art von Befriedigung ist! “

Der Fall von ihrer rosaroten Wolke war gewaltig und tief.  Sie vermeinte, in einem Haufen von Abfall und Schmutz zu landen. Sie wurde blass vor Scham und wünschte sich klein, so klein, um im nächsten Mauseloch verschwinden zu können, wenn  es ein solches hier, im Ritz,  gäbe. Er hatte also die Abfuhr der Amerikanerin nicht verwunden, nun brauchte er ein Ventil! Das war natürlich wieder sie, was lag näher?

 

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gesponnen, hatte Russell ihren Mann beim Hemdkragen gepackt. Seine blitzenden Augen bohrten sich in die Lapierres und sein Kinn wurde straff und hart.

„Fucking guy“, zischte er, für die Umstehenden nicht hörbar. Dann verpasste er dem verdutzten Mann, der in seinem bisherigen Leben auf eine derartige Reaktion noch nie gestoßen war, zwei schallende Ohrfeigen ins Gesicht.  Es war weniger die Wucht der Schläge, die Lapierre nach rückwärts taumeln ließ, sondern mehr die Überraschung, die Schmach und das Bewusstsein, dass der Australier ihn vor der Pariser Gesellschaft wie einen kleinen Jungen massgeregelt hatte.  Er prallte gegen einen Barhocker, den er im Fallen mit sich riss. Die kleinen, spitzen Schreie der erschrockenen Damen machten einer plötzlich eintretenden Stille Platz und ein paar hilfreiche Arme brachten Lapierre  wieder auf die Beine. Während man sich um Eis bemühte, um die bereits rot anlaufenden Wangen des Herausforderers damit zu kühlen, wandte Crowe sich an die vor Schreck erstarrte Gillaine: „Es tut mir leid, dass dieser nette Abend so enden musste, Gil! Ich wünsche Ihnen aufrichtig alles Gute! Aber lassen Sie sich das hier“, er deutete verächtlich mit dem Kinn auf ihren Mann, der schwankend und Halt suchend, mit herausquellenden Augen zwischen anderen Gästen stand, „...nie wieder gefallen! Behalten Sie ihre Würde, Mam! Bleiben Sie sich immer selbst treu!“

 

Er ergriff ihre zitternde Hand und hauchte rasch einen Kuss auf ihren Handrücken, bevor er den Raum mit seinen Begleitern, die von den anderen Leuten unbemerkt, den Abend über immer  ein Auge auf ihren Boss hatten,  verließ. Die ihnen nachblickenden Gäste hatten den Eindruck, eine Truppe von abgebrühten Burschen eines Sonderkommandos abziehen zu sehen und keiner von ihnen hatte sich mehr umgesehen. Die Männer  ließen eine sprachlose Schar angetrunkener und verwirrter Gäste zurück und dies war nun doch das offizielle Zeichen der Beendigung dieser Party. Die begehrlich faszinierten Blicke der feinen Damen, die der Gruppe, und insbesondere Russell gefolgt waren, bemerkten die am Boden zerstörte junge Frau mit den ungebändigten rotblonden Locken nicht. Sie hatten keine Augen für die Lapierres und starrten immer noch auf die bereits geschlossene, prunkvolle Flügeltür des Salons. Gillaine ahnte die Folgen dieses Vorfalls, sie versuchte Kraft und Ruhe zu sammeln, die sie in den nächsten Stunden sicher brauchen würde und starrte auf ihren Handrücken, auf dem sein Kuss noch immer brannte.

Und sie hatte nicht einmal Zeit gehabt, sich zu verabschieden. Bernards glasige Augen stierten sie an und er sandte wütende Blicke in ihre Richtung. Er machte sie zweifellos verantwortlich für diesen Vorfall. Mit einer gewissen Genugtuung bemerkte sie die kleine Platzwunde über dem linken Wangenknochen, aus der eine schmale Blutspur sickerte.  Auch das Jochbein schien einiges abbekommen zu haben und begann anzuschwellen. Dann gewann seine glatte Fassade wieder die Oberhand über seine Wut und er stürzte den Inhalt eines randvoll gefüllten Glases, das man ihm anbot, mit einem Zug in seine Kehle.  Stimmengeraune macht sich bemerkbar, schwoll an zu einem entrüsteten Protest. Die Leute hatten beinahe zu atmen vergessen, mancher vergönnte Lapierre diesen kleinen Tiefschlag, und die meisten der ausländischen Filmleute, wie auch die blonde Schauspielerin, hatten den Raum inzwischen wortlos, in stummen Einverständnis mit ihrem Hauptstar, verlassen.

Man war wieder unter sich. Sie hörte Wortfetzen und Aussprüche wie „Flegel“, „ungehobelter Wilder“ und einiges mehr in dieser Richtung. Es waren männliche Stimmen... Niemand wusste wirklich, was der Auslöser der unangenehmen Szene gewesen war, aber schließlich bildete sich eine geschlossene Front mit ausgeprägtem „Nationalstolz“ gegen den Mann vom Ende der Welt und seinesgleichen. Ausländerfeindlichkeit machte sich spürbar breit.

 

„Ich bitte Sie, Messieurs, Mesdames“, beschwichtigte Lapierre das Stimmengewirr. „Lassen Sie sich nicht von einem banalen Missverständnis die Laune verderben! Ab diesem Zeitpunkt sind sie meine Gäste. Ich bitte, den Vorfall zu entschuldigen!“

Man nickte, einige klatschten und Gillaine fragte sich, was in den Schafsköpfen dieser Menge vorgehen mochte. Niemand schien daran interessiert zu sein, wirklich erfahren zu wollen, warum und wodurch der Tumult entstanden war.

 

Sie verließen das Ritz und Marcel fuhr sie wortlos nachhause. Lapierre war von einem dahergelaufenen Fremden, auch wenn er tausendmal ein bekannter Star war, erniedrigt worden, und er würde ihn verklagen. Natürlich wusste er, dass dem millionenschweren Mann dies keineswegs etwas ausmachte. Möglicherweise erfuhr er nicht einmal davon, und wenn, dann aus der Presse. Dieser Gedanke schmerzte ihn weitaus mehr, als der effektive Schlag ins Gesicht. Es kam selten vor, dass er einem mächtigeren Gegner als er selbst war, gegenüber stand. Aber zwischen Frankreich und Australien lagen Welten, Meere, und so weit reichten nicht einmal Lapierres Beziehungen. Eine Tatsache, die er sich nur äußerst ungern eingestand.

Und sie, sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie war ernüchtert, verletzt und maßlos traurig. Sie vermeinte, an ihrer Ernüchterung ersticken zu müssen. Nicht einmal das Glück einer einzigen, harmlosen Nacht war ihr vergönnt gewesen...

 

Im Appartement angekommen, spülte er seinen Ärger mit einem großen Glas Whiskey hinunter und vergriff sich an ihr, während sie dabei war zu duschen. Zum ersten Male in ihrem Leben wehrte sie sich gegen ihn, nahm nicht stumm hin, dass er sie ein weiteres Mal wie einen Gegenstand, der sein eigen war, benutzte. Die Gewissheit, dass er heute nur darauf aus war, sie zu erniedrigen, seine niederträchtige Wut an ihr auszulassen und sie für seine eigene Niederlage zu strafen, ließ kalten Zorn in ihr hoch kriechen, der ihre Angst bei weitem übertraf.

Doch er war kräftig genug, sie daran zu hindern, aus dem Badezimmer zu flüchten. Erst versuchte sie ihm zu entkommen, dann beschimpfte sie ihn schwach und er ohrfeigte sie. Er hielt sie fest, drückte sie an die venezianische Kachelwand und vergewaltigte sie wortlos und brutal unter den mitleidigen Blicken der künstlerisch perfekt dargestellten römischen Kurtisanen, die auf den Keramikfliesen dargestellt waren. Sie presste die Zähne zusammen und hielt trotzig ihre Tränen zurück. Diesen weiteren Triumph, sie weinen zu sehen, den gönnte sie ihm nicht auch noch!

„Behalten Sie ihre Würde“, hämmerten Russells Worte in ihrem Kopf.

Bei jedem seiner erbarmungslosen Stöße in ihren gequälten Leib, schrie es in ihr ‚Würde, Würde, Würde...’

Als Bernard endlich fertig war sie zu demütigen, wurde ihr bewusst, dass aus ihrer früheren Gleichgültigkeit purer Hass geworden war. Wenn sie ihn nicht verließ, würde sie kaputt gehen und das sehr bald!

Als er gegangen war, ließ sie heißes Wasser in die Wanne laufen und blieb darin liegen, bis sie vor Kälte zu zittern begann und die Sonne bereits hoch am Himmel stand.

 

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