Zucchabar IV
Berane
Als sie mich zu dem Verletzten holten,
wusste ich sofort, dass es wichtig war.
Kein andrer als Maximus konnte dafür verantwortlich sein.
Der Mann lag im Opiumkoma. Solche Bauchwunden sind sehr schwierig zu
behandeln. Zum Glück war es erst vor kurzem passiert und kein Stich, denn
dann hätte ich ihm nicht mehr helfen können. Es war ein langer Schnitt von
der linken Brustwarze steil hinab bis zum Unterleib tief durch alle
Muskelschichten.
Ein wenig tiefer und seine Eingeweide wären herausgequollen.
Ich musste gegen Übelkeit ankämpfen, während ich ihn untersuchte.
Zu meinem Erstaunen fragte man mich, was ich brauche.
Eine der Wachen ließ mir von Proximo ausrichten, dass ich versuchen solle
den Mann zu retten. Er konnte es nur von Maximus erfahren haben.
Der arme Kerl lag auf einem der großen Tische in der Küche.
Bis ich die Wunde mit Wasser gereinigt hatte, waren eine eiserne Nadel,
Seidenfaden, Wein , verschiedene frische Heilkräuter und mehr Opiumtinktur
bei der Hand. Ich wies die Schwarzen an Wasser zum Kochen zu bringen, um
Aufgüsse für Umschläge und zum Trinken zuzubereiten. Der Mann würde bald
hohes Fieber bekommen. Er war groß, schlaksig und blond, erinnerte mich ein
wenig an Baldur.
Meine Lebensgeister, die seit dem Abend vor zwei Tagen sehr gelitten
hatten, erwachten wieder angesichts der schweren Aufgabe, die ich vor mir
hatte.
Ich reinigte die Wunde eine weiteres Mal mit dem Aufguss aus Kamille und dem
Inneren einer Pflanze. Sie ist sehr groß, hat lange, dicke, dunkelgrüne
Blätter und Stacheln. Wie beim Farn entspringen ihre Arme direkt der Basis
ohne einen Stamm. Sie wächst hier überall. Wenn man sie zerschneidet, findet
man unter der zähen Oberschicht eine durchsichtige, feuchte Masse, die
Sonnenbrand, Wunden und Mückenstiche heilt und wasserklare, bittere
Flüssigkeit absondert. Ich hatte das auf dem Weg hierher durch die Wüste
gelernt.
Bald bemerkte ich, dass sie auch meine
ausgedörrten Lippen heilte und meine von der Trockenheit raue Haut glatt
und weich machte.
Seither benutze ich sie mit etwas Öl vermischt für Verbrennungen und zur
Pflege. Sie heilte auch rasch die entzündeten Risse und die Brandwunde am
Handrücken, die ich mir beim Feuerschüren zugezogen hatte, als mir ein Stück
Glut auf die Hand geflogen war.
Ich flößte dem Mann ständig Opium ein sobald er sich regte, seine Schmerzen
wären bei Bewusstsein unerträglich gewesen.
Die Blutung ließ nach. Ich tränkte den Faden mit Aloe, so wird die Pflanze
genannt, schob alles zurecht und begann zu nähen, schloss eine Schicht
Fleisch nach der anderen. Ich hatte so etwas schon einmal getan.
Der Hieb war nicht so groß gewesen aber ähnlich tief.
Der Verletzte hatte überlebt. Das Herz des Galliers war stark.
Obwohl er stark geblutet hatte, schlug es noch als ich seine Bauchdecke
geschlossen hatte, bis auf ein kleines Stück, um restliches Blut und andre
Sekrete abfließen zu lassen. Ich würde es erst schließen , wenn der Schnitt
gut zu heilen begann und der Mann kein hohes Fieber mehr hatte. Hildur hatte
mich das gelehrt.
Die Küchensklaven sahen mich an als sei ich
verrückt, da ich sie um schimmliges Brot bat und um Spinnweben. Mein Tonfall
muss sie überzeugt haben und die Art und Weise , wie ich sie herumjagte um
dieses und jenes zu holen.
Ich packte die unappetitliche Masse aus Aloemark, Schimmel und Weben auf
die Naht und legte einen festen Verband aus Leinen an.
Als ich begann dem Gallier fiebersenkende Aufgüsse einzuflössen, kam Proximo.
Sie waren morgens aufgebrochen zu der kleinen Arena etwa eine Stunde von
hier. Maximus hatte mir gesagt, dass sie gegen eine andre Gladiatorenschule
antreten müssten und erst am Abend zurückkehren würden. Ich fürchtete um
ihn, aber er beruhigte mich. Die Paarungen seien abgesprochen und die Wetten
manipuliert. Es bestünde keine echte Gefahr. Ich glaubte ihm nicht. Dieser
Verletzte war der Beweis dafür, dass er mich nur hatte beruhigen wollen.
Unser Herr sah nur stumm auf den wie tot daliegenden Mann, musterte den
Verband ,dann mich aus seinen scharfen, kalten Augen und verschwand in
seinem Räumen. Ich hörte seine Konkubine Lyssa bald darauf zetern wegen des
Seidenfadens, den man ihr entwendet hatte.
Das Wundfieber setzte nach wenigen Stunden ein. Als die Sonne unterging,
legte sich eine Hand auf meine Schulter, während ich bei dem Verwundeten
Wache hielt. Es war Maximus. Er hatte einen Hieb an der Schulter und einen
an der Wade abbekommen. Ich hatte über meinem Patienten völlig vergessen,
dass er selbst verletzt oder getötet werden könnte. Der Gallier lag ruhig
nach einem Fieberanfall. Ich versorgte Maximus Blessuren, reinigte sie und
legte ihm leichte Bandagen an, die mit dem Saft der Wunderpflanze und
Kamillensud getränkt waren. Wir sprachen kein Wort. Endlich räusperte er
sich, fragte: „Hast du Hoffnung für ihn?“ Ich wog seine Chancen ab.
„Muss er leben?“ Er nickte.
„Proximo hat ihn zu dir geschickt, weil ich es ihm geraten habe.“ erklärte
er.
„Er ist schwer verletzt, so schlimm wie du in Germanien.“ meinte ich.
Er sah müde und abgespannt aus, lächelte mich dennoch an.
„Dann mache ich mir keine Gedanken mehr um ihn.“ erklärte er zuversichtlich,
setzte sich zu mir. Die ganze Nacht wachte er mit mir bei dem Gallier, der
wenig später eine Krise hatte, die ihn fast tötete. Nur mit kalten ,
feuchten Tüchern, die wir stundenlang erneuerten, konnten wir sein Fieber im
Zaum halten.
Atlind half uns. Proximo kam einmal in der Nacht vorbei. Er warf einen
flüchtigen Blick auf mich, dann auf Maximus.
„Wie steht es um ihn, Spanier?“ wollte er wissen.
Der Gefragte richtete sich müde auf, gähnte.
„Frag die Medica.“ erwiderte er knapp und herausfordernd.
Proximo funkelte ihn warnend an. Dann sah er zu mir.
„Lebt er morgen noch, besteht Hoffnung.“ beantwortete ich seine Frage.
Proximo bemerkte die Verbände, die Maximus trug.
Dann verschwand er wieder im Dunkel. Irgendwann schlief ich ein, den Kopf an
Maximus Schulter. Er weckte mich bei Morgengrauen.
Der Gallier lebte. Ich flößte ihm wieder Opium ein, erneuerte den Verband.
Maximus sah zu. Ich bat ihn mir frisches Aloemark zu holen, erklärte ihm wie
er es selbst nutzen könne.
Diese Pflanze ist ein Wunder. Ich legte sie erneut dick auf die Wundränder
auf, verband den Gallier neu. Er hatte noch Fieber, aber es war gesunken.
Proximo ließ ihn in eine leere Zelle tragen, als er den nächsten Tag bis
Mittag überlebt hatte. Ich musste nichts tun, außer mich um den Verletzten
kümmern.
Man brachte mir Essen und Wasser, Maximus sorgte dafür, dass ich alles
bekam, was ich zur Behandlung brauchte, wenn möglich.
Abends kam er zu mir, blieb die ganze Nacht. Er hielt Wache, damit ich ein
paar Stunden schlafen konnte. Einige Tage später hatte sich die Wunde soweit
geschlossen, dass man den Gallier zu seinem Besitzer zurückschicken konnte.
Ich begleitete die Sänfte, in der er transportiert wurde. Ein Wagen war zu
riskant. Die Erschütterungen könnten die Naht aufbrechen lassen.
Wir machten uns in den frühen Morgenstunden auf den Weg, um die kühlere
Tageszeit auszunutzen. Proximo folgte später mit dem Transportwagen, um die
Träger, die Sänfte und mich zurückzubringen.
Die Kampfschule des Batiatus ist kleiner als die Proximos.
Nach einem zweistündigen Fußmarsch wurden wir eingelassen.
Ein kleiner, bäuchiger Mann mit seltsamer Haartracht kam aufgeregt auf uns
zu.
Ich hielt ihn zunächst für eine Frau, denn er war gekleidet und frisiert wie
eine, und seine Stimme war hoch wie bei einem Kastraten.
Es war Lentulus Batiatus.
Er war sehr überrascht, den Gallier am Leben zu sehen und sogar bei
Bewusstsein. Der war zwar berauscht vom Opium und ich flößte ihm ständig
verdünnten Wein ein, aber seine Augen waren offen und er nahm etwas von
seiner Umgebung wahr. Batiatus ließ ihn in seine Zelle bringen, ich ging
mit.
Ich bat ihn die Zelle erst reinigen zu lassen und eine seiner Sklavinnen in
der Behandlung unterweisen zu dürfen, da der Gallier noch viel Pflege
brauche.
Der Verband musste mindestens täglich erneuert werden. Er musterte mich
verblüfft, schickte mir einen Knaben, dem ich zeigte, was er tun und wie er
die Umschläge anlegen müsse, die verhindern sollten, dass die Wunde sich
doch noch entzündete. Er stellte sich geschickt und gelehrig an.
Wir bekamen Essen und Wasser, kurz darauf traf Proximo ein.
Er verschwand mit Batiatus in dessen Privaträume, kam nicht lange darauf zu
mir.
Ich würde noch zwei Tage hier blieben, dann würde er mich holen lassen.
Ich solle den Gallier weiter pflegen und würde hier gut behandelt werden.
Die Trennung von Atlind, Maximus und meiner
inzwischen gewohnten Umgebung verunsicherte und ängstigte mich zunächst,
aber ich bekam ein kleines Zimmer zugewiesen und durfte mich frei bewegen.
Die Pflege des Galliers lenkte mich ab. Am nächsten Tag ließ Lentulus mich
in seine Privaträume holen. Zu meiner Verwunderung saß ein Mädchen von
vielleicht 10 oder 12 Jahren bei ihm. Sie war sehr mager und blass, es war
unverkennbar, dass sie nicht gesund war. Als ich mich setzen durfte, begann
sie zu krampfhaft husten. Lentulus sah sie besorgt an, reichte ihr einen
Becher aus dem sie gierig trank.
Mit einem wehmütigen Ausdruck wandte er sich zu mir.
„Das ist meine Tochter Anina. Ich will, dass
du sie untersuchst und behandelst. Sie hat diesen bösen Husten und ist viel
zu klein für ihr Alter. Sie isst kaum und ist immer müde.“ Ich fragte ihn
vorsichtig, wie alt sie denn sei.
„Fünfzehn.“ Ich musterte sie erschrocken, sie zeigte keinerlei Zeichen
weiblicher Entwicklung, wirkte wie ein Kind, obwohl sie doch schon eine
junge Frau war.
So lernte ich Anina kennen.
Sie wurde für einige Zeit meine Freundin und Vertraute, obwohl sie der
Grund dafür war, dass ich entführt wurde.
Es war nicht ihre Schuld.
Das Mädchen litt an einer
Lungenkrankheit, die sich durch das Wüstenklima und den Staub
verschlechtert hatte. Sie lebte seit einem Jahr hier bei ihrem Vater. Ihre
Mutter hatte sich wieder verheiratet, das Kind war ihr nur eine Last
gewesen. Sie hatte sich vor fünf Jahren scheiden lassen, als Batiatus
verbannt worden war. Er hatte regelmäßig Geld geschickt, sie dann ganz zu
sich geholt.
Im milden Küstenklima war ihr Leiden kaum aufgefallen.
Nach wenigen Wochen im Wüstenstaub der Provinz, getrennt von allem was ihr
bisher vertraut war, war ihr Zustand schnell bedenklich geworden.
So seltsam Lentulus aussah und so exzentrisch sein Lebensstil war,
so fürsorglich und liebevoll war er als Vater.
Ich kam seinem Wunsch nach, untersuchte Anina.
Sie war viel zu mager, vermutlich raubte ihr das Klima den Appetit.
Sie hatte noch keine Blutungen, war entwickelt wie eine Zehnjährige.
Sie war sehr nett zu mir, die ich doch nur eine Sklavin war, folgte meinen
Anweisungen, beantwortete meine Fragen, als ich sie untersuchte. Ich horchte
an ihrer Brust und ihrem Rücken, fühlte ihren Herzschlag. Die Krankheit war
mir bekannt, Edreds Mann litt auch daran. Sie geht mit Auszehrung einher und
ist nicht gänzlich heilbar. Bei guter Pflege und einem anderen Klima
konnte Anina jedoch noch viele Jahre leben. Aber sie musste zu Kräften
kommen.
Lentulus erklärte mir, wie sie bisher behandelt worden war.
Ich schüttelte entsetzt den Kopf. Aderlasse und Blutegel.
Kein Wunder war sie so blass.
Man hatte Räucherwerk in ihrem Zimmer verbrannt, um ihre Lungen zu reinigen.
Das hatte sie nur gereizt. Später stellte ich fest, dass sie es gewohnt war
regelmäßig Opium zu sich zu nehmen, um ihr Leiden zu lindern.
Da es dem Gallier zusehends besser ging,
hatte ich Zeit Anina zu behandeln, solange ich dort war. Man brachte mich
zum Markt, wo ich versuchte Heilpflanzen zu finden, die ich verwenden
konnte. Die Ausbeute war karg, aber besser als nichts. Ich bat Lentulus
ihren Schlafraum stets mit großen feuchten Tüchern behängen zu lassen, um
ihr das Atmen zu erleichtern.
Ihre Zimmer sollten tagsüber verschlossen bleiben, damit möglichst wenig
Staub
Und Sand hereinwehen konnte und Gefäße mit Wasser sollten der Luft die
Trockenheit nehmen. Der Sand hier war so fein, dass man ihn leicht
einatmete.
Ich zeigte ihrer Leibsklavin wie sie ihr Umschläge aus den Kräutern bereiten
sollte, die ihr nachts auf Brust und Rücken das Atmen erleichtern und den
Husten lindern würden. Bevor ich am selben Abend zu Proximos Lager
zurückkehrte, legte ich Anina selbst die Wickel an, um es vorzuführen.
Lentulus beobachtete alles argwöhnisch aber voller Hoffnung. Ich bat ihn ihr
vor allem Früchte, Brot und stark verdünnten Wein zu geben, Geflügel und
Gemüse mit nicht allzu viel Öl. Und kein Opium mehr. Es schwächt bei langer
Einnahme Geist und Körper. Und vor allem Milch. Viel Milch. Das ist die
übliche Kost für Genesende, die schwach und empfindlich sind.
Anina ließ mich nicht aus den Augen. Sie waren riesig und schwarz in dem
ausgezehrten Gesicht. Sie dankte mir und bat mich wiederzukommen.
Sie schien mir schon jetzt zu vertrauen.
Nach meiner Rückkehr stellte ich verblüfft
und erfreut fest, dass Atlind und Hagen zueinander gefunden hatten. Sie
blühte auf und Hagen war unverkennbar verliebt in das Mädchen. Einige Tage
später bat sie mich in Maximus Zelle zu schlafen, um nachts mit Hagen
allein sein zu können.
Wir waren uns durch die Pflege des Galliers wieder nähergekommen.
Bei Lentulus hatte ich Zeit und Ruhe gehabt nachzudenken.
Wenn ich in den folgenden Tagen die Gelegenheit hatte, ging ich abends noch
einmal in die Küche, setzte mich vor eines der offenen Feuer und ließ die
Flammen meinen Geist reinigen.
Er hatte Recht gehabt. Ich hätte ihm deutlicher zeigen sollen, dass ich
seine Umarmung nicht wollte. Er hatte nicht wissen können, was geschehen
war.
Ich empfand noch immer sehr viel für ihn, das war mir inzwischen klar
geworden, wenn auch mein körperliches Verlangen nach ihm erloschen zu sein
schien.
Er würde mich ohnehin nicht mehr wollen, nach all denen, die mich gehabt
hatten. Ich fühlte mich besudelt. Er vermied es mich zu berühren.
Es war mir genug, dass er da war und ich ihn regelmäßig sah.
Nach den Kämpfen mit Batiatus Schule gab es lange keine Spiele.
Die Männer trainierten wie immer.
Manchmal sah ich ihnen zu, wenn ich Gelegenheit hatte.
Proximo hatte mir die Aufgabe erteilt, alle seine Sklaven zu behandeln.
Er selbst kam als erster. Er wollte ein Mittel gegen den Kopfschmerz nach
durchzechter Nacht und das Brennen im Magen. Ich sagte ihm er solle einen
Löffel Öl zu sich nehmen, bevor er mit dem Wein anfinge und zeigte seinem
Leibsklaven , wie er mit Weidenrinde einen Aufguss bereiten konnte.
Ich suchte lange danach auf dem Markt.
Proximo bekam sie schließlich durch einen befreundeten Händler.
Sogar seine schwarze Konkubine Lyssa, eine kaltherzige freigelassene
Prostituierte verlangte meinen Rat. Sie hatte Krämpfe und Schmerzen sobald
ihre Blutung einsetzte. Ich empfahl ihr warme Umschläge und Weidenrindentee
, wie ihrem Gebieter. Es half. Er gab mir nie zu verstehen, dass er meine
Behandlung schätze, aber er gewährte mir einige Freiheiten. Ich durfte mich
ständig innerhalb der Anlage frei bewegen und manchmal standen abends ein
Krug Wein und Früchte auf dem Tisch in unserer Zelle. Das war seine Art
mich wissen zu lassen, dass er zufrieden sei. Den Wein brachte ich Maximus
und Hagen. Atlind und ich tranken jede höchstens einen Becher mit Wasser
vermischt, freuten uns über das Obst.
Maximus sah mich verwundert an, als ich
mich auf dem Dach zu ihm gesellte.
Es war spät und bis auf die Wache waren wir allein.
Ich wollte ihm sagen, dass ich noch immer viel für ihn fühlte, was mir
zugestoßen war leider einen Teil dieser Gefühle zerstört hatte.
Er hatte mir sehr geholfen mit dem Gallier. Es war klar, dass er mir nicht
böse war. Inzwischen hatte ich mich an sein verändertes Aussehen gewöhnt.
Ich hatte ihm mehrmals beim Training zugesehen.
Als wir dieses eine Mal in Germanien zur Übung miteinander gekämpft hatten,
hatte ich nicht erkannt wie gut er war. Damals war er verletzt und krank
gewesen.
Er ist der Beste, den ich je gesehen habe.
Baldur galt als herausragender Schwertkämpfer, aber er wäre ihm nicht
gewachsen gewesen. Er war schnell, sehr ausdauernd und seine Technik
Dank tausendfacher Übung von bestechender Routine.
Jetzt verstand ich, warum Proximo ihn bei Laune halten wollte.
Er war eine Attraktion. Hagen machte durch Größe und Kraft wett, was ihm an
Technik fehlte. Ich fragte mich ob Atlind ihn je beim Training gesehen
hatte.
Er war furchteinflößend.
Ich setzte mich neben ihn. Er wandte mir das
Gesicht zu, sah mich erwartungsvoll an. Ich wusste nicht, wie ich beginnen
sollte.
Statt dessen nahm ich seine raue Rechte zwischen meine Hände, fuhr mit den
Fingern über die Schwielen und Schrunden.
„Du musst sie mit dem Inneren
der Pflanze einreiben.“ murmelte ich.
„Bist du nur gekommen, um mir das zu sagen, Medica?“
Er klang überrascht und ein wenig
spöttisch. Die hellen Augen musterten mich neugierig. Ich hielt ihnen stand,
ließ seine Hand los, schüttelte den Kopf.
„Dann sprich mit mir, Berane. Ich habe es sehr vermisst mit dir zu
sprechen.“
Er klang erwartungsvoll.
Ein kühler Windstoss machte mich frösteln. Er legte impulsiv den Arm um
mich, ließ mich dann abrupt wieder los, als habe er sich verbrannt.
Er hatte mir versprochen, mich nur auf meinen Wunsch zu berühren.
Oder er dachte mit Abscheu daran, wer mich sonst noch berührt hatte.
Ich wollte weglaufen, aber das Versprechen, das ich Atlind gegeben hatte,
hielt mich. Ich erklärte ihm, worum sie mich gebeten hatte.
Er nickte schweigend, dann räuspert er sich.
„Proximo lässt dir sicher eine eigene Zelle geben. Du musst das nicht tun.“
meinte er.„ Du bist viel wertvoller für ihn als er gedacht hat. Deshalb habe
ich ihm vorgeschlagen, er solle den Gallier zu dir bringen. Du bist sicherer
davor verkauft zu werden, sollte mir etwas geschehen. Und du wirst mehr
geachtet von den Männern. Du hättest dich weigern können, aber ich wusste du
bist zu klug dafür. Und es ist nicht deine Art Verwundete sterben zu lassen,
ohne einen Versuch sie zu retten.“ Er lächelte mich an. „Ich wusste, du
würdest es tun.“
Ich überlegte kurz, dann brachte ich den Einwand, dass sein Abkommen mit
Proximo an Glaubwürdigkeit verliere.
Er nickte erneut. “Daran habe ich gedacht. Du läufst wenig Gefahr einem
anderen zugeteilt zu werden, jetzt wo du von anderem Nutzen bist. Ich
überlasse es dir.“
Er blickte zu Boden, atmete tief ein.
Ich war überzeugt, dass es ihm unangenehm war. Dass er mich nachts nicht
in seiner Nähe wollte, um nicht an die Zeit in Germanien erinnert zu
werden, nicht an das, was uns voneinander entfernt hatte. Nicht daran, wie
viele mich nach ihm gehabt hatten.„Ich werde ihn morgen fragen.“
Mir war zum Weinen, ich hatte ihm nicht einmal sagen können, dass er mir
noch immer viel bedeutete. Ich fühlte mich leer und tot, wollte nur noch
fort.
Bevor ich die Stufen zum Hof hinab erreichte, rief er mir nach.
„Berane , sprich mit mir! Was hat dich so verändert? Ich war so glücklich,
als ich dich erkannt habe und nun sind wir uns so fremd geworden. Was habe
ich getan, oder habe ich dich durch mein rücksichtsloses Handeln verloren,
an dem Abend nachdem du angekommen bist? Ist es nur das? Ich habe dir ein
Versprechen gegeben und werde es halten. Ich habe vorhin nur einen Moment
nicht aufgepasst. Bitte, geh nicht so. Oder bin ich dir gleichgültig
geworden? Wenn es so ist, dann geh.“
Er war aufgestanden, seine Stimme klang bittend und so traurig, dass sie
mich nun doch zum Weinen brachte. Ich konnte mich nicht bewegen. Er kam zu
mir.
„Nicht weinen.“ murmelte er.
„Es gibt Zeiten für Tränen.“ sagte ich auf Germanisch. Die Worte meiner
Mutter kamen mir wieder in den Sinn. Er verstand mich natürlich nicht.
Ich wiederholte es in seiner Sprache. „Sag mir warum du weinst.“ bat er
mich.
„Weil ich dir Schmerz mache. Weil ich andre Worte sagen will und nicht
kann. Weil ich jetzt anders bin und nicht gut.“
Er runzelte die Stirn. “Nicht gut? Anders? Ich verstehe nicht.“
Ich verfluchte mein Unvermögen mich besser auszudrücken.
„Ich kann es nicht sagen, zu schwer. Du bist nicht egal für mich.
Nicht mehr fremd. Aber ich bin anders. Viele Männer. Mein Herz ist krank.“
Sein Gesicht bekam einen ungläubigen Ausdruck. Er bat mich, mich wieder zu
setzen. Ich folgte seinem Wunsch.
„Berane, ich will verstehen, was du meinst. Ich kann nicht glauben, was du
da andeutest. Du fühlst dich schuldig , weil du zu etwas gezwungen
warst, dass du nicht verhindern konntest?? Glaubst, dass du nicht mehr gut
bist, weil dich diese Erlebnisse daran hindern auf mich zu reagieren wie
damals?“fasste er zusammen. Ich nickte nur, sah verlegen zur Seite.
Er legte die Hände vors Gesicht, seufzte tief auf.
“Was soll ich sagen. Ich dachte, es läge vor allem daran, dass ich mich
verändert habe. Dass du Angst hast, ich würde dich noch einmal bedrängen.
Deshalb versprach ich dich nicht mehr zu berühren. Was dir geschehen
ist, ist nicht deine Schuld. Auch nicht, dass du so empfindest. Es braucht
Zeit. Es wird wieder anders werden, glaub mir. Viele Frauen erleben es so.
Wenn Männer dumm sind, verstoßen sie sie. Hältst du mich für dumm?“
Ich lauschte ihm angestrengt, um ihn zu verstehen.
„Nein.“ erwiderte ich schließlich. Er sah eine Weile in den Himmel, dann
schaute er mir in die Augen. „Würdest du so von mir denken, wenn ich an
deiner Stelle wäre?“ Ich sah ihn verständnislos an.
„Ich weiß nicht. Männer sind anders.“erwiderte ich ratlos. Ich konnte ihm
nicht folgen.
Er schwieg lange, schein mit sich zu kämpfen, dann begann er wieder zu
reden.
„Ich werde dir etwas erzählen. Ich habe es niemandem gesagt und du musst
mir versprechen es für dich zu behalten. Es ist eines der schlimmsten Dinge,
die mir widerfahren sind. Dann sag mir, ob ich mich deswegen schuldig oder
‚nicht gut’ fühlen muss.“
Ich sah wie seine Hände sich zu Fäusten ballten, als er zu sprechen begann.
Ich folgte seinen Worten mit Entsetzen, Wut und Mitleid.
Ich konnte nicht glauben, dass ihm so etwas passiert war. Ich wusste von
solchen Dingen. Dass es ihm widerfahren sein sollte und auf solche
Art, erregte Übelkeit in mir. Es fiel ihm sichtlich schwer davon zu
sprechen.
Als er geendet hatte, sah er zu Boden. “Nun?“ fragte er.
Ich begann den Kopf zu schütteln. Ich konnte nichts sagen. Er sah mich an.
„Ich glaube dir. Und was ist anders, nur weil du es warst und es dir
mehrmals zugestoßen ist?“ Ich zuckte hilflos mit den Schultern.
„Männer sind anders.“„Nein. Mein Herz ist auch krank. Ich fühlte nichts
mehr. Nicht wegen dem, es hat nur dazu beigetragen. Mein Herz ist krank,
weil ich meine Familie nicht retten konnte, weil sie tot sind und alles, was
mir etwas bedeutet hat. Dass du wieder da bist, hat wiedererweckt was
zwischen uns war. Hat mich wieder fühlen lassen wie ein Mann. Es war
überwältigend wieder so zu empfinden, deshalb habe ich deine Ablehnung nicht
gespürt. Hätte ich es gewusst, es wäre nicht geschehen. Ich würde nie etwas
gegen deinen Willen tun.“
Erst jetzt verstand ich, warum er es mir erzählt hatte.
Er hatte keinen Abscheu vor mir, weil mir Gewalt angetan worden war.
Er sah nichts Schlechtes in mir, weil ich mich ihm nicht hatte hingeben
können.
Er empfand Schmerz und Zorn und Trauer wie ich, auch wenn er es nicht
zeigte.
“Es wird anders werden. Es braucht nur Zeit. Anfangs wollte ich nur
sterben. Heute will ich leben. Solange noch bis es vorbei ist.“
Ich wagte nicht zu fragen, was er damit meinte. Ich verbrachte die nächste
Nacht bei ihm. Juba war einverstanden in Hagens Zelle zu schlafen.
Sie stand jetzt leer, da die beiden Männer aus Britannien, die sie mit ihm
geteilt hatten, die letzten Spiele nicht überlebt hatten.
Maximus ließ sich nicht anmerken, ob er
enttäuscht war, dass ich sein Lager nicht mit ihm teilte. Ich nahm mir die
dritte, bisher unbenutzte Pritsche im Raum. Sie stand am anderen Ende der
Zelle.
Mein Tag war angefüllt mit Behandlungen. Es gab immer Schnitte, Prellungen,
Verbrennungen, Durchfall, Entzündungen, Beschwerden ,die sich die Männer bei
Huren eingehandelt hatten oder alte , nie richtig verheilte Wunden.
Ich musste ständig für Ersatz an Heilmitteln sorgen. Proximo schickte mich
fast täglich verschleiert mit zwei Wachen zum Markt, um sie auszuwählen, da
keiner von den Freien etwas davon verstand.
Oder ich ging zu Atlind in die Küche, leistete ihr Gesellschaft, arbeitete
mit.
Es war wohltuend zu sehen, wie sie an Mut und Kraft gewann, seit sie mit
Hagen zusammen war. Er war ihre Heimat geworden. Ich beneidete sie.
Wenn ich nachts wach lag und Maximus regelmäßigem Atem lauschte, überkam
mich manchmal das Verlangen einfach zu ihm hinüber zu gehen und mich zu ihm
zu legen. Aber ich fürchtete ihn damit zu quälen.
Oder erneut Missverständnisse heraufzubeschwören.
Einige Tage nachdem ich in Maximus Zelle
übersiedelt war, fragte ich ihn ob ich neben ihm schlafen könne. Ich wollte
ihm damit beweisen, dass ich ihm vertraute und keine Scheu hatte in seiner
unmittelbaren Nähe zu sein.
Er sah mich überrascht und erfreut an, schob unsere Pritschen zusammen.
Maximus schlief nackt bis auf das Hüfttuch, dass die Männer hier unter dem
Kaftan, wie sie das lange, leichte Hemd nennen, tragen. Er war so lange in
meiner Heimat gewesen, dass ihm niedrige Temperaturen nichts mehr
ausmachten. Die Nächte waren trotz der Hitze des Tages oft kühl.
Ich entdeckte einige neue Narben an ihm, viele nicht versorgt, was man an
den wulstig verwachsenen Wundrändern erkennen konnte.
Ich behandelte sie soweit es noch Sinn machte. Umschläge mit dem Inneren der
Aloe lassen Verhärtungen schwinden und machten die Narben flacher und
weniger verunstaltend. Er zeigte keine erkennbare Regung, dankte mir nur.
Maximus gehört zu den samitischen
Schwertkämpfern mit leichter Rüstung und Helm und einem mittelgroßen Schild.
Hagen und Juba gleichfalls. Es gibt noch mehrere Retiarii, mit einem langen
Dreizack und einem bleigefassten Netz, sowie den Typ des Myrmillo, ein
schwerer gepanzerter Schwertkämpfer mit langer Armschiene. Bei den Spielen
hatte jeder seine eigene Ausrüstung und spezielle Waffen. Er erzählte mir
von seiner ersten Zeit hier, seinem ursprünglichen Wunsch sich einfach töten
zu lassen.
Die Wunde am Oberarm war nach meinem Verschwinden erneut aufgebrochen und
hätte ihn getötet, wenn die Sklavenhändler ihn nicht gefunden hätten.
Es wäre ohnehin sein Schicksal gewesen und nichts anderes hatte er in dem
Moment gewollt, als er Frau und Sohn begraben hatte. Er konnte es mir nicht
erklären, was ihn gehindert hatte, aber er brauchte es auch nicht.
Ein Mann, der so lange Soldat gewesen war, lässt sich nicht einfach
abschlachten, es ist nicht seine Art, entspricht nicht seinen lang
trainierten Instinkten. Er verbarg etwas vor mir, wenn wir über die
Kampfspiele sprachen.
„Ich wollte sterben, heute will ich leben. Solange noch bis es vorbei ist.“
Ich konnte nachempfinden, was in ihm vorgegangen war. Ich erinnere mich noch
immer an das wortlose Grauen, als Baldur und ich seinen Vater und seine
Schwester erhängt beim Feldlager entdeckt hatten.
Man will schreien, aber es kommt kein Ton aus deiner Kehle, der Schmerz ist
so unglaublich, man kann nicht atmen.
Man will die Augen schließen und aus diesem bösen Traum erwachen, aber er
verschwindet einfach nicht. Meine Eltern waren schon bestattet, als ich es
erfuhr, sie starben keines natürlichen Todes, waren bei einem Brand
erstickt.
Solche Dinge passieren, es ist einfacher zu akzeptieren als die sinnlose
Gewalt, der Germund und Arnhild zum Opfer gefallen waren.
Oder die brutale Willkür, die Maximus Frau und Kind das Leben gekostet
hatte.
Später, irgendwann kann man weinen, kann trauern und der Schmerz wird
erträglicher, nach und nach, bis er zu einer Narbe in deinem Herzen
zusammenschrumpft, wie eine alte Verletzung, die man ab uns zu spürt.
Ich sehnte mich danach ihm den Schmerz erträglicher zu machen.
Er gab sich die Schuld, trug sie förmlich mit sich herum. Sein Schicksal
Sklave zu sein und mit Kampf und Mord anderen zur Unterhaltung zu dienen,
sah er als eine Art Buße.
„Ich sehe dich von der Kälte in die Hitze gehen. Du wirst finden um
zu verlieren. Du wirst morden.“ Auch ich hatte getötet.
Einiges was Edred mir aus den Runen gelesen hatte, war eingetroffen.
Sie hatte mir auch gesagt, es sei nicht zu verhindern. Ich hatte mehrfach
gegen meinen Verstand entschieden. Ich hatte einen Feind gerettet, war
losgezogen, um etwas über sein Schicksal zu erfahren anstatt bei Gunthar zu
bleiben.
Jetzt nachdem sich unsere Wege auf so unerwartete Art wieder gekreuzt haben,
glaubte ich ihren Worten. So schlecht meine Lage als Sklavin war, diese
Entscheidungen hatten mich hierher gebracht. Mein Stand und Wert war
gestiegen durch den Zwischenfall mit dem Gallier und den Nutzen für Proximo.
Selbst Arenakämpfer können die Freiheit erlangen, wenn sie lange genug
überleben. Proximo selbst war einer gewesen.
Maximus Andeutungen, dass er bis zu einem bestimmten Punkt den Willen habe
zu überleben, machte mir Angst...solange bis es vorbei ist...
Seine Antwort, als ich ihn danach fragte, erschreckte mich. Und sie ließ
mich ihn in einem neuen Licht sehen. Ich hatte in Germanien einen Verletzten
gepflegt, der sich bald als dankbar und vertrauenswürdig erwiesen hatte.
Einen Mann, der Prinzipien und Ehre hat, zu tiefen Gefühlen fähig schien.
Das war noch immer so, jedoch war sein einziges Ziel Rache.
Nicht überleben, um ein anderes Leben beginnen zu können.
„Es ist das einzige was mich hat überleben lassen. Ich will den Mann, der
für den Tod meiner Familie verantwortlich ist zur Rechenschaft ziehen. Mehr
will ich nicht.“ erwiderte er auf meine Frage.
„Du weißt, wer er ist?“
Er nickte, weigerte sich mehr preiszugeben.
„Es könnte dich in Gefahr bringen.“
Rache. Auch ich hatte Genugtuung verspürt, als ich erfuhr dass er die beiden
anderen Deserteure getötet hatte. Es hatte mir nicht geholfen, die Wunden
nicht heilen lassen. Nur eine Moment der Befriedigung, der schnell verging.
Bei ihm war es mehr, als das Unrecht, dass er sühnen wollte. Er wollte sich
von seiner Schuld befreien, indem er Rache nahm. Er hatte mir in Germanien
erzählt, dass er dem neuen Führer die Gefolgschaft verweigert hatte. Ich
wusste nicht warum, seine Gründe waren sicher rechtschaffener Natur
gewesen.
Aber er hatte seinen Stolz bitter bezahlen müssen.
Er war Heerführer in Germanien gewesen. Als ich diesen Gedanken verfolgte,
war offensichtlich, dass nur jemand über ihm die Anweisung gegeben haben
konnte.„... nur der Kaiser konnte mir befehlen.“
Egal welche Entwicklung es nehmen würde. Er würde dabei sterben.
Entweder irgendwann in der Arena oder bei dem Versuch Rache zu nehmen.
Maximus war weder wahnsinnig geworden, noch war er unrealistisch.
Er musste eine Möglichkeit sehen, sonst hätte Vergeltung nicht so im
Mittelpunkt seines Denkens gestanden oder er wäre nicht mehr am Leben.
Dass ich ihn nur gefunden haben sollte, um ihn sterben zu sehen,
schockierte mich. Es war so sinnlos.
In meiner Verzweiflung wagte ich zu fragen, ob er glaube, dass seine Frau
seinen Tod gutheißen würde als Preis für eine Vergeltung, die weder sie noch
das Kind zum Leben erwecken, noch ihm sein früheres Ansehen wiederbringen
könnte. Einen Moment glaubte ich, er würde mich schlagen.
In seine Augen flammte etwas auf, dass mich vor ihm zurückweichen ließ.
Dann hatte er sich wieder in der Gewalt.
Seine Stimme war ungleich sanfter als seine Worte.
„Berane, ich denke nicht so. Nichts bringt sie zurück. Und nichts wird mich
abhalten Rache zu nehmen. Auch du nicht. Ich kenne dich gut genug, um zu
wissen, dass du mich nicht verletzen willst. Aber sprich nie wieder so
darüber. Akzeptiere es. Oder nicht. Es wird nichts ändern.“
Einen Tag lang verfluchte
ich den Morgen, an dem ich ihn entdeckt hatte.
Diesen kalten, nebligen Morgen mit dem Geruch von Krieg, Gewalt und Tod.
Hätte ich ihn sterben lassen, wäre sein Weg längst zu Ende.
So quälte er sich weiter und weiter... solange bis es vorbei sein würde.
Tags darauf erschienen mir diese Sichtweise töricht.
Die Vergangenheit hatte mich gelehrt, dass manches sich ganz anders
entwickelt, als man ahnen kann. Warum sollte es nicht auch für ihn so sein?
Die Zeit würde auch seine Wunden heilen. Geduld war nie meine Stärke
gewesen. Nun hatte ich die Gelegenheit sie dazu werden zu lassen.
Manchmal denke ich, Freya hat ihn zu meiner Prüfung auserkoren.
Nemesis.
So nennen es die Griechen.
Da es nachts für mein
Empfinden recht warm blieb, schlief ich in meinem Untergewand aus dünnem
Leinen. Atlind und ich hatten einige Kleider zum Wechseln bekommen und ich
hatte uns Brustbänder und Stoff auf dem Markt gekauft von dem Aureus, den
Lentulus mir für die Behandlung Aninas heimlich zugesteckt hatte.
Ich blickte im Halbdunkel der Zelle auf Maximus sonnenverbrannten Rücken,
während ich versuchte einzuschlafen. Jede Nacht fragte ich mich dasselbe.
Wann würde ich das Verlangen spüren zu ihm zu gehen, um ihm das zu geben,
was ihn am ehesten von seiner Todessehnsucht heilen würde?
Sein Körper war klüger gewesen als er. Das Fleisch will leben, nichts
anderes.
Es hatte ihn überwältigt, sich vergessen lassen. Es konnte wieder passieren
und jedes Mal würde ein Stein aus der Mauer fallen, die er um sich errichtet
hatte.
Solange bis es vorbei war. Dieses Verlangen nach Rache.
Oder schwach genug, es vergessen zu können.
Bis der Hunger nach Leben stärker sein würde als Schuld und Trauer.
Ich fiel in einen
leichten Schlaf, erwachte immer wieder. Wahrscheinlich war es der Vollmond.
Er hält mich oft wach. Als es zu dämmern begann, klopfte jemand an die Tür.
Ich erhob mich, öffnete. Es war eine der Wachen. Ich hatte dem Mann
kürzlich eine Salbe für eine Entzündung gemischt, die Folge eines Besuchs
im nahen Bordell der Matidia war.
Ich solle schnell kommen, Proximo sei krank. Er habe Fieber und befohlen
mich zu holen. Rasch zog ich mich an, band mein Haar zusammen und eilte mit
der Wache durch den Innenhof zu dem Bereich meines Besitzers.
Ein prachtvolles schwarzes Pferd, ein Hengst war an einer Säule das
Rundgangs angebunden.
Es trank aus einem Eimer, schnaubte kurz, als ich an ihm vorüberging.
Auf einmal wurde ich an den Handgelenken festgehalten und bevor ich etwas
sagen konnte, drückte man mir einen Knebel in den Mund. Die beiden Männer
kamen mir bekannt vor, schoben mich zum Tor. Sie waren sanft mit mir,
wollten mir offensichtlich nicht wehtun. Ich sträubte mich, begann um mich
zu treten.
Sie zogen mich wortlos weiter. Aus dem Dunkel trat eine kleine, bekannte
Gestalt auf mich zu. Es war Lentulus Batiatus. Ich starrte ihn verwirrt an.
Die Männer waren Wachen, die ich in seiner Schule gesehen hatte.
„Wehr dich nicht, Berane. Ich habe dich gekauft. Das heißt wohl eher
getauscht gegen diesen prachtvollen Hengst. Anina erwartet dich bereits
ungeduldig. Es geht ihr viel besser. Bei mir musst du keinem von diesen
Grobianen zu Willen sein. Du musst nur Anina pflegen. Wenn sie gesund wird,
schenke ich dir die Freiheit.“ schmeichelte er mir verlockend.
„Wehr dich nicht...“ Freiheit. Anina war jung. Vielleicht...
Ich stieg in seine Sänfte. Was sonst hätte ich tun können?
Proximo
Mein Kopf dröhnte noch immer wie eine
Trommel trotz des Aufgusses aus Weidenrinde. Es war schon früher Nachmittag
und der Spanier war noch immer nicht gekommen. Ich begann schon Hoffnung zu
schöpfen, es wäre ihm gleichgültig, als Sephrem erschien und mir die
Nachricht brachte , der Spanier wolle mit mir reden. Ich sagte ihm, er solle
ihn am Abend zu mir bringen.
Bis dahin musste ich mir etwas einfallen lassen. Er ist meine Eintrittskarte
nach Rom. Sonst würde ich niemals solche Rücksicht auf ihn nehmen.
Dass es Batiatus gelungen ist, mich an der Nase herumzuführen, darf nicht
bekannt werden. Wie stünde ich da.... betrogen von einem Päderasten in
Weiberkleidern... mir wird geradezu übel..... Ich werde ihm einfach sagen,
ich habe sie getauscht gegen Hamid. Dass ich den Hengst nicht bekommen
hätte, wenn Batiatus nicht solches Interesse an der Germanin hätte Aninas
wegen.
Dieser Brief von Acon war so erfreulich.
Commodus soll vorhaben ab Herbst Spiele im Colosseum zu Ehren Marc Aurels zu
veranstalten.
Er schreibt von 100 Tagen und davon, dass bereits Vorbereitungen getroffen
werden Kampfschulen aus den Provinzen nach Rom einzuladen.
Dass Verbannungen aufgehoben werden sollen. Was für eine Ironie.
Zu Ehren Marc Aurels, der die Spiele verboten hat...
Endlich wird der Name Antonius Proximo wieder etwas gelten in Rom.
Was mich etwas erstaunt ist der absonderliche Geschmack des jungen Kaisers.
Er scheint ja das Gegenteil seines stoischen Vaters zu sein.
Ich frage mich, welche Rolle die hochwohlgeborene Lucilla dabei
spielt... wenn ich an ihre Mutter, Galeria Faustina denke…kaiserliche Hure
ist der rechte Titel für sie. Welch eine Privileg die Gemahlin des Kaisers
gehabt zu haben. Allerdings teile ich dies wohl mit einer ungezählten Schar
von Gladiatoren und Schauspielern. Armer Marcus, armer Stoiker. Friede
seiner Seele.
Commodus hat eine neue Mode eingeführt. Frauen in der Arena.
Acon schreibt von einer Amazonia. Welch ein Name. Wie aus einem Epos von
Homer. Geschwätziger, sentimentaler Grieche. Wenn du wüsstest was aus Aeneas
Vermächtnis geworden ist.... Panem et circenses ... und vor allem BLUT.
Um von dem Unvermögen des neuen Kaisers abzulenken. Acon war schon immer ein
scharfer Beobachter. Und er hat die rechten Quellen.
Sie ist eine Kriegsgefangene aus Germanien, eine Chattin, die wohl momentan
seine Gunst in der Arena hat. Und wer weiß wo noch. Ich hatte ihn für einen
Päderasten gehalten, aber er scheint beide Seiten zu genießen. Kluger Junge.
Und sie ist nicht allein. Zwei weitere Frauen gehören zu ihrer Gruppe.
Diese Amazonia war angeblich einer der chattischen Heerführer.
Kein Wunder, dass sie verloren haben.
Weiber in der Arena. Die Welt ist wahnsinnig geworden. Sie kämpfen nicht auf
Leben und Tod, noch nicht.
Acon meint sie wäre GUT. Was soll ich davon halten. Wenn Acon von einem
Kämpfer sagte er sei gut, habe ich im geglaubt. Er war nicht umsonst mein
bester Mann. Ich schenkte ihm die Freiheit. Er dankt es mir noch
immer, indem er mich auf dem laufenden hält in meinem Exil.
Vielleicht überleben diese Weiber lange genug, dass ich mich von ihrem
Können überzeugen kann. Was ist es nur, dass sie lieber dem Tod ins Auge
sehen lässt, als sich hinzulegen und das zu tun, wozu sie geschaffen
wurden...
„Wo ist sie?“ Meine Hoffnung es wäre ihm
egal schwand dahin.
Der Spanier kam schnell zur Sache, das muss ich ihm lassen.
Und er wirkte nicht gerade begeistert.
„Batiatus hat mir den Hengst für sie gegeben. Ich will ihn schon seit
Jahren.
Seiner Tochter geht es besser, seit sie von ihr behandelt wurde.
Ich werde dir eine andre kaufen. Es ging alles so schnell.“
Ich versuchte gelassen zu klingen, aber das mörderische Funkeln in den Augen
des Spaniers machte es mir nicht leicht.
„Warum verkaufst du sie? Sie ist hier von größerem Nutzen für dich.“
Er beherrschte sich, ich hörte es an seiner Stimme.
„Weil ich es so wollte. Weil ich es kann. Und weil ich mich so entschieden
habe.
Ich werde für Ersatz sorgen. Mehr habe ich nicht zu sagen.“
Der Spanier begann leise zu lachen. Ich fuhr wütend herum.
„Er hat dich überrumpelt.“ kam es klar und deutlich aus seinem Mund.
„Woher willst du das wissen?“ fragte ich verblüfft und wütend.
„Ich weiß es. Du wolltest ihn betrügen, jetzt bist du der Geprellte.“
Ein widerlich überlegenes Grinsen lag auf seinem sonnenverbrannten Gesicht.
„Du wirst sie zurückholen, oder ich mache dich zum Gespött.
Und ich werde nicht mehr antreten.“ teilte er mir mit.
„Du wagst es nicht...“ drohte ich ihm. Ich wusste, er würde es tun.
„Es wird ihr dort gut gehen. Was hast du nur mit diesem Weib?? Sie ist weder
besonders schön, noch jung. Sie teilt nicht einmal dein Bett.“
„Woher willst du das wissen?“ fragte diesmal er.
Seine Züge verloren plötzlich ihre Selbstgefälligkeit, wirkten geradezu
bestürzt.
„Ich weiß es.“ äffte ich ihn nach. Einen Moment dachte ich, er geht mir an
die Gurgel, wollte schon die Wache rufen. Dann nahm er sich wieder zusammen.
„Du lässt mich bespitzeln.“ knurrte er.
„Ich habe meine Quellen, wie du deine.“ frotzelte ich.
„Du hast sie schon vorher gekannt. Es war nicht schwer zu erraten, nachdem
du mir den Hinweis gegeben hast. Ja, Batiatus hat mich betrogen. Er wird sie
nicht mehr hergeben. Was erwartest du?“
Die Lippen des Spaniers waren zu einem harten Strich zusammengepresst.
„Zwinge ihn dazu, sie einmal die Woche herbringen zu lassen. Du hast doch
sicher ein Druckmittel, ihn zu erpressen. Verweigere ihm die Wetten. Mach
deinen Einfluss geltend.“
„Wenn du mir sagst, warum du so versessen darauf bist, versuche ich es.
Nicht deinetwegen. Batiatus hat mich gedemütigt, das lasse ich mir nicht
bieten. Aber du musst darüber Schweigen bewahren, sonst rühre ich keinen
Finger.“
verlangte ich. Er nickte mürrisch. „Erwartet sie ein Kind von dir? Ist es
das?“
„Nein. Ich stehe in ihrer Schuld. Sie hat mir einmal das Leben gerettet und
mir sehr geholfen.“ Er sah bedrückt zu Boden. Ich begann zu lachen.
„Ich hätte es wissen müssen. Es konnte nur so etwas sein, wenn es um dich
geht. Ehre, Schuld.“ meinte ich spöttisch.
Er blitzte mich zornig an, die Fäuste geballt, schluckte offensichtlich
seine Wut mühsam hinunter.
„Ich werde Batiatus zwingen, sie einmal die Woche herzuschicken, damit sie
euch behandelt. Mehr wird er mir sicher nicht zugestehen. Vielleicht wird
seine Tochter gesund, dann braucht er sie nicht mehr. Jetzt geh! Ich gestehe
dir mehr zu, als die Sache verdient. Wenn ich nur einen Ton zuviel von dir
höre, kannst du es vergessen.“ Damit schickte ich ihn fort.
Er hatte diesmal nicht das letzte Wort wie sonst.
Das machte mir den bevorstehenden Bittgang zu Lentulus weniger sauer.
Maximus
Ich war allein erwacht. Ich schöpfte erst
Verdacht, als Atlind mich fragte, wo Berane sei. Niemand hatte sie an diesem
Morgen gesehen.
Gegen Mittag war sie noch immer nicht aufgetaucht.
Einer der Küchensklaven verriet ihr, dass Batiatus gestern bis weit nach
Mitternacht zu Gast gewesen war, da er mehrmals Wein zu Proximo gebracht
hatte. Eine der Wachen hatte gesehen, wie sie fortgebracht wurde.
Als Atlind ihm am Mittag das Essen zuteilte, erzählte er ihr was geschehen
war, aus Dankbarkeit dafür, dass Berane ihn vor ein paar Tagen behandelt
hatte.
Wenig später erfuhr ich es von Hagen. Ich bezähmte meinen Zorn, ersuchte
sofort um ein Gespräch mit meinem Besitzer.
Wir schätzten uns gegenseitig ab und ich spielte mein übliches As aus.
Es wirkte noch immer bei ihm. Ich ließ ihm das letzte Wort , um die
Verhandlungen mit Lentulus nicht zu gefährden, ihn bei Laune zu halten.
Es ist eine große Genugtuung für ihn mich hin und wieder beherrschen zu
können. Zugeständnisse meinerseits waren stets ein Triumph für ihn.
Ich weiß, insgeheim beneidet er mich. Er sieht sich selbst in mir, vor 20,
25 Jahren. Jeder Schurke träumt davon wieder ein ‚Held’ zu sein.
Und jeder ‚Held’ ab und zu von einem Leben als Schurke.
Proximo brachte Batiatus tatsächlich so
weit, dass er Berane einmal die Woche für einen Tag herschickte. Die beiden
waren ein Stück weit voneinander abhängig, da sie gemeinsam das
Wettgeschäft kontrollierten.
Ein paar Tage später stand sie plötzlich in meiner Zelle.
Ich erkannte sie erst nicht. Es war früher Morgen und sie stand in der Tür
wie ein Traumbild. Ich muss sie angestarrt haben wie einen Geist. Sie trug
andre Kleidung und ihr Haar war frisiert wie das einer Römerin. Ihre
großgewachsene Gestalt wurde von einem schlichten Kleid aus blaugrüner Seide
umhüllt, das in der Mitte mit Bändern verschnürt ihre femininen Formen
betonte, um die Schultern lag eine Stola aus dunkelroter, feiner Wolle.
Runde Ohrringe und lederne Sandalen ergänzten das Bild. Wenn sie nicht so
wenig Ähnlichkeit mit Selene gehabt hätte, hätte ich geglaubt ein Trugbild
meiner toten Gemahlin zu sehen. Sie hatte ein ähnliches Kleid und eine
ebenfalls dunkelrote Stola besessen, die sie oft getragen hatte. Das Haar
hatte sie tagsüber auch meist hochgesteckt bis auf ein paar Strähnen, die
ihr über die Schultern fielen.
„Maximus...“ begann sie stockend,“ ich wusste es nicht. Glaub mir. Ich habe
versucht dir eine Nachricht zu schicken, aber Lentulus eröffnete mir schon
am nächsten Tag, dass ich heute hergebracht werden würde. Du hast es sicher
am Tag danach von Proximo erfahren.“ Sie hatte die Hände zu mir
gestreckt, als bäte sie mich um Verzeihung, ihre Stimme klang sehr
schuldbewusst.
Ich erhob mich von meiner Pritsche, ging auf sie zu, musterte sie eingehend.
„Ich habe dich fast nicht erkannt. Was ist geschehen..?“ wollte ich
verwundert wissen. Verlegen strich sie über den zarten Stoff des Kleides,
setzte sich auf einen der Schemel. „Lentulus hat mich gekauft, damit ich
seine Tochter pflege. Sie hat darauf gedrängt, dass ich ihre
Gesellschafterin werde, mir diese Kleider und noch vieles andere gegeben.
Ich werde von ihrer Dienerin frisiert, deshalb sehe ich so seltsam aus.“ Sie
verzog kläglich das Gesicht, zupfte an den ungewohnten Locken, die sie gut
kleideten trotz ihres Unbehagens.
„Lentulus legt viel Wert auf diese Dinge, er hat mir die Ohrringe
geschenkt, weil es Anina so gut wie lange nicht mehr geht. Ich hatte keine
Wahl, Maximus.“
erzählte sie atemlos. Dann lächelte sie mich liebevoll an.
„Wenn Anina gesund wird, will er mich freilassen. Ich weiß nicht, ob er
Wort hält, aber es ist ein unverhoffte Möglichkeit.“
Ich starrte sie nur an, schüttelte ungläubig den Kopf.
Sie musterte mich ängstlich, wartete auf eine Reaktion von mir.
Ich setzte mich zu ihr, schenkte mir einen Becher Wasser ein.
Dann musste ich lachen. Sie sah mich erschreckt an.
Ein zarter Duft drang in meine Nase. Diese elegante Römerin war dieselbe in
Leder gehüllte Heilerin, die mich in Germanien vorm Tod bewahrt hatte.
Dieselbe, die wie ein Häuflein Elend hier am Tisch gesessen hatte an diesem
unseligen Abend nach ihrer Ankunft.
„Verzeih,“ bat ich sie ,“es ist so unerwartet, dass du hier bist. Du siehst
so anders aus. Jetzt kann ich verstehen, was du empfunden haben musst, als
du mich wiedergesehen hast. Du siehst nicht seltsam aus. Du siehst aus wie
eine Dame aus gutem Hause.“ stellte ich fest, musterte sie wohlwollend.
Sie errötete, verzog das Gesicht.
„Ich fühle mich unwohl, verkleidet. Nun, ich werde mich daran gewöhnen.“
Sie ergriff meine Hand, drückte sie, lächelte mich glücklich an. „Ich bin
so froh, dich zu sehen. Ich darf einen Tag die Woche herkommen, um euch zu
behandeln.“
Ich sagte ihr nicht, dass ich Proximo darum ‚gebeten’ hatte.
„Auch ich bin froh dich zu sehen. Die Aussicht frei zu werden und dass du so
gut behandelt wirst, ist wunderbar. Das macht es leichter, dass du nicht
mehr hier bist. Atlind war sehr besorgt.“ erwiderte ich, umschloss ihre
Finger mit beiden Händen. Berane nickte betrübt.
„Ich war zuerst bei ihr. Sie hat geweint vor Freude. Zum Glück hat sie
Hagen. Es wäre mir sonst sehr schwer gefallen bei Anina zu bleiben.“ Sie
seufzte.
„So vieles ist geschehen, seit ich hergekommen bin.“
Ihre Augen glänzten verräterisch.“ Bitte, nimm mich in die Arme. Ich habe
manchmal solche Angst, jetzt wo du nicht mehr da bist, wenn ich aufwache.“
bat sie leise.
Sie konnte mir nicht in die Augen sehen, fürchtete noch immer, ich könne sie
abweisen. „Ich werde dein neues Kleid zerdrücken.“ warnte ich sie, versuchte
dabei ernst zu bleiben. Sie sah mich erst verblüfft, dann ärgerlich an,
wollte gerade etwas sagen, als ich sie an mich zog. Die Seide raschelte,
fühlte sich kühl an, als ich sie umschlang. Zunächst rührte sie sich nicht,
dann drängte sie sich erleichtert an mich. Ich schnupperte herausfordernd an
ihrem Hals.
„Du riechst wie Batiatus. Aber zu dir passt es viel besser.“ scherzte ich.
Sie kniff mich in den Arm, schien wieder die Berane zu werden, die ich
gekannt hatte. Die, die selten um eine Antwort verlegen gewesen war, die
mich manchmal so leicht durchschauen konnte. Die, die mich verblüfft,
verwirrt, überrascht und erheitert hatte. Die Berane, deren Zuneigung mich
sprachlos gemacht hatte und deren Hingabe mit das Süßeste gewesen war, dass
ich gekostet hatte.
Dann fühlte ich ihre Lippen auf meiner Wange, drehte mich zu ihr.
Wir küssten uns lange. Ihre Hände streichelten meinen Nacken.
Sanft und ohne sinnlichen Reiz war es ein Kuss zwischen Freunden.
Es war mir genug, denn sie schien nicht mehr zu wollen.
Mit geschlossenen Augen rieb sie die Wange an meinem Bart.
Etwas dass sie gern getan hatte, an das ich mich erinnerte.
Dann erhob sie sich.
„Ich komme wieder, sobald ich kann. Proximo erwartet mich.“ erklärte
sie, dann lächelte sie bedauernd und verließ die Zelle.
In den nächsten Wochen kam sie regelmäßig wie vereinbart.
Wir verbrachten soviel Zeit als möglich zusammen, manchmal nur ein paar
Minuten , manchmal Stunden. Proximos Schule musste alle zwei bis drei Wochen
in die kleine Arena. Er kaufte zwei Neue. Einen Griechen und einen weiteren
Nubier, den Juba unter seine Fittiche nahm.
Berane erzählte mir, dass Anina sie unterrichte.
Sie konnte ein wenig schreiben, zeigte es mir. Ihr Latein wurde von Besuch
zu Besuch besser. Wir tauschten zur Begrüßung und zum Abschied Umarmungen
und Küsse, zu mehr kam es nicht. Ich wartete auf ein Zeichen von ihr.
Als sie nicht wie gewöhnlich eintraf, schickte Proximo einen Boten.
Der kam zurück mit der Nachricht, dass man sie brauche und schicken würde,
sobald man sie entbehren könne. Ein Fieber sei ausgebrochen unter Batiatus
Männern. Das war nichts ungewöhnliches. Als sie eine Woche darauf noch immer
nicht erschienen war, brach Proximo selbst auf zu einem Besuch.
Er kam noch am Vormittag zurück. Seine Miene verhieß nichts gutes, als er
mich in seinen Räumen empfing. Er trank Wein und lief aufgebracht im Zimmer
umher.
Dann setzte er sich und sah mich mit einer beunruhigenden Mischung aus Ärger
und Bedauern an.
„Dieser perverse Mistkerl ist begnadigt worden. Schon vor Wochen. Er hat
sich aus den Staub gemacht mit seinem ganzen Anhang. Bestimmt nach Sizilien
in seine Heimat. Dort hat seine Familie noch ein Landgut. Mit dem Erlös aus
dem Verkauf der Männer kommt er ohne Probleme bis dorthin. Ein paar
Gladiatoren hat er hier gelassen, den Rest wird er wohl in den Circus
verkaufen. Im Herbst finden im Colosseum Festspiele statt, der junge Kaiser
hat auch mich in einem Schreiben auffordern lassen, teilzunehmen. Er braucht
alle Schulen in den Provinzen, wenn er drei Monate lang das Volk unterhalten
will. Der Hurensohn ist einfach verschwunden. Die Schule steht leer. Ich war
in Zucchabar, habe mich umgehört. Dort habe ich es erfahren.“
Ich brauchte die Frage nicht auszusprechen. Er las sie aus meinem Blick.
„Deine Medica hat er mitgenommen.“ |