|
7 – Zwiespalt Die lächerliche, einseitige Unterhaltung, die der Leiter der privaten Entzugsklinik mit ihr geführt hatte, war beendet. Man hatte sie nicht zu Wort kommen lassen und vielmehr darauf hingewiesen, dass man alles nur erdenklich Mögliche tun würde, um ihren Aufenthalt angenehm und erfolgreich zu gestalten. Sie verspürte auch keinerlei Lust sich zu verteidigen. Was sollte sie schon sagen? Wenn sie mit der Willkür ihres Mannes heraus rückte, wäre dies nur ein Schlechtpunkt mehr in ihrem Akt. Schizophrenie, Paranoia... Sie versuchte keinen Einwand. Jeder Protest ihrerseits würde den Verdacht auf ihren kranken Geisteszustand nur verstärken. Die Pflegerin brachte sie zurück auf ihr helles und komfortables Zimmer. Dort ließ sie sich auf ihr Bett fallen, nachdem man ihr eine Injektion gegeben hatte. Eine mehr. Ihr anfänglicher Protest ging in den gut gemeinten Zusprüchen der Schwester unter, während ein weiterer Pfleger ihren Arm eisern umklammert hielt und so ein Entkommen der drohenden Nadel unmöglich machte. „Sie sagen alle, dass sie das nicht bräuchten“, beschwichtigte die dunkelhaarige Frau ihre Einwände. „Es ist schon gut, Madame. Sie werden schlafen und sich dann besser fühlen. Morgen kommt ihr Mann Sie besuchen. Da wollen wir doch gut aussehen und uns von unserer besten Seite zeigen, nicht wahr?“ Die Art und Weise, wie man mit ihr sprach, ließ sie belustigt lächeln. War sie unmündig? Ein Kind? Wahrscheinlich hielt man sie für beides. Der Chefarzt hatte ihr die Beweggründe einer Einlieferung genannt, so wie sie an ihn, durch Lapierre, weiter gegeben wurden: „Tiefe Depressionen, Alkoholabhängigkeit und Selbstmordgefährdung“. Als Grund für diese psychischen Probleme war ihr unerfüllter Kinderwunsch angegeben. Lapierre hatte sie also internieren lassen. Wahrscheinlich hatte er den Wunsch, einen Erben für sein Imperium mit ihr zu zeugen, inzwischen aufgegeben und es vorgezogen, sie einsperren zu lassen, um jeden Skandal oder schlechte Nachrede zu vermeiden. Möglicherweise konnte er sich so im Mitleid seiner Anhängerschaft sonnen – ‚armer Mann, seine Frau interniert - er hatte sie doch so geliebt’! Eine Zeitlang würde man sich höflichkeitshalber nach ihrer Verfassung erkundigen. Nach und nach würde sie in Vergessenheit geraten und irgendwann konnte sich dann niemand mehr daran erinnern, dass er überhaupt je verheiratet gewesen war. Wenn sie noch lebte, würde sie mit Drogen voll gepumpt unbeteiligt auf diesem weichen Bett liegen und zur Decke starren. Ihr Geist würde dann labil auf ein Minimum zurechtgestutzt sein, das ihr erlaubte, zu essen, zu trinken und ihre Notdurft zu verrichten. Irgendwann würde sie sich selbst aufgeben und dem Ganzen ein Ende machen, die Augen schließen und sie nicht mehr öffnen. Ihren Herzschlag reduzieren und vielleicht, wenn Gott gnädig mit ihr war, einschlafen, um nie mehr zu erwachen. Dann würde Frieden einkehren in ihre Seele und sie konnte zurückkehren und für immer zwischen Heidekraut und uralten Steinen umherwandern. Leicht, frei, auf ewig... Das gespritzte Serum verfehlte seine Wirkung nicht, und sie glitt in einen tiefen, traumlosen Schlaf. ***** „Du hast mir keine Wahl gelassen, Gillaine“, beharrte Lapierre und sah in den gepflegten Park der Anstalt hinaus, während seine manikürten Hände zu Fäusten geballt waren. Sie saß mit überkreuzten Beinen auf dem Bett und versuchte ihre Kopfschmerzen zu ignorieren. Wer war dieser Fremde? Sprach er mit ihr? „Warum sagst du nichts? Hast du mir nichts zu sagen? Keine Einwände, kein Protest?“ Die unbeteiligte Miene seiner Frau machte Lapierre rasender als irgendwelche Gefühlsausbrüche mit welchen er gerechnet hatte. Sie schien ihn nicht einmal wahrzunehmen. „Ich spüre ihn noch immer“, flüsterte sie sich selbst zu. „Deinen Kuss auf meiner Hand...“ Er ignorierte ihr Flüstern, hörte nicht einmal hin. „Ich habe dir alles gegeben, Gillaine. Ein Heim, meinen Namen, mein Geld. Und du findest nichts besseres, als mir meine Großmütigkeit mit einer lächerlichen Flucht zu vergelten.“ In seinen Worten schwang eine Art Selbstmitleid mit und nun erkannte sie den Mann, der seit geraumer Zeit auf sie einsprach. Er hatte sie einsperren lassen, er hatte ihren Willen in einen seiner Safes verbannt und den Schlüssel dazu geschluckt. Er hatte ihren Körper besudelt. Wieder und immer wieder. Sie schüttelte sich vor Ekel und konnte nicht länger still sein: „Du hast mir alles genommen, Bernard“, entgegnete sie ruhig und wunderte sich selbst über diese Gefasstheit, wo alles in ihr schrie und tobte. „Meine Freiheit, meine Jugend und vor allem meine Würde“. Da war sie wieder, diese Stimme, wenn auch inzwischen leiser geworden. „Deine Würde“, wiederholte er ironisch und blickte sie an. „Als wüsstest du, was Würde ist! Ich! Ich, habe Würde zu bewahren, mein Ansehen fleckenlos zu präsentieren. Eine hysterische, überspannte und zur Krönung auch noch gefühlskalte Frau an meiner Seite ist wahrlich das Letzte was ich gebrauchen kann. Eine, die sich auf Partys auffällig übertrieben mit dahergelaufenen Ausländern unterhält, Star hin oder her! Du weißt, was der Auslöser für meine Enttäuschung gewesen war! Oder brauchst du ein wenig Gedächtnisauffrischung?“ ‚Aha’, dachte sie zufrieden und kein bisschen überrascht. ‚Wenigstens einmal in meinem Leben habe ich den Kerl unsicher gemacht. Und Russells saftige Ohrfeigen waren auch nicht spurlos an ihm vorübergegangen’. Sie brachte sogar ein kleines Lächeln zustande, um ihn zu ärgern. Das gelang ihr auch. Sein Gesicht verzog sich zu einer unschönen Fratze. „Glaubst du etwa ich habe nicht gemerkt, was da zwischen euch beiden vorging? Diese Entgleisung kommt dir nun teuer zu stehen, “ höhnte er. „Wir haben uns nur harmlos über alles mögliche unterhalten“, gab sie immer noch lächelnd zu. „Und ich muss zugeben, dass diese Unterhaltung die anregendste meines bisherigen Lebens gewesen war!“ Er nickte zustimmend. „In Anbetracht dessen, dass es auch deine letzte war, die du in Zukunft mit irgendjemanden außer mir oder den Leuten in dieser Klinik führen wirst, muss ich dir zustimmen. Es sei dir vergönnt! Du hättest die Sache halbwegs ausbügeln können, indem du mir endlich ein Kind zur Welt bringst. Aber dazu war Madame sich auch zu gut!“ Er holte tief Luft. „Schließlich war dieser Kerl und seine hinterwäldlerische Methode die Dinge zu bereinigen der Auslöser deines Dilemmas. Du solltest ihn dafür hassen!“ „Ich kann niemanden hassen, den ich kaum kenne“, erwiderte sie ruhig und befand, dass diese unsinnige Unterhaltung lange genug gedauert hatte. „Aber ich hasse dich“, fügte sie hinzu. „Du allein warst an der Reaktion Crowes schuld! Du und deine feinen Äußerungen! Ich hasse dich dafür!“ Lapierre grinste und nickte. „Das weiß ich“, gab er zu. „Es ist für mich eine gewisse Genugtuung ein wildes Kätzchen gefangen und mit Gewalt gezähmt zu haben. Der Dompteur und seine Wildkatze! Du weißt, was ich meine!“ Seine Anspielung galt ihren quälenden Nächten und sie hätte ihm am Liebsten ins Gesicht gespuckt. Ihre gute Erziehung verbat ihr eine solch gewöhnliche Reaktion. „Das Tierchen ist für öffentliche Auftritte nicht mehr zu gebrauchen“, höhnte sie selbst und er nickte zustimmend. „Ja“, höhnte er zurück. „Es ist nicht mehr possierlich genug!“ Lapierre war gekommen, um sich an ihrer Niederlage zu weiden. Seinem Sadismus zu frönen. Das konnte er. Das hatte er. Aber er würde nicht erleben, dass sie um Gnade flehte oder ihn um Mitleid bat. Hier ging es ihr nicht schlechter als in ihrem goldenem Gefängnis in der City. Nichts hatte sich geändert, außer, dass sie jetzt auch sexuell ihre Ruhe vor diesem Mann hatte, der ihr immer fremder geworden war in den letzten Jahren. Die Aussicht, seine Hände nicht mehr auf ihrem Körper ertragen zu müssen, zu wissen, dass er sie nicht mehr brutal an ihr vergehen würde, machte sie fast fröhlich. Sie trällerte ein leises Liedchen vor sich hin und Lapierre sah fassungslos zu ihr hinüber. Sie warf einen Blick auf die Hochglanz-Magazine, die er ihr gönnerhaft mitgebracht hatte. „Damit du weißt, was so in der Welt vor sich geht“, hatte er gesagt, „und du weißt, was du durch deine Schuld alles verpasst!“ Die Festivitäten der Pariser Societé würden sie keinesfalls interessieren. Nichts davon interessierte sie. Das alles war nur Langeweile für sie gewesen, ein „sich zur Schau stellen“ für den Mann neben ihr, der von einem krankhaften Geltungsdrang besessen war. Seinen Reichtum vorzuzeigen, seinen guten Geschmack, das hatte er gewollt. Der Schmuck, den sie bei diesen Anlässen getragen hatte, war nie der ihre gewesen, sondern Bestandteil seiner Vermögensanlagen. Strahlend und diskret hatte sie sich darein gefunden. Die Stute mit dem goldenen Zaumzeug. Sie hatte auf Freundschaften keinen Wert gelegt, in dem Wissen, dass keine Freundschaft Lapierres Druck Stand halten konnte.
„Wenn du etwas brauchst, dann lasse es den Arzt wissen. Er wird mich kontaktieren. Wenn es mir wichtig genug erscheint, werde ich jemanden vorbeikommen lassen, der dir das Nötigste bringt. Man soll nicht glauben, dass ich ein Unmensch sei. Im Übrigen denke ich, bist du hier gut aufgehoben und versorgt. Bis auf weiteres zumindest.“
Klang das nicht schon wieder wie eine Drohung? Er hatte kein Hehl daraus gemacht, dass sie nicht von ihm freikommen konnte. Irgendwann musste er sie endgültig, wenn auch in aller Legalität verschwinden lassen. Sie konnte noch von Glück reden, dass er sich nicht gleich durch einen Unfall oder anderwärtig von ihr befreit hatte. Aber was änderte das schon? Es stellte lediglich eine Zeitverschiebung da, eine Galgenfrist. Vielleicht tat er das nur, um seinen Triumph über sie ein wenig mehr auskosten zu können. Es machte ihr nichts aus. Sie hatte mit ihrem Dasein abgeschlossen, betrachtete die Situation aus dritter Sicht. Dann ging er wortlos davon. Sie sah ihn vom Fenster aus mit dem Leiter der Klinik sprechen. Sie blickten beide zu ihrem Zimmer hoch und sie wich ungesehen hinter die Gardinen zurück. Gedankenverloren widmete sie sich den Zeitschriften und blätterte sie durch. Ihr Mann war oft genug auf Photos abgebildet. Auch von ihr war häufig die Rede. Ihrem Leiden, ihrer angegriffenen psychischen Gesundheit. Die Journalisten hatten mit Vermutungen und Verleumdungen nicht gespart. Mit Wörtern wie Bulimie, Anorexie und Paranoia wurde nicht gespart, wenn von ihr die Rede war. Bald schon würde eben dieses Schicksal sie erreicht haben.
Ihre größte Sorge jedoch war, wie sie die vielen Stunden und Tage totschlagen sollte in dieser Haft, die ihr auferlegt worden war. An Jahre wagte sie gar nicht zu denken. So lange würde das Katz- und Mausspiel, das er mit ihr trieb, sicher nicht dauern. Sie musste eine Tätigkeit finden, etwas, für das es sich lohnte, weiter zu leben und nicht wirklich verrückt zu werden. Wichtig war, guten Willen zu zeigen, unauffällig zu bleiben, aber nicht apathisch zu wirken. Die Mittel, die man ihr täglich spritzte, verwirrten ihren Geist, machten sie schlaff, körperlich wie auch psychisch. Sie musste während der Gespräche mit dem Arzt auf sein Spiel eingehen, zeigen, dass sie gesund werden wollte und ihm vormachen, dass sie in ihr früheres Leben zurück zu kehren gedachte. Wenn nicht anders, die liebende Ehefrau vortäuschen. Egal, was Lapierre auch über sie und ihren Geisteszustand gesagt hatte. Der Mann war schließlich Arzt. Er hatte einen Schwur getan. Sie fragte sich nur, ob der Eid des Hippokrates nicht von der hohen Summe auf den Überweisungschecks Lapierres wettgemacht wurde...
Sie hielt im Blättern der Zeitschrift ein und schlug die eine Seite ganz auf. Ein buntes Bild, ein breites Lächeln schlugen ihr entgegen und der Blick aus grünblauen Augen, die auf dem Pressefoto etwas verfälscht in ihrer Farbe dargestellt waren, traf sie bis in ihre verwundete Seele. Es schien, als wäre er ihr ganz nahe. „Bleib’ dir selbst treu, Gil“, sagte das Lächeln und sie lächelte zurück. Es schien, als wäre die Zeit seit dem Zusammentreffen stehen geblieben und die Erinnerung löschte ganz urplötzlich alles andere aus, was ihr danach widerfahren war. Er lächelte und der Artikel erzählte von den wohlverdienten Ferien des Stars an der heimatlichen Goldküste. In wenigen Monaten schon begannen die Verpflichtungen neuer Dreharbeiten und er würde seiner Heimat für ein Weilchen den Rücken zukehren. Doch vorerst wollte er pausieren und sich um seine Rinderfarm kümmern. Man vermutete wieder einmal eine neue Liebe an seiner Seite, doch es gab keine Bestätigungen darüber, wie ernst die Sache mit der Blonden an seiner Seite wirklich war. Sie saß lange da und mochte sich nicht von diesem Gesicht lösen, das sie fasziniert und beeindruckt hat, ebenso, wie die gesamte Ausstrahlung, das Auftreten des Mannes, den sie bei der Premiere seines Films getroffen hatte. Und dann brach der gesamt Strom ihrer so lange unterdrückten Gefühle über sie herein. Sie schlug ihre Hände vors Gesicht und begann heftig zu schluchzen. Aus Angst, man könnte ihr hemmungsloses Weinen, dem sie keinen Einhalt mehr gebieten konnte hören, presste sie ihr nasses Gesicht in ihre Kissen und wünschte, darin zu ersticken.
Doch der Tod wollte sie nicht. Nachdem sie lange so dagelegen hatte, gewannen die Vernunft und ihr Lebenswille wieder die Oberhand über Verzweiflung und schmerzender, seelischer Pein und sie richtete sich langsam auf, strich ihr nasses Haar zurück und blickte erneut in Russells offenes Gesicht. Sie stöhnte leise und schlug das Magazin zu. Dann ließ sie es in die erste Schublade ihrer Kommode gleiten. Vielleicht war es ein Trost, in diese Augen blicken zu können, wenn ihre Einsamkeit ganz schlimm wurde... ***** Träge schlichen Tage und Wochen dahin. Es begann kühler zu werden und Gillaine beobachtete aufmerksam, wie die Blätter im Park sich verfärbten und nach und nach zu Boden segelten. Traurigkeit lag in der Luft. Sie schmeckte sie auf der Zunge, fühlte sie auf der Haut. Sie fror mehr und mehr. Sie dachte an ihre Eltern, und daran, dass nach ihrem Tod ihre Familie in Vergessenheit geraten würde. Es gab keine anderen Verwandtschaftslinien mehr und vielleicht war es auch besser so. Irgendwie war den Baverts nicht viel Glück beschert gewesen. Der Unfallstod und dann die Schuldenbürde der Eltern hatten sie psychisch ziemlich mitgenommen. Als sie endlich Verzweiflung und Trauer überwunden hatte, begegnete ihr Lapierre und ihr eigener Abstieg nahm seinen bitteren Lauf... Hatte sie einst gehofft und geglaubt Halt und Trost bei diesem einflussreichen Manne zu finden, so erntete sie das Gegenteil: Strenge, Ernüchterung und Gleichgültigkeit. Natürlich war sie verliebt in ihn gewesen, doch wie rasch hatte er jedes Gefühl, das sie ihm entgegen gebracht hatte, im Keime erstickt! Und als Punkt auf dem „i“ bekam sie auch noch seine Macht über sie zu spüren, gegen die sie sich nicht auflehnen konnte, und die ihr Freiheit und Selbstwürde genommen hatte. Was wie ein modernes Märchen begann, endete als Tragödie. Sie versank keineswegs in Selbstmitleid und betrachtete ihr Schicksal eher interessiert, analysierte es gelassen und nahm es hin, ohne wirkliche Bitterkeit. Unauffällig ging sie zu den Therapien, antwortete, wie sie annahm, dass der Arzt es erwartete, und sie wurde respektvoll und gut dafür behandelt. Statt den anfänglichen Injektionen bekam sie jetzt Tabletten, die sie vorgab zu schlucken. Wenn sie dabei genau beobachtet wurde, dann schluckte sie sie wirklich. Sobald die Pflegerin den Raum jedoch verlassen hatte, würgte sie das Zeug heraus und spülte es in die Toilette. Sie nahm sogar ein bisschen zu und ihre hagere Gestalt nahm wieder weichere Rundungen an. Erst zwang sie sich zum Essen und schon bald wurden die Mahlzeiten, die sie je nach Wunsch allein in ihrem Zimmer einnehmen konnte, die Höhepunkte des Tages in ihrem eintönigen Leben.
Als die ersten Schneeflocken die Baumwipfel vor ihrem Fenster bedeckten, ließ sie wissen, dass sie wärmere Sachen zum Anziehen bräuchte und vor allem Pelzstiefel, um ihre langen Spaziergänge im Park auch im Winter fortsetzen zu können. Solange sie die beißend kalte Luft spüren, ihren lebendigen Atemhauch im Grau der Winterlandschaft ausnehmen konnte, wusste sie, dass sie noch lebte. Die Überraschung war groß, als ihr eines Nachmittags Bernadette angekündigt wurde. Gillaine nahm das Mädchen in die Arme und die kleine Kreolin weinte ein paar Tränen. Gillaine beruhigte sie. „Es geht mir gut“, versicherte sie. „Es besteht kein Grund um mich zu weinen, Bernadette. Ich bin froh, dass Sie mir die Sachen gebracht haben und ich Sie sehen darf! Wirklich froh!“ Das dunkle Mädchen seufzte noch ein bisschen und tupfte ihre Tränen von den Wangen. „Madame fehlt mir sehr“, versicherte es aufrichtig. „Nichts ist mehr wie früher. Das Haus ist so still und kalt. Monsieur ist nur selten zuhause. Ich denke, er wird mich bald entlassen, ich habe nicht mehr viel zu tun, seit Sie das Haus verlassen haben!“ „Wohin werden Sie dann gehen, Bernadette?“, sorgte sich Gillaine um die treue Person. Bernadette machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich werde zurück nach Martinique gehen. Meine Eltern haben geschrieben, dass es ein paar neue Hotels gibt in Fort de France, die gutes Personal suchen. Mit meinen Referenzen komme ich dort sicher leicht unter.“ Gillaine nickte. „Davon bin ich überzeugt und ich werde Ihnen ebenfalls ein ausgezeichnetes Zeugnis ausstellen.“ Wehmut durchzog ihre Sinne. Bernadette, die frei ihrer schönen Heimatinsel entgegen ziehen konnte, frei wie ein exotisches Vögelchen, das einer Zukunft an weißen Sandstränden und in den warmen Breitengraden des karibischen Meeres entgegensah. Sicher würde sich auch bald jemand für ihr Herz finden und sie eine glückliche Frau und Mutter dort werden, wo sie hingehörte. Ein Platz an der Sonne. Ein Platz in der Welt. Ein Platz im Leben. „Aber was wird aus Madame?“, fragte das Mädchen ängstlich, so, als habe es Gillaines Gedanken gelesen. „Mach dir keine Sorgen um mich“, beschwichtigte sie ihre ehemalige Zofe. „Ich werde schon fertig mit dieser Situation!“ „Aber Sie sind doch nicht wirklich krank, Madame“. Das klang weniger nach einer Frage, war eher einer Feststellung. „Ich weiß nicht“, zögerte die Antwortende. „Vielleicht doch.“ Bernadette schüttelte bestimmt den Kopf: „Nein, Madame. Lassen Sie sich das bloß nicht einreden! Sie sind nicht krank, sie sind unglücklich und allein. Sie sind nie froh geworden an der Seite von Monsieur, ich wusste das!“ Gillaine war es fast unangenehm, dass das Mädchen sie wachzurütteln versuchte und ihre sorgsam aufgebaute Welt der Erträglichkeit ungewollt erschütterte. Sie spürte Bitterkeit in sich aufsteigen. Fast schroff antwortete sie: „Was weißt du, Bernadette? Was kannst du über meine Bedürfnisse wissen? Hab ich nicht alles besessen, was eine Frau sich nur wünschen konnte?“ Bernadette schüttelte den Kopf: „Oh nein, Madame, wir sind hier unter uns. Sie brauchen nicht die Starke zu spielen. Sie vergessen, ich kenne Sie seit fünf Jahren schon. Ach, Madame, wenn ich Ihnen doch nur irgendwie helfen könnte!“ Gillaines Lebensgeister wurden unwillkürlich durch die Worte der jungen Frau angeregt. ‚Würde’, flüsterte es in ihrem Kopf. ‚Deine Würde, Gil!’ „Ja, das können Sie, Bernadette“, sagte sie betont langsam und die Worte waren ganz allein aus ihr hervor gequollen. „Schreiben Sie folgende Telefonnummer auf“. Sie wusste Andrés Nummer immer noch auswendig. Sie kannte eine versteckte Stelle im Park, wo sie durch den hohen Eisenzaun mit André ein paar Worte wechseln könnte, ohne dass jemand es bemerkte. Sie hatte sich oft genug dorthin zurückgezogen, um nicht von anderen Klinikinsassen belästigt zu werden. Eine fast verwachsene Steinbank lud zum Träumen ein, zum Alleinsein. Sie wollte nicht teilhaben an den Problem der wirklich Kranken. Sie wollte sich nicht daran gewöhnen, dass diese kranke, verrückte Welt, die ihre werden sollte. Bernadette machte sich davon Notizen. Gillaine gab Zeit und Ort an. André sollte sich dort einfinden, sie müsse mit ihm sprechen. Sie wusste, er würde kommen. Sie konnte sich auf ihn verlassen. Niemand spionierte ihr nach, wenn sie die langen Wanderungen im Park unternahm. Und auch er, ihr alter Freund, war bedeutungslos für Lapierre geworden, davon hatte er sich sicher eingehend überzeugt. Anfangs hatte man ein Auge auf sie gehabt, aber sie hatte den Beweis geliefert, dass sie eine brave Patientin war, eine, die keine Geschichten machen würde. Es könnte also klappen... „Natürlich dürfen Sie nicht vom Haus aus anrufen, Bernadette“, ermahnte sie die eifrige Person, die froh war, ihr einen Gefallen tun zu können. „Und sagen Sie diesem Herrn, falls ich an jenem Tag verhindert sein sollte, er möge es eine Woche später zur gleichen Zeit versuchen. Es ist wirklich wichtig!“ Da hatte sich ganz plötzlich ein Vorhang gelichtet, so unerwartet wie sie nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Lapierre würde das Mädchen ausfragen und sie gab ihr Anweisungen, welche Antworten sie zu geben hatte. Ja, Madame, ginge es gut, sie sei ruhig gewesen und habe viel geschlafen. Nein, sie habe nicht nach Monsieur gefragt. Alles andere würde ihm nur verdächtig vorkommen...
In ihrem Kopf rasten Pläne und Gedanken. Sie war fiebrig und erwartungsfroh. Die letzte Chance, der letzte Ausweg! An diesem Abend schlief sie ein und hielt die Zeitschrift aus ihrer Schublade fest an sich gedrückt. Seit langem träumte sie wieder. Sie stand am Bug eines weißen Schiffes und fuhr der Freiheit entgegen. Der Bug teilte die schäumende Gischt unter ihr. Der Wind spielt in ihrem Haar und sie hörte im Hintergrund helles Lachen. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass es ihr eigenes Lachen war, dass von überall her auf sie eindrang... Sie hob die Augen gen Himmel und die kleinen Wölkchen formten sich zu geballten Wörtern – ‚Freiheit’ – las sie und ihr Herz füllte sich mit Wärme und der Sonne, die sie plötzlich in helles, wohltuendes Licht tauchte und ihre Seele ebenfalls mit den Strahlen der Hoffnung erfüllte. *****
Die Landstrasse, die unmittelbar hinter dem Anwesen der Klinik vorbei führte, lag wie ausgestorben vor ihren Augen. Sie hatte sich richtiggehend zwischen die bereits blattlos gewordenen Reben wilden Weins und des im Sommer alles überwuchernden Schlingknöterichs gezwängt, um von der Klinik und der Parkanlage aus ungesehen zu bleiben. André, sollte er wirklich zu kommen gedenken, hatte Verspätung. Aber war die Telefonnummer immer noch aktuell gewesen? Eisiger Schrecken stieg in ihr hoch. Ihre mühsam aufgebauten Hoffnungen, die sie in den letzten Tagen mehr und mehr ausgesponnen hatte, schienen mit einem Male in der Endlosigkeit der flachen, schneebedeckten Landschaft hinter dem Zaun zu verschwinden. Es war kalt und in ein paar Tagen war Weihnachten. Es bedeutete ihr nichts. Sie wusste inzwischen, sie befand sich irgendwo in der Normandie, nordwestlich von Paris. Sie hatte André diese Fahrt zugemutet, ohne darüber nachzudenken, dass er kein eigenes Fahrzeug besaß, und dieser Weg genug Mühen für ihn darstellen musste. Aber sie brauchte ihn! Er konnte den Schlüssel zu ihrer Freiheit bedeuten!
Sie schob ihre Wollmütze zurück. Näher kommendes Motorengeräusch drang an ihr Ohr. Sie spähte den Weg entlang und gewahrte ein helles Auto, das etwa fünfzig Meter vor ihr, bei dem kleinen Bildstock des Heiligen am Wegesrand Halt machte. Sie erkannte André, der sich mit seinen langen Beinen aus dem Kleinwagen heraus zwängte und den Zaun in ihre Richtung entlang strich. Er blieb stehen sah sich vorsichtig um und schlich weiter. Der Fahrer blieb im Wagen und stellte den Motor ab. Leise rief sie ihn an. Die dunklen Wolken am Himmel waren für sie ganz plötzlich verschwunden. Er machte ein paar rasche Schritte und stand ihr gegenüber. „Gillaine“, rief er sichtlich erfreut und streckte seine Finger durch das stählerne Maschengitter. „Gillaine, chérie!“ „Wir haben wenig Zeit André“, mahnte sie ihn gerührt, und bedauerte, dass sie keine liebreicheren Begrüßungsworte fand, doch die Zeit war knapp. Vielleicht war dies ihre letzte Chance! „Du musst mich hier herausholen, André, bevor ich zugrunde gehe! Er nickte und sie sah, dass seine Augen in Tränen schwammen. „André, ich bitte dich, sei stark! Sei es für mich und höre mir genau zu!“ Und dann teilte sie ihm ihren genau ausgeklügelten Plan mit. Sie schärfte ihm die Nummer ihrer Geheimkonten ein. Er notierte sie auf seiner Handfläche. Sie übertrug ihm die finanziellen Transaktionen, die er für sie durchführen sollte. Sie vertraute ihm. Er sollte nach Luxemburg fahren und die hohen Beträge einfach für sie einkassieren und ins Ausland überweisen. Eine riskante Aktion, die nicht ganz der Legalität entsprach. Doch sie hatte keine Wahl. Auch könnte er das Geld einfach behalten und sich aus dem Staub machen. Doch das würde er nie tun, denn er liebte sie und sie bedauerte ihn einmal mehr, weil sie diese Liebe nicht erwidern konnte wie er es erwartete oder verdient hätte.
„Ich weiß, ich verlange viel von dir, André, aber ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt! Ich weiß nicht, wann mein Mann genug hat, diese Klinik teuer für mich zu bezahlen! Er muss ein wenig Zeit verstrichen lassen, um sich nicht verdächtig zu machen, aber er wird es nicht länger tun, als unbedingt nötig. Irgendwann wird er mich abholen lassen, jedoch nicht, um mich nach Hause zu holen, du verstehst?“ Er nickte. Er war fassungslos und er war zu allem bereit, was sie von ihm verlangte. Ein Studienkollege hatte ihn hierher geführt, er war über Details nicht informiert. „Glaubst du, du hättest in zwei Wochen alles erledigt, André?“ „In einer Woche bin ich wieder hier, Gillaine, dann hole ich dich hier raus. Noch vor Jahresende! Mach dir keine Sorgen mehr, ich tue alles, um dich zu befreien, wirklich alles!“ Sie wusste, das waren keine leicht daher gesagten Worte. Es würde ihm keine Ruhe lassen, bevor er ihren Plan nicht vollends durchgeführt hätte. „Heute in einer Woche, Gillaine, um die gleiche Zeit. Ich setze sofort alle Hebel in Bewegung! Versuche ein paar Sachen mitzunehmen, bleib unauffällig und dieser verdammte Zaun wird für dich bereits offen sein, wenn ich wieder komme! Hab’ keine Angst mehr und vertrau’ mir!“ Nun musste sie doch weinen, es war die Erleichterung, die bedingungslose Treue ihres Freundes, die sie die Nerven verlieren ließ. Er streichelte durch das Maschengitter hindurch ihre Wange und sie küsste seine gefrorenen Fingerspitzen. „Ich muss zurück“, sagte sie heiser. „Niemand soll Verdacht schöpfen. Ich muss weiterhin die überspannte, reiche Frau mimen, die rasch gesund werden will! Eine Verrückte auf dem Weg zur Besserung.“ Wahrscheinlich war sie das ja, eine Verrückte, die nicht wusste, was sie tat und den armen Jungen zu derartigen Verrücktheiten anstiftete. Er nickte und sie winkte ihm ein weiteres Mal zu, drehte sich um und befreite sich aus den gefrorenen Ranken der Gebüsche, die sie verborgen hatten. Schnee fiel in ihren Mantelkragen, doch sie spürte es kaum. Sie wusste, er stand immer noch hinter dem Zaun und sah ihr nach, doch sie verschwand rasch zwischen den Bäumen und strebte klopfenden Herzens dem großen, weißen Gebäude zu, das sie bald verschlucken würde. Eine Woche! Wie sollte er das je schaffen? Doch wenn er es richtig anging, konnte es möglich sein! Sie versuchte, ihr gleichgültiges Gesicht und ihre träge Art sich zu bewegen beizubehalten, doch alles in ihr jubilierte und sie hatte größte Mühe, sich ihre Freude und wieder gekehrte Lebenslust nicht anmerken zu lassen. |
|
8 – Freiheit Jeder darauf folgende Tag war für sie die reinste Pein. Sie hatte Angst, man könnte an ihrem Gesicht ablesen was sie im Schilde führte. Sie schlug die Augen nieder, sobald man mit ihr sprach, aus Furcht, das Leuchten in ihren Iris könnte sie verraten. Sie verbarg ihre Hände hinter dem Rücken, damit das leichte, aufgeregte Zittern nicht auffiel und man ihr nicht wieder Beruhigungsspritzen verpasste. Die Stunden verliefen zähflüssig und Tage schienen ihr wie Wochen. Sie selbst konnte nicht viel anderes tun als zu hoffen und auf Andrés Organisationstalent zu vertrauen. Einen Tag vor der geplanten Flucht ließ der Oberarzt sie in sein Büro bitten. Sie nahm artig Platz, wie so oft schon und harrte der Dinge, die er ihr mitzuteilen hatte. Der Mann betrachtete sie aufmerksam und sie versuchte, so gelassen wie nur möglich zu wirken. Sie rief sich in Erinnerung dass nicht weniger als ihr Leben davon abhing, was er von ihr dachte und zwang sich damit zur Ruhe. „Madame, in zwei Tagen ist Weihnachten.“ Sie nickte ergeben und antwortete nicht. „Wie fühlen sie sich? Das bevorstehende Fest der Nativität, löst es besondere Gefühle in Ihnen aus?“ Ach, darauf wollte er hinaus. Ihr unerfüllter Kinderwunsch hatte den Geist des Arztes beschäftigt. „Keineswegs“, erwiderte sie ein wenig zu rasch. „Ich meine, ich versuche nicht weiter darüber nachzudenken!“ Der Arzt wiegte den Kopf hin und her. „Sie wissen, Sie müssen ganz offen sein, wenn wir zu einer Besserung kommen wollen. Sie sind eine gesunde, junge Frau. Sie werden eines Tages Kinder haben. Das dürfen Sie mir glauben, aber sie müssen sich das auch selbst zutrauen, Gillaine!“ Er schlug den väterlichen Ton an. „Ich habe eine Überraschung für Sie. Ihr Mann will sie über Weihnachten nach hause holen, Madame!“ Er wartete die Wirkung seiner Worte ab und beobachtete sie genau. Sie versuchte ein kleines Lächeln, obwohl kalte Furcht ihr Herz umschloss. Ein schmerzliches, heftiges Schaudern durchfuhr sie. „Wie schön“, hauchte sie. Der Arzt schien mit ihrer Reaktion zufrieden zu sein und nickte. „Ja, ich fand, dass dies eine gute Idee sei. Wir werden sehen, wie Sie die Feiertage zuhause verbringen und wie es Ihnen danach geht. Ich habe für drei Tage zugestimmt. Das ist doch in Ihrem Sinne, oder?“ “Natürlich”, sagte sie eifrig und ballte ihre Hände im Schoss zu Fäusten. „Sie müssen nicht gehen, Madame, sagen Sie es frei heraus.“ Sie überging diese Bemerkung und fragte vorsichtig: „Und wann werde ich abgeholt, Doktor?“ „Man will Sie morgen nachmittags abholen. Bereiten Sie sich darauf vor.“ „Ich kann demnach noch meinen täglichen Spaziergang draußen machen?“ „Wenn Sie keine Angst haben, sich dabei einen Schnupfen zu holen, dann bitte. Aber seien sie gegen 16.00 h in Ihrem Zimmer, Gillaine. Sie wollen Ihren Mann doch sicher nicht warten lassen, nicht wahr?“ Sie schüttelte ergeben den Kopf. „Ich werde mich besonders warm einpacken“, versprach sie, „und ich werde pünktlich zurück sein.“ Der Arzt nickte wohlwollend: „Ich weiß, dass ich auf Sie zählen kann, Madame. Sie haben sich bereits recht gut erholt bei uns. Ihr Mann wird sich freuen!“ ‚Und wie’, dachte sie sarkastisch und war erleichtert, dass die Unterhaltung beendet schien. Zurück in ihrem Zimmer, begann sie, die Kleidungsstücke hervorzuholen, die sie gedachte, unter dem Mantel anzuziehen. Ja, sie würde wahrlich gut eingepackt hinausmarschieren aus ihrem Gefängnis. Etwas Wäsche zum Wechseln für die Überfahrt. Bernard wollte sie also erneut quälen. Er wollte ihr unvergessliche Weihnachten bescheren, auf seine Art eben. Er würde sie zu ihren ehelichen Pflichten zwingen und sich an ihrer Angst weiden, ihrer Hilflosigkeit und Pein. Sie fragte sich erneut, was seinen Hass auf sie so geschürt haben konnte. Einfach, weil sie ihn durchschaut hatte? Weil er sie nicht täuschen konnte? Weil sie ihm seit langem schon den Biedermann und Menschenfreund nicht abnahm, den er vorgab zu sein? Die öffentliche Schmach nach der Premiere, die Crowe ihm angetan hatte, nachdem er sie beleidigt hatte? Ihre Flucht vor ihm? Wahrscheinlich waren es viel zu viele Fakten, die ihr Verhältnis derart vergiftet hatte. Ein Aufgeben existierte nicht für Bernard Lapierre. Da ging er schon eher über Leichen. Wenn André die falschen Papiere besorgt haben konnte, stand ihrer Flucht nichts mehr im Wege. Sie würde ihn für alles entschädigen, wenn sie erst einmal an ihr Geld kam. Danach musste er sie vergessen, so wie sie alles vergessen wollte, was bisher mit ihr geschah. Kein Blick zurück, keine Erinnerung an gestern. Sie war fest entschlossen, es genauso zu halten, wie sie es sich vorgenommen hatte.
******
Dichtes Schneetreiben nahm ihr jede Sicht. Der Boden war noch nicht fest durchgefroren und so bildeten sich matschige Pfützen auf den Kies- wegen der Anlage, die ihre weißen Stiefel unschön verschmutzten. Sie hatte keine Zeit, sich deswegen Sorgen zu machen. Wahrscheinlich hatte der Arzt damit gerechnet, dass sie bei diesem Winter nicht nach draußen gehen würde. Die Pflegerin, die sie unterwegs auf dem Gang getroffen hatte, versuchte sogar, ihr den täglichen Spaziergang, an den man sich hier gewöhnt hatte, auszureden. Sie blieb sanft, wie man es von ihr gewöhnt war, aber beharrlich. Da war er wieder, dieser Tonfall, mit dem man unvernünftige Kinder zur Raison brachte. Doch sie blieb hart. „Ich bleibe nicht lange weg“, versprach sie. „Aber ich brauche frische Luft.“, hatte sie erklärt und die Schwester ließ sie vorbei. Sie sah der warm eingepackten Frau lange nach. Der dunkelblaue, pelzverbrämte Mantel reichte ihr bis zu den Waden. Ihre Kapuze hatte sie weit ins Gesicht gezogen, um ihr Haar zu schützen, und die Hände in die Taschen gesteckt. Die Pflegerin nahm sich vor, dem Leiter der Klinik Bericht darüber erstatten, denn ganz richtig fand sie es nicht, dass er ihr bei jedem Wetter erlaubte, sich aus dem Gebäude zu stehlen.
Gillaine ging so rasch wie sie nur konnte. Die Kleidung an ihr wog schwer und die kleinen Atemwölkchen, die aus ihrem Mund quollen, vermischten sich mit dem Weiß der winterlichen Parklandschaft. Sie konnte nicht laufen, man hätte es bemerkt. Sie war sicher, dass ihr der eine oder andere Blick vom Gebäude aus folgte. Sie blieb sogar stehen und sah einer Amsel dabei zu, wie sie sich abmühte, irgendeinen Brocken unter der dünnen Schneedecke hervorzuziehen. Dann nahm sie ihren raschen Schritt wieder auf und schließlich blieb die Klinik hinter den weiß bestäubten Ästen der großen Platanen zurück. Sie nahm mehrere kleine Umwege, um zu ihrem geheimen Ort am Ende des Park zu gelangen, dort, wo dichtes Gewirr von Reben und vertrocknetem Gestrüpp ihre Gestalt vollends verbarg.
André hatte sie nicht enttäuscht. Seine Anbetung für sie machte ihn zu allem fähig, auch zur Bewältigung scheinbar unüberwindlicher Hindernisse. Er war dabei, das stählerne und aufgezwickte Maschengitter mit der Kraft seiner Arme und Beine so weit auseinander zu biegen, dass sie einigermaßen ungehindert hindurchschlüpfen konnte. Er war allein. Neben ihm lehnte eine dieser Riesenzangen, die auch dünnes Stahl relativ leicht knacken konnten. „Verletz’ dich nicht“, mahnte er und ersparte sich die Begrüßung. Die Zeit drängte, jede Minute war zu kostbar, um sie zu vergeuden. Unweit wartete ein alter Kastenwagen, wie Bauern ihn oft zum Transport von Futter und Heu benutzten. „Ich musste das Ding von einem Bauern kaufen. Aber keine Angst, es war weit genug von hier entfernt. Ich habe auch deine Papiere dabei. Alles was du brauchst. Pass, Führerschein, Amtszeugnisse. Es war gar nicht so leicht, den Termin einzuhalten. Die Fälscher sind ziemlich mit Arbeit ausgelastet. Hat natürlich etwas mehr gekostet als üblich, wegen der Zeitnot!“
Sie liefen durch den Schneematch zu dem Fahrzeug und er schubste sie auf das hohe Trittbrett. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Anstrengung und Aufregung hatten ihr hart zugesetzt. André ließ den Motor an und der Motor tuckerte nach einem ersten Streikversuch endlich los. Mit hartem Rückwärtsgang fuhr André ihn zur nächsten Biegung, drehte um, und fuhr dann los, so rasch, wie der alte Blechhaufen es noch zuließ. „Ich dachte, das sei unauffälliger als ein Personenfahrzeug!“ erklärte er fast entschuldigend und sie nickte zustimmend. „Ich bin dir so dankbar, André! Sie werden sich bei dir erkundigen, wenn ich weg bin! Du wirst die Nummer eins auf der Liste der Verdächtigen sein. Sei darauf vorbereitet!“ Er grinste schelmisch. „Da werden sie Pech haben“, sagte er mit Genugtuung. „Nachdem ich dich abgesetzt habe, fahre ich direkt nach Paris-Boissy und warte auf meinen Flug nach Kairo. Er geht um 9.45 h morgen früh!“ triumphierte er. „Nach Kairo?“ fragte sie überflüssigerweise. „Ja! Ich habe endlich den lang ersehnten Platz bei der Ausgrabungsstätte von Tel el Amarna bekommen. Du weißt ja, wie lange ich schon dafür angemeldet war! Wird wohl ein Jahr dauern, bis die Stadt an der Seine mich wieder sieht, ma chére, vielleicht auch zwei!“ Eine Last fiel ihr von der Seele. Somit war André aus dem Spiel und man würde ihn in Ruhe lassen. Er war wieder ernst geworden und während er die Scheibenwischer auf höchste Stufe schaltete, fragte er: „Aber wirst du allein zurecht kommen?“ Er machte eine Pause. „...Isabelle Valdeau? Das ist nämlich der Name, an den du dich gewöhnen musst, Gillaine. Bernadette hat versucht, an deine Papiere heran zu kommen, aber Lapierre hat sie wohl in irgendeinem seiner Safes verkommen lassen! Tut mir leid! Gillaine gefiel mir weitaus besser! „Das ist Nebensache“, beharrte sie und prägte sich ihre neue Identität ein. „Was ist schon ein Name als Preis für die Freiheit, André?“ Er nickte und während der langen Fahrt durch grauweiße Felder, ausgestorben wirkende Dörfer und teilweise über verkehrsreiche Autobahnen, erging er sich in den Erklärungen der Einzelheiten, die er organisiert hatte, um an ihr Geld zu kommen. Die Fahrt nach Luxemburg war reibungslos verlaufen. Er fiel nicht weiter auf, denn ihr kleines Vermögen war gut und unverdächtig angelegt worden. Einen ansehnlichen Betrag trug er in Reiseschecks bei sich. Es sollte ihr einen problemlosen Neuanfang möglich machen. Schiff-Fahrt und Flug waren bezahlt. Lapierre würde sich die Zähne ausbeißen bei dem Versuch sie ausfindig zu machen. Er würde toben und ihr alles Mögliche an den Hals wünschen, doch er würde sie nicht finden. Und an André konnte er sich erst recht nicht halten. Sobald sie sicher auf dem Schiff nach Tanger war, machte er sich auf die lange Rückfahrt nach Paris, um gerade noch seinen Flieger nach Kairo zu erwischen. Dort würden ihn Wüstensand und Sonne verschlucken und Ägyptens faszinierende Vergangenheit tröstete ihn über ihr endgültiges Verschwinden hinweg. Der Rest ihres kleinen Vermögens wurde auf die „Sydney National Bank“ überwiesen, wo er für Isabelle Valdeau ein Konto eröffnet hatte und die Summen der unauffälligen Nummernkonten überstellen ließ. Sie war klug genug gewesen, nie zu hohe Beträge auf ein und dasselbe Konto einzuzahlen. Ihr Bestreben, nicht aufzufallen oder das Interesse der Steuerfahnder zu erregen, hatte seine Früchte getragen. Lapierre konnte die Vermisstenanzeige ruhig aufgeben und die Flughäfen und Bahnhöfe überwachen lassen. Doch er würde wahrscheinlich annehmen, dass sie sich erst im Lande selbst irgendwo verkrochen hatte. Sicher hielt er sie nicht für gewitzt oder raffiniert genug, diesen endgültigen Schritt zu wagen und sich ohne eigene Papiere auf den Weg hinaus in die Fremde der Welt zu machen. Er würde sie als unmündig und nicht zurechnungsfähig beschreiben. Möglicherweise machte er sich sogar ein wenig verdächtig, weil er ihr spurloses Verschwinden nicht einen Deut erklären konnte. Sie wünschte ihm einige Unannehmlichkeiten durch die Polizei an den Hals. Doch gewandt und schlau wie er war, würde er auch diese Situation zu seinem Vorteil meistern...
André hatte nicht danach gefragt, warum gerade Australien, aber sie hatte ihm von sich aus erklärt, dass dieser Kontinent weit genug von Europa entfernt lag und immer schon eine gewisse Ausstrahlung auf sie ausgeübt hatte. Lang bevor sie Lapierre kennen lernte. Lange bevor sie Russell gegenüber stand. Aber natürlich waren dessen Erzählungen von der Pracht seiner Heimat nicht spurlos an ihr vorübergegangen, auch wenn sie sich dessen nicht wirklich bewusst war. Vordergründig für ihr Ziel war wahrscheinlich wirklich die gewaltige Distanz die sie zwischen sich und die Vergangenheit bringen konnte, aber auch die nagende, sie belastende Erinnerung an fünf wertvolle und vergeudete Jugendjahre. ***** Cherbourg lag in nächtlicher Stille, auf der Spitze der Halbinsel Corentin und an die Ufer des Ärmelkanals geschmiegt. Die ehemalige, römische Befestigung Coriallum blickte auf eine reiche und bewegte Geschichte zurück. Im 18. Jahrhundert von den Briten eingenommen, später von den deutschen Truppen besetzt und am Ende des 2. Weltkrieges im Zuge der Befreiung durch die Alliierten stark beschädigt. Doch nun zeugte nichts mehr von den Wirren der Zeit. Es war eine kleine Hafenstadt wie es so viele an dieser Küste gab, auch wenn ihre Bedeutung für die Schifffahrt weitaus größer war, als allgemein angenommen wurde. Es gab nicht all zu viele Kreuzfahrtschiffe um diese Jahreszeit, die hier Halt machten. André war so umsichtig gewesen, sie auf ein deutsches Schiff zu buchen, das über Tanger zu den Kanarischen Inseln unterwegs war. Es war Mode geworden, Weihnachten in wärmeren Breitengraden zu verbringen, als in den nördlichen, kalten Europaländern. Vor allem gut situierte Pensionisten hatten diesen Brauch rasch populär gemacht. Viele von ihnen besaßen sogar Zweitresidenzen auf den Inseln, die wegen ihres gemäßigten, milden Klimas immer beliebter wurden.
Sie fuhren ohne Zwischenfall den langen „Quai de France“ entlang. Als im April 1912 die sagenhafte „Titanic’“ ihre letzten Halt vor ihrer Todesfahrt ins Eismeer in Cherbourg gemacht hatte, war dieser Kai noch nicht vorhanden. Boote brachten die Passagiere von und zum Schiff, das etwas weiter draußen auf der See ankern musste. Erst später wurde diese Mole zur größten, künstlich angelegten Europas. Doch daran dachte sie in diesem Augenblick nicht. Ihre Gedanken waren auf die „LA PALMA“ gerichtet, jenes Schiff, mit dem sie die ersten Seemeilen in die Freiheit zurücklegen sollte. Die Auswahl an französischen Linern war weitaus größer gewesen, aber alles, was mit diesem Land, das ihre Heimat war, zusammenhing, musste vorerst vermieden werden. Lapierres Fangarme waren lang, er konnte seine Fühler bis weit über die Grenzen und Küsten des Landes hinaus ausstrecken. Aber auch für ihn gab es irgendwo Grenzen. Gottlob! Mächtig und hell erleuchtet lag das Schiff vor ihnen. Gewaltige Taue hielten es am Kai fest und fröhliches Lachen drang von den Decks. Die Freude der Reisenden, das kalte Europa schon diese Nacht zu verlassen, schien ansteckend zu sein, denn Gillaine fühlte plötzlich ein warmes Freudegefühl in sich aufsteigen, dass sie leicht taumeln ließ, als sie ihre Papiere beim Steward, der die Planke des Einstiegs überwachte, vorzeigte. Er begrüßte sie freundlich und zeigte nach oben. „Wir legen in einer Stunde ab, Madame. Man wird Ihnen Ihre Kabine zuweisen.“ Sie nickte dankend und dann kam der Abschied von André. Beide wussten, es war ein Abschied für immer. Sie würden einander nicht wieder sehen. Während sie ihn umarmte und ihm noch einmal flüsternd dankte, fuhren seine blau gefrorenen Finger durch ihr dichtes Haar, das zum Teil durch ihre schwere Kapuze verdeckt wurde. „Ich werde dich nie vergessen, Isabelle“, betonte er absichtlich, um den unweit daneben stehenden Steward nicht verdächtig zu erscheinen. Sie nickte und heftete ihre glänzenden Augen auf sein Gesicht. „Ich weiß“, antwortete sie. „Ich verdanke dir alles. Und wahrscheinlich auch mein Leben!” Er versuchte zu lächeln: “Lass uns nicht dramatisch werden, ma chère. Ich wünsch dir alles das für die Zukunft, was du verdienst und vermisst hast!“ Sie lächelte zurück: “Ich danke dir! Und ich wünsche dir, dass du noch jede Menge verschollener Mumien im Wüstensand ausbuddelst und die Frau findest, die du verdienst!“ Ihr Scherz brach den dramatischen Bann, der sie umfangen hielt, und sie lachten beide befreit auf. Er wurde wieder ernst und schüttelte den Kopf. „Keine wird wie du sein, Gillaine! Du bleibst immer meine Prinzessin!“ Sie überging absichtlich die Traurigkeit, die in seinen Worten mitschwang und machte sich von ihm los. André reichte ihr die Reisetasche, in der sich all das befand, was man für die Fahrt und Reise brauchte. Vor allem ihre Reisechecks und Papiere einer fremden, jedoch absolut notwendigen Identität, an die sie sich erst gewöhnen musste. Das Licht der Sterne umfing sie kalt und glitzernd in dieser frostigen Nacht. Leicht und so rasch wie es ihr Gepäck erlaubte, trippelte sie die Planke hoch und verschwand im Bauch des Schiffes. Gut, dass er keine Zeit hatte, die Abfahrt des Dampfers abzuwarten. Gut, dass sein Kopf voller Zukunftspläne war und er mit einem Bein bereits in Ägypten stand. Als er sich umdrehte und durch den nassen Matsch zurück zum Lastwagen ging, wusste er, dass er einer Frau wie ihr nie mehr begegnen würde. Sie war wie ein bunter, verletzter Falter in sein Leben gehuscht und er hatte hingebungsvoll ihre Schmerzen gelindert, behutsam und geduldig. Er hat sein Fenster geöffnet und ihr die Freiheit ermöglicht. Nur die Erinnerung blieb – an ihr helles Lachen, den Duft ihres Haars, den Ausdruck ihrer traurigen Augen, in welchen er den winzigen Funken der Hoffnung entzünden konnte. |