II
Es war schon nach halb
neun, als ich mich aufraffte Bobs Einladung nachzukommen. Das‚Pub’ war
tatsächlich eine Kneipe im Stil eines Irish Pub, wo viele Biersorten, unter
anderem auch Europäisches ausgeschenkt wurde.
Es lag fünfzehn Gehminuten von meiner Pension weg.
Frauen waren zwar in der Minderheit, aber es waren immer ein paar da.
Der Ton war rau, aber nicht taktlos oder ordinär. Im anderen Fall hätten
mich dort keine zehn Gäule ein zweites Mal hinbekommen.
Um Bob keine falschen Hoffnungen zu machen, ging ich so wie ich auf der
Auktion gewesen war. Er strahlte trotzdem.
„Wein, wie sonst oder kann ich dich heute zu einem Bier überreden?“
„Wenn es ein anständiges light gibt hier. In deinem Interesse, Bob.
Richtiges Bier ist ein Narkotikum für mich.“ Er bellte dem Barkeeper die
Order zu, während ich mich setzte. Kaum eine Minute später stand ein
eiskaltes Heineken light im Glas vor mir. Die Männer tranken aus der
Flasche, wenn es kein gezapftes war, die Damen bekamen alles im Glas. Fand
ich gut, denn ich trinke nicht gern aus der Flasche.
Ich grinste bloß, als Bob sich malerisch schüttelte, während ich mir den
ersten Schluck genehmigte. “Das ist echt ok. Danke, Bob.“
Es war ziemlich leer hier für die Zeit. Um Mitternacht musste man die letzte
Bestellung machen und gegen zwei schmissen sie die ganz Sturen dann raus.
„Wie hat dir die Auktion gefallen? War es interessant für dich?“ wollte er
wissen.
Ich prostete ihm zu. “Nun, es war auf alle Fälle interessant.“
Wir plauderten ein wenig. Wie die Geschäfte im Markt gingen und dass wohl
bald das Wetter umschlagen würde. Aber bis nächsten Sonntag wird es wohl
halten.
„Du wolltest doch nach Hobart. Oder hast du es dir anders überlegt?“ wollte
Bob wissen. Hin und wieder musste ein Satz wiederholt werden wegen des
Dialektes.
Die ersten beiden Tage hatte ich auf Anhieb fast nichts verstanden.
Die Aussies verwaschen ihr Englisch dermaßen, von den Kürzeln zu schweigen.
Inzwischen hatte mein Ohr sich dran gewöhnt. Ich trank noch ein Heineken
light, dann schwenkte ich auf meinen üblichen Wein mit Wasser- Mix um.
Bob zog mich damit auf, wie die Abende davor.
„Schon die Römer und Griechen tranken den Wein verdünnt. Und was für Römer
und Griechen gut ist, ist mir recht. Es bekommt mir einfach besser und
schont das Portemonaie.“ fügte ich sachlich hinzu. „Ist das eine deutsche
Tugend?“ frotzelte Bob. „Das Sparen oder die gesundheitlichen Aspekte?“
„Beides.“
„Ich dachte ihr seid hier recht konservativ. Würde es dir besser gefallen,
wenn du mich besoffen in die Pension karren müsstest?“ stichelte ich.
Er zog die Achseln hoch. „Eigentlich nicht. Andrerseits..“ Ich stutzte.
„...würdest du vielleicht einmal dein wahres Gesicht zeigen.“ rutschte es
ihm raus. Ein ungutes Gefühl bemächtigte sich meiner.
Angriff ist die beste Verteidigung.
„Was macht dich so sicher, dass ich es verberge?“ Was dann kam war wie ein
Guss aus einem Eimer mit Eiswasser. Bob lächelte wissend.
„Anderen gegenüber warst du nicht so zurückhaltend, habe ich gehört. Versteh
mich nicht falsch, ich weiß Temperament und Leidenschaft bei einer Frau zu
schätzen, das soll kein Vorwurf sein.“ Ich starrte ihn an.
“Und?“ versuchte ich Zeit zu schinden, um meinen Schock zu verbergen.
Also doch.
Luke.
„Was ist dir zu Ohren gekommen?“ fragte ich betont gelassen.
Er hob abwehrend die großen Hände.
„Nichts, was mir nicht gefallen hätte. Oder dir peinlich sein müsste. Ich
wüsste nur gern woran ich bin.“ gestand er ein. “Sprich, ob ich gewillt bin
die Unkosten abzu.. ähemm arbeiten.“ Bob merkte, dass er in einer Sackgasse
gelandet war.
„Luv, bitte, so meine ich das doch nicht.. ich mag dich... wirklich...“
versuchte er mich zu besänftigen. Er war sichtlich beunruhigt.
Der Abend war für mich gelaufen. Dieses Arschloch.. vermutlich hatte er ihm
alles haarklein erzählt..
’Ja, Kumpel, versuch’s mal bei der. Die weiß, wie’s geht. Geht ab wie
Schmidts Katze.’
„Hat Luke dir auch erzählt wie sauer ich war, weil er mir verschwiegen hat,
dass es eine Mrs. Luke gibt? Und dass nie was gegangen wäre, wenn ich es
gewusst hätte?“ Er zog nur betreten die Brauen hoch.
„Ihr seid echte Kumpel nicht? Du hältst dicht bei seinen Affären und er
schanzt dir das brauchbare Material weiter. Ihr könnt echt stolz auf euch
sein.“
Ich war während meines Monologs aufgestanden, hatte einen Hunderter
rausgeholt und knallte den auf den Tisch.
„Den Rest kannst du behalten, ich hoffe es deckt die bisherigen Unkosten.“
fauchte ich den verdatterten Bob an und verließ hocherhoben Hauptes das Pub.
Murmeln begleitete mich. Erst jetzt bemerkte ich Unnahbar am hinteren
Ecktisch im Seitenraum. Von dort wo ich gesessen hatte, war er nicht zu
sehen gewesen.
Eine Viertelsekunde sah ich ihm schockiert in die Augen.
Am liebsten wäre ich im Boden versunken.
Wütend und den Tränen nahe stapfte ich mühsam beherrscht in Richtung meiner
Unterkunft. Morgen würde ich nach Hobart verschwinden. Und möglichst lange
bleiben. Wenigstens bekam ich so meinen Hintern hoch.
Auf halber Strecke kam
ich an einem Straßencafe vorbei, das noch offen hatte.
Ein Cappuccino war jetzt das richtige. Ich bestellte drinnen und setzte
mich an einen der fünf kleinen Tische. Es war ein traumhaft schöner, warmer
Abend.
Ich legte den Kopf in den Nacken, betrachtete den fremden Sternenhimmel,
versuchte mich zu entspannen.
Oh, Bob. Warum musste er mir so blöd kommen?
Ich hatte begonnen ihn zu mögen. Er war doch sonst nicht so plump gewesen...
Vermutlich hatte ich das überbewertet. Er war nicht so dumm mich absichtlich
vor den Kopf zu stoßen. Oder doch? Mein Cappuccino kam. Eine Riesentasse und
drei Schokokekse. Ich nickte dem Kellner dankbar zu.
„Alles Ok mit ihnen?“ wollte ein etwas heiserer Bariton in meinem Rücken
wissen. Überrascht wandte ich den Kopf und sah direkt in Unnahbars Augen.
Er schien zu merken, dass ich baff war. “Darf ich mich setzen oder wollen
sie lieber alleine sein?“ fragte er höflich und lächelte mich vorsichtig an.
Er trug den Hut und den Pulli vom Vormittag. Ich nickte nur verwirrt,
merkte, dass das keine Antwort war. „Bitte“ bekam ich heraus, machte eine
schwache Geste zum Stuhl gegenüber.
Er ließ sich ruhig darauf nieder, winkte dem Kellner und deutete auf meine
Tasse.
„Alles Ok mit ihnen?“ wiederholte er. Ich wagte ihn anzusehen, nahm einen
Schluck. „Nein. Aber von wem kann man das schon sagen.“ erwiderte ich
zynisch.
Er neigte anerkennend den Kopf.“ So kann man es auch sehen.“
Seine Bestellung kam. „Gutes Cafe.“ meinte er beiläufig.
„Dem haben sie es gegeben.“ fügte er nach einem tiefen Schluck etwas hämisch
hinzu.
„Sagen sie bloß nicht, sie haben alles mitbekommen??“ fragte ich entsetzt.
Er rieb sich nervös das bärtige Kinn, verdrehte schuldbewusst die Augen.
„Sie waren nicht zu überhören.“ verteidigte er sich. Ich seufzte.
Dann wurde mir bewusst, dass mir ein Mann, den ich für abweisend und
arrogant gehalten hatte, nachgegangen war. Warum? Es gab nur eins.
Ich musste ihn fragen.
“Verzeihen Sie, es ist sehr aufmerksam, dass sie mir gefolgt sind. Aber
warum? Sie kamen mir bisher sehr reserviert vor. Und wir kennen uns nicht.“
Er runzelte die Stirn, ich fürchtete schon, ich habe ihn verärgert.
Er schlug ein Bein über, suchte eine bequeme Position.
Er gefiel mir von Minute zu Minute besser. Nicht überwältigend toll, das
hätte mich abgeschreckt. Ich fühlte mich angezogen. Es verwirrte mich.
„Der Eindruck ist richtig. Ich bin hier der Quoteneremit. Es war Zeit für
meine gute Tat. Eine Touristin vor dem Zugriff der einheimischen Playboys zu
warnen.“ frotzelte er. Es klang gekünstelt.
„Und wo waren sie, als ich sie wirklich gebraucht habe??“ frotzelte ich
zurück.
Er wich mir aus, zwinkerte nervös , klimperte unmännlich mit diesen
unverschämten langen Wimpern als ich ihm in die Augen sah.
„Und woher weiß ich, dass sie nicht auch einer sind, nur mit einer
subtileren Taktik?“ ging ich in die Offensive. Die Selbstgefälligkeit der
Männer hier schien mir mit einem Mal unerträglich. Er betrachtete mich
überrascht und wollte etwas sagen, als ich mein Portemonaie öffnete und
einen kleinen Geldschein auf den Tisch warf. „Bitte, zahlen sie für mich
mit, der Rest ist für den Kellner.
Entschuldigen sie, aber ich habe mich geirrt. Ich möchte doch lieber allein
sein. Danke für ihr Interesse. Gute Nacht.“ verabschiedete ich mich sachlich
und machte Anstalten zu gehen. Er zögerte, dann meinte er, meinen Ton
aufgreifend:
„Keine Ursache. Sie haben einen nicht einzuordnenden Akzent. Woher kommen
sie? Schottland?“
„Deutschland. Von dort, wo sie die teuren Autos mit dem Stern bauen.“
antwortete ich höflich.
„Oh, Stuttgart. Das ist am andren Ende. Ich hatte mal ein Mercedes Cabrio.
War aber nie dort.“
Jetzt war es an mir verblüfft zu schauen.
Er lächelte vor sich hin. „Also dann, gute Nacht“ murmelte ich verwirrt und
suchte schnell das Weite. „Soll ich Sie fahren?“ rief er mir noch nach.
Ich drehte mich um, schüttelte energisch den Kopf.
“Lohnt sich nicht. Aber danke.“ Ein leichtes Nicken von ihm.
Bevor das Cafe aus meinem Sichtbereich verschwand, wagte ich einen Blick
zurück. Er war gegangen.
Völlig verwirrt schloss
ich die Tür auf, ging hinein. Es war kurz nach zehn.
Ich schenkte mir ein Glas Wein ein, trank es auf dem Minibalkon, sah einfach
in den Himmel. Ich schien ihn falsch eingeschätzt zu haben.
Ich schien alle Männer hier falsch einzuschätzen.
Luke. Bob. Unnahbar. Ich musste ihm einen andren Namen geben.
Unnahbar passte nicht mehr.
Ich nannte ihn einfach ‚stranger’.
Fremder.
Gegen neun am nächsten
Morgen verließ ich die Wohnung. Von Melbourne, das sind ca. 80 km, ging am
Nachmittag eine Maschine nach Hobart. Ich ließ mir einen Platz reservieren.
Ich hatte zwei Inlandsflüge über Quantas. Den Jeep wollte ich am Flughafen
abstellen bis zur Rückkehr.
Ich sagte dem Concierge bescheid, dass ich einige Tage weg sein würde.
Dann packte ich dies und jenes zusammen, warf die Tasche in den Toyota.
Als ich am Supermarkt vorbeikam, fiel mir ein, dass ich ein paar Dinge
brauchte und etwas Proviant. Bob war um die Zeit wohl nicht da, und wenn
schon.
Ich legte ein paar Bananen und Kekse in meinen Einkaufswagen und zwei
Flaschen Wasser, sowie ein populäres Journal, vergleichbar mit dem ‚Focus’.
Ich bezahlte und lief auf dem Parkplatz dem Fremden förmlich in die Arme.
Wie immer mit Hut und diesmal ein beiger Pulli. Mir brach der Schweiß aus
bei seinem bloßen Anblick. Außentemperatur 25° C. Ein Kaltblütler.
Allerdings einer, der mein Blut eher wärmte.
Es gab mir einen Stich, als er so unerwartet vor mir auftauchte.
Seine Bergsee-Augen mit den Max- Factor Wimpern wirkten noch etwas
verschlafen. Meine verbarg die Sonnenbrille. Ich war dankbar dafür.
„Guten Morgen“ grüßte er mich. „Der Gang nach Canossa??“
Liebe Güte, historisch gebildet war er auch noch.
Ich stieß ein verächtliches Schnauben aus. “Hätte mich auch gewundert.“
meinte er belustigt.
“Sie scheinen in Aufbruchstimmung zu sein. Gute Heimreise, also.“ fügte er
mit fragendem Ausdruck hinzu.
Ich musste ja sehr abweisend gewirkt haben in dem Cafe.
“Guten Morgen. Freuen sie sich nicht zu früh. Nur ein Ausflug nach Hobart.
Neue Inspirationen.“ erklärte ich. Er lächelte, in seinen Augenwinkeln
bildeten sich viele kleine Fältchen dabei.“ Wer sagt, dass ich mich
freue? Inspirationen könnte ich selbst gebrauchen. Vielleicht bringen sie
mir ein paar mit. Viel Spaß, Fremde.“ Dann wandte er sich dem Eingang zu.
Ich war baff. Als ich
Bobs Van um die Ecke kommen sah, machte ich, dass ich Land gewann. Er hatte
mich gesehen, winkte.
Allerdings war seine Miene eher sauer als erfreut. Er schien zu sagen:
’He, da bist du ja. Wir haben da noch was zu klären.’
Nicht jetzt. Ich wollte erst ein wenig Gras darüber wachsen lassen.
Ich tat, als habe ich ihn nicht gesehen und steuerte Melbourne an.
Drei Stunden später saß ich in der Maschine nach Hobart.
Hatte er mich wirklich ‚Fremde’ genannt, oder hatte ich mir das eingebildet? |