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Erster Teil
„Get back where you came from, cop! And take your bitch with you!” Der schmierige Zettel, der diese Worte aufweist, wird in seiner Faust zerknüllt. Einer Faust, die vor Wut und Zorn zittert, aber auch vor Zweifel und Zwiespalt. Es war die dritte Nachricht dieser Art, die er auf unkonventionelle Art erhalten hatte. Die erste, die Lynn „nur“ als Hure betitelte, kam direkt durch die Scheibe seines Schlafzimmers mittels eines Steines, um die sie befestigt war, gekracht. Er hatte ihr nichts davon erzählt und das Fenster eigenhändig neu verglast, bevor sie ihren kleinen Laden in der Mainstreet abschloss und nach hause kam. Die zweite Botschaft hatte man hinter den Scheibenwischer seines Wagens geklemmt, wie auch diese. Sie betitelte ihn als einen Bastard von Cop. Einfach und klar. Das war nicht weiter schlimm und er war daran gewöhnt, unbeliebt zu sein und beschimpft zu werden. Doch das wirklich Schlimme an alledem ist, dass er sich nicht erklären kann, warum und wie er sich die Verachtung oder gar den Hass irgendeines Einwohners dieser, ach, so friedlichen Kleinstadt, die Lynn Heimat nannte, zugezogen hatte. Seit sie nach Bisbee gekommen waren und Lynn ihr kleines Modegeschäft betrieb, hatte er sich im Hintergrund gehalten. Er fiel nicht auf, besuchte auch nicht eine der zahlreichen Kneipen dieses Kaffs, das immer noch ein Camp, wenn auch dem Untergang geweiht, weil Minen und Claims ausgebeutet waren, für Kupfergräber gewesen ist. Er zeigte sich in der Stadt nur, wenn er etwas zu erledigen oder zu besorgen hatte. Lynn bestand darauf, sonntags in die Kirche zu gehen, er lehnte es strikt ab, sie zu begleiten. Es war lächerlich, diese zur Schaustellung, diese Blicke, die ihnen galten, als seien sie irgendwelche Freaks einer Wandershow, die zufällig durch diese Ansiedlung zogen, um die einfachen Leute und Farmer ein wenig zu belustigen oder zu beeindrucken. Er konnte sich nicht erklären, warum Lynn dieses Spiel so verbissen weiter spielte. Heile Welt, lächerlich! Was versprach sie sich davon? Anerkennung, Verzeihen für ihr Fortgehen vor vielen Jahren, Bewunderung? Er wusste es nicht und wenn er sie danach fragte, so wusste sie keine Antwort zu geben. Ihre Lippen wurden dann von diesem wehmütigen Lächeln umspielt, das er liebte und fürchtete zugleich. „Ich will einfach nur so sein wie sie!“ sagte sie dann kindlich naiv. „Eine einfache Frau, die ein normales Leben führt. Dazugehören. Weiter nichts!“ Er ersparte sich und ihr, sie davon zu überzeugen, dass diese Masche nie klappen würde. Sie war nicht wie sie! Sie war nicht einfach! Und sie war so außergewöhnlich und schön, dass sie nur den Neid dieser Frauen und eventuell das heiße Begehren ihrer Männer auf sich ziehen konnte. Auch wenn sie in dieser, für ihn trostlosen Gegend geboren wurde, es war nicht ihre Welt! Schon lange nicht mehr. Danach schloss er sie in die Arme und streichelte ihren Rücken, bis sie schwach wurde und sie in inniger Umarmung ihren Gefühlen nachgaben, ihrer unerschöpflichen Gier nach dem anderen frönten, bis er sich jedes Mal danach fragte, wie er nur so lange ohne sie hatte leben können. Er hatte sie in seinem Blut, durch und durch. Lynns Elternhaus, diese heruntergekommene Farm, eher ein einfaches Holzhaus ohne jeden Charmes oder Stils, etwas außerhalb der Stadt, hatte es bitter nötig, dass man es einigermaßen wohnlich gestaltete und dafür sorgte, dass die modrigen Holzwände nicht eines nachts auf ihre Bewohner vernichtend herunterstürzten. Feindselig schien ihm das Haus, ebenso wie die übrigen Menschen, die hier ihr karges Dasein fristeten. Aber es war genau das, was Bud brauchte. Viel Arbeit und wenig Zeit zum Nachdenken. Er schuftete wie ein Berserker, konzentriert auf das, was er gerade tat und sperrte Zweifel und Erinnerungen aus seinem Kopf, so gut es eben ging. Er hatte genug von Menschen und Freunden. ‚Freunde’, ein anderes Wort für korrupte Nutznießer und hinterfotzige Speichellecker. Danke! Er hatte den Hals, im wahrsten Sinne des Wortes, für diese Sorte von verdammten Kerlen oft genug hingehalten. Vertrauen war zu einem Wort für ihn geworden, dessen Sinn er nicht mehr deuten konnte. Banal, abgedroschen. Seine Welt bestand nunmehr aus Lynn und diesem verdammten Kaff, das er am Liebsten in die Luft gejagt hätte. Es wäre kein großer Verlust für dieses Land … Und deshalb vermeidet er jeden Kontakt zu den Leuten, braven Bürgern, heimlichen Frauenmisshandlern und Kinderschändern. Er konnte keinen Unterschied mehr machen und vermutete hinter jeder noch so freundlichen Fassade die Fratze eines perversen Tierschinders oder Sexrohlings. Die Großstadt mit all ihren Auswüchsen, Tiefen und Sündenpfuhlen hatte ihre Geheimnisse weniger preisgegeben als dieses ruhige Örtchen von Anstand und Friedlichkeit. Dort, wo man Eintracht und Liebe vermutete, herrschte meist die tiefste Verkommenheit, die man sich nur vorstellen konnte. Er sucht vergeblich, den sumpfigen Schmutz menschlicher Niedertracht weit von sich zu schieben, vergeblich, Lynns Vergangenheit auszusperren. Sie holte ihn sogar hier ein, hunderte von Kilometern des Ortes entfernt, an dem sie sich verkaufte und ihren Körper dem Meistbietenden öffnete. Entweder war es nur allgemeine Feindseligkeit allen Fremden gegenüber, oder aber, jemand wusste etwas über sie beide, vor allem über Lynn, das ihn dazu veranlasste, diese wenig schmeichelhaften und ermutigenden Botschaften an ihn zu richten. Er trinkt zuviel und das weiß er. Mehr als je zuvor. Aber die Tage sind lang, die Nächte noch länger als je zuvor. Er fühlt sich trotz der Reparaturarbeiten ausgehöhlt und nicht ausgelastet. Sein Job fehlt ihm. Sein Job fehlt ihm. Sein Job fehlt ihm…. Er stapft zurück zum Haus und beschließt, rasch ein Glas Gin zu trinken, bevor er sich auf den Weg in die Stadt macht, um im Eisenwarenladen ein weiteres Pfund Nägel zu kaufen. Während er den Drink in seine Kehle stürzt, schweifen seine hellen Augen mit geübtem Blick aus den Fenstern des Salons in die Ferne. Das Land ringsum war sicher ansprechend für jemanden, der es liebte in Sand und Staub zu hausen und sich mit der Vegetation von Dornengestrüpp und scharfem, trockenem Weidegras zwischen felsigen, unwirtlichen Hügeln zufrieden zu geben. Er zählte jedenfalls nicht zu diesen Narren! Auch wenn Lynn nicht darüber sprach, er wusste, dass sie den ganzen lieben Tag lang allein in ihrem Salon hockte und vergeblich auf Kundschaft wartete. Natürlich waren sie anfangs alle erschienen, die anständigen Frauen dieser Stadt. Freundlich und vor allem neugierig. Ließen sich erzählen von der Stadt der Engel, den Partys der Reichen und Schönen, und Lynn, seine unvergleichliche Lynn hatte sich geschmeichelt gefühlt und irgendwie anerkannt. Dann wurden es immer weniger, die ihren Laden betraten, und schließlich blieb die Kundschaft ganz aus. Was sollten die guten Weiber auch mit dem Firlefanz aus Los Angeles anfangen? Hühner füttern in hochhakigen Schuhen feinsten Leders? Kühe melken im geblumten Chiffonkleid eines Designers, oder Eier mit Speck braten, angetan mit Netzhandschuhen und einem der ausgefallenen Hüte, die Lynn zu verkaufen hatte, und der sogar die englische Königsmutter zum Erblassen gebracht hätte? Er konnte nur hilflos zusehen, wie Lynn ihre Ersparnisse, die, die sie durch harte Körperarbeit, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn auch in horizontaler Lage, zusammen gespart hatte, langsam aber sicher an Ladenmiete, Fixkosten und Wareneinkauf davon fließen sah. Sie hatte es sich in den Kopf gesetzt hier zu bleiben, und der Teufel allein wusste warum. Wahrscheinlich auch, weil sie sich immer noch schuldig am frühzeitigen Tod ihrer Mutter fühlte, die sich, laut Aussagen „guter“ Nachbarn, zu Tode grämte, Jahre nach Lynn Fortgehen. Was sollte das jetzt noch? Geschehen war geschehen, und außerdem bezweifelte er sehr, dass die Frau, die an Krebs gestorben war, sich wirklich so sehr gegrämt hatte. Vielmehr war sie stolz gewesen auf die Tochter, die sich entschlossen den Hühnerdreck von den Sohlen gekratzt hatte und zum gefragten Starmodell aufstieg, wie die gute Frau annehmen musste. Modell, Filmstar, Nobelhure. Wo lag schon der Unterschied? Für die Leute hier, gab es den wahrscheinlich gar nicht. Und, ganz ehrlich, unter uns, gibt es ihn denn überhaupt? Er hatte Lynn nichts vorzuwerfen, rein gar nichts! Bud beschließt, ein zweites Glas zu trinken. Er wollte dafür abends spartanisch mit der angebrochenen Flasche umgehen. Seiner Leber zuliebe. Ach, scheiß auf die Leber! Einen Vater hatte es in dieser Hütte anscheinend nie gegeben und er hütete sich davor, Lynn danach zu fragen. Besser keinen Vater, als einen, so wie er ihn gehabt hatte! Er spürte, dass es etwas gab, an dem man bei Lynn besser nicht anrührte. Ja, er war ein verdammter Cop gewesen, brutal, käuflich, verblendet und saublöd. Und doch hat er in sich eine gewisse Delikatesse bewahrt, die aus Mitgefühl und Feinsinnigkeit bestand. Vor allem, wenn es um Lynn ging, oder Frauen im Allgemeinen. Wenn er an Gott glauben würde, müsste er ihm tagtäglich dafür danken, dass er nicht die brutale Ader seines Vater geerbt hatte. Wenn er zuschlug, und wahrlich, darin war er ein Meister seiner Kunst gewesen, dann nur im Dienste des Gesetzes, für Recht und Ordnung. Und manchmal schaffte er es sogar, an dieser Lüge festzuhalten… Mit Nachdruck stellt er sein Glas auf den Tisch und lässt anschließend das zerknüllte Papier, das er immer noch in der einen Faust hält, durch die Klospülung für immer verschwinden. Danach nimmt er seinen Rock von der Vorzimmerablage und wirft sich selbst einen abschätzenden Blick in dem halbblinden Spiegel der Garderobe zu. Seine hellgrünen Augen lassen sein Spiegelbild erblicken, einen breitschultrigen Mann mit wohlgeformten Kopf, kurz geschorenem brünettem Haar und einer roten Narbe auf der rechten Wangenhälfte, ein Erinnerungsstück an die letzte Kugel, die ihn traf. Nicht eben einer der Schönlinge Hollywoods. Ein Bulle, der nie etwas anderes versucht hatte, als loyal zu bleiben, vor allem seinen Vorgesetzten gegenüber, seinen Kollegen, die ihn letztendlich für blöd verkauft und ausgenützt hatten, bevor sie ihm das Leder gerben wollten, weil sie erkennen mussten, dass der gute Bud White doch nicht ganz so naiv war, wie sie gehofft hatten. Dass er nicht ganz so der komplette Idiot mit viel Muskelkraft und wenig Spatzenhirn war, wie sie anzunehmen pflegten. Sein Leben lang hatte er sich in den Menschen, die seinen Lebensweg kreuzten, geirrt. Oder, fast so gut wie immer! Nur in Lynn nicht! Nicht in ihr! Ein Stier von einem Mann, mit einem Gesicht, dessen Ausdruck eher verletzlich wirkt und nicht die Brutalität eines Schlägercops, der er gewesen war, widerspiegelt. Er grinst sich selbst höhnisch zu, und tippt grüssend an die Stirn, bevor er sich der Ausgangstür zuwendet. Der Drink hat ihm gut getan, seine Bedenken sind eingeschlummert wie kleine, sonst immer lebhafte, lästige Hundewelpen. Trotz seines stattlichen Körperbaus lässt er sich behände hinter das Steuer gleiten und startet den schweren Wagen, um der nahe gelegenen Stadt zuzustreben, als wäre der Teufel selbst hinter ihm her. ***** Lynn steht zum zwanzigsten Male an diesem Morgen vor dem Spiegel, in dem sich eigentlich die Kundinnen in den Kleidern ihrer Träume bewundern sollten und fährt durch ihr schulterlanges Haar, blondes Haar. Unglaublich schnell ist es nachgewachsen in den wenigen Monaten, die sie bereits in der Stadt waren. Sie überlegt, ob sie es schneiden lassen sollte, doch verwirft den Gedanken rasch wieder. Zum einen, weil sie der einzigen Friseurin, die außer der einfachen und überbetonten Dauerwelle kaum etwas anderes zu Wege brachte, nicht traute, und zum anderen, weil sie weiß, dass Bud ihr langes Haar so schätzt. Alles was sie will ist, ihm zu gefallen, seine Bewunderung in seinen herrlichen Augen zu lesen, sein Begehren zu spüren, elektrisierend, wenn er sie einen Moment länger betrachtet, als für gewöhnlich. Die Angst, dass all das eines Tages schlagartig vorbei sein könnte, schmerzt sie manchmal physisch so sehr, dass sie Bauchkrämpfe bekommt und ihr schlecht vor Besorgnis wird. Es hatte wenig Sinn sich einzureden, dass diese Gedankengänge töricht waren und sie neurotische Anwandlungen hatte. Die Angst war da, die Furcht vor einer Zukunft ohne ihn, einer Leere, die sie nie wieder mit einem anderen Mann ausfüllen würde können… Ihre zarten, gepflegten Hände streichen die Falten ihres schwingenden Rocks glatt und nesteln an dem Spitzenkragen ihrer Bluse. Durch den Spiegel kann sie erkennen, dass Bud in der Hauptstrasse geparkt hatte, und aus dem Wagen steigt, um auf den Eingang des Eisenwarenhandels zuzugehen. Sie wendet sich um und blickt sehnsüchtig aus der verglasten Eingangstür auf die Mainstreet. Natürlich kann sie nicht verhindern, dass ihr Herz mächtig anfängt verrückt zu spielen, so, als hätte sie ihn nicht erst heute früh verlassen, sondern schon vor ewigen Zeiten! Und sie ist nicht einmal sicher, ob es ein Gottesgeschenk war, ihn sosehr zu lieben! Es macht sie krank, es macht sie schwach und sie fühlt erneut die Verzweiflung aufsteigen, die sie jedes Mal dann packt, wenn sie daran denkt, dass sie Bud in diese Kleinstadt Arizonas verschleppt hatte, weil sie glaubte, hier wäre er sicher und würde zur Ruhe kommen. Hier würde er vergessen was war, auch alles das, was sie betraf, ihren Lebenswandel, ihren Verrat, auf den sie sich auch nur zu seinem Schutze eingelassen hatte. Wie konnte er auch nur in Erwägung ziehen, dass sie je etwas gefühlt hatte, in den Armen all dieser Männer, denen sie eben das vorgegaukelt hatte, das sie nur bei Bud fand, durch seine Zärtlichkeit, seine Liebe? Erfüllung, Lust, Leben…. Zumindest konnte er sich ihrer hier, in diesem ödesten Landstrich der Staaten, ganz sicher sein! Oft schon hatte sie sich gefragt, ob es nicht besser gewesen wäre, ganz weit weg zu gehen, dorthin, wo niemand sie kannte und auch niemand Vermutungen anstellen würde. Boston, New York oder noch weiter weg! Sie kamen gut über die Runden mit der kleinen Rente, die Bud bekam, und ihren Ersparnissen, die mit der Zeit zusammen schrumpften wie ein zu heiß gewaschenes Baumwollkleid. Sie lebten einfach, so einfach, dass es sie schon lächerlich anmutete. Und ihren Plan, den Mädchen und Frauen ihrer Heimatstadt ein wenig modische Einfühlsamkeit beizubringen, hatte sie auch über lang oder kurz verwerfen müssen. Sie gehörte nicht mehr zu ihnen, hatte nie wirklich dazu gehört, wie sie schmerzlich erkennen musste. Waren die Frauen erst einmal verheiratet und in festen Händen, so hatten sie es nicht mehr nötig, sich besonders heraus zu putzen. Die Mühe machten sie sich nicht. Die Sicherheit einer Ehe wog alles andere auf. Auch die ehelichen Pflichten, denen man sich gottergeben mehr oder weniger erfreut hinzugeben hatte. Kokett war man nur, wenn man es noch nicht geschafft hatte, den Versorger und Vater zukünftiger Kinder zu finden. Und selbst dann… Die Dinge, die Lynn in ihrer hübschen Boutique anbot, waren nicht wirklich nach dem Geschmack der Männer, zumindest nicht dann, wenn es zukünftige Ehefrauen anprobieren sollten. Dafür gab es andere, jene, die man um Dinge bat, um die man die eigene Verlobte oder Ehefrau nie zu bitten wagte…. Und diejenigen, die wirklich etwas auf sich hielten und sich ernsthafte Sorgen um ihre Zukunft machten, gingen in jungen Jahren von dannen, so wie sie selbst, den Kopf voller Pläne, das Herz voller Hoffnung. Man munkelte über sie hinter vorgehaltener Hand. Es war ihr nicht entgangen. Mafiagespielin, gesucht von der Staatspolizei, untergetauchte Betrügerin, vielleicht sogar Mörderin…. Die Phantasie der Landbevölkerung kannte keine Grenzen… Sie lächelt wehmütig und wartet angespannt darauf, dass Bud wieder den Laden gegenüber verlässt, was er auch tut, einen Papiersack unter dem linken Arm geklemmt, den er auf dem Beifahrersitz seines Wagens verstaut, bevor er über die Strasse kommt, um ihr Geschäft zu betreten. Die Klingel der Eingangstür ertönt schrill und überaus unmelodiös, als er den Laden betritt. Sie lächelt ihm zu, als würde er ihr zum allerersten Male gegenüber stehen. Dann greift ihre Hand zur Jalousienkordel und sie sperrt das Straßengeschehen vor der Tür aus, übermannt von der Sehnsucht nach ihm. Eine kleine Drehung ihrer Hand und der versperrende Schlüssel macht ihre Intimität perfekt. „Du wirst Deine Kundschaft verlieren, wenn Du das tust!“ Er ist darauf bedacht, keinerlei Spott in seine Worte zu legen und das gelingt ihm auch. Sie spürt, dass er längst nicht an die Warteschlange ungeduldiger Frauen, die ihr Geschäft stürmen will, glaubt. „Heute ist nicht viel los“, murmelt sie mit ihrer rauchigen, verführerischen Stimme und legt ihre Hand auf seine Brust. „Dann solltest Du den Laden einfach abschließen und mit nach hause kommen“, rät er und weiß doch, dass sie sich diese Niederlage nie und nimmer eingestand. Sie schüttelt leicht den Kopf und küsst sein Kinn mit dem Grübchen, das ihr gleich nach seinen ausdrucksvollen Augen aufgefallen war, damals… Er seufzt und legt seine Hände auf ihre Hüften. „Es ist zu früh“, murmelt sie wenig überzeugend. „Aber wo Du schon einmal hier bist, kann ich nicht bis heute Abend warten, Darling“. Ihre Stimme vibriert leicht und er lässt es geschehen, dass sie bedächtig einen Knopf nach dem anderen seines gestärkten Hemds aufknöpft. Er atmet schwer, als er ihre vollen Lippen auf seiner erhitzten Brust spürt, die leichten, zarten Berührungen ihrer lockenden Zunge an seinen Brustwarzen, und als unbezähmbare Lust in seine Lenden schießt und nach ihr verlangt, drängt er sie in den hinteren, dunkleren Teil des Geschäfts, dort, wo zwei Ankleidekabinen vergeblich auf den Besuch der hier ansässigen Frauen warten. Als sie in einer davon, schwer atmend und im Dunklen, hinter dem diskreten, rot gemusterten Vorhang stehen, macht sie sich mit geübten Händen an dem Ledergurt seiner Hose zu schaffen und befreit seine konzentrierte Lust durch das Öffnen der Beinkleidung, die seine Erregung beengt hatte. Seine Hände gleiten währenddessen unter ihre Bluse und entdecken erneut und beglückt ihre knospenden Brüste, ihre samtig weiche Haut und die perfekten Rundungen ihrer Schultern. Im Nu hat sie die perlmuttfarbenen Knöpfe für ihn geöffnet und überlässt sich seiner ungezügelten Zärtlichkeit, dem Streicheln und Kosen seiner Finger. Der Austausch ihrer erregten Intimität, nur wenige Schritte von der Öffentlichkeit Bisbees entfernt, dem geschäftigen Straßentreiben, erregt sie mehr, als sie sich einzugestehen wagt. ‚Wenn die schrecklichen Spießer dort draußen auch nur die geringste Ahnung davon hätten, was hier gleich passieren wird…’, denkt sie genüsslich und nicht ohne Schadenfreude. Bud schiebt ihren weiten, bauschigen Rock bis zu ihrer Taille hoch, und seine Finger gleiten unter den Saum ihres zarten Höschens, um ihre aufkeimende Ekstase anzufachen und sie bereit zu machen, zu dem, das nicht nur sie gewünscht hatte, sondern er in dem Moment schon plante, als er seine Hand auf die Klinke des verdammten Ladens verbotener Träume gelegt hatte. Das zarte Ding aus rotem Satin gleitet über ihre Hüften und Beine zu Boden, und sie wölbt sich ihm verlangend entgegen, getrieben von unsagbarer Lust und Wonne. Seine Hände fühlen die Spitzen ihres Strumpfhalters, die seidigen Strümpfe, und das weiche Dreieck ihres Verlangens, dem er nicht länger widerstehen kann! Mühelos hebt er sie empor und sie schlingt ihre langen, wohlgeformten Beine um seine Hüften, empfängt ihn mit leisem Stöhnen, den Rücken an die kühle Spiegelwand der Kabine gepresst, während ihre Hände seinen starken Nacken umfassen und sie sein Gesicht an ihre Kehle presst, ihren Hals, ihre heißen Wangen, die sich an die seinen schmiegen. Während er sie unablässig und hart einem explosivartigem Höhepunkt entgegen treibt, hält er seine schmerzhafte Lust solange zurück, bis ihr Stöhnen, ihr Zucken und ihr Stammeln von Liebesworte ihm zeigt, dass sie seinen lustvollen Handlungen hilflos erlegen ist. Erst jetzt lässt er sich von seiner eigenen Befreiung übermannen und birgt stöhnend sein Gesicht zwischen ihren feuchten Brüsten, während ihre Hände sich in seine Schultern krallen und der Schmerz ihrer scharfen Nägel sein Wonnegefühl ins Unermessliche steigert. Als er sie endlich atemlos zurück auf den Boden gleiten lässt, zittern ihre Beine, und ihre Stimme nicht weniger, und sie will sich nach ihrem Höschen bücken, doch er kommt ihr zuvor, hebt es an seine Lippen, vergräbt sein Gesicht in dem Dufte ihres Körpers, der davon ausgeht, bevor er es ihr zurück gibt. Er küsst sie zärtlich und bedächtig, ohne dabei ihren Blick los zu lassen. „Lass uns heimfahren“, murmelt er bittend und er ringelt dabei eine ihrer Locken um seinen Zeigefinger. In der Dämmerung des verborgenen Ortes kann er nicht sehen, dass ihre Augen traurig glänzen, als sie erwidert: „Nein, Bud! Ich komme heim, wenn ich den Laden hier abschließe, wie immer, gegen sechs! Ich laufe nicht davon. Diese Freude mache ich hier keinem!“ Er nickt unmerklich und gibt sie nur ungern frei. Bud tritt in den Laden und lässt sie zurück, damit sie sich frisch machen kann. Der Augenblick der Verzauberung ist von ihnen gewichen. Zurück bleibt Ernüchterung und Feindseligkeit dort draußen, die erst vor den Mauern ihrer Boutique halt macht. Er lässt sie nur ungern allein zurück. Wie lange wollte sie diese Farce einer heilen Welt noch weiterspielen? Als er sie verlässt und in seinen Wagen steigt, hat er sich noch nie zuvor so fremd und unbeliebt in dieser Stadt der friedvollen Harmonie gefühlt wie gerade in diesem Augenblick. Die Stunden am Nachmittag schleichen dahin und er kann sie nur ertragen, indem er sich erneut an die Arbeit macht und den morschen Dachboden in Angriff nimmt. Der Staub und Schmutz, der ihn dort oben erwartet, übertrifft alle seine schlimmsten Befürchtungen. Erst klemmt die Luke des Aufstiegs, und als er sie endlich und mit Gewalt geöffnet hat, erliegt er einem leichten, aber äußerst unangenehmen Hustenanfall, als er den modrig-staubigen Geruch vergangener Jahre widerwillig einatmen muss. Als er auf dem brüchigen Bretterboden des Obergeschosses steht, gebückt, weil der Dachfirst nur knapp eine Manneshöhe hoch ist, gewöhnen sich seine Augen langsam an das schummrige Licht dieses Ortes, den anscheinend kein Mensch mehr seit Jahrzehnten oder noch länger betreten hatte. Die Holzlatten unter seinen Füssen knirschen verdächtig und er erwartet, jeden Moment einfach durch die Decke zu knallen und sich womöglich den Hals dabei zu brechen. Aber eben wegen dieser Morschheit hat es ihn hier herauf gezogen, über die knarrende Treppe, durch die klemmende Luke und nun fragt er sich ernsthaft, ob es eine gute Idee war, es zu tun. Wie durch ein Wunder findet er einen alten, staubigen Lichtschalter und das klägliche Licht einer schwachen Glühbirne, die nach einigem widerwilligen Flackern erst richtig zu funktionieren scheint, lässt ihn genauer erkennen, wie es in dem Raum, der mit Kartons, Spinnwebenverzierten Plastiksäcken und staubigen Truhen, aussieht. Jedenfalls nicht sehr einladend, stellt er fest. Was ihn interessiert, ist der knarrende Holzboden. Er hat sich vorgenommen, die morschen Bretter auszutauschen, eines nach dem anderen. Dazu aber musste er sich erst einmal weitgehend von dem Gerümpel hier oben befreien. Er hatte ja kaum Platz sich umzudrehen! Er hasste diese Manie von Leuten, die Dinge aufzuheben pflegten, die sie ganz sicher nie mehr in ihrem Leben verwenden würden. Wozu diese Sentimentalität, die er als ziemlich irrationell betrachtet? Man hatte genug damit zu tun unliebsame Gefühle wie Hass und Enttäuschung mit sich herumzuschleppen, die einem das Leben schwer machten, böse Erinnerungen, die einem an den Beinen klebten wie nasse Zementsäcke, also wozu auch noch diesen materiellen Abfall wie heilige Reliquien aufbewahren? Bud hatte sich die Hemdsärmel hochgekrempelt und beginnt damit, einen Karton nach dem anderen zu begutachten. Er stößt auf alte Zeitschriften, dreißig Jahre alt und noch älter, auf Kleidungsstücke, die nach Kampfer und Mottenpulver riechen, Schuhwerk, Hüte, aber nirgends findet er auch nur das Anzeichen, dass in diesem Hause je ein Mann gelebt hätte. Frauenkleider, Frauenmäntel, zu schäbig, um noch getragen zu werden, zu gut, um den ehemaligen Besitzer dazu zu veranlassen, sie einfach weg zu werfen. Gerümpel, Haushaltsgeräte einer längst vergangenen Zeit, Kinderspielzeug, wahrscheinlich jenes von Lynn, oder auch nicht, Hefte mit sorgfältig eingetragenen Kochrezepten, morsche Sessel und andere kleinere Möbelstücke, und alles mit der traurigen Pracht einer feinen Staubschicht überzogen. Bud hustet abermals, als er Karton für Karton nach unten schleppt und vors Haus stellt. Er würde den ganzen Mist später wegführen. Noch bevor Lynn nach Hause kam, denn er fürchtete einen weiteren weiblichen Anfall von unangebrachter Sentimentalität. Womöglich schleppte sie das eine oder andere Erinnerungsstück wieder zurück in das kleine Haus, in dem sie beide kaum Platz zum Atmen hatten…. Nostalgischer Kram. Lynn hatte ihr Elternhaus sehr jung verlassen. Er schließt daraus, dass es nichts gab, das sie hier fest hielt. Zumindest nichts, woran sie sich gerne zu erinnern suchte. Er schiebt den aufkeimenden Gedanken weit von sich, dass er womöglich dazu verdammt war, hier den Rest seines Lebens zu verbringen. Lynn altern zu sehen, vor dem altmodischen Dekor ihrer Mutter, bis auch sie aussah wie die Frau auf dem Bild unten im Flur. Eine hoch gewachsene, sehr hagere Frau mit farblosem Haar und tief liegenden Augen. Unwillkürlich schüttelt er den Kopf und hebt einen weiteren Pappkarton so heftig auf, dass er dabei eine daneben stehende, große Bodenvase mit verschnörkeltem Goldrand umstößt und sich auch noch den Kopf an einem Dachbalken stößt. „Shit!“, entfährt es ihm, als das Prachtstück von Vase nicht gerade leise in fast genau zwei Hälften zerbricht. Womöglich hätte Lynn das grässliche Ding auch gefallen. So war es sicher am besten, dass diese Möglichkeit nun nicht mehr in Frage kam. Als er den Karton unten abgestellt hat, macht er sich daran, die Scherben aufzusammeln und zu entsorgen. Er ist auch nicht weiter überrascht, als er ein sorgfältig zusammengeschnürtes Bündel vergilbter Briefe und Papiere, die in der Vase aufbewahrt worden waren, entdeckt. Ein weiterer Beweis von unangebrachter Sentimentalität dieser Frau, die Lynns Mutter war. Doch unwillkürlich drängt sich ihm das verzerrte Bild seiner eigenen Mutter auf und er versucht, den ziehenden Schmerz aus seiner Brust zu verbannen, der ihn ganz plötzlich heimsucht. Vieles hatte er vergessen, verdrängt, all die vielen Jahre, aber seine Mutter, die er qualvoll an ihren Verletzungen, die ihr eigener Mann ihr zugefügt hatte, selbst angekettet an einen Heizkörper, sterben sehen musste, dieses verdammte Bild ist so klar und scharf vor seinem Auge, dass er einen wütenden Schrei nur mit Mühe unterdrücken kann. Seine Hilflosigkeit von damals überflutet ihn wie siedendes Öl, und einmal mehr wünscht er sich aus tiefster Seele und inbrünstig, dass dieses verdammtes Schwein, das sein Vater war, für ewig in der Hölle dafür schmoren musste. In diesen Stunden der Bedrängnis, der Ohnmacht hatte der Junge, der er damals gewesen war, jeden Glauben an göttliche Macht und die Güte derselben verloren. Für immer. Endgültig. Der bloße Gedanke daran, dass diese Ausgeburt der Hölle, die sein Erzeuger gewesen war, sein Leben, seine Gene an ihn weitergegeben hatte, verursacht ihm noch heute Übelkeit. Er fährt sich fahrig über die Stirn und sein mit Staub verziertes Gesicht wird eine Spur schmutziger dadurch und kitzelt in seiner Nase, brennt in seinen Augen. Er zögert damit, die Briefe und Schriften gleich mit den Keramikscherben der Vase mit zu entsorgen und entschließt sich, die Lektüre der gefundenen Papiere für einen dieser qualvoll langen Tage ohne Lynn aufzusparen. Er deponiert das Bündel auf einer kleinen Kommode, die einmal weiß gewesen war und beschließt, erst einmal diese erste Fuhr von Gerümpel zum Mistabladeplatz zu fahren. Es wurde spät, Lynn kam bald zurück und dann sollte der halbe Dachboden bereits ausgeräumt sein. Schon morgen früh konnte er damit beginnen die ersten Bretter neu zu verlegen. Das Sägewerk hatte dafür Holzlatten bereits vor Tagen bei ihm abgeliefert. ***** Lynn bringt frische Steaks mit nach Hause und schiebt eine Fuhr von Kartoffeln in den alten Bratofen, deren Duft nach knuspriger Köstlichkeit bald das Haus durchzieht. Er betrachtet ihren schmalen Rücken, die Pracht ihres schönen, welligen Haares, das weich auf ihren Schultern ruht, und die schlanke Gestalt, die sie in einen seidigen Morgenmantel gehüllt hatte. Bud findet, dass sie vollkommen deplatziert an diesem einfachen Ort wirkte. Eine Göttin, bei dem Versuch, Mensch zu spielen, und doch bekam dieses einfache, ja karge Haus einen eigentümlichen Glanz durch ihre Präsenz. Die Liebe, die er für sie empfindet, durchflutet ihn warm und süß. Ihm ist klar, dass sie nur für ihr beider Glück aus LA weggegangen war. Ihm ist auch klar, dass die einflussreichsten und betuchtesten Männer der Westküste ihr immer noch zu Füssen lagen, wenn sie es nur gewollt hätte. Sie brauchte nur mit dem kleinen Finger zu winken, ein Augenzwinkern würde ausreichen und sie wäre erneut der Star mondäner Partys. Sie nannte die teuersten Restaurants, Clubs und Boudoirs ihr Heim, speiste mit Politikern und Stars, ja, sie schlief auch mit ihnen, aber das hatte keinerlei Bedeutung. Alles was zählte war, dass sie all das, Luxus, Glamour und die Leichtigkeit des Seins für ihn, den einfachen Polizisten aufgegeben hatte. Einfach so, ohne viele Worte zu machen, einfach so, nachdem er sie geschlagen hatte, weil er an ihrer Treue zweifelte, einfach so, als sie ihn nach dieser elenden Schiesserei wieder zusammenflickten, einfach so…. Er hätte nie gewagt, ein solches Opfer von ihr zu verlangen. Er fragt sich immer wieder, wie lange sie dieses Leben aushalten wird, wie lange seine Liebe und Leidenschaft all die Pracht der verflossenen Tage aufwiegen würde! Wahrscheinlich dachte er zuviel. Er unterdrückt das Verlangen, sich einen weiteren Drink zu genehmigen und steht stattdessen auf, tritt hinter sie, die am Herd hantiert, und schlingt seine muskulösen Arme um ihre schmale Taille. „Ich liebe Dich“, flüstert er ihr ins Ohr und sie neigt den Kopf zur Seite, um ihre Wange von ihm küssen zu lassen. „Ich weiß“, lächelt sie schlicht. „Wir können gleich essen“. Sie richtet die gewaschenen Salatblätter in der gläsernen Schüssel an und drückt ihm diese in die Hand. „Komm, Bud“, fordert sie ihn auf. „Schenk mir ein Glas Wein ein und lass uns einfach unsere Zweisamkeit genießen, nichts sonst!“ Sie fasziniert ihn immer noch wie am ersten Tag ihrer Begegnung, als er gekommen war, um sie in einer kriminellen Sache zu befragen. Sie hatte die Tür geöffnet und er glaubte, einem Engel gegenüber zu stehen. Die Faszination die ihn aus heiterem Himmel überfiel, hatte ihm das Reden schwer gemacht. Er befragte sie schroff, unbeholfen, und bereute es sofort. Ihr war der Effekt, den sie bei ihm auslöste keinesfalls entgangen, doch sie hatte es verstanden, ihre Emotion hinter der etwas spöttisch lächelnden Maske einer erfahrenen Frau, die sie war, zu verbergen. Der Sturm an Gefühlen, die sie in ihm ausgelöst hatte, konnte er ihr keineswegs verhehlen und er hatte es erst gar nicht versucht. Die Tatsache, dass er an nichts anderes mehr denken konnte, als an den Moment, in dem sie erneut vereint sein würden, machte ihn krank und hilflos. Doch diese Tage der Zweifel und der Hitze, des Verrats und des Verbrechens scheinen einer anderen Zeit anzugehören, einer fernen Welt, die sie beide nun nicht mehr betraf. „Ich habe damit begonnen, den Dachboden auszumustern“, erzählt er ihr über den Rand seines Weinglases hinweg. „Ich denke nicht, dass es dort oben etwas gibt, das Du gerne behalten möchtest.“ Lynn betrachtet ihn aufmerksam. „Das glaube ich auch nicht“, gesteht sie schlicht und lächelt leicht. „Weg mit dem Zeug“. Er ist beruhigt, dass sie nicht darauf besteht, die Sachen noch einmal durchsehen zu wollen. „Kein Erinnerungsstück, kein Gegenstand, der Dir vielleicht doch am Herzen liegt?“ will er wissen. Bestimmt verneint sie durch die Bewegung ihres Kopfes. „Ich wüsste nicht was“, erklärt sie und starrt in ihr Weinglas, an dem sie nippt. „Ich habe so gut wie keine Erinnerungen an meine Kindheit“, erklärt sie und er fragt sich, ob sie aufrichtig ist, bei dem was sie sagt. „Ich glaube, ich war ein ernstes Kind, still und ohne viel Anschluss. Ich erinnere mich nicht daran, je Freunde gehabt zu haben. Meine Mutter hat mich ängstlich abgeschirmt von der Außenwelt und war selbst jemand, der nicht viel sprach oder sich gar anzuvertrauen suchte.“ Er beließ es bei ihrer Erklärung, schließlich ging es ihn nichts an. Bud überlegt, ob er ihr das Bündel alter Briefe geben sollte, aber das konnte er später immer noch tun. Eine kleine Furcht, es könnte ihr seelisches Gleichgewicht durcheinander bringen, wenn sie über etwaige Dinge Kenntnis erhielt, macht ihm diesen Entschluss nicht schwer. Die unfeinen Nachrichten, die er seit wenigen Tagen erhielt, fallen ihm erneut ein und er unterdrückt ein grimmiges Brummen. „Hatte Deine Mutter Feinde?“ will er wissen und sie lacht glockenhell auf. „Bud“, spöttelt sie liebevoll, „wir sind hier nicht in LA und Du bist nicht mehr bei den Bullen, schon vergessen? Meine Mutter war eine sehr einfache, stille Frau, die Jahre lang in der Kartoffelfabrik gearbeitet hatte, um uns beide durchzubringen. Wer hätte sie schon hassen mögen? Der Häuptling der Kartoffelkäfer?“ Er grinst und sie lacht los. Doch er wird schnell wieder ernst und zuckt die Schultern. „Ein verschmähter Liebhaber, eine eifersüchtige Frau…. Du weißt ja, es gibt so viele Möglichkeiten…“ Sie blickt ihn skeptisch an. „Wie kommst Du auf solche Gedanken, Bud? Dafür muss es doch einen Grund geben?“ Er macht eine wegwerfende Handbewegung. „Nicht wirklich. Ich finde die Leute hier nur allesamt ziemlich unnahbar, ja abweisend. Aber sicher bilde ich mir das nur ein, der Unterschied zur Großstadt ist einfach größer als ich mir je vorgestellt habe, keine Ahnung, war nur so eine Idee!“ Sie lächelt nachsichtig und bittet ihn darum, ihr noch etwas Wein nachzuschenken. Er beschließt, eigene Nachforschungen anzustellen, um den Autor der Botschaften aufzuspüren und zur Rede zu stellen. ***** In den darauf folgenden Tagen schiebt er den Gedanken daran erst einmal zur Seite und widmet sich dem Betterboden des Dachgeschosses. Die Arbeit geht ihm leicht von der Hand, und schließlich ist das Stübchen unter dem Dach fast wohnlich geworden. Die Wände hat er ebenfalls mit einem Insektenschutzmittel eingestrichen und nun riskierten Lynn und er zumindest nicht mehr, eines Nachts vom eigenen Dach erschlagen zu werden. Wie es mit den Dachschindeln aussah, davon würde er sich ebenfalls bald überzeugen müssen, zumindest, bevor die Schlechtwetterperiode begann, sonst war seine bisherige Arbeit umsonst gewesen. Da er früher als gedacht fertig mit den Reparaturen, in dem kleinen, beengten Raum ist, will er sich noch gemütlich duschen und umziehen. Da fällt ihm das Briefpaket ein und er entnimmt es dieser kleinen Kommode, die er nicht dem Mistplatz überlassen hatte, wie all das andere Zeug. Gesäubert sah sie gar nicht so schlecht aus, wirkte zierlich und irgendwie verloren in dem sonst bereits leeren Raum. Bevor er daran geht, das vergilbte Band aufzuknoten, nippt er an seinem wohlverdienten Drink und betrachtet es ein Weilchen versonnen. Eigentlich stand es ihm nicht zu, seine Nase in fremdes Eigentum zu stecken, doch er hatte sein Leben lang nur das Eine getan, nämlich sich um die Angelegenheiten anderer Leute zu kümmern, wenn auch im Namen des Gesetzes. Einen Blick tun, sich davon überzeugen, dass es nichts gab, was ihn hätte beunruhigen müssen, und dann das Ganze dem Feuer überantworten, damit auch die letzten alten Dinge aus einer nichts sagenden Vergangenheit Lynns getilgt waren…. Briefe, anscheinend von irgendeiner alten Tante, sorgfältig in ihren Umschlägen aufbewahrt, ein paar alte Rechnungen und ein stärkerer Umschlag, der seine Aufmerksamkeit erregt. „Für meine Tochter Lynn“, steht darauf in steiler, leicht nach rechts geneigter Handschrift. Bud schluckt und fühlt sich nicht ganz wohl in seiner Haut, als er sich daran macht, den versiegelten Umschlag vorsichtig zu öffnen. Es war nicht recht, das zu tun. Er sollte zumindest warten, bis sie heimkam und erst danach mit ihr gemeinsam die Auswertung dieser alten Geheimnisse beginnen. Aber Lynn hätte ohnehin all das dem Feuer überantwortet, wie auch den Rest des alten Hausrats. Doch es ist zu spät für lange Überlegungen, denn schon hat er den starken Papierbogen entfaltet und seine Augen ruhen auf den Zeilen, die Lynns Mutter hier für sie aufgeschrieben hatte. Und dann liest er aufmerksam:
„Meine liebe Tochter. Nie habe ich Deinen Vater erwähnt und nie hast Du gewagt, nach diesem zu fragen. Oder vielleicht doch. Aber ich habe Dir dann irgendwelche Märchen erzählt, an die ich mich heute nicht einmal mehr erinnere. Vielleicht habe ich auch nie den Mut dazu aufgebracht, Dir diese Geschichte zu erzählen. Es war immer zu schmerzhaft gewesen für mich, daran erinnert zu werden. Ich weiß, dass diese Tatsache eine sehr egoistische meinerseits ist. Aber letzten Endes denke ich doch, dass es besser für Dich war, nie mehr darüber zu erfahren. Besser, weil es Dein Leben in dieser kleinen Stadt, Deine Kindheit und Jugend nur überschattet hätte, die Wahrheit zu kennen. Ich weiß, dass Dich Deine Mitschüler häufig gehässig damit aufzogen, dass Du ein Kind ohne Vater warst, auch wenn Du nie darüber gesprochen hast. Ich weiß nicht, was DU geantwortet hast, aber es hatte Dich sicher geschmerzt, mehr als Du Dir je eingestehen wolltest. Ein vaterloses Kind, eine Schande, ein Makel auf diesem frommen Ort des bürgerlichen Anstands! Wenn Du diese Zeilen liest, dann bin ich wahrscheinlich nicht mehr unter den Lebenden dieser Welt und brauche auch keine Rücksicht mehr auf irgendjemanden oder etwas zu nehmen, außer auf Dich. Natürlich hätte ich die Wahrheit und mein Geheimnis mit in den Tod nehmen können und ich habe es auch in Erwägung gezogen. Aber es ist nicht Rechtens! Du hast ein Anrecht zu erfahren, wer Dich gezeugt hat. Ein Geburtsrecht, dass niemand Dir absprechen kann. Dieses armselige Haus, in dem Du Dich nie so richtig heimisch gefühlt hast, ist alles, was ich Dir hinterlassen kann. Vielleicht weißt Du, wie jung ich war, als Deine Grosseltern mich allein zurück ließen. Es grenzte an ein Wunder, dass diese böse Grippeinfektion, die unsere Gegend damals heimgesucht hatte, nicht auch mich dahinraffte, wie so viele andere Nachbarn und Einwohner. Ich war kaum fünfzehn und fand mich allein in dieser Welt, ohne Einkommen oder Sicherheit. Ich schlug mich durchs Leben, so wie Du es in Erinnerung hast: Durch Dienstarbeiten auf den Farmen und schließlich als Arbeiterin in der Fabrik, als man sie erbaute. Ich war nicht hübsch genug, nicht gewandt genug, um das Interesse der hier ansässigen Burschen und Farmersöhne zu wecken. Keine gute Partie, nichts sagend und kein bisschen interessant. Ich erwähne dies nicht aus Bitterkeit, wie Du vielleicht annehmen wist, sondern es ist ein emotionsloser Rückblick auf die vielen Jahre der Einsamkeit, die mir beschieden war. Trotzdem war ich nicht unglücklich, denn ich hatte ja Dich. Und als Du in jungen Jahren auf und davon gegangen bist, konnte ich es Dir nicht verdenken. Du hattest besseres verdient, als ein trübes, eintöniges Dasein hier zu fristen. Das Geld, das Du mir regelmäßig geschickt hast, habe ich nicht angerührt, Lynn. Ich habe es auf ein Sparkonto eingezahlt, dessen Nummer diesem Umschlag beiliegt. Für Dich aufbewahrt. Man kann nie wissen, wie die Zeiten werden, mein Kind. Heute noch alles rosa und Sonnenschei,n und morgen stürzt womöglich die Pracht und Herrlichkeit über einem zusammen. Ich wünsche Dir, dass es niemals dazu kommt und Du nicht auf diese stattliche Summe angewiesen bist, die sich in all den Jahren angesammelt hat. Trotzdem will ich Dir dafür danken und vor allem dafür, dass Du Dich immer meiner entsinnt hast. Viel konnte ich nicht für Dich tun, dazu reichten die Mittel nicht aus und immer habe ich bereut, nicht die Möglichkeit gehabt zu haben, Dich auf eine gute Schule zu schicken. Doch Du hast Deinen Weg trotzdem gemacht, weil es Dir nicht an Mut fehlte, so wie mir, die immer davor zurück scheute, alles hinter sich zu lassen und die Brücken der Gewohnheit hinter sich abzubrechen. Heute ist es zu spät, irgendetwas zu bereuen. Die Dinge passieren, wie es eben geschehen muss und es uns vorgezeichnet ist. Ich fühle, dass Dir ein anderes, ein gutes Schicksal vorbestimmt ist, und das ist gut so. Doch ich kann nicht länger hinaus zögern, was ich Dir immer verschwiegen habe. Wie es dazu kam, dass Du das Licht der Welt erblickt hast, an einem Gewittertag der schlimmsten Sorte. Ich war nie verheiratet gewesen, nie verlobt. Mein Alltag bestand darin, für andere Leute zu putzen, den Haushalt zu führen und auch Hofarbeiten zu verrichten. Was eben anfiel, und was man mir anschaffte. Du bist das Produkt einer menschlichen Schwäche. Der Macht, die reiche Leute über die einfachen haben. Die Macht, die sie sich nehmen. Eine Macht, gegen die man sich nicht wehren kann oder sich nicht getraut, es zu tun. Viele Monate arbeitete ich für die Hudson-Leute und ihre Farm. Das Hudson Imperium, dem der halbe Bundesstaat gehört. Eine Farm, die zum Träumen verleitet. Ein riesiges Herrenhaus, unübersehbare Ländereien und Viehherden. Leute, die sich mit unsereins nicht wirklich abzugeben pflegen. Menschen erster Klasse, die unsereins benutzen, wie es ihnen beliebt und wir müssen noch dankbar ihre Stiefelspitzen dafür küssen. Niemand hier weiß davon und es wird ein Geheimnis bleiben zwischen uns Beteiligten: John Hudson selbst ist Dein Vater. Heute ein Greis, war er in seinen besten Jahren hinter jedem Frauenkittel her. Man munkelte, dass kein Ehemann es wagte, sich im zu widersetzen, wenn er darauf aus war, dessen Frau in sein Bett zu bekommen. Er hatte die Macht, jeden von uns zu ruinieren, ihm das Letzte zu nehmen. Der einzige Sohn, den er hatte, verunglückte bei einem Reitunfall. Seine Frau hat ihn bereits in jungen Jahren verlassen und so lebt er heute als alter einsamer Mann mit einem Haufen wilder Männer auf seinem Anwesen, das kaum jemand aus dieser Stadt jemals betreten hat. Die zwielichtigen Gesellen, die ihm dienen, kommen aus den verschiedensten Ecken des Landes und sie bleiben nie sehr lange. Abenteurer, Halunken, vielleicht sogar Gesetzlose auf der Flucht. Viel wird geredet, Mutmaßungen angestellt, auch heute noch. Doch es ist nicht wichtig, es betrifft Dich nicht. Du wirst Deinen Vater nie kennen lernen, weil er Dich auch nie anerkannt hatte. Als er in der dunklen Ecke seines Viehstalls brutal über mich herfiel, habe ich aus Angst nicht einmal versucht, mich zu wehren. Es hätte auch wenig Sinn gehabt. Ich war fast noch ein Kind, er ein stattlicher Mann. Ich will Dir Einzelheiten ersparen. Als ich merkte, dass ich schwanger war, verließ ich den Ort für viele Monate, weil ich die Schande nicht ertragen konnte. Wenn man mich danach gefragt hatte, wo Dein Vater sei, antwortete ich, dass mein kurzes Eheglück mit einem jungen Soldaten tragisch endete und er nicht mehr aus dem Kriege heimkehrte. Wahrscheinlich hat man es mir nie geglaubt, aber noch weniger hätte die Wahrheit die Leute hier beeindruckt. Und dann war diese Furcht vorhanden, die Angst vor den mächtigen Hudson Leuten. Aber Du sollst es wissen, wie es war und Du sollst auch davon Kenntnis haben, dass ich den Namen Deines Vaters bei einem Notar hinterlegt habe, dessen Adresse diesem Brief beigefügt ist. Dieser Mann hatte Deinen Vater von Deiner Existenz informiert, doch niemals kam ein Zeichen der Reue oder auch nur des Verstehens. Doch er hat den Vorfall Deiner Zeugung auch nie bestritten. Ich wollte nichts von ihm, nur einen Namen für Dich. Er ist so herzlos, wie sein Ruf es ist. Ich glaube, dass diese Zeilen Dich tief treffen werden und Du sollst kein Mitleid mit mir haben, aber auch keinen Hass auf den Mann, der Dein biologischer Vater ist. Sei dankbar für Dein Leben und das Glück, das Du außerhalb dieser Stadt gefunden hast. Bleib Dir selbst treu und zeige nie Angst oder Furcht vor Menschen wie John Hudson! Es lohnt sich nicht. Erwehre Dich Deiner Haut und lass nicht zu, dass man Dich ausnützt oder zu etwas zwingt! Jeder Mensch hat ein Recht auf Ansehen und Ehre! Selbst die ärmsten unter ihnen! Weine nicht um mich und blicke hoffnungsfroh in Deine Zukunft. Alles was ich Dir wünschen kann ist, dass Du vielleicht einen Menschen triffst, der Dir beisteht aus Liebe und Achtung vor Dir und Dich bewahrt vor den schlimmsten Stürmen des Lebens, allein um Deinetwillen! In Liebe Deine Mutter.“
Bud lässt den Brief sinken. Lynn, seine Lynn, das Produkt einer Vergewaltigung! Damit hatte er nicht gerechnet. Er tippte eher auf eine flüchtige Liebschaft, einen durchziehenden Gaukler, Marktfahrer, was auch immer…. Eine unbändige Wut auf diesen Hudson schnürt ihm fast die Luft ab. Sein Leben lang hatte er mit dieser Art von skrupellosen Männern zu tun gehabt, hatte sie verfolgt, gejagt und nur selten einlochen können. Die ihm eigene Sentimentalität missbrauchter Frauen gegenüber, lässt ihn mit den Zähnen knirschen und aufrichtiges Mitgefühl für diese Unbekannte erschüttert ihn zutiefst. Der kräftige Mann, der bedächtig den Briefbogen zurück in den Umschlag steckt, kämpft mit sich selbst. Sollte er Lynn über ihre Herkunft in Kenntnis setzen, oder die Vergangenheit auf sich beruhen lassen? Doch er verwirft diesen Gedanken. Er konnte sich nicht dem letzten Willen dieser Frau, die Lynn unter großen Mühen großgezogen hatte, widersetzen, ihn ignorieren und außer Acht lassen. Nichts gab ihm dazu das Recht, nicht einmal die Sorge um Lynns seelisches Gleichgewicht. Doch Lynn war eine starke Frau, stärker als alle, die er je zuvor gekannt hatte. Außer ohnmächtigen Zorn auf ihren Erzeuger, wird sie kaum ein anderes bedenkliches Gefühl empfinden. Und doch…. Er wird zuerst versuchen, diesen Mann zu treffen. Es ist ihm ein absolutes Bedürfnis, diesem Kerl vom Schlage seines eigenen Vaters die Meinung zu sagen. Ob diesem das nun passte oder nicht. Weder er noch seine verruchten Kumpanen würden das verhindern können. Vor allem aber möchte er sich ein eigenes Bild von dem Mann machen, der sich nahm was ihm gefiel, und sich für Gott hielt.
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