9 – Ein neues Leben

 

Die Intensität des Lichts verblüffte sie. Der Orient empfing sie mit Helligkeit und Sonne.  Die fremdartige Schönheit der Stadt erstaunte sie. Von Tanger aus nahm sie den gebuchten Flug nach Johannesburg. Es war ihr Ausgangspunkt zum großen Sprung nach Australien. Sie reiste durch eine Flut von kleinen, hellen Sternen. Sie reiste in eine andere Welt, ein neues Leben, ein neues „Ich“. Die Anstrengungen des Fluges begannen sich bemerkbar zu machen. Sie döste beinahe den gesamten Flug nach Südafrika vor sich hin. Nur die freundliche Stimme der Stewardess, die dann und wann nach ihren Wünschen fragte, ließ sie kurz klar im Kopf werden, um danach gleich wieder in wirre Traumgespinste zu gleiten.

Wer war diese Frau, die durch den nächtlichen Sternenhimmel glitt, aufgebrochen war, in ein ungewisses, jedoch freies Leben, jenseits aller Gewohnheiten und Regeln? Befreit von Zwängen und Ängsten? Die über sich selbst hinaus wuchs auf der Suche nach ihrem wahren ‚Ich’?

Sie war zu müde, um darüber nach zu denken.

 

In der südafrikanischen Hauptstadt konnte sie erst einmal ein paar Stunden in dem Airport-Motel ausschlafen, bevor sie ihre Reise fortsetzen musste. Ihr Bedürfnis nach Erleichterung und Schlaf schien unbegrenzt zu sein. Doch sie hatte nicht viel Zeit zum Staunen und Betrachten, sah nichts, außer den Gebäuden des Flughafens und dessen emsiges Treiben.  Auch ließ ihre Weltfremdheit keinen vollkommenen Enthusiasmus zu, um sich der angemessenen Reiselust unbeschwert hin zu geben. Nur der Gedanke, bereits eine gewaltige Strecke zwischen sich und das „Vorher“ gebracht zu haben, ließ ihr Herz jubilieren und leicht wie eine Daunenfeder werden.

 

Erst als sie in der gewaltigen Boeing 747 festgeschnallt in ihrem Sitz saß und feiner Sprühregen, gleich Tränen gegen das Glas ihres Bullauges prasselte, dachte sie: ‚Ja, weint nur um mich, weint eure falschen Tränen um mich. Du, Bernard und all deine Speichellecker, denn ich, ich werde euretwegen nie mehr weinen! Das schwör’ ich bei Gott!’ Ihre prosaischen Gedanken schnürten ihr  in einem Anflug von Selbstmitleid die  Kehle ab, und sie verbarg ihre Augen diskret hinter der dunklen Sonnenbrille. So sah sie das „Kap der guten Hoffnung“, über das sich der graue Riesenvogel hinweg über den Indischen Ozean in den Äther schwang, nur leicht verschwommen, doch umso klarer stieg ihre viel versprechende Zukunft als freie, nach erfülltem Leben strebende Frau vor ihr auf.  Kein Kampf mehr, keine Trauer!

 

*****

 

Sie blickte aus dem großen Fenster ihrer Ein-Zimmer-Wohnung direkt auf die Bucht, die ausgestreckt vor ihren Augen lag und streckte sich behaglich. Von fast allen Gebäuden Sydneys aus, sah man aufs Meer, oder erhaschte zumindest einen Zipfel des azurblauen Wassers, an dem die Großstadt lag. Fast dreihundert Meter Strand für nur eine Stadt! Die Dimensionen und Maßstäbe dieses Landes, das gleichzeitig ein Kontinent war, erschienen ihr noch immer unglaublich, trotz der vergangenen drei Monate, die hinter ihr lagen und in welchen sie Bekanntschaft mit dem Land, das sie zu ihrer neuen Heimat auserkor, geschlossen hatte. Kilometerweite Märsche zu Fuß und ihr wiedergeborener Wissensdrang, Hunger nach Leben und freier Luft zum Atmen, machten aus der lebensunlustigen, schwermütigen Person, die sie war, eine fröhliche und erwartungsvolle Frau, die jede Minute, seit sie der Vergangenheit entkommen war, als ein besonderes Geschenk des Himmels empfand. Sie hatte alles aus ihrem Bewusstsein gelöscht, was hinter ihr lag. Nur die Albträume, die sie dann und wann heimsuchten, bewölkten ihren freien, leichten Horizont, bis der neue Tag sich abermals in ein aufregendes Abenteuer verwandelte.

 

Die  kleine Wohnung im Stadtteil Pyrmont war der Ausgangspunkt ihrer Entdeckungsstreifzüge  durch diese faszinierende Stadt, die jung und dynamisch auch an die Traditionen der ersten Einwanderer des alten Kontinents erinnerte, sobald man einen Schritt nach draußen tat. Nostalgisch anmutende Kolonialbauten konkurrierten mit den neuen, modernen Glaspalästen einer aufstrebenden und jungen Welt, wo britisch anmutende Lebensart sich mit dem ausgeprägten Fortschritt modernen Erfolges zu  einer neuen, australischen Lebenskunst verband, die mehr und mehr ihre Eigenständigkeit, ihren eigenen Stil kreierte.   Ihre Tage waren mit der Erforschung ihres neuen Universums ausgefüllt. Wie klein und eng dagegen erschien ihr nun die Stadt an der Seine, wie unbedeutend das gesellschaftliche Leben, um das ihre eigene Existenz einst kreiste.... Verstaubt, vertrocknet, hohl.

Hier war alles frisch, aufgeschlossen, irgendwie unverdorben. Die offene Art der Einwohner ihr zu begegnen, hatte sie erst überrascht und dann froh gestimmt. Sie begann aus sich heraus zu gehen, auf die Menschen selbst zuzugehen und so blühte ihre verletzte, von ihr selbst oft verleugnete Psyche gleich einem dieser knospenden Akazienbäume auf, die das Stadtbild und die zahllosen Parkanlagen mit ihren gelben Blütentupfern schmückten. Während sich die Menschen auf dem alten Kontinent auf den Frühling freuten, bereitete man sich hier auf kühlere Tage vor. Bei ihrem Ankommen vor Wochen wurde sie durch die heiße Sommerluft der südlichen Hemisphäre begrüßt. Dieser Klimawechsel hatte sie anfangs ziemlich mitgenommen. Sie war erschöpft gewesen, seelisch, körperlich. Sie schlief schlecht, und so leicht wie sie erst dachte, ließen sich die Seiten ihres Lebensbuches nicht umblättern, musste sie schließlich erkennen.  Doch nach und nach konzentrierte sie sich auf das, was vor ihr lag und drängte gewaltsam die schlimmen Erinnerungen in den Hintergrund. Zeit heilt bekanntlich alle Wunden – das mag stark übertrieben sein, doch ein Fünkchen Wahrheit schien das Sprichwort doch zu beinhalten, denn sie schaffte es mehr und mehr, über die Ruinen der Furcht und  des Selbstzweifels hinweg zu klettern. Ein schwerer Aufstieg, doch nun  trug er nach und nach seine Früchte, auch wenn der Weg in die Unbeschwertheit noch lange war.  Man begegnete ihr allseits mit spontaner Freundlichkeit und Interesse. Eine völlig neue Erfahrung für Gillaine, die zwar von Schmeichlern umgeben gewesen war, echte Anteilnahme oder Offenheit aber nur selten erfuhr.

 

Tief atmete sie die Seeluft ein und lauschte dem erwachenden Frühverkehr auf den Strassen der Stadt. Sie registrierte die lauten Signale der ankommenden Fähren und beschloss, sich noch heute bei der zuständigen Stelle für Schulerziehung zu melden und einen Antrag für einen Lehrplatz zu stellen. Ihre Diplome waren zwar auf ihren falschen, neuen Namen ausgestellt, aber man würde wohl kaum nachprüfen, wie es um eine gewisse Isabelle Valdeau im fernen Europa bestellt war. Darauf hoffte sie ganz fest. Sie war nicht anspruchsvoll, wollte sich mit jeder Schule, die man ihr eventuell anbot, zufrieden geben. Sich als nützlich zu erweisen, war ihr Bestreben.

 

Sie schlenderte den Australian Square entlang und zur Beruhigung ihrer Nerven hielt sie bei einem Zeitungsstand an, um eine der Morgenzeitungen zu kaufen. Bis jetzt hatte sie nichts über ihr Verschwinden entdecken können. Australien war an Bernard Lapierre und seinen Problemen kein bisschen interessiert. Das war eine Genugtuung für Gillaine. Hier war sie Isabelle und Gillaine schien irgendwo in Europa verschollen zu sein. Vielleicht war sie tot? Schließlich war sie selbstmordgefährdet gewesen. Vielleicht war sie irgendwo untergetaucht, hatte ihr Aussehen verändert und landete womöglich sogar in der Gosse? Gedächtnis los, verrückt, einsam...

 

Zu Beginn überrascht, doch zugleich erfreut, wurden die täglichen Meldungen über den australischen Schauspieler Russell Crowe, die sie inzwischen regelmäßig las,  ihr zur Gewohnheit. Der Mann schien in seiner Heimat mehr als beliebt zu sein. Sie freute sich immer wieder, ein paar Zeilen über ihn zu lesen, oder sein verschmitztes Lächeln auf einem Foto, einer verschwommenen Schwarz-Weiß-Aufnahme zu erblicken. Er hatte sein Haar ein wenig gestutzt und trug es meist offen. Während die Überseepresse gerne so manches spöttische Wort zu seiner sportlichen Kleidung, seiner Haarpracht, die der letzten Mode wohl kaum entsprach, in die Kolumnen setzte, hielt man hier, in Australien, Abstand von negativen Äußerungen über den Mann, der selbst diesen Kontinent auf eine gewisse Art und Weise und durch sein Talent populärer gemacht hatte. Russell Crowe hielt nichts von modischer Kleidung, das war längst kein Geheimnis mehr. Er war kein Posieräffchen und seine Aufmachung fasste Hollywood als eine Art Respektlosigkeit auf. Selbst bei seinen Galaauftritten schien es, dass seine maßgeschneiderten Smokings und Anzüge zu einer anderen Person als ihm gehörten. Er spazierte in Jogginganzügen herum, was den Europäer, der etwas auf Mode hielt,  zu besonderem Gelächter stimmte, während man in den Staaten dieses Outfit schon eher akzeptierte. Er präsentierte sich in TV-Talkshows mit alten, ausgewaschenen Flanellhemden, die sein Publikum bereits vor Jahren an ihm bewundern konnte, wenn auch noch etwas farbfrischer, und er ließ Bart und Haar wachsen, wie Mutter Natur es ihm zugedacht hatte. Da er für seine Arbeit ohnehin in die Haut anderer Persönlichkeiten, die er darstellte, schlüpfen musste, lebte er die arbeitsfreien Monaten ganz so, wie es ihm passte, ohne Rücksicht auf das Gezeter seiner Fans, von welchen jeder einzelne, sich Russell Crowe gern auf seine Art zurecht gemacht hätte, um der ganz persönlichen Vorstellung eines Traumkerls zu entsprechen.

 

Doch Crowe ließ nicht zu, dass man ihm in sein Privatleben drein  redete. Außer den lächelnden Fotos gab es nämlich auch noch jene, auf welchen sein Blick tödlich in die Kamera schaute oder er gar seinen Mittelfinger in eindeutiger Geste dem Photographen entgegen streckte.

Hatte er sich Gillaine ganz als verführerischer Gentleman präsentiert, konnte sie inzwischen die Facetten dieser Chamäleonhaften Persönlichkeit erkennen. Das machte ihn jedoch für sie nur noch interessanter, faszinierender. Die Vorstellung, dass sie zumindest auf dem gleichen Kontinent die gleiche Luft wie er atmete, hatte für sie einen gewissen Reiz und sie dachte viel zu viel an ihn, als für sie gut sein konnte.

 

Sie wusste, er besaß hier irgendwo in der Stadt, in einer der zahlreichen Buchten ein Anwesen, auch wenn er sich vornehmlich auf seiner Farm nördlich im Landesinneren aufhielt. Viel würde sie dafür geben, ihm ganz zufällig über dem Weg zu laufen. Aber, hätte er sie noch erkannt? Die mondän herausgeputzte Frau aus Paris hatte sich inzwischen in ein einfaches, frauliches Wesen verwandelt, das hauptsächlich in leichten Baumwollkleidern, Hosen und Jeans herum lief. Auch konnte er sie keinesfalls hier, in Australien, erwarten. Kein Stück Schmuck zierte ihren Hals oder ihre Handgelenke, kein Ring gab Aufschluss über ihren Familienstand oder ihre Herkunft. Der Diamantehering lag wahrscheinlich immer noch im Safe der Nervenklinik in der Normandie...

Das üppige Haar trug sie meist offen oder lose mit einer Schleife zusammen gebunden. So wie heute, da sie ein wenig gesetzt und präsentabel wirken wollte. Nein, er hätte sie nicht erkannt, ihre Wege hatten sich nur einmal im Zufall des Weltgeschehens gekreuzt, die Süße seiner Stimme ihr Ohr gestreift, für einen Augenblick nur, und sein Blick ihre Seele durchbohrt, ebenso wie sein verführerisches Lächeln sich in sie eingebrannt hat, für immer...

 

Sie hatte das Schulministerium fast erreicht und blickte auf die Uhr des Geschäftsgebäudes, vor dem sie stand. Ihr blieb noch eine gute halbe Stunde, um ein rasches Frühstück in einem der Bistros einzunehmen und die Zeitung durch zu blättern.

Gesagt, getan.

Würde man sie überhaupt im NSW Department of School Education empfangen und anhören? Sie war nicht angemeldet und würde sich, wenn sie Glück hatte, eben erst nach der zuständigen Person durchfragen müssen.

Sie knabberte an einem belegten Brötchen und trank den frisch gepressten Orangensaft in kleinen Schlucken, während die Riesenzeitung den übrigen Tisch, an dem sie saß, einnahm. Automatisch blätterte sie bis  zu den „Gossip-Seiten“ und ihre heimliche Hoffnung, etwas über Russell zu entdecken, wurde einmal mehr belohnt.

Ihr Herz tat einen kräftigen, zusätzlichen Schlag, als sie las, dass Crowe mit seiner Band ein Konzert in Sydney geben würde, ein Abschiedskonzert seiner Tournee, die ihn und sein Männer kreuz und quer durch Australien geführt hatte.

 

Ein Konzert in Sydney! Es würde in zwei Wochen stattfinden und sie war dabei. Immer noch stark erregt, wählte sie die angegebene Nummer, um ihren Platz zu sichern. Sie wollte kein Risiko eingehen und dann ohne Aussicht auf eine Konzertkarte dastehen. Es schien noch genügend Plätze zu geben und sie atmete erleichtert auf. Russell! Sie würde ihn sehen, wenn auch sicher nur aus einiger Entfernung. Doch das spielte keine Rolle. Allein sein Anblick würde ihre Träume wieder auffrischen. Ihre Träume von Würde und Freiheit, die nun Wirklichkeit geworden waren.

Und jetzt musste sie sich sputen! Das Amtshaus öffnete seine Pforten und sie wollte diese Unterredung, von der sie sich viel versprach, rasch unter Dach und Fach bringen...

 

10 – Begegnung mit der Vergangenheit

 

Die Fähre war bereits stark besetzt. Es fehlten zwar noch drei Stunden bis zum Beginn des Konzerts, aber anscheinend wollten die Besucher auf Nummer sicher gehen, und sich am anderen Ufer des Sydney Harbour einen vorteilhaften Platz vor der Freilichtbühne des Taronga Zoos zu sichern. Sie gehörte dazu. Den riesigen Zoo hatte sie zwar schon einmal besucht, doch nun sollte sie in den Genuss kommen, Russell dort wieder zu sehen, seiner Stimme zu lauschen, auch wenn sie nicht direkt an sie allein gerichtet war und den Mann irgendwo da vorne zu sehen, der immerhin der Auslöser für ihr jetziges Schicksal gewesen war, wenn auch unbeabsichtigt.

‚Mein Rächer’, dachte sie still vor sich hin lächelnd, und blickte zurück auf die Skyline von Sydney. Ihr Hang, die Dinge zu romantisieren, kam besonders stark zum Vorschein, sobald es um ihn ging.

 

Diese Konzerte im Zoo waren seit einigen Jahren eine feste Institution geworden und allgemein sehr beliebt. Der Rahmen der üppigen Pflanzenwelt zwischen den großzügigen Gehegen aller möglichen, wenn auch hauptsächlich australischen Wildtiere, lud immer mehr Musikfreunde ein, diese Gelegenheit wahrzunehmen und den beliebten, meist einheimischen Künstlern ihre Reverenz zu erweisen.

Sie zog ihre Eintrittskarte aus der Tasche und warf erneut einen Blick darauf. Eine beliebte Sängerin würde im Vorprogramm auftreten. Russells Gruppe war für 10.00 h abends angesagt. Vor ihr lagen etliche Stunden Zeit, doch sie würde kaum Langeweile empfinden, sondern sie abermals dazu nützen, einen ausgedehnten Zoobesuch zu machen.

‚Gehen Sie durch das Haupttor in Richtung Elefantentempel’, stand auf der Rückseite des Tickets. ‚Sie kommen so direkt zur Freilichtbühne’. Es wurde weiters empfohlen, Regenschutz mitzunehmen, das Konzert fand wetterunabhängig auf jeden Fall statt. Sie konnte bemerken, dass viele, die mit ihr auf der Fähre mitfuhren, Kühltaschen und Picknickkörbe mit sich trugen. Manche sogar leichte Klappsessel. Das war Australien! Locker, leicht, lebensfroh! Und sie gehörte nun dazu. Sie musste versuchen, ihre immer noch ein wenig steife, europäische Lebensart abzulegen. Das konnte nicht ganz so einfach von heute auf morgen gehen...

‚Du hast Zeit’, redete sie sich gut zu. ‚In einem Jahr erkennst du dich nicht wieder’, und sie glaubte an ihre Vorsätze.

Die Unterhaltung mit dem Leiter der Personalabteilung im Schulministerium war ganz gut verlaufen, auch wenn sie nicht wirklich etwas Konkretes ergab. Die Lehrplätze waren allesamt besetzt, die Sommerferien fast beendet. Das nächste Schuljahr begann in wenigen Tagen, Ende April. Aber man war an ihr interessiert. Sie wollte Französisch unterrichten und eventuell ein weiters Fach, wie Musik oder Zeichnen. An Französisch war man interessiert. Es gab ein junges Projekt, die kleinen Australier in manchen Schulen bereits zweisprachig zu erziehen und schon ab den ersten Schuljahren eine Fremdsprache, Französisch oder Deutsch als Hauptfach dazu zu nehmen.  Man versprach ihr, sie ganz oben auf die Liste der Anwärter für einen Lehrposten in Neusüdwales zu setzen und gab ihr zu verstehen, wenn sie bereit wäre, eventuell auch in einer anderen Stadt und nicht unbedingt in Sydney selbst unterrichten zu wollen, stünden die Chancen für eine baldige Anstellung  weitaus besser. Sie zögerte erst, doch sagte dann zu. Absagen konnte sie immer noch. Sie hatte noch keine wirkliche Entscheidung getroffen, ganz in dieser Stadt ansässig zu werden. Sie war vogelfrei – sie konnte hingehen, wohin auch immer der Wind sie trug – oder besser, wohin man sie schickte!

 

Sie seufzte und strich das Haar, mit dem der Fahrtwind neckisch spielte, hinter die kleinen Ohren zurück, fast vergeblich schien diese Geste zu sein, denn der Wind trieb weiter sein Spiel mit ihr. Wie rasch sie sich doch an ein normales, unauffälliges Leben gewöhnt hatte. Sie war wieder das einfache, wenn auch reifer gewordene Mädchen aus der Bretagne. Und das lieferte ihr den Beweis, dass die Farce, die sie in der Glitzerwelt von Paris gespielt hatte, nicht ihre Rolle gewesen war. Sie glaubte sie gewählt zu haben, in Wahrheit war ihr nun klar, dass sie trotz des luxuriösen Aufwandes nur ein Statist geblieben war, im Feuerwerk des gleißenden Gesellschaftslebens, in das sie von ihrem Mann gestoßen wurde. Ein Gastspiel auf der Bühne des Lebens! Nun lebte sie sparsam und hätte es  sich leisten können, jahrelang ohne Tätigkeit in den Tag hinein zu leben. Doch eine Anstellung, in dem von ihr gewählten Beruf, würde sie rascher mit allen Lebensgewohnheiten hier vertraut machen. Sie wollte eine von ihnen werden und sie hatte es ziemlich eilig damit. Je eher, desto besser.


Als das große Boot am Ufer angelegt hatte, wusste sie, dass ihre Wahl, sich auf diesen entfernten Kontinent zurück zu ziehen, die beste ihrer bisherigen Existenz gewesen war. Sie war hier zu hause! Ihr Blick glitt über  die Stadt, die am anderen Ufer der Bucht in der untergehenden Sonne vor ihr lag. Vergoldet wirkten die, sich in der Abendsonne spiegelnden gläsernen Hochhäuser, und die Harbour Bridge glich einer glitzernden Fata Morgana im kupferfarbenen Licht des milden Herbstabends. Sie straffte sich und trennte sich nur schwer von diesem, so oft gerühmten Ausblick auf Sydney, der allgemein und weltweit gerühmt wurde.

 

Sie schloss sich nicht der Gruppe an, die mittels eines Kleinbusses zum Haupttor unterwegs war, sondern ging zu Fuß, um die sanften Sonnenstrahlen noch ein wenig auf ihrem Gesicht zu fühlen, das weiche Gras unter den Sohlen ihrer Sportschuhe zu spüren und dem Gesang tausendkehliger Vögel zu lauschen, die hier in dem Naturparadies ihr Domizil hatten. Sie wollte das Leben ringsum einatmen, die Freiheit genießen und den Mann sehen, ihm huldigen, der sie daran erinnert hatte, dass sie Würde besaß und es ihre Pflicht war, diese zu bewahren. Es war ein so hoher Preis gewesen, denn sie dafür gezahlt hatte, ein so weiter Weg all die verloren geglaubten, menschlichen Werte wieder aufzuspüren, zurück zu fordern. Doch hier stand sie, am anderen Ende der Welt und man konnte sie zu nichts zwingen, was sie nicht selbst bereit war zu geben. Nie mehr! Untergetaucht in der Verzweiflung ums Überleben und wiedergeboren am Ende der Welt.

 

Unglaublicherweise  verteilten sich die Menschen und Konzertbesucher über das große Areal, sodass der Park nur mehr schwach besucht erschien. Die Bühne war so gestaltet worden, dass man aus allen möglichen Blickwinkeln gut sehen konnte, was vor sich ging. Nachdem sich Gillaine lange genug zwischen Gehegen und Käfigen herum getrieben hatte und sich nur schwer von den Koalas, ihren Lieblingen,  trennen konnte, gab es auch noch vor der Bühne genügend Stehplätze. Sie wurde von fröhlichen Menschen eingeladen, ein Bier mitzutrinken und sie nahm gerne an. Die Australier verstanden sich darauf, alle Annehmlichkeiten des Lebens gut zu organisieren und dann davon ausgiebig zu profitieren. Jeder Tag lehrte sie Neues, jede Begegnung mit Menschen war eine willkommene Bereicherung für sie. Und daran mangelte es hier nicht. Sie würde Freunde finden, Bekannte, vielleicht sogar etwas fürs Herz, obwohl sie das vorerst nicht in Erwähnung zog. Allein die Vorstellung, abermals alles das über sich ergehen zu lassen, was Lapierre „Liebe“ nannte, ließ sie fröstelnd erschauern.

 

Sie hörte eine Gruppe junge, aufgeregter Mädchen französisch sprechen und munter drauf los plappern. Einigermassen erschrocken brachte sie einen gehörigen Abstand zwischen sich und die Fans der Band. Ihr Gesicht war bekannt, ihr mysteriöses Verschwinden war inzwischen sicher durch die Pressewelt gelaufen und sie wollte kein Risiko eingehen, gesehen oder gar erkannt zu werden, selbst, wenn man sie in ihrem derzeitigen, sportlichen  Outfit nicht so leicht identifizieren konnte.

 

Um von ihren Landsmänninnen weit genug Abstand zu halten, musste sie sich einen seitlichen Stehplatz suchen, der sie gut genug vor den Blicken allzu neugieriger Zuschauer schützte. Es wunderte sie kein bisschen, dass mehr als die Hälfte der Zuschauer weibliche Fans waren. Sie hatte von seinen Konzerten und deren Besucher gelesen: Russell hatte das so an sich, Frauen wurden wie Motten vom Licht angezogen, und er ließ keine davon unbeschadet von dannen ziehen. Bildlich gesprochen, natürlich. Der Eindruck, den er bei seinen Verehrerinnen jeder Nation, jedes sozialen Standes und jeder Herkunft hinterließ, war ein bleibender. Es schien, als würden die Damen allesamt einen kurzen, aber heftigen Elektroschock durch seine Gegenwart erleiden. So hatte eine der Journalistinnen es dargestellt, und ohne je eines seiner Konzerte besucht gehabt zu haben, wusste sie, was damit gemeint war. Nur, dass sie selbst nach besagtem Elektroschock von Lapierre mit kaltem Wasser übergossen wurde, und er mit seiner Brutalität jeden Traum von Zärtlichkeit in ihr ersterben ließ.

 

Das Kreischen der Menge ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken. Die Musiker und mitten unter ihnen Russell, stimmten ihre Instrumente, winkten kurz in die Menge und verschwanden wieder. Wie ein gleißender Laserstrahl wirkte seine Erscheinung auf sie. Vom Licht der Scheinwerfer übergossen wirkte er groß und kräftig, wie ein Fels in der Brandung, ein Baum im Sturm der Gezeiten. Die Hemdsärmel seines dunklen Hemdes waren bis zu den Ellbogen aufgerollt und sein Haar trug er offen. Es fiel in weichen Wellen in sein, im Schatten liegendes, Gesicht. Dennoch, diese Figur, dieses Auftreten, auch wenn es kaum eine Minute gedauert hatte, sie waren unverkennbar und mit keinen anderen zu vergleichen.

 

Mit großem Applaus wurde die Sängerin des Vorprogramms begrüßt und sie bot einen Querschnitt ihres Songrepertoires dar.  Melancholische und tragende Lieder, Balladen von Liebe und Hoffnung. Danach folgte eine längere Pause, während der die Tontechniker ein letztes Mal das hochwertige Material der Musiker testeten und neu einstellten. In der Zwischenzeit wurde es völlig dunkel und die Scheinwerfer warfen ihr Licht auf die hohen Bäume, zwischen welchen die vereinzelten Laute der Tiere erklangen. Eine einzigartige Atmosphäre breitete sich ringsum aus. Es schien, als befände man sich irgendwo im Outback, alles wurde zu einer Einheit, Harmonie im australischen Stil. Für Einheimische, ihre tägliche Welt, für sie, das Tor zum Paradies, das nur darauf wartete, von ihr geöffnet zu werden.  Menschengemurmel und das sachte Säuseln des Windes in den Baumkronen. Spitze Schreie aus den Vogelkäfigen, das Klatschen des Wassers, wenn sich eines der Tiere darin suhlte. Der süße Geruch von angebotenem Backwerk mischte sich mit dem schweren Duft der exotischen Blüten von Sträuchern und Blumen ringsum. Sie setzte sich auf ihre Fersen und legte ihre Handflächen auf das kühle Gras. Es war ein wunderbares Gefühl zu wissen, dass sie es fortab immer dann spüren konnte, wenn ihr danach war. Erdverbundenheit, Zugehörigkeit, Leben. Nichts schien ihr mehr zu fehlen, um das Glück mit beiden Händen zu packen und für immer fest zu halten.

 

Abermals laute Rufe und die unverkennbare Stimme Russells – sie sprang auf und verteidigte ihren Platz vehement gegen eine Gruppe von kreischenden Amerikanerinnen, die Russell anscheinend ganz allein für sich beanspruchen wollten und nach vorne zu drängeln begannen. Gleich einer Lawine rollten sie heran und sie hatte alle Mühe, nicht niedergetrampelt zu werden. Sie warf einer der Frauen einen abweisenden, finsteren, aber sehr entschlossenen Blick zu und diejenige ließ davon ab, sie nach hinten drängen zu wollen. Sie stellte die Ellbogen auf und wurde so ein Stück näher zum Bühnenrand geschubst. Wenn sie nun gerade nach vorn  blickte, sah sie genau Russells Stiefelspitzen vor ihrer Nase. Sie schluckte und blickte zu ihm hoch. Soviel hatte sie sich gar nicht erwartet und erhofft! Er begrüßte die Leute auf seine lockere Art und gab ein paar fröhliche Scherze von sich. Seine hellen Augen blickten in die Menge, ohne dabei niemanden Bestimmten zu fixieren. Dann schwenkte er sein Mikrofon in der Hand, um das Publikum aufzufordern seinen Kumpels zu applaudieren, die er nun überflüssigerweise vorstellte. Die, die hier standen, sie kannten sie alle, doch es war Russells persönliche Huldigung an seine Musiker, jeden einzelnen von ihnen zu präsentieren.

Und dann legten sie los, der Frontmann Russell Crowe, der sich seine Gitarre geschnappt hatte, das Mikrofon in seinen Ständer zurücksteckte und seine Haarpracht wild nach allen Seiten schüttelte, und seine Musiker, die nur auf sein Zeichen gewartet hatten.

 

Gillaine fühlte sich von den Haarspitzen bis zu den Fußsohlen vom ersten Ton an elektrisiert, und sie öffnete ihr Herz, ihre Seele für seine mitreißende Musik. Nach dem ersten Song begann er mit einer der bekannten, melancholischen Balladen und sie bemerkte bereits kleine Schweißperlen auf seiner Stirn. Er verausgabte sich völlig für seine Musik. Sie lag ihm sehr am Herzen, das hatte er ihr damals erzählt. Er bedauerte, nicht genug Zeit dafür aufbringen zu können. Sie sah fasziniert in sein Gesicht. Er blickte die Leute ziemlich direkt an, doch sie selbst schien in der Menge unterzugehen, was gut war. Sein Blick ruhte nur kurz, kaum eine Sekunde lang auf ihr, schweifte weiter zu den nächsten Zuhörern, und er schloss die Augen, um sich in seinen Song zu vertiefen, ihm Gefühl zu verleihen und die Leute damit anzurühren.

Wieder tosender Applaus. In die Menge kam Bewegung und Frauenkörper begannen sich zu wiegen, mit zu klatschen und auf seine Aufforderung zu reagieren, den Refrain des nächsten Songs mitzusingen.

Gillaine kannte kaum seine Musik. Sie hatte nicht einmal den Namen der Band gewusst, bevor sie davon in der Ankündigung des Konzertes las. Es war ein langer und komplizierter Name und sie wusste noch immer nicht genau, was er wirklich bedeutete, wenn er etwas bedeutete. Wüsste dies einer von den Zuschauern hier, man würde sie für ein Wesen vom anderen Stern halten und sofort vom Platz verbannen!

 

Doch seine starke, einschmeichelnde und dann wieder aggressive Stimme, die sich von Song zu Song schwang, vibrierte ihn ihr, seine Worte, denn, dass er seine Texte selbst schrieb, wusste sie inzwischen, rührten sie an und sie schien jeden einzelnen der Zuhörer ganz persönlich anzusprechen. Sie sah es an ihren Augen, ihrem verklärten Lächeln. Russell hatte Macht über sie, die geradezu unheimlich erschien. Er gab sich preis, seine Gefühle, seine Erinnerungen, seine Träume. Und sie unterschieden sich in nichts von jenen aller Menschen. Er gab Fehler zu und die Schwäche, sich nicht davon befreien zu können. Der zu Mensch gewordene Gott! Eben dies brachte ihn allen so nahe, man konnte sich mit ihm identifizieren, wollte ihn in die Arme nehmen, trösten, dann wieder ein Stück des Weges mit diesem Mann ziehen, ihn verlassen, wieder finden, versuchen zu ändern, aufgeben und ganz schließlich einfach nur in seiner Nähe bleiben.

Er schien allen zu gehören und war doch nur ein fernes Traumgespinst. Und doch, er war lebendig, wirklich, und er gab einem das Gefühl, ein Freund zu sein. Vertrauter, Geliebter, Begleiter. Sein Bild in den Filmrollen seines Lebens stieg vor ihr auf. Da war er wieder, dieser Held, dieser Ehrenmann und nichts schien gekünstelt, nichts gespielt. Alles war Realität, alles war echt und er füllte die Herzen der Frauen mit Sehnsucht und ließ sie nach Zärtlichkeit schmachten, nach Glaubwürdigkeit und all das was er in sich zu vereinigen schien: Männlichkeit, Stärke, Charakter und Furchtlosigkeit. Dinge, die unmöglich schienen, Dinge, die die Menschheit längst vergessen hatte. Ebenso wie Würde, - welch altmodisches Wort...

 

Sie schien allein zu sein. Allein in dieser Nacht vor ihm zu stehen, mit ihrem, sich zu seinen Rhythmen wiegendem Körper. Sie schien seine Worte mit verklärtem Lächeln in sich aufzunehmen,  bis sie der Blick aus seinen grün schimmernden Augen traf und sich an ihr festsaugte, nachdenklich, erkennend, überrascht. Er sang weiter, ging in die Hocke,  streckte ihr die Hand entgegen und sie griff danach. Sie griff nach seinen festen Fingern, ließ ihn zupacken und sich mit einem Satz zu ihm auf die Bühne holen. Er hatte sie zu sich heraufgezogen, als wäge sie nicht mehr als ein Korb Äpfel.

„Hi, Gil“, flüsterte er in ihr Haar, für alle anderen unhörbar. Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf. Sollte sie ihm weismachen, dass er sich getäuscht hatte? Sie war Isabelle Valdeau, aber er würde sie nur auslachen... Die Menge johlte, Eifersucht mischte sich mit Entzücken, Beifall mit Neid.

Und da stand sie an seiner Seite und versank in seinem Lächeln, ließ seine Stimme in sie eindringen, badete in seiner Präsenz, die auf sie wie warmes Gold herab rieselte und wie ein fein gesponnener Mantel aus süßesten Emotionen umhüllte. Er hielt mit einer Hand ihre Taille umfasst und schien nur für sie zu singen. Das Publikum tobte, klatschte, beneidete sie um diese besonders freundliche Geste, die der Star einem seiner Fans angedeihen ließ. Sie taumelte, als er sie wieder frei gab und der Song zu Ende ging. Sie ließ sich von den Bühnenwärtern herunter helfen und er widmete sich erneut der Menge. Doch immer wieder streifte er sie mit seinem Blick, schenkte ihr ein kleines Lächeln, ohne das Publikum dabei zu vernachlässigen.

 

Sie hatte nicht auf die zahlreichen Fotoblitze geachtet, die ringsum aufgeflammt waren, weil nichts zählte, außer dem Druck seines Armes um ihre Taille, sein schweißverklebtes Haar, das ihre Wange gekitzelt hatte und seine Augen, die sich in die ihren zu versenken schienen. Die Französinnen machten verzückte Gesichter. Die Amerikanerinnen leicht verärgerte, und ihre Arme streckten sich um Aufmerksamkeit heischend, dem Star entgegen.

Ein weiterer Song ging zu Ende und Applaus flutete über die Menge hinweg. Die Band stimmte sich auf das nächste Stück ein. Er sah sie an.

Sie versank in diesen Augen. Es schien ihm egal zu sein, ob andere es bemerkten oder nicht. Er blickte sie unentwegt an und sie lauschte seiner melodiösen, sonoren Stimme, während sein Mund die Worte formten, die anfangs fast mehr gesprochen als gesungen wurden und dann zu leidenschaftlichen Beschwörungen anwuchsen, bevor die Stimme wieder leiser und eindringlicher wurde:

 

„Diese Art von gesellschaftlichen Anlässen
gibt mir die Möglichkeit, offen zu sprechen
Und ich würde schon mit Dir sprechen,
aber ich winde mich noch
Wenn Du wüsstest, was ich denke,
würdest Du mich wahrscheinlich ertränken
in dem Drink, den Du trinkst
Aber ich würde ganz sicher schwimmen,
um Dich zu halten
um Dich zu halten
Winzig kleine Schauer
von der anderen Seite des überfüllten Zimmers
Jedes Mal, wenn ich Dich sehe,
verfolgst Du mich
Ich weiß, dass es möglich ist
Ich habe geträumt, dass es wahr wird,
dass Du ihn verlässt
Und mich willst
Wer bist Du jetzt?
Ist dies das arme kleine Mädchen,
meine Prinzessin,
meine Königin
Ich werde sie alle nehmen
und Dich halten,
Dich halten
Wenn Du wüsstest, was ich denke,
würdest Du mich wahrscheinlich ertränken
in dem Drink, den Du trinkst
Aber ich würde ganz sicher schwimmen,
um Dich zu halten
um Dich zu halten
um Dich zu halten...“

Sie schien allein zu sein. Allein auf dieser weiten Insel der Glückseligkeit. Sie wusste, er hatte das für sie gesungen, aber die Logik ihres Verstandes konnte diese Tatsache nicht verarbeiten. Es war ein alter Song der Band. Doch er fand ihn vielleicht treffend, um ihr damit etwas mitzuteilen. Etwas anzudeuten. Ein wenig von sich an sie weiter zu geben.  Vielleicht täuschte sie sich auch nur. Sicher sogar! Sie hatte nicht die Kraft darüber nachzudenken und ließ die restlichen Songs des Konzertes wie in Trance über sich hinweg fluten, bis auch die Zugaben abflauten und die Bühne dunkel wurde. 

 

Sie zog sich unter die Bäume zurück, betrachtete den Trubel, der vor ihr lag und ihre Beine schienen ihr zu verbieten, sich ebenfalls zu entfernen. Sie war trunken von seiner Stimme, trunken von all den Gefühlen und Regungen, die er in ihr ausgelöst hatte, die ihr Angst machten und sie dennoch beglückten. Die Nacht war vorüber, das Konzert beendet, Russell würde sich mit seinen Leuten weg bringen lassen, zurück in sein Leben, in das Leben des gefeierten Stars. Sie hatte sich etwas vorgemacht, etwas eingebildet. Es war die Macht seiner Stimme gewesen, die sie zu unüberlegten Gedanken verleitet hatte. Zu Träumen, für die sie ihm dankbar war. Sie hatte mehr erreicht, als sie zu hoffen gewagt hatte. Sie wollte ihn nur sehen, wenn nicht anders, dann von weitem. Doch plötzlich hatte sie neben ihm gestanden, er hielt sie umschlungen und er sang für sie. Ach, mein Gott, was wollte sie denn sonst noch von ihm?

Sie zog sich zurück und lehnte sich an den Stamm eines Baumes mit tief hängenden Ästen. In Weilchen noch hier stehen, träumen, die Luft die er geatmet hatte, in sich aufsaugen, und ein wenig davon mit sich nehmen, bewahren...

 

Die Zuschauer, immer noch unter dem Bann von Russells  Stimme, seiner körperlichen Verausgabung auf der Bühne und der Musik schlechthin, zerstreute sich nur langsam und widerwillig. Ein paar der Hartnäckigsten versuchten hinter die Bühne zu gelangen, ein Autogramm zu erhaschen oder einen letzten Blick auf ihr Idol. Ihre Mühe wurde  belohnt. Russel spazierte seelenruhig rauchend daher, als mache er eben einen Abendspaziergang. Eine Hand hatte er in den Taschen der Jeans vergraben und an seiner Seite befand sich einer seiner  Freunde und Begleiter.

„Hi, Folks“, grüsste er grinsend die noch verbliebenen Konzertgäste und ein leichter Anflug von Hysterie schien in der Luft zu liegen. Doch die Leute verhielten sich ruhig, nur zu gut wussten sie, dass man den Star durch ungezügeltes Benehmen leicht verärgern und damit auch vergraulen konnte. Brav und gesittet hielten sie ihm nacheinander ihre Posters, CD-Covers und Fotos hin und Russell verewigte sich mit einem dicken Marker auf die ihm dar gereichten Zeichen der Huldigung an ihn, T-Shirts und auch auf nackte Haut von Armen und Hälsen. Es schien den Mann zu belustigen, wie gierig seine Verehrerinnen nach einem Souvenir von ihm strebten. Autogramme wurden teuer gehandelt, waren für Fans deswegen ganz besondere Schätze, wenn sie auch noch mit einer persönlichen Widmung versehen wurden. Sie hatten Russell bei guter Laune erwischt. Das war nicht immer so. Doch diese Nacht schien er gewillt zu sein, die Ansprüche seiner Anhänger erfüllen zu wollen. Er blickte sich suchend um, schien enttäuscht, ja verärgert zu sein, sprach mit seinem Begleiter. Dieser nickte zustimmend und ließ ebenfalls seinen Blick in die Runde schweifen. Die Scheinwerfer wurden einer nach dem anderen ausgemacht. Es wurde immer dunkler und die Techniker bauten das Material bei spärlicher Bühnenbeleuchtung ab. Sie kannten jeden ihrer Handgriffe, waren voll bei der Sache.

Sie kämpfte mit sich selbst. Sollte sie ihn nochmals ansprechen? Was sollte sie ihm sagen? Sicher vermutet er sie und ihren Mann hier irgendwo auf Urlaub und....

Russells Kumpel hatte ihren Schatten entdeckt, deutete in ihre Richtung. Er hob den Blick, und versuchte damit die Nacht zu durchdringen. Sie verließ die schützende Baumgruppe, kam langsam auf die letzten Leute, die um ihn herum standen, zu. Er  nickte in ihre Richtung, sie versuchte ein Lächeln und verkrampfte ihre Hände, die sie in den Taschen ihrer leichten Lederjacke vergraben hatte. Ihre Nägel gruben sich in ihre Handballen und ihre Sinne spielten verrückt. Sie atmete schwer und als Russell auch die letzten Fans weggeschickt hatte, blieb sie stehen. Er ging ein paar Schritte auf sie zu, sie entschwanden den Blicken der wenigen Menschen, die nun ihren Weg zur Fähre oder dem großen Parkplatz außerhalb des Zoos suchten.

Russells Mann machte kehrt, gesellte sich zu den Arbeitern, rief Anweisungen und nach einem Bier. Sein Meister schien nicht mehr Gefahr zu laufen, von ein paar närrischen Fans vergewaltigt zu werden, also sputete er sich davon.

Sie spürte erneut Hitze in sich aufsteigen, denn Crowe hatte sie fast erreicht und setzte sein unwiderstehliches Grinsen auf.

„Hi Gil“, sagte er nochmals, wie schon zuvor auf der Bühne. „Du bist es wahrhaftig!“

Er hob den Arm und sein Zeigefinger strich sanft über ihre Wange, ihr Kinn.

„Hi Russell“, erwiderte sie mit versagender Stimme. Ihre Augen leuchteten im Dunkel der Nacht und ihr Gesicht wurde von dem Lächeln der Freude über den Moment, den sie nicht gehofft hatte je zu erleben, engelsgleich verzaubert. Doch das konnte sie nicht sehen, nicht ahnen. Denn vor ihr stand nur dieser Mann, der die Welt auszufüllen schien, zumindest jedoch die ihre ganz bestimmt.

„Bist du allein?“ wollte er wissen und sah sich um.

Sie bejahte und er nickte zufrieden.

„Dein eifersüchtiger Mann spioniert dir nicht zufällig hinter einem der Bäume nach, weil er Angst hat, ich würde über dich herfallen?“

Sie stieß ein helles, wenn auch leicht gequältes Lachen aus. Es war ihm nicht entgangen. Er hatte bemerkt, dass er ein Thema berührte hatte, das ihr zu schaffen machte und wurde rasch wieder ernst.

„Hast du Zeit für mich?”

Sie schnappte überrascht nach Luft und nickte nur zustimmend, weil ihr eine Antwort in der Kehle stecken geblieben war.

Er lächelte über ihren sichtlich verwirrten Zustand und seine Hand fuhr abermals über ihre Wange, sein Gesicht näherte sich dem ihren und er hauchte einen Kuss auf die Stelle, die er gestreichelt hatte.

„Dann sollten wir gehen. Sicher hast du einiges zu erzählen...“

„Oh ja“, brachte sie mühsam hervor und ließ zu, dass er seinen Arm um ihre Schultern legte und sie weg führte.

Er rief seinen Leuten ein paar Worte zu, scherzhafte  Schimpfwörter und kickte eine Bierdose, die einer von ihnen nach ihm warf, geschickt mit der Stiefelspitze weg. Er war ein großer Junge, ein einfacher Kerl, der sich gern amüsierte und sein Bier trank. Aber er war vor allem der gefeierte Weltstar, geliebt, gehasst und in aller Munde. Heimliches Phantasieobjekt zahlloser Frauenherzen. Zielobjekt der Gossip-Presse und anderer Neider. Und er lebte sein Privatleben ebenso spontan und ungekünstelt, wie die Personen in den Filmen, die ihn berühmt gemacht hatten. Er war er, und keiner war wie er. Ein Prototyp, Vorläufer einer neue Rasse von Männern...

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