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11 – Elizabeth Bay
Sein Anwesen lag hinter einer hohen, hellen Mauer. Russell öffnete, vom dunklen Sportwagen aus, das elektronische Stahltor. Es schwang lautlos auf und nachdem das Fahrzeug die Grundstücksgrenze passiert hatte glitt es ebenso geräuschlos wieder zu. Automatisch, wie von Zauberhand, sprang eine Reihe von elektrischen Laternen an, die eine gewunden Auffahrt säumten. Gillaine bemerkte den Schatten eines Mannes im Hintergrund, der sich jedoch diskret im Dunkel des üppig bepflanzten Parks hielt. Russell gab der schemenhaften Gestalt einen Wink, und der im Dunkel Verborgene gab ihn zurück. Wortlos. „Ein Wächter?” fragte sie interessiert und er nickte: “So ähnlich! Jeff! Der Mann für alle Fälle.“ Natürlich war ihr klar, dass sich ein prominenter und wahrscheinlich auch sehr reicher Mann wie er schützen musste. Nicht nur sein Eigentum, sein Privatleben, wahrscheinlich auch sich selbst und sein Leben. Sie hatte vor ein paar Jahren von Kidnapping-Drohungen gelesen. Diese Sache, die viele ungerechterweise für einen Publicity-Trick gehalten hatten, war sicher auch nicht spurlos an ihm vorbei gegangen. Sicherheit war ein wichtiger Faktor im Leben eines berühmten Mannes. Er brachte den Wagen seitlich, vor der ausladenden Villa zum Stehen, und half ihr beim Aussteigen. Sie wandte sich fasziniert der nächtlichen Aussicht auf eine der unzähligen Buchten Sydneys zu. Lichtpunkte zierten die Küste, und reflektierten sich im pechschwarzen Wasser der Bay. Leise Vogelrufe drangen durch die Dunkelheit an ihr Ohr. Nachtvögel, Raubvögel vielleicht. Ein Kokaburra schien sie auszulachen. “Gefällt es dir?” wollte er wissen. Sie nickte. „Elizabeth Bay“, erklärte er und streckte seinen Arm, auf die Bucht zeigend, aus.
Helle Steinstufen führten zu einer Schwimmterrasse, in deren Mitte sich ein ansehnlicher Pool befand. Das leise Plätschern der künstlich angelegten Kaskade, die sich in ein tiefer gelegenes, von hier unsichtbares Bassin zu ergießen schien, passte leise und harmonisch in die Stille die Nacht. Es wirkte beruhigend auf ihre erregten Nerven und sie begann sich allmählich zu entspannen. ‚Genieß es einfach’, sagte sie zu sich. ‚Vergiss, dass dieser Mann hier neben dir ein gefeierter und weltbekannter Star ist. Er ist ein Mann, in dessen Gesellschaft du dich wohl fühlst, also hör auf, dich selbst fertig zu machen!’ Er war hinter sie getreten und legte vertraulich sein Kinn auf ihre Schulter, schlang seine Arme um ihre Mitte und flüsterte: „Ist alles in Ordnung mit dir?“ Sie nickte. Wie konnte er nur annehmen, dass alles in Ordnung war, wenn er ihr so nahe kam? Er schien die Verwirrung, die er in ihr auslöste, merklich zu genießen. „Ich bin nicht mehr die, die ich damals in Paris gewesen bin“, flüsterte sie, als müsse sie ihm erklären, dass ihre beiden Welten nichts mehr gemeinsam hatten. „Das freut mich, Gil“, sagte er aufrichtig und küsste ihr Ohrläppchen, ohne sie dabei los zu lassen. Ihr Puls begann verrückt zu spielen. „Und du machst mich neugierig. Wir werden ins Haus gehen, bevor du zu frieren beginnst und dann kannst du mir alles erzählen, wenn du möchtest.“ Er ließ sie los und fasste nach ihrer Hand, um sie mit sich zu ziehen, in seine Festung, seinen Palast, sein Domizil. Gillaine war an Luxus gewöhnt, doch die heimische Atmosphäre, mit der dieser Raum trotz alledem auf sie wirkte, war doch ziemlich überraschend. „Es gibt natürlich auch einen Haupteingang“, erklärte er, als er bemerkte, wie sie sich staunend umsah. „Doch ich ziehe es vor, meistens von der Terrasse aus direkt herein zu platzen, nicht nur deswegen...“ Er deutete auf die Bar, die einen guten Teil der Frontwand einnahm und geschickt in die reich gefüllte Bibliothek eingegliedert war. Er ging schnurstracks darauf zu und fragte sie nach ihrem Wunsch. „Ich erinnere mich, du warst nicht abgeneigt, gemeinsam mit mir anzustoßen“, neckte er sie grinsend. Sie lächelte zurück. „Ich trinke kaum noch“, erklärte sie und entschloss sich für ein Glas Wodka-Orange. „Viel Juice und wenig Wodka“, bat sie und er schnitt eine lustige Grimasse, als er ihr Glas füllte. „Madame hat sich also besonnen.“, stellte er fest und sie schüttelte den Kopf. „Ich bin weder Madame, noch Gillaine. Ich heiße Isabelle. Isabelle Valdeau“. Er hatte einen Schluck ihres Wodkas probiert und wäre daran beinahe erstickt. „Ach“, sagte er gedehnt und erstaunt. „Und was sagt dein Mann zu dieser Veränderung? War das sein Einfall?“ Sie schüttelte den Kopf. Nur ungern erinnerte sie sich an ihren Peiniger. „Ich habe ihn verlassen. Ich...“, sie stockte, suchte nach den richtigen Worten. “Ich bin geflohen! Vor ihm, aus der Nervenklinik, aus Europa…” Er blickte sie ernst und aufmerksam an, während er sein Whiskeyglas mit Eiswürfeln auffüllte. „Ist das ein Scherz? Klinik?“ fragte er verständnislos. „Hat er dich auf eine Entziehungskur geschickt? War das denn so schlimm mit den paar Gläsern zuviel, die wir uns damals genehmigt haben?“ Sie fühlte, sie würde gleich zusammenbrechen. Es war einfach alles zu viel. Nichts hatte sie noch verarbeitet! Rein nichts, auch wenn sie es die ganze Zeit über geglaubt hatte! Sie fühlte, wie der Kloß in ihrem Hals dicker und dicker wurde und fasste sich an die Kehle. ‚Nur nicht heulen’, mahnte sie sich, doch allein der Gedanke daran, ließ ihr Tränen in die Augen steigen und ihre Stimme zitterte leise, als sie nach der passenden Antwort suchte, die auch plausibel klang. Er beobachtete sie dabei, wie sie ihre Hände ineinander verkrampfte und ihre Augenlider zu flattern begannen. Er stellte sein Glas ab und wollte ihr eben das ihre reichen, als sie zu wanken begann. Gerade noch rechtzeitig konnte er sie umfassen, bevor sie gegen die Bar oder zu Boden getaumelt wäre. „Hoho“, murmelte er beruhigend. „Komm, setz’ dich und trink das erst einmal. Das wird dir gut tun!“ Er führte sie wie eine Hilfsbedürftige zu der ausladenden, ledernen Wohnlandschaft und ließ sie darauf nieder gleiten. Er hockte sich neben sie und hob ihr Kinn an, um in ihre Augen zu blicken. Er bemerkte die Tränenspuren in ihren Augenwinkeln und setzte ihr das Glas an den Mund. Zaghaft nahm sie mit zitternden Lippen einen kleinen Schluck, umfasste seine Hand, die das Glas hielt und trank gieriger, bis auch der letzte Schluck ausgetrunken war. Entweder sie war eine perfekte Schauspielerin und suchte ihn zu beeindrucken, oder sie steckte wahrhaftig in Schwierigkeiten, dachte er. „War ohnehin fast nur Juice!“ betonte er und lächelte beruhigend. Sie lehnte sich zurück und versank schier in den weichen, marineblauen Polstern der wuchtigen Bank. Russell holte sein Glas, strich sein halblanges Haar nach hinten und setzte sich neben sie. Dann bettete er ihren Kopf an seine Schulter, strich ihr sanft übers Haar. Sie fühlte sich bereits besser und war dankbar, dass er keine weiteren Fragen mehr stellte. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus und wirkte beruhigend auf ihr angegriffenes Nervensystem. Mittels einer Fernbedienung ließ er leise Musik erklingen. Seine Musik, jene, die sie bereits vorher fasziniert hatte. Sie schloss die Augen und sammelte sich. Sie wollte sich befreien von all dem Schmutz, der immer noch an ihrer Seele klebte wie zähflüssiger Teer. Sie wusste, er würde zuhören. Aber würde er auch verstehen? Wozu sollte er sich ihr Gesülze anhören? Wer war sie für ihn? Ein überspannter Partygast, den er zufällig einmal getroffen hatte? Oder ein Mensch, der Trost bei ihm suchte? Sie streifte ihre Schuhe ab und zog die Beine an, umschlang sie mit ihren Armen und er hielt ihre Schultern umfasst, als wolle er ihr damit Mut geben, mit seiner Nähe, seiner Stärke.
Sie begann erst stammelnd, und als sie merkte, dass er aufmerksam zuhörte, flüssiger zu erzählen. Von ihrem Leben, das nach Außen hin so glitzernd und angenehm schien und in Wahrheit nur Terror bedeutet hatte. Wie sie von Bernard Lapierre getäuscht worden war und wie er sich an ihr rächte für ihre Gefühllosigkeit, die Schmach auf der Premierenfeier. Wie er ihre Flucht in die Heimat unterband und anschließend einsperren ließ. Sie umging die physischen Nötigungen ihres Mannes, doch sie bemerkte wohl, dass er verstand. Sie brauchte sich nicht in Details zu ergehen. Sie registrierte, wie er manchmal scharf den Atem einzog und sie blieb an ihn gelehnt sitzen und die Wörter sprudelten wie ein Wasserfall aus ihr heraus. Sie kam zum Ende ihrer Geschichte. Ihrer Flucht, ihrer Reise hierher und den Plänen, erneut an einer der Schulen unterrichten zu wollen. „Warum hast du dich gerade für Australien entschieden?“, wollte er wissen und kramte nach seinen Zigaretten. Er zweifelte nicht mehr an ihrer Aufrichtigkeit. „Ich war schon immer von diesem Kontinent fasziniert gewesen“, sagte sie und ihre Wangen hatten wieder Farbe bekommen, das hoffnungsvolle Glühen war in ihre Augen zurückgekehrt und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, jetzt, wo alles heraus war. „Kannst du mir die Illusion lassen, dass meine Person vielleicht ebenfalls einen kleinen Beitrag zu deiner Entscheidung geleistet hat?“ grinste er spitzbübisch und sie sah in seine funkelnden Augen. Sie wurde ernst. „Das ist sicher auch ein Grund gewesen! Selbst wenn es mir nicht bewusst gewesen war. Du hattest mir deine Heimat in so schillernden Farben beschrieben, ich konnte praktisch alles vor mir sehen und habe eigentlich über die Destination gar nicht nachgedacht, als ich meine Pläne zu schmieden begann! Mein Ziel stand von Anfang an für mich fest.“ „Waren es nur meine Schilderungen und unsere gemeinsamen Gespräche?“ Sie zögerte befangen. Er wollte sie in die Enge treiben, Dinge hören, die er längst schon wusste. „Ich, ich weiß es nicht...“, sie holte tief Luft, “natürlich war ich sehr von dir beeindruckt, natürlich auch von den Worten, mit welchen du dich von mir verabschiedet hast...! Sie kamen mir immer wieder in den Sinn, auch wenn Bernard mich...“ Sie stockte, wollte nicht davon sprechen und setzte hastig fort: ...ich meine, wenn ich unglücklich war und keinen Ausweg fand!“ „Du meinst, wenn dein Mann über dich herfiel wie ein Tier? Ist es das, was du sagen wolltest?“ Seine Stimme klang dunkel vor Zorn, vor Verachtung. „Er war so verärgert, als du ihn bloß gestellt hast. Aber es hat sich alles gelohnt! Verstehst du? Alles? Selbst das Schlimmste, weil deine Worte mich wach gerüttelt haben und wahrscheinlich wäre ich sonst immer noch in dieser Klinik oder anderswo seine Gefangene“, endete sie und dachte: ‚Oder ich wäre lägst tot...!’
Er konnte sich sichtlich nicht mehr daran erinnern. „Ich entsinne mich, wie rasender Zorn mich gepackt hat und dann habe ich rot gesehen. In seinen Augen war etwas, das mich an einen Aasfresser erinnerte, eine menschliche Bestie. Man hat mich zurückgehalten, ein Glück, denn ich hätte diesem ungehobelten, feinen Herrn, der vorgab ein Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle zu sein, ein bisschen mehr verpasst als nur zwei Ohrfeigen!“ Nachdrücklich schlug er mit der Faust in seine Handfläche. Sie schlug die Augen nieder und erwiderte leise: „Du hast von Würde gesprochen, mir geraten, mir selbst treu zu bleiben... das war nicht immer leicht!“ Sie machte eine kleine Pause. „Aber es hat mir wirklich sehr geholfen! Mehr noch, ich bin davon aufgewacht.“ „Du brauchst keine Angst mehr zu haben vor diesem Scheusal“, betonte er eindringlich. „Er hat es sicher längst aufgegeben, nach dir zu suchen. Ich denke, du bedeutest ihm nichts.“ Sie schüttelte zweifelnd den Kopf: „Da kennst du ihn schlecht! Ich bedeute für ihn emotional nichts, das stimmt. Aber ich bin sein Eigentum, das er sich nicht wegnehmen lässt. Er wird mit allen Mitteln versuchen, es mir heimzuzahlen. Ich kann nur darauf hoffen, dass er nie eine Vermutung haben wird, wohin ich entfleucht bin!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung: „Selbst wenn, er wird dich nicht aufspüren, vor allem nicht mit deiner falschen Identität.“ Er stand auf und ging wie ein gereizter Panther auf und ab, während er sich die Hände dabei rieb. „Ich finde trotzdem, du solltest das Versteckspiel irgendwann beenden. Schließlich leben wir im einundzwanzigsten Jahrhundert! Du hast ein Recht auf deinen Namen, deine Freiheit und wahre Identität. Du kannst die Scheidung einreichen, kannst ihn anzeigen. “ Er schien so naiv zu sein wie André es gewesen war. „Ich glaube nicht, dass du verstehen kannst, Russell, was sich hinter der Maske von Lapierre wirklich verbirgt. Nur weil er am gleichen Tisch mit Ministern und anderen wichtigen Persönlichkeiten sitzt, macht ihn das nicht weniger gefährlicher und abgebrühter als er ist. Du kannst mir glauben, dass ich es sehr wohl weiß und zu spüren bekommen habe!“ Sie stützte ihren Kopf in die Hände. „Das bezweifle ich nicht, aber wenn du meine Hilfe annehmen willst, sie gehört dir!“ Er stand vor ihr und sie blickte zu ihm auf. „Ich danke dir! Ich danke dir, dass du mir zugehört hast. Ich wollte dich nicht mit all dem Schmutz belasten. Du hast ja damit nichts zu tun und ich bin fest entschlossen, meinen gewählten Weg weiter zu gehen. Ich war glücklich, dass du mich wieder erkannt hast. Ich habe nicht damit gerechnet. Wirklich nicht! Ich sollte nun wohl besser gehen. Es war schön, mit dir zu reden! Würdest du mir ein Taxi rufen?” Er blieb vor ihr stehen und streckte ihr eine Hand entgegen. Impulsiv ergriff sie sie und presste ihre warmen Lippen auf seinen Handrücken. „Ich kann mich glücklich schätzen, jemandem wie dir begegnet zu sein. Erst du hast mir all das ermöglicht, wenn auch unbewusst!“ Fast unwillig entzog er ihr seine Hand. „Lass das, Gil! Lass diese Unterwürfigkeit. Ich bin nicht dein Exmann! Du redest Unsinn. Hättest du mir damals mehr Einblick in das von dir erduldete Desaster gewährt, hätte ich dich wahrscheinlich auf der Stelle mitgenommen, weggezerrt von Lapierre, egal für wie mächtig er sich auch hält. Der Kerl braucht einen Denkzettel, das ist alles! Ich hätte ihm die Fresse zermalmen sollen!“ Sie glaubte, ihn mit den Zähnen knirschen zu hören und erhob sich spontan. Es war besser zu gehen, er wurde wütend. Wahrscheinlich ging ihm ihre Schwäche auf die Nerven. „Dieser ungewollte Ausflug in die Vergangenheit sollte lieber vergessen werden“, sagte sie einrenkend. „Ich habe all das beiseite geschoben“, meinte sie leichthin. „Du solltest Madame aus Paris vergessen, Russell. Du kannst diese Welt dort drüben nicht verstehen.“ Sie wollte einen Schritt zur offen stehenden Terrassentür machen. Du bist ein Mann, und du bist stark...“ Sie fühlte seine Hand auf ihrer Schulter, er hielt sie sanft, jedoch bestimmt zurück. „Das mag sein“, sagte er betont langsam. „Doch du kannst mir glauben, dass es Kerle, die ihre eigene Frau vergewaltigen oder schlagen, einsperren und erniedrigen auch hier haufenweise gibt. Diese Welt ist nicht besser als die deine drüben! Hier und dort gibt es Ehre, Würde, Zärtlichkeit und Liebe. Aber eben auch Gewalt, Verrat und Schmerz. Du solltest nicht leichtfertig behaupten, dass ich das nicht verstehen kann! Und ich denke, du musst noch viel lernen. Über Menschen und ihre Gefühle, zum Beispiel. Zur Abwechslung auch die positiven!“ Sie standen einander gegenüber und sie blickte in seine ernsthaften grün schimmernden Augen, die den ihren nicht unähnlich waren. „Es war nicht so daher gesagt“, fügte er sinnend hinzu und seine Hand, die sie festgehalten hatte, fuhr durch ihr Haar. „Ich will, dass du mir vertraust!“ Er sah, dass sie nicht ganz verstand, was er ihr zu sagen versuchte. „Ich meine, dass ich diesen Lapierre (er spuckte den Namen förmlich aus) wirklich um dich beneidet habe. Du hast mich an dem verdammten Abend in Paris ziemlich beeindruckt. Und ich gebe auch zu, ich habe so ziemlich genau an das gedacht, was dieses Arschloch mir angeblich angesehen hat! Du hast mich ziemlich heiß gemacht...“ Sie holte tief Luft und hielt den Atem an. „Ich meine..., ja, ich hätte dich gerne in meinen Armen gehalten. Da war etwas in deinen Augen, das mich aufmerksam werden ließ. Eine verstohlene Trauer, ein verstecktes Leid. Vor allem aber, ein Hunger nach Zärtlichkeit, an die du doch längst nicht mehr geglaubt hast! Ich wollte dir etwas zurückgeben für die wirklich netten, paar Stunden.“ „Das hast du in meinen Augen gelesen?“ stammelte sie ungläubig. „Jetzt, wo du meine Story kennst, ist es ein Leichtes...“ Misstrauen saß zu tief in ihr. Doch er ließ sie nicht aussprechen. „Hey, Mädchen!“, rief er leicht aufgebracht und verdrießlich. “Hältst du mich etwa für einen widerlichen Süßholzraspler? Glaubst du, dass ich das nötig habe?“ Sie schüttelte verneinend den Kopf. „...Aber es kann nicht sein“, begann sie ungläubig. „Was kann nicht sein, Gil?“ fragte er rau und seine Finger verfingen sich in dem Vlies ihrer dichten Locken. „Es kann nicht sein, dass ich dich vom ersten Moment an begehrt habe? Mich ein wenig in dich verliebt habe? Nicht weil du den besten Kreisen irgendeiner einflussreichen Gesellschaft angehört hast, die mir rein gar nichts bedeutete, sondern weil ich ganz verrückt wurde, wenn ich dein Lachen hörte, in deine Augen blickte oder deine Porzellanweißen Schultern in dem freizügig ausgeschnittenen Abendkleid betrachtete. Weil ich mir vorstellte, was es sonst noch an Köstlichkeiten verbarg, und weil ich erkennen musste, dass du mir eine gehörige Portion Interesse entgegen gebracht hast. Aus welchem Grund auch immer! Aber ich bin ein Ehrenmann und für die Frau eines solchen hatte ich dich gehalten. Ich nahm an, Lapierre hatte Einen zuviel über den Durst getrunken und wusste nicht, was er daher geredet hatte. Ich konnte nicht annehmen, dass er so aus sich heraus gehen würde und mir sein wahres Gesicht präsentiert hat. Hätte ich das gleich erkannt.....“
Er ersparte sich den Rest des Satzes und zog sie an sich, schmiegte ihr Gesicht an das seine, während seine Lippen die ihren suchten, fanden, und seine Zunge sich Einlass in ihren halbgeöffneten Mund erbat. Sie stand mit hängenden Armen an ihn gepresst da, zu schwach, um sich zu regen, ließ seinen süßen Kuss über sich ergehen, erwiderte ihn erst zögernd, und als sie die plötzliche Erregung gleich einem warmen Schauer in ihrem Inneren aufsteigen spürte, schlang sie ihre Arme um seine Taille und erwiderte diese sanfte und leidenschaftliche Erfahrung mit all ihrer Hingabe. Seine Lippen küssten ihr Kinn, ihren Hals und sie atmete rasch und flach. Er schob seine Hände unter ihre Bluse, suchte nach ihren wohlgeformten, bebenden Brüsten und ließ genüsslich ihre Knospen unter seinen Fingern hart werden. Ein leises Stöhnen drang aus ihrer Kehle. Sie spürte, wie erregt er sich an sie presste und plötzlich erkaltete sie, als hätte man sie mit Eiswasser übergossen. „Ich kann nicht“, stammelte sie. „Bitte ! Lass mich gehen, ich...!“ Er schob sie etwas von sich und seine dunkel gewordenen Augen blicken sie verlangend an. Er verfluchte Lapierre und versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Schwer atmend ließ er sie los, fuhr mit beiden Händen mehrmals durch sein unordentliches Haar und kramte nach den Zigaretten. „Ich verstehe“, sagte er ernüchtert. „Es ist nicht deinetwegen, Russell.“ Er nickte und zog so heftig an seiner Zigarette, bis die Glut verlosch und das Aschenstück zu Boden fiel. „Natürlich nicht. Ich weiß Bescheid“, behauptete er und Gillaine war ihm dankbar für das erzwungene Verständnis, das er versuchte, ihr entgegen zu bringen. „Da hat einer ganze Arbeit geleistet, nicht wahr?“ „Es tut mir leid“, sagte sie überflüssigerweise und er winkte ab. „Das braucht es nicht, Honey! Ich mach dir einen Vorschlag! Es ist ziemlich spät, besser gesagt bereits morgen früh. Ich biete dir eines meiner Gästezimmer an und lass dich in Ruh’. Ich bin so was von müde und ich brauche eine kalte Dusche!“ Er verzog seine Lippen zu einem wehmütigen Lächeln, das sich selbst galt. „Nimmst du meine Einladung an? Ich hab’ bis Mittag Zeit und fahre dich dann hin, wo immer du willst! Ist dir das recht?“ „Warum nicht“, stimmte sie zu, froh darüber, ihn nicht durch ihre verklemmte Ablehnung völlig verärgert zu haben. Sie wollte ihn nicht ganz verlieren. Und sie wollte jetzt auch nicht ganz allein sein. Vielleicht konnten sie Freunde bleiben? Warum sollte das nicht möglich sein, wenn alles stimmte, was er ihr erzählt hatte? Sie hielt ihn nicht für einen oberflächlichen Menschen, der sich gerne reden hörte. Sie folgte ihm über die geschwungene Marmortreppe in das erste Stockwerk und er öffnete die Tür zu einem geschmackvollen, modernen Schlafraum. „Du findest alles hier, was du brauchst, um dich auszuruhen und eine angenehme Nacht zu verbringen! Ich selbst bin todmüde, und hoffe, der plötzliche Abbruch unserer Unterhaltung enttäuscht dich nicht zu sehr!“ Sie versuchte Zynismus herauszuhören, doch seine Augen waren wahrhaftig ziemlich schmal vor Müdigkeit geworden und sein unverfängliches Grinsen, ließ sie wieder lächeln und guten Mutes sein. „Danke Russell. Dann wünsche ich dir eine gute Nacht!“ Er hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn und murmelte: “Ich dir auch Gil, ich dir auch! Bis morgen, Kleines!“ Er ließ sie allein, schloss die Tür hinter sich, und sie konnte seine Stiefelabsätze auf dem Marmorboden des Flurs klappern hören. Dann fiel eine Tür nachdrücklich ins Schloss und sie blickte sich interessiert um. Eine Flügeltür führte auf die Terrasse. Sie öffnete sie weit und trat hinaus. Sie befand sich in Russells Haus und stand in einem seiner Zimmer. Einerseits unglaublich, andererseits war ihr, als hätte sie nichts anderes erwartet. Er wollte Zärtlichkeit, die sie ihm nicht geben konnte. Sie war in Aufruhr, haderte mit sich selbst. Sie war wütend auf sich und hasste Lapierre einmal mehr dafür, dass er aus ihr ein gefühlloses Monster gemacht hatte. Hatte sie nicht davon geträumt, in seinen Armen vergessen zu können? Was war bloß in sie gefahren?
Sie nützte die Annehmlichkeiten des rosafarbenen Marmorbades, ließ sich von den Massagedüsen der großen Wanne verwöhnen und den Kopf nach rückwärts sinken, um abzuschalten, Ordnung zu schaffen in ihren zwiespältigen Gefühlen und Überlegungen. Schlaf drohte sie zu übermannen und sie beschloss, unter die weichen, seidenen Laken des ausladenden Bettes zu schlüpfen. Sie betrachtete ihre Gestalt im Spiegel und dachte zufrieden, dass dieser biegsame, schlanke Körper nun wieder ihr ganz allein gehörte. Ihre Handflächen fuhren beidseitig ihre Silhouette entlang, folgten den Rundungen ihres Busens, ihres Beckens, ihrer Schenkel. Wahrhaftig, er konnte sich sicher nicht mehr daran erinnern, was er erdulden musste, dieser Körper. Aber da war ihr Geist, der ihm Befehle gab, Dinge einredete und ihn an so manches erinnerte. Ihm sagte, wie er zu reagieren hatte! Ihr verdammter Geist, die Erinnerung, die ihren natürlichen Sinnen, die sich nach Zärtlichkeit sehnten, verbat, sich zu öffnen, sich hinzugeben und der Umarmung des Mannes entgegen zu streben, der stets seinen versteckten Platz in ihren Träumen inne gehabt hat! Vielleicht brauchte sie ärztliche Hilfe...
Sie schüttelte unwillig das noch feuchte Haar und rieb etwas von dem Blütenöl, das auf der Spiegeletagere bereit stand, auf ihre Arme, ihre Beine und ihren Bauch, bis sie sich zart und geschmeidig anfühlten. „Du weißt sicher gar nicht, was dir entgeht“, hauchte sie ihrem Spiegelbild entgegen. „Zahllose Frauen würden diese Gelegenheit beim Schopf ergreifen und alles andere in den Schatten stellen, nur, um in den Armen dieses Mannes zu liegen!“ Sie schnitt sich selbst eine höhnische Grimasse und begab sich ins Zimmer zurück, um dort mit ausgebreiteten Armen und einem tiefen Seufzer auf das einladende Bett zu fallen. Wenn sie gedacht hatte, dass sich der erlösende Schlaf nach einem so aufregenden Tag auf der Stelle einstellen würde, lag sie falsch. Sie drehte sich auf den Rücken und starrte zur Decke. Halbschatten zeichneten Figuren darauf und die schwachen Kontrolllampen von irgendwelchen, elektronischen Sicherheitsgeräten, die wohl im Park versteckt angebracht waren, formten Kreise, luden dazu ein, ihrem sich stetig verändernden Tanz zu folgen. Die bauschige, seidige Gardine vor dem Fenster blähte sich leicht im Wind. Es war immer noch mild und sie rollte sich auf die Seite, starrte zur Terrasse. Es hielt sie nicht länger in dem bequemen Bett, sie sprang mit beiden Füssen gleichzeitig auf und spazierte unruhig im Zimmer umher. Ihre Finger befühlten Möbel, Wände und Einrichtungsgegenstände. Die Vorstellung, dass dies alles Russell gehörte, wahrscheinlich teilweise von ihm ausgesucht worden war, rief kleine Schauer auf ihrer darüber gleitenden Handfläche hervor. Sie seufzte und griff nach dem leichten Überwurflaken, drapierte es um ihren Körper und trat lautlos auf die Terrasse, in die dunkle Nacht hinaus. Ihr Blick heftete sich fasziniert auf den Ausblick, den sie von hier oben aus genießen konnte. Der beleuchtete Pool schimmerte blau phosphoreszierend unter ihr und die Schatten der gepflegten Pflanzenwelt ringsum, bildeten eine harmonische Einheit mit den Kies bestreuten, schmalen Wegen des Anwesens. Hier ließ es sich leben und all das hatte nichts zu tun mit Lapierres überladener Wohnung, egal wie viele echte „Louis XV.“ Stilmöbeln er darin angehäuft hatte! Es war nie ihr Geschmack gewesen und sie hatte nur die Annehmlichkeiten genutzt, ohne sie wirklich zu genießen. Sie zog die würzige Luft ein und schloss genüsslich die Augen.
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12 – Zauber der Nacht
Eine vage Bewegung, ein Geräusch ließ sie zu sich kommen, und ihr wurde schlagartig bewusst, dass sie nicht allein nach Schlaf gesucht hatte. Russell war rauchend am Ende der Terrasse gestanden und sie hatte ihn nicht einmal bemerkt, war zu sehr in ihre eigenen Gedanken verstrickt gewesen. Erst die Glut seiner Zigarette, die er nun ausdämpfte, verriet seine Anwesenheit. Er stand mit überkreuzten nackten Beinen an das Steingeländer gelehnt und blickte stumm zu ihr hinüber. Er verschränkte seine beeindruckend starken Arme vor der nackten Brust und sie bemerkte, dass er nur ein Handtuch um seine Hüften geschlungen hatte. Sonst schien er nackt zu sein wie sie selbst. Die Kühle der Nacht schien ihm nichts auszumachen. Er war barfuss wie sie und sein Gesicht, das im Dunkel lag, wurde vom hellen Schein seines Haares umrahmt. Erst dachte sie daran, zurück in ihr Zimmer zu flüchten, in die schützende Dunkelheit des Raumes und sich unter den Laken des Bettes zu verstecken. Doch sie tat es nicht. Sie schien am Boden festgewachsen zu sein. Ihr Blick wurde von seiner schemenhaften Gestalt magnetisch angezogen und die feinen Härchen ihres Körpers reagierten auf die nächtliche Kühle. Doch war es wirklich nur das?
Er ähnelte einer dieser klassischen Heldenfiguren, seit antiken Zeiten für immer in Stein verewigt. Der Körper aus einem Block gemeißelt, die Rundungen der ausgeprägten Muskeln und Sehnen in perfektem Schwung nachgebildet. Ein starker, unbeugsamer Hals, die Wölbung seines Brustkorbes. Sein flacher Bauch, jedoch nicht zu flach, seine schmalen Hüften, jedoch nicht zu schmal. Ihr Blick wanderte nach unten. Ihr wurde schlagartig bewusst, dass dieser Mann, was auch immer er unter dem Handtuch verbarg, eine Schöpfung für sich war. Er konnte, durfte mit nichts anderem, niemand anderem verglichen werden. Er war unvergleichlich. Ihr Herz begann zu rasen, sie tat einen Schritt in seine Richtung.
Sein Arm streckte sich ihr plötzlich entgegen und sie bewegte sich verzaubert Schritt für Schritt, getrieben von Sehnsucht und Faszination, auf ihn zu. Ihr Haar leuchtete im fahlen Mondlicht. Ihre Hand glitt in die seine und er umschloss sie, zog sie nah an sich heran, bis sie an seiner Brust lag und sich an der Berührung seiner weichen Brusthärchen, die an ihrer Haut in angenehmer Art und Weise entlang strichen, erfreute. Sein Körper war kühl und stark, und sie versenkte ihren Blick in seine Augen, wollte etwas sagen, und wusste doch, dass Worte überflüssig waren. Seine freie Hand löste sanft ihr schützendes Laken, es fiel auf den gekachelten Terrassenboden, der sich unter ihren Füssen kühl anfühlte. Sie gab sich seinen begehrlichen Blicken preis. Ohne Scham, ohne Bedenken, ganz, als wäre sie nur für ihn geschaffen worden. Die körperliche Faszination, die von ihm ausging, besiegte jede negative Regung ihres Geistes. „Sollen wir versuchen, gemeinsam Schlaf zu finden, love?” fragte er leise und lockend, und sie nickte leicht unter dem Bann seiner Stimme, während ihre Hände sein, um die Lenden geschlungenes Tuch, wie von selbst lösten. ‚Es ist Russell’, sagte sie sich. ‘Russell, verstehst du? Russell!’ Um sich diese Tatsache einzuprägen, ließ ihr Blick vom Gesicht des Mannes nicht ab. Sie küsste sein Grübchen am Kinn, strich mit der Spitze ihrer Zunge darüber und ihre Hände glitten langsam über seinen Brustkorb, seine kräftigen Oberarme. Sie kontrollierte nicht mehr ihr Tun. ‚Er gleicht keinem anderen’, dachte sie erneut. ‚Und ich will ihn, so wie er mich will!’ Der Arm, der sie umfangen hielt, wanderte zärtlich über ihren Rücken nach unten, erforschte ihre fraulichen Rundungen, die Wölbung ihrer Schenkel. „Du wirst mir nicht weh tun?“ hauchte sie wie unter einem Bann, und er schüttelte stumm den Kopf, sein Blick versprach ihr nur Aufrichtigkeit, lustvolle Freude. Seine Arme hoben sie hoch und trugen sie über die Schwelle seines eigenen Schlafzimmers, das im Halbschatten einer einzelnen angeknipsten Stehlampe lag. Die kühle Seide der Gardinen streifte über ihre beiden Körper hinweg, einladend, kosend. Er legte sie wie ein ängstliches Kind, das es galt, nicht zu verunsichern, auf sein Bett, und sie genoss den Duft seines herben Rasierwassers, der sich mit dem von würzigem Zederholz mischte. Männlich, unaufdringlich. Er glitt neben sie und betrachtete sie aufmerksam, suchte in ihren Zügen nach Ablehnung und Furcht, die er nicht fand. Sie blickte ihn verlangend an und ihr Gesicht war weich und schön. Seine Hand streichelte mit kreisenden Bewegungen ihren Bauch und er murmelte leise: „Ich bin Russell! Niemand sonst! Ich will dir Zärtlichkeit schenken, dir das geben, wonach du dich sehnst, und ich weiß, dass du es auch willst!“ Seine Worte machten sie zweifeln. War das so? Was erwartete er von ihr? Vor allem: was erwartete sie? Seine, sie streichelnde Hand, glitt wie von selbst zwischen ihre Schenkel, liebkosend, ohne zu fordern. Seine Lippen näherten sich den ihren und seine Zungenspitze zeichnete spielerisch die Konturen ihres vollen Mundes nach, bis er sich von allein öffnete, gleich einer Blüte, die den Morgen willkommen hieß. Er spielte mit ihren Lippen, ihrer Zunge, entwand sich ihr abermals und stachelte ihre endlich entfachte Lust mit seinen verspielten Gesten an. Unbewusst hatte sie sich geöffnet, lud ihn ein, ihr mehr von seiner Zärtlichkeit zu geben und ihre Hände glitten über seinen kräftigen Rücken, fühlten seine Lenden, sein festes Gesäß, seine weich behaarten Schenkel. Sie wagte nicht, ihre Augen zu schließen, vermied es, das Bild eines anderen vor sich aufsteigen zu lassen, und als wüsste er davon, hielt er ihrem Blick stand, konnte sich nicht satt sehen an ihren schönen Augen, die angefüllt waren mit leidenschaftlichem Hunger nach ihm. Er nahm ihre Hand und führte sie dorthin, wo er sie spüren wollte, fühlen. Sie sollte sich davon überzeugen, dass er nicht der war, der ihr all das angetan hatte, was ihre Würde, ihre eigenen Bedürfnisse untergraben hatte. „Ich bin Russell’, flüsterte er abermals zwischen zwei Küssen, und sie bog sich ihm entgegen, während ihre Hand spüren konnte, wie groß sein Begehren nach ihr war. „Ich weiß“, flüsterte sie atemlos. Er hatte sie erregt und dieses nie gekannte Gefühl drohte sie zu überrollen, gleich einer Sturmflut. Sie hatte soviel zu geben, sie war so randvoll von unterdrückten Empfindungen und Bedürfnissen. Er beschloss, sie von der Spannung ihres ersten Höhepunktes sanft zu erlösen. Das Spiel seiner Finger zwischen ihren Beinen wurde intensiver und sie begann unkontrolliert zu stöhnen und sich aufzubäumen. „Komm, lass es zu“, flüsterte er beschwörend und hatte alle Mühe seine eigene Erregung zurück zu halten. Dann brach ein heftiges Feuerwerk aufgestauter Emotionen in ihr aus, berauschend, beglückend und unerwartet, und sie wand sich unter den Zuckungen ihrer Lust, klammerte sich an ihm fest. Er erstickte ihre wollüstigen Laute mit seinen Küssen, bis ihre zitternden Glieder ruhiger wurden und er zufrieden feststellte, dass sie die Augen endlich geschlossen hatte. Er wünschte, sie von den Phantomen der gewalttätigen Ära, die hinter ihr lag, erlöst zu haben. Seine „Pionierarbeit“ hatte ihm eine tiefe, seelische Befriedigung verschafft. Er küsste ihre geschlossenen Augenlider und ließ seine Hand auf ihrer Brust ruhen, die sich nun heftig hob und senkte. Als sie sich danach auf einem Ellbogen gestützt aufrichtete und ihn mit dankbarem Lächeln betrachtete, ließ er sich auf den Rücken fallen und zog sie an sich. „Schlaf, Kleines“, sagte er ruhig. Sie ließ ihre Hand über seine Schenkel wandern, doch er griff danach, legte sie auf seine Brust zurück und hielt sie dort fest. „Wir müssen das nicht jetzt tun, schlaf’ und ruh’ dich aus.“ Als hätten seine Worte hypnotische Wirkung auf sie, fiel sie in den Schlaf, der ihr seit Monaten gefehlt hatte. Tief und ruhig, friedlich und erlöst, umhüllt von der friedlichen Präsenz ihrer Liebe zu ihm, die in seinen Armen geboren wurde. ***** Eine ins Schloss fallende Tür weckte sie spontan. Der noch in ihrem Bewusstsein verankerte Schlaf verwirrte ihren Geist. Unwillkürlich kam ihr Bernadette in den Sinn, wenn ihr die Tür in der Zugluft ungewollt aus kam und zufiel. „Whoum...! “ Eisiger Schrecken durchfuhr sie. Paris! Bernard! Sie glaubte sich in ihrer alten Wohnung in Europa! Sie lag auf dem Bauch und krallte ihre Finger in das Kissen unter ihrem Gesicht. Warmes, festes Fleisch glitt über ihre Waden. Sie versteifte sich, bereit, sich zu verteidigen. Eine feste, männliche Hand strich über ihre Rückseite. Sie spürte Lippen an ihrer Schulter, zarte, kleine Küsse, die sie erschauern ließen. Die plötzliche Erkenntnis, dass sie eben noch einer geistigen Irreleitung zum Opfer gefallen war, ließ sie erleichtert und leise brummen. Sie blinzelte. Dämmerlicht fiel ins Zimmer, die Terrassentüren standen immer noch weit offen und der leichte Herbstregen ließ die üppige Fauna draußen verlockend duften. Sie atmete begierig die Frische ein, roch das nasse Gras, Erde und Blüten und rollte sich behaglich auf den Rücken. Im Morgenlicht, trunken von der Erinnerung an jene Küsse, genoss sie seine Berührungen. Seegrüne, dicht bewimperte Augen blickten sie liebevoll an und sein warmes Lächeln ließ die Sonne in ihrer Seele aufgehen, die bisher unter einer dichten Wolkenschicht versteckt lag. So wie heute draußen im Park, im Himmel über der Stadt. Vögel sangen ihr frohes Repertoire in allen möglichen Tonlagen und leises Hantieren im Haus drang entfernt an ihr Ohr. „Das ist Carry, mein Mädchen für alles!” erklärte Russell grinsend und bettete sein Gesicht auf das Kissen neben sie. „Sie wird uns in Ruhe lassen, sei unbesorgt“. „Wirklich Mädchen für alles?“ neckte sie ihn und er blickte sie anzüglich an. „Sie ist an die sechzig und wiegt mindestens dreimal so viel wie du!“ gab er belustigt zur Antwort. „Aber sie kennt ähnliche Situationen, wie diese hier, nehme ich an“, murmelte Gillaine leise und er zuckte nur leicht mit der Schulter. „Ich hoffe, du hast gut geschlafen, Honey“, entgegnete er, ihre Bemerkung absichtlich überhörend. Dabei ließ er seinen Arm über ihre Brust gleiten und zog sie näher an sich. Er rieb seinen Schenkel an ihrer Hüfte und ihre Sinne erwachten durch seine einladenden Berührungen mit einer Heftigkeit, die sie verwunderte, aber willkommen hieß. Er bedeckte ihre Wange mit kleinen Küssen und seine Lippen stahlen sich lockend zu ihrem Mund, tranken ihre süße Hingabe und hinderten sie daran, weiter irgendwelche Fragen zu stellen. Ihre Finger glitten durch sein weiches Haar, das auf ihre Gesicht, ihren Hals fiel, und sie hielt seinen Kopf fest, hinderte ihn daran, dass er aufhörte sie zu küssen. „Wo waren wir diese Nacht stehen geblieben, love?“ murmelte er belegt und sie berührte ihn an seinem hungrigen Geschlecht, das sich ihr erwartungsvoll entgegen reckte und flüsterte benommen: „War es hier?“ Seine Antwort war ein leises Stöhnen und er spannte seine Gesäßmuskel an, schob sich ihr entgegen und sie rollte sich seitlich zu ihm, schlang ihr Bein um seine Hüfte und erregte die pulsierende Männlichkeit in ihrer kleinen Hand mehr und mehr. Sie küsste seinen Kehlkopf und lauschte verzückt den wohligen Lauten, die daraus hervordrangen. Sie konnte spüren, dass er sich nicht mehr lange beherrschen würde können. Doch er schien zu zögern. Zu befürchten, dass sie abermals zurückweichen könnte, sobald sie sich von ihm oder dem Ding zwischen seinen Beinen, mit dem ein anderer ihr bereits übel mitgespielt hatte, bedroht fühlte. Er hielt sich zurück, blickte in ihre halbgeöffneten Augen, und was er sah, war nur Verlangen, die stumme Bitte, eins mit ihr zu werden und ihren Körper durch seine Stärke zu beglücken. War es ihm gelungen, ihr jegliche Furcht zu nehmen? Hatte seine Zärtlichkeit über ihre verkrampfte Hemmung gesiegt? Es schien so, und er wagte es, es auf einen Versuch ankommen zu lassen. Erneut suchte er nach ihren Lippen, ließ sie kaum zu Atem kommen und rollte sich schwer auf sie. Sie schien sich nicht zu wehren, lag still und zart unter seinem kräftigen Körper und schien zu warten. Ihr rascher Atem jedoch verriet ihm ihre Erregung. Er stützte sich auf seine Arme und sah auf sie hinunter. Ihre Lippen bebten und ihre Augen waren mit Verlangen gefüllt. „Ich will es“, flüsterte sie auffordernd. „Ich will es so sehr!“ Sie öffnete sich, langsam, doch entschlossen und vertrauensvoll. Ihre sinnliche Einladung entlockte ihm einen tiefen gutturalen Laut. Ihre Arme streckten sich ihm entgegen, griffen nach seinen breiten Schultern und er ließ sich schwer atmend zwischen ihre leicht bebenden Schenkel gleiten, schob sich vorsichtig in ihr einladendes Fleisch, um sie nicht zu brüskieren, nicht zu erschrecken.
Sie hatte sein Zögern bemerkt und hob ihm ihren Leib entgegen, empfing ihn ungeduldig und willig, als er begann, in sie einzudringen. Sie klammerte sich an ihm fest, ihre Beine umschlangen seine Hüften, und er hielt still. Nun begann sie, mit rhythmischen Bewegungen den Weg für seine Lust zu bereiteten. Er hatte seine Hände unter ihren Rücken geschoben, und er folgte ihrer Aufforderung, begann sich in ihr zu bewegen, erst vorsichtig, dann rascher und heftiger. Er sah, wie seine lustvollen Stöße ihr den Atem aus der Lunge presste. Sie stöhnte, wand sich in seiner Umarmung. Ihre Nägel bohrten sich in sein Fleisch und dieser kleine Schmerz ließ seine Lust, ihr eine völlig neue Vorstellung von sexueller Sinnlichkeit zu verschaffen, weiter anschwellen und vertiefen. Er schien sie vollkommen auszufüllen, vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, trank ihren warmen Atem und sein schaukelndes Becken zwang ihren heißen Körper dazu, mit zu tanzen, sich aufzugeben und der göttliche Kelch seines Ergusses zu werden. Er spürte, wie ihr Körper sich zu straffen begann, wusste, sie würde gleich explodieren, und hielt die eigene Befreiung seiner aufgestauten Lust auch nicht mehr länger zurück. Sie stöhnte, biss in seine Schulter und ihr Körper wurde von heftigen Spasmen erschüttert, während er gleichzeitig mit ihr zu verglühen drohte und sich kraftvoll in ihr ergoss. Als ihr Zittern nachließ, und sie schlaff in seinen Armen lag, rollte er sich, um Atem ringend herum, befreite sie von seinem Gewicht und der Last seines nun entspannten Körpers. Er hielt sie weiter an sich gepresst, damit sie ruhiger wurde und sich an seiner Seite geborgen fühlen konnte. Sie ließ ihre Hand auf seiner Brust ruhen, fühlte den starken Herzschlag darunter und schloss die Augen. Alles was sie hinter ihren geschlossenen Lidern sah, war sein Gesicht, sein Lächeln, seinen wundervollen, muskulösen Körper, der sie besaß, so wie sie ihn.
Hatte sie das erwartet, als sie damals Lapierre gefolgt war? Wahrscheinlich nicht in dieser Heftigkeit, der hier herauf beschworenen, intensiven Gefühle, die über sie hinweg gedonnert waren wie ein Orkan, aber doch in dieser Art. „Du denkst an ihn?“ fragte er, als könne er in ihren Gedanken lesen. „Nein“, log sie und verscheuchte ihre Überlegungen. „Kannst du dir vorstellen, dass wir ein Liebespaar werden?“ wollte er von ihr wissen und ihre Hand krallte sich spielerisch in sein Brusthaar. „Sind wir denn das nicht bereits?“ fragte sie schelmisch und wurde von einem Schwindel erregenden Glückstaumel erfasst. „Dann sollten wir es bleiben, Honey“, sagte er sachlich und küsste ihre Nasenspitze, bevor er einmal mehr nach seinen Zigaretten grabschte. „Und es ist mir verdammt ernst damit!“ fügte er hinzu, bevor er die leicht mitgenommene Zigarette zwischen die Lippen steckte. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter und drängte sich zustimmend an ihn, um ihm mit vielen kleinen, zärtlichen Küssen ihre Begeisterung kund zu tun. |