Zucchabar III

Proximo

Als mir die Torwache meldete, dass Lentulus Batiatus um die Gunst meiner Gastfreundschaft ersuche, wusste ich  natürlich was er wollte.
Wenn ich schon seine ölige Fistelstimme höre, wird mir übel...
’Prrrrrrrrrooooximo, mein alter Freund....!’
Es ist ein Wunder, dass diese zwitterhafte Kreatur eine Tochter zustande gebracht hat. Aber wer weiß, ob dieses Wesen der Vater ist....
Er hatte in den letzten beiden  Wochen mehrmals versucht mir diese eine
Germanin abzuluchsen. Ich kann mir ihren Namen einfach nicht merken.
Es ist die Ältere, die Große. Die, die kämpfen wollte.
Sie hat sich als unerwarteter Glückstreffer entpuppt.
Eine germanische Heilerin, die mir die Männer besser zusammenflickt als jeder Grieche, dem ich je einen  Aureus* für seine wenig effektiven Dienste in den gierigen Rachen geworfen habe.
Ein paar Tage nach ihrer Ankunft hatten ich und  Lentulus Spiele miteinander ausgerichtet. Die Wetten waren wie immer abgesprochen gewesen.
Keine Verluste bei den Besten. Der Spanier, Hagen, Juba, Hassim.
Auf seiner Seite der Gallier, Karim und der Neue aus Kaledonien.
Dummerweise hielt sich dieser strohdumme Gallier nicht daran.
Er hatte irgendeine persönliche  Sache mit Hagen seit ihrer letzten Begegnung und folgte nicht Lentulus Anweisungen. Es endete damit, dass Hagen ihm den Bauch aufschlitzte, so dass ich schon glaubte seine Gedärme im nächsten Moment im Sand liegen zu sehen.
Lentulus schrie Zeter und Mordio, drohte damit die Wetten auffliegen zu lassen.
Ich sah keine Chance den Mann zu retten, ließ ihm eine ordentlicheDosis Opium einflößen, damit sein Geschrei aufhörte.
Wir haben hier keine ordentlichen Ärzte und die, die sich so schimpfen sind geldgierige Halsabschneider aus Griechenland, die einen nach Vorauskasse mit einem Leichnam sitzen lassen und sich hinter deinem Rücken ins Fäustchen lachen. Zu meiner absoluten Verblüffung half mir der Spanier aus der Klemme.
Erst dachte ich, er wolle mich zum Narren halten.
Aber das war bei aller Antipathie die zwischen uns stand nicht seine Art.
Ich hatte ihn von Anfang an in die Kategorie derer eingereiht, die für mich am lukrativsten sind und die ich für am törichtesten halte.
Sture, selbstgefällige Märtyrer mit einem Talent fürs Töten.
Leider war der Spanier trotz all seiner idealistischen Dummheit viel zu intelligent und ich hatte von Anfang an schwer mit ihm zu kämpfen.
Er ließ sich nicht kaufen.
Das schien irgendwie die letzte Schwelle seiner Würde zu sein.
Er schlachtete mir fünf Männer in fünf Minuten bei seinem ersten großen Kampf. Anstatt mit ihnen zu spielen, stach er sie ab wie ein Metzger eine Horde Schweine. Sauber, schnell. Effektiv.
Ein Legionär bis ins Mark. Ich werde nie vergessen wie er eines seiner blutverschmierten Schwerter zu mir hoch auf die Galerie schleuderte und das Publikum anbrüllte. Diese Idioten applaudierten ihm noch.
Nun, wie er mit den fünf Gegnern fertig wurde, Respekt.
Aber das Publikum zu verhöhnen, wenn einmal das Leben davon abhängen kann, ob sie einen mögen oder nicht....Das ist einfach ...DUMM.
Er stand da zwischen den Einzelteilen der Leichen, spie seinen Ekel in den Sand und schrie dem Publikum seine Verachtung entgegen.
„Gefällt es euch nicht? Ist es nicht das, warum ihr hier seid?“
Er liebt den Pathos. Und sein Leiden. Mein Verdacht, dass er ein hochrangiger Offizier war, der in Ungnade gefallen ist, erhärtet sich.
Das Schwert verfehlte mich um Zentimeter. Es hätte mich höchstens verletzt, aber das Blut ruinierte meinen neuen Seidenkaftan aus Damaskus.
Dafür ließ ich ihn peitschen und fünf Tage hungern.
Unser Verhältnis wurde nicht gerade besser dadurch.
Er ist wie ein fabelhafter Hengst, den man nicht zureiten kann.
 Der einen immer wieder täuscht und abwirft.
 Wie dieser pechschwarze Araber, den ich Lentulus schon lange abkaufen will.
Er glaubt sich mit mir messen zu können. Nun, wir werden sehen.
Wenn er  einmal im Kolosseum steht, wird er sich überlegen ob er das Publikum beleidigt.
Wie auch immer, er verblüffte mich. Ich hörte ihn nach mir rufen aus dem Bereich, wo die Kämpfer auf ihren Einsatz warten. Es ist eine Art Käfig und ich kann verstehen, dass die Männer es hassen, wie Tiere eingesperrt zu sein.
Ich hatte das Glück selten in den Provinzen kämpfen zu müssen.
Er hatte noch nie nach mir gerufen. Er ist ein perfekter Schweiger.
Einer, der mit Blicken spricht. Also wurde ich neugierig und ging zu ihm.
Verschwitzt und erschöpft nach seinem Kampf saß er am  unteren Ende.
Die kalten, hellen Augen trafen meine.
„Lebt der Gallier noch?“ fragte er mich.  Er schien erregt. Das war erstaunlich, denn er lässt sich kaum eine Regung anmerken außer Hohn.
„Was geht dich das an?“ erwiderte ich unwirsch. „Ja, er lebt noch. Warum?“ „Willst du, dass er  überlebt?“
Er musste etwas mitbekommen haben von meinem Konflikt mit Lentulus.
Ich nickte. Die Augen des Spaniers schätzten mich ab, aber ich sah auch eine Art Hoffnung in ihnen. „Proximo, du musst mir jetzt glauben. Ich habe keinen Grund, dich anzulügen. Lass den Gallier sofort zu der Germanin namens Berane bringen.“ Ich runzelte die Stirn.
Der Spanier verzog ungeduldig das Gesicht.
„Die Sklavin, die vor drei Tagen ins Lager kam. Die ältere, größere der beiden, die du für mich und Hagen gekauft hast.“ Ich erinnerte mich.
Ein großes Weib, nicht mehr jung, aber auch nicht alt.
Sie sprach etwas Latein.
Nachdem ich durch ihn von dem nächtlichen Überfall der Wachen erfahren hatte, wurde ich wirklich wütend. Ich war nie zurückhaltend damit Vergehen zu bestrafen. Es festigt die Autorität. Zeige Schwäche und du bist tot.
 Ich hatte die beiden Frauen zu mir kommen lassen. Eben die, von der der Spanier sprach, hatte mir in gebrochenem aber verständlichen Latein geschildert was geschehen war. Die kleine Blonde, ein süßes Ding, brachte kein Wort heraus.
Nun, ich weiß nicht, ob es die Wahrheit ist. Allerdings hatte Corax ein blaues Auge, Sephrem eine geplatzte Lippe und  Decius hinkte plötzlich.
Die Germanin behauptete der Spanier und der Schwarze hätten ihnen geholfen und die Angreifer in die Flucht geschlagen.
Die drei Verdächtigen bekamen die üblichen zehn Peitschenhiebe.
Nur ich bestimme über mein Eigentum. Bei dieser Gelegenheit stellte ich klar wem die Frauen bis auf weiteres zur Verfügung stünden, um weiteren Übergriffen vorzubeugen.

Ich war verwirrt. „Und??“ herrschte ich den Spanier an.
„Lass ihn zu ihr bringen, gib ihr alles was sie verlangt und warte ab. Es steht viel Geld auf dem Spiel, oder?“
Der Mann ist viel zu intelligent für einen Gladiator.
Aber ich muss zugeben, er rettete mir den Tag.
Und die Wetten.

„Prrrrrrrrroooximo, mein alter Freund...“Ich verzog in der Parodie eines Lächelns das Gesicht, das in der obligatorischen Umarmung mit Lentulus einen wölfischen Ausdruck bekam, sobald mein Besucher es nicht sah.
„Lentulus Batiatus, wie geht es  dem Gallier? Und vor allem wie geht es dir?“
Ich forderte ihn mit einer Handbewegung auf sich zu setzen.
Der kleine, fettleibige Römer mit den  gefärbten, ondulierten Locken  winkte mit einer dramatischen Geste ab. „Proximo, es ist ein Wunder. Es wird noch dauern, aber er wird wieder.“ Ich gab meinem Mundschenk ein Zeichen und ließ Batiatus Wein servieren. Wie üblich wenig verdünnt und  mit Opium versetzt.
Das hatte mir bei mancher Diskussion einen Vorteil verschafft.
Ich selbst vertrage sehr viel. Nun, wenigstens glaubte ich das.
Lentulus ältliches Kindergesicht nahm einen verschlagenen Ausdruck an.
„Ich will nicht lange drum herum reden. Hast du noch Interesse an  Hamid?“
„Dein wilder Araber? Hast du ihn endlich gezähmt?“ spottete ich.
Batiatus lächelte, verlegen wie eine Jungfrau.
„Nein, du weißt ich würde solch stolze Männlichkeit nie brechen. Er ist nur zur Zucht gedacht.“ Ich heuchelte Desinteresse.
Dabei hätte ich meinen linken Hoden geopfert für dieses Prachtexemplar.
Nicht dass mir meine männlichen Organe unwichtig wären, aber in meinem Alter
 ist gutes Essen und Wein reizvoller als ein schweißtreibendes Gerangel , nach dem einem eine Woche der Rücken schmerzt , von andren Teilen zu schweigen.
Lyssa zetert hin und wieder deswegen. Als ob ich nicht wüsste, dass sie sich an
Hassim schadlos hält, der halb so alt ist wie ich und es ist mir gleich.
Weiber. Lüstern und  berechnend.
Es hatte  bis zu dem Zwischenfall mit dem Gallier  keine Beschwerden wegen der beiden Germaninnen  gegeben. Weder der Spanier noch Hagen hatten sich beklagt, dass die Frauen sich nicht so verhielten, wie  von ihnen erwartet wurde.
Der Spanier kämpfte exzellent wie immer.
Er hatte allerdings einen starken Gegner, was es ihm leicht machte den Kampf dauern zu lassen. Seither gab es keine Spiele und ich hatte keine Gelegenheit zu prüfen, ob er seinen Teil der Vereinbarung einhielt.
Ja. Er war tatsächlich darauf eingegangen. Wenn ich früher gewusst hätte, dass er in meinen Augen unscheinbare, kaum jüngere, zu große Barbarinnen den durchaus appetitlichen Huren und Lustknaben, mit denen ich ihn bisher zu bestechen versucht hatte, vorzieht, hätte mir das viel Zeit und Mühe erspart.
Es war mir gleich, wer sich welche nahm, aber das überraschte mich.

Wie ich schon sagte, ich halte ihn für einen sturen Märtyrer, der sich in seinem Leiden suhlt. Ah, ich kenne diese Sorte. Habe viele von ihnen gesehen.
Wem wollen sie etwas beweisen? Denen, die sie verkauft, verraten haben?
Ich ließ ihn auf seinen Wunsch zu mir bringen am Tag nachdem ich die Wachen
 und Ausbilder bestrafen hatte lassen. Er trug die übliche Maske zur Schau.
Arrogant. Kalt.
„Spanier?“
„Du hast mir einen Handel vorgeschlagen.“
„ Und?“
„Ich nehme ihn an.“
Ich stutzte.
„Warum?“ So leicht kam er mir nicht davon.
„Weil ich es leid bin. Deine Versuche, mich dazu zu bringen die Kämpfe auszudehnen. Das andre ist meine Sache.“ Er klang einstudiert.
„Also juckt es auch einen  Heiligen wie dich ab und zu. “Der Spanier verzog keine Miene. „Spanier, es soll mir recht sein. Aber sag mir, warum jetzt und warum diese?“ Seine eisigen Augen in dem dunklen Gesicht bekamen  einen überheblichen Ausdruck.
„Im Gegensatz zu dir, Herr, halte ich nichts von HUREN ALLER ARTEN.“

Ich  schluckte einmal wieder meine Wut, um unseren Handel nicht zu gefährden und schickte ihn fort mit der Warnung seinen Teil einzuhalten oder ich würde ihn wegen seiner Frechheit an Lentulus verkaufen. Er wusste, was ihm dort blühen würde. Lentulus war bekannt dafür, dass er  seine Favoriten  stets unter seinen Kämpfern suchte und fand. Es gab Mittel und Wege.
Und der Spanier war genau sein Typ.
Er hatte schon einmal versucht ihn mir für ein, wie er es nannte ‚intimes Treffen’ abzuschwatzen. Er bot mir eine ordentliche Summe.
Ich wusste wie diese Treffen ablaufen. Und der Spanier musste es von einem der andren Männer erfahren haben. Da die  Teilnehmer stets bestens verköstigt und  mit ein paar Aurei extra belohnt werden, gab es immer wieder Willige.
Der Spanier erklärte mir klipp und klar, dass er kein Schwert mehr in die Hand nähme, wenn ich ihn Lentulus gegen seinen Willen ausliefern würde.
Und ich wusste, er würde Wort halten. Also ließ ich es.
 Ich würde weit mehr Geld verlieren, wenn ich es mir mit ihm verscherze und das wusste er zu gut. Ihm liegt nicht viel an seinem Leben.

Man muss diesem alten Päderasten zugestehen, dass er meist  nur zusieht.
Er hat einen Kreis von männlichen Huren, alles weibische Jünglinge, die stets bei den Kämpfen zugegen sind und sich ihre ‚Gegner’ aussuchen für die späteren ‚Kämpfe’ in Lentulus Privaträumen. Die Männer, die teilnehmen, werden vorab mit ihrem Einverständnis mit Wein, Aphrodisiaka und Opium auf  ihren ‚Auftritt’ vorbereitet. Ich habe einmal zugesehen, wenigstens die ersten zehn Minuten.
Ich habe Schlimmeres gesehen. Und weibische Schwuchteln, die es mit  derben Arenakämpfern treiben, sind nichts wofür ich mehr Zeit opfern würde.
Geld, Wein, gutes Essen, Weiber. In genau dieser Reihenfolge.
Also hatte ich Verständnis für den Spanier.
Ich würde mich gleichfalls übergeben, wenn einer dieser parfümierten Strichjungen an mir herumfingern würde.

Ich will Batiatus nicht allzu schlecht machen.
Er hat mit Sicherheit mehr Herz als ich.
Vor 14 oder 15 Jahren muss er  in einem Zustand geistiger Verwirrung geheiratet und, oh Wunder, ein Kind gezeugt haben. Zum mindesten hat ihn die Mutter wohl davon überzeugt, dass er es war. Die kleine Anina ist sein Ein und Alles.
Deswegen kleidet er sich wohl auch so wie seine Tochter.
Ein liebes Kind. Leider ist sie immer kränklich gewesen.
Vor allem seit sie in diesem Klima ist.
Er spricht immer wieder davon in seine Heimat Sizilien zurückzukehren.
Aber bevor seine Verbannung nicht legal widerrufen ist, kann er das vergessen.
Der gute Batiatus glaubte sich dem großen Marc Aurel widersetzen zu dürfen und veranstaltete nach dessen Verbot  weiterhin Kämpfe.
Tja.
Seit der junge Kaiser an der Macht ist, sieht es mehr als gut für uns Exilanten aus.
Er hat ein Faible für die Arena. Sieht sich selbst gern als Gladiator.
Es finden bereits wieder Kämpfe statt in Rom.
Es ist  nur eine Frage der Zeit, wann wir zurückkehren aus diesen staubigen, wanzenverseuchten Löchern  in den Schoß des Colosseum.
Meine Heimat.
Ich habe gelernt es zu lieben im Schatten der Luperca Roma auf der Südseite die Huldigungen des Mobs entgegenzunehmen nach einem Sieg.
Die mächtige Bronzeskulptur wirft dort  am Nachmittag einen riesigen, kühlen Schatten in den Sand der Arena.

 „Ah, Proximo. Ich weiß, du würdest deinen linken Hoden opfern für diesen Hengst.“ Dieser Mistkerl, woher....egal.
Warte. Wir werden sehen.
„Oder was sonst noch?“ konterte ich. Batiatus schmunzelte.
Er ist nicht halb so dämlich wie er tut. Oder aussieht.
„Die Germanin. Du weißt es doch. Anina geht es schlecht.
 Hier gibt es keine Ärzte, oder keine, die ich an sie heranlassen würde.
Gib sie mir und ich gebe dir Hamid und all meine Männer, wenn ich begnadigt werde.“ Lentulus bettelte geradezu.
 Ich genoss es, zupfte  gelangweilt an meinem Bart.
Da kam mir eine Idee. Hamid wollte ich UNBEDINGT.
Dieser Hengst ist ein Wunder. Ich will mit ihm züchten.
Aber ich wollte auch die Germanin behalten. Der Spanier schien einen Narren an
 ihr gefressen zu haben. Mit ihr hatte ich ein gutes Instrument ihn zu kontrollieren.
Und natürlich wegen ihrer Fähigkeit einen aufgeschlitzten Wanst  zu kurieren.

„Lentulus, mein alter Freund“ imitierte ich ihn,“ lass uns darum spielen.“
Batiatus schmollte. Er sah dabei aus wie eine schnell gealterte, wenig anziehende Jungfer mit einer schlechten Frisur.
Ich habe einen Ruf als Würfelspieler.
Daher musste ich es ihm schmackhaft machen.
 „Gewinne ich, bekomme ich Hamid und behalte die Germanin. Gewinnst du, behältst du Hamid und bekommst die Germanin. Ist das nicht verlockend?“
Er schien in Versuchung. Schließlich willigte er ein.
Er spielt selbst gut, hat aber gegen mich und meine gezinkten Würfel keine Chance. Ich ließ uns ein Brett und Würfel kommen. Je ein Dreier- Satz für jeden.
Wir redeten und würfelten und tranken.
Und tranken und redeten und würfelten.
Ich war mir meiner Sache sehr sicher, lachte mir insgeheim schon ins Fäustchen.
Der Hengst, den er mir immer verweigert hatte, gehörte mir.
Stolzes, wunderschönes Tier. Schwarz und seidig schimmernd  wie die Nacht.
Kurz vor Morgengrauen  gab er sich geschlagen. Ich war trunken von Triumph, Wein und Opium bis dahin . Er reichte mir demütig eine Besitzurkunde für Hamid, die er bereits dabei hatte und schwatzte mir, der ich gnädig gestimmt war, einen Gefallen gegen gutes Geld ab. Die Germanin solle zwei Mal  die Woche seine Anina behandeln. Ich willigte ein, da ich solch einen Sieg errungen hatte und unterschrieb das Dokument, auf das ich eine flüchtigen Blick warf in zweifacher Ausfertigung ohne lange zu zögern.
Ich werde nie wieder trinken, wenn ich würfle.
So geschah es, dass ich die Germanin an Lentulus Batiatus , den Päderasten verlor und ihm ABSOLUT nicht nachweisen konnte, dass er mich betrogen hatte.
Am Morgen danach war er fort und mit ihm die Germanin.
Im Hof stand Hamid, der Araberhengst. Und auf dem Dokument stand mein Name.
Antonius Proximo. Und der dieses abgefeimten Knabenschänders.
 Es war ein Tauschvertrag. Die Germanin namens Berane gegen den Araberhengst Hamid, Ibn Sheitan, Ibn Nur, Ibn Sallah, Ibn  ...eine Ahnenliste, länger als die des Pharao.
ER kannte ihren Namen.
Einer seiner Lustknaben möge ihn zu Tode...
Und jetzt sitze ich Idiot hier mit einem Kopf wie eine gespaltene Wassermelone und muss es gleich dem Spanier erklären...

* römische Goldmünze, Wert ca. 80 €


Berane

Als ich  erwachte, saß Atlind  an dem groben Tisch und sah mich neugierig an. Sie ist ein sehr liebes Mädchen und  hat ein  viel unbeschwerteres Gemüt als ich. Vielleicht ist es auch einfach die Jugend.
 Ich gönne es ihr von Herzen.
Es war noch früh. Maximus konnte erst vor ein paar Stunden gegangen sein.
Maximus.
Ich konnte es noch immer nicht glauben. Mehr als ein Jahr ist es her, dass ich ihn das letzte mal gesehen habe. Und als ich die Suche nach Hinweisen auf ihn aufgegeben hatte und zu Gunthar zurückkehren wollte, verriet uns dieser Suebe.
Gunthar. Du musst glauben, ich habe dich belogen. Es tut mir so leid.
Ich hatte mich bald von Sigwulfs Gruppe getrennt, nachdem die Nachforschungen in den  restlichen Feldlagern der Römer  zu keinem Ergebnis geführt hatten.
Sobald ich den Namen Maximus Decimus Meridius erwähnte, wurden die Gesichter argwöhnisch und ich wurde abgewiesen.
Ich schloss mich einer anderen Gruppe von Männern und Frauen an, die weiter nach Süden, nach Gallien wollten.
Ich hatte vorgehabt bis zur Grenze mitzugehen und dann zurückzukehren, denn es war inzwischen Herbst und ich wollte mein Versprechen halten.
Ein Legionär nahm mich einmal  zur Seite, als ich wieder einmal in einem Feldlager nach Hinweisen suchte. Es war ein junger Kerl.
Fast noch ein Kind.
„Germanin, woher hast du diesen Namen?“ wollte er wissen.
Er schien seltsam bewegt.
„Ich kennen.“ bestätigte ich. „Du kennst ihn?“ Er schien erschüttert.
„Wo ? Du sehen?“ Der Römer schüttelte entsetzt den Kopf.
„Man sagte uns der Tribun sei tot. Er wurde verurteilt und hingerichtet wegen Verrat. Er lebt, nicht wahr??“ Er klang verzweifelt.
„Verrat ?“  bohrte ich.
„Ich weiß nicht. Ich denke, sie haben ihn aus dem Weg geschafft.“
flüsterte der Legionär. Es war töricht , aber ich wollte diesem jungen Mann DIE Hoffnung geben, die mich mehr und mehr verließ.
„Tribun viel verletzt. Nicht tot. Wieder gesund. Er gehen nach hause. Ich suchen.“
Der Römer sah mich an, als sei ich verrückt und ging kopfschüttelnd weg.
Ich konnte seine Reaktion verstehen.

Atlind bestürmte mich mit Fragen, während ich mir das Haar kämmte und zusammenband, mich  mit dem restlichen Wasser aus dem großen Krug wusch.
Ich hatte ihr nichts von Maximus erzählt.
Also schilderte  ich ihr alles in groben Zügen, behielt aber für mich, wie nahe wir uns am Ende  gestanden hatten und welchen Rang er gehabt hatte.
 Nur dass er ein römischer Legionär sei. Ich beruhigte sie damit, dass gerade er und ein Freund von ihm die Männer waren, für die wir vorgesehen sind und wir nichts zu befürchten hätten. Sie schien sehr erleichtert.
Die Begegnung mit den Arabern hatte sie sehr verstört.
Wenig später kam einer von denen, die uns angegriffen hatten. Erst erschrak ich, aber  er hatte ein blaues Auge und wirkte sehr mürrisch und kleinlaut.
ch ließ mir nichts anmerken, tat als kenne ich ihn nicht.
Welches  Glück hatten wir gehabt.

Er brachte uns durch ein Labyrinth von Gängen  zur Küche, wo wir von einem Schwarzen Brot und Milch bekamen. Hungrig aßen wir. Man erklärte uns, dass wir hier mitarbeiten sollten. Weder Atlind noch ich waren darüber unglücklich. Die Untätigkeit ist das Schlimmste. Das Grübeln, das Warten.
Drei dunkelhäutige Männer arbeiteten hier  an zwei großen Herden und einer offenen Feuerstelle, über der Fleisch zubereitet wurde. Es gab auch einen steinernen Backofen, in dem Brot  gebacken wurde.
Das Frühstück für die Männer bestand aus gekochter  Getreidegrütze, Früchten, die ich mittlerweile kannte und Brot.
Mittlerweile wich die Kühle des frühen Morgens und es wurde sehr warm.
Dabei war noch nicht einmal Sommer. Wir sollten das Essen austeilen.
Die Männer hatten sich bereits in einer Reihe aufgestellt.
Atlind war hilflos angesichts der Zoten, die uns entgegenbrandeten.
 Sie kannte kaum Latein. Ich schickte sie nach hinten in die Küche zurück, tat es allein. Ich ließ mir nicht anmerken, wie weich meine Knie wurden angesichts all dieser lüstern abschätzenden Blicke und neugierigen Gesichtern.
Mir gegenüber wurden die Männer weit  zurückhaltender, nachdem ich einem, der mir ein unverschämtes  Angebot machte, den leeren Napf zurückgab und ihm auf Latein den Vorschlag machte seine  rechte Hand zu benutzen.
Ich erntete schallendes Gelächter vom Rest der Wartenden.
Der Geschmähte  wurde wütend, fing an mich wüst zu beschimpfen.
„Halt dein loses Maul oder ich stopfe es dir .“ unterbrach ihn ein rauer Bariton.
Unter dem eisig  drohenden Blick des Spaniers verstummte der Mann.
Ich nahm  ihm  hastig die Schale ein zweites Mal  ab und füllte sie, worauf er sich trollte. Ich atmete auf.
Maximus Blick traf mich. Ein kaum merkliches Zucken spielte um seine Mundwinkel, seine Augen blitzten amüsiert. Ich wusste, was er dachte.
‚Deine scharfe Zunge hat offenbar  keinen Schaden gelitten, Berane.’
Er reihte sich wieder in die Schlange ein. Als er an der Reihe war, sahen wir uns kurz an. Er war ein Fremder für mich. Ich wollte weinen.
Sein Finger strich leicht über meine Hand, als er mir die gefüllte Schale abnahm.
 Einer der Küchensklaven kam später zu mir, als ich die leeren Näpfe säuberte.
„Ich weiß nicht von wem die Nachricht ist. Man sagte mir, du wüsstest es. Sie lautet: Heute Abend.“
 Ich sah ihn einen Moment verblüfft an, dann nickte ich dankend.
Atlind und ich halfen die nächste Mahlzeit vorzubereiten, nachdem die Männer  in einen anderen Bereich  verschwunden waren. Man hörte ihre Stimmen und dumpfe Geräusche aus einiger Entfernung von der Nordseite. Sie übten mit hölzernen Waffen, wie ich später erfuhr.
Es wurde nach Landesart gekocht, wie mir einer der Küchensklaven erklärte.
 Sie waren alle angetan davon, wie willig wir ihnen zur Hand gingen.
Viel unbekanntes Gemüse, Hirse, ein wenig Fleisch, in der Pfanne gebackenes Fladenbrot. Die Arbeit tat uns gut. Emsig putzten wir die Okraschoten, Auberginen, kneteten den Brotteig.  Sie waren erstaunlich nett zu uns, gaben uns Wasser und eine reichliche Portion des Essens, das wirklich gut war.
Wir waren schlecht ernährt worden, bis wir auf dem Sklavenmarkt ankamen und genossen die schmackhaft zubereiteten Speisen mit  wachsendem Appetit.
Nach all der Anspannung, den Aufregungen des letzten Tages war  die Arbeit eine wohltuende Ablenkung. Hin und wieder kam einer der Aufseher vorbei.
Die drei, die uns belästigt hatten, ließen sich nicht blicken. Kurz bevor  die Mittagsmahlzeit verteilt wurde, brachte man uns zu dem Mann, der uns gekauft hatte. Er bewohnt einen Seitentrakt der Anlage. Wir wurden über eine steile Treppe in ein luftiges, von einer großen Balustrade dominiertes Zimmer gebracht, wo unser Besitzer uns erwartete. Es war voller Waffen und Denkmäler.
Ein Schwert hing an der Wand. Ein Tisch voller Schriftrollen.
Teppiche und Ruhelager am Boden, bedeckt mit schimmernden Stoffen.
Es stank nach einem Tier. Eine hundeartige, hässliche Kreatur kauerte angekettet in einer Ecke. Sie gab ein seltsam kicherndes Bellen von sich, als wir eintraten.
Uns schlotterten die Knie wegen dem, was in der Nacht geschehen war.
Würde man uns bestrafen und die, die uns geholfen hatten?

Proximo, so hieß der Mann, überraschte mich. Er ist ein Römer, der sich aber sehr Arabisch gibt, wohl im Alter Gunthars.
Er wirkt älter, denn das Leben scheint hart mit ihm umgesprungen zu sein oder er mit seinem Leben und seiner Gesundheit.
Er trägt eine herablassende Miene zur Schau, seine Augen sind kalt.
Zielsicher wirft er dem Hundewesen einen Brocken Fleisch zu.
Er will unsere Namen wissen. Ich antworte, denn Atlind versteht ihn nicht.
Ich gebe mich demütig. Er mustert mich, scheint zu überlegen.
Dann fragt er mich, was letzte Nacht passiert sei. Ich schaue ihm in die Augen.
Ich sollte das nicht tun, aber irgendwie scheint es richtig.
Er lässt es zu, lauscht meinem holprigen Bericht.
Dann nickt er, lässt uns zurückbringen.

Ich verteilte das Essen an die Männer. Der Freche von heute Morgen war stumm wie ein Fisch, schaute mich nicht einmal an, als ich ihm seine Ration reichte.
Atlind half mir, blieb  im Hintergrund. Maximus und sein schwarzer Freund sind die letzten in der Reihe. Er war  verschwitzt und staubig, bat  mich um einen Becher Wasser, den er sich ins Gesicht spritzte. Das ist nicht der Mann, den ich an diesem grausamen  Morgen in Germanien verlassen habe.
Nicht der, dessen Stimme so hilflos klang in der Nacht davor. Ich weiß nicht mehr, wer er ist. Nur sein Lächeln bevor er sich abwendet, erinnert mich an den, den ich kannte.

Während die Männer essen, erscheint ihr Herr auf der Balustrade über dem  großen Hof, wo sie sich zum Essen und zum Spielen oder Reden aufhalten dürfen.
Ich verstehe nicht alles , was er sagt. Er redet über das, was ich ihm erzählt habe.
Die drei Aufseher werden  hergerufen. Ich traue meinen Augen nicht, als sie gebunden und bestraft werden.  Sie haben es verdient, aber es wird sie gegen uns aufbringen. Proximo bestätigte, dass wir nur dem Spanier und Hagen zur Verfügung stünden bis auf weiteres. Ich atmete erleichtert auf.

Wir dürfen während der heißen Mittagszeit in unseren Räumen bleiben.
Atlind schläft. Ich habe ihr erklärt, dass der Mann, für den sie bestimmt ist, Germane ist. Ich kann nicht schlafen. Ich bin müde, aber meine Gedanken lassen mich nicht zur Ruhe kommen.
Maximus.
Hier ist er der Spanier. Als wir in der Nacht miteinander sprachen, war er mir noch  vertraut, aber im Licht des Morgens saß ein Fremder neben mir.
Seine Stimme, seine Augen  kenne ich noch. Alles andre ist fremd.
Vielleicht war es der Schock, dem unfassbare Freude folgte und dann die Erkenntnis wie viel Zeit vergangen war. Was alles geschehen war.
Kurzes, geöltes Haar. Ein scharf rasierter Bart. Er scheint mir größer.
Vielleicht ist es sein Körper. Er ist dünner, als ich ihn in Erinnerung habe und gleichzeitig sieht er stärker aus.  Das Training ist sicher hart.
Seine Züge  wirken älter, hagerer und härter, die Augen, die meinen  so ähnlich sind  noch eisiger und klarer in diesem dunklen, sonnenverbrannten Gesicht.
Ich bin  überglücklich, dass er lebt und wir uns wieder begegnet sind.
Und dennoch weine ich, weil alles was er sich erhoffte, zerstört ist und er ein Sklave ist wie ich. Und weil der  Mann, der mir so nahe war wie keiner zuvor  jetzt ein Fremder für mich ist.
Solange die Männer Ihr Abendessen verzehren, dürfen die Frauen im Camp sich waschen . Es sind nur wir und  ein paar schwarze Haussklavinnen, die Proximos Räume in Ordnung halten und für ihn persönlich kochen. Für jeden ein halber  Holzkübel. Wasser ist knapp. Lyssa, seine Mätresse hat eigene Zimmer und ein Bad für sich. Wir bekommen anschließend unser Essen, danach werden wir in unsere Kammer eingeschlossen.
Atlind hatte schreckliche Angst vor der Begegnung mit Hagen.
Ein riesiger Kerl grüßte mich  auf Germanisch, als ich das Frühstück verteilte.
Er spricht einen anderen Dialekt als ich, aber ich bin sicher, dass er es ist.
Ich versuchte sie zu beruhigen. Sie weinte. Mir war nicht besser zumute.
Wir schreckten beide hoch, als die Tür aufgeschlossen wurde.
„Habt keine Angst, ich bin es,“ erkannte ich Maximus Stimme noch bevor die Tür aufschwang. Er hatte den Großen dabei. „Das ist Hagen.“ erklärte er.
Atlind und ich saßen  wie vom Donner gerührt, starrten die Männer an.
Hagen brach den Bann. Er grüßte uns auf germanisch.
„Freya schütze euch. Woher kommt ihr?“ Sie setzten sich zu uns.
Atlind starrte Hagen noch immer an, als sei er ein Geist.
Dann stieß sie  einen leisen Schrei aus. „Ich kenne dich! Ich war vor Jahren in einem Dorf zu Gast bei Verwandten. Ich war bei deiner Hochzeit.“ sprudelte es aus ihr hervor. Er verstand sie sofort, sie sprechen denselben Dialekt.
Ein Schatten legte sich kurz über Hagens offene, freundliche Züge.
Dann strahlte er sie an. „Wie ist dein Name?“
Atlind und er  waren bald darauf in ein Gespräch vertieft, dass mich und Maximus völlig ausschloss. Unsere Blicke trafen sich, wir lächelten einander verblüfft an angesichts der spontanen Sympathie zwischen der winzigen Atlind und diesem Bär von einem Mann. Ich musterte mein Gegenüber, verlegen um Worte, er tat dasselbe. Dann nahm er meine Hand.
„Komm mit.“ bat er mich.  

Maximus

Sie hatte Angst vor mir. Ich konnte es in ihren Augen erkennen.
Es ist mir selbst nicht so bewusst gewesen, wie sehr ich mich verändert haben muss. Sie war wie ein Spiegel , in dem ich mich betrachten konnte.
Dass sie lebt, erfüllt mich mit einer Freude, die ich nie wieder empfinden zu können geglaubt hatte seit Selene und Claudius  nicht mehr am Leben  sind.
Dass sie hier ist und eine Sklavin, dämpft dieses Gefühl beträchtlich.
Sie hat mir erzählt was geschah, nachdem  man sie überfallen hatte.
Ein seltsames Funkeln war in ihrem Blick , während ich ihr von meiner Begegnung mit den beiden Deserteuren berichtete. Aber sie schwieg.
Er hatte mich belogen. Ich hatte geglaubt,  sie sei tot.
Sie entbindet mich von jeglicher Schuld, trotzdem fühle ich sie.
Vielleicht hätte ich.... vielleicht, vielleicht. Wie oft habe ich dieses ermüdende Spiel gespielt in einem Labyrinth in meinem Geist umherzuirren und doch wieder dort anzukommen, wo ich begonnen habe. Die Variationen durchzudenken.
Wenn ich früher in  Trujillo gewesen wäre, wenn ich die Deserteure überwältigt hätte... wenn... wenn... wenn. Es ist ein grausamer, sinnloser Zeitvertreib mit dem ich mich hin und wieder büßen lasse. Wofür?
Dafür  aus Stolz und Sturheit die falsche Entscheidung getroffen  und das Leben meiner Frau , meines Sohnes , mein eigenes und irgendwie auch Beranes damit  zerstört zu haben. Und das aller meiner Bediensteten, die nicht verschont wurden. Ich büße jeden Moment in diesem unwürdigen Dasein.
Und ich denke ich habe es verdient. Das einzige wofür ich noch lebe, ist Vergeltung und mir das letzte bisschen Würde zu erhalten,  das mir geblieben ist.

Es gibt Gerüchte, dass in Rom wieder Spiele stattfinden.
Commodus ist vernarrt in die Arena, er war schon als Kind fasziniert davon.
Ich gebe die Hoffnung nicht auf, ihm eines Tages gegenüberzustehen, ihn zur Rechenschaft zu ziehen zu können. Es wird einen Weg geben.
Berane hat dieses Geschwür erkannt , das an mir frisst. Es macht ihr Angst.
Hass. Er treibt mich an, hält mich am Leben.
Sie hat sich nicht sehr  verändert bis auf die dunklere Haut und das von der Sonne gebleichte Haar. Sie ist nur schmaler, als ich sie in Erinnerung habe.
Als sie an ihrem ersten  Morgen im Lager Meton zurechtwies und ihn damit vor allen lächerlich machte, hätte ich fast gelacht.
Ihre spitze Zunge hat sie noch immer.
 Proximo hat Wort gehalten. Er zog die drei Aufseher zur Verantwortung.
Sie werden es mich irgendwann büßen lassen, wenn sie Gelegenheit dazu bekommen. Es ist mir gleich.

Sie sieht  mich an als sei ich ein Fremder.
Ich ließ ihr eine Nachricht überbringen , kam  abends mit Hagen zu ihr und dem  Mädchen. Die meisten  von uns dürfen sich innerhalb des Bereichs für die Sklaven  frei bewegen. Proximo überließ uns einen  Schlüssel für die Kammer mit der Warnung, das die Frauen bestraft würden, wenn irgendetwas vorfallen sollte.
Er weiß, dass er mich selbst mit solchen Drohungen nicht beeindrucken kann.

Hagen und die Kleine verstanden sich sofort. Sie scheint ihn zu kennen, hatte wohl in der Nähe seines Heimatdorfes gelebt. Sie muss noch ein Kind gewesen sein damals, sie ist höchstens 17 oder 18 Jahre alt.
Ich bat Berane mit mir zu kommen. Ich wollte alleine mit ihr reden.
Sie begleitete mich zu meiner Zelle. Juba war nicht da, ich hatte ihn darum gebeten. Er verbringt ohnehin  die Nacht oft im Freien auf dem Dach dieses Gebäudeteils. Er unterhält sich mit den Wachen, die dort oben ihren Dienst verrichten  Wie ich  kann er oft nicht schlafen. Ich habe ihm ab und zu Gesellschaft geleistet, mit ihm und Hagen die Sterne betrachtet.
Wir reden dann  nicht viel. Jeder hängt seinen Erinnerungen nach.
Erinnerungen.
Ich habe oft und lange enthaltsam gelebt, aus freiem Willen.
In dieser Umgebung war es noch einfacher als im Feldlager.
Man ist umgeben von Gefahr, Leid, Blut und Tod.
Verlangen und Liebe haben dort keinen Platz. Höchstens gekaufte Lust.
Die schrecklichen Bilder bei meiner Ankunft in Trujillo, die  mich seither verfolgen, hatten ohnehin jeden Funken von Verlangen in mir erlöschen lassen.
Nicht einmal die Erinnerung an die Leidenschaft, die ich kurze Zeit mit Berane geteilt habe, konnte das ändern.
Als sie sich setzte, lag in ihren Augen nicht der Ausdruck von Ruhe und Vertrauen, an den ich mich erinnerte. Ich hatte nur den Wunsch sie im Arm zu halten und zu weinen über all das, was  geschehen war. Sie war die einzige außer Selene gewesen, der ich meine Gefühle  hatte offenbaren können.
Schon immer habe ich mir nicht gern eine Blöße gegeben.
Diese Eigenart ist ironischerweise  sehr nützlich bei dem was ich jetzt bin.
Ein Moment der Schwäche und du bist tot.
Bei Juba und Hagen erlaube ich mir meine Maske zum Teil abzulegen.
Ihnen vertraue ich und sie mir. Auf einer Ebene, die ich aus meiner Zeit in der Armee kenne. Vielleicht liegt es daran, dass sie mich gesehen hat, wie kaum jemand zuvor. Nicht einmal Selene hat mich so gesehen.
Schwach, krank, nicht Herr über Körper und Geist. Es hat sie nicht abgeschreckt.
Nicht daran gehindert, mehr in mir zu sehen. Ich habe nie verstanden, wie es dazu kam. Nun, ich bin ein Mann, ich konnte der Versuchung irgendwann nicht mehr widerstehen. Ich fühlte mich angezogen, aber ohne ihre Signale wäre es nicht geschehen.

„Berane, was ist mit dir? Du siehst mich so seltsam an.“
Sie konnte mir kaum in die Augen sehen, schwieg. Ich war verwirrt.
Sie war meinem Blick sonst  kaum einmal ausgewichen.
„Wovor hast du Angst? Nicht vor mir?“ Wir Männer sind manchmal so dumm.
Ich fragte sie nach Angst, als ob sie nicht alles Recht der Welt gehabt hätte sogar den Verstand zu verlieren, nach allem was passiert war.
Sie schwieg noch immer.  Ich wurde ungeduldig. Ich gestand mir nicht ein, dass die Ereignisse des letzten Tages mich gehörig aus dem Takt gebracht hatten.
Ich bedrängte sie mit meinen Fragen. Als sie anfing zu weinen, war ich ratlos, wusste nicht, was ich tun sollte. Endlich sprach sie.
„Bitte, es ist nicht deine Schuld. Zuviel. Ich komme hierher, sehe all die Männer. Ich denke nur: Bitte nicht. Bitte nicht das.“ Sie sah  zu Boden.
„Und dann bist du da. Zuviel. Angst, Freude. Wie ertrinken.“

Ich verstand sie nicht. Ich tat genau das, was ich nicht hätte tun sollen.
Ich wollte von ihr, was ich ihr hätte geben sollen. Trost, Zuwendung, Wärme.
Ich umarmte sie, sie klammerte sich an mich, weinte an meiner Schulter weiter.
Ich roch sie, fühlte sie. Verlangen nach all dem was wir geteilt hatten.
Es war  wieder da, wuchs , berauschte mich wie unverdünnter Wein.
Ich küsste sie, erst auf die Wangen, dann auf den Hals, die Schultern.
Den Mund. Der Kuss steigerte meine Sehnsucht, ließ mich alles andre vergessen.
Ich war so gefangen von meinen wiedererwachten Gefühlen, dass ich blind war für ihre Reaktionen.
Sie wies mich nicht ab. Sie hätte es tun sollen.
Ich bemerkte nicht einmal, dass sie mich nur duldete.
Als ich aus meinem Rausch erwachte, starrte sie ins Leere.
Und die Angst in ihren Augen war größer als zuvor.


Berane

Ich folgte ihm zu seiner Zelle. Wir waren allein.
Er bestürmte mich mit Fragen, war verunsichert. Ich konnte ihm nicht erklären, warum ich ihm das Gefühl gab, er sei ein Fremder. Ich wollte ihn nicht verletzten, ihm nicht sagen, dass ich es plötzlich so empfand.
Irgendwann konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Fühlte ich nichts mehr für ihn? Ich wusste es nicht.
So viele widerstreitende Gefühle waren in mir.
Er war hilflos. Ich versuchte ihm zu erklären, dass es im Moment einfach zuviel für mich war. Erst die Aussicht hier allen Männern zu Willen sein zu müssen, dann der Überfall. Ihm hier zu begegnen unter diesen Umständen, nachdem ich vergeblich nach einem Zeichen von ihm gesucht hatte und dabei wieder in Gefangenschaft geriet, war wie eine Woge, die mich überspülte und mir den Atem nahm. Er schien endlich zu verstehen, umarmte mich.
Als er mich zu küssen begann, sträubte sich alles in mir.
Ich zwang mich, nicht zurückzuweichen, hoffte er würde es merken.
Nicht um alles in der Welt wollte ich ihm wehtun. Ich versuchte mich an unsere Küsse zu erinnern, aber alles, was in mir hoch brandete war Ekel wegen all der  aufgezwungenen Berührungen, die ich  hatte erdulden  müssen.
All dies Grunzen, Stoßen  und Schnaufen, diese groben, schmutzigen Hände, die ich  wieder überall spürte, den Schmerz und die Demütigung, wenn ich benutzt wurde, um irgendeinem, der Macht über mich besaß Lust zu verschaffen.
Der Graue, die Legionäre, die uns von der gallischen Grenze zum Sklavenmarkt  verschleppten, die Araber.
Vergebens sagte ich mir immer wieder: Er ist es. Er. Warum empfindest du keine Freude in seinen Armen, warum erwiderst du es nicht? Warum hast du kein Verlangen mehr nach ihm? Wie oft hast du bei Gunthar gelegen und dir vorgestellt er wäre es?
Er merkte es nicht. Ich konnte ihn nicht abweisen, ich brachte es nicht fertig.
Er war so ausgehungert, sein Verlangen  nach mir so plötzlich und stark, dass ich  mich wie eine Puppe fühlte. Willenlos, kraftlos.
Er zog mich zu seinem Lager, ich war gefangen in seinen Armen, ließ mich fallen, hoffte, dass irgendwann die Mauer in mir einstürzen würde, unter seinen Berührungen, seinen Küssen, der Erinnerung an seinen Körper.
Ich wartete vergebens. Er merkte nicht einmal, dass er mit wehtat, ich nicht bereit war für ihn. Früher hatte sein Ungestüm mich erregt, sich auf mich übertragen.
Ich hatte es genossen mich dieser Begierde  auszuliefern, sie zu erwidern.
Ich weiß nicht, was mich mehr peinigte. Sein Unvermögen meinen Widerwillen  zu erkennen oder der Verlust meiner Fähigkeit Freude und Verlangen zu empfinden.
Es war schnell vorbei.
Mein mühsam beherrschtes Gesicht muss ihm endlich gesagt haben, was ich nicht hatte aussprechen können. Ich konnte ihm nicht in die Augen blicken.
Ich wollte nicht die Scham und die Selbstvorwürfe in ihnen sehen oder den Widerwillen, wenn  er es erfuhr.
In  einer hilflosen Geste bedeckte er mich mit meinem Kleid, stand auf.
Er ordnete seine Kleidung, ging ziellos hin und her. Ich konnte mich nicht rühren, schloss die Augen. Es schien mir eine Ewigkeit, bis er zu sprechen begann.
„Das habe ich nicht gewollt...“er stockte.“ Warum hast du nicht... Fühlst  du nichts mehr  für mich?“ Es klang verletzt.
Genau DAS  hatte  auch ich nicht gewollt.
Ich musste es ihm sagen, egal wie sehr ich mich schämte oder er würde glauben, es läge an ihm. Ich hatte gehofft, er würde selbst darauf kommen.
Ich hatte zuviel erwartet. Von ihm und von mir selbst.

„Bitte, ich bin nicht böse.“ begann ich leise. „Ich dachte  mit dir...“
Er hörte mir aufmerksam zu. Ich musste mich überwinden, die Worte auszusprechen. „So viele Männer. Nicht nur in Germanien. Ich wollte es nicht, sie waren stärker.“
Er begann zu verstehen,  der verletzte Ausdruck schwand, machte ungläubiger Bestürzung Platz. Er kam wieder zu mir, setzte sich neben mich.
„Ich war so dumm, wie konnte ich so dumm sein.“ murmelte er beschämt.
 Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, wich meinem Blick aus.
„Berane, warum hast du mir nicht zu verstehen gegeben... ?“ fragte er ratlos.
„Ich hoffte, bei dir wäre es anders...“
Er sah mich jetzt so verständnislos und tadelnd  an, dass ich wieder anfing zu weinen. Ich war am Ende meiner Kräfte.


Maximus

Sie gab mir zu verstehen, dass nicht nur die Deserteure sie geschändet hatten.
Ich bin ein solcher Dummkopf.
Sie wurde gefangengenommen, war bestimmt  lange unterwegs.
Wurde auf den Märkten angeboten.
 Sie ist eine Ausnahme hier, das war sicher ein Reiz für viele, einmal eine hellhaarige, hellhäutige Barbarin gehabt zu haben. Da sie nicht mehr unberührt war und man damit einen besseren Preis hätte erzielen können, war es egal.
Wäre sie schwanger geworden, hätte das sogar den Wert erhöht.
Zwei für einen.
Ich hätte es wissen müssen. Schließlich habe ich es am eigenen Leib erlebt.
Ich schämte mich unsäglich für meine Selbstsucht, meine Gedankenlosigkeit.
Dieses Leben weckt das Tier in einem. Man kann es nicht verhindern.
 Man kann nur versuchen es zu unterdrücken.
Ich hatte sie noch nie so gesehen. Sie war völlig apathisch.
Hier wollte ich sie nicht bleiben lassen. Ich half ihr das Kleid anzuziehen, brachte sie zurück zu ihrer Zelle.  Die Tür war offen.
Hagen und die Kleine waren  fort. 
Ich blieb bei ihr, bis sie zurückkamen. Wir saßen uns stumm gegenüber, ich hielt ihre kraftlosen Hände in meinen, versprach ihr, dass ich sie nur noch berühren würde, wenn sie mich darum bäte.
Sie sah mich nur mit diesen unendlich traurigen Augen an, nickte unmerklich.
Hagen hatte Atlind mit aufs Dach genommen. Es war dort kühler.
Als sie zurückkamen, schlief Berane.
Hagen und ich  kehrten in unsere Zellen zurück.
Ich konnte nicht schlafen, wanderte auf dem Innenhof hin und her, nachdem ich mich den Wachen zu erkennen gegeben hatte.
„So viele Männer.  Ich wollte es nicht, sie waren stärker.“
Ich hatte es selbst erlebt. Wie es ist nur ein Stück Fleisch zu sein.
Benutzt zu werden. Ich hatte versucht es zu verdrängen, zu vergessen.
Es wenigstens in meinem Kopf ungeschehen zu machen.

 Auf dem ersten Sklavenmarkt  interessierte sich ein älterer, vornehm aussehender Mann für mich. Ich wurde verkauft, begleitete meinen Herrn am nächsten Tag  zu seinem Haus, einer eleganten Villa am Rand der nächstgrößeren Stadt.
Ich war nicht lange genug dort, um zu erfahren wer er war.
Ich wurde ins Bad geführt, durfte mich ausgiebig reinigen, was eine Erlösung war nach all dem Staub und Schweiß, der mich seit Tagen bedeckte.
Ich bekam neue Kleider und Schuhe, eine üppige  Mahlzeit, die ich gierig verschlang, wurde in ein kleines Zimmer geführt und eingeschlossen.
Das Bett war schmal aber gut gepolstert, ich schlief das erste mal nach langer Zeit eine Nacht durch. Die gute Behandlung ließ mich Hoffnung schöpfen.
Am nächsten Morgen wurde ich erneut gut versorgt und zu meinem Besitzer in den Garten des Anwesens gebracht. Er schien ein Gelehrter oder Arzt zu sein, denn er las und schrieb meist, wenn ich ihn sah. Er eröffnete mir in Latein mit griechischem Akzent, dass er mich als Gesellschafter gekauft habe und es mir sehr gut gehen würde, wenn ich willig sei.
 Meine Aufgabe bestünde auch  darin nachts sein Haus und vor allem ihn selbst zu bewachen, ihn in der Stadt zu begleiten.
Mir wurden die Haare und der Bart geschnitten , ich wurde rasiert, ein andrer Haussklave zeigt mir das Anwesen. Außer dem Herrn verstand mich keiner.
Es gab ein paar Frauen, die das Haus in Ordnung hielten und kochten, und zwei sehr hübsche, junge Mädchen, die wohl seine Konkubinen waren.
Sie kicherten jedes Mal, wenn sie mich sahen, musterten mich unverhohlen mit ihren stark geschminkten Augen. Es gab auch drei muskulöse  Schwarze, die den Außenbereich bewachten, aber keine Sklaven zu sein schienen, denn sie bewegten sich frei außerhalb des Hauses.
Noch am selben Tag  begleitete ich meinen  Herrn zu Einkäufen, spielte zunächst den Gehorsamen. Ich wollte natürlich fliehen, aber erst musste ich wissen wo ich war und Kräfte sammeln, mich ortskundig machen.
Hier hatte ich scheinbar eine gute Ausgangsposition dafür.
Am  Abend bekam ich einen Krug Wein zum Essen, das ich in der Küche zu mir nahm. Ich trank zwei Becher davon, er war gut. Danach nahm  ich meinen Platz in der Halle ein, wo ich nachts Wache halten sollte. Tagsüber dürfe ich dafür ein paar Stunden schlafen, hatte man  mir eröffnet.
Mir wurde schnell klar, dass nicht nur Wein in dem Krug gewesen sein konnte.
Ich fühlte mich berauscht von der geringen Menge, die ich getrunken hatte, aber nicht wie ich es kannte. Die beiden Konkubinen gingen mehrmals durch die Halle, beobachteten mich. Wenig später gaben sie mir zu verstehen, ich solle ihnen folgen, was ich nach einigem Zögern tat.
Sie führten mich in das Arbeitszimmer des Hausherrn, der bequem auf einer Ruhebank lag und Wein trank. Er nickte zustimmend, lächelte mich sanft an.
Zu meiner Verwunderung begannen die Mädchen mich zu berühren, zu streicheln, entkleideten sich vor mir. Sie waren schön und sehr geschickt darin einen Mann zu stimulieren. Ich reagierte ungewohnt schnell auf diesen sinnlichen Angriff, ahnte was dem Wein beigemengt worden war.
Ich wusste nicht was ich tun sollte, also tat ich gar nichts, saß reglos da.
Das Aphrodisiakum beeinflusste zwar meinen Körper, aber mein Geist war klar und ich empfand vor allem Abscheu als Teil dieser Bordellszene.

Er schien von mir zu erwarten, dass ich vor seinen Augen diese beiden Frauen befriedige. Die beiden bedrängten mich immer mehr, wollten mich entkleiden.
Da fing ich  endlich an mich zu wehren, schob sie weg, sobald sie sich näherten.
Mein Besitzer beobachtete es eine Weile, dann wies er mich milde tadelnd  zurecht. Warum ich es nicht tun wolle? Ich solle aufhören Widerstand zu leisten.
Wenn ich selbst nichts tun wolle, solle ich einfach stillhalten.
Was blieb mir übrig. Die beiden Dirnen gaben sich alle Mühe, mich aus der Reserve zu locken. Ich schloss  die Augen, verharrte. Plötzlich ließen sie von mir ab. Er hatte ihnen wohl ein Zeichen gegeben.
Er schickte sie aus dem Zimmer,  seine wohlklingende  Stimme klang gereizt.
Er erhob sich, kam zu mir. Ich wollte aufstehen, aber er befahl mir  sitzen zu bleiben. Zwei der schwarzen Angestellten kamen herein.
 Er gab ihnen einen Wink, worauf sie mich hochzogen, mir die Arme festhielten.
Der Hausherr lief vor mir auf und ab, sein vornehmes Gesicht bekam einen zusehends erbosten Ausdruck. Ich war mir sicher, dass ich jetzt  bestraft werden würde, weil ich ungehorsam  gewesen war. Hunger. Die Peitsche.
Ich täuschte mich.
„Nun, mein sturer Legionär. Du magst also keine Frauen. Das trifft sich gut. Ich nämlich auch nicht. Und dieses Prachtexemplar hier ebenfalls.“
Er deutete auf einen der Wächter.
“Für mein Teil, ich genieße vor allem  mit den Augen. Du hattest deine Chance, es angenehmer für dich machen. Du wirst sehen, es ist wie bei den Frauen. Nur das erste Mal tut es weh. Wir werden es dir so leicht wie möglich machen. Dann kommst du schnell auf den Geschmack. Oder weißt du das schon und überraschst uns, mein keuscher Held?“
Impulsiv bäumte ich mich im eisernen Griff der Schwarzen auf, versuchte zu entkommen. Er lachte amüsiert.
„Wir haben eine Jungfrau hier. Welch Kleinod.“
Dann wurde seine Stimme hart. „Zieht in aus.“
Sie fesselten mir die Hände hinter den Rücken.
Was dann kam, war schlimmer als die Vergewaltigung. Er versuchte mich zu erregen, da das Aphrodisiakum nicht mehr wirkte, schmeichelte mir wie männlich ich doch sei und wie gut gebaut. Er wolle mir doch nur Befriedigung verschaffen, versuchte es mit allen Hurentricks.
Ich wollte sterben. Nur einmal  bisher hatte ich solche Verzweiflung erfahren.
Als ich die leblosen Körper meiner Frau und meines Kindes begraben habe.

Irgendwann gab er auf. “Du willst ja  wirklich nicht. Dein Pech.“
Es war kein Funken Mitleid in seiner Stimme, es schien ihn sogar  zu erregen.
Sie zwangen mich über die Ruhebank, auf der er gelegen hatte.
Ich wehrte mich wie besessen. Ein gezielter Schlag in den Unterleib ließ mich  stöhnend nach vorne kippen. Ich zuckte zusammen, als ich eine Hand  fühlte, ein Finger in mich eindrang. „Wirklich, eine Jungfrau.“ hörte ich seine Stimme. „Wehr dich nicht länger, entspann dich, mein keuscher Soldat. Dann wird es nicht mehr wehtun als unvermeidbar.“ Er hielt mir einen Becher Wein vors Gesicht. Ich spuckte ihn an. Er lachte, wischte sich den Speichel von der Wange, wo ich ihn getroffen hatte und meinte: „Vielen Dank, Liebster. Dann ist das Öl ja wohl  überflüssig. Du bist ein harter Mann. Nur nicht ganz so wie ich gehofft hatte. Du hättest deinen Teil Spaß haben können. Du hast es so gewollt.“
Die Schmerzen waren schlimm, aber noch schlimmer war die Hilflosigkeit, die Scham und die demütigende Haltung, zu der ich gezwungen war.
Ausgespreizt wie ein Stück Fleisch auf dem Markt, wie eine Fünf-Sesterzen-Hure musste ich es gegen meinen Willen hinnehmen, dass einer der intimsten Teile meines Körpers ihm und einem der Wächter zur Befriedigung ihrer Lüste diente. Es kam mir wie eine Ewigkeit vor.
Nachdem sie genug hatten, schleiften mich die Wachen in den Baderaum, warteten bis ich mich gereinigt hatte, gaben mir meine Kleider zurück.
Dann wurde ich wieder eingesperrt.
Der Gedanke,  das noch einmal ertragen zu  müssen, machte mich fast wahnsinnig. Ich lief die ganze Nacht in dem Raum auf und ab wie ein Tier im Käfig, jede Bewegung tat mir weh. Fieberhaft überlegte ich, wie ich entkommen konnte. Vor keinem Kampf, keiner Bedrohung im Feldlager habe ich mich je so gefürchtet, als vor der Möglichkeit noch einmal so  missbraucht zu werden.
Wenn ich nicht fliehen könnte, würde ich die Wachen so provozieren, dass sie mich töten mussten. Es kam ganz anders.
Ich bekam zu Essen und zu Trinken am nächsten Tag, wurde aber nicht aus dem Zimmer gelassen. Ich versuchte zu schlafen.
Am Abend wurde ich gebunden vors Haus gebracht, musste auf einen Karren steigen, der mich zu meiner ungeheuren Erleichterung zurück zu meinem Vorbesitzer brachte.
Drei Tage darauf kaufte Proximo mich, Juba und einige andere.
Ich erfuhr später, dass es üblich ist Sklaven ’auf Probe’ zu kaufen.
Die Käufer machen eine Anzahlung, ’ prüfen’ die Ware. Bei Nichtgefallen können sie ihr Geld zurückfordern und die Ware zurückbringen oder tauschen.
Wenn sie nicht ‚beschädigt’ ist. Dann wird die Anzahlung einbehalten.
Ein gutentwickelter, kräftiger Junge von vielleicht 15 Jahren ging an meiner Statt an den Griechen.
So erleichtert ich war, dieser Hölle entgangen zu sein, brach es mir fast das Herz, wenn ich daran dachte was dem Knaben bevorstand.
Ich habe es niemandem erzählt.

Berane hatte dies nicht nur einmal erlebt.
„So viele Männer. Ich wollte das nicht, sie waren  stärker.“
Als Offizier  habe ich immer versucht  Schändungen zu verhindern, wenn es mir möglich war. Aber das war es oft nicht, da meine Vorgesetzten mich nicht immer unterstützten, die Täter ungestraft davonkamen. Es war das Recht des Siegers in ihren Augen. Ich sah nur die entsetzten, verängstigten Gesichter der Mädchen und Frauen, wenn sie zusammengetrieben wurden. Als Tribun sorgte ich mit Hilfe Marc Aurels dafür, dass solche Übergriffe bestraft wurden und daraufhin nur noch selten vorkamen.

Ich schämte mich entsetzlich dafür, dass ich derart  die Kontrolle über mich verloren hatte. Ich konnte aber auch nicht verstehen, warum sie mich nicht abgewiesen hatte. Bis zu den Spielen mit Batiatus Kampfschule zwei Tage später suchte ich sie abends nur kurz auf, um mich zu versichern, dass es ihr gut ging.
Am Tag sah sie, wenn die Mahlzeiten verteilt wurden.
Sie wich meinen Blicken aus.
Ich hoffte sie würde mir entgegenkommen, hoffte dass irgendwann alles zwischen uns wieder sein würde wie in Germanien. Ich sehnte mich so sehr nach ihr, nach dem Trost, der Wärme und dem Vergessen, die ich in ihren Armen gefunden hatte.
Nachdem sie den Gallier zusammengeflickt hatte, kamen wir uns wieder näher.
Ich sorgte dafür, dass sie an Hilfsmitteln bekam was sie brauchte, verbrachte viel Zeit mit ihr bei dem Verletzten. Sie brachte ihn tatsächlich durch, blieb noch zwei Tage in Batiatus Lager, als sie den Gallier zurückschafften.
Atlind und Hagen hatten sehr schnell zueinander gefunden. Sie waren ein seltsam ungleiches Paar, aber das spielte keine Rolle, denn sie waren offensichtlich vernarrt ineinander. Ich gönnte ihnen dieses kleine Glück und gleichzeitig erinnerte es mich schmerzlich an das, was ich verloren hatte.
Atlind bat Berane in Zukunft  in meiner Zelle zu schlafen. Sie wusste nicht, was  zwischen uns geschehen war. Berane hatte es für sich behalten, erfüllte ihren Wunsch. Eines Nachts folgte sie mir einfach aufs Dach.
Ich konnte mal wieder nicht schlafen.
Sie sagte nichts, als ich sie verwundert ansah, setzte sich einfach zu mir.

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