|
5 –Das Ultimatum Das Gesicht des dunklen Kreolenmädchens wurde beinahe grau, als sie ihre Herrin, die immer noch, trotz des warmen Sommertages am ganzen Leib zitterte, im Morgenmantel am Fenster sitzen sah. „Madame“, sagte die Frau leise. „Monsieur ist schlechter Laune. Ich dachte, besser, Sie wissen es. Er ist bereits gegangen und will Sie um 15.00 h bei Maître Bernardini treffen. Es sei wichtig. Und ich soll Ihnen das hier bringen.“ Sie legte einen Stoss druckfrischer Tageszeitungen auf das unberührte Bett Gillaines und verschwand betreten aus dem Zimmer. Gillaine hatte sich nicht umgedreht. Ein Kälteschauer hatte ihre Seele umfangen und ließ sie nicht mehr los. Sie wollte nicht, dass Bernadette die blau angelaufenen Flecken in ihrem Gesicht sah. Sie wollte das Mädchen nicht erschrecken. Es hatte bereits genug Angst vor ihrem Dienstherrn, also ersparte sie ihr zusätzliche Sorgen. Sie schlug den Satin ihres Morgenrocks zurück und betrachtete ihre Oberschenkel. Auch hier hatten die brutalen Hände ihres Mannes seine Spuren hinterlassen. Ein paar Kratzer, rote Druckstellen, wie auch an ihren Armen, Brüsten und ihrem Rücken. Hätte sie sich nicht gewehrt wie eine Wildkatze, wäre ihr das erspart geblieben. Was war ihr nur durch den Kopf gegangen? Schließlich war er ihr Mann. Schließlich kam er für sie auf, gut für sie auf. Es fehlte ihr an nichts. Doch was versuchte sie sich schon wieder selbst einzureden? Sie seufzte. ‘Würde’, sagte plötzlich eine Stimme in ihr, sie hallte wie ein Echo in ihr nach und sie war tief, diese Stimme und zugleich sanft, aber eindringlich. Sie lachte leise und würgte an dem Kloß in ihrer Kehle. Der Kerl hatte leicht reden! Was wusste ein millionenschwerer, einflussreicher Mann, der zudem noch harte Fäuste besaß, wie sie ihre Würde bewahren oder zurück erlangen sollte? ‚Ich besitze meine Menschenwürde’, sagte sie sich trotzig. ‚Ich habe sie nie verloren...’, doch im selben Augenblick war ihr klar, dass sie sich selbst belog. Ihre Würde hatte sie in ihrer Hochzeitsnacht verloren und seither immer mehr untergraben lassen, vergessen, vergessen wollen. Es war so einfach, dieses träge, luxuriöse Leben. Das bisschen Zärtlichkeit, nach dem es sie gelüstete, das hatte ihr André gegeben, nach mehr verlangte es sie nicht. Sich von Lapierre trennen? Ihm versuchen, irgendetwas rechtlich vorzuwerfen? Sie stand auf und übersah die winkende Hand des Gärtners, zu sehr in ihre Überlegungen verstrickt. Was vorwerfen? Sexuelle Brutalität? Und welche Zeugen sollte sie anführen? Es war lachhaft und aussichtslos! In der Öffentlichkeit hatte er immer den Eindruck eines fürsorglichen, liebenden Gatten gewahrt. Niemand wusste, was hinter geschlossenen Vorhängen geschah. Seelische Grausamkeit? Sie waren nicht in Amerika, wo ein solcher, weit ausholender Begriff einen Scheidungsgrund dargestellt hätte. Sie könnte Bernard einfach verlassen, einfach irgendwohin fahren, ein normales Leben aufnehmen, wieder unterrichten, andere Leute kennen lernen. Sie verwarf diese Überlegung sofort. Bernard würde sie zurückholen, wenn nötig mit Gewalt. Er würde es für sie unmöglich machen, jemals eine Lehrstelle zu bekommen in diesem Land. Nebst dem Kulturminister zählte schließlich auch der Unterrichtsminister zu seinen engeren Bekannten. Sie war ihm auf Gedeih und Verderb ausgeliefert und hatte sich damit abzufinden. Je eher, desto besser für sie. Ihr fielen die Namen mehrerer Parlamentsangehöriger ein, in dessen Häusern er ebenfalls ein und ausging, wie es ihm passte. Sie konnte auf keinerlei Unterstützung von außen hoffen. Am Besten, sie vertrug sich mit ihrem Ehemann wieder, setzte eine unbeteiligte Miene zur Schau und beschwichtigte seinen Ärger. Er würde seinen Kinderwunsch nicht aufgeben, jetzt erst recht nicht, das war ihr klar. Sie seufzte nochmals, tiefer und ergebener. ‚Dann soll er doch seinen Erben bekommen’, dachte sie niedergeschlagen. Sie würde es sich schon so einrichten, um dem Kind nicht zuviel ihrer Gefühlssubstanz zu überlassen. Sie würde es austragen und in die Hände der Erzieherinnen legen, die Lapierre dafür aussuchte. Sie wurde schließlich gut bezahlt, Leihmutter zu werden... Es erschreckte sie, dass sie zu derartigen Gedanken fähig war. ‚Das ist reiner Selbsterhaltungstrieb’, versuchte sie sich zu verteidigen. ‚Hatte er einmal das Kind, dann hätte sie gewiss ihre Ruhe vor ihm’ tröstet sie sich. Er würde sich danach sicher nicht darum kümmern, was sie tat oder dachte. Sie würde seine glückliche Frau auch weiterhin mimen, verschlossen und gut aussehend, mehr würde er nicht mehr von ihr verlangen. Dieser Gedanke beruhigte ein wenig ihr aufgewühltes Seelenleben. Sie strich das Wort „Würde“ aus ihrem Vokabular und überlegte, wie sie am Besten die Spuren der vergangenen Nacht in ihrem Gesicht vertuschen konnte. ***** „Madame“, wiederholte der Rechtsanwalt nochmals eindringlich. „Madame, Sie sollten nicht lange überlegen. Das ist ein faires Angebot, das ihr Mann Ihnen unterbreitet. Unterschreiben sie einfach, es ist ein gut gemeinter Rat!“ ‚Gut gemeint für Bernard, oder gut gemeint für mich?’ spöttelte sie insgeheim und vermied es, ihren Mann dabei anzublicken. Sie starrte einfach nur auf das Dokument, das vor ihr auf dem ausladenden, wuchtigen, und mit Akten angehäuften Schreibtisch lag. „Wir haben noch keine Kinder, Maître“, wiederholte sie abermals bockig. „Ich sehe keinen Sinn darin, das Dokument jetzt zu unterschreiben.“ Der Anwalt rang um Geduld. „Madame, ich habe es Ihnen doch schon erklärt! Monsieur will die Dinge von vornherein geregelt haben, um jedem Missverständnis vorzubauen. Er wünscht, seinen guten Willen rechtlich fest zu legen und Sie so vollkommen davon überzeugen! Der größte Wunsch ihres Mannes ist dieses Kind, das sie beide auch sicher bald erwarten dürfen, nach dem, was ich über ihrer beider perfektem Gesundheitszustand erfahren habe. Ein paar Probleme psychologischer Art werden dem Projekt nicht im Wege stehen!“ ‚Aha’, dachte sie sarkastisch. ‚Mein Kind ist für ihn ganz offiziell ein Projekt’! Sie hütete sich jedoch, laut auszusagen, was sie still dachte. „Sie verzichten schon jetzt auf jeden Anspruch, was die Fürsorge eines zukünftigen Kindes betrifft. Als Gegenleistung wird Ihnen eine lebenslange, monatliche Apanage zugesichert, in der Höhe dieser ansehnlichen Summe!“ Sein dicker Zeigefinger fuhr die gedruckte Linie auf dem Papier entlang und unterstrich den fünfstelligen Betrag. „Ich denke, Monsieur zeigt sich Ihnen gegenüber wieder einmal besonders großzügig, Madame!“ „Indem er mich als Mutter für etwaige Kinder ausschließt?“ spöttelte sie, doch der Anwalt überhörte ihren Einwand. Sie hätte dem großschnäuzigen, als gerissen bekannten Mann, der allein Lapierres Interessen vertrat, am Liebsten den Vertrag zwischen die teuren Zahnkronen gestopft. Als könnte er selbst den Mund nicht auftun, sah Lapierre zu ihr herüber, süffisant lächelnd, selbstsicher und der Anblick seiner blau angelaufenen Gesichtshälfte erfreute ihr Gemüt. „Monsieur“, begann sie sich widerspenstig an den Dicken zu wenden. „Haben Sie nie in Erwägung gezogen, dass ich gar kein Kind zeugen will?“ Der Anwalt war nicht aus der Ruhe zu bringen und antwortet gelassen: „Nein, Madame. Das habe ich nicht. Und die Überlegungen, die mich auch von Ihrem persönlichen Kinderwunsch überzeugen, brauche ich Ihnen wohl nicht auseinanderzusetzen.“ Das war eine eindeutige Drohung. Der Mann wusste genau, dass Lapierre jede Habe gegen sie in der Hand hielt, ihr Leben in der Hand hielt. Ein Mann des Rechtes. Bernards Rechtes! Der windige Mann zog eine weitere Karte aus seinem Ärmel. „Sie werden sich vielleicht die Frage stellen, warum Monsieur gerade von Ihnen ein Kind wünscht. Abgesehen davon, dass Sie seine angetraute Frau sind, Madame, und abgesehen davon, dass der Kinderwunsch bei einer Eheschließung die Hauptgrundlage der Ehe bildet, wie uns schon die Bibel lehrt, muss ich Sie nicht erst darauf hinweisen, dass Ihr Gatte, und natürlich auch Sie, Madame, im Blicklicht unserer hiesigen Gesellschaft stehen. Doch nicht nur das! Sie sind angesehene Mitglieder auch in der Gesellschaft politischer Kreise, die weit über die Grenzen unseres Landes hinausgehen. Sie wollen doch nicht aus persönlicher Kleinlichkeit den guten Namen ihres Mannes untergraben, chère Madame!? Die Aasgeier von der Presse warteten nur auf derartig schlammige Happen, um ihrem Mann und seinen wichtigen Unternehmungen, die für unsere Wirtschaft, ja das gesamte Finanzsystem so wichtig sind, mit spießigen Anschuldigungen zu schaden, ihn unglaubhaft zu machen und seine Integrität zu untergraben. Wir leben nun einmal in einer klein karierten Welt, und wir müssen das Spiel mit machen, um die Interessen aller zu wahren, auch, und ganz besonders die Ihren, Madame!“ Er beobachtete Gillaine, um eine Reaktion seiner Worte bei ihr festzustellen. Sie saß jedoch wie versteinert da und fühlte sich gefesselt, überrumpelt und hilflos schwach. „Betrachten Sie es doch aus einer ganz einfachen Sicht, Madame. Es ist ein Geschäft. Ohne Hintergedanken, ohne versteckter Klausel.“ ‚Abgesehen davon, wie rasch ein kleiner Unfall geschehen könnte, um sich jahrzehntelange Zahlungen zu ersparen...’ ging es ihr durch den Kopf. Sie war überzeugt davon, dass dies bereits ebenso in dem Vertrag stand wie der Rest, wenn auch zwischen den Zeilen. Wie sollte sie dem Mann einfach klarmachen können, dass sie nichts wollte, kein Geld, keine Abfindungen, kein Kind. Nur ihre Ruhe und Freiheit. Doch es war keinen Versuch wert, das hier auch nur anzudeuten, ohne danach für verrückt erklärt zu werden....
Der Anwalt hielt ihr abermals den Stift unter die Nase. Lapierres schwunghafte Unterschrift befand sich bereits auf dem Vertrag. Sie griff langsam nach dem Kugelschreiber und unterzeichnete mühsam auf der rechten Seite des Blattes. Sie wusste, sie unterschrieb hiermit ihr Todesurteil, sollte sie jemals dieses, von Lapierre gewünschte Kind zur Welt bringen. Es machte ihr nichts mehr aus. Alle Welt würde ihn dann auch noch bedauern, den untröstlichen Ehemann mit einem Baby am Arm. Sie machte sich nichts vor. Sie spürte Bernards Hass und sie spürte, dass er sie nicht einmal mehr für seine Repräsentationszwecke brauchte. Der Zwischenfall gestern Nacht hatte die Fassade einer glücklichen Ehe ziemlich angenagt. In Zukunft würde er sie lieber nicht mehr dabei haben wollen und sie als leidend entschuldigen. Eine Schwangerschaft wäre ein sehr willkommener Grund, ihr Fernbleiben zu erklären...
Sie lehnte sich zurück und betrachtete den Mann, von dem sie einmal geglaubt hatte, er wäre der Prinz, der sie aus ihrem Dornröschenschlaf wecken würde. Der Triumph in seinen Augen bestätigte alle ihre Befürchtungen. Natürlich. Er hatte genug investiert und nun war es an ihr, sich erkenntlich zu erweisen. Es ging nur um Finanzen, Macht, Einfluss. Es war nie um etwas anderes gegangen. Sollte sie jemals daran gezweifelt haben, dann wurde ihr dies hier, in diesem pompösen Anwaltsbüro vollkommen klar. Gefühle waren nie im Spiel gewesen, nicht einmal Respekt oder Wohlwollen. Ideale gab es für Lapierre nur dann, wenn sie seinen selbstsüchtigen Zwecken dienten. Und sie war die ideale Lösung, ihm das zu verschaffen, was er bis jetzt noch nicht erreichen konnte: einen legalen Nachfolger, der in seine Fußstapfen treten würde, um das Imperium Lapierre weiter auszubauen. Danach wurde sie nicht mehr gebraucht. Maître Bernardini rückte selbstzufrieden seine Brille zurecht. „Ich denke, dann wäre die Sache erledigt, meine Herrschaften“, nickte er beiden zu. „Nicht ganz“, warf Lapierre ein. Der Dicke fasste sich an die Stirn. „Ach ja“, sagte er, sich plötzlich erinnernd. „Da wäre noch die kleine Sache, Madame! Ihre Konten sind ab heute bis auf weiteres gesperrt. Monsieur befand, dass diese unbedeutende, aber notwendige Maßnahme ihren Ehrgeiz, diesen Verrag so rasch wie möglich gültig werden zu lassen, zuträglich wäre. Mit anderen Worten: Es sollte in Ihren Interessen stehen, nichts zu tun, was den Kinderwunsch Ihres Mannes hinauszögern oder gar verhindern könnte. Ich denke, wir verstehen uns, Madame!“ Diesen fetten, überheblichen Mann über ihre intimsten Geheimnisse verhandeln zu hören wie über den Verkauf eines Grundstücks oder ähnlichem, widerte sie an! Sie schluckte. „Natürlich“, sagte sie gefasst und rang sich sogar ein Lächeln ab. „Ich verstehe das sehr gut. Ich bin keine Idiotin! Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen? Mein Wagen wartet!“ Ohne ihren Mann eines Blickes zu würdigen schritt sie hoch erhobenen Hauptes aus dem Büro. Ihre Beine drohten zu versagen, und sie sagte sich immer wieder, dass dies nur ein böser Traum war, aus dem sie bald erwachen würde. Sie würde dann die verbesserten Schulhefte der Schüler in ihre Tasche packen und zu Fuß über den Hauptplatz zu ihrer Schule schlendern, wo die Kinder bereits lachend und spielend unter den großen, schattigen Platanen auf sie warteten.... ****** Die Tageszeitungen dieses Morgens lagen wieder fein säuberlich zusammengefaltet auf ihrer Kommode. Sie hatte die großen, bedruckten Blätter ausgebreitet auf ihrem Bett liegen gelassen, nachdem sie ihr von Bernadette gebracht worden waren. Die Titelseite wurde ausnahmslos von dem Schauspieler, der in aller Pariser Munde war, geziert. Die Beiträge über den Zwischenfall im Ritz wurden ausgeschlachtet, aufgebauscht und standen den anerkennenden Kritiken über den meisterhaften Film in keiner Weise nach. Im Gegenteil: Man hatte ihnen noch mehr freie Sparten zur Verfügung gestellt als allen übrigen News dieses Tages. Da kamen angebliche Zeugen, die alles mit angehört haben wollten, plötzlich mit Aussagen daher, wie, der Australier habe geprahlt, sich mit Lapierres Millionen noch lange messen zu können, was ein Wortgefecht ausgelöst hätte, bei dem der Fremde einfach zugeschlagen hätte. Andere kamen der Wahrheit schon näher und gaben Gillaine als Streitobjekt an. Doch niemand hatte es gewagt anzudeuten, dass sich die Frau des einflussreichen Mannes etwa kokett verhalten hätte. Sie war das arme Schaf, er der böse Wolf. Manche gingen sogar so weit, Lapierre als Verteidiger der Ehre seiner Frau zu bezeichnen! Der edle Gatte im Angesicht des bösen Fremden! Fehlten nur mehr die Degen, die Duellpistolen... Schnappschüsse zeigten Russell vor der Premiere, zeigten Lapierre und auch sie, den Minister und seine Gemahlin. Doch ein Foto hatte es ihr im Besonderen angetan. Russell und sie, während der Party in eine angeregte Unterhaltung vertieft, bei der er sie fast zärtlich anzublicken schien und sie mit einem Blick an seinen Lippen hing, der Lapierre ganz bestimmt nicht gefallen hatte. Dass er diese Artikel eingehend studierte, daran zweifelte sie nicht!
Sie hatte das Journal abermals in die Hand genommen und studierte das besagte Bild mit gerunzelter Stirn. Sie konnte sich beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, worum es gegangen war, als diese Aufnahme gemacht wurde. Aber das war ja auch egal. Pein durchzogen ihr Innerstes, der Verlust, ihn nicht mehr wieder zu sehen, ihm lauschen zu können, seine Worte gleich Musiksonaten in sich aufzunehmen, schien ihr unüberwindbar. Sie las, dass der Schauspieler auf seine heimatliche Farm zurückgekehrt war. Paris war die letzte Station seiner Premieren-Reise gewesen. Er hatte längere Ferien von Trubel und Geschäft angekündigt. Sie konnte dem Mann keine Schuld daran geben, dass er der Auslöser war für die weitaus misslichere Lage in der sie sich jetzt befand als bisher. „Zum Teufel“, rief sie laut und feuerte die Zeitung auf den Stoss der übrigen. „Ach, zum Teufel mit all diesen verdammten Männern und der Welt im allgemeinen!“ Die faszinierenden Augen des Mannes, der ihren Alltag für ein paar kurze Stunden mit seiner herzlichen, offenen und intelligenten Art erhellt hatte, ließen sie noch immer nicht los. Sie konnte sein Lächeln, das ihr gegolten hatte, nicht einfach abschütteln und sie konnte seine Worte, seine Abschiedsworte nicht auslöschen, sie hatten sich in ihr eingebrannt und brachten in ihre mühsam aufgebaute, erlogene Wohlstandswelt Zweifel und nagende Erkenntnis, dass sie sich fünf Jahre lang etwas vorgemacht hatte. Wenn sie jemals geglaubt hatte, sie könnte sich an das Leben, das nicht mehr in ihren eigenen Händen lag, sondern in jenen ihres Mannes, mit der Zeit gewöhnen, so wusste sie jetzt, wie lächerlich stupide sie sich selbst etwas vorgemacht hatte.
Der Netzanschluss ihres Computers wurde sicher überwacht. Sie konnte es nicht wagen, nachzusehen, wie viel sich auf ihren Geheimkonten im Ausland befand. Sie würde morgen früh in ein Cybercafé gehen und dort ihr Internetbanking durchführen. Obwohl sie nicht an Flucht dachte, weil ihr das aussichtslos erschien, wollte sie doch Klarheit über ihren finanziellen Rückhalt haben. Es beruhigte sie zu wissen, dass nicht allein Lapierres Großmut sie am Leben erhalten konnte.
Bernard erschien nicht zum Abendessen und sie war froh darüber. Sie hingegen verzichtete darauf, gemeinsam mit ihm zu frühstücken und als er nach ihr schicken ließ, musste Bernadette ihm ausrichten, dass sie leidend sei. Er ließ es dabei bewenden und die Kälte ihrer Beziehung nahm an Intensität und Tiefe zu. |
|
6 – Die Entscheidung Sie hatte genug Geld gespart, um sich irgendwo eine Wohnung oder ein Häuschen anzuschaffen. Selbst wenn dies ein Ding der Unmöglichkeit zu sein schien. Es war ein kleiner Trost für sie, zu wissen, dass es etwas gab, das Bernard nicht kontrollieren konnte. Er kontrollierte ihre Tage, er kontrollierte die Ausgaben, die sie ihm nun vorzulegen hatte und die er entweder akzeptierte oder ablehnte und er kontrollierte ihr Kommen und Gehen. Damit hatte sie sich abgefunden. Wenn er annahm, dass sie empfängnisbereit war, kam er wortlos zu ihr, und sie vollzogen den Akt des Beischlafs stumm und ohne irgendeine Regung von Zärtlichkeit oder Gefühl. Sie wurde kälter und kälter und sie wurde nicht schwanger. Sie nahmen keine gemeinsamen Mahlzeiten mehr ein und sie sprachen auch sonst kein Wort miteinander. Sie verkehrten über schriftliche Notizen und ließen das, was sie sich zu sagen hatten, dem Anderen von den Dienstboten ausrichten. Er befahl sie nicht mehr an seine Seite und wurde auf öffentlichen Empfängen oder zu Geschäftsessen nur mehr mit seinem Sekretär gesehen. Wenn man nach ihr fragte, wurden diverse Unpässlichkeiten ihrer Gesundheit, ihres Wohlbefindens angegeben. Sie ging niemandem ab, fehlte niemandem.
Sie suchte ihn Wochen später in seinem Büro auf, nachdem sie nachgefragt hatte, ob er anwesend und zu sprechen sei. Er war es. Das überraschte sie. Sie saß ihm gegenüber in dem tiefen Besuchersessel und spielte nervös mit dem Saum ihrer kurzen, weißen Lederjacke. Sie hatte sich seit Tagen wieder zum ersten Mal Mühe gemacht, sich ein wenig zurecht zu machen und ihr Haar, das um ein gutes Stück gewachsen war, hatte sie mit einer versilberten Spange hochgesteckt. Ihre fülligen Locken ringelten sich um die kleinen Ohren, fielen in ihre Stirn und bis auf ihren schlanken, hellen Hals und die Schultern. Sie sah gut aus. Nicht für Bernard, aber für sich selbst. Sie hatte auf Bernadettes Beschwörungen gehört und war wieder spazieren gegangen. Zu Fuß war sie kreuz und quer durch die Stadt gelaufen, das rechte Seineufer entlang spaziert, hatte in den Trödlerläden herum gestöbert und in der herbstlichen Sonne gesessen und einen Entschluss gefasst. Und nun saß sie da und blickte ihren, ihr so fremden Ehemann an, um ihm diesen Entschluss mitzuteilen. „Ich werde wieder als Lehrerin arbeiten“, begann sie gelassen. „Ich brauche den Kontakt zu Menschen, zu Kindern, und ich bitte dich, mir dabei zu helfen!“ Wenn sie angab, seine Hilfe zu brauchen, dann könnte die Sache klappen. Er mochte es, wenn man ihn um etwas bat. Er spielte gern den Gönner. Er antwortete nicht gleich, blickte sie über den riesigen Schreibtisch hinweg an und dann stahl sich ein kleines Lächeln um seine Mundwinkel. „Madame bittet mich um meine Hilfe?“ fragte er erstaunt. „Woher der plötzliche Sinneswandel? Hast du etwa gute Gründe, die dir erlauben anzunehmen, ich würde dir gerne einen Wunsch erfüllen?“ Dabei glitt sein Blick viel sagend über ihren schlanken Körper. „Leider nein“, gab sie zu, weil sie nur zu gut wusste, worauf er hinaus wollte. „Noch nicht. Aber ich dachte, du könntest es verstehen, dass ich diese Einsamkeit nicht mehr ertragen kann. Mein Leben zerrinnt unter deinen Händen, deshalb bitte ich dich, hilf’ mir. Dein Einfluss könnte mir doch bestimmt eine Anstellung in einer der Schulen hier verschaffen, nicht wahr?“ Sein Lächeln hatte sich um keinen Deut verändert. „Ein Telefongespräch würde genügen“, ließ er sie zustimmend wissen. „Aber du weißt, dass ich es nicht tun werde und ich frage mich, warum du dir die Mühe gemacht hast, mich aufzusuchen. Den Weg hättest du dir ersparen können, meine Liebe. Bevor ich nicht das habe, zu dem du dich vertraglich verpflichtet hast, kannst du auch nicht von mir verlangen, dass ich einen kleinen Finger führ dich oder deine Marotten rühre. Ich denke, das Gespräch ist somit beendet!“ Sein Lächeln war verschwunden und er blätterte geschäftig in seinem Terminkalender, während seine Rechte durch sein sorgfältig frisiertes Haar fuhr. „Nun, dann werde ich dich verlassen, Bernard“, sagte sie so ruhig wie möglich. „Du kannst mich von deiner Inventarliste streichen. Ich denke nicht, dass es einen Weg gibt, mich davon abzubringen. Du bist nicht Gott!“ Sie erhob sich und er hatte sie nicht angesehen. Es schien, als hätte er ihre Reaktion erwartet. „Ich wünsch dir einen netten Nachmittag“, rief er ihr hinterher. „Pass auf dich auf, ich fange an, mir Sorgen um dich zu machen, Liebes!“ Sie knallte die Tür zu, soweit das möglich war und ging grußlos an den engsten Angestellten ihres Mannes vorbei zum Lift. Danach lief sie kreuz und quer durch die Stadt und suchte nach einem Ausweg. Schließlich fand sie den Weg zurück in ihr verhasstes, luxuriöses Heim und begann wahllos eine Reisetasche mit ein paar Sachen voll zu stopfen. Bernadette wagte nicht, sie davon abzuhalten. Deren großen, dunklen Augen waren voller Besorgnis und sie küsste das ergebene Mädchen auf beide Wangen, bevor sie das Haus verließ. Sie hatte noch genug Kleingeld, um nach hause an die Küste zu fahren und dort nachzudenken. Vielleicht kam ja doch noch die rettende Idee, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Sie fuhr zum Bahnhof St. Lazare und löste sich ein Ticket nach Brest. Von dort aus würde sie den Bus in ihr Dorf nehmen. Der Gedanke daran, nach all diesen Jahren die zerklüftete Küste mit ihren grünen Wiesen wieder zu sehen, ließ sie neuen Mut fassen und zaghaft Hoffnung schöpfen. Als ihr Zug durch die Pariser Vororte fuhr und die Stadt nach und nach hinter sich ließ, fühlte sie sich bei jedem zurückgelegten Kilometer freier und freier. Die Häuserschluchten machten schwach besiedelten Gegenden Platz und dann nahmen sie Fahrt auf, es ging mir hoher Geschwindigkeit durch die Nacht ihrer Heimat entgegen. Wie ihr das alles gefehlt hatte! Bernard hatte sie nie auf Geschäftsreisen mitgenommen. Wahrscheinlich wäre sie ihm da nur lästig gewesen. Er hatte es sicher vorgezogen, sich dabei mit schönen Frauen zu vergnügen. Denn als Vergnügen konnte man ihre sexuellen Kontakte ja nun wirklich nicht bezeichnen, auch wenn sie im ersten Jahr ihrer Ehe dem Mann, der seine eigenen Vorstellungen von ehelichen Pflichten hatte, ausreichend als Lustobjekt gedient hatte. Als sie nun die Weiten des Landes und die anmutigen Dörfer unter dem Sternen übersäten Nachthimmel vermutete, der sich über dem Bild des imaginären Friedens spannte, war ihr klar, dass der Versuch, wie ein gefangenes Tier für die Freiheit zu kämpfen, alle Mühen gelohnt hatte. Vielleicht ließ Lapierre sie ja in Ruhe. Vielleicht hatte er genug von ihrer Kälte und ihrer Anwesenheit. Sie hoffte, dass er andere Sorgen hatte, als nach ihrem Verbleib Ausschau zu halten.
Ihr Heimatdorf lag unverändert in der aufgehenden Sonne, die rötlich verfärbt im Zeitlupentempo über den grünen Hügeln in den Himmel stieg. Sie atmete tief die heimatliche, vertraute Luft ein. Es roch frisch nach Tang und Meereswasser. Über ihr kreisten Möwen und hießen sie mit ihrem kreischenden Gekrächze willkommen. Sie bog den Kopf in den Nacken und beobachtete ihre Flugkünste, wünschte, sie könne sich gleich ihnen in die Lüfte erheben und der Erde, an die sie gebunden war, entfliehen. Sie streckte die Arme gegen den Himmel und schloss die Augen. Wie von selbst, zog das Gesicht des Mannes vor ihr auf, der sie beschwor, ihre Würde zu behalten und sich nicht aufzugeben. „Nein“, flüsterte sie. „Das werde ich nicht. Ich wünschte, du hättest mich an der Hand genommen und mir den Weg gezeigt. Ich wünschte, ich hätte mehr von deinen Worten in mich aufnehmen können.“ Sie schwieg und beobachtete die Fischerboote, die hinaus tuckerten zum morgendlichen Fischfang. Sie schaukelten auf den Wellen und wurden von den Möwenschwärmen begleitet, die sich in den nächsten Stunden saftige Abfallbrocken erhofften. ‚Und ich wünschte’, dachte sie und gestand sich damit ein, dass ihre Begegnung mit Crowe nicht spurlos an ihr vorbei gegangen war, -‚dass du der erste Mann in meinem nichtsnutzigen Leben gewesen wärst, der mich geliebt hätte.’ Es waren kindliche Gedanken, das war ihr wohl klar, aber die Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Verständnis war größer als ihr klarer Verstand, ihre Vernunft. Sie kauerte auf dem Felsen, nahe dem alten Leuchtturm und flüchtete sich in eine Traumwelt. Jede Realität erlosch und hüllte sie ein in süße Illusionen und die Arme eines großen Mannes, dessen dunkelblondes Haar sich mit dem ihren, kupferfarbenen vermischte, dessen starke, zärtliche Hände über ihren nach Liebe bettelnden Körper glitten und dessen Lippen ihre helle Haut liebkosten, bis sie unterging in einem Meer von Glückseligkeit. Sein Mund stammelte ihren Namen.
Sie hatte sich in dem einzigen kleinen Gasthof eingemietet, den es je gegeben hatte in Kervanale. Die Wirtsleute waren überrascht, doch stellten nicht viele Fragen. Die Menschen waren wortkarg hier, ihre Eltern waren es ebenfalls gewesen. Man gab nicht viel von sich preis. Es war ein raues Land, ein hartes. Das Klima war nicht unschuldig an der verschlossenen Mentalität der Leute. Sie offenbarten sich nicht, verrichteten ihre Arbeit und gingen Sonntag in die Kirche. Natürlich frönten sie auch ihren traditionellen Festen und dann konnte es schon hoch und feuchtfröhlich hergehen. Im Übrigen war es eine stille Gegend, die vom Fischfang und ein wenig Landwirtschaft lebte. Doch es gab auch einen Campingplatz, und die Touristen, die diese kühlere und grüne Gegend für ihre Radtouren und Wanderungen durch die Klippen liebten, kamen oft und immer wieder hierher zurück. Die Auswirkung des Golfstroms bescherte manchmal schon einen frühen Sommer, der jedoch nie wirklich heißes und schwüles Wetter mit sich brachte. Segler und Angler hielten dann ihren Einzug in Kervanale und die Bevölkerung stieg fast auf das Doppelte an. Inzwischen waren die jährlichen Besucher dieser Gegend, die nicht ihresgleichen mehr fand in diesem Land, ein wichtiger Bestandteil für die Kleinstadt geworden.
Die Legenden, die sich um dieses Land rankten, passten zu dem mystischen Rahmen alter Kultstätten, wo einst Druiden ihre Beschwörungen in den heiligen Hainen abhielten. Manche dieser Orte waren an die 5000 Jahre alt und die zahlreichen Menhire und Steindenkmäler, die Archäologen und andere, oft skurrile Verehrer alter Völker und Kulturen anlockten, gaben davon Zeugnis ab. Namen wie Morgan und Merlin kamen einem in den Sinn, angesichts der Respekt einflössenden Monumente. Es kam nicht selten vor, dass dann Gruppen von in Weiß gekleideten Leuten aller Herren Länder um einen Stein versammelt standen und den darauf eingeritzten jahrtausende alten Fruchtbarkeitssymbolen huldigten. Doch niemand machte sich je lustig über derartige, stumme Zeremonien. Fanden sich Isis-Anbeter nicht auch immer wieder regelmäßig in den Ruinentempeln Ägyptens ein, um der Göttin, die den Untergang der am längsten währenden Kultur in der Geschichte der Menschheit überdauert hatte, zu huldigen? Irgendwie trugen die Leute die Geschichte dieser antiken Kulturen in sich. Vielleicht hatte auch die ewige Erinnerung aller Dinge dieses Kosmos’ sie geprägt und es unmöglich gemacht, Althergebrachtes zu verwerfen oder gar zu verhöhnen... Die Ruinen der alten Burgen beherbergten geheimnisvolle Wesen, der Stein klagte nachts sein Lied und der Teufel selbst soll so manche Brücke über diesen, oder jenen Graben geschlagen haben, hier im Land der Mythen.
Sie wollte gleich am nächsten Morgen bei ihrem ehemaligen Schuldirektor vorsprechen. Ihr Verhältnis zu ihm war immer gut gewesen und es hatte nie Anlass zu irgendwelchen Klagen über sie als Lehrerin gegeben. Sie hatte ihre Kinder gemocht und die Kleinen hatten es ihr mit Wärme und Gehorsam gedankt. Ihr plötzliches Weggehen, damals, vor fünf Jahren, hatte sicher eine Lücke in die wohlgeordnete Welt der kleinen Jugendschar gerissen. Sie erkundigte sich bei der Wirtin nach etwaigen Veränderungen im Ort. Betrübt schüttelte die Frau den Kopf. „Ach Kindchen, es ist immer dasselbe. Abwanderung, Abwanderung – die Jungen wollen und können nicht mehr vom Fischfang leben. Kein Wunder, nach all den neuen, Europa weiten Bestimmungen.... Die Höfe sind meist verschuldet und die Jungbauern verkaufen und gehen davon. Wer findet schon Eine, die auf einen Hof ziehen möchte, der nicht einmal genug zum Leben abwirft? Ein paar pfiffige Köpfe davon haben Ferienlager daraus gemacht. Sie werden vom Staat finanziell unterstützt und dann kommen die Grosstadtkinder und spielen ein paar Wochen lang Landwirt.“ Sie schüttelte den Kopf. „Das mag ja lustig für sie sein, aber die Realität sieht anders aus. Wenn wir Alten erst einmal weg gestorben sein werden, wird der Ort nach und nach verfallen. Sie haben die Post geschlossen und der Bäcker überlegt auch, ob er nicht endgültig den Balken herunterlassen soll. Die Schule ist auch schon seit drei Jahren aufgelassen worden...“ „Die Schule?“ fragte Gillaine böse überrascht. „Kervanale hat keine eigene Schule mehr?“ Die Wirtin bestätigte es. „Ja, Kindchen”, der gesellschaftliche Aufstieg der ehemalig hier Ansässigen schien die Frau nicht die Spur zu beeindrucken und Gillaine war ihr dankbar dafür. Sie wollte durch nichts an ihre letzten verdorbenen und verschwendeten Jahre erinnert werden. „Du warst kaum lange weg“, fuhr sie fort, „da ging der staatliche Beschluss durch. Sparmassnahmen! Die Kinder müssen nun eine dreiviertel Stunde lang mit dem Bus in die Präfekturstadt fahren. Bei jedem Wetter! Es gab Proteste seitens der armen Eltern, aber da war nichts zu machen. Wenn die hohen Herrn in Paris etwas beschließen, dann kann die Welt untergehen, es wird nicht mehr widerrufen.“ Sie räumte das leere Essgeschirr vom Tisch und wackelte zurück hinter die Theke des Gastraumes. Gillaine hatte insgeheim zwar geahnt, dass die Schließung der Schule irgendwann nicht ausbleiben würde, doch gehofft hatte sie das Gegenteil. Nun war sie also ihrer nahen Zukunftspläne beraubt und ein Anflug von Mutlosigkeit ließ sie kurz verzweifeln. Ihre Gedanken passten sich jedoch rasch der neuen Situation an und sie gedachte, eben in die Stadt zu fahren und dort beim Schulleiter der Grundschule vorzusprechen. Vielleicht war es auch besser, sie legte einen gewissen Abstand zwischen sich und ihren Heimatort, der sie unwillkürlich an ihr trostloses Schicksal erinnern musste...
Ruhelosigkeit und Beunruhigung, wie Lapierre letzten Endes auf ihr endgültiges Verschwinden reagieren würde, ließen sie kaum schlafen und am nächsten Morgen zierten dunkle Ringe unter ihren Augen das helle, zarte Gesicht. Sie steckte ihr Haar zu einem möglichst unauffälligen Knoten hoch, was sich als äußerst schwierig erwies, da immer wieder widerspenstige Locken sich aus den Kämmen und Spangen stahlen, und sie dachte unwillkürlich an Bernadette. Sie hoffte, dass die kleine Kreolin nicht den Zorn ihres Mannes zu spüren bekommen hatte. Bernadette wäre im Nu mit ihrer Frisur fertig geworden....
Die Wirtin hatte bereits im Gastraum auf sie gewartet. Eine Kanne dampfenden Kaffees stand bereit. Gillaine hätte Tee vorgezogen, doch sie wollte der guten Frau ihren Sonderwunsch nicht aufhalsen. Sie hatte es gut gemeint... Als sie bemerkte, dass ihr Gast den Korb voll frischer Croissants nur aus der Ferne betrachtete, erlaubt sie zu bemerken: „Du solltest ein bisschen mehr essen, Kindchen. Ich will ja nicht beleidigend sein, aber eine Bohnenstange neben dir hätte sicher mehr an Umfang aufzuweisen! Ich hab’ dich anders in Erinnerung...“ ‚Ich mich auch’, dachte Gillaine ein wenig verbittert. Doch konnte sie jemandem die Schuld an ihrer eigenen Unzulänglichkeit geben? Hatte jemand sie gezwungen, Lapierre nach Paris zu folgen? Hatte man ihr nicht von klein auf beigebracht, misstrauisch gegenüber Fremden zu sein? Das „pour“ und „contra“ zu messen, bevor man eine wichtige Entscheidung traf? Lapierre hatte sie zwar getäuscht, doch sie war zu leicht dem Luxus und dem Charme eines gut aussehenden Mannes gefolgt... Sie machte sich nichts vor. Es war an ihr, sich aus dieser Situation zu befreien und sie hatte niemanden, der ihr dabei helfen konnte oder würde. Da waren nur diese Stimme in ihrem Hinterkopf, diese grünen, intensiven Augen und ein Lächeln, das die schlimmsten Befürchtungen zu Lappalien werden ließ...
An dieses Lächeln dachte sie wie so oft, als die gläserne Innentür der Gastwirtschaft geöffnet wurde. Ihr Rücken bekam plötzlich eine Gänsehaut und ohne sich umdrehen zu müssen, um Gewissheit zu erlangen, wusste sie, dass die Besucher, - sie konnte mehrere Stimmen vernehmen – ihretwegen gekommen waren. Ihr Herz begann wie wild zu klopfen und der plötzliche Adrenalinstoss ließ sie schwindlig werden. Sie schluckte und umklammerte die Kante des kleinen, quadratischen Tisches, an dem sie saß. Ein in Grau gekleideter Mann wandte sich an die Wirtin und sprach leise auf sie ein. Sie spürte in ihrem Rücken die Präsenz bedrohlicher Kraft. Als sie langsam ihren Kopf wandte, fiel ihr Blick auf die beiden kräftigen Gestalten. Sie brauchte keine Erklärung zu hören, um zu wissen, dass es sich bei den Leuten um medizinisches Personal handelte. Sie waren in weiße, leichte Anzüge gekleidet und die Erkenntnis, der Schrecken der sie traf als sie erfasste, dass man gekommen war, um sie als verrückt zu erklären, übergoss sie mit eisiger Furcht und einem Gefühl der schlimmsten Hoffnungslosigkeit. Hatte sie ihre Angst bisher zurückgedrängt, dass Lapierre sie rasch wieder einholen könnte, so stand sie nun den bitteren Tatsachen gegenüber, dass er sie nie gehen lassen würde. Sie gehörte ihm. Für immer. Frei oder auch nicht. Lebendig oder auch tot. Ein mitleidiger Blick der Wirtin traf sie und alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre Augen fixierten die Uhr in Form eines Steuerrades, das an der Wand hing. Der Blick folgte dem Sekundenzeiger, wie laut er doch schlug! Ihr wurde plötzlich bewusst, dass es ihr Herzschlag war, der diesen Ton erzeugte. Sie versuchte nicht zu fliehen. Der Graue und die Wirtin kamen langsam auf sie zu. Die Frau fasste nach ihrer Hand. „Es tut mir so leid, Kindchen, ich wusste nicht, wie schlimm es um dich steht. Zum Glück hast du einen umsichtigen Mann, der sich um dich sorgt. Man wird dich zurückbringen in die Klinik. Wenn du dann ganz gesund bist, kommst du uns wieder besuchen, ja?“
Sie schüttelte den Kopf, sagte aber nichts. Was auch? Die Geschichte von der kranken, im Kopf nicht ganz klaren, reichen Frau hatte gefruchtet. Dies waren einfache Leute. Was verstanden sie von Intrigen und Machenschaften? Abgefeimten Lügen und gewalttätigen Handlungen? Nicht viel und sie beneidete die simple Frau um ihr einfaches, aber unkompliziertes Los. „Ist schon gut, Madame“, sagte sie langsam, und an die beiden hinter sich stehenden Männer gewandt, sagte sie mit einem mokiertem Lächeln: „Ich denke, Zwangsjacke oder Handschellen werden nicht nötig sein, Messieurs. Ich werde meine Sachen holen.“ Ein letzter Hoffnungsschimmer? Eine Fluchtmöglichkeit? Weit gefehlt, denn der Graue hatte ihre Gedanken bereits erraten: „Nicht nötig, Madame, das erledigen wir schon“. Sollte sie sich gebärden wie eine Verrückte? Sollte sie den Verdacht der Wirtin durch ihre aussichtslose Handlungsweise selbst noch bestätigen? Diesen Gefallen wollte sie den Handlangern ihres Mannes sicher nicht erweisen. So verließ sie ihren Heimatort zum zweiten Male. Still und unauffällig, ohne viel Aufhebens. Nur, dass sie beim ersten Mal voll Zuversicht und auf die Zukunft vertrauend fröhlichen Gemüts den Ort ihrer Kindheit weit hinter sich zurück gelassen hatte. Heute ging sie gebrochen von dannen, innerlich hohl, und selbst die Verzweiflung, die sich anfangs bemerkbar gemacht hatte, schlug um in Gleichgültigkeit und einer Art Abfinden mit den unausweichlichen Geschehnissen, die ihr das Schicksal bereit hielt. Mit jeder Minute, in der sich die schwere, dunkle Limousine von Kernavale entfernte und der Autobahn zustrebte, wurde ihre Ahnung zur Gewissheit: Sie würde ihre Heimat nie wieder sehen. Das Lächeln in ihrem Kopf verblasste, die blitzenden Augen schlossen sich und die feste, sonore Stimme verklang im Nichts... |