Rom V
Berane
Abendlicher Nebel liegt über dem Tal. Ich
gehe durch die Tür, das Gras an meinen Knöcheln ist kalt und feucht. Etwas
bewegt sich am Waldrand.
Ein Reiter. Sein Pferd scheint müde, wie sein Herr. Langsam zottelt es
näher.
Noch kann ich das Gesicht des Mannes nicht sehen, er schaut zu Boden.
Er ist in einen Umhang gehüllt. Als er den Kopf hebt, erschrecke ich.
Wo ein Gesicht sein sollte, ist nur ein Schatten. Ich habe Angst vor ihm.
‚Komm her, Kind!’ Ich laufe zu meiner
Mutter, sie hebt mich hoch auf ihren Arm. Ich bin noch sehr klein, kann
gerade laufen, schlinge meine Arme um ihren Hals.
Ihr Gesicht neigt sich zu mir.
Ich blicke in meine eigenen Züge, empfinde tiefe Geborgenheit auf ihrem Arm.
‚Wo ist dein Bruder, Kleines?’ fragt mich Mutter mit meiner Stimme.
Meine Augen suchen, dann deutet meine kleine Hand in eine unbestimmte
Richtung, von wo ausgelassenes Gekicher ertönt.
Das Tosen der Arena.
Keuchend halte ich mir meinen Gegner vom Leib.
Es ist eine Frau. Sie trägt dieselbe grüne Tunika wie ich.
„Töte mich“ verlangt sie. Ich bin verwirrt.
„Töte mich, ich will es.“ Ich schüttle den Kopf, weiche zurück.
Dabei sehe ich , dass mein sonst glatter Arm behaart und muskulös ist.
Es ist nicht mein Schwert , das ich umklammert halte.
Nicht mein Körper. Ich kenne diesen Körper.
Die Frau greift mich erneut an, treibt mich in die Enge.
Ich bin in beiden, kann beide fühlen.
Ich fühle den Schmerz, als das Schwert sie trifft.
Und die Pein des Mannes dabei.
Sie fällt. Ich sehe einen Moment in mein eigenes Gesicht.
Dann zerfließen meine Züge und werden zu Aurianes.
Eine kleine Federwolke treibt im Blau über mir. Sie kommt näher und näher,
umhüllt mich mit ihrem weichen Gespinst und nimmt mich mit...
Dunkel. Mir ist furchtbar übel. Ich versuche
mich aufzurichten, streife dabei den Körper neben mir. Meine Augen gewöhnen
sich langsam an die Dämmerung.
Die Zelle dreht sich um mich. Mühsam krabble ich vom Lager, muss mich
würgend übergeben, als ich mich aufzurichten versuche.
Nach Atem ringend, wende ich mich zurück.
Maximus liegt dort, schmutzig und blutbeschmiert. Reglos.
Mein Herz setzt einen Moment aus. Also ist es vorbei. Ich habe ihn getötet.
Aber warum kann ich mich nicht erinnern und warum erwache ich hier?
Er bewegt sich.
Träume ich? Ich muss träumen. Noch immer.
Der Reiter, meine Erinnerung an früheste Kindheit und der Kampf.
Der Kampf.
Eisiger Schreck durchfährt mich.
Ich habe es gesehen mit den Augen beider Kämpfer.
Auriane ist an meiner Statt gegangen. Maximus hat sie getötet.
Sie hat ihn gezwungen, es zu tun. Sie hat mich mit diesem Trank betäubt.
Deshalb ist mir so übel. Alles dreht sich um mich... dunkel...
Maximus
Berane ging es die erste Zeit sehr schlecht.
Die Mischung , die Auriane ihr gegeben hatte, ist stark gewesen.
Wir hatten uns damit abgefunden gehabt, was geschehen sollte.
Jetzt war alles erneut völlig anders. Wir würden die Tarnung nicht lange
aufrecht erhalten können. Ich weihte Oija noch am selben Abend ein.
Sie färbte Beranes eher honigfarbenes Haar mit Henna zu einem satten
Kupferrot, flocht es , damit es die Wellen zeigen sollte, die ihr noch mehr
Ähnlichkeit mit Auriane geben würden. Aus der Nähe hielt die Täuschung nicht
stand, aber es war besser als nichts. Endymion verbreitete Gerüchte, dass
Amazonia untröstlich sei über den Tod Achillias, ihrer Geliebten und
darüber ein Nervenfieber bekommen habe.
Cicero ließ mir bald eine Nachricht zukommen von Lucilla.
Ich bat sie ‚Amazonia’ so bald wie möglich wegschaffen zu lassen.
Sie suchte mich am nächsten Abend in meiner Zelle auf.
„Ich kann es nicht wagen auch nur den
geringsten Verdacht aufkommen zu lassen. Valens Tod hat ihn misstrauisch
werden lassen. Pompeianus wurde verhaftet, aber wieder freigelassen.
Commodus warnt ihn damit. Wir müssen bald handeln. Warum liegt dir soviel an
dieser Barbarin?“
wollte sie verwundert wissen. „Hast du schon vergessen, das sie es war, die
Valens beseitigt hat? Sie hat es verdient. Sie kann jederzeit im Kampf
fallen. Lass sie so bald es geht in ihre Heimat bringen. Sie stammt aus der
Gegend, wo dein Vater sein letztes Feldlager hatte.“
Lucilla nickte nachdenklich, musterte mich prüfend.
„Hast du es noch einmal überdacht? Denk daran, mein Vater hat dich darum
gebeten. Du hättest es getan, wenn die Intrige meines Bruders dich nicht
daran gehindert hätte“ meinte sie etwas vorwurfsvoll. Ich schnaubte
ungehalten.
„Wir wissen nicht einmal, ob wir es lebend überstehen. Frag mich noch
einmal, wenn es vorbei ist. Und hoffe nicht auf eine andre Antwort.“
entgegnete ich gereizt. Lucillas Augen blitzten zornig, aber sie beherrschte
sich.
„Und wieder bin ich äußerst unhöflich dir gegenüber.“ schwenkte sie
plötzlich um, umarmte mich plötzlich innig. “Ich hielt dich für verloren. Es
gab Gerüchte, du würdest dich von der Frau töten lassen, weil sie deine
Geliebte sei. Ist das wahr?“
Ich schob sie sacht ein wenig von mir.
“Seit wann hört die Tochter des Marc Aurel auf Gossentratsch?“ entgegnete
ich etwas zu bissig. Sie hob nur die Brauen.
„Also kann ich noch immer auf dich zählen?“ wollte sie nach kurzem Schweigen
wissen. Ich nickte. Sei umarmte mich erneut, ließ mich abrupt los, als sie
spürte, dass ich es nicht erwiderte. Ein unsicheres Flackern war eine
Sekunde in ihrem Blick, dann verabschiedete sie sich und ging.
Berane
Flavia. Ich habe den Karneol an ihrer Hand
wiedererkannt.
Es ist niemand geringeres als die Schwester des Kaisers.
Als ich sie vor Wochen nachts sah, war sie mit Schminke und einer Perücke
unkenntlich gemacht gewesen. Die Stimme und der Ring, die Art sich zu
bewegen, haben sie verraten.
Also steckt sie mit in der Verschwörung.
Callista hatte sie kommen sehen, gab mir den Hinweis.
Der kleine Mann, der sie erneut begleitete, unterhielt sich mit den
Wachen, stand hinter der nächsten Biegung. Ich wagte es zu lauschen.
Maximus und sie klangen sehr vertraut.
Sie mussten sich schon davor gekannt haben.
„Wer ist diese Flavia?“ fragte ich ihn
gerade heraus am nächsten Abend.
Er lag in meinem Arm, spielte gedankenverloren mit einer Strähne meines
jetzt hennaroten Haars
Ich spürte sein Unbehagen, drehte mich zu ihm.
Er konnte mir nicht ausweichen. Dann schmunzelte er plötzlich.
„Warum fragst du, wenn du es doch zu wissen glaubst?“
„Weil ich von dir hören will, dass es die Schwester des Kaisers ist. Also
geht die Verschwörung weiter.“ Er nickte stumm.
„Du kanntest sie vorher?“ wollte ich wissen. Er räusperte sich, dann legte
er den Kopf unter mein Kinn und begann zu sprechen.
„Lucilla und ich kennen uns seit unserer Jugend. Wir waren einmal verliebt
ineinander als wir noch sehr jung waren. In Germanien habe ich sie nach
vielen Jahren wiedergetroffen, am Tag bevor ich verhaftet wurde. Dann erst
wieder hier im Circus. Mein ehemaliger Adjutant erkannte mich beim
Training. So nahm ich Kontakt mit ihr auf, um Hilfe für dich und Juba zu
erbitten. Damit kam alles ins Rollen. Ich erfasste schnell, was sie mit
Pompeianus plante und sie bot mir an mitzumachen. Auriane verdiente sich die
Freiheit mit dem Mord an Valens, der großen Einfluss auf den Kaiser gehabt
hatte. Da du jetzt ’Amazonia’ bist, habe ich sie gebeten dich möglichst
schnell hier heraus zu holen und nach Germanien bringen zu lassen. Es ist
gefährlich, sie muss den richtigen Moment abwarten. Der Kaiser ist
misstrauisch.“
„Und was ist dein Teil dabei?“ bohrte ich.
„Es wird einen gelosten Kampf geben. Da jetzt das Rudis nicht verliehen
werden konnte, soll das Volk mit einer anderen Freilassung gnädig gestimmt
werden. Ich werde gelost werden und soll den Kaiser bei der Übergabe töten.“
„Das ist Selbstmord.“ stieß ich hervor.
„Nein, ich habe eine Chance. Die Prätorianer werden nicht eingreifen.“
„Wann?“
„Sobald als möglich.“
„Ich gehe nicht, bevor es vorbei ist.“ teilte ich ihm mit.
„Wenn es fehlschlägt, ist deine Freiheit vielleicht dahin, sollte Lucilla
verhaftet werden. Du gehst, sobald sich die Gelegenheit ergibt. Sei nicht
töricht.“
Er hatte recht. Ich versicherte ihm, ich würde mich fügen.
„Was wird, wenn es gelingt?“ wagte ich ihn zu fragen.
Maximus sog tief Luft ein.
„Dann wird Rom wieder Republik.“ meinte er schlicht.
„Wer führt das Heer? Will die Kaisertochter nicht, dass du deine alten
Aufgaben übernimmst?“
Er schnaubte unmutig, weil ich dahinter gekommen war.
„Ich habe abgelehnt.“ knurrte er leise. “Sie wird es nicht akzeptieren. Und
du wirst es nicht ablehnen können. Sie will nicht nur das, oder?“
Er gab keine Antwort.
“Maximus, ich will wissen, was in dir vorgeht. Was willst du?“
Er verweigerte mir die Antwort.
„Du warst ein mächtiger Mann, du könntest es wieder sein. Ich habe
gesehen, wie diese Frau dich ansieht. Sag mir nicht, dass du nicht darüber
nachgedacht hast. Was willst du sonst tun, wenn es gut geht? Zurück nach
Germanien und so leben wie ich, als ich dich fand?“ stichelte ich.
Er hob den Kopf, sah mich herausfordernd an.
„Warum nicht?“ Ich sah, dass er nicht überzeugt war.
„Ich würde dir keine Vorwürfe machen. Warum auch? Du bist mir nichts
schuldig. Du weißt ich liebe dich, aber ich verlange nichts von dir. Wenn es
soweit kommt, dass du diese Entscheidung treffen musst, denke an das was ich
gesagt habe.“ erklärte ich bestimmt.
„Berane, ich muss dir etwas sagen.“ Seine Stimme klang sehr dramatisch.
„Was?“ wollte ich ängstlich wissen. „Du redest zuviel.“ verkündete er
feierlich, verschloss mir den Mund mit einem besitzergreifenden Kuss und
rollte sich über mich. Als ich ihm spielerisch in die Rippen boxte, lachte
er nur und hielt mir die Hände fest.
“Ich will keine Kaisertochter. Ich will dich und unser Kind und in Frieden
leben.“ murmelte er in mein Ohr.
„Es ist viel zu früh, daran zu denken und ...“ belehrte ich ihn.
Er brummte nur warnend und brachte mich zum Verstummen, bevor ich ein
weiteres Wort sagen konnte.
Commodus
Das war also Valens letzter Trumpf gewesen.
Leider konnte er ihn nicht mehr ausspielen, aber ich konnte es.
Sein Spion wusste, dass er ermordet worden war. Für alle Fälle versprach ich
ihm Schutz, als Gegenleistung verlangte ich all sein Wissen und dass er
weiterhin für mich arbeitete. Der Mann war gut.
Was er mir nach einigen Drohungen schließlich offenbarte, konnte ich erst
nicht glauben. Er forderte mich auf, mich selbst zu überzeugen.
Accon verneigte sich demütig.
„Lass die besten Kämpfer kommen. Ich will einige auswählen für ein
Festbankett. Sie sollen nur in einer Reihe stehen. Es geht um ihr Aussehen.
Die Gastgeberin wünscht eine exotische Mischung. Verschiedene Typen. Ich
werde dort hinten im Dunkel sitzen, verborgen von dem Wandteppich. Lass
jeden in das Licht der Lampen treten, damit ich ihn genau sehe. Dann kannst
du sie gehen lassen. Ich werde dir dann mitteilen, welche ich haben will.
Sag ihnen, eine reiche Bürgerin sucht Schaukämpfer für ein Fest, sie werden
gut entlohnt werden. Gold, Frauen, Wein und gutes Essen. Sie werden
bemerken, dass jemand im Hintergrund ist, aber sie sollen nicht wissen
wer.“ erklärte ich bestimmt.
Accon eilte davon.
Man hatte mir Wein und Früchte bringen
lassen.
Als ich den Pokal mit Falerner geleert hatte, öffnete sich die Tür von
Accons Schreibraum. Rasch zog ich den Umhang über den Kopf, weit in die
Stirn, um meiner Silhouette eine weibliche Note zu geben.
Nach und nach traten sieben Männer herein. Einer nach dem anderen wurde ins
Licht der zwei Lampen an Accons Schreibtisch befohlen.
Die Helligkeit fiel genau auf die Gesichter der Männer.
Ein blonder Adonis machte den Anfang.
„Endymion von Kreta.“ ertönte Accons Stimme. Ich nickte.
Der Mann wurde entlassen.
„Severus, Römer“. Ein hässlicher, vierschrötiger Kerl.
„Juba, Numidier“ Ein athletischer, gutgewachsener Schwarzer.
„Sala, Araber“ Mager, sehnig, mit üppigen, schwarzen Locken.
Im Schatten am Ende der Reihe stand ein mittelgroßer Mann, dessen Haltung
eine Erinnerung in mir wachrief.
„Coniriac, Gallier.“ Blond, hochgewachsen, langes Haar.
Der Mann im Schatten wurde deutlicher. Breite Schultern, bärtig.
„Athanaric, Brite.“ Klein, stämmig, muskelbepackt.
„Der Spanier.“
Ich war skeptisch, bis er ins Licht trat.
Diese kalten, hellen Augen hatten mich hasserfüllt angestarrt, als er mir
am Totenbett meines
Vaters die Gefolgschaft verweigert hatte.
Das hätte der letzte Moment sein sollen, in dem ich ihn lebend sah.
General Maximus Decimus Meridius.
Valens Spion hatte Recht gehabt. |
Maximus
Amazonia wurde
ausgewählt für den Kampf in vier Tagen zusammen mit drei weiteren Männern.
Accon wusste Bescheid. Er konnte es nicht wagen, sie gegen mich
auszutauschen. Es war bereits angekündigt, das Volk wollte sie wieder sehen.
Aber er konnte einen der Männer durch mich ersetzen.
Die Gruppe sollte gegen eine neu eingetroffene Schule aus Thrakien kämpfen.
Lucilla war es bis jetzt nicht gelungen, Berane aus dem Circus zu schaffen.
Sie musste Aurianes Rolle spielen. Die vorgeschützte Krankheit würde ihre
schlechtere Form entschuldigen, aber ich musste verhindern, dass ihr etwas
zustieß, bis sie in Sicherheit sein würde. Proximo ließ sich kaum blicken.
Er war so begeistert wieder in Rom zu sein und die Wetten waren anfangs so
gut gelaufen, dass er mehr in den Schänken und Bordellen zugegen war.
Einen Tag später fand ich Berane weinend.
„Was hast du, ist es wegen des Kampfes?“ Sie schüttelte den Kopf.
Dann sah sie mich aus tieftraurigen Augen an.
„Maximus, du musst Freya für mich töten.“
„Warum?? Was..“ „Ich kann es nicht tun. Jetzt, wo Achillia tot ist, soll sie
in die Arena wie alle andren Bestien. Sie werden sie abschlachten. Bitte.
Bewahr sie davor. Hilf mir.“ flehte sie.
„Wie?“ fragte ich ratlos.
„Ich habe ihr bereits ein Schlafmittel gegeben.
Du musst sie ins Herz treffen. Wenn es sie nicht gleich tötet, wird sie bis
morgen verbluten. Bis es Nacht ist, sollte sie betäubt sein.“ sagte sie
ausdruckslos.
Impulsiv klammerte sie sich an mich.
„Wir sind umgeben von Tod. Ich will fort von hier.“
„Bald.“ versuchte ich sie zu trösten. Sie legte sich hin, bat mich sie
später zu wecken. Ich schlich mich davon, suchte Endymion.
Er kannte das Tier gut genug, um mir zu helfen.
Als ich zu Berane zurückkehrte, lebte Freya nicht mehr. Ein gezielter Stich
hatte die betäubte Raubkatze getötet. Endymion hatte es getan. Den Schlüssel
für den Käfig besorgte er von Clodianus, der wie meist bereits betrunken
war.
Bevor wir ihn zu dem alten Säufer zurückbrachten, streichelte ich dem
schönen Tier ein letztes Mal durch das golden -schwarze Fell.
Berane wollte aufstehen, als ich mich zu ihr
setzte. Ich legte ihr die Hand an die Schulter, hinderte sie daran. Sie sah
mich fragend an.
„Es ist vorbei. Sie hat nicht gelitten.“
Mit einem klagenden Laut umschlang sie mich.
Ich wiegte sie wie ein Kind, bis sie meine Lippen suchte und wir beide
Trost in einer traurigen, sanften Umarmung fanden.
“Danke.“ murmelte sie immer wieder zwischen den Küssen. „Danke.“
„Danke Endymion. Er hat es getan.“
Sie weinte nur leise und fuhr fort, mich zu küssen.
Lucilla
Also ist es wahr. Mein Spitzel erzählte eine
wirre Geschichte, dass es nicht Achillia war, die er getötet hat. Dass
Maximus eine Frau, die ihm etwas bedeutet, töten würde, schien mir
fragwürdig. Es hätte mich abgestoßen.
Deshalb wollte er die Frau, die jetzt als Amazonia galt aus der
Gefahrenzone haben. Mir sollte es recht sein, denn mir war sie nur im Weg.
Nicht dass ich sie als Rivalin sehen würde. Sie ist eine Barbarensklavin,
eine Gladiatrix. Nicht mehr als eine Dirne. Und nicht einmal schön, wenn ich
mich recht erinnere.
Sein Platz ist an meiner Seite. Um meines Vaters Willen, um Rom und um
meinetwillen. Wenn es gelingt meinen Bruder zu entmachten, wird er schnell
wieder in sein altes Leben zurückfinden. Wir sind füreinander bestimmt.
Commodus
Der Ausdruck in ihrem Gesicht war ein
Hochgenuss.
„Wie... du musst dich täuschen.... der Tribun ist doch lange tot....“
Sie stotterte. Ich habe sie noch nie stottern hören.
Meine überlegene, kluge Schwester war sprachlos.
Ich kostete es aus bis zum letzten Tropfen.
Ihre weißen Hände umklammerten die Lehne des Sessels.
„Ich habe ihn gesehen. Er ist Gladiator im Circus. Ich habe Gerüchte gehört,
er sei dein Liebhaber. Spanier wird er genannt, wie passend. Ich habe ihn
oft kämpfen sehen, ohne etwas zu ahnen.“ erzählte ich in beiläufigem Ton.
„Mein Liebhaber... wie... wer..“ stammelte sie, aschfahl im Gesicht.
„Du hast ihn mindestens vier Male dort besucht. Leugne es nicht. Ihr habt
Valens beseitigen lassen. Damit habt ihr mir nur einen Gefallen getan. Er
war gefährlich. Aber jetzt ist Schluss. Ich werde mir überlegen, was ich mit
dir mache. Solange hast du Arrest in deinen Räumen. Versuch nicht zu
fliehen, sonst lasse ich dich wegen Hochverrat verhaften, Lucilla.“ erklärte
ich liebenswürdig.
Fast tat sie mir leid, wie sie so dasaß, wie ein ertapptes Kind.
Claudius
Meine schlimmsten Befürchtungen sind
eingetreten.
Commodus weiß mehr, als wir geahnt haben.
Kassandra brachte vor wenigen Minuten eine Botschaft von Lucilla.
Mein Freund,
Rette was zu retten ist. Er weiß vom Toten. Sende eine Botschaft an Vinicius, er
soll ihm helfen, soweit er vermag. Ich habe nur Kassandra, bin unter Arrest.
Verlasse Rom, sobald du kannst.
L.
Ich sandte sofort einen Boten zu Flavius
Vinicius, dem Führer der Prätorianer, unserem Verbündeten. Dann machte ich
mich auf zum Colosseum.
Ich musste Meridius warnen. Vielleicht war noch Hoffnung.
Man brachte mich zu seinem Besitzer, einem verschlagenen Alten, der
angeblich einmal ein gefeierter Kämpfer gewesen sein soll.
Ein paar Goldstücke überzeugten ihn.
Er brachte mich hinunter in die zweite Ebene. In seiner Zelle war er aber
nicht.
Sein schwarzer Zellengefährte brachte mich ans andre Ende des
Ganges, klopfte an eine Tür.
Eine große Frau mit langem, rotem Haar öffnete, bat mich herein.
Der Tribun kam mir sofort entgegen.
Meine Anwesenheit hier sagte ihm, dass etwas passiert sein musste.
„Lucilla ist im Arrest. Er weiß von euch, aber nichts von unserem Plan.
Vinicius hat Nachricht von mir. Ich wollte, ich könnte mehr tun. Ich muss
untertauchen. Die Götter mögen euch schützen, Meridius.“
Er dankte mir nur und wir umarmten uns kurz.
Dann verließ ich das Colosseum und wenige Stunden später Rom.
Maximus
Claudius Besuch hat mich nicht erschreckt.
Ich habe es geahnt.
Als Accon mich vor ein paar Tagen abends holen ließ, hatte ich schon einen
Verdacht, dass mehr als ein Festbankett dahintersteckt.
Commodus wird versuchen, mich zu beseitigen.
Morgen werde ich mit Berane in die Arena gehen.
Lucilla ist verhaftet, auf sie kann ich nicht mehr zählen.
Berane wird hier bleiben müssen, falls ich morgen sterbe.
Soll ich ihn herausfordern? Hat Vinicius genug Einfluss auf die Garde, um
mich zu decken? Es ist meine einzige Chance.
Ihn all der Verbrechen anzuklagen, die er begangen hat und ihn zum Kampf zu
fordern vor dem Volk. Eine Chance für ihn seinen Ruf zu verteidigen.
Er ist ein guter Schwertkämpfer.
Berane weiß über alles Bescheid. Ihr Schicksal ist erneut direkt mit meinem
verbunden. Sterbe ich, ist die Situation für sie schlimmer denn je.
Auriane ist tot, Lucilla kann ihr nicht mehr helfen. Sie wird weiter unfrei
sein und unser Kind auch, wenn sie schwanger sein sollte.
Ich hätte sterben sollen, damals in Germanien.
Mein elender Hochmut stürzt alle ins Verderben, wie schon einmal...
hätte sie doch nur einen Toten gefunden unter dem Farn....
Berane
Maximus ist verzweifelt, ich sehe und fühle
es. Er versucht es zu verbergen.
Der weißhaarige Mann hatte sehr schlechte Nachrichten für ihn.
Der Kaiser weiß, wer er ist. Er wird sicher versuchen, ihn ermorden zu
lassen.
Ich bin seltsam ruhig. Die Gewissheit, dass ich heimkehren werde, ist stark
in mir. Ich habe Träume. Nach vielen Monaten sind die Visionen
zurückgekehrt.
Ich kann nicht glauben, dass Auriane sich umsonst geopfert hat.
Der Traum von dem gesichtslosen Besucher kehrt immer wieder.
Ich bin das kleine Mädchen, dass ihn kommen sieht. Ich habe Angst vor ihm.
Am selben Abend sprach Maximus mit mir. Es kostete ihn große Überwindung.
„Berane, wie soll ich es
dir nur sagen. Ich habe dich in so große Gefahren gebracht, du hast soviel
gelitten meinetwegen. Und jetzt wo Hoffnung war,
ist vielleicht alles vergebens gewesen.“
presste er hervor.
Ich saß bei ihm, umschloss seine Hand mit meinen Fingern.
„Du brauchst nichts zu erklären, ich habe verstanden. Es ist nicht deine
Schuld, nichts davon ist deine Schuld. Ich habe diesen Weg gewählt. Alles
was ich dir vorwerfen kann, ist, dass du bist wie du bist und ich dich dafür
liebe.“
Er drückte meine Finger fast schmerzhaft fest.
„Die Zeit hier hat mich gelehrt, dass alles sich ganz schnell ändern kann.
Wir können nichts vorhersehen. Freya wird uns schützen. Sie hat mich nicht
einen dermaßen weiten Weg gehen lassen, um so zu enden. Ich will das nicht
glauben. Vor wenigen Tagen waren wir sicher, du würdest bald tot sein. Du
lebst. Noch leben wir.“ Er atmete tief ein.
Erst dachte ich, er wolle etwas sagen, aber er blieb stumm. Ich sprach
weiter.
„Maximus. Ich habe dir von den Runen erzählt, von meinen Visionen. Vieles
ist eingetroffen. Ich sehe mich in der Heimat. Dich sehe ich nicht, noch
nicht. Ich sehe mich.“
Er war äußerst aufmerksam.
Wie ich diesen Mann liebe. Dieser Moment
bewies es mir einmal mehr.
Es war nicht seine Wichtigkeit. Nicht sein früherer Rang. Nichts, was weiter
als im Umkreis einer Höhle in Südgermanien gewesen war vor weit über einem
Jahr.
Es ist die Ehrlichkeit in seinen Augen. Dieser Ausdruck von
Solidarität, von Vertrauen. Ich wusste, ich kann ihm vertrauen.
Dies geht weit über das Körperliche hinaus.
Dieser nackte Blick aus Augen, die meinen so ähnlich sind, einem Geist, der
meinem Gefährte ist. Ich begehre ihn. Fleisch und Geist.
Wieder und wieder und wieder, weil er mir gleicht.
Er genießt mein Verlangen. Er hat sich stets nach einer Frau gesehnt, die
ihn stärker will, als er sie, weil er immer der gewesen ist, der mehr
gegeben hat. Ich tue es. Und ich fühle keine Scham.
Wenn ich ihn finde, finde ich mich. Ich bin das eine, er ist das andre.
Keine Göttin hätte mich zwingen können.
„Wenn ich morgen sterbe und Commodus an der
Macht bleibt, wirst du Sklavin bleiben. Alles wird vergebens ...“
Ich bedeckte seine Lippen mit meiner Rechten, streichelte seinen bärtigen
Kiefer.
„Maximus, ich muss dir etwas sagen.“ eröffnete ich ihm ernsthaft.
Er fiel darauf herein, wie ich wenige Tage zuvor auf dieselben Worte von
ihm.
„Du redest zuviel.“ Er rang sich ein entschuldigendes Lächeln ab.
Diesmal war ich es, die ihn mit einem Kuss am Aufbegehren hinderte.
Wir warfen uns einen Blick zu, als der
Kaiser mit seiner Schwester die Loge betrat.
Dies sollte offensichtlich ein Exempel werden. Sie musste zusehen.
Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass Commodus zum vernichtenden Schlag
gegen Maximus ausholen würde.
Als letzte Attraktion dieses Tages betraten wir mit drei weiteren Männern
die Arena. Unsere Gegner erwiesen sich als gut, aber nicht gut genug.
Maximus wich keinen Moment von meiner Seite. Meist deckte ich seinen
Angriff, trieb ihm den Gegner zu, den er dann übernahm, bevor ich an Kraft
verlor.
Da ‚der Spanier’ an meiner Seite war, hatte ich nichts zu fürchten.
Zu Beginn hatte einer versucht mich von meiner Gruppe zu trennen, weil er
wohl in einer Frau eine leichte Beute vermutete.
Ich konnte mich gegen ihn behaupten, hätte ihn wohl besiegt, aber Maximus
ging kein Risiko ein. Er war ständig hinter mir, übernahm mein Gegenüber bei
der ersten Gelegenheit. Er tötete ihn nicht, macht ihn nur kampfunfähig.
Danach wagte keiner mehr mich anzugreifen.
Die Thrazische Schule verlor gegen uns. Drei
ihrer Kämpfer fielen, bei uns nur einer. Ich wusste, Maximus trug eine
versteckte Waffe unter dem linken Armschutz, so wie ich.
Commodus beobachtete ihn. Was führte er im Schilde?
Hin und wieder schien er mit Lucilla zu plaudern, die nur schwieg.
Sie saß da wie erfroren. Es war klar, dass sie nicht freiwillig hier war.
Der Sprecher verkündete, der Kaiser wolle die Sieger persönlich
beglückwünschen. Er verschwand aus der Loge.
Es war soweit.
Verstohlen tastete ich nach Maximus Hand, er presste meine Finger, ließ sie
erst wieder los, als der Kaiser die Arena betrat.
Eine Gruppe von Prätorianern begleitete ihn, sie stellten sich wie ein Wall
um den Herrscher.
„Die Waffen nieder, Gladiatoren.“
Wir warfen die Schwerter in den Sand. Ein Helfer sammelte sie hastig ein.
Ich wusste, er würde versuchen, Commodus zu fordern, um es in einem Kampf
Mann gegen Mann enden zu lassen. Er hatte es mir gesagt in der Nacht davor.
In der Nacht davor hatte er mir sein
Innerstes gezeigt.
Er hatte mir von Selene erzählt und von Claudius. Von seinem Anwesen in
Trujillo.
Seiner Kindheit und all dem, was geschehen war, bevor wir uns begegnet sind.
Von seiner Müdigkeit, dem Überdruss nach den bald drei Jahren im Feldlager
in Germanien, seinem Verlangen nach hause zurückzukehren, die Armee zu
verlassen.
Von Marcus, seinem väterlichen Freund und Kaiser, der ihn darum gebeten
hatte, die Republik wieder einzuführen nach seinem Tod..
Seinem Entschluss Aurelius Bitte zu erfüllen.
Er hatte vorgehabt Selene und das Kind nach Rom holen zu lassen, weil er
nicht länger von ihnen getrennt sein wollte.
Von der Zeit in Spanien, als er unter Valens Befehl gestanden hatte.
Er hatte sich mir völlig geöffnet und als er geendet hatte, tat ich
dasselbe.
Wir lachten oft bei den Erinnerungen an die Tage bei mir, als er verletzt
war.
Über all die Missverständnisse und Vorurteile.
Ich sah seinen Schmerz als ich ihm von der Entführung durch die Deserteure
sprach. Er war der erste, dem ich alles sagte.
Nicht einmal Edred habe ich es soviel erzählt. Es war genug Zeit vergangen.
Jetzt konnte ich es. Maximus verfolgte gebannt meine Worte.
Nachdem ich ihm geschildert hatte, wie ich entkommen war, gab er nur ein
anerkennendes Schnauben von sich.
„Du weißt, dass mir etwas ähnliches zugestoßen ist. Ich bin froh, dass ich
die beiden anderen getötet habe.“
Ich schilderte ihm offen und ohne etwas zurückzuhalten meine anfangs
widersprüchlichen Gefühle ihm gegenüber. Was ich empfunden hatte, als ich
ihn am Teich beobachtete.
Meine Zweifel und die anfängliche Angst, er könnte einfach ein Verbrecher
sein.
Immerhin hatte ich die misslungene Hinrichtung gesehen.
„Berane, lass mich so offen sein, wie du es bist. Solange ich glaubte,
Selene sei noch am Leben, habe ich es verleugnet. Dein Herz und dein Mut
haben mich von Anfang an gefangen. Ich war dir so dankbar, du hast so
unendlich viel für mich getan. Dann hast du mir gezeigt, dass all dies einem
tieferen Gefühl entspringt und ich konnte es nicht glauben. Bisher war immer
ich der gewesen, der etwas beweisen musste. Geben musste.Es fiel mir schwer
zu nehmen.
Du warst so Herrin der Lage, ich fühlte mich ohnmächtig. Und dann
offenbartest du mir etwas, das ich nie erwartet hätte. Gabst dich mir auf
eine Art , wie ich sie mir immer erträumt hatte. Eine Frau, die MICH will.
Glaub mir, ich wollte dich. Nicht einfach eine Frau, weil ich lange....
Dich.“
Er hielt inne, sah mich prüfend an.
„Rede ich zuviel?“ wollte er wissen. Ich sah das Blitzen des Schalks in
seinen wunderbaren Augen.
„Du weißt, wie gern ich dir zuhöre. Aber jetzt genug der Worte.“ antwortete
ich milde.
„Nur eins noch,“ beharrte er, “Ich liebe dich.“
Mit einem listigen Lächeln näherte der
Kaiser sich, blieb vier oder fünf Schritt von uns stehen, umringt von der
Garde.
„Mein Glückwunsch den Siegern. Vor allem dem Spanier. Man könnte meinen, du
hättest dein Handwerk bei den Armeen Roms erlernt.“
Maximus gönnte ihm kein Katz und Maus Spiel.
„Du weißt, dass es so ist, Commodus.“ erwiderte er scheinbar ungerührt.
Der Angesprochene stutzte, fing sich aber sofort.
„Meiner Schwester Spione sind also noch aktiv. Nun, gut. Ich war sehr
überrascht. Eigentlich hast du es verdient zu leben, nach solch einer Flucht
und einer solchen Karriere. Aber du wirst verstehen, dass es nicht möglich
ist, es sei denn du hast deine Meinung geändert.“
Ich war sicher, es war nur eine Falle. Maximus würde ihn nie anerkennen.
Commodus würde kaum diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen.
„Das habe ich nicht.“ kam prompt die Antwort
von ihm.
„Wie du willst. Dann stirb.“ meinte der Kaiser bedauernd lächelnd.
Ich suchte Flavius Vinicius. Er war nicht hier in der Arena, ich entdeckte
ihn auch nicht in der Loge. Lucilla starrte gebannt auf uns herab. Das
Publikum murmelte.
Dann erhob Maximus seine Stimme, wandte sich an die Zuschauer.
„Römer! Ich fordere Gerechtigkeit! Dieser Mann hat seinen eigenen Vater
ermordet, weil er ihm die Nachfolge verweigert hat. Ich, Tribun Maximus
Decimus Meridius sollte auf Wunsch des Marcus Aurelius seinen Platz
einnehmen und Rom wieder zur Republik machen. Er hat meine Familie ermorden
lassen, ich entkam ihm. Ich fordere den Vatermörder Commodus Antonius zum
Zweikampf!“
Lucilla sprang auf, lehnte sich über die Brüstung, die Stimme des Mobs
schwoll zum Heulen eines Orkans.
Ich hörte nur noch wie Commodus rief :“Tötet ihn!“ , sah wie einer der
Prätorianer das Schwert zog und einen Schritt auf Maximus zuging.
Die Zeit blieb einen Moment stehen, als sei sie eingefroren, dann kam alles
langsam wieder in Bewegung.
Meine Augen folgten dem Wirbeln meines ersten Dolches.
Bevor er den Angreifer oberhalb des Ellbogens in den Schwertarm traf, war
die zweite Waffe schon auf den Weg.
Ich dachte an nichts, sah nur die
entsetzten Gesichter der Männer um mich, die verblüfften Züge des Kaisers.
Maximus hatte sich in die Verteidigungsstellung begeben und seine verborgene
Waffe gezogen, als mein zweiter Dolch sein Ziel fand.
Ein scharfer Schmerz traf im selben Moment mein linkes Bein, ich hörte
noch eine Männerstimme brüllen:
“Die Waffen nieder, Prätorianer. Die Waffen nieder!“
Dann verlor ich das Bewusstsein. |
Claudius, mein Freund,
Du hast es sicher schon gehört. Mein Bruder ist tot.
Als schon alles verloren schien, hat sich das Blatt ganz unerwartet
gewendet.
Ich hatte auf einen Zweikampf gehofft. Meridius forderte Commodus.
Mein Bruder befahl ihn zu töten. Er hatte vier oder fünf Prätorianer als
Leibwache bei sich. Einige schienen nicht eingeweiht oder nicht willens
Vinicius zu gehorchen. Deine Nachricht hat ihn sicher nicht rechtzeitig
erreicht.
Es war schwer zu erkennen, was dann geschah von meinem Platz aus.
Der Prätorianer zu Commodus linker Seite, der den Tribun angreifen
wollte, ließ seine Waffe fallen und umklammerte seinen Arm. Fast im selben
Moment griff sich mein Bruder an die Kehle und sank zu Boden. Meridius wurde
verletzt, bevor Vinicius die Situation unter Kontrolle bekam. Schwer
verletzt.
Er liegt im Wundfieber, wird aber durchkommen.
Und nun das Erstaunlichste :
Nicht er hat Commodus niedergestreckt.
Es war die Frau. Die germanische Gladiatrix mit dem roten Haar. Amazonia.
Oder wer immer sie wirklich war. Sie hat den Prätorianer daran gehindert,
Meridius anzugreifen und mit der zweiten, verborgenen Waffe dem Kaiser die
Kehle durchbohrt. Er starb noch in der Arena. Es ist unklar, ob es ein
Zufall war oder ob sie es geplant hatte.
Sie war in Meridius Gruppe, die gegen die andre Schule antreten musste.
Leider wurde auch sie verletzt, bevor Einhalt geboten werden konnte.
Ich ließ den Tribun und sie sofort in Sicherheit und später in den Palast
bringen.
Sie starb gestern am Blutverlust.
Lasst mich morgen Abend abholen. Wir haben viel zu besprechen.
Meridius wird ohne Zweifel den Oberbefehl des Heeres übernehmen sobald er
dazu imstande sein wird.
Juble mit mir! Rom wird wieder Republik!!
Lucilla, in freudiger Erwartung dich zu sehen
Berane
„Wie geht es dir heute?“ weckte mich eine
verbindliche, melodische Stimme aus dem Halbschlaf, den mir das
Schmerzmittel des Medicus seit Tagen beschert hatte.
Das schöne, gleichmütige Gesicht von Marc Aurels Tochter zeigte kein Gefühl.
Sie hatte sicher gelernt, es zu verbergen.
„Es geht mir besser. Ich danke euch für die Pflege, Herrin.“ erwiderte ich.
Ich war in den prachtvollen Räumen des Palastes erwacht.
Kundige Ärzte hatten meine Wunde versorgt. Ein Hieb tief in den
Oberschenkel. Ich hatte sehr stark geblutet. Wir sprachen das erste Mal
miteinander.
„Wo ist Maximus?“ wagte ich zu fragen. Sie sah mich irritiert an, dann wurde
ihr Blick verständnisvoller.
„Nicht weit von hier. Er wurde ebenfalls verletzt, er wird genesen.“ Sie
schien einen Moment zu überlegen, dann fragte sie: “Wie stehst du zu ihm?“
Ihre blauen Augen versuchten mich einzuschüchtern.
„Was ich getan habe, tat ich, um ihn zu retten. Ist das Antwort genug?“
antwortete ich knapp.
„Wer bist du?“
„Eine Heilerin aus Germanien. Und nicht die, für die ich gehalten werde.Ich
geriet in Gefangenschaft, wurde als Sklavin verkauft von euren Truppen.“
Sie runzelte die Stirn.
“Sprich nicht in Rätseln.“ tadelte sie mich, versuchte mir mehr Respekt
abzufordern damit. Verhalten wie meines war sie wohl nicht gewohnt.
„Was habt ihr mit mir vor?“ verlangte ich zu wissen.
Sie musterte mich widerwillig anerkennend.
„Du bist klug. Es kommt auf dich an. Du hast die Wahl. Heimat oder Tod.“
Ich richtete mich ein wenig auf.
„Was für eine Wahl soll das sein?“ fragte ich zynisch.
„Für Rom bist du tot. Ich kann keine Kaisermörderin am Leben lassen. Wie
viel weißt du über Maximus?“ kam sie auf den Punkt.
„Genug, um zu verstehen, um was es dir geht. Ich soll gehen, oder ich
sterbe. Ich soll ihn nicht von dem abhalten, wofür du ihn haben willst.“
warf ich ihr entgegen. Sie bezähmte den Zorn, der in ihren Augen
aufloderte, zwang sich ruhig zu bleiben.
„Wirst du gehen? Es soll nicht zu deinem Schaden sein. Ich habe den
Eindruck, ich kann offen mit dir reden, Germanin.“
„Berane. Mein Name ist Berane.“
„Berane. Maximus muss mir den Rücken freihalten, bis Rom wieder gefestigt
ist.“ erklärte sie direkt. Ich nickte.
„Ich will ihm seinen alten Rang wiedergeben und weit mehr als das. Er soll
Oberbefehlshaber werden. Mein Vater hatte ihn dazu bestimmt, die Republik
wieder einzuführen. Er hätte es getan, wäre er nicht verraten worden. Was
kannst du ihm bieten?“
Ihr Blick war eisig. Und ängstlich.
Sie würde über meine Leiche gehen, um ihr Ziel zu erreichen.
Niemand würde etwas erfahren.
„Nichts“ log ich. „Er hat mir davon erzählt, dass ihr euch lange kennt. Ich
weiß, dass du ihm einmal nahe standest. Und ich kann verstehen, dass du ihn
an deiner Seite haben willst. Ich weiß von seinem Konflikt. Wann kann ich
ihn sehen? Wie geht es ihm?“ verlangte ich.
Lucilla wurde erst blass, dann errötete sie angesichts meiner Offenheit,
schüttelte schließlich entschieden den Kopf.
„Du bist tot.
Maximus darf es nicht erfahren. Berane, ich
will dir nichts böses, ich schulde dir Dank.“ schwenkte sie plötzlich um,
änderte den Tonfall, suchte um Verständnis.
“Die Sache schien verloren. Halte mich nicht für herzlos, aber ich muss
Vernunft vor Gefühl walten lassen. Wenn er weiß, dass du lebst und in
Germanien bist, wird er nicht hier bleiben wollen. Das kann ich nicht
dulden. Sowenig, wie das Risiko, dass dich jemand als Mörderin des Kaisers
erkennt und ich somit in Verdacht gerate, weil ich dich ungestraft habe
davonkommen lassen. Du musst gehen. Ein Wagen wird dich hinbringen wo du
willst. Du bekommst jährlich das Einkommen eines Offiziers, was mehr als
genug ist, dein Leben angenehm zu machen. Aber du musst mir Schweigen
geloben. Maximus darf nicht wissen, dass du lebst.“
„Also ist er tatsächlich tot.“ murmelte ich erstaunt.
„Hattet ihr es geplant?“ wollte Lucilla wissen. Ich verneinte.
„Es geriet außer Kontrolle und ich reagierte instinktiv. Das Messerwerfen
habe ich erst vor wenigen Wochen erlernt. Wir ahnten, dass es zu einer
Begegnung mit dem Kaiser kommen würde, deshalb die verborgenen Dolche. Ich
war lediglich schneller als Maximus. Ich wollte nur verhindern, dass er
getötet wird.“
Sie hatte Angst vor mir, hatte erfasst, dass
ich eine Gefahr für sie und ihre Pläne war. Sie musste mich nicht fürchten.
Ich hatte dies kommen sehen, sollte der Anschlag auf Commodus gelingen.
Vielleicht wäre ich geblieben, wenn Maximus Einfluss darauf gehabt hätte.
Wenn ER Commodus getötet hätte.
Vielleicht war es besser so. Es konnte nur das eine oder das andre geben.
Er musste bleiben und den Wunsch des alten Kaisers erfüllen, bevor er Ruhe
finden würde. Ich kannte ihn gut genug, um das einzusehen.
Lucilla hatte recht. Und dass ich ihr im Weg war, hatte ich schon früher
geahnt.
Sie hätte ganz anders mit mir verfahren können.
Aber so herzlos war sie wirklich nicht. Sie ist in vieler Hinsicht auch nur
das Ergebnis ihrer Umgebung und Erfahrungen. Ich konnte sie verstehen.
Ich hätte wohl ähnlich gehandelt an ihrer Stelle.
Eine Woche darauf verließ ich in Lucillas
geräumigem Reisewagen Rom.
Ich durfte einen kurzen Blick auf ihn werfen, bevor ich die Stadt verließ.
Er war auf dem Weg zur Genesung.
Seine Züge wirkten müde und gealtert. Er schlief.
Ich wollte ihn umarmen, nach seiner Wunde sehen, ihn küssen und ihm sagen,
dass alles gut war. Ich durfte nicht.
„Er hat geweint, als ich ihm sagte, dass du es nicht überlebt hast.“
gestand sie. Ich blickte ihr direkt in die Augen. Sie flackerten unsicher.
Das Gespräch hatte eine Art Verständnis zwischen uns geschaffen.
Sie sah, dass ich Sinn in ihrem Handeln erkannte.
Es musste eine Demütigung sein für diese schöne, hochgeborene Frau, einer
unwichtigen Sklavin Zugeständnisse machen und sich anhören zu müssen, was
ich ihr zum Abschied zu sagen hatte.
„Wenn er leidet, ist es dein Verdienst, nicht meiner. Ich wollte immer nur
sein Glück. Ich weiß nicht, wie wichtig es dir ist. Ich hoffe ER ist
dir wichtig genug, Tochter des Aurelius.“
Sie schwieg, senkte den Blick.
Dann reichte sie mir eine versiegeltes Dokument.
„Es enthält deine Freilassungsurkunde auf den Namen Amazonia und deinen
wirklichen, falls es Schwierigleiten gibt an der Grenze. Und ein Schreiben,
dass dir die festgelegte Summe bis zu deinem Lebensende garantiert, solange
der Römischen Senat Einfluss auf die Staatsgeschäfte hat.“
Sie sah mir ein letztes Mal in die Augen.
„Ich wünsche dir eine gute Heimreise und viel Glück, Berane. Leb wohl.“
Dann verließ sie das Zimmer.
Der Sold eines Offiziers für ein Jahr, ein
kleines Vermögen, ruhte in einer kleinen Truhe unter dem Bett, mit meinen
persönlichen Dingen.
Sie hatte ihn freigekauft.
Ich schlief viel während der Heimreise. Ich war unendlich müde.
Das Schaukeln des Wagens machte mich noch schläfriger.
Ich träumte von all den vertrauten Gesichtern, von Gunthar und Edred.
Von dem kleinen Mädchen, das sich vor dem Reiter fürchtet.
Auriane, Callista, Oija, Endymion.
Von Maximus.
Er genas und übernahm die Ämter, die Lucilla mir genannt hatte.
Ab und zu sprach ich mit dem Offizier, der der Geleittruppe vorstand.
Von ihm erfuhr ich, dass Maximus den Oberbefehl übernommen habe.
Ich sah ihn in der Uniform des Tribuns, an ihrer Seite.
Ich sah Endymion mit Callista an Bord eines Schiffes.
Juba und Oija sah ich mit einer Karawane durch die Wüste reisen.
Kurz bevor die ersten Blätter fielen, kehrte ich heim in Widos Tal.
In der Gewissheit, dass Maximus Wunsch sich erfüllt hatte.
Maximus
Das
erste was ich veranlasste, war die Befreiung Jubas, Endymions, Callistas und
Oijas. Und aller Gladiatoren des Antonius Proximo.
Ich kaufte sie ihm ab. Er war mehr als zufrieden.
Ich gab allen eine gute Summe Geldes mit auf den Weg in ihr neues Leben.
Juba kehrte nach Numidia zurück. Oija begleitete ihn , wollte danach
weiter bis nach Ägypten, der Heimat ihrer Mutter.
Callista und Endymion gingen heim nach Kreta. Die kleine, geschmeidige
Schönheit und der blonde Adonis waren ein blendendes Paar, als ich sie am
Hafen verabschiedete. Vielleicht wird sie ihm über Aurianes Tod hinweg
helfen.
Und er ihr über die bisher größte Enttäuschung ihres Lebens.
Wer wird mir Beranes Tod leichter machen?
Niemand kann das. Auch nicht Lucilla.
Die ersten Wochen waren nur Schmerz.
Ich betäubte ihn mit Wein und hin und wieder mit Opium, wenn der Wein nicht
mehr half.
Der Senat setzte mich zum Oberbefehlshaber ein.
Lucilla war sehr bemüht um mich.
„Wo ist sie?“
„Es sind zehn Tage vergangen. Ich musste ihren Körper verbrennen lassen. Hat
sie dir denn soviel bedeutet?“ fragte sei befremdet.“ Eine
Barbarensklavin?“
Ich schwieg. Seit ich ein Mann bin, habe ich geweint, als meine Mutter
starb, ich in Trujillo mein Weib und mein Kind ermordet fand und als ich
mich auf den Rückweg nach Spanien gemacht habe, in dem Glauben Berane sei
tot.
Als Lucilla mir sagte, sie habe ihre Verletzungen nicht überlebt, weinte
ich.
Es gibt Zeiten für Tränen.
Diesmal habe ich sie endgültig verloren.
Ich zwang mich, nicht daran zu denken.
Unser Kind. Es war vielleicht mit ihr gestorben. Und ich mit ihnen.
Meine Hülle stieg auf zum zweiten Mann im
Römischen Imperium nach dem Senat.
Maximus Decimus Meridius. Führer der Garde. Oberster Heerführer.
Ich erfüllte meine Pflichten. Füllte die Leere in mir mit Arbeit.
Meist war ich unterwegs. Inspizierte Kasernen, Feldlager.
Ich war umgeben von Prunk und Ehrerbietung. Zweifelhafte Offiziere wurden
abgelöst, andre eingesetzt. Ich stärkte die Moral der Truppe mit Worten, die
mir leicht von den Lippen kamen und an die ich längst nicht mehr glaubte.
Rom. Verderbt, korrupt, unmenschlich und grausam.
‚Rom ist das Licht.’ hatte ich als kampferprobter, aber naiver General
einst zu Marcus gesagt, ohne je dort gewesen zu sein. Jetzt war es mir nur
Dunkel.
Ein dunkler Schatten auf meinem Leben, wie ihn die Statue der Wölfin in die
Arena wirft.
Lucilla
Ich
glaubte schon nicht mehr daran, als er nach Monaten endlich auf meine
unermüdlichen Angebote einging.
Ich hatte so gehofft, in ihm den Mann zu finden, der mir die Stirn bieten
und meine Sehnsucht nach einem Geliebten, den ich achten und respektieren
konnte, erfüllen würde.
Aber es war nur ein Strohfeuer. Es loderte
heiß und kurz. Dann war es vorbei.
Er schien etwas zu suchen, das ich ihm nicht geben konnte.
Egal wie sehr ich mich bemühte.
Er war anfangs leidenschaftlich, ich genoss meine Nächte mit ihm.
Aber er schien jedes Mal weniger Erfüllung zu finden in meinen Armen.
Seltener und seltener verbrachten wir Zeit miteinander.
Als ich ihn eines Abends, er war sehr düsterer Stimmung, aufgebracht daran
erinnern wollte, was ich für ihn getan hatte, sah er mich nur an mit diesen
Augen, die einen erfrieren lassen können. Er hatte getrunken.
Er trank viel, hatte sich dabei aber immer unter Kontrolle.
„Was du für mich getan hast, hast du für dich getan. Oder für Rom. Rom ist
es nicht wert, Lucilla. Ich habe eine Frau gekannt, die drei Mal mein Leben
gerettet hat und am Ende ihres dabei verlor.
Was hast du dem entgegen zu stellen?“
‚Was hast du ihm zu bieten?’ hatte ich die
Germanin gefragt.
Das war die Strafe für mein eigennütziges Handeln ihr gegenüber.
Ich hatte ihm damit nur Schmerz bereitet.
Sie hatte mich nicht ohne Grund gemahnt.
Es war vorbei. Ich erwachte aus meinem Traum.
An eine Heirat war nicht zu denken.
Der junge, inspirierte Adjutant meiner Jugend war ein harter, zynischer Mann
geworden. Bitter und enttäuscht von seinen persönlichen Verlusten.
Nichts konnte ihn damit versöhnen, seine Schuldgefühle waren übermächtig.
Er erfüllte all seine Pflichten als Oberbefehlshaber vorbildlich.
Wir sahen uns ein, zwei Male im Monat. Redeten über politische Dinge,
tauschten höfliche Floskeln aus, alles persönliche war tot zwischen uns.
Knapp ein Jahr nach Commodus Tod verlangte
er zurücktreten zu dürfen.
Er schlug mir einen Nachfolger vor. Einen fähigen Mann, den er seit Monaten
auf
dieses Amt vorbereitet hatte. Ich unterstützte sein Anliegen.
Der Senat stimmte zu, da Claudius sich dafür stark machte.
Bei ihm war Maximus oft, wenn er in Rom war. Öfter als bei mir.
Wir verabschiedeten uns am Hafen in Ostia.
Sein Schiff nach Spanien lag bereit zum Auslaufen.
„Lucilla, verzeih mir. Ich war nicht immer gerecht zu dir. Es tut mir leid,
dass ich dich enttäuscht habe. Du hast nichts falsch gemacht. Wir waren
nicht füreinander bestimmt. Ich wünsche dir viel Glück. Leb wohl.“
Wir umarmten uns steif, wie zwei Fremde.
Ich war bitter, aber ich wünschte auch ihm Glück, brachte es nicht übers
Herz ihm die Wahrheit zu sagen. Ich fürchtete seinen Zorn.
Und ich war eifersüchtig. Eine Barbarensklavin hatte ihm mehr bedeutet, als
eine Kaisertochter. Es war unwürdig und verachtenswert, Genugtuung dabei zu
empfinden, dass er sie so wenig haben würde, wie ich ihn.
Dass seine Hoffnungen ebenso zerstört worden waren, wie meine.
Aber es tröstete mich auf eine gewisse Art, für die ich mich eigentlich
hätte schämen sollen.
Claudius erzählte mir später, dass Maximus vorhabe sein zerstörtes Anwesen
in Spanien wieder aufzubauen, Wein zu pflanzen und Vieh zu züchten, wie er
es getan hatte bevor er nach Germanien berufen worden war.
Maximus
In dem Moment als ich Heimaterde betrat,
verspürte ich Erleichterung.
Lucilla hatte sich ein Wiederaufleben unserer Romanze auf Capri erhofft.
Sie umwarb mich monatelang. Irgendwann ging ich darauf ein.
Sie ist eine sehr reizvolle Frau, jeder Mann würde sich glücklich schätzen.
Schönheit, Macht, Reichtum.
Es hinterließ nichts als eine schalen Nachgeschmack bei mir.
Wenn ich sie umarmte, umarmte ich eine Tote und erschrak jedes Mal wenn ich
am Morgen neben ihr und nicht neben der Frau erwachte, nach der ich mich
noch immer sehnte. Zudem war sie gewohnt hofiert und umschmeichelt zu
werden.
Etwas, dass nicht in meiner Natur liegt. Ich konnte ihre Erwartungen nicht
erfüllen und es lag mir nichts daran. Sie war nicht die Art Frau, die mir
wirklich nahe kommen kann.
Die Gräber von Selene und Claudius waren von
Wind und Regen unkenntlich gemacht, aber ich wusste noch genau wo ich sie
beerdigt hatte.
Zusammen mit dem Haus und den angrenzenden Stallungen, Gesindehöfen und
Vorratskammern ließ ich dort ein Mausoleum errichten, wo auch ich einst Ruhe
finden wollte. Ich dachte oft an den Tod.
In Rom hatten Berane und ich dagegen gekämpft.
Jetzt wäre er mir willkommen gewesen.
Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Meine heilten nur sehr langsam.
Ich arbeitete mit am Wiederaufbau, wie meine Bediensteten und die freien
Handwerker. Sklaven kaufte ich so viele ich brauchte und ließ sie dann frei,
um als bezahlte Arbeiter bei mir zu bleiben. Ich hatte nie loyalere und
fleißigere Diener.
Wer einmal selbst dieses Los erdulden musste, wird den Rest seines Lebens
dagegen kämpfen.
Ich war beliebt bei ihnen, denn ich war milde und die Entlohnung reichlich.
In der Zeit als oberster Militär in Rom hatte ich ein Vermögen erworben,
dass mir bei umsichtiger Verwaltung nie versiegen würde.
Hin und wieder fühlte ich mich von einer Frau angezogen, die mich an Berane
erinnerte. Das Haar, die Stimme, die Augen, die Art sich zu bewegen oder
die Art mich anzusehen. Reiche Familien boten mir ihre Töchter zur Heirat
an.
Es war zu früh für mich und die Mädchen hätten meine eigenen Töchter sein
können. Es war lächerlich.
Die Angst dasselbe zu erleben wie mit Lucilla, hielt mich zudem zurück.
Als schließlich die letzten Bauarbeiten vollendet und alle Rebstöcke
gepflanzt waren, ging ich in unsere kleine Stadt, die nicht weit von meinem
Gut liegt, um mit meinen Bediensteten zu feiern.
Ein Jahr war vergangen seit ich Rom
verlassen hatte, fast zwei seit Commodus Tod. Wir aßen und tranken in einer
Schänke, die ich oft besuchte.
Der Wirt war ein alter Freund meines Vater gewesen und hatte ihn mit Wein
beliefert. Meine Heimkehr nach fast fünf Jahren seit meiner Order nach
Germanien zu kommen, als Befehlshaber der Nordarmee war unbemerkt vonstatten
gegangen. Nur wenige erinnerten sich an mich.
Die, die mich erkannten, waren alte Freunde und ihre Loyalität war mir
sicher.
Irgendwann im Laufe des Abends schlug mir jemand auf die Schulter.
Ich fuhr herum und sah in das grinsende Gesicht eines meiner Landsmänner
und Unteroffiziere in Vindobona. Wir begrüßten uns lautstark, umarmten uns.
„Cassius, was tust DU hier?“ brachte ich
schließlich begeistert hervor.
Sein Bulldoggengesicht verzog sich kläglich.
„Familienangelegenheiten. Mein Schiff legt morgen ab zurück nach Rom. Ich
habe natürlich gehört, dass du abgedankt hast. Aber ich wusste nicht, dass
du hier bist, in der Heimat! Welch ein Glück, dich zu treffen, alter
Freund.“
„Wie ist es dir ergangen seit Germanien?“ wollte ich wissen.
„Ich gehöre jetzt zur Palastwache. Nicht aufregend, aber gut bezahlt. Aber
erzähl du! Ist es wahr was gesprochen wurde?? Es waren soviel Gerüchte im
Umlauf. Warst du wirklich ‚der Spanier’, der berühmte Gladiator und hast den
Tyrannen getötet?“ fragte er mich später unter vier Augen.
Ich sah ihn verblüfft an.
„Wurde das gesagt? Ja, ich war Gladiator im Circus Maximus. Das ist eine
lange Geschichte. Aber nicht ich habe Commodus getötet.“ erwiderte ich.
Es widerstrebte mir davon zu sprechen. Die alten Wunden waren kaum vernarbt.
Cassius schüttelte den Kopf, schlug sich mit der Faust in die andre Hand.
„Ich wusste es! Deshalb wurde die Frau in den Palast geschafft. Ich habe
mich immer gefragt , was das zu bedeuten hat.“ stieß er hervor.
Ich erstarrte. „Wovon
redest du, Cassius?“
Er beugte sich verschwörerisch zu
mir.
„Also war es doch die Frau. Ich war dabei als sie in den Palast geschafft
wurde. Vinicius selbst, der damals Oberster Prätorianer war, befahl uns sie
unverzüglich dorthin zu bringen. Eine große, rothaarige Barbarin.
Wie war noch der Name unter dem sie auftrat... sie war berühmt.
Du müsstest es doch wissen...“grübelte er.
„Amazonia.“ murmelte ich. Mein Herz setzte einen Schlag aus.
„Ja, genau!!„ bestätigte er.
„Was geschah mit ihr?“ wagte ich zu fragen.
„Ich wurde abkommandiert einen Reisewagen, wie die kaiserliche Familie ihn
benutzt, zu begleiten. Wir fuhren bis zur germanischen Grenze, dann übernahm
der Grenzposten den Wagen. Ich darf eigentlich nicht darüber sprechen, aber
dir gegenüber ist das etwas anderes. Es ist ja schon zwei Jahre her.“ meinte
er.
In meinem Kopf drehte sich alles.
„Hast du gesehen, wer in dem Wagen war?“
Er sah mich an, als sei ich ein Idiot.
„Die Frau natürlich! Sie war verletzt, am Bein, glaube ich. Sie sprach gut
Latein. Ich habe ein paar Mal mit ihr geredet. Sie schien sehr traurig. Wir
waren mehr als zwei Wochen unterwegs. Es ging ihr schlecht. Sie aß kaum und
musste sich oft übergeben.
Die Reise schien ihr nicht zu bekommen. Kein Wunder bei dem Geschaukel. Und
sie hat mich einmal gefragt, was sich nach dem Tod des Kaisers in Rom
verändert habe.“
Berane.
Sie war nicht in Rom gestorben. Lucilla
hatte mich belogen.
Erst als
ich am nächsten Morgen mit Cassius das Schiff nach Rom bestiegen und wir
vom Bug aus das schwindende Ufer unserer Heimat betrachteten, wurde mir
wirklich bewusst, was er am Abend vorher gesagt hatte:
Es ging ihr schlecht. Sie aß kaum und musste
sich oft übergeben.
Die Reise schien ihr nicht zu bekommen. Kein Wunder bei dem Geschaukel.
Cassius sah mich
verstört an, als ich aus heitrem Himmel zu lachen begann und dabei ungeniert
Tränen vergoss.
Aber diesmal waren es zum ersten Mal in
meinem Leben Tränen der Freude . |
Lucilla
Maximus stürmte in meine Räume wie ein
Orkan. Ich starb fast vor Schreck.
Niemand hatte mich gewarnt. Mindestens ein Jahr war vergangen.
Er sah sehr verändert aus. Gebräunt, unauffällig gekleidet, sein Haar war
gewachsen, reichte ihm fast bis auf die Schultern, gebleicht von Spaniens
Sonne.
Während des Jahres in Rom vor seiner
Abdankung waren seine Züge allmählich voller und gedunsen geworden, was
sicher am Wein und dem bequemen, guten Leben lag, das in krassem Gegensatz
zu seiner Zeit als Sklave stand.
Er war noch immer stattlich gewesen, aber man konnte bereits erkennen, dass
dieses Leben ihn mit den Jahren wie so viele Männer mit dem Alter in einen
beleibten Liebhaber von gutem Essen und Wein verwandeln würde.
Er wirkte jetzt jünger, seine Augen klar und scharf.
Der Schleier über ihnen war verschwunden.
Anfangs hatte ich oft an ihn gedacht, dann immer seltener.
„Wo ist sie?“ Seine Stimme war gefährlich
leise.
Ich wusste sofort, was er meinte, ersparte mir die Frage, wie er darauf
gekommen war. Es spielte keine Rolle. Alles Leugnen war sinnlos, er schien
keinerlei Zweifel zu hegen. Es war Zeit Farbe zu bekennen.
Und ich war froh mein Gewissen endlich entlasten zu können.
Diese Lüge hatte mehr an mir genagt, als ich hatte wahrhaben wollen.
„Sie war damit einverstanden. Sie wollte wie ich, dass du Rom dienst. Sie
bestimmte wohin. Ich weiß es nicht. Germanien. Irgendwo in Germanien. Hass
mich nicht, Maximus. Ich hätte sie beseitigen lassen können. Ich habe es
nicht getan.
Sie ist frei und hat mehr als genug zum Leben. Ich habe dafür gesorgt.
Ich habe es auch für Rom getan. Rom brauchte dich. Mein Vater hat es
gewusst. Es war nicht sinnlos.“ gab ich ohne Umschweife zu.
„ Rom.“
Die Art wie er es sagte, war so voller Bitterkeit und Ablehnung.
Ekel schwang darin mit. Sein kleiner, seltsam mädchenhafter Mund war ein
dünner Strich, als er es hervorstieß, die stechenden Augen schmal.
„Welcher Grenzposten?“ bellte er rücksichtslos.
„Irgendwo in Raetien.*“
Er funkelte mich ein letztes Mal aus diesen erstaunlichen Augen an.
Augen die eisige Kälte ausdrücken können und in anderen Momenten an das
blaue Glühen im Inneren der Kerzenflamme erinnern.
Dann verließ er das Zimmer so schnell wie er es betreten hatte.
Maximus
Cassius bot mir an, mich zu begleiten. Ich
stimmte erfreut zu.
Es war Herbst. In Spanien war es noch immer warm, ebenso in Rom.
Aber ich erinnerte mich noch gut an die eisigen Winter in Germanien während
des Feldzugs unter Aurelius.
Uns blieben nur wenige Wochen, bis die Kälte uns zwingen würde, einen
Unterschlupf zu suchen oder in wärmeren Gebieten den Frühling abzuwarten.
Cassius schlug halbherzig vor, erst im Frühling aufzubrechen.
Ich lehnte ab. Nichts konnte mich abhalten nach Berane zu suchen.
Soviel Zeit war vergangen. Ich wollte nicht noch mehr verschwenden.
Sie war wahrscheinlich schwanger gewesen.
Der Gedanke, dass sie irgendwo in Germanien mit meiner Tochter oder meinem
Sohn lebte, erfüllte mich mit einer Energie und einem unerschütterlichen
Optimismus, wie ich ihn nur in meiner Jugend empfunden hatte.
Wenige Tage nachdem Lucilla mir bestätigte, was ich von Cassius erfahren
hatte, brachen wir auf über die Alpen. Ich veranlasste, dass meinem besten
Mann und Verwalter in Trujillo eine Nachricht überbracht würde mit der
nächsten Militärdepesche von Rom.
Noch hatte es wenig geschneit in den Bergen und die Passage verlief
problemlos. Wir hatten je ein Ersatzpferd dabei.
Meist übernachteten wir in Herbergen. Wenn wir keine fanden, schlugen wir im
Freien unser Lager auf. Sowohl Cassius als auch ich waren nicht mehr an das
Leben im Feldlager gewohnt und zogen einander oft auf über den Grad
unserer Verweichlichung, wenn wir zitternd vor Kälte am Feuer saßen oder
morgens unsere steifen Knochen und Muskeln wieder in Gang brachten.
„Arrrr“ brummte Cassius.
”Alte
Männer wie wir sollten das nicht mehr tun.”
frotzelte er und ließ sein meckerndes Lachen erklingen, das mir, egal worum
es ging, stets ein ungewollt unmännliches Kichern entlockte. Ich gab ihm
einen derben, aber spielerisch gemeinten Klaps auf den Hinterkopf.
“Du vielleicht, du sabbernder Greis! Ich fühle mich wie Zwanzig.“ zog ich
ihn auf. Er lachte nur sein Bocksgelächter und ich fiel ein.
„In deinen Träumen“ konterte er.
“Spätestens nach dem Frühstück und dem ersten Krug Wein.“ fügte ich
sarkastisch hinzu.
Wir mussten bald Vindobona erreichen.
Die Farbenpracht der Wälder war berauschend, wir ritten stundenlang
schweigend durch die vom Sonnenlicht durchflutete, farbentrunken machende
Orgie aus Orange-Gelb –und Rottönen.
Dazu der tiefblaue Herbsthimmel als erstaunlicher Kontrast.
Cassius und ich sahen uns nur hin und wieder in sprachloser Begeisterung
an.
Germaniens Schönheit –ich hatte sie während der drei Jahre des Feldzugs nie
bemerkt. Mein Herz war leicht wie ein Vogel als wir die Danubia* erreichten.
Ich kniete nieder und trank von ihrem Wasser. Rein und klar.
Süß.
Es war wie Heimkommen.
* Donau
Wir folgten dem Fluss, lagerten an seinem
Ufer solange das Wetter es erlaubte.
Hin und wieder trafen wir auf Einheimische, die ich in meinem kärglichen
Germanisch nach dem Weg fragte. Ich wollte die Gegend von Beranes
Waldzuflucht finden und von dort aus weitersuchen.
Sie waren sehr freundlich, konnten uns aber nicht helfen.
Wir kauften ihnen Lebensmittel ab und ihren gegorenen Honigwein, den sie Met
nennen und der uns manch lustigen Abend am Feuer bescherte, aber auch dicke
Schädel am nächsten Morgen.
Wir tauschten Anekdoten aus unserer gemeinsamen Zeit bei der Armee.
Lange Abende erzählte ich Cassius von meiner Odyssee von Germanien nach
Spanien, Afrika und Rom. Der Zeit als Sklave und Gladiator.
„Maximus“ meinte Cassius irgendwann, als wir
abends am Lagerfeuer saßen.
„Was willst du tun, wenn du sie findest und sie ist wieder vermählt oder mit
einem anderen zusammen?“ Ich sah ihn verblüfft an.
In meiner Euphorie hatte ich daran noch nicht gedacht.
„Verzeih, ich will deine Freude nicht dämpfen. Ich wäre glücklich, wenn ich
einer Frau wie ihr jemals begegnen würde, aber du solltest alle
Möglichkeiten einrechnen. Es wird dir Enttäuschungen ersparen. Du bist so
munter und gut gelaunt, wie ich dich noch nie zuvor erlebt habe. Ich will
bestimmt nicht deinen Frohmut schmälern, das weißt du.“ erklärte er
vorsichtig.
Ich lächelte ihn beruhigend an, nickte zustimmend.
„Du hast vollkommen recht, mein Freund. Ich bin töricht. Viel Zeit ist
vergangen. Ich muss meine Erwartungen klein halten. Sie kann sich neu
gebunden haben, was mich nicht wundern würde, denn sie ist eine wunderbare
Frau. Es kann auch sein, dass wir sie niemals finden oder...“ bemerkte ich
nachdenklich.
Cassius hob abwehrend die Hand.
“So weit wollte ich nicht gehen. Denken wir nicht das Schlimmste.“
Ich nickte, dankbar für seinen Einwand.
„Weißt du, auch wenn sie nicht mit mir gehen will oder kann, ihr wieder zu
begegnen ist es wert. Ich will mich davon überzeugen, dass sie lebt und es
ihr gut geht. Und ich will mein Kind sehen, wenn sie schwanger war. Es
müsste jetzt etwas älter als ein Jahr sein.“
Cassius plumpe, gewöhnlich hart wirkende Züge wurden milde.
„Du müsstest dein Gesicht sehen, als du eben davon gesprochen hast. Maximus,
ich hoffe nur, dass du nicht noch eine herbe Enttäuschung erleben wirst.“
murmelte er mitfühlend.
Wenige Tage später stand ich vor dem Teich.
Er sah noch genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte.
Ich erwartete fast Berane aus dem Dickicht auf mich zukommen zu sehen.
In ihrer Lederkleidung, mit dem straff zurückgebundenen Haar.
Wir ließen die Pferde trinken. Cassius folgte mir den kurzen Weg zur Höhle.
Mein Herz klopfte bis zum Hals.
Ich fand den Eingang hinter einem Busch, der nach meiner Abreise nach
Spanien dort gewachsen war.
Überall Spinnweben. Alles Brauchbare war fort.
Die Feuerstelle war noch da, aber selbst der Rauchabzug war verschwunden.
Was hatte ich erwartet? Insgeheim hatte ich gehofft sie hier zu finden.
Cassius bemerkte meine Enttäuschung, ließ mich eine Weile allein, kehrte
später mit den getränkten Pferden zurück.
Die Erinnerungen überfluteten mich.. Ich setzte mich vor die Höhle.
Blickte einfach in die bunten Baumkronen, die so anders aussahen, wie im
Spätwinter fast vier Jahre zuvor. Manchmal weinte ich, gab mich den Bildern
hin, die in mir aufstiegen.
„Viel Name. Ich sagen Maximus. Gut?“
Ich musste lachen, als ich an den Abend dachte. Wir hatten uns
‚beschnüffelt’ wie zwei Tiere, die sich nicht kennen. Ich war so überheblich
gewesen, so eingebildet und naiv. Heute war
ich ein anderer.
„Wo bist du?„ murmelte ich in das Rauschen der Buchen und Linden.
„Wo ?“
Dann kam Cassius und wir ritten weiter in Richtung der Siedlung, die ich
damals verlassen vorgefunden hatte. Sie war wieder bewohnt, aber niemand
kannte eine Frau ihres Namens oder jemand auf den die Beschreibung passte.
Wir fanden einen Schlafplatz beim Ältesten, der unser Geld ablehnte , uns
wie Gäste behandelte. Es gab köstliches Wildschwein, Brotfladen und Met.
Der Älteste war begeistert jemand zu finden, mit dem er sich unterhalten
konnte. Er fragte mich nach der politische Situation in Rom. Ich erklärte
ihm, dass der Senat die Regierung übernommen habe.
Er nickte beifällig. Ich ließ ihm einen wertvollen Dolch als Geschenk, da er
sich nicht bezahlen lassen wollte.
Ich sah dieses Volk mit völlig anderen Augen als zu der Zeit, als ich Macht
über es gehabt hatte.
Am nächsten Morgen hatte es stark gefroren,
die bunten Blätter hingen schlaff von den Zweigen. Wir zogen weiter in die
nächste Siedlung.
Sie wurde Widos Tal genannt.
Die Einwohner beäugten uns misstrauisch, als wir gegen Mittag dort
eintrafen.
Bei den ersten Worten Germanisch hellten die Gesichter auf, wurden
freundlich. Wir wurden zum Essen gebeten und man beantwortete unsere Fragen
bereitwillig.
Mein Herz machte einen Sprung, als mir ein grauhaariger Hüne bestätigte,
dass eine Frau namens Berane hier gelebt habe. Sie habe vorletzten Frühling
das Tal verlassen. Sein Blick war sehr neugierig.
Ich versuchte zu erfahren, ob sie schwanger gewesen sei, aber ich
beherrschte seine Sprache nicht genug, um mich verständlich zu machen.
Wir stockten unsere Vorräte auf, zogen am nächsten Tag weiter.
Das Wetter wurde schlechter. Cassius eröffnete mir, er wolle zurück, um vor
Kälteeinbruch das Gebirge hinter sich zu haben. Ich beschloss mir ein
Winterquartier zu nehmen und von da aus in Etappen weiter zu suchen.
Ich umarmte ihn herzlich, dankte ihm für all seine Unterstützung und
wünschte ihm eine gute Heimreise.
„Komm nach Spanien sobald du kannst, Cassius. Im Sommer bin ich spätestens
wieder zuhause. Sei mein Gast, solange du willst. Und wenn ich Glück habe,
wirst du dann auch Berane kennen lernen. Hab Dank für alle Hilfe. Wenn du
mich nicht erkannt hättest, wären wir heute nicht hier.“
Er verzog nur vielsagend sein Gesicht, dass mich an eine Dogge erinnerte.
Für ihn war diese Reise mehr Freundschaftsdienst gewesen als Vergnügen.
Ich lachte entschuldigend und umarmte ihn ein letztes Mal.
Dann war ich auf mich allein gestellt.
Bis es anfing zu schneien zog ich umher.
Nichts. Meine Zuversicht schwand allmählich. Ich beschloss mir ein festes
Quartier zu suchen.
An einem Nachmittag, der der letzte freundliche, sonnige vor dem Winter war,
traf ich eine alte Frau auf einer Lichtung.
Ich winkte ihr zu, stieg ab.
Sie sah mich erschrocken an aus uralten Augen, die mir noch immer sehr wach
und aufmerksam erschienen. Ein Korb an ihrem Arm war voller Brotfladen, wie
ich sie unlängst verzehrt hatte. Sie sah meinen Blick, schmunzelte, reichte
mir einen. Er war noch warm und duftete herrlich. Ich dankte ihr, biss
hinein, nachdem ich sie gefragt hatte, ob sie mir eine Bleibe für den Winter
wisse.
Ich würde gut bezahlen. Sie musterte mich ausgiebig, ein seltsames Lächeln
auf den verwitterten Zügen.
„Römer, reite immer in diese Richtung. Zu Fuß ist der Weg eine Stunde. Dort
wirst du sicher willkommen sein. Freya sei mit dir.“
krächzte die Alte, winkte und wackelte ihres Weges.
Verblüfft sah ich ihr nach.
Freya. Nun, sie scheint eine wichtige Gottheit hier zu sein.
Und woher wusste sie, dass ich Römer bin? Ich sah mehr und mehr aus wie ein
Barbar
mit meinem wuchernden Bart und den langen Haaren, die zudem heller waren als
gewöhnlich durch den Sommer in Spanien.
Ich setzte mich auf einen Baumstumpf und verzehrte das Brot, das mir die
Alte gegeben hatte. Es schmeckte genauso, wie das, welches Berane damals
mitgebracht hatte.
„Meridius, jetzt reiß dich zusammen...“ schalt ich mich.
„Du machst dir etwas vor.“
Müdigkeit überkam mich. Ich breitete eine Decke auf dem Gras aus und machte
ein Nickerchen. Kurz bevor es zu dämmern begann, brach ich auf in die
Richtung, die mir die freundliche Alte gewiesen hatte.
Ich passierte ein Stück Wald, dann kam ich auf eine kleine Lichtung.
Ein Haus. Groß, aus Steinen errichtet, mit einem Stall. Der Kamin rauchte.
Also war es bewohnt.
Jetzt erst sah ich die zwei Kühe und das Pferd hinter dem Gehöft.
Ein Bild des Friedens. Hier wollte ich bleiben.
Hoffentlich hatte die Alte recht gehabt und man würde mich aufnehmen.
Während ich näher kam, sah ich wie sich eine Tür öffnete und etwas Kleines
über die Schwelle trat. Ein Kind, höchstens zwei Jahre alt.
Es hatte mich bemerkt und sah lange zu mir her.
Ich wollte es nicht erschrecken, senkte den Kopf, zügelte meinen Wallach.
Langsam trabte er näher. Eine Frau trat zu dem Kind, hob es auf den Arm.
Es wandte sich plötzlich um, deutete in die andre Richtung von wo leises
Kindergelächter erklang. Die Frau wandte sich ebenfalls dorthin.
Die beiden sahen erst wieder zu mir her, als ich vom Pferd gestiegen und
wenige Schritte von ihnen entfernt war.
Sie drehten mir beide überrascht das Gesicht zu.
Es war Berane. Das Kind auf ihrem Arm hatte meine Augen.
* Bayern |