Zucchabar I

Juba trat aus dem blendenden Licht in den Schatten des Rundgangs. Die Sonne stand in West – Südwest, die schlimmste Hitze des Sommertages war vorbei. Der Rundgang  bildete das zentrale Element des Komplexes - eines ehemaligen Landsitzes von Statthaltern und Händlern. Mehrere große und kleinere Gebäude schufen den Eindruck einer Siedlung. Grosse Höfe und Freiplätze. Stallungen. Ein  konzentrisches Hauptgebäude mit riesiger Balustrade.
Schatten war ein Luxus  in  dieser von der Sonne durchglühten, staubigen Ecke der Römischen Provinz. Die Hitze war am Morgen bereits erdrückend, aber die Menschen, die hier ihr Leben fristeten, hatten sich daran gewöhnt.
Jetzt, am späten Nachmittag wurde es langsam wieder erträglich.
Viele Hautfarben und Rassen waren hier vertreten. Juba war Numidier, tiefschwarz, ein großer, muskulöser Mann mit blendendweißen Zähnen, für seine Rasse typisch und auffallend inmitten einer Horde Barbaren mit meist gelben, lückenhaften Gebissen. Er war Jäger gewesen, bevor ihn die Sklavenhändler verschleppt hatten. Auf dem Weg nach Hause war er in eine Falle geraten und wie ein Stück Vieh an die Araber verkauft worden. Viele seiner Mitsklaven in diesem Trainingslager hielten ihn für einen Wilden, ein sprechendes Tier, als er ankam. Unwissenheit und Vorurteile.  Zu allen Zeiten waren sie das größte Hindernis zwischen den Menschen. Als er den Spanier einige Meter vor sich auf dem Boden sitzen sah, die Beine untergeschlagen, erinnerte er sich, wie er ihm begegnet war. Sie hatten ihn als dreckiges, lebloses Bündel auf den Karren geworfen, auf dem  Juba angekettet  gesessen hatte.
Juba, der schon seit Wochen bei der Karawane gewesen war, hatte nicht damit gerechnet, dass der Neuzugang überleben würde. Die  Wunde an seinem rechten Oberarm  knapp unter der Schulter  war kurz davor gewesen, brandig zu werden. Er hatte hohes Fieber gehabt und schien völlig erschöpft . Apathisch hatte er auf der rohen Holzpritsche gelegen. Juba  hatte ihm Wasser gegeben, Maden wurden auf die Wunde gesetzt, um sie von faulem Gewebe zu reinigen. Manchmal schien der Mann bei Bewusstsein, die Augen einen Spalt geöffnet, ohne seine Umgebung zu beachten. Als er drei Tage überlebt hatte, hatten die Araber die Wunde gründlich behandelt und Juba angewiesen, sich weiter um ihn zu kümmern. Er hatte es getan und der Mann hatte sich schnell erholt, aber er schien stumm. In seinen Augen hatte man Verstehen erkennen können, aber gesprochen  hatte er nie. Seine Augen schienen meist in weiter Ferne.
Als  er  so reglos dagelegen und in den Himmel gestarrt hatte, hatte Juba ihn einige Male für tot gehalten.
Seine Zunge war unversehrt. Es schien, als hatte er nicht sprechen wollen.
Sein Gleichmut hatte Juba verdrossen, es war, als würde ein Mantel aus Eis um ihn liegen. Nichts hatte ihn bewegen können. Nicht Schmerz, Hunger, Durst. Nicht einmal freundliche Worte.
Juba sah nur noch wenig Ähnlichkeit mit dem Spanier, neben den er sich jetzt setzte. Der war  mittlerweile  tiefbraun, seine blaugrünen Augen bildeten einen verblüffenden Kontrast dazu.
Er wirkte noch immer kalt, aber Juba wusste, dass er auch andere Seiten hatte.
»Freund«, grüßte ihn der Spanier knapp und schenkte ihm einen freundlichen Blick aus seinen hellen Augen.
Seine Stimme war tief und hatte einen rauen Unterton.
Als  Juba sie das erste Mal gehört hatte, war ihm sofort klar gewesen, dass dieser Mann früher wichtig gewesen war. Es lag an dem Gewicht, welches das Timbre seinen Worten verlieh, seiner Modulation.
Ein Mann, der es gewohnt gewesen war zu befehlen.
Der Spanier war eine Führernatur. In einem Rudel wäre er wohl der Leitwolf gewesen. Nichts anderes waren sie hier, ein Rudel reißender Wölfe. Gehalten wie Tiere- versorgt, gepflegt, ihrem Wert entsprechend. Jünglinge mit den ersten Bartstoppeln, graue Haudegen mit narbenzerfurchten Gesichtern und Leibern.
Ihre Anzahl schwankte je nach Ausgang der Kämpfe zwischen zehn und zwanzig. Germanen, Briten, Gallier, Männer aus dem Norden mit fast weißem Haar und rötlicher Haut, die sehr unter der Hitze litten.
Griechen und Männer aus dem Orient. Ein brodelnder Kessel aus  Frustration, Gewalt, Wut und Todesangst. Alle gehörten sie dem ehemaligen Gladiator Antonius Proximo, in dessen Besitz auch die Gladiatorenschule war, in der sie nun ihr Dasein fristeten.
Der Spanier fuhr sich mit der Hand durch sein braunes Haar, das er in der Art der römischen Legionäre trug - kurz und nach vorne gekämmt. Ein  getrimmter, hellerer Bart bedeckte ein ausgeprägtes Kinn, Oberlippe, Wangen. Er war im besten Mannesalter, vielleicht Ende Dreißig, von mittlerer Größe und obwohl er nicht so muskelbepackt war wie manch andere hier, wusste Juba, wie stark er war. Und das lag wohl vor allem an  der  mentalen Kraft,  dem unbändigen Willen, der ihn aus allen Kämpfen siegreich hatte hervorgehen  lassen.
»Freund«, erwiderte Juba und lächelte ihn an. Der Spanier deutete ebenfalls ein Lächeln an, dann wurden seine markanten Züge wieder ernst. Nur Juba wusste, dass er früher Tribun im römischen Heer gewesen war.
Spanier nannten sie ihn, weil man ihn von Spanien hierher verschleppt hatte.
»In drei Tagen müssen wir wieder  in die Arena«, sagte Juba ausdruckslos.
»Ich weiß«, erwiderte der Spanier gleichmütig. Er verscheuchte eine Fliege mit einer flüchtigen Handbewegung. »Wir werden leben. Wie immer.« Die Ruhe, mit der er es sagte, mutete prophetisch an.
»Woher nimmst du nur deine Gewissheit?« fragte der Schwarze ungläubig. Ein Mann wie dieser war ihm noch nie begegnet.
Auf den ersten Blick war er wie aus Eis oder Metall. Unbewegt, kalt, abschätzend. Wenn er ihn in der Arena beobachtete, erinnerte er Juba an ein Raubtier. Nichts Technisches war an seinem Kampfstil, es wirkte alles natürlich und instinktiv.
Diese schlafwandlerische Sicherheit erreichte man nur durch jahrzehntelanges Training. Er hatte ihm erzählt, dass er über
25 Jahre in der römischen Armee gedient hatte und die letzten Jahre Tribun gewesen war. Davor hatte er  ihm  das Versprechen abgenommen, dies für sich zu behalten. Juba hatte in den 15 Monaten, die sie gemeinsam hier waren von seinem Können profitiert. Der Spanier hatte ihm vieles gezeigt, was ihm ermöglicht hatte zu überleben. Er erinnerte sich an ihren ersten gemeinsamen Kampf. Sie waren zusammengekettet in die Arena geschickt worden. Verwirrt, traumatisiert,  im Angesicht des sicheren Todes. Ein Schwert, ein Schild, nicht wissend was sie erwartete. Trotz der kurzen Kette, die sie verbunden hatte, hatten sie es geschafft ihre Gegner , die sich frei bewegen konnten und dazu gepanzert und trainiert waren, zu töten.
Alle Neuzugänge waren gestorben, alle außer ihnen und dem riesigen Germanen Hagen, der nichts zu fürchten schien und sich dabei eine Art  ’naives’ Wesen bewahrt hatte. Im ersten Moment hatte der Spanier ihn für einen genialen Idioten gehalten , aber Hagen war nicht geistig unterentwickelt, er war eine völlig andre Art Mensch, als  die, die ihm bisher begegnet waren. Er konnte fünf Männer schlachten und kurz danach ein Vögelchen, das aus dem Nest gefallen war, retten. Hagen war etwas Besonderes. Er war ein Überlebensgenie.
Die erste gemeinsam gemeisterte Prüfung auf Leben und Tod hatte eine Verbindung zwischen ihnen geschaffen, die schnell zu Freundschaft geworden war. Juba betrachtete die große, verblasste Stelle unterhalb des vernarbten Hiebes am Arm des Spaniers. Er hatte sich damals die Insignien SPQR - Senatus Populusque Romanus - mit einer scharfen Muschel aus dem Fleisch gekratzt, als wollte er alle Spuren seiner Vergangenheit tilgen. Ein Vierteljahrhundert bei den Truppen, einen hohen Rang, ein früheres  Leben.
Juba erinnerte sich an sein mühsam beherrschtes Gesicht, aber es schien nicht der körperliche Schmerz gewesen zu sein, der ihn gequält hatte. Der Spanier war zutiefst verletzt worden. Nicht nur körperlich, jemand hatte ihm fast die Seele geraubt. Das spürte man, wenn man ihn kämpfen sah. Er kämpfte noch immer gegen den unsichtbaren Feind. Er war der personifizierte Tod in der Arena. Arrogant, eiskalt und bisher immer der Sieger. Ab und zu trug er Verletzungen davon, die aber nie schwer waren. Sein Ruf hatte sich schon weit verbreitet und wenn er antrat, war das kleine Amphitheater immer brechend voll und schon lange vor seinem Kampf riefen sie nach ihm.
Aber bei aller Virtuosität beim Töten war er nie grausam. Er tötete schnell und sauber. Das Publikum jubelte ihm trotzdem zu. Diese verzerrte Art von Rechtschaffenheit war ihnen genug. Unter allen Mördern war er der verehrenswerteste,  gerade weil er Gnade zeigte. Die Gnade, schnell zu töten. Eben wie ein Soldat und das hatte ihm die Achtung seiner Leidensgenossen verschafft. Sein Besitzer hatte ihn schon schwer bestraft deswegen.
Er tötete zu schnell und zu gnädig für dessen Geschmack. Menschen, mit   seelischen Wunden wie der Spanier sie davongetragen haben musste, sterben daran oder sie werden tollwütige Bestien. Seelische Krüppel. Meistens.
Oder sie klammern sich im besten Fall an etwas.
 Hoffnung. Irgendeine Hoffnung.
Juba fragte sich, welche Hoffnung der Spanier hatte.
Dieser hatte einst erwähnt, seine Familie sei tot.
Er selbst wollte zurück zu seiner Frau und seinen Töchtern.
 Irgendwann würde er die Chance bekommen.
Er musste einfach daran glauben. Er hatte nichts anderes. Ein Dasein als Sklave und Gladiator war keine Alternative zu einem freien Leben, aber leider die einzige, die ihm für den Moment blieb.
Das Publikum wollte lange, blutige Kämpfe. Aber selbst Tage ohne Wasser und Essen in einem dunklen Loch hatten  den Spanier nicht überzeugt. Bevor Proximo ihn  sterben ließ,  gab er nach.
Er war einfach zu wertvoll für seinen Eigentümer, um ihn krepieren zu lassen. Zu lukrativ.
Ein riesiger Kerl mit gewaltigen Muskeln rief ihre Namen und gesellte sich zu ihnen. Der Germane Hagen war schon  einige Zeit vor ihnen hier gewesen. Wegen seiner eindrucksvollen Gestalt und enormen Kraft wurde er von allen respektiert. Wer ihn näher kannte, war überrascht, in diesem Körper ein solch heiteres und sanftes Naturell zu finden. Als Kämpfer war er ein völlig anderer- ein Berserker wie aus einer germanischen Heldensage. Das Vertrauen in seine heidnischen Götter  verlieh ihm eine bewundernswerte Gelassenheit, hinderte ihn aber nicht daran, einer der gefürchtetsten Gladiatoren in den Provinzen zu sein. Er lachte, als er sich zu ihnen setzte, seine blauen Augen blitzten übermütig. Juba beneidete ihn oft um seine Unbekümmertheit. »Unser Herr und Meister wird heute Mittag mit Frischfleisch vom Markt zurückkehren. Es gibt Gerüchte, dass auch Frauen dabei sind.«
Juba stieß einen missbilligenden Laut aus. »Das wird Ärger geben. Es gibt jedes Mal blutige Nasen und blaue Augen, wenn er Huren mitbringt.«  Der Spanier schaute ebenfalls finster. »Er will dich endlich dazu bewegen deinen Stil zu verändern. Du weißt, dass es ihn rasend macht, wenn du nicht mit deinen Gegnern spielst«, sagte Juba zum Spanier.
Der Spanier sah ihn  fragend an. »Und was soll das ändern?« grummelte er .
»Ich habe ein Gespräch zwischen Proximo und seiner Kurtisane Lyssa belauscht.«  Juba ahnte, was das raffinierte Miststück ihm geraten hatte. »Er wird dir eine Frau versprechen, wenn du dich fügst.«  Hagen nickte. »Immer, wenn du so gekämpft hast, wie er es erwartet, schickt er dir ein Weib.«
Das Gesicht des Spaniers blieb ausdruckslos. Plötzlich verzog es sich zu einem Lachen, das zu einem regelrechten Anfall wurde. Erstaunt sahen ihn die beiden anderen Männer an. Aber es war kein fröhliches Lachen, es war grausam, zynisch und hörte abrupt auf. Weder Juba noch Hagen hatten je einen solchen Gefühlsausbruch bei ihm erlebt. »Denkt er, ich bin ein Hund oder ein Löwe, den man mit einem läufigen Weibchen locken kann???« grollte sein rauer Bariton, er schüttelte  den Kopf.
»Es wäre nicht das erste Mal, dass er es so versucht.«, knurrte er.
Proximo hatte ihm mehrmals vor Kämpfen Frauen geschickt. Das letzte Mal, als er versucht hatte, ihn zu ‚kaufen’, war es ein Knabe gewesen. Die logische Folgerung daraus, dass er die Frauen immer  sofort zurückgeschickt hatte.
»Keine Huren. Sklavinnen, die hier bleiben«, erklärte Hagen . Es war nicht von der Hand zu weisen, dass alle hier unter dem Mangel an sexueller Entspannung litten. Einige hatten sich anderen Spielarten des Eros zugewandt, als denen, die Mann und Frau teilten, um ihr freudloses Leben ein wenig zu erleichtern.
Die dunklen Abgründe des Schmerzes und der Angst, dieses unnatürlich grausame Leben legte bei manchen düstere Begierden frei. Es war eine natürliche Folge des extremen Stresses, dem die Männer ausgesetzt waren. Und es war durchaus üblich, gute Kämpfer entsprechend bei Laune zu halten. Mit weiblichen oder männliche Prostituierten jeden Alters und jeder Neigung.
Frauen waren jedoch  noch immer für die meisten das verlockendste Objekt ihrer Gelüste.
Der Spanier spie neben sich auf den Boden, um seine Verachtung und Missbilligung auszudrücken. Der Gedanke, dass Frauen unfreiwillig in diesem Schmelztiegel aus Gewalt, Verderbtheit und Gottlosigkeit leben sollten, verursachte ihm Übelkeit.
Es war schlimm genug so wie es war.
»Was ist daran schlecht, Spanier, dazu sind Frauen schließlich da«, warf Hagen unbedacht ein.
Der Angesprochene fuhr herum, als hätte ihn eine Schlange gebissen. Seine Augen blitzten zornig, als er sein Gegenüber in bemüht ruhigem Ton fragte: »Würdest du das auch sagen, wenn du dein Weib mehrfach geschändet, verbrannt und gekreuzigt vor deinem Haus gefunden hättest?« Hagen erstarrte, Juba richtete sich ruckartig auf. DAS hatte er ihm nie erzählt. Der Spanier hielt den Atem an. Seine Züge waren  wie versteinert, er schloss die Augen. »Würdest du das auch sagen, wenn du  hättest mit ansehen müssen, wie der Frau, die dir das Leben gerettet hat, Gewalt angetan wird?« presste er heraus. Er holte tief  Luft.
»Von einer Horde Soldaten aus deiner eigenen Armee und du hättest ihr nicht helfen können?« Als er  wieder  die Augen öffnete, sah Juba unendlichen Schmerz. Abrupt sprang der Spanier auf und lief weg.
Hagen schaute  Juba mit einem entsetzten Ausdruck an. »Ich wusste nichts davon«, sagte der voller Mitgefühl. Hagen kratzte sich verlegen am Kopf und verzog das Gesicht. Er gab einen  frustrierten Schnaufer von  sich. »Da habe ich ja was angerichtet«, meinte er lakonisch und sah sein Gegenüber  mit hochgezogenen Brauen an.
Juba musste unfreiwillig lachen, der germanische Klotz war ein zu komischer Anblick so hilflos auf dem Boden sitzend  -- 220 Pfund schwitzendes Elend.

Der Spanier verließ hastig den Rundgang, zog sich in seine Zelle zurück. Proximo hatte ihm kürzlich den Raum für sich zugestanden, er teilte ihn mit Juba. Vor den letzten Spielen waren sie hier zu fünft gewesen. Die drei Barbaren aus dem Norden waren an ihren Verletzungen gestorben, obwohl diese nicht lebensgefährlich gewesen waren. Der Wundbrand, der wie oft nach einigen Tagen eingetreten war, war zu spät und  schlecht behandelt worden. Nur die erfolgreichsten Kämpfer bekamen bessere Versorgung, die anderen wurden von den schwarzen Küchensklaven notdürftig versorgt - außer Maden, heißem Öl und Feuer kannten sie keine Behandlung bei Entzündungen. Die Männer aus kalten Regionen starben oft an solchen Infektionen. Hitze und ungewohnte Nahrung schien sie zusätzlich zu schwächen.
Ein vergitterter Ausschnitt unter der Decke an der Außenwand des Raumes ließ Helligkeit und Luft herein. Ein grober Tisch, drei Hocker und zwei Schlafpritschen. Es war wenigstens eine Art Zuflucht, ein wenig Privatsphäre in dieser Vorhölle. Der Spanier lehnte sich an die Mauer, stützte den Kopf in seine Hände. Eine Welle der Erinnerungen brach über ihn herein, die er lange in sich begraben hatte. Es war fast unerträglich für ihn.
Er drehte sein Gesicht zur Wand, um zu verbergen, dass  es tränennass war, dann erinnerte er sich, dass niemand außer ihm hier war. Er musste nichts verbergen. Er war allein. Ein Luxus.
Wieder und  wieder sah er die Bilder vor sich, die sich vor über einem Jahr in seine Seele gebrannt hatten. Seine Frau, nackt ans Kreuz genagelt vor dem Eingang zu ihrem Haus, daneben sein Sohn, ein Kind von gerade acht Jahren. Geschwärzt vom Rauch. Hoffentlich bald erstickt. Wenn Menschen verbrannt werden, ersticken sie fast immer bevor das Feuer ......... ’Vater, lass sie bald gegangen sein, lass sie nicht sehr gelitten haben.’ Nach dem Schock, dem Grauen  war dies der erste klare Gedanke gewesen. Gebete. Rauch im Wind. Schmerz. Unerträglicher Schmerz.
Sein Landgut, alles Vieh, die Diener, getötet oder verbrannt. Die Trümmer hatten noch gequalmt, es konnte nur Stunden vor seiner Ankunft passiert sein.
Er ballte die Hände zu Fäusten, um nicht aufzuschreien. Wie damals, als er sie nach einem mörderischen, tagelangen Ritt von Germanien so gefunden hatte. Er hatte es sich nie verziehen, dass er es nicht früher geschafft hatte. Er wollte sich noch immer  nicht eingestehen, dass er es einfach nicht rechtzeitig hätte schaffen können.
Der letzte der drei Prätorianer, die ihn hinrichten sollten, hatte ihn zu schwer verletzt. Und selbst wenn er vor den Mördern dort gewesen wäre, er  wäre nur mit den Seinen gestorben .
Aber nicht einmal das war ihm vergönnt gewesen. Nicht einmal der Tod.
Die Erinnerung an Germanien spülte wie eine Woge andere Bilder tief aus seiner Erinnerung nach oben.
Er stöhnte wie ein verwundetes Tier, konnte den Visionen nicht entkommen. Das lächelnde Gesicht einer Frau mit hellen Augen und rötlich-blondem Haar. Sanfte, geschickte Hände, die seine Wunden versorgten. Eine melodische Altstimme, die ihm etwas zurief. Die Gestalt am Feuer, in sich versunken, ein religiöses Ritual abhaltend.
Er presste die Arme um seinen Oberkörper, wiegte sich hin und her, wie ein Tier im Käfig. Aber er konnte es nicht aufhalten. Der schrille Schrei einer Frau --- sie ruft ihm in ihrer Sprache etwas zu.
»Bleib weg! Sie töten dich!«
Er roch wieder den Farn hinter dem er sich verborgen hatte, während er tatenlos hatte zusehen müssen, wie sie von Deserteuren überwältigt worden war. Es war derselbe Duft des Farns, der auf seinem Krankenlager allgegenwärtig  gewesen war. Der besänftigende, würzige Geruch, der ihn immer an Ruhe, Fürsorge und Vertrauen erinnern würde. Er war unbewaffnet gewesen. Ohne Waffen wäre es Selbstmord gewesen, gegen fünf Gegner anzutreten. Er war zurückgehetzt. Als er sich ein Schwert  geholt  hatte, waren sie verschwunden gewesen.
Zu spät. Die Spuren hatten sich getrennt.
Er hatte versucht sie zu finden, ohne Erfolg.
Schweren Herzens war er nach Spanien aufgebrochen, um sein Heim in Schutt und Asche und seine Familie ermordet vorzufinden.
Zu spät. Er hatte sie begraben und sich zwischen ihre Gräber gelegt.
Er hatte gefiebert, geahnt, dass die Wunde an seinem Arm ihn töten würde.
Er war müde gewesen, so müde.
’Bald bin ich bei euch.’ hatte er gemurmelt und war eingeschlafen.

Als Juba Stunden später  in die Kammer des Spaniers trat, lag dieser mit dem Gesicht zur Wand auf einer der Pritschen. Er kniete neben ihm nieder und berührte seinen Freund sacht an der Schulter.
Der Spanier wandte den Kopf, sein Gesichtsausdruck war der eines aus tiefem Schlaf Erwachenden. Benommen richtete er sich auf, rieb sich das Gesicht mit beiden Händen.
Der Numidier legte ihm die Hand auf die Schulter. »Freund«, sagte er mit  tiefer Zuneigung in seiner Stimme, sah ihn mitfühlend an. Der andere atmete tief ein, als wolle er etwas sagen. Aber es kam nichts. Juba klopfte ihm beruhigend auf die Schulter. »Willst du es mir erzählen?« fragte er einfach.
Der Spanier blickte zu ihm hoch. Auf seinem zerquälten Gesicht lag ein Ausdruck tiefer Trauer, seine Augen zeugten von dem Schmerz, den er so lange in sich verborgen hatte. Nichts erinnerte mehr an die perfekte Kampfmaschine, die alle in ihm sahen. Er lehnte sich an die Wand zurück, begann leise und zögernd zu sprechen. Er klang völlig anders. Der Spanier war knapp, klar und manchmal arrogant. Jetzt sprach der Mann, der er gewesen war, als er noch einen Namen und ein Leben gehabt hatte. Allmählich wurde seine Rede fließend und er erzählte seinem Leidensgefährten, was er bis dahin tief in sich begraben gehabt hatte.
Juba setzte sich neben ihn, hörte einfach  zu. Die Gefühle, die in dieser Stimme schwangen, machten ihn sehr traurig. Sie brachten ihn zurück in seine Heimat, zu den Menschen, die er liebte. Irgendwann  weinten sie gemeinsam. Stumm.
 So saßen sie bis spät in die Nacht.

 Am nächsten Morgen ließ Antonius Proximo den Spanier zu sich rufen. Proximo war ein ehemaliger Sklave, der durch seine Beliebtheit in der Arena zu Freiheit und Wohlstand gekommen war. Als die Wettkämpfe vor fünf Jahren abgeschafft worden waren, hatte er den Circus verlassen und war in die Provinzen gegangen, wo er weiterhin seinen Geschäften nachgehen konnte. Er hatte das verlassene Gehöft gekauft und diese Schule aufgebaut. Er führte nun ein recht angenehmes Leben, vermisste aber den Glanz und Luxus Roms.
Der alte Mann mit dem zernarbten Gesicht und Körper, den harten, kalten Augen erinnerte sich an seine Zeiten als gefeierter Gladiator in Rom. Zwanzig Jahre war es her, seit er die Freiheit gewonnen hatte. Seit ihm Marcus Aurelius das hölzerne Schwert der Freiheit überreicht hatte. Davor hatte er mehr als zehn Jahre in der Arena gekämpft, in den Römischen Provinzen und im Circus Maximus. Der Bastard einer Leibeigenen war früh unter die Wölfe gefallen und nicht einmal sein wohlhabender Vater, dessen einziger Sohn er war, hatte ihn davor bewahren können.
Er war Leibwächter eines bekannten Politikers geworden, eines umstrittenen, korrupten Adligen. Er hatte viele fette Jahre erlebt in dieser Position und vieles gesehen, dass seine junge Seele bald verkrüppelt hatte. Mord, Perversionen, Luxus, Verrat. Ein Konkurrent hatte ihn in die Falle gelockt, verführt Schulden zu machen. Wenige Monate später   hatte er vor der Entscheidung gestanden, im Schuldgefängnis zu sterben oder sich in die Arena zu verkaufen.
Sein Vater hatte ihn fallen lassen, sein Nachfolger hatte ihn erfolgreich verleumdet. Zehn Jahre. Tod, Angst und Blut. Zehn Jahre als legaler Mörder.
Er hatte die Schuld nach seiner Freilassung getilgt. Der ehemalige Konkurrent war damals Bordellwirt gewesen und bei einer Messerstecherei in den Kloaken des Rotlichtviertels gestorben.
Den Senator hatte er verschont, er war inzwischen ein sabbernder Greis, gezeichnet vom Schlagfluss.
In den  Momenten, in denen das bisschen Mitgefühl, das ihm geblieben war an die Oberfläche kam - wenn er betrunken war oder wenn er sich an seine Mutter, die Sklavin, erinnerte - dankte er Zeus, dass ihm der Vatermord erspart geblieben war. Bei allen Freveln. Mörder, Vergewaltiger, Verräter, Sklavenhalter. Aber nicht das Schlimmste. Einen engen Blutsverwandten zu töten. Nicht das.
Kurz darauf war Proximos Vater ohne sein Zutun gestorben und hatte ihm zu seiner großen Verwunderung eine Summe Geldes hinterlassen, mit der er sich eine Existenz als Ausbilder hatte aufbauen können. Erst hatte er im Circus gearbeitet, dann Adlige trainiert. Junge, reiche Dummköpfe, die Langeweile und Übermut in die Arena trieb, um den Ruhm eines Gladiators zu erringen. Als Marcus Aurelius die Spiele verboten hatte, war er verbittert in die Provinzen gegangen und hier gestrandet, in diesem staubigen Loch. Als Besitzer einer zweitklassigen Kampfschule. Der Spanier könnte dies ändern und vor allem der junge Kaiser, der angeblich  großen Gefallen an Kampfspielen hatte und angeblich das Verbot  seines Vaters aufgehoben hatte.
Er erinnerte sich an seine glorreichste Zeit als Gladiator. Mindestens einmal die Woche hatte eine vornehme Römerin die Wachen bestochen, um zu ihm kommen zu können. Ein genießerisches Grinsen huschte über sein verwittertes Gesicht. Weiche, duftende Haut, geschminkte Gesichter- junge und reife. Unverhüllte Gier nach Erregung und Gefahr, nach einem kontrollierten Abenteuer. Das größte Vergnügen dabei war die Gewissheit gewesen, dass ihre Ehemänner ihm tagsüber in der Arena zu ihrem Amüsement zusahen, und er nachts ihre Weiber zu seiner  Befriedigung hatte.
Er wusste, wie frustriert ein Mann sein kann, der lange keine Frau gehabt hatte. ER hatte immer Frauen gehabt und gewollt. Huren meist, aber auch Damen. Das Vergessen, das ein Mann im Fleisch einer Frau finden kann. In der Liebe einer Frau. Und wenn keine Liebe da war, Lust. Er hatte nie von jemand anderem Liebe erfahren als von seiner Mutter. Er hatte viel Lust erfahren seinerzeit. Von den höchsten Damen der Gesellschaft. Selbst von Aurelius’ Gattin, die eine Schwäche für seinesgleichen hatte. Er kicherte. Galeria, dann  Kaiserin Faustina. 
Das verwitterte Gesicht, jetzt gezeichnet von Alkohol und Narben, erschlafft und tief gefurcht, hatte damals einem Mann gehört, der zu seiner Zeit als der schönste in der Arena gegolten hatte. Ein athletischer Körper, stechend blaue Augen, das Haar lang, im Nacken zu einem Zopf gefasst. Er war ein Idol der Jugend gewesen und ein Lustobjekt der Frauen. Ein glänzender Retiarius mit Netz und Dreizack und ein ebenso gewandter samitischer Schwertkämpfer. Jemand hatte  ihm für ein Schmuckstück verraten, wer die Dame war, die ihn mehrere Wochen regelmäßig besuchte. Seidene Haut und seidene Gewänder. Juwelen. Sie hatte ihm einige geschenkt. Kalte, abschätzende Blicke. Unersättliches Verlangen nach etwas, das er nicht geben konnte. Frauen. Egal wie verderbt sie waren, wie viel Hure in ihnen war. Oft genug hatte er gesagt: ’Ich liebe dich’, unwissend ,was es bedeuteten könnte. Nicht das hungrige Begegnen von Körpern, nicht das Unvermögen sich mehr als zu paaren wie Tiere. Ein Körper so gut wie der andre. Manche hatten exotische Varianten gekannt. Manche ängstlich, manche fordernd. Nicht ein einziges Gesicht war ihm geblieben.
Keine Erinnerung. Wenn die Glut erloschen war, war nichts als schmutzige, graue Asche übrig gewesen. Und Vergessen. Männer vergaßen schnell. Ein neuer Tag, ein neues Glück. Ein neuer Kampf.
Viele seiner besten  Kämpfer hatte er so in Schach gehalten. Ihn selbst hatte man so kontrolliert. Motiviert.
Nun, beim Spanier hatte diese Taktik versagt. Der Mann machte ihm manchmal direkt Angst. Arrogant und kalt sah der seinen Herrn an, der ihn ebenfalls prüfend musterte. Er begegnete dem eisigen Blick, der seinem eigenen an Kälte gerecht wurde. »Du weißt, ich halte viel von dir, Spanier. Ich will nicht lange drum herum reden, ich will ein Geschäft mit dir machen.« Abschätzend musterte er dessen Reaktion. Keinerlei Regung war im Gesicht des anderen zu sehen.
Proximo hatte sofort erkannt, dass der Mann, der so apathisch am Boden angekettet gesessen hatte, kein gewöhnlicher Sklave  war. Sein Blick, obwohl halb bewusstlos war zu durchdringend gewesen. Zu bestimmend. Kraftvolle Statur. Er schien geeignet zu sein, außerdem hatte er das Zeichen der Legion getragen. Ein Soldat. Etwas in diesem Blick hatte ihn dazu motiviert, den Spanier zu kaufen. Er gestand sich nie wirklich ein, dass es das gewesen war.
Die Erinnerung an sein eigenes Spiegelbild in einem Wasserbecken.
Er hatte sich darin das Gesicht gewaschen nach einem Kampf. Kühles, sauberes Wasser. Helle Augen voller Angst, Hass, Wut und Trauer hatten ihn angestarrt. Wie des Spaniers Augen.
»Du kommst mir etwas entgegen. Und ich mache dein Leben  angenehmer.«
Der Spanier verzog spöttisch den Mund. »Du machst mich neugierig.«
»Ich habe gestern zwei Frauen  gekauft. Du magst offensichtlich keine Huren, auch keine Knaben.
Die eine ist für dich, die andere bekommt Hagen. Oder ihr könnt es miteinander aushandeln. Was sagst du?«
Der Spott im Gesicht des Jüngeren wurde beleidigend. Er schwieg.
»Hast du die Frauen das auch schon gefragt?« meinte er nach einer langen Pause in ungewohnt liebenswürdigem Ton.
Proximo sah ihn verblüfft an.  Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht damit.

»Frag du sie doch, Spanier«, erwiderte er schlagfertig.
»DU bist ihr Herr, ehrwürdiger Gebieter, oder nicht?« kam es scharf und giftig wie ein Schlangenbiss.
Der Spanier sah ihn verächtlich an, spuckte geräuschvoll auf den Boden und drehte sich um, um zu gehen.
»Sei vorsichtig!!« schrie sein Besitzer ihm nach. »Meine Geduld hat irgendwann ein Ende!« Die herablassende Geste des Spaniers brachte das Fass zum Überlaufen. Keiner hatte ihn je so gereizt ohne zu sterben für eine solche Unverschämtheit. Wut entbrannt packte er einen Tonkrug vom Tisch und schleuderte ihn aus dem großen offenen Fenster. »Er bringt zuviel Prämien«, beruhigte sich der alte Mann einen Augenblick später. »Ich wäre dumm.«  In einer ohnmächtigen Geste, die die der Moslems beim Gebet  parodierte, hob er die Arme. ‚Ehrwürdiger Gebieter!’ äffte er den Spanier nach, der längst fort war. Mit einem lauten Knall zerschellte der Krug auf dem Hof.

 Juba sah die beiden Frauen, als sie am Abend auf einem Karren gebracht wurden. Es war schon dunkel und er konnte sie nicht sehr deutlich erkennen. Die eine war noch sehr jung, gerade zur Frau gereift. Sie wirkte sehr verängstigt, ihre  Augen schweiften verzweifelt umher. Vielleicht Britin oder Gallierin. Das blonde Haar hing ihr weit über die Schultern. Die andere war älter. Eine erwachsene Frau. Juba bewunderte ihre Haltung. Ohne irgendeine Regung stand sie auf dem Wagen. Groß, helles, rötliches Haar, helle Augen, kraftvoller, femininer Körper. Die Junge war klein und zart.
Er ertappte sich, wie er die Gestalten der beiden abschätzte. Sie waren in den üblichen Kittel der Sklaven gehüllt. Ein grobes, formloses Gewand ohne Ärmel. Der Aufseher ließ sie vom Wagen absteigen, führte sie zu Proximos Bereich. Die Ältere legte schützend den Arm um die Blonde, als sie ihm folgten.
Juba hörte das Gemurmel der Männer, die im Hof waren. Anzügliche, zotige Kommentare drangen an sein Ohr. In den Gesichtern der Männer stand unverhohlene Gier.

Proximo betrachtete seine Neuerwerbungen. Er wusste sofort, dass die Grosse Schwierigkeiten machen würde. Die Kleine würde sich schnell unterordnen, er sah es an ihrem Blick.
»Ich habe euch für meine Kämpfer gekauft. Ihr werdet in der Küche mitarbeiten und alle Aufgaben erfüllen, die man euch zuteilt. Und ihr werdet den Männern zugewiesen, die ich bestimme. Wenn ihr gehorcht, werde ich darauf achten, dass es euch gut geht. Wenn ihr misshandelt werdet, könnt ihr zu mir kommen. Ich werde das nicht dulden.« Dass man meinen Besitz beschädigt oder mindert, werde ich nicht dulden.
Die Kleine weinte lautlos.
»Lass mich kämpfen.« Proximo sah überrascht auf. Die Ältere hatte in gebrochenem Latein gesprochen.
»Lass mich kämpfen«, wiederholte sie. Er schaute verblüfft in ihr angespanntes Gesicht. Die Augen hatten eine ähnliche Farbe, wie die Augen des Spaniers. Sie starrte ihn eindringlich an. Eine Germanin, hatte man ihm gesagt. Groß wie ein Mann, aber weiblich gebaut, ansprechende, feminine Züge. Helles, rötliches Haar, gebräunte Haut. Er hatte sie gewählt, weil sie wohl unfruchtbar aber noch jung genug für seine Zwecke war. Man hatte ihm versichert, sie habe keine Zeichen einer  früheren Schwangerschaft an sich. Zwei Sklavinnen, die ständig schwanger waren... nein. Eine war genug.
Es sollte überzeugend wirken als sie sprach, aber er wusste ,es war pure Verzweiflung. Er kannte das zur Genüge.
»Warum ?« fragte er amüsiert.
»Ich will keine Hure sein«, sagte sie klar und deutlich.
»Ihr Weiber seid alle Huren« sagte er hämisch und bitter.
Dann sagte die Frau etwas, das ihn völlig aus der Bahn warf.
»Und deine Mutter?« kam es unmissverständlich aus ihrem Mund. Sie starrte ihn an.
Es traf ihn wie ein Messer. Proximo stockte der Atem. Seine Mutter war in ihrem Alter gewesen, als sie starb. Das rettete die Sklavin vor seinem Zorn. Er tat, als hätte er nicht verstanden. Er wusste einfach keine Antwort, lachte gekünstelt und abfällig. »Kannst du es denn? Kämpfen?« Sie nickte. Er lachte und schickte sie weg.
Der Aufseher Corax brachte die beiden in eine Zelle am anderen Ende des Gebäudetraktes. Die Grosse für Hagen. Die Kleine für den Spanier. Proximo griff nach dem Weinkrug, füllte sich den Becher.
»Und deine Mutter........----------- hast du sie auch schon gefragt.....«

Nachdem der Krug fast leer war, verschwand  endlich das Echo in seinem Kopf.

Zucchabar II

Die beiden Frauen wurden in der Zelle eingeschlossen. Man hatte ihnen zu essen und zu trinken gegeben, draußen wurde es allmählich ruhig. Erschöpft legte sich die Jüngere auf einen der beiden Schlafplätze. Schnell fielen ihr die Augen zu. Die Ältere saß noch lange an dem groben Tisch, starrte in die kleine Flamme der Kerze.
Berane stammte aus der Gegend von Vindobona, wo vor über einem Jahr die letzten Schlachten des Feldzugs des Kaisers Marcus Aurelius gegen die germanischen Barbaren stattgefunden hatten. Die Jüngere war ebenfalls aus Germanien, aus dem Norden. Sie hatten Mühe sich zu verständigen, da sie verschiedene Dialekte sprachen. Trotzdem war Berane froh nicht allein zu sein.
Das Ritual der Freya schenkte ihr heute nicht die Ruhe wie sonst, da sie kein Feuer hatte, in dessen Anblick sie sich versenken konnte. Die Kerzenflamme war ein dürftiger Ersatz. Die Angst war wieder erwacht. Nach aller Apathie und Resignation.
Aber wovor sollte sie noch Angst haben? Sie lachte leise und bitter.
Man hatte sie versklavt, verkauft und missbraucht. Was sollte ihr noch geschehen? Tod? Sie fürchtete ihn nicht mehr. Mehrmals hatte sie ihm ins Gesicht gesehen. Nachdem die römischen Soldaten sie überrascht und mit sich geschleppt hatten, hatte es mehrere Tage gedauert, bis sich ihr eine Möglichkeit zur Flucht geboten hatte. Es waren  Deserteure gewesen, die sich von der Truppe abgesetzt hatten. Da ihr Anführer, ein großer Grauhaariger, sie für sich beansprucht hatte, hatte sie den Anschein geweckt, als ob sie sich fügen würde. So hatte sie nicht allen zu Willen sein müssen, nur ihm. Wie selbstverständlich hatte sie Frauenarbeiten übernommen. Hatte Holz gesammelt, gekocht. Während der Zeit, in der sie den verletzten Römer gepflegt hatte, hatte sie etwas von seiner Sprache gelernt und  dadurch vieles verstanden,  worüber die Männer geredet hatten.
Nach ihrer Flucht hatte sie sich einige Tage im Wald versteckt, war nur nachts zu ihrem Unterschlupf gegangen. Sie hatte ihn  nach ihrer Flucht verlassen vorgefunden, die beiden Pferde waren auch verschwunden gewesen. Sie hatte sofort gewusst, dass der Römer gegangen war. Vielleicht hatte er sie gesucht, aber es hatte mehrere Tage gedauert, bis sie entkommen konnte.
Er hatte ohnehin  längst zu seiner Familie nach Spanien zurückkehren wollen. Sie versuchte den Schmerz der Erinnerung zu unterdrücken, aber es gelang ihr nicht. Tränen liefen über ihr von der Sonne verbranntes Gesicht. Atlind regte sich im Schlaf, gab ängstliche Laute von sich. »Armes Kind«, dachte Berane. »Dir ist es nicht besser ergangen.«
Später war sie auf eine Gruppe Männer und Frauen gestoßen, denen sie sich angeschlossen hatte. Berane war eine Heilerin, eine weise Frau in ihrer Gemeinde gewesen und wegen ihrer Fähigkeiten nur allzu willkommen geheißen worden. Bis vor wenigen Wochen war sie mit ihnen gezogen. Dann waren sie an die römischen Besatzer verraten worden  von einem ihrer eigenen Leute. Als römische Kriegsgefangene wurden sie über das große Gebirge verschleppt und danach auf dem Sklavenmarkt angeboten. Den Arabern, die sie gekauft hatten, hatte das helle Haar und die hellen Augen gefallen. An diese Zeit erinnerte sie sich kaum noch, sie hatte sie verdrängt. Sie hatte die ihr zugewiesene Arbeit schweigend verrichtet, ohne zu Murren. Einer der Händler war in der zweiten Nacht zu ihr gekommen. Er hatte sie geweckt und mit sich in ein Zelt gezogen.
Dort hatten die anderen gesessen, gewürfelt, Tee getrunken. Der Mann hatte sie angelacht und ihr den Kittel hochgezogen. Sie hatte sich instinktiv gewehrt und war geschlagen worden. Nicht schlimm. Mehr ein Klaps wie man ihn Kindern gab. Er hatte die Geste wiederholt, hatte sie animieren wollen sich auszuziehen.
Die anderen hatten  interessiert zugesehen. Sie war erstarrt. Sie hatte gewusst, dass es nutzlos gewesen wäre, sich zu sträuben. Und schmerzhaft. Sinnlos. Es waren junge, gesunde Männer gewesen. Ihre Gesundheit hatte Berane vor einem hässlichen Dahinsiechen durch eine übertragene Krankheit bewahrt, ihre Jugend hatte ihr drei aufeinanderfolgende Nächte beschert, in denen sie von diesen Männern im Wechsel und manchmal gleichzeitig benutzt worden war. Man benutzt Gegenstände, Dinge. Sie war ein Ding, gekauft. Zum Gebrauch bestimmt. Sie hatten sie nicht gequält, sie nicht geschlagen, ihr nicht willkürlich Schmerz zugefügt. Keiner war vorsätzlich grausam zu ihr gewesen. Stunden waren vergangen, bis sie genug gehabt hatten. Berane hatte sich ganz  in ihr Innerstes zurückgezogen. Nach  der dritten Nacht hatten sie die Lust an ihrem willenlosen, apathischen  Spielzeug verloren.
Die Karawane war  weiter nach Süden gewandert in die Heimat der Sklavenhändler. Auf halbem Weg war Atlind zu der Gruppe hinzugekommen. Auch sie hatte zwei Nächte ertragen müssen. Sobald sie mit ihr hatte sprechen können, hatte Berane ihr versucht klarzumachen, was auf sie zukommen würde und wie sie sich verhalten sollte, damit die Händler das Interesse verlieren würden. Bald hatten sie auch Atlind in Frieden gelassen.
Die weibliche  Gesellschaft hatte Berane ein wenig aus ihrer Isolation geholt.
Sie hatten eine Art Gemeinschaft gebildet, da sonst keine Frauen unter den Sklaven gewesen waren.
Auf  großen Segelbooten waren sie über eine Meerenge gesetzt. Es war zusehends wärmer geworden. Vor zwei Tagen hatte man sie auf einem Markt angeboten, wo ein alter Mann mit vernarbtem Gesicht und der landesüblichen Tracht sich für die beiden einzigen weißen Frauen interessiert hatte. Sie hatte ihn zunächst für einen Araber gehalten, aber als er mit seinem Begleiter, einem Halbwüchsigen, der ihm als Schreiber diente, gesprochen hatte, hatte sie einige Brocken Latein verstanden.
Er hatte sie prüfend angesehen, mit erfahrenem Blick die Ware abgeschätzt, sein Blick war rein geschäftsmäßig gewesen.
»Er will uns nicht für sich. Wenn er Haussklavinnen wollte, hätte er die Dunkelhäutigen nehmen können, sie kosten  weniger als die selteneren Weißen« schloss sie daraus.
Resigniert hatten sie auf dem Karren gesessen, der sie am nächsten Tag geholt und über eine Stunde in der betäubenden Hitze auf staubigen, unebenen Wegen zu einem großen Gebäudekomplex gebracht hatte. Wenigstens hatte man sie und Atlind  nicht getrennt. Es war mittlerweile Abend gewesen, bis der Karren durch das Tor, das gut gesichert und sofort wieder verschlossen wurde, gerollt war. Einige Männer hatten im Hof gestanden und  die Frauen neugierig angestarrt.
Berane hatte sich umgesehen. Die Männer waren alle athletisch gebaut  und  durchtrainiert. Sie hatten  teils Schutzkleidung und hölzerne Übungswaffen getragen.Eine Kampfschule. Ihr Herz hatte einen Moment ausgesetzt.
 Sie waren für die Männer gekauft worden.
’Freya, hilf mir.’ hatte sie zu ihrer Göttin gebetet.
Atlind neben ihr hatte begonnen leise zu schluchzen.
Sie hatte ebenfalls verstanden.

Berane legte sich auf den anderen Schlafplatz, sie war genauso erschöpft wie ihre Gefährtin. Aber sie konnte lange keine Ruhe finden. Als sie schließlich doch einschlief, war das letzte Bild vor ihrem inneren Auge das Gesicht eines Mannes.
Ernst und bleich, gezeichnet von Erschöpfung  und Krankheit.
Kurzes, braunes Haar, ein dichter Bart. Helle, kluge Augen.

Der Spanier erwachte. Es war noch dunkel. Er lauschte. Männerstimmen, erregt, streitend. Davon musste er aufgewacht sein. Dann eine weitere Stimme. Er fuhr hoch. Eine  weibliche Altstimme, wütend, aggressiv, Angst im Unterton. Dann der Sopran einer anderen Frau,  weinend.
Er sprang auf, schlich aus seiner Zelle, folgte den Stimmen. Sie wurden deutlicher. Er ahnte, was vor sich ging. Die beiden Sklavinnen waren eingetroffen und einige der Aufseher waren dabei, sie in Augenschein zu nehmen. Als jemand hinter ihn trat,  fuhr  er herum, ging instinktiv in Verteidigungsstellung. Juba war ihm gefolgt. Der Numidier  legte den Zeigefinger auf die Lippen, nickte ihm zu. Der Spanier entspannte sich, erwiderte die Geste. Lautlos näherten sie sich, lauschten an der Tür der Zelle.
Die tiefere Frauenstimme warf den Angreifern lateinische Schimpfworte an den Kopf, dann hörte man ein Rumpeln und Schrittgeräusche. Wie auf Kommando sprangen die beiden Männer vor, rissen die Tür auf und stürmten in den Raum. Es war  dunkel,  dennoch konnte der Spanier drei männliche Gestalten erkennen.Einer hatte eine kleine Frau um die Taille gepackt, sie wehrte sich verzweifelt. Die anderen beiden hatten eine zweite Frau in eine Ecke gedrängt. Geduckt stand sie da, in den Händen einen umgedrehten Schemel, mit dem sie sich die Angreifer vom Leibe zu halten versuchte. Sie schrie vor Schreck auf, als die Tür aufging und  zwei weitere Männer aus dem Nichts auftauchten.
Etwas in ihrer Stimme ließ ihn kurz aufhorchen, dann stürzte er sich wortlos auf einen der Angreifer. Juba folgte seinem Beispiel. Völlig überrascht, selbst angegriffen zu werden, ließen die drei von den Frauen ab und suchten das Weite, aber nicht ohne einige Schläge einzustecken. Es ging alles wortlos vor sich. Kurz nachdem der Spanier in den Raum gestürmt war, fand er sich mit Juba und den beiden Frauen allein.
Die standen jetzt eng zusammen in eine Ecke gedrückt, starrten die neuen Eindringlinge an. Der Spanier trat einen Schritt zurück, hob beruhigend die Hände. »Keine Angst, wir tun Euch nichts«, sagte er leise.
Die Große fixierte ihn wachsam, schien ihm Glauben zu schenken. Sie hätten nicht unbedingt eingreifen müssen, wenn sie ähnliches im Sinn gehabt hätten. »Danke«, erwiderte sie einfach, aber  es schwang Gefühl in dem Wort.
Der Spanier  trat näher an die Frau heran. Was hatte er vor ?? Juba stutzte, als er die seltsame Reaktion seines Freundes  sah. Einige Sekunden herrschte absolutes Schweigen, dann hörte man, wie er in einer fremden Sprache leise einige Worte sagte.
Es klang wie eine Frage.
Die Frau trat ebenfalls aus ihrer Ecke. Sie gab einen Laut von sich. Es klang wie eine Mischung aus Frage und Warnung.
»Bleib stehen«, bat sie kurz darauf. Sie selbst ging einen Schritt näher, streckte den Kopf vor, um in dem Halbdunkel etwas erkennen zu können. Dann  atmete sie scharf ein, flüsterte hastig einige Worte.
Juba  beobachtete die Szene regungslos.
Was ging hier vor sich? Die kleinere Frau hatte sich zurückgezogen, schien so verwirrt wie er. Der Spanier  näherte sich der anderen, bis er dicht vor ihr stand. Sie wich nicht zurück, musterte ihn.
Nach einigen Sekunden fragte er leise: »Berane???«
Die Frau stieß einen erstickten Schrei aus, sackte auf die Knie. Sofort  ergriff er ihre Handgelenke, zog sie hoch. Wie gebannt starrte er in ihr Gesicht. Dann riss er sie unbeherrscht in seine Arme. Sie klammerte sich sofort an ihn, begann geradezu hysterisch zu schluchzen. Juba traute fast seinen Augen nicht, als er zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit sah, wie der gefürchtetste Kämpfer der Provinzen Tränen vergoss wie ein kleiner Junge.
Nach einigen Augenblicken sammelte der Spanier sich, suchte Jubas Blick, erklärte ihm mit derselben fremdartigen Stimme, die sein Freund aus der letzten Nacht kannte: »Diese Frau hat mir in Germanien das Leben gerettet.«
Juba erinnerte sich an seine Erzählung.
»Spanier, ich gehe zurück.“  sagte er einfach, nickte dem anderen zu. Der nickte, dankte ihm für die Hilfe und der Numidier verließ den Raum.
Er konnte lange nicht einschlafen. Manchmal wusste er einfach nicht mehr, wann die Götter grausam  und wann sie gnädig waren.
Berane löste sich aus der Umarmung, wandte sich Atlind zu, die misstrauisch alles beobachtet hatte. Sie sprach  auf Germanisch. Atlind nickte verstehend. Sie schien ihr die Situation zu erklären. Der Spanier verstand ein paar Brocken, Berane sprach beruhigend auf sie ein. Er erinnerte sich an die Begriffe FREUND, GROSSE FREUDE‚ ICH DANKE FREYA.
Das Mädchen zog sich auf einen der Schlafplätze zurück, verschwand im Dunkel. Die Frau, die er vor über einem Jahr das letzte Mal gesehen und für tot gehalten hatte, sah ihn fassungslos an. Aber sie lächelte.
 Er erinnerte sich an ihr Lächeln.
»Ich bleibe bis es hell wird, falls sie zurückkommen«, sagte er zu Berane, die ihn noch immer musterte.
»Nie hätte ich daran geglaubt, dich irgendwann wiederzusehen, Maximus.« murmelte sie.
»Auch ich habe das  nicht zu träumen gewagt«, erwiderte er. »Ich habe dich gesucht«, fügte er hinzu. »Nach drei Tagen bin ich nach Hause aufgebrochen. Ich dachte, du bist tot.« Er senkte den Kopf. »Ich konnte nicht länger warten. Und  ich hatte keine Hoffnung mehr  für dich.«
Sie nickte, versicherte ihm damit, dass sie ihm keine Schuld gab. »Du hattest keine Wahl. Ich hatte Glück. Sie nahmen mich mit und ich konnte fliehen, aber erst nachdem du fort warst«, erklärte sie. Dann schwieg sie, musterte ihn erneut ungläubig.
»Du hast dich sehr verändert«, fuhr sie schließlich fort. »Ich habe dich erst an der Stimme erkannt. Warum bist  du hier??« frage sie verwirrt. Er räusperte sich, seine Augen wurden kalt. »Ich bin ein Sklave wie du... «
Sie unterbrach ihn. »Freyas Wege sind seltsam. Ich habe schon nicht mehr an ihre Führung geglaubt. Sag mir dass dies kein Traum ist. Ich kann es noch immer nicht fassen. Gehörst du zu den Gladiatoren?«
Er nickte. »Hier bin ich der Spanier. Behalte meinen Namen für dich. Der Tribun Maximus Decimus Meridius ist tot.« Seine Stimme klang hart. Bitter. Sie legte eine Hand an seine Wange, sah ihn voller Trauer an. Eine Frage lag in ihrem Blick. Als er antwortete, spürte sie den Hass und den Schmerz in ihm. »Meine Familie ist tot. Ich kam zu spät.« Seine Stimme brach bei den letzten Worten. Er wandte das Gesicht zu Boden, als schäme er sich seiner Gefühle, seiner Schwäche.
Sie wusste nicht was sie sagen sollte, umarmte ihn einfach. Einige Momente gab er sich der Trauer und ihrem Trost hin.
»Aber wie ist es dir ergangen? Ich habe mir nie verziehen, dass ich dir nicht geholfen habe an dem Morgen...«
Sie schüttelte energisch den Kopf. »Sie hätten dich getötet. Du warst ohne Waffen. Es gab keine andere Möglichkeit. Mach dir keine Vorwürfe. Das ist lange vorbei.«
»Erzähl mir was geschehen ist«, bat er. Sie setzten sich an den Tisch. Er hörte ihr aufmerksam zu, schwieg bis sie geendet hatte. »Was musst du gelitten haben...«, murmelte er schließlich.
»Nicht mehr als du.« Sie sah ihn mitfühlend an. Seine  klare Iris, die von blau zu grünlich wechselte, wenn ihn etwas bewegte.
All seine Gefühle offenbarend, wenn man in ihnen lesen konnte.
Es wurde langsam hell, im ersten Licht der Dämmerung musterte sie sein bekanntes, seltsam fremdes Gesicht. Die Bräune hob die neuen Linien, die das letzte Jahr hinein gegraben hatte, hervor. Um seine Augen und um die Nase, die Stirn. Deutliche Falten  in seinen Augenwinkeln. Die afrikanische Sonne hatte ihr  übriges getan.
Er trug noch immer einen Bart, aber nicht den Wildwuchs, wie sie ihn gekannt hatte sondern im orientalischen Stil, kurz und  scharf ausrasiert. Dieser dunkle Fremde war der Mann, den sie gepflegt hatte. Ein Feind, der bald zum Freund geworden war und Gefühle in ihr geweckt hatte, die alles veränderten, obwohl Welten zwischen ihnen gewesen waren. Die Macht des Schicksals hatte diese Welten zerstört und sie beide in diese Verhöhnung eines Lebens geschleudert. Sie wusste, dass er sich Vorwürfe gemacht hatte. Er hatte mit Liebe und Respekt von seiner Frau erzählt, ihrem gemeinsamen Kind.  Sie wusste, dass er nicht dasselbe empfunden hatte wie sie, aber es war genug gewesen, Vorsätze zu vergessen. Die Erinnerung daran hatte sie gehütet wie einen kostbaren Schatz. Und sie hatte Freya oft genug gedankt, dass er der Erste gewesen war und nicht einer der vielen Anderen, die danach ihren leblosen Körper benutzt hatten.
»Auch du hast dich verändert«, stellte er fest, während er sie betrachtete.  »Aber nicht so sehr, dass ich dich nicht erkannt hätte.« Er lächelte, dann wurde er wieder ernst. Draußen kam Leben in das Camp. Stimmen. Der Spanier lauschte wachsam, richtete sich auf. »Ich muss jetzt gehen. Berane, du und das Mädchen sind für mich und einen anderen vorgesehen, einen Germanen namens Hagen, ein Freund von mir. Unser Herr will uns bei Laune halten. Wir werden das Spiel mitmachen. Er wird sich zwar wundern, aber er wird es mir abkaufen.
Deine Göttin scheint uns wohlgesonnen.« Er stand auf,  umarmte  sie  ein letztes Mal, küsste ihre  Wange. »Wir werden uns bald wiedersehen! Lasst euch nichts anmerken.« Mit diesen Worten  und einem letzten Blick verließ er die Zelle.

Berane legte sich hin, versuchte noch ein wenig zu schlafen. Machtvoll drängten Erinnerungen nach oben, sobald sie die Augen schloss. Sie ließ es diesmal zu und fiel bald in eine Art Dämmerzustand.
Als junges Mädchen war sie von den weisen Frauen der Freya ausgebildet worden, wie es Brauch in ihrer Familie gewesen war. Der Freyakult hatte Ähnlichkeit mit dem der Juno und Diana, hatte aber auch Elemente, die der Verehrung der Venus ähnelten. Freya war Mutter, Geliebte, Kriegerin und Gefährtin in einem. Sie vereinte alle weiblichen Rollen in sich und war auch Göttin des Heims und Herdes und der Liebe für einige der Völker des Nordens. Sie trennte nicht die Mütter und Ehefrauen von denen, die bei einigen Stämmen sogar mit den Männern kämpften.
Die Römer gaben den Göttinnen verschiedene Bereiche. Juno, die Matrone, die Mutter, Ehefrau und Hüterin der Familie, Venus, die Schöne, die Versuchung, die Dirne. Diana, die Unberührbare, die Jägerin, die Kluge. Männlich dominierte Kulturen neigen dazu Weiblichkeit einzuordnen  und einzugrenzen. Die Vielschichtigkeit, was eine Frau in sich vereinen kann, scheinen sie bis heute bedrohlich zu finden. Die Römer, damals Herren der Welt, waren keine Ausnahme.
Freya war alle Frauen, zu allen Zeiten ihres Lebens. Egal ob Hure, Mutter, Kriegerin, Heilerin, Geliebte, Ehefrau. Die nordischen Völker verherrlichten auch die Körperkraft und damit den Mann, standen den weiblichen Fruchtbarkeitsriten der Urzeit und den damit verbundenen Gottheiten aber noch näher. Die Töchter der Freya wurden nicht nur in weiblichen Tugenden wie Haushalt und Heilkunde, sondern auch an den Waffen ausgebildet. Wenn sie es wollten. Bogen, Schwert, Speer, Schleuder. Sie lernten früh die Grundzüge der Verteidigung, aber nicht den Angriff, denn Freya war friedlich, sie war die Bewahrerin, die Mutter, aber auch Verteidigerin der Familie und des Herdes. Aber nie die, die das Schwert hob. Dies machte sie zu wertvollen und begehrten Partnern in ihrer Kultur. Die Ausbildung dauerte von der ersten Blutung bis zur Heirat. Oder solange die Schülerin es wollte. Berane wäre die nächste Ausbilderin gewesen, sobald sie ihre fruchtbare Zeit hinter sich gelassen hätte. Sie hatte sich vor vielen Jahren einem Unterführer ihres Stammes versprochen gehabt. Baldur war in einer der  großen Schlachten gefallen, bevor sie das Gelübde gesprochen hatten und danach fanden die restlichen ledigen Männer im Kampf gegen die Römer den Tod oder wurden verschleppt.
Eine  Zweit –oder Drittfrau zu werden, war ihr erspart geblieben, da ihre Großmutter die letzte Heilerin der Gemeinde gewesen war. Sie hatte sie aufgenommen, nachdem ihre Eltern gestorben waren und sie zu ihrer Nachfolgerin ausgebildet. Berane war die einzige Tochter eines Ratsältesten und einer der weisen Frauen der Göttin. Nachdem ihre Mutter Ute sicher gewesen war, dass sie keine weiteren Kinder mehr bekommen würde, hatte sie diese Aufgabe übernommen und ihre Tochter teils selbst unterwiesen.
Das Ritual der Flammen, bei dem sie in eine Art Trance fiel, war für Berane zur Gewohnheit  geworden und hatte ihr geholfen zu verarbeiten, was ihr zugestoßen war. Ihre Mutter hatte es sie gelehrt. Sie wusste, dies war notwendig. Ihre Seele verlangte es, verlangte danach noch einmal zu erleben, was in Germanien geschehen war. Die Trance habe reinigende Kräfte, hatte ihre Mutter ihr erklärt. Sie trenne die guten und schlechten Gedanken und Träume und Berane wusste, dass darin Wahrheit steckte. Ihr Atem wurde tief und gleichmäßig, während die  Bilder  aufstiegen......

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