23 – Erfolglose Suche

 

Die Besprechung mit seinen Agenten war nur ein Vorwand gewesen, den Tag über nach Sydney zu entfleuchen und sich dort mit den Anwälten und Interpol unterhalten zu können. Interpol, an Lapierre interessiert, behandelte Crowe höflich, auch wenn sie weniger an den Problemen, die seine Freundin mit ihrem Exmann zu besitzen schien, interessiert waren. Doch die Sache ging schließlich Hand in Hand, erklärte Russell. Die Gegenseite schien das anders zu sehen.

Er ließ die beiden Anwälte sprechen und mimte den Zuhörer. Was er wollte, waren konkrete Anweisungen und Versprechungen. Informationen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass diese Leute nicht über Lapierres Kontakte zum ‚Milieu’ in Erfahrung gebracht hatten.

Sie hörten sich an, was es zu sagen gab und warfen einen Blick auf die Einwilligung der Scheidungsklage.

„Gut und schön“, sagte einer der Beamten, als man die Besorgnis um Gillaine Lapierre vorgebracht hatte.

Er blickte Russell direkt in die Augen und meinte in gelassenem Tonfall, in dem eine Spur von Langeweile mitzuschwingen schien: „Lapierre wird Ihnen keine Schwierigkeiten mehr machen, Herrschaften. Er sitzt bereits in Haft. Wir haben genug Anklagematerial, um ihn, dem französischen Gesetz nach, für  die nächsten zwanzig Jahre in den Knast einzuweisen. Derjenige, den er mit der Verfolgung  ihrer Mandantin beauftragt hat, ist ebenfalls unschädlich gemacht worden. Es handelt sich um einen gewissen Kostovico Mehmet, einen Albaner, den wir schon seit längerer Zeit beschatten ließen. Eine große Nummer, die wohl kaum mehr lebend aus dem Knast kommen wird. Ich denke, die beiden Männer, die der Typ hierher gesandt hat, um Mrs. Lapierre zu bedrohen, werden sich ebenfalls bald in unseren Händen befinden. Es ist nur eine Frage von Zeit. Wir arbeiten daran.“

 

Russell wusste nicht, ob er sich ärgern sollte,  über die etwas arrogante Art, wie man ihm die Sache auseinandergesetzt hatte – das Gefühl, dass man ihn nicht ganz für voll hielt, oder Gillaine für ein überdrehtes, verwöhntes Frauenzimmer hielt, ließ ihn nicht los - oder erleichtert sein müsste, angesichts der frohen Botschaft. Das vage Interesse, das sie seinem Anliegen entgegenbrachte, empfand er wie eine Beleidigung.

„Gerade Zeit haben wir nicht!“ wandte er mürrisch ein. „Die Männer sind bereits auf der Spur von Mrs. Lapierre“, betonte er nachdrücklich. „Sie jagen sie. Ich tue alles was in meiner Macht steht, um sie abzusichern, aber es handelt sich hier um Profikiller, machen wir uns doch nichts vor! Sie werden ihren Auftrag zu Ende führen, egal, was auch immer sich in Europa abspielt!“

Der Beamte sah zu seinem Kollegen und der Anflug eines mitleidigen Lächelns begleitete diesen Blick. Der Detektiv Interpols machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich bitte Sie! Wir sind in keinem Film, Mr. Crowe! In diesem Fall ist die Polizei zuständig, nicht wir! Die beiden werden einfach untertauchen, versuchen abzuhauen, sobald sie die Wendung in Paris erfahren! Versuchen sie realistisch zu sein, Mister!“

„Das bin ich“, erwiderte Crowe rau. Er starrte auf die Fahndungsbilder der beiden Gesuchten. Sie sahen alles andere als verhandlungsbereit oder gar sanftmütig aus.

„Ich glaube an kein Happyend! Ist das nicht realistisch genug?“ Das nachsichtige Lächeln des gegenüber sitzenden Mannes zerrte an seinen Nerven.

Er wollte noch ein paar scharfe Worte hinterher schicken, doch sein Telefon vibrierte in der Hosentasche und er entschuldigte sich flüchtig, um zu antworten. Ein untrügliches Gefühl sagte ihm, dass die Nachricht nichts Gutes bringen würde. Er ignorierte das leise Wortgefecht, das die beiden Anwälte mit den Interpol-Leuten begannen. Als man Russells starre Maske allgemein bemerkt und seinen einfachen, gepressten Fragen „wann“, und „wo“, gelauscht hatte, verschwand auch die Spur jedes Lächelns auf den Gesichtern der Verbrechensjäger.

Crowe schloss mit einem heiseren „bin schon unterwegs“ und unterbrach die Konversation abrupt.

„Sie haben sie“, informierte er knapp die Runde und blickte von einem zum anderen. Erstaunen auf den Zügen der Ermittler, Entsetzen auf dem der Anwälte. „Da haben Sie ihre Realität“, knurrte er wütend.

„Rufen Sie mir einen Wagen, der mich zum Flughafen bringt und, “ sein Blick fiel auf die Anwälte, „organisieren Sie einen aufgetankten Hubschrauber, ich muss auf der Stelle zurück.“

„Wir machen das“, wandte einer der Interpol-Leute ein. „Ein Agent begleitet sie auf das Gebäudedach, sie können mit seiner Begleitung sofort von hier aus starten!“ Russell nickte.

„Wir setzen uns sofort mit der Polizei von Neusüdwales in Verbindung!“

Der Jüngste der drei Anwesenden sprang sofort auf und nickte zustimmend. Er steckte die Fahndungsbilder in seine Tasche und gesellte sich an Russells Seite.

Grußlos stapfte der aus dem Raum. Jeff hatte ihn begleitet und wartete im Korridor. „Es geht los“, rief er ihm zu und sein Hausmeister lief wortlos neben seinem Boss her. Sie sprangen zu dritt in den Lift, unter den Protesten der bereits auf den Aufzug Wartenden und ließen sich bis zum Dachgeschoss des Büros bringen, um sich ohne Umschweife auf den Rückweg nach Nana Glen zu begeben.

 

*****

 

Der Anruf war der seines Bruders Terry. Dieser hatte noch zugewartet, bevor er sich dazu entschloss, Russell nun doch von Gillaines Verschwinden zu informieren. Er scheute sich davor, es als Entführung zu bezeichnen. Irgendwo fühlte er sich mitschuldig, wenn er es auch nicht war. Die Enttäuschung, die Russell heimsuchen würde, konnte er kaum verkraften. Er wollte, der Bruder könnte sich besser auf ihn verlassen, als es der Fall gewesen war. Von Tom ganz zu schweigen. Er selbst war froh, der sich der Junge keine Kugel eingefangen hatte, doch Russell würde das wieder aus einer vollkommen anderen Sicht betrachten. Er konnte Tom schon jetzt bedauern, Nachsicht würde Russ nicht üben!

So unübersichtlich war die Gegend schließlich hier nicht, und er hatte bis zum Schluss gehofft, dass sie die Kerle samt der Entführten noch schnappten, bevor die Nacht anbrach. Die Jungs waren ausgeschwirrt gleich einem Bienenschwarm, per Motorrad, Pferd und jedem zur Verfügung stehenden Fahrzeug, um das Land zu durchstreifen. Doch das Glück schien nicht auf der Seite der Guten gewesen zu sein und Joey, der Sergeant vom Polizeirevier in Coffs, hatte seine Männer letzten Endes doch an die falschen Stellen beordert, genau dort, wo die Albaner vermutet hatten, dass er es tun würde.

 

Als der Farmer nahe Sawtells mit seinen Kindern den Posten seines Wohnortes aufsuchte, um die seltsame Begebenheit, der seine Sprösslinge in der Bucht, in der sie gespielt hatten ansichtig wurden, melden wollte, befand sich keiner im Büro, der die Aussage aufnehmen konnte.  Die Leute, die Joey über Funk alarmiert hatte, suchten die Küstenstrassen erst nördlich ab, bevor sie über Sawtell in Richtung Süden fuhren.

Und der Praktikant, der sich unerlaubterweise von seinem Arbeitsplatz, wo er das Telefon überwachen und eventuell Notizen vermerken sollte, entfernt hatte, weil er seinem Heißhunger nach einem frischen Burger nicht mehr widerstehen konnte, nahm schließlich die Beobachtungen der kleinen Ortsbewohner auf. Er konnte nichts Aufregendes an der Aussage entdecken und machte sich endlich daran, genüsslich seinen Burger zu verzehren.

Während er das Ganze mit der Limo hinunterspülte, schüttelte er den Kopf. Eine Frau soll im hohen Gras versteckt um ‚Hilfe’ geschrieen haben? Wahrscheinlich war sie mit ihrem Lover von den Kindern aufgestört worden. Möglicherweise verheiratet und erbost über die Unterbrechung ihres Rendez-vous, wollten die beiden die Kinder nur verscheuchen, was ihnen ja auch gelungen ist. Und dass der Hund so aufgeregt bellte, nun, es war allgemein bekannt, dass die kleinsten Köter die frechsten waren...

Von verdächtigen Männern hatten sie schließlich nichts erzählt und auch die Frau hatten sie kaum gesehen, bevor sie abermals im Gebüsch verschwand. Wahrscheinlich hatten die beiden sich schief gelacht über die verschreckten Kids und ungeniert dort weitergemacht, wo sie aufgehört hatten.

Der Jüngling grinste, als er sich die Szene bildlich vorstellte. Der Schrillton des Haupttelefons brachte ihn in die Gegenwart zurück.

Er schluckte den letzten Bissen seiner Mahlzeit hinunter und nahm einen geschäftigen Ton an, als er sich meldete.

Der Boss wollte wissen, ob es etwas Neues gab. Kein Anruf? Keine Mitteilung, die eventuell aufschlussreich für die Suche gewesen wäre?

„Nein, Sir!“ war die zuversichtliche Antwort.

„Leider nichts! Nur ein überbesorgter Vater, Mister Niggles aus Toormina, der angab, seine Kinder hätten eine Frau um Hilfe rufen hören. Eindeutig nicht von Bedeutung. Sie hatten die Frau nur kurz im Gras gesehen und dann war alles wieder ruhig. Da hat sich jemand einen schlechten Scherz erlaubt mit den Kids, wenn Sie mich fragen!“

„Ich frage dich aber nicht, Will!“ knurrte Joey gereizt. Sie waren seit sechs Stunden unterwegs und hatten nicht die kleinste Spur von den Entführern gefunden. Es war wie verhext!

„Wie sah die Frau aus?“ Will erschrak. Er hatte vergessen, danach zu fragen. Er wollte die Leute einfach aus dem Büro bugsieren, um sich seinem Burger widmen zu können. Er schluckte und suchte verzweifelt nach der rettenden Antwort.

„Das haben sie nicht sagen können“, wandte er schwach ein, doch Joey hatte kapiert. Der Junge taugte nicht für den Job. Er würde ihn nicht behalten, egal, wie einflussreich sein Daddy auch sein mochte.

„Jetzt hör mal zu, Will“, sagte er gereizt. „Ich will die Adresse von diesen Niggles und gib mir genau durch, wo sich das Ganze abgespielt hatte, ich hoffe, das hast du wenigstens aufgenommen und in deinem Spatzenhirn vermerkt!“

Hatte er! Noch bevor der Junge fertig gesprochen hatte, wendete Joey den Wagen und fuhr mit heulender Sirene quer durchs Land in entgegen gesetzter Richtung.

Als sie endlich an der Küste von Toormina waren, kamen sie längst zu spät. Der Strand mit seinen zerklüfteten Felsen und den Sandeinschnitten zwischen den Felsen, lag ausgestorben in der Dunkelheit da. Der Wind stöhnte leise über die Anhöhen der Hügel. Auch die Beschreibung der Kinder, die das auffallend leuchtende Haar der Frau angaben, wurde unwichtig, denn wahrscheinlich war sie bereits längst schon tot und ihre Mörder über alle Berge. Blieb zu hoffen, dass ihre Leiche irgendwo in der Nähe angespült wurde, bevor sie die Fische fraßen.

Joey war dabei, krampfhaft zu überlegen, welche Schritte er nun einleiten musste, um ein Stück in der Sache weiterzukommen. Die Küstenwache war bereits verständigt. Seiner Meinung nach waren die Gesuchten mit dem Boot, das die Kids am Strand entdeckt hatten, geflüchtet. Der Beschreibung nach, ein unauffälliges, eher schäbiges Boot mit einer kleinen Kajüte. Die hatten vermutet, dass die Fischer, die dazu gehörten, irgendwo in den nahen Felsen herum stiegen oder angelten. Doch die Sache schien nun glasklar zu sein. Gillaine Lapierre hatte versucht die Aufmerksamkeit der Kinder zu erregen, damit sie Hilfe holten. Man hatte sie daran gehindert, vielleicht bewusstlos geschlagen und später ins Boot verfrachtet um mit ihr auf die See hinaus zu fahren. An den Rest der Story mochte er jetzt noch nicht denken und kratzte nachdenklich seinen runden, weizenblonden Kopf, bevor er den Hut abermals überstülpte.

 

Seine Leute, die mit Taschenlampen die Umgebung absuchten, dort, wo die Kinder den Hilferuf gehört hatten, schienen erfolglos zu sein. Doch plötzlich rief einer von ihnen nach dem Sergeant.

„Sie haben wahrscheinlich hier gelauert“, meinte er, als Joey zu ihm hochgeklettert war. Eine Mulde mit niedergedrücktem Hartgras gab Aufschluss über die Richtigkeit der Vermutung.

„Sehen Sie, Chef!“ Der Lichtstrahl der Lampe richtete sich auf die Blutstropfen, die auf ein paar Grashalmen klebten.

„Sie haben sie geschlagen, diese Bastarde!“ murmelte Joey und beschloss, nichts davon an Crowe weiterzugeben. Für ihn war das zweifellos Gillaines Blut. Es schien unwahrscheinlich, dass sie es geschafft hatte, einen der Kerle so zu verletzen, dass er sein Blut auf diese Weise verloren hatte. Allerdings hatte diese Spur nicht viel über die Schwere der Verletzung auszusagen, die man ihr eventuell zugefügt hatte. Einfaches Nasenbluten konnte schon eine riesige Schweinerei anrichten, und daran klammerte er seine Hoffnung. Er schüttelte sich unbemerkt, als er daran dachte, was sie noch mit ihr angestellt hatten und beschloss, die Sache sehr persönlich zu nehmen. Dies war sein Revier, seine Gegend und Heimat! Er konnte nicht zulassen, dass diese Fremden sich unter seinen Augen wie Schlächter gebärdeten!

„Bringen sie das auf jeden Fall ins Labor, Mann!“ bestimmte er und stapfte zurück zu seinem Wagen.

„Hört her, Männer!“ rief er laut und entschlossen. „Wir werden die Hurensöhne jagen und wir werden sie finden! Das Leben der Frau darf nicht aufs Spiel gesetzt werden, wenn es noch zu retten ist! Aber im Zweifelsfalle wird auf die Kerle geschossen. Ich nehme das auf mich, klar?“

Allgemeine Zustimmung und Kopfnicken.

„Wir lassen nicht zu, dass irgendwelche daher gelaufenen Fremden auf unserem Land eine Menschenjagd veranstalten oder noch Schlimmeres!“ Erboste Laute stimmten ihm zu.

„Wir schicken an Booten raus, was wir haben, jeweils drei Mann an Bord! Die Funkgeräte bleiben eingeschaltet und jede verdächtige Beobachtung wird durchgegeben. Ich schließe mich der Meeresbrigade an. Also, dann los!“

Er klemmte sich, wie die anderen auch, hinter das Lenkrad seines Wagens und fuhr direkt zurück nach Coffs, wo man bereits auf ihn wartete. Er hoffte noch zu guter Letzt, dass Crowe nicht so bald zurück sein würde, um ihn vorher abzufangen.

 

*****

 

Dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt. Noch während der Fahrt musste er das Gespräch mit Russell übernehmen, der bereit war, mit dem Interpol-Einsatzhubschrauber und drei bewaffneten Männern abzufliegen. Nebst dem Interpolmann begleiteten ihn Jeff und Tom, der darauf bestanden hatte an der Verfolgung teilzunehmen.

„Du darfst das nicht, mate“, Joey wusste, er sprach in den Wind. „Du bist Zivilist, du machst dich strafbar!“

„Du bist unfähig, Mann!“ schnaubte Russell zurück.

„Dir kann man den Stuhl unter dem Arsch wegstehlen und du bemerkst es nicht! Ich bin mit einem Agenten von Interpol unterwegs. Wir haben grünes Licht!“

Joey war ihm nicht böse, wie denn auch? Er hatte versagt, hatte seine Männer in die falschen Richtungen geschickt und fragte sich selbst, wie es möglich gewesen war, dass die beiden, ohnehin auffälligen Männer, ohne Spuren zu hinterlassen auf und davon gekommen waren!

„Ich bin gleich da! Wartet so lange! Wir reden in Ruhe miteinander!“

„Dafür bleibt keine Zeit! Sag mir lieber, welche neue Fakten es gibt!“

Der Polizist vernahm das anschwellende Motorengeräusch im Hintergrund und wusste, Crowe würde seinen Plan verwirklichen. Er begab sich auf die Jagd nach den Albanern. Ohne Rücksicht auf sein Leben oder seine Sicherheit.

„Sie sind von Sawtell aus, besser, etwa 7 Kilometer südlich davon, abgefahren. Unscheinbares Boot, etwas angekratzt, an die sechs Meter lang mit wahrscheinlich ziemlich starkem Außenbordmotor. Kinder haben sie beobachtet! Gillaine lebte, als sie mit ihr geflüchtet sind!“

‚Als ob das etwas zu bedeuten hätte’, dachte der Chief und er forderte Russell auf, mit ihm in Kontakt zu bleiben.

Die lauten Motorengeräusche des Helikopters machten eine Unterhaltung schließlich unmöglich und er gab es auf. Wahrscheinlich erhob sich Crowe bereits in die Lüfte und schwenkte aufs Meer hinaus. Wenige Minuten später wurde seine Vermutung bestätigt und der niedrig fliegende Hubschrauber dröhnte über den Einsatzwagen hinweg, sodass Joey unbewusst das Genick einzog, während er das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrückte.

 

Russell lauschte der krächzenden Stimme seines Bruders, der per Funk die Lösegeldforderung durchgab. Er atmete erleichtert auf. Sie lebte also! Sie konnten Zeit gewinnen und die Kerle würden ihr nichts tun, solange sie auf Geld hoffen konnten. Sie würden bekommen, was sie verdienten, dachte er grimmig. Er informierte Joey von der Forderung, wollte wissen, was er davon hielt und gedachte zu tun.

„Wenn ihr das Boot entdeckt, dann haltet Abstand“, befahl Russell! Wenn sie in Panik geraten ist Gillaines Leben keinen Deut mehr wert, das weißt du!“

Joey wusste das und stimmte ihm zu. Sie beschlossen, dass Joey das Geld von Terry übernehmen sollte. Fünf Millionen amerikanische Dollar. Der Treffpunkt war noch nicht ausgemacht, die Albaner würden sich noch rühren. Alles Weitere würde man danach planen.

 

Russell war gewillt, den Männern das Geld zu überlassen, wenn Gillaine dadurch außer Gefahr kam. Doch er glaubte nicht daran. Sie waren keine Amateure und sie würden einen Weg finden, sie kalt zu machen, sobald sie im Besitz des Geldes waren. Vielleicht war sie längst tot...

Er würde verlangen, ihre Stimme zu hören. Interpol hatte schließlich doch Nachschub gesandt und die Beamten waren dabei, ein telefonisches Verbindungsnetz auf der Ranch aufzubauen, dass es ihm ermöglichen sollte, direkt mit den Entführern über Funk in Verbindung zu treten.

Er grinste kalt und grimmig und überlegte, ob die Leute wohl einen Skandal, den er hätte anzetteln können, befürchtet hatten, wenn die Sache mit Gillaines Auffinden schlecht ausginge. Sehr wohl wären diverse Medienbetreiber an dieser Art von Horrormeldungen interessiert gewesen: “Interpol sieht tatenlos zu, wie die zukünftige Frau des weltbekannten Schauspielers Russell Crowe um den Globus gejagt und liquidiert wird...“

 

Er schüttelte sich und fuhr sich zerfahren über die Stirn, während seine Augen dem Suchscheinwerfer des Helikopters folgten. Die schalldichten Kopfhörer dämpften den Motorenlärm auf ein Minimum und er hatte das Gespräch mit Terry unterbrochen, die Linie sollte frei sein für etwaige Meldungen der Entführer.

Der Pilot überflog den Küstenstreifen im berechneten Parameter und die Suchschiffe der Polizei und Küstenwache gaben blinkende Erkennungszeichen. Sonst schien die Gegend auf See, bis auf ein paar vor sich hinschaukelnde Segelyachten nicht sehr belebt zu sein. Die vereinzelten Fischkutter gaben sich nach Aufforderung durch das Megaphon, vom Interpoldetektiven Raoul Finnley gehandhabt, rasch zu erkennen und der Hubschrauber drehte weiter seine unermüdlichen Runden in Richtung Süden.

„Sie können nicht allzu weit gekommen sein“, verständigte Finnley sich durch die Sprechanlage  mit Crowe. „Ich nehme eher an, sie halten sich wieder in einer Bucht versteckt, die wir von oben aus nicht erkennen können.“

Russell nickte. „Es gibt eine ganze Reihe von solchen überhängenden Felseinschnitten, manche davon führen direkt in Kalksteingrotten. Wenn sie sich in einer davon versteckt halten, dann haben wir keine Chance sie zu entdecken!“

‚Ist vielleicht auch besser so’, dachte er beunruhigt. ’Wenigstens bleibt Gillaine heil und es kommt zu keiner Schiesserei, bis die Lösegeldübergabe in Ruhe und gefahrlos über die Bühne läuft!’

Geld war ihm nicht wichtig. Da kamen in erster Linie das Leben und die Sicherheit der Frau, die er liebte und dann eine unbändige Wut über die Frechheit der Verbrecher, ihm und ihr das anzutun. Dabei musste man noch von Glück reden! Irgendwie hatten die Typen von der schief gelaufenen Sache in Paris erfahren. Angesichts der Tatsache, dass ihr Boss hinter Gittern saß und sie nun auf sich allein gestellt waren, mit der Aussicht, erst gar nicht mehr nach Frankreich einreisen zu können, hatten sie ihren Plan geändert und wollten noch einmal kräftig abkassieren. Was lag näher, als ihn als zahlungskräftigen Anwärter auf Gillaines Leben auszuwählen? Es lag auf der Hand: Lapierre hatte ihren Tod gewollt, er selbst wollte ihr Leben. Für beides hätten sie abgesahnt. So einfach war es, ein Todesurteil aufzuheben und ebenso einfach wäre das Gegenteil gewesen. Man braucht nur mit ein paar schmutzigen Papierscheinen zu winken und das Leben eines Menschen konnte mit einem Schlag vernichtet oder gerettet werden. Hätte er nicht in diesem Hubschrauber gesessen, hätte er liebend gerne auf den Boden gespuckt um den bitteren Nachgeschmack seiner Abscheu los zu werden. Er beherrschte sich, und die Gier nach einer Zigarette wurde beinahe überwältigend. Er versuchte sich auf die spiegelnde, dunkle Wasseroberfläche zu konzentrieren, die sie in nur einigen Metern Abstand überflogen und fluchte innerlich über seine Unvorsicht, die ihn hatte nach Sydney fliegen lassen. Als hätte er nicht alle Gespräche telefonisch erledigen können! Wahrscheinlich hoffte er, seinem Anliegen durch sein persönliches Erscheinen mehr Nachdruck zu verleihen. Das war ihm ja schließlich auch gelungen. Andererseits jedoch, hätte er selbst Gil auf ihren Wegen an diesem verdammten Tag begleitet, wäre an ihrer Seite geblieben, hätte das alles nicht passieren können. Doch er machte sich etwas vor und wusste es. Dann wäre es eben am nächsten Tag passiert oder am übernächsten! Er hätte ebenfalls die vergessenen Schulhefte für sie geholt. Man hätte sie auch geschnappt, wenn er Tom ersetzt hätte, vielleicht auf ihn geschossen, vielleicht, eventuell, möglicherweise, blabla....

Es hatte keinen Sinn, dem Ganzen noch einen vergeudeten Gedanken zu schenken. Es war passiert. Punktum! Nun musste man mit vereinten Kräften zusehen, dass er sie heil zurückbekam. Sekundenlang schnürte die Angst um Gillaine seine Kehle zu, und er schluckte schwer, bevor er sich weit genug aus dem Hubschrauber neigte, um ein weitläufiges, freies Blickfeld zu haben. Seine empfindlichen Augen brannten und er hatte Mühe Einzelheiten auszunehmen. Ihm war, als hielte die Nacht selbst den Atem an...

 

Die Stunden krochen dahin wie Minuten und der Helikopter musste zurück, um in Coffs aufzutanken, bevor er sich wieder auf den Weg machen konnte. Die Informationen der Suchboote waren dürftig und gaben keinen Aufschluss über den Verbleib der Bande. Die See selbst dürfte Mann und Maus verschluckt haben. Diesen Eindruck jedenfalls hatte Russell, als er versuchte, seine Kopfschmerzen zu ignorieren und die frische Seeluft tief in seine Lungen zog. Wenn es etwas gab, das er mehr hasste als Untätigkeit, so war das Hilflosigkeit. So hilflos hatte er sich nicht mehr gefühlt, seit sein Onkel Dave vor ein paar Jahren ganz plötzlich verstorben war und er sich auf der anderen Seite der Erdkugel, in den Bergen von Ecuador  befand und dort festgenagelt war...

 

*****

 

„Was ist?“ wollte der Mann wissen und wandte sein unrasiertes Gesicht dem anderen zu. „Worauf wartest du? Sag denen endlich Bescheid, dass sie das Geld bringen sollen! Ich habe genug von diesem Boot, genug von ihr! Es geht mir auf die Nerven, dass sie mich ansieht, als sei ich ein Haufen Dreck! Ich werde ihr die Fresse polieren, wenn sie nicht damit aufhört!“

Faysals Blick fiel kurz auf die gefesselte Frau, die an die Felsen gelehnt da saß  und ihre hasserfüllten Blicke von einem Mann zum anderen schweifen ließ. Sie war müde und ausgelaugt, hatte die Nacht über angestrengt gewacht und befürchtet, dass man wieder über sie herzufallen versuchte.

„Du brauchst sie ja nicht anzusehen“, riet er seinem Bruder. „Mach es wie ich. Tu, als wäre sie Luft für dich. Ich will Crowe noch ein bisschen schmoren lassen, damit er nicht auf die Idee kommt, er könnte mit uns über den Preis verhandeln.“

Das aufziehende Morgengrauen mit den dumpfen Nebelschwaden über der See, ließ Gillaine frösteln. ‚Die perfekte Kulisse für einen Horrorfilm’ dachte sie ironisch. Ihre Angst war in Zorn umgeschlagen und sie hatte sich mehrmals auf die Zunge beißen müssen, um ihn nicht laut aus sich heraus zu brüllen. Man durfte die beiden nicht reizen. Sie handelten spontan und unüberlegt, aus einem plötzlichen Wutgefühl heraus, ohne an die Folgen zu denken. Besonders der Grosse, jüngere. Er hatte sie seit dem Vorfall auf dem Boot in Ruhe gelassen, gab ihr hier und da einen unsanften Stoss, um sie einzuschüchtern, doch seit sie die Neuigkeit von der Festnahme ihres Mannes vernommen hatte, schien sie mutiger und zuversichtlicher geworden zu sein. Da war niemand mehr, der telefonische Anweisungen gab, Schecks ausstellte, um sie verschwinden zu lassen, ihr Spione oder gar Mörder hinterher hetzte. Es gab nur mehr diese beiden primitiven Typen, mit denen sie sich auseinander setzen musste, sie bei Laune halten und unauffällig bleiben sollte, bis man sie  fand und befreite.

 

Mirko richtete den Zeigefinger drohend auf ihr Gesicht: „Ich bin noch nicht fertig mit dir, Weib! Ich hab’s versprochen und auch wenn du weiter lebst, wird Crowe nicht mehr soviel Freude daran haben dich zu ficken, wie bisher! Er wird immer daran denken müssen, was ich alles mit dir angestellt habe und daran zweifeln, ob du es nicht auch als Pläsier empfunden hast!“

Sie schnellte nach vor und biss in den schmutzigen Zeigefinger, der vor ihren Augen herum gezuckt war, bis Mirko gellend aufschrie und wie wild versuchte, ihrem kräftigen Biss zu entkommen. Faysal versetzte ihr einen Schlag ins Gesicht und sie ließ los. Das war dumm gewesen, aber die Versuchung war zu groß, um ihr zu widerstehen. Sie spuckte das Blut des Mannes aus und nahm die zweite Ohrfeige gelassen hin. Mirko wollte mit Fäusten auf sie losgehen, doch der Ältere hielt ihn zurück.

„Ich sagte, du sollst sie ignorieren! Lass dich nicht provozieren, wir sind sie bald los!“

Der verletzte Albaner zog ein schmuddeliges Taschentuch aus einer Hosentasche und band es notdürftig und unter ächzenden Schmerzenslauten um seinen Finger. „Das zahle ich dir heim, du Biest!“ wiederholte er einige Male, doch hielt sich von ihr fern. In gewisser Weise glich dieser Mann Lapierre: er weidete sich an der Angst seiner Opfer, seiner Untergebenen und  die Hilflosigkeit derer, die er mit Gewalt gefügig machen konnte. Nun, es konnte nicht schaden, wenn er sich eingestehen musste, dass sie ihre Angst vor ihm verloren hatte. So war sie ein weniger reizvolles Opfer, das sich willig ergab.

Irgendwie glaubte sie auch nicht mehr daran, dass Mirko noch seine Freude daran haben könnte, sie zu vergewaltigen. Und sein Bruder schien keinerlei Interesse zu haben, seine Zeit mit den unbefriedigten Trieben des Jüngeren zu verlieren. Wenn sie das Geld erst hatten, dann würden sie abhauen. Je eher, desto besser. Eine gewisse Furcht überkam sie dennoch. Was, wenn man sie nicht finden konnte? Wenn die beiden sie einfach zurück ließen und verschwanden, bevor sie ihren Standplatz verraten hatten?

Wenn sie Hunger und Durstes sterben müsste, gefesselt, geknebelt und schließlich aufgefressen von kleinen Krebsen und anderen Krustentieren...

Sie verdrängte diese aufkeimenden Befürchtungen so gut es ging, doch als sie sich in der Felsbucht umsah, wurde ihr klar, dass man sie nur finden konnte, wenn man ihren Aufenthaltsort im Ungefähren kannte. Sie waren an vielen ähnlichen Verstecken und Kliffen vorbeigefahren, und die Albaner hatten sich für diesen Ort entschieden, weil er vom Meer aus nicht zu sehen war und man das Ausmaß der dahinter liegenden Felsgrotte nicht erkennen konnte. Vorgelagerte Seeklippen ermöglichten die Aussicht nach draußen, aber verhinderten jeden Blick darauf, was dahinter liegen mochte. Eine Armee von Männern würde nötig sein, um die Küste nach ihr absuchen zu lassen, was nur von Booten aus ermöglicht wurde, Hubschrauber oder Flugzeuge flögen über sie hinweg, ohne irgendeine Spur sichten zu können.

Sie zerrte an ihren Fesseln, doch das Plastikklebeband hielt fest wie ein Stahlband und schnitt nur noch schmerzhafter in ihre Handgelenke ein. Ihre Füße waren mit einem Bootsseil zusammengebunden. Man hatte ihr etwas Wasser zu trinken gegeben. Jedes Hungergefühl wurde von ihr verdrängt und drang deshalb auch gar nicht erst an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Was ihr fehlte, war Schlaf. Immer wieder drohten sich ihre Lider einfach zu schließen, um sie in einen erschöpften Dämmerzustand gleiten zu lassen, doch das durfte sie nicht riskieren. Sie musste sich dazu zwingen, wach zu bleiben und jeden Schritt der Entführer zu registrieren. Jede Unachtsamkeit könnte ihren Tod bedeuten... Sie hatte diese lange Reise nicht auf sich genommen, war den steinigen Weg bis zur ihrer Freiheit an Russells Seite nicht gegangen, um als verendeter Grottenmolch im knöcheltiefen Wasser einer zerklüfteten Klippenlandschaft zu enden.

‚Durchhalten’, schalt sie sich. ‚Es gibt ganz sicher eine Lösung!“

 

*****

Als der zartrosa Feuerball der Morgensonne seine ersten Strahlen über das spiegelglatte Meer sandte, zuckte der Pilot resigniert die Schultern: „Wir müssen wieder zurück, bin schon fast auf Reserve mit dem Treibstoff!“

Russell wollte sich nicht eingestehen, dass sie sich diese Nacht ganz umsonst um die Ohren geschlagen hatten. Als der Pilot eine letzte Runde drehte und den Flugvogel zurück zum Festland lenken wollte, gab es plötzlich eine Funkverbindung mit Joey. „Die Kerle haben Kontakt aufgenommen. Terry hält sie kurz hin, damit wir den Kontakt zu dir rüberleiten konnten. Achtung! Überlege was du sagst, Russ, verärgere sie nicht, bleib ruhig und gehe auf alles ein, was sie verlangen!“ Dann krachte es in der Verbindung und Russell vernahm die schnarrende Stimme des einen Mannes, die Gillaine in ihrer Gewalt hatten.

„Besser, du versuchst keine Dummheiten zu machen, wenn du dein Liebchen heil wiederhaben möchtest, Crowe!“ Er hatte Mühe den Mann zu verstehen.

„Ist sie wohlauf?“ überging er die Drohung. „Ich will ihre Stimme hören, sofort!“

„Bedingungen stellen wir“, schnarrte der Fremde.

„Ich zahle nicht ohne den Beweis, dass sie am Leben ist“, blieb er hart und der Fremde konnte nicht umhin sich einzugestehen, dass mit Crowe nicht zu spaßen war. Er würde nicht zahlen und Faysal war des Spielchens müde. Sein gereizter Bruder, der um die Beute schlich wie ein Wolf, der den rechten Augenblick abwartete, um sie verschlingen zu können, würde bald außer Kontrolle geraten.

Russell strengte sich an, sich kein Wort entgehen zu lassen und hörte einen Befehl, in der Sprache, die er nicht verstand, rufen. Nach unangenehmen Nebengeräuschen hörte er ihre Stimme und Adrenalin durchflutete seine Sinne wie ein warmer Quellfluss.

„Es geht mir gut, love!“ sagte ihre zitternde Stimme. Er hörte ihre Hoffnung aus der Stimme, die ihn anschrie wie ein stummer Gedanke, der sich auf ihn übertrug wie ein Stromschlag.

„Halt durch, Honey“, bat er. „Es ist bald vorbei!“ Er wollte noch hinzufügen, wie sehr er sie liebte, doch die Männerstimme meldete sich bereits höhnisch: „Das hängt ganz davon ab“, sagte sie nun. „Vor allem, wie es zu Ende geht, denn Tod ist nicht gleich Tod!“

„Wagt es nicht...!“ knirschte Russell und besann sich sofort wieder. „Wann und wo?“, forderte er,  um endlich die Dinge voran zu treiben, sie zu beenden.

„Ihr habt sicher bereits in der Bucht bei Sawtell herumgeschnüffelt“, konstatierte der fordernde Mann. „ Zieht alle Leute aus der Gegend ab. Ich sagte alle, und deponiert das Geld zwischen den Klippen, wo das Boot lag. Einer wird bei deiner Freundin bleiben, Mann, ich komme das Geld holen. Mein Bruder ist ein sehr unbeherrschter Mensch, und wenn ich nicht mehrmals eingeschritten wäre, hätte er deiner Liebsten bereits die Kehle durchgeschnitten oder Schlimmeres. Nimm mich ernst, Mann! Es ist die Wahrheit! Also keine Hinterhältigkeit. Wenn ich um eine gewisse Zeit nicht zurück bin, wird er sich erst mit ihr auf seine besonders animalische Art vergnügen und ihr dann kleinweis die Haut abziehen, ist das klar?“

„Sonnenklar“, bestätigte Russell und wusste, dass das keine leere Versprechungen waren, die der Mann ihm vorbehaltlos androhte. Er wusste, dass diese Balkanvölker für ihre Grausamkeiten bekannt waren. Während der vergangenen Kriege hatten sie ihre Fähigkeiten, andere Menschen zu quälen, oft genug unter Beweis gestellt. Wahrscheinlich hatten sie sich seither kaum geändert...

„Mittags ist das Geld dort, und sonst nichts und niemand! Anschließend melde ich mich und sage dir, wo du die Frau abholen kannst!“

„Welche Garantie habe ich?“

„Keine“, kam die kalte, spontane Antwort. „Aber du hast keine Wahl!“ Die Verbindung wurde unterbrochen.

„Wir treffen ihren Bruder und meinen Kollegen in Sawtell auf der Polizeistation“, riss Finnley, der Agent von Interpol, Russell aus seinen Überlegungen.

„Wir haben etliche Stunden vor uns, das schaffen wir spielend!“

Er nickte und fasste den Entschluss, dass, hatte er Gillaine erst einmal in Sicherheit gebracht, er die Kerle, wenn nötig, um den Erdball jagen würde. Vielleicht trieben ihn auch seine Selbstvorwürfe zu dem Entschluss an. Er hatte sie ausgelacht, wenn sie vor Angst, erkannt zu werden, geschlottert hatte. Er hatte sich über sie geärgert, und nun  war genau das eingetreten, was er nicht wahrhaben wollte, dass es je passieren könnte. Sie würden nicht ungeschoren davon kommen und sein Geld in den Bordells von Tirana verprassen, wo sie ihn verlachten und sich über das Gelingen ihrer heimtückischen, bösartigen Tat freuten!

 

Joey meldete sich erneut: „Wir wissen ziemlich genau, woher der Funkspruch kam“, frohlockte er. Er gab die Breitengrade durch, doch betonte, dass man nichts unternehmen wollte, solange die beiden Verbrecher sich nicht getrennt hatten und der eine von ihnen sich auf den Weg machte, das Geld abzuholen. „Bevor er ins gemeinsame Versteck zurückkommen kann, um seinen Komplizen abzuholen, schnappen wir uns diesen und befreien Gillaine Lapierre! Die alte List: wir kommen von rückwärts an die Küste heran.“

„Gefährliche Sache!“ gab Russell zu bedenken und stellte sich ungern vor, wie der Mann Gillaine die Kehle durchtrennte. „Wenn Ratten keinen Ausweg sehen, dann greifen sie an!“

„Oder sie verlassen das sinkende Schiff!“ gab der Chief zu bedenken. „Wir haben keine Wahl, das weißt du“, meinte er eindringlich. „Du weißt so gut wie ich, dass sie Gillaine nicht lebend zurück lassen. Warum sollten sie? Damit sie eine genaue Beschreibung ihrer Visagen liefert? Das sind Profis, Russ, und sie tun das nicht zum ersten Mal!“

Russell nickte überflüssigerweise, denn genau eben diese Befürchtung hegte auch er.

„Ich will dabei sein, Joey!“ beharrte er und der Sergeant versuchte erst gar nicht, ihn von seinem Entschluss abzubringen. Bevor er eigenmächtig handelte und selbstmörderische Aktionen startete, sah er ihn lieber in seinen eigenen Reihen.

24  – Showdown

 

Die teure Armbanduhr wechselte vorübergehend den Besitzer.

„Es ist jetzt kurz vor zehn“, sagte Faysal und sah zu, wie Mirko die Uhr an seinem rechten Handgelenk befestigte. „Ich habe Zeit genug, zurückzufahren und das Geld zu holen. Wenn ich zu früh dran bin, dann verstecke ich mich zwischen den Klippen, es ist wichtig, dass ich den Zeitplan einhalte. Sie werden es nicht wagen, sich nicht an die Abmachung zu halten, und mich deshalb unbehelligt abziehen lassen. Ich habe da keinerlei Befürchtung. Wenn wir beide abhauen, kalkulieren wir einen genügend großen Vorsprung ein, bis wir ihre Position durchgeben.“

Mirko grinste mit einem Seitenblick auf die Gefangene.

„Lass sie nicht aus den Augen, wage dich nicht vor den Felsvorsprung, damit dich niemand sehen kann, hörst du?“

Der Mann nickte dazu. „Sei unbesorgt, Bruder! Ich hab das im Griff!“

„Wenn ich bis spätestens 2.00 Uhr nachmittags nicht zurück bin, dann mach’ sie kalt und schlag’ dich irgendwie durch!“

Es schien ihm einerlei zu sein, dass er, im Falle seiner Festnahme, wegen Anstiftung zum Mord vor Gericht kam. Die Dinge nur halb durchzuziehen, erschien ihm schlimmer als eine lebenslange Gefängnisstrafe. Auch Verbrecher haben ihre Prinzipien...

Sie hatte die Konversation auf albanisch nicht verstanden, doch die eindeutige Geste, als Faysal den Finger quer über seine Kehle zog, sagte mehr aus, als Worte es vermochten!

Es ging also los! Dass der Ältere sie hier mit dem einfältigen, gefährlichen Kerl allein zurück ließ, jagte ihr einen Schauer nach dem anderen über den Rücken, doch sie hoffte immer noch, dass Russell mit Hilfe der Polizei ihr Versteck ausfindig machen konnte, um ihr das Ärgste zu ersparen.

„Wir werden und schon nicht langweilen“, versicherte Mirko anzüglich und blickte viel sagend auf seinen verbundenen Zeigefinger.

„Ich will, dass du keine Schweinerei hinterlässt! Wenn es sein muss, dann machst du das so sauber wie möglich.“

„Fahr schon los, Bruder“, ermutigte ihn der Jüngere. „Ich bin nicht so blöd, wie du glaubst. Ich mach’ das schon! Du wirst zufrieden sein mit mir!“

Faysal nickte leicht, nicht besonders von Mirkos Versprechen überzeugt und stapfte zum Boot. Die Luft schien rein zu sein. Der Weg würde frei sein für ihn und seine Flucht. Während er ins Boot sprang und Mikro die Vertäuung vom Felsen löste, warf er einen letzten Blick zurück und bedauerte keine Sekunde lang, dass er seinen Blutsverwandten dem eigenen Schicksal überantwortete. Ihr gemeinsamer Weg endete hier und jetzt. Lange genug hatte er ihn ertragen müssen. Irgendwann hatte auch ein Versprechen ein Ende. Mutter war seit langem tot, er hatte seine Pflicht getan. Schließlich lag das Leben noch vor ihm und ein Klotz vom Ausmaße seines Bruders am Bein, konnte ihm die, ohnehin ungewisse Zukunft, mehr als vergällen. Er grinste ihm noch einmal aufmunternd zu und begann sich auszumalen, wie er seinen Fluchtweg quer durch dieses große Land gestalten würde, ohne dabei in die Hände der Polizei zu fallen.

 

*****

Er saß ihr gegenüber und beobachtete sie lange Zeit hindurch, ohne ein Wort zu sagen. Manchmal kratzte er seine unrasierte Wange oder spielte mit seinem Messer. Herausfordernd und prahlerisch lieferte er ihr eine Show seines Geschickes mit der Waffe. Er traf sogar eine Schwimmratte, als er mit seinen Messerwerfübungen auf sie zielte. Gillaine schüttelte sich angewidert, als er ihr das aufgespießte Tier präsentierte. Sie war froh, dass der kleine Pelzling gleich tot gewesen sein musste und nicht gelitten hatte.

„Leider können wir es nicht braten“, bedauerte er und warf es ins Wasser vor die Grotte. „Die Rauchzeichen würden uns verraten!“

Er kramte in den Plastiksäcken und beförderte eine Packung Chips ans Tageslicht.

„Hast du Hunger, Frau?“ fragte er und sie schüttelte den Kopf.

„Umso besser“, frohlockte er und begann genüsslich aus dem Paket zu essen. „Ich hätte dir nämlich nichts abgegeben, außer...“

Sein Blick blieb an ihrem Busen hängen, und sie musste es zulassen, da ihre Hände auf dem Rücken gefesselt waren. Die feuchte Kälte ließ ihre Brustwarzen hart unter ihrem Sweatshirt sichtbar werden und ohnmächtig war sie sich dessen bewusst.

Das Meer stieg weiter an und sie saß bereits bis zum Nabel im Wasser, fror und betete, sich nicht eine Nierenbeckenentzündung zu holen, oder schlimmeres.

„Mir ist kalt!“ sagte sie trocken und ein wenig flehend.

Der Albaner wiegte bedauernd den Kopf hin und her. „Ich könnte dich ja wärmen, aber ich müsste dir vorher den Mund stopfen, damit du nicht wieder auf die Idee kommst, mich zu beißen!“

Sie ignorierte seine Ironie und starrte auf die See hinaus, horchte auf ein Geräusch, doch alles war ruhig. Wahrscheinlich war man auf Faysals Forderung bereits eingegangen und hatte die Suche nach ihr abgebrochen. Mehrmals fuhren nachts Boote unweit des Klippenversteckes vorbei, doch sie waren immer unentdeckt geblieben. Jedes Mal, wenn sie sich schon gerettet glaubte, entfernte sich der Suchtrupp nach und nach, bis nichts mehr zu hören war.

Die beiden Männer hatten dann die gezogenen Waffen wieder eingesteckt und sich entspannt. Sie hatten abwechselnd geschlafen, erst der Jüngere, dann sein Bruder. Doch sie selbst hatte sich dazu gezwungen, den Schlaf nicht zuzulassen. Heute, nach beinahe vierundzwanzig Stunden in der Gewalt der Killer, fühlte sie sich ausgelaugt und müde. Die Zeit schlich dahin wie eine alte Schnecke und hinterließ ihre schleimigen Spuren auf ihrer gepeinigten Seele und ihrem vor Kälte schlotternden Körper.

„Ich könnte mich doch weiter nach oben setzen“, begann sie einen weiteren Versuch, sich aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Noch eine gute Stunde hier im kalten Wasser sitzen zu müssen, die Vorstellung reichte aus, um mutiger zu werden.

„Was macht dir das schon aus, ob ich hier sitze oder auf dem Trockenen?“

Er stopfte sich erneut den Mund mit Chips voll und antwortete glucksend: „Es macht einfach Spaß, dich so zappeln zu sehen. Vielleicht verwandelst du dich am Ende in eine Meerjungfrau!“ Er lachte wiehernd und sie blickte wütend in seine Richtung. Die Art von Humor, die dieser Kerl besaß, musste erst noch erfunden werden!

Sie strengte ihre Augen an und sah auf seine Uhr. Kurz vor zwölf. Der Komplize musste also bereits am Ziel seiner Wünsche angekommen sein und das Lösegeld übernommen haben. Russell hatte Millionen für sie bezahlt. Sie befürchtete allerdings, dass er sein Vermögen für ihre Leiche verschwendete.  Faysals unverständliche Worte, die seine „Abmurks-Geste“ begleiteten, hatten ihrer Person gegolten, davon war sie überzeugt.

Sie konzentrierte ihre Gedanken an die Stunden, die sie mit Russell im Orara Valley verbracht hatte, und versuchte dabei, ihre Kälteschauer weitgehend zu ignorieren...

 

*****

 

Sie hatten den Entführer beobachtet, wie er in der Bucht bei Sawtell ankam und das Geld abholte. Das Gebiet ringsum wurde hermetisch abgeriegelt und die Polizei hatte alle Hände voll zu tun, die Journalisten und Fernsehleute mit allgemeinen Informationen, die wenig Aufschluss über das wirkliche Geschehen gaben, hinzuhalten. Der Aufwand des Grosseinsatzes war nicht unbemerkt geblieben, und die Nachricht, dass irgendetwas auf der Crowe Farm vorging, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der gesamten Region. Hubschrauber kreisten über der Farm und Terry beobachtete die Situation mit zusammengebissenen Zähnen. Er hatte die Posten verstärken lassen und ein paar Reporter versuchten, quer über die Weiden ans Haus heranzukommen. Sie griffen zu allen Mitteln, um die Leute zu vertreiben und ließen sogar die Hunde los. Nun reihten sich die Vans der Presseleute auf den Zufahrtsstrassen wie eine lose Perlenkette hintereinander auf und die ellenlangen Teleobjektive blitzten in der Sonne, wie Gewehrläufe, die auf Crowes Anwesen zielten.

 

Grimmig dachte Terry, dass es immer noch besser war, sie lungerten hier herum, als sie behinderten die Polizei bei ihrer Arbeit.

Jo Crowe und ihr Mann Alex saßen auf der Veranda. Neben ihnen lehnte die geladene Schrotflinte, und einer der Hunde hatte seinen Kopf in Jos Schoss gelegt, von wo aus er sie mit großen, fragenden Augen anblickte. Sein sensibler Hundeverstand hatte ihm längst gesagt, dass etwas Ungewöhnliches vor ging und Jo kraulte gedankenverloren sein glattes Fell. „Ja“, sagte ihre leise Stimme. „Ich wüsste genauso gern wie du, was da draußen vor sich geht!“

Froh darüber, dass Russell endlich eine Frau gefunden hatte, die er mehr als nur ein paar Wochen oder Monate ertrug, bestand nun die ernsthafte Gefahr, dass er sie auf tragische Weise verlor. Sie streifte Alex mit einem Blick. Der Mann an ihrer Seite war seit vielen Jahrzehnten ihr Gefährte, den sie liebte und der alles für sie und die Jungs getan hatte. Sie hatte sich immer gewünscht, dass Russell wie er werden würde. Doch er war so von seinem Ehrgeiz besessen und strebte schon von klein auf nach Größerem. Er musste der Welt erst beweisen, was in ihm steckte. Das hatte er. Es war Zeit daran zu denken, leiser zu treten, vernünftig zu werden. Vernunft war ein Wort, das nichts zu suchen hatte im Vokabular ihres Sohnes. Er hatte nichts mehr zu beweisen. Sein Talent hatte ihn an die Spitze des Filmgeschäfts katapultiert. Rauchen, saufen, huren – das musste endlich ein Ende haben, beschloss sie.

Als sie Gillaine das erste Mal gegenüber gestanden hatte, und die schüchterne, zarte Frau sie unsicher anblickte, hatte sie gefühlt, dass diese verunsicherte Person mit vielen Problemen und schlimmen Erinnerungen behaftet war. Sie war so sicher gewesen, dass Russell ihr Leben in die Hand nehmen konnte und es in die richtige Bahn lenkte. Der Blick, mit dem er sie bedachte, gab ihr Aufschluss darüber, dass er entschlossen war, es zu tun. Dass sie ihm gehörte, dass sie sich ihm mit Leib und Seele überlassen hatte.

 

Sie verzog unwillkürlich das Gesicht und dachte an die früheren Gefährtinnen ihres Sohnes zurück. Die, die sie gekannt hatte. Die alte Geschichte mit Danielle. Alle hatten geglaubt, die beiden würden für immer ein Paar werden. Es war eine Art Kraftziehen gewesen. Karriere und Liebe vertrugen sich nicht immer....

Und dann diese Amerikanerin. Sie mochte sie vom ersten Moment an nicht, als Russell sie vor Weihnachten mitgebracht hatte. Ihr hübsches Unschuldsgesicht und der blonde Lockenkopf konnten sie nicht täuschen. Sie war eine sehr bekannte Schauspielerin gewesen, die dazumal mehr als Russell für eine Filmrolle abkassierte. Weltberühmt, beliebt, beneidet! Sie las den Ehrgeiz in ihren Augen, ihre Entschlossenheit und ihre Stärke.

Sie hatte sich burschikos und locker gegeben, schien glücklich zu sein an Russells Seite. Lachte hell wie ein Glöckchen. Sie hatten einen Film miteinander gedreht und waren sich dabei näher gekommen. Irgendjemand hatte ihr gesagt, dass sie sich ihrem Sohn an den Hals geworfen hatte, doch sie gab nichts auf diese Tratschereien. Sicher war, dass sie es verstanden hatte ihn zu trösten, als ihr Schwager Dave starb, Russells geliebter Onkel. Er schien glücklich mit ihr zu sein, also akzeptierte sie seine Wahl. Angeblich ließ sie sich für ihn von ihrem ebenfalls berühmten Schauspielermann scheiden... Hatte einen Sohn... Russell wollte Kinder von ihr, bald, gleich...

 

Weihnachten rief sie ihn an und erklärte, dass sie nie so leben könnte wie er. Australien war ihr verhasst.

Sie redete sich auf ihren Sohn aus.

Die tollsten Meldungen gingen durch die Presse. Einmal war sie es, die verlassen wurde, dann war er es.

Jo wusste es besser.

Russell hatte sich nach dem Telefonat zwei Tage lang in seinem Zimmer eingesperrt. Das würde sie der Frau nicht vergessen.

Dann war Danielle wieder auf der Bildfläche erschienen, als erfolgreiche Trösterin. Aber Abstriche wollte auch sie nicht machen.

Und Russell zog weiter durch die Betten von Skandalflittchen und prominenten Frauen. Sein Hunger nach Vergnügungen und Exzessen, die nicht selten in Raufereien endeten, konnte durch nichts gebremst werden. Er hatte sich die Flügel verbrannt. Man hatte ihn deswegen geschmäht und er hatte einen OSCAR dafür eingebüsst. Sie wusste, wie nahe ihm das ging, auch wenn er öffentlich erklärt hatte, dass es ihm nichts ausmachte. Diese Freude vergönnte er den Machthabern in Hollywood schon gar nicht!

Der letzte Film katapultierte ihn wieder ganz nach oben, er wurde abermals der Liebling Hollywoods und nahm dieses Privileg scheinbar gönnerhaft und sehr gelassen hin.

Dann kam diese Frau aus Europa. Gillaine. Und er sah sie an, wie er nicht einmal dieses blonde Püppchen aus Beverly Hills angesehen hatte....

*****

 

Sie beobachteten Faysal, wie er in Richtung Norden davon fuhr. Erst überrascht, dass er die entgegen gesetzte Richtung einschlug, hatten sie rasch verstanden. Der Mann wollte sich allein absetzen. Mit den fünf Millionen in seiner Tasche konnte er sich die Freiheit, ein neues Leben erkaufen. Dachte er zumindest...

Ganz soweit ging die Bruderliebe also nicht, um die erbeutete Summe zu teilen. Das bestätigte die Vermutung des Interpol Agenten Finnley, dass Gillaines Ermordung eine längst beschlossene Sache war.

Als die beiden Schiffe der Küstenwache dem Albaner den Weg von beiden Seiten her abschnitt, setzte er alles auf eine Karte. Er zog seine Waffe und feuerte wild drauf los, um sich den Weg nach Norden frei zu schießen.

Über das Megaphon dröhnte Finnleys Stimme über die See: „Ergeben Sie sich! Sie haben keine Chance, Mann! Werfen Sie die Waffe ins Wasser!“

Die Schiffe kamen rasend schnell näher. Sie hatten ihn ausgetrickst! Es lag ihnen scheinbar nicht viel am Leben dieser Frau. Mirko würde ihr mit Vergnügen den Hals durch trennen. Faysal blieb keine Zeit zum Überlegen. Joey und Russell suchten Schutz hinter den kugelsicheren Scheiben ihres  Schiffes, als erneut ein Hagel von Geschossen auf sie niederging.

„Dem Mann wird die Munition ausgehen, wenn er so schiesswütig weiter tobt“, vermutete Joey, doch Faysal holte eine 22ger Büchse hervor und feuerte erneut drauf los.

Er wusste, dass er verloren hatte. Er würde es beenden, doch auf seine Art, und nicht im Gefängnis hier oder drüben!

Die Salve riss ein enormes Loch in den oberen Bug des rechten Schiffes und verfehlte einen Mann nur um Haaresbreite.

„Feuer frei“, schrie Finnley,  und die beiden Scharfschützen zielten und trafen. Sie sahen, wie der Albaner mit den Armen wild in der Luft ruderte, bevor er nach hinten über Bord ins Wasser stürzte. Als die Küstenwachboote die Yacht erreichten, und einer der Männer an Bord sprang, um den Motor abzustellen, genügte ein Blick, der Aufschluss über das Schicksal des Entführers auf grausigste Weise bot: Hinter dem Heck des Kahns zog sich eine rot gefärbte Spur durchs schäumende Wasser. Faysal hatte sein Leben in der eigenen Schiffsschraube verloren, es war nichts mehr von ihm übrig. Als die Polizisten versuchten, seine Überreste aus dem Wasser zu fischen, kamen ein paar Dreiecksflossen, Torpedo gleich, an die Unfallsstelle geschossen und machten den Männern die Leckerbissen streitig.

Das Meer schien zu kochen, es schäumte um die sich windenden, silbrig glänzenden Fischleiber, wie aufgerührte Seifenlauge.  Das Schnappen der gierigen Haimäuler veranlasste die Menschen dazu, den Tigern des Meeres ihren Anteil zuzugestehen. Da war nichts mehr zu machen! Das Polizeiprotokoll würde Aufschluss über das Verschwinden des Gesuchten geben.

Russells Geld wurde sichergestellt und angesichts des grausamen, wenn vielleicht auch selbst herbei geführten Schicksals, das den Albaner ereilt hatte, behielt die Erleichterung über den Ausgang der Sache die Oberhand, ohne dass man sich wirklich darüber freuen konnte. Es war noch nicht vorbei. Russell starrte lange auf den Unfallort zurück, als sie bereits die Küste ansteuerten, um per Helikopter in die Nähe der Bucht, aus der die Funksignale gekommen waren, zu gelangen. Er verspürte weder Mitleid noch Freude. Nur Abscheu über die Geldgier gewisser Menschen, und Angst um Gillaine. Unbewusst umfassten seine Finger das Holzkreuz, das er immer um den Hals trug und strich sein vom Fahrtwind zerrauftes Haar hinter die Ohren zurück. Er wünschte, sie hätten auch den anderen Kerl endlich in ihre Gewalt gebracht, ohne dass dabei Gillaines Leben aufs Spiel gesetzt werden musste. Doch wenn er sie wiederhaben wollte, war das nicht zu umgehen.

 

*****

 

 

In der letzten halben Stunde hatte der Albaner an die zwanzig Mal auf die Uhr gesehen und begann dann unruhig auf und ab zu laufen. Trotz Faysals Warnung begab er sich vor die Höhle und suchte den Horizont nach seinem zurück kehrenden Bruder ab.  Ihr blieb maximal eine gute Stunde, in der sich der Ausgang ihrer Geschichte entscheiden würde. Von der Ahnung beschlichen, der Ältere könnte sich allein aus dem Staub machen, versuchte sie trotz ihrer Fesseln, etwas höher zu rutschen, um sich des kalten Wassers zu entziehen, das sie höher und höher umspülte und bereits fast bis an ihre Brust reichte. Wenn die Flut komplett einsetzte, würde sie wahrscheinlich ertrinken. Sie konnte sich nicht entscheiden, welche Art zu sterben der anderen vorzuziehen war – ertrinken oder mit durchgeschnittener Kehle zu verbluten. Am Ende stand der Tod, ob so oder so.

Mirko hatte ihre Versuche, auf die höher gelegenen Felsen zu gelangen, bemerkt und blickte sich finster nach ihr um.

„Wenn mein Bruder in der nächsten halben Stunde nicht zurück ist, dann hat man ihn geschnappt und dein Freund schert sich einen Dreck um dein Leben!“ Sie antwortete nicht, denn darauf gab es keine Erwiderung. Nicht, das sie an Russells Widerwillen zu zahlen glaubte, jedoch auch der Polizei unterliefen Fehler. Dieser hier könnte für sie fatal werden.

„Er könnte ja auch eine Motorpanne haben und braucht deshalb mehr Zeit für die Rückfahrt...“ versuchte sie einzuwenden, doch Mirko schüttelte den Kopf.

„Und wenn er gar nicht zurückkommen will?“ fragte sie einer plötzlichen Eingebung folgend. Diese Vorstellung war nicht nur für den Albaner schrecklich, sondern würde auch ihr endgültiges „Aus“ bedeuten.

Falten bildeten sich auf der Stirn des Mannes. Er schien kurz zu überlegen. „Nein“, sagte er mit fester Stimme. „Er ist mein Bruder, das würde er nicht tun!“

„Ich wäre mir da nicht so sicher“, harkte sie nach. „2, 5 Millionen sind keine 5 Millionen. Da kommt man schon in Versuchung...“

Er machte ein paar drohende Schritte auf sie zu und holte zum Schlag aus, doch unterließ es dann schließlich, sein Vorhaben auszuführen.

„Er würde es nicht wagen“, knirschte er, etwas unsicher geworden. „Er könnte sich im letzten Erdloch dieser Welt verstecken, ich würde ihn finden und er weiß das!“

„Wie willst du ohne Geld hier wegkommen?“ fragte sie. „Sie würden dich in Kürze schnappen! Das einzige, was dich noch retten könnte, ist, dass du mich freiwillig zurückbringst und dich ergibst. Ich würde zu deinen Gunsten aussagen! Wir könnten irgendwie über die Felsen nach oben klettern und die nächste Strasse suchen, wo man uns dann fände und mitnähme!“

Er grinste spöttisch auf sie herab. „Also so hast du dir das ausgedacht! Mirko, der Idiot wird schon anbeißen! Du denkst zuviel Frau! Wenn Faysal nicht zurückkommt, egal aus welchem Grund auch immer, dann...“ Er vollführte die unmissverständliche Geste an seiner eigenen Kehle und sah dann abermals auf die Uhr.

Er hockte sich neben sie auf die Fersen, darauf bedacht, seine Schuhe nicht nass zu machen und kramte nach seinen Zigaretten. Er wollte ihr ebenfalls eine zwischen die Lippen schieben, doch sie wehrte ab.

„Du könntest dir noch ein bisschen Gutes vergönnen, in der kurzen Zeit, die dir noch bleibt“, grinste er. „Wir hätten viel Spaß miteinander gehabt, wenn du vernünftiger gewesen wärst, Frau!“ Dabei blickte er viel sagend auf seinen verbundenen Finger. Mit der freien Hand grabschte er nach ihren Brüsten, die fast gänzlich von Wasser bedeckt waren und sie versuchte ihn mit einer brüsken Körperdrehung abzuwehren. Doch er schob frech die gesunde Hand unter ihr Sweatshirt und betastete ihr kühles Fleisch. „Du bist kalt wie ein Fisch“, konstatierte er grinsend. „Da könnte es mir doch glatt vergehen...“

Er stand ruckartig auf und packte sie unter den Achseln, um sie höher zu ziehen, raus aus dem unfreiwilligen Bad.

„Besser?“ fragte er, als sie auf trockenem Felsgestein zu sitzen kam.

Sie nickte und hoffte, er würde von ihr ablassen und sie nicht weiter bedrängen.

„Ich werde deine Handfesseln lösen, damit du das durchweichte Ding ausziehen kannst“, bestimmte er und sie konnte das Flackern in seinen Augen sehen, das sie bereits an ihm kannte, wenn er bestimmte Absichten im Bezug auf sie hatte.

„Nicht nötig“, versuchte sie einzuwenden, und ihr mulmiges Gefühl verhieß ihr nichts Gutes. Warum plötzlich dieses ungewöhnliche Mitgefühl? Wollte er sie ihrer Kleider berauben? Sie würde es ihm nicht leicht machen, an sie heran zu kommen.

Er war schon dabei, die Klebebänder um ihre gefesselten Hände durchzuschneiden, und jetzt erst merkte sie, wie gefühllos ihre Finger sich anfühlten. Starr und steif. Sie bewegte sie mühsam, um die Durchblutung anzuregen. Ihre Schultern schmerzten ebenfalls höllisch von der unnatürlichen Stellung die sie seit unzähligen Stunden hatte einnehmen müssen, und sie stöhnte unterdrückt, als sie erst die eine, dann die andere Schulter zu bewegen versuchte.

Mirko war hinter sie getreten und schob ihr, noch bevor sie protestieren konnte, den nassen Pulli über den Oberkörper und Kopf. Ihre gefühllosen Arme wurden nach oben gezogen, wie die einer Stoffpuppe. Mühsam bedeckte sie ihre Blöße mit ihren Armen, denn das knappe Hemdchen zeigte mehr her, als es verbarg und klebte nass und eng an ihren Brüsten.

Fröstelnd wollte sie das nasse Shirt aus Mirkos Hand an sich reißen, doch er hatte es bereits in hohem Bogen in den rückwärtigen Teil der Grotte geworfen und sah höhnisch auf sie hinunter. Sein Zeigefinger deutete auf die Armbanduhr seines Bruders. „Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit, Süße! Aber eine rasche Nummer ist immer noch drin! Ich habe es dir ja versprochen!“

Sie versuchte aufzustehen, was ein Ding der Unmöglichkeit war, da ihre eng aneinander gefesselten Knöchel sie daran hinderten, sich auch nur einen Zentimeter zu rühren.

„Du lässt mich in Ruhe!“ zischte sie böse. „Mach dich lieber rasch auf den Weg, denn dein verdammter Bruder hat dich sitzen lassen und ist bereits auf dem Weg nach Sydney, um ohne dir ein neues Leben zu beginnen. Hast du das noch immer nicht verstanden?“

Er funkelte sie gehässig an, bevor er sich neben sie setzte und mit seinem Messer ihren Hals spielerisch entlang fuhr.

„Wenn es so ist“, knurrte er, „dann solltest du deine letzte Nummer noch besonders genießen!“

Er drängte ihren empfindsamen  Rücken auf die spitzen Felsen zurück, und versuchte ihren Oberkörper mit dem seinen niederzudrücken. Eine Hand zerrte ungeduldig an den zarten Trägern des Hemdchens und die andere hielt sie eisern umklammert. So konnte sie ihm nicht einmal die Augen auskratzen! Sie wand und wehrte sich, doch sein unrasiertes, dunkles Gesicht kam dem ihrem immer näher und blickte sie zufrieden grinsend an. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, als freue er sich über eine besonders schmackhafte Mahlzeit, und sie musste an sich halten, um ihn nicht verächtlich anzuspucken. Doch sie hatte genug, seine brutalen Puffer und Ohrfeigen abbekommen und hielt sich deshalb zurück.

 

Über seine Schulter hinweg konnte sie sehen, das ein wenig Geröll über den Ausgang der Grotte abgebröckelt war, und der kleine Steinschlag war von ihm unbemerkt geblieben, so sehr nahm ihn ihr hilfloser Anblick gefangen. Das brachte sie auf die Idee, ihre freie Hand tastend nach einem Stein, der groß genug war, um damit zuschlagen zu können, über den Boden zu bewegen. Als sie endlich gefunden hatte, was sie suchte, schlug sie mit all ihrer Kraft damit auf seinen Kopf, traf jedoch nur seinen Nacken und wich zurück. Er brüllte wütend auf und versuchte nach ihrer Hand zu greifen. Mit dem Mut der Verzweiflung schlug sie erneut zu, bevor er sie neutralisieren und ihr die primitive Waffe entwenden konnte, und traf diesmal die Schläfe des Kerls. Er ließ vorübergehend, etwas benommen von ihr ab. 

Schließlich zog sie verzweifelt die Knie an und traf ihn in den Magen. Er stöhnte ein wenig und fiel zur Seite. Irgendwie schaffte sie es, sich das Messer zu schnappen, das er achtlos neben sie gelegt hatte, als er sich dem vergnüglichen Teil der Situation widmen wollte. Er war überrascht und angeschlagen. Ein weiterer, weitaus heftigerer Steinschlag, der von dem überhängenden Felsgestein bröckelte, ließ ihn unachtsam werden. Er blickte entgeistert zum Ausgang, und sie nützte diese Gelegenheit, um ihm das Messer in die Schulter zu rammen. Er stöhnte auf und griff nach der Wunde, die sie ihm zugefügt hatte. Ihr graute vor dem Widerstand seines Fleisches. Die Klinge wurde  von seinem Knochen abgeblockt und  er schrie laut und schmerz erfüllt auf. Sie  wollte das Messer in hohem Bogen angeekelt von sich werfen. Doch rechtzeitig besann sie sich eines besseren und rollte sich Hügel abwärts ins Wasser, wo sie außer seiner Reichweite war. Hastig und zitternd begann sie das Seil um Ihre Füße durchzusägen, was überraschenderweise einfach war. Die Schärfe der Waffe schien beachtlich zu sein und war ihr jetzt von Vorteil!

Er stöhnte und richtete seinen flackernden Blick auf sie. Sie sah den Hass darin kochen. Er versuchte sich hoch zu rappeln, doch sie war schneller und bedrohte ihn abermals mit dem Messer. Ihre Beine waren frei und sie kam nur mühsam hoch, mit erhobenem, drohendem Arm, der das Messer auf ihn gerichtet hielt.

Ihre Beine waren ebenso gefühllos wie zuvor ihre Arme. Sie musste es schaffen, sich weiter in die Höhle zurück zu ziehen, um sich dort irgendwo zu verstecken! Es war unmöglich nach draußen zu laufen, wo der Ozean auf sie wartete, und mit ihren schmerzenden Gliedern konnte sie es niemals schaffen, die steilen Felsen hochzuklettern. Er hätte sie trotz seiner Verletzung die stark blutete, bald eingeholt. Er hatte jetzt nichts mehr zu verlieren und würde sie wie ein Tier abschlachten, daran bestand kein Zweifel.

Sie stolperte los, ohne sich weiter um den schreienden Mann umzusehen. Er war vorerst beschäftigt, sich um seine Wunde zu kümmern und wieder klar zu denken. Das verschaffte ihr genug Vorsprung, um in die dunkle Höhle einzudringen. Denn er würde nach seiner Waffe suchen und ihr hinterher schießen. Entweder sie wurde von Felsbrocken erschlagen, die er aus der Wand schoss, oder eine seiner Kugeln traf sie direkt. Sie setzte vorsichtig ihre schmerzenden Beine auf Geröll und Gestein und tastete sich die kalte Felswand entlang. Langsam wurden ihre Glieder wieder durchblutet und sie spürte, wie lebendig sie sich nach und nach anfühlten. Ihre Schritte wurden sicherer.

Die Felsgalerie führte sie ins Ungewisse und sie musste befürchten, den Weg nach draußen nicht mehr zu finden. Doch es blieb  keine Zeit für konkrete Überlegungen und logische Schlussfolgerungen! Sie musste weg, sich verstecken, es gab nur diese eine Chance! Wenn der andere Albaner dennoch mit dem Geld zurückkam, was sie eigentlich nicht mehr wirklich glaubte, würden die beiden abhauen, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Darauf setzte sie all ihre Überlebenschancen.

Mit schlotternden Knien lehnte sie sich an die Steinwand und wagte einen Blick zurück. Der kleine Lichtkegel, den sie noch erkennen konnte, gab keinerlei Aufschluss darüber, ob sie bereits verfolgt wurde, oder der verletzte Mann immer noch seine Wunden leckte. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Der reflektierende, weiße Kalkstein ermöglichte es immerhin, dass sie nicht völlig im Finstern umher tappte. Sie machte mehre Schachtgänge aus und entschied sich, für den linken. Ahnungslos, wie weit er sie in die Grotte führen würde, wagte sie sich dennoch vorsichtig vor. Sie kletterte über größeres Gestein und folgte dem natürlichen Weg, der von der Natur selbst gegraben worden war. Sie verlor jegliches Zeitgefühl. Weiße Atemwölkchen  standen vor ihrem Gesicht und erst jetzt wurde ihr bewusst, dass sie halbnackt in eine Unterwelt lief, die sie weder kannte, noch besonders schätzte. Aber gab es denn einen anderen Weg? Sie musste irgendwo versteckt warten. Erst später würde sie es wagen zurück zu laufen, wenn sie sicher sein konnte, dass die beiden entweder längst über alle Berge waren, oder schlimmstenfalls, der Albaner durch seine Verletzung geschwächt und unfähig war, ihr nach zu steigen. In einer Felsmulde kauerte sie sich schließlich zusammen, legte den müden Kopf auf die Knie und zog die nackten Arme eng an den Körper um der feuchten Kälte so wenig Angriffsfläche als möglich von sich selbst zu bieten. Sie lauschte den eigenen, hastigen Atemzügen, die sich allmählich beruhigten.

‚Noch lebe ich’, versuchte sie sich zu trösten. ‚Das ist schon sehr viel mehr als ich noch vor kurzem erwarten durfte’.

Trotz ihrer Müdigkeit verzichtete sie auf Schlaf und summte leise vor sich hin, um sich wach zu halten. Über ihr erwachte die Höhle zum Leben. Kleine, dunkle Körper flatterten geräuschlos über sie hinweg, drängten aus der Galerie, dem Licht entgegen und den Nahrungsquellen der Küste. Fledermäuse hatte sie noch nie gefürchtet, sie mochte diese kleinen Gesellen und fand sie sogar niedlich. Schlangen waren schon etwas anderes. Australien wimmelte davon. Sie konnte also nur hoffen, dass es diesen hier drinnen zu kalt und feucht war, und sie sich mehr auf Sonnenplätze spezialisiert hatten! Viele Gedanken schossen durch ihren Kopf. Hatte wirklich sie das alles erlebt? Würde sie aufwachen aus diesem Traum, der friedlich und viel versprechend begann, um ganz plötzlich in diesen Wahnsinn von Albtraum umzukippen? Ihre Erschöpfung ließ sie keinen klaren Gedanken mehr fassen und die Erinnerungen zuckten wie bunte, Unzusammenhängende Blitze durch ihr zermartertes Hirn. Die Zeit schien still zu stehen. Die Welt war dabei sie zu vergessen...

 

*****

Der zweite Teil der Fahndungsaktion lief auf vollen Touren. Die Männer hatten sich über den Landweg heran angepirscht. Das Gebiet war seit langem wegen Einsturzgefahr gesperrt. Trotzdem gab es immer ein paar abenteuerlustige Touristen, die sich an die Verbotstafeln nicht hielten. Joey studierte die Karte und sein Finger tippte schließlich auf eine bestimmte Stelle.

„Sie sind genau hier unten“, sagte er überzeugt, und Russell kniff trotz der dunklen Brille die Augen zusammen, um sich auf den Punkt konzentrieren zu können, den der Chief ihm gezeigt hatte. Nicht die durchwachte Nacht, davon hatte es viele in seinem Leben gegeben,  hatte seine körperliche Verfassung  etwas angeschlagen, sondern die Zweifel und Ängste um sie, die er liebte.

„Wie kannst du so sicher sein?“ wollte er skeptisch wissen.

„Der Funkspruch! Wir konnten ziemlich genau feststellen, woher er kommt. Ich weiß nicht, warum die Typen nicht daran gedacht haben. Wahrscheinlich gab es auch keinen anderen Weg, um Verbindung mit Dir aufzunehmen. Wir hätten gleich einen Angriff wagen können, in der Stunde, nachdem wir die Position kannten, aber es wäre zu riskant gewesen.“

Russell nickte und biss auf seine Unterlippe.

„Außerdem“, fuhr Joey fort, „ich bin als Junge manchmal mit dem Rad hierher gekommen. War natürlich verboten, aber gerade deshalb war diese Grottenlandschaft so anziehend für uns Kids! Es gab keinen besseren und geeigneteren Spielplatz als diesen für uns!“

Möwen kreisten über der Küstenlandschaft und stießen ihre grellen Schreie aus. So würden die Geräusche der Angreifer im Gekreische der Vögel untergehen.

„Lass das Ding hier“, riet Joey und zeigte auf Russells Repetiergewehr, dass dieser gesichert unter dem Arm trug. „Es ist nur hinderlich beim Abstieg! Wir haben mehr als genug Sniper dabei. Lass die Männer ihre Arbeit erledigen, das sind Profis! Du handelst dir sonst nur Ärger oder Schlimmeres ein. Es handelt sich um einen einzigen Mann, der sicher müde und unaufmerksam geworden ist. Auch wenn er uns kommen hört, wird er erst meinen, dass es sich um seinen Bruder handelt!“ Joey sah auf seine Uhr. „Die Frist läuft erst in einer knappen halben Stunde ab."

„Er wird nervös sein!“ gab Russell zu bedenken und Joey zuckte die Schulter. „Er kann nicht ahnen, dass wir bereits ganz in der Nähe sind. Überraschung ist ein wichtiger Angriffsfaktor!“

Russell legte das Gewehr zögernd in den Wagen zurück und die beiden Männer schlossen sich den anderen an, jenen von Interpol und der Küstenwache. Die letzten fünfzig Meter robbten sie durch das niedrige Gebüsch und Gras. Ferngläser suchten den Horizont ab. Als sie knapp oberhalb der Grotten angekommen waren, blieb alles unwahrscheinlich ruhig, sodass Russell schon befürchtete, der Chief hätte sich verrechnet oder geirrt.

War da nicht die Stimme eines Mannes?

Er lachte...

Deutlich vernahmen sie das hämische Lachen eines Mannes und Russell wäre gerne aufgesprungen und hätte sich die fünf bis sechs Meter, die ihn vom Boden trennten, bedenkenlos hinunter gestürzt. Dann hörte er ihre Stimme. Sie rief irgendetwas in zornigem Ton. Er konnte nicht verstehen, was. Er biss die Zähne zusammen, bis seine Kiefer schmerzten und krallte seine Finger ins Gras. Wenn er ihr etwas antat, der Mistkerl, dann...

Einer der Agenten trat etwas von dem Steingeröll los und kleine Steine rutschten samt Erde in die Tiefe. Sie hielten den Atem an. Sie durften nicht entdeckt werden. Nicht, solange sie den Kerl nicht im Visier hatten!

Die Stimmen waren zwar verstummt, aber man konnte Schuhsohlen über Felsgestein schürfen hören und Russell ließ das Gefühl nicht los, dass genau unter ihm ein stummer Kampf statt fand.  Er machte ein ungeduldiges Zeichen in Joeys Richtung, doch dieser legte den Finger auf den Mund und mahnte zu Geduld.

Schließlich ein Schrei!

Ein Mann jaulte auf wie ein getroffenes Tier.

Sekundenlange Stille, in der abermals Geröll und Sand von einem der Angreifer losgetreten wurde. Russell verfluchte den Mann, der das ausgelöst hatte.

Ein erneuter Schmerzenslaut, der in ein zorniges Gurgeln über ging...!

Die Schreie hielten eine Zeitlang an und ebbten ab zu einem lauten Stöhnen.

Was konnte da unten passiert sein, dass der Mann plötzlich heulte wie ein Wolf in einer hellen Vollmondnacht?

Als das Zeichen zum Angriff gegeben wurde, und die angreifenden Männer wie Sternschnuppen vom Himmel fielen, sich abrollten und fast gleichzeitig auf den jämmerlich winselnden Mann zielten, war von der Entführten keine Spur zu sehen. Der Mann blutete stark aus einer Wunde, unterhalb der linken Schulter und presste Gillaines nasses Sweatshirt darauf. Als er sich von den Männern umzingelt sah, rollte er sich dennoch zur Seite und versuchte verzweifelt an seine Waffe heran zu kommen. Sein Schmerzgetrübter Blick   wanderte von einem, der auf ihn zielenden Polizisten, zum anderen.

„Lassen Sie die Waffe fallen“, schnarrte Finnley von Interpol. „Mindestens fünf Scharfschützengewehre sind auf sie gerichtet! Oder wollen sie so enden wir ihr Bruder?“

„Was ist mit ihm“, brüllte Mirko und Schweiß rann über seine Augen. Angst und Schmerz, eine verdammt brisante Kombination, die nur schwer unter Kontrolle zu halten war! Selbst für einen so abgebrühten Kerl wie ihn.

„Fischfutter!“ antwortete Finnley. „Er hätte Sie ohnehin hier sitzen gelassen und wollte mit dem Geld allein abhauen!“

„Das glaube ich nicht!“ schrie der Albaner. „Ihr Schweine habt ihn einfach umgelegt!“

„Das haben die Haie für uns erledigt, Mann! Also Waffe weg, sonst...“

Gegen jede Erwartung ließ der Albaner dennoch die Waffe fallen, die von einem Polizisten geborgen wurde.

Crowe stürmte vorwärts, entriss dem Kerl Gillaines Kleidungsstück und zischte wütend: „Wo ist die Frau, der das hier gehört?“

Der Albaner grinste anzüglich und hasserfüllt, bevor er mit einer Gegenfrage antwortete: „Und wo sind meine Millionen?“

Crowe wollte dem Mann einen Fußtritt verpassen, überlegte es sich jedoch anders und ließ seinen Blick suchend durch das Gewölbe wandern.

Die Männer zogen das elende Bündel Mensch hoch, um ihm Handschellen anzulegen. Die Prozedur wurde von lautem Wehgeschrei begleitet.

„Hab’ dich nicht so, Mann“, brummte der Chief, und ließ ihn abführen. Motorengeräusch verriet die Ankunft der angeforderten Schiffe. Bevor man den Verbrecher auf das eine Küstenwachboot schaffte, drehte er sich nochmals um und rief spöttisch zurück: „Hey, Crowe, wir haben viel Spaß miteinander gehabt, dein Täubchen und ich! Eine richtige Wildkatze die Kleine!“  Sein Lachen ging abermals in einem fluchenden Heulen unter, als man ihn unsanft davon schleppte.

„Hör nicht zu“, riet Joey. „Er will dich nur provozieren! Seinen Schreien nach, ist er an sie nicht heran gekommen, Russ! Sie hat ihn ja ganz schön zugerichtet, diesen Bastard! Wir werden ihn wahrscheinlich nach Europa ausliefern müssen! Er ist ein wichtiger Zeuge gegen den Albanerkönig und das Gesindel, das für ihn gearbeitet hat!“

Russell starrte dem Mann nach. Etwas in dessen gierigen Augen ließ seine Nerven vibrieren. Wenn es stimmte, was dieser Hurensohn zum Besten gegeben hatte, dann würde er einen Weg finden, in zwischen seinen Fäusten zu zermalmen. Weder Joey noch einer der anderen Männer konnten ihn dann noch zurückhalten oder von seinem Vorhaben abbringen!

Er schrie wütend nach einer Taschenlampe.

Tom und der Chief bestanden darauf, ihn zu begleiten, als er weiter in die Grotte vor stieß.

„Dann zeig mal, ob du dir den Weg gemerkt hast, Joey!“ sagte er rau und sie drangen weiter in die steinerne Welt vor.

Es war schwierig, die ans grelle Licht gewohnten Augen an die Dämmerung, und nach und nach einsetzende Dunkelheit zu gewöhnen, je weiter sie in den Fels eindrangen.

Russells Stimme hallte von den Felswänden wider, als er ihren Namen rief. Eine Horde aufgeschreckter Fledermäuse flatterte über ihre Köpfe hinweg und sie zogen unwillkürlich den Hals ein. Ihr Fiepen verklang, als sie sich entfernt hatten und der Strahl der Lampen glitt über Felsritzen, Spalten, halsbrecherische Senken, und wies ihnen den Weg in den Berg, der wie ein gähnendes Loch in die Unterwelt führte.

„Sie kann sich nicht in Luft aufgelöst haben!“ sagte Crowe mehr zu sich selbst als zu seinen Begleitern. Sie hatten die Weggabelung erreicht.

„Jeder schlägt eine Richtung ein“, bestimmte Joey und Russell begab sich bereits in den linken Gang, ohne weiter auf den Vorschlag des Chiefs zu achten.

Joey seufzte ergeben. „Na wer sagt es denn. Er nimmt uns die Entscheidung ab. Tom, du siehst drüben nach, ich gehe in den Mittelschacht! Aber pass auf, es wird dann schmäler und diese Korridore führen trügerisch nirgendwo hin. Sieh zu, dass du dir kein Bein einklemmst, Tom!“

Der Cowboy war schon verschwunden, ebenso wie sein Boss, und Joey schritt zuversichtlich in den breitesten Gang, davon überzeugt, dass die Französin auf diesen breiten und einigermaßen ebenen Weg vertraut hatte.

 

Russell zog den Kopf ein, es wurde wahrhaftig eng. Der Strahl seiner Lampe schob sich vor ihn durch das dunkle Gewölbe, einer weißen Schlange gleich. Seine Stimme hallte fremd hier unten wider. „Gil! Wo bist du?“ Er erschrak selbst vor dem fremdartigen Tonfall, der sich an den Felswänden brach. Er lauschte angespannt.

Doch es blieb totenstill, bis auf seinen Atem und das Pochen des Blutes, das in seinen Ohren rauschte. Aus der Finsternis drang kein Laut hervor.

 

Er wäre fast über sie gestolpert, als das Licht endlich auf die zusammengekauerte Gestalt fiel, die in einem halbwachen Zustand, aufgeschreckt durch den Lichtstrahl, müde den Kopf hob. Dann wurden ihre Augen riesig und ängstlich. Gegen ihren Willen stöhnte sie auf. ‚Er hat mich also aufgespürt’, dachte sie. Die Person, die langsam auf sie zukam, blieb im Dunklen verborgen. Sie erschien ihr drohend und wie ein Todesbote aus einer anderen Welt. Das Licht blendete sie und sie hielt schützend einen Arm über ihre Augen, während sie das umklammerte Messer in der anderen Hand auf den Eindringling richtete. Ganz so leicht wollte sie es ihm auch nicht machen! Doch gegen eine Revolverkugel konnte sie nicht viel ausrichten... Sie hoffte, er würde es schnell tun...

„Gil!“ Er sah die helle Haut ihrer nackten Schultern und Arme, ihr Haar, das nun wirr um ihren Kopf stand wie ein leuchtendes Gespinst aus Rotgold. Aber er sah auch die Spuren von Gewalt an ihr, die aufgesprungenen Lippen, Kratzer auf den Wagen, am Hals...

Er versuchte erneut, seine Wut zu unterdrücken, um sie nicht zu verunsichern. „Ich bin es doch, love! Russell! Es ist vorbei, bleib ruhig, Liebes, ganz ruhig!“

Sie schien einer Täuschung zu unterliegen. Russells Stimme! Er richtete die Taschenlampe auf sich selbst und kniff dabei die Augen zu.

„Erkennst du mich?“

„Russell?“ flüsterte sie ungläubig. „Ich muss verrückt sein...“

Er hatte sie erreicht und nahm ihr das Messer aus der zitternden Hand, half ihr auf die wackeligen Beine.

„Du bist gekommen?“ flüsterte sie ungläubig und betrachtete ihn wie einen Geist. Als er sie in die Arme schloss und beruhigende Worte flüsterte, erschreckte ihn die Kälte ihres Körpers.

„Du bist verletzt?“ wollte er besorgt wissen, doch sie schüttelte verneinend den Kopf.

Er ließ sie kurz los, um  sich seiner Windjacke zu entledigen, die er behutsam um ihre unterkühlte Gestalt drapierte,  und nun begann sie leise zu schluchzen, unfähig zu sprechen oder zu erzählen. Die durchlebten Emotionen mussten erst verarbeitet werden, ihre Rettung schien noch so unwahrscheinlich zu sein, und die Erleichterung darüber tat ihr übriges. Aber es war vorbei!

 

Sie heil und halbwegs wieder gefunden zu haben, ließ ihn leicht taumeln, und er küsste ihr Gesicht, ihr verfilztes Haar und die Tränen, die aus ihren Augen hervor strömten.

„Es ist vorbei, Gil!“ wiederholte er. „Aber diesmal endgültig und für immer! Komm, lass dich nach hause bringen!“

Sie schien sich langsam zu beruhigen. Nach Hause! In das warme, anheimelnde Farmhaus, das nun ihr Zuhause war! In die Geborgenheit seiner Nähe und die seiner Familie...

Er hielt sie fest umschlungen und wand sich mit ihr aus dem schmalen Versteck in den breiteren Korridor zurück. Er musste sie dabei stützen und halb mit sich ziehen, ihre Beine schienen nicht mehr viel Kraft zu besitzen. Als die Galerie breit genug wurde, hob er sie hoch und trug sie wie ein Kind festen Schrittes dem Licht entgegen.

Als er auf die beiden anderen Suchenden stieß, stand  ihnen die Erleichterung über Gillaines Bergung ins Gesicht geschrieben. Tom stammelte irgendwelche schwer verständlichen Entschuldigungen und Joey grinste sie an und betonte: „Gut gemacht, Mam! Sie haben dem Kerl ganz schön zugesetzt!“

Sie bedachte ihn mit einem kläglichen Lächeln und fragte leise: „Und der andere?“

„Er hat es nicht überlebt“, war die lakonische Antwort und sie wollte vorerst gar keine Einzelheiten hören. Sie spürte die sicheren Arme ihres Liebsten, die sie festhielten, und barg ihren Kopf an seiner Schulter, immer noch fassungslos, dass er an ihrer Seite war.

„Dein Haar riecht nach Fisch“, stellte er grinsend fest und sie schloss selig die Augen. „Ich muss schrecklich aussehen“, murmelte sie und ihre Stimme war brüchig vor Durst und Erleichterung.

„Ein wenig, als hättest du eben einen Fußmarsch durchs Outback hinter dich gebracht!“ gab er zu.

Die Polizisten eilten ihnen entgegen, eine Decke wurde gereicht, um Gillaine darin einzuwickeln.

Fragen prasselten auf sie nieder, ob sie in Ordnung sei und unverletzt. „Es geht mir gut, “, versicherte sie immer wieder. Skeptisch wanderten Russells Augen von den Druckstellen an ihren Armen zu den Spuren des eingetrockneten Blutes an ihrem Hals, dort, wo der Entführer sie mit der Messerspitze geritzt hatte.

„Er hat mir nichts getan!“ Dabei bedachte sie Russell mit einem offenen, aufrichtigen, und hoffentlich auch überzeugenden Blick. Er zögerte, dann nickte er langsam und gab sie in die Obhut der Sanitäter.

„Er hat mir nichts getan!“ wiederholte sie und er rang sich ein schwaches Lächeln ab. Dankbar nahm sie die dargereichte Wasserflasche an und er half ihr, daraus zu trinken.

 

Als die Boote vom Ufer ablegten und zurück nach Coffs fuhren, von wo aus man Gillaine  ins Spital bringen würde, um sie über Nacht zur Beobachtung und Untersuchung dort zu behalten , da ihr Körper stark unterkühlt und ausgetrocknet war, wanderte ihr Blick zurück zu dem Ort ihrer Angst und Hoffnungslosigkeit. Sie war überrascht von der Schönheit des Anblicks, dieser zerklüfteten Küste mit der wogenden Wiese, in allen möglichen Grünschattierungen über dem Abhang und dem tiefblauen Meer darunter. Sie hatte weder Zeit noch Muse gehabt, sich den Kopf über die Unberührtheit und Faszination der Landschaft zu zerbrechen, und die Lieblichkeit dieses Landes war einmal mehr Balsam für ihre verletzte Seele.

 

„Wenn es Dir wieder gut geht, dann kommst du mit mir!“ bestimmte Russell leise und hielt dabei ihre Hände in seinem Schoss. „Ich kann den Flug ein paar Tage  lang aufschieben. Ich will, dass du vergisst, was war. Ich helfe dir dabei, love!“ Seine Stimme wurde um eine Nuance tiefer, als er zärtlich ihren Haaransatz im Nacken streichelte und hinzufügte: „Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn die Sache schief gelaufen wäre“.

Sie konnte die Aufrichtigkeit in seiner Stimme hören, ein tiefes Gefühl von Überzeugung lag in ihr verborgen.

All die Fragen, auf die sie Antworten suchte, was in Paris geschehen war und wie man auf ihre Spur kam, konnten warten. Sie hatte ein ganzes Leben vor sich, um es zu erfahren. Ein wunderbares Leben ohne Einsamkeit und Angst, ohne Dunkelheit und Zwang. Ein Leben hier, mit ihm. ‚Mein Retter, meine Liebe, mein Alles’, schloss sie ihre Gedanken und atmete befreit den Duft der See ein, lauschte den Rufen der Möwen, als wäre es süße Musik, die sie an zuhause erinnerte. In ihren Augen spiegelten sich die nackten Empfindungen wider, die sie für ihn hegte, und er erkannte sie und las darin, wie in einem Buch. 

„Ich gehe hin, wohin du gehst!“ Ihre Stimme klang dünn und ihr Mund zuckte dabei. Er trank ihre Worte vorsichtig von ihren aufgeplatzten Lippen. Nie mehr sollte man sie so behandeln! Nie mehr, das schwor er sich, als er ihr Gesicht an das seine bettete. Es war wie eine dieser alten, bretonischen Legenden, eine mehr. Licht und Liebe hatten Finsternis und Hass besiegt, wie es seit undenklichen Zeiten immer wieder geschrieben stand.  Eine Begebenheit, die das moderne Leben der Gegenwart geschrieben hatte, irgendwo auf dieser Welt.  Und dies war erst der Beginn einer wundersamen Geschichte...

 

Nachwort

 

Inspektor Henri Fargette las die letzten Zeilen des Protokolls, das man ihm übermittelt hatte und schloss den Akt mit Nachdruck. Ein zufriedener Gesichtsaudruck lag auf seinen herben Zügen. Die Sache war abgeschlossen und er konnte sie vergessen. Seine Promotion zum ‚Inspekteur en Chef’ hatte er so gut wie in der Tasche! Seine grauen Augen wanderten nach draußen und er blickte auf einen träge dahin ziehenden Schlepper, den der Fluss stadtauswärts trug. Seine Gedanken glitten mit dem Kahn davon und unbewusst klopfte er mit dem Ende seines Kugelschreibers im Takt des Schiffsmotors auf die Schreibunterlage des altmodischen Schreibtisches. Seine Befürchtungen hatten sich nicht bestätigt. Gillaine Bavert, geschiedene Lapierre,  ist kein weiteres Opfer der Albanergang geworden. Irgendwie hatten die Burschen es dort drüben es doch noch geschafft, ihr Leben zu retten. Serge Favier war nicht umsonst gestorben. Er hatte den Stein ins Rollen gebracht, Polizei und Interpol zum Denken angeregt und sie durch sein plötzliches Ableben auf vieles aufmerksam gemacht. Gillaine Lapierre war dabei nur eine Randfigur gewesen, auch wenn Favier bestrebt war, vor allem sie vor der Rache ihres Macht besessenen Mannes zu retten. Der Verbrecherring Kostovicos war aufgerieben, einst hoffnungsvolle Mädchen und Frauen konnten aus den Klauen der illegalen Prostitution befreit werden, zu der sie durch die Bande gezwungen wurden. Und die Presse wühlte seit Wochen genüsslich in der Schmutzwäsche des ehemaligen Geschäftsmannes Lapierre, um richtige oder auch falsche Details seines Doppellebens ans Licht zu zerren. Eigenartig. Plötzlich schienen ihn nicht wirklich viele Leute, vor allem die einflussreichen, gekannt zu haben. ‚Nur flüchtig’, hieß es meistens. Eine Treuhandgesellschaft hatte die Führung der diversen Geschäftszweige übernommen. Soviel er wusste, stand Gillaine noch eine hohe Abfindung zu, die von den Anwälten Crowes eingefordert wurde.

 

Fargette seufzte und nahm das zusammengefaltete ‚Figaro-Magazin’ zur Hand, das er heute schon einmal durchgeblättert hatte. Die Titelseite wurde von dem Schauspieler und seiner zukünftigen Frau geziert. Er war an der Spitze ihrer Befreier gegen die Entführer vorgegangen, stand da.

‚Ein Held unserer Tage’.

Fargette grinste.

Dieser Artikel würde seiner Frau gefallen, und er beschloss, die Zeitschrift mit nach Hause zu nehmen.

Gillaine konnte also wieder lächeln. Der Blick, mit dem sie den großen Mann an ihrer Seite bedachte, sagte mehr aus, als die Coverstory selbst es konnte. Angeblich erwarteten die beiden bereits ihr erstes Kind. Das arme Mädchen war schon während des Geiseldramas schwanger gewesen, hatte er gelesen.

Crowe spielte verrückt, als er es erfuhr. Doch da war niemand mehr, an dem er Rache üben konnte, und es war ja letztendlich alles gut gegangen.  In wenigen Tagen würde die Vermählung stattfinden. Wo doch gleich? Ach, richtig! Neuseeland! Fargette wusste nur so ungefähr, dass es sich um eine Insel bei Australien handelte. Eine große Insel. Er würde seine Tochter genauer darüber befragen. Geographie war ihr Lieblingsfach im Lycée....

Warum nur fühlte er sich so leicht und fast fröhlich? Was ging ihn diese Frau und ihr Star an? Eine Liebesgeschichte mit etwas Dramatik und Spannung ausgeschmückt und verherrlicht. Na schön. Es gab Tausende davon...

 

Sein Blick fiel auf das gerahmte Photo seiner Frau, das er vor sich stehen hatte, ohne es je wirklich richtig anzusehen. Er hob es auf und betrachtete es seit langem wieder intensiv.  Seine Züge wurden weich und er versuchte sich daran zu erinnern, wann er ihr das letzte Mal Blumen mitgebracht hatte oder ihr ein paar nette Worte ins Ohr flüsterte, in der Art wie: ‚Ich liebe dich’. Er wusste es nicht. Sie waren beide so sehr damit beschäftigt gewesen, die beiden Töchter groß zu ziehen, ihren Job zu tun, dass sie vergessen hatten, an sich selbst zu denken. Es wurde Zeit, das nachzuholen, was sie die letzten Jahre versäumt hatten. Sie sollten verreisen, nur alle beide. An einem weißen Sandstrand liegen und sich in die Augen schauen. Cocktails schlürfen und sich wieder näher kommen. Sein Blick fiel auf die Zeitschrift und ganz unten, in der Werbezeile entdeckte er genau das, was er suchte: Palmenstrand und blaues Meer. ‚Rufen Sie an...’

Seine Finger griffen zum Telefon und er wählte die Nummer des Reisebüros. „Sind noch zwei Plätze für das Arrangement nach Bali frei? Alles ausgebucht? Zu dumm!“ Er betrachtete erneut die beiden strahlenden Menschen auf dem Titelbild, verlor sich in ihrem verliebten Lächeln und fragte nach einem kurzen Räuspern: „Und wie sieht es aus mit Australien...?“

 

                                                        Ende

 

„Wie lächerlich und fremd ist doch,

wer angesichts der wechselhaften Ereignisse

des Lebens Verwunderung zeigt.“

 

Marcus Aurelius, röm. Imperator - Selbstbetrachtungen

 

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