Zweiter Teil

Je mehr Bud sich von der Stadt entfernt, umso mehr gewinnt er den Eindruck, dass die Luft noch drückender, die Sonne noch stechender wird, wenn diese Möglichkeit überhaupt noch bestand. Die Gegend erinnert ihn an Western mit John Wayne oder Henry Fonda – lonesome Cowboy, Wüste, Hitze, Sand, Gestein. Lynn hatte ihm gesagt, dass die Landschaft im Frühling wie verwandelt sei, die kargen, trockenen Flächen einem Teppich bunter Blüten glichen und die fahle Farbe eines gleißenden Himmels sich in ein blitzendes Blau verwandle. Das mochte stimmen, aber war momentan schwer vorstellbar für Bud. Wie, um seine Gedankengänge noch bildlich zu unterstreichen, erblickt er am Horizont zwei Reiter, die sich langsam aus der Staubwolke heraus kristallisieren und quer der Landstrasse, auf der er sich befindet, zustreben. Sie scheinen ihn abfangen zu wollen oder anzuhalten. Diese Vermutung bestätigt sich, als einer der Männer den Arm hebt und ihm bedeutet, den Wagen zu bremsen. Er tut es widerwillig, doch nimmt an, dass die beiden zum Gefolge des alten Hudson gehörten, und irgendwie als Wächter fungierten, so wie damals, in alten Zeiten, als sich die Großgrundbesitzer noch wilde Kämpfe untereinander lieferten. Er grinst bei dem Gedanken und lässt den Wagen ausrollen. Beide Männer tragen Gewehre, was aber nicht weiter ungewöhnlich in dieser Gegend ist. Einer der Reiter gleitet vom Pferd und tippt an seinen breikrempigen Hut. „Tag, Mister!“ Bud nickt, macht sich aber nicht die Mühe, aus dem Wagen zu steigen. Es hat gut an die 40+° und jede Anstrengung oder Bewegung wird bei dieser Temperatur nur zur Qual.

„Haben Sie sich verfahren, Mister?“ Bud misst den Mann, der sich an den Wagen gelehnt hat und den Kopf tiefer neigt, um mit Bud reden zu können. Ein kantiges Gesicht, unrasiert, und Staubbedeckte Kleidung vervollkommnen das Bild des Sprechenden.

„Keineswegs“, gibt Bud emotionslos von sich. „Bin auf dem Weg zur Hudson Ranch. Hab’ etwas zu besprechen mit dem Boss!“ Der Cowboy überlegt kurz und fragt dann zweifelnd: „Schickt Carlos Sie?“ Bud verneint. „Kenn’ keinen Carlos, Mann! Ist privat! Ist es noch weit bis zur Ranch?“ Seine Stimme lässt erkennen, dass er nicht bereit ist, weitere Auskünfte zu geben oder mit dem anderen zu verhandeln. Zum Nachdruck lässt er den Motor an. Der Mann scheint zu zögern, nicht sicher, ob der den Fremden zum Teufel jagen sollte oder ganze einfach den Weg frei zu geben hatte. Er entscheidet sich für das Zweite. „Wir melden Sie dann schon mal an, wenn der Boss sie sehen möchte, was nicht so sicher ist“, lässt er verlauten. „Haben Sie einen Namen, Mister?“

„White“, antwortet der Angesprochene. „Bud White!“ Der andere grinst und zeigt Bud ein paar gelb verfärbte Zähne. „Ahhh“, erwidert er anscheinend ein wenig belustigt. „Der Cop aus LA!“

„Ex-Cop“, berichtigt Bud und hält den Blick des Mannes mit eisiger Stärke fest, bis dieser unwillig die Augen senkt und sich behände auf seinen Gaul schwingt. „Wird noch an die zwanzig Minuten dauern, bis Sie am Ziel sind, White! Wir nehmen den kürzeren Weg, den man aber nur mit einer Pferdestärke schaffen kann!“ Er grinst, belustigt über die eigene Aussage und beide machen sich galoppierend davon. Bud entflieht der Staubwolke, die die Hufe ihrer Pferde hinterlassen und setzt seinen Weg fort. Hudson war also über ihn informiert. War er der Verfasser der Botschaften? Was kümmerte es den Farmer, ob er sich in Bisbee aufhielt, oder nicht? Und da er ja wusste, dass Lynn seine leibliche Tochter war, wie wenig Gefühl diese Tatsache auch bei ihm auszulösen vermochte, warum sollte er sie als Hure betiteln, die er hier nicht dulden wollte? Auf all die Fragen wollte er sich noch heute eine Antwort holen, egal wie, aber einfach, wie einen lästigen Landstreicher, konnte der alte Hudson ihn nicht abspeisen.

Auf einem Hügel steht das Anwesen, taucht plötzlich vor ihm auf, mächtig, wie ein drohender Klotz. Ein sprungbereites Tier, lauernd auf alles und jeden, der sich ihm zu nähern wagte. Für eine Ranch mutete das Ding, dem Bud nicht viel abgewinnen kann, zu pompös an. Eine Anzahl von Holzscheunen und Ställen umgeben das Haupthaus, wie sich davor duckende Hühner. Verbranntes, niedergetretenes Gras verleiht der Ansiedlung einen trostlosen Anblick, wie eben die gesamte Gegend ringsum. Nur wenige Bäume, die sich knorrig und dürr an die einfachen Wirtschaftsgebäude schmiegen, machen das Bild nicht ansprechender. Trotzdem muss Bud, als er sich langsam dem Haus nähert, erkennen, dass emsiges Treiben hier zu herrschen scheint, und das Gebäude in tadellosem Zustand inmitten der Nebengebäude thront. Mexikanische Arbeiter schlurfen über den Hof. Die Vorderfront bietet einen freien Blick auf die Strasse, auf der er gekommen war und die Eingangstür besteht aus massiv poliertem Holz mit glänzenden Beschlägen aus Messing. Auch die Fensterflügel scheinen aus gutem Holz und kunstvoll verziert gefertigt zu sein. Zu einer breiten Veranda führen eine Anzahl von Stufen, und die Überdachung zeugt ebenfalls von sorgfältiger Arbeit. Es ist ein Steinhaus, das weder Sturm noch Zeit vernichten konnte, gebaut für die Ewigkeit. Die Residenz eines Mannes, der glaubte, dass er dem Tod entrinnen konnte und nicht ganz oben auf dessen Warteliste stand. Unbeabsichtigt erscheint ein grimmiger Ausdruck auf Buds Gesicht, der sich vertieft, als der Mann, der ihn bei Hudson anmelden wollte, aus der Tür tritt. „Sie haben Glück, White! Mister Hudson will Sie sehen. Hätte auch gut sein können, dass sie den breiten Weg hierher umsonst gemacht hätten!“ Man sieht dem Cowboy an, dass er ihm liebend gerne die letzte Möglichkeit vergönnt hätte. Was er nicht wissen kann, ist, dass Bud keiner war, der so leicht beigab und sich gesenkten Kopfes wieder in den Wagen schwang um unverrichteter Dinge zurück zu fahren. Buds Fäuste haben ihm nicht nur einmal den Weg zu seinem sich gesetzten Ziel frei geschlagen. Doch es scheint, als sei das diesmal nicht von Nöten. „Na dann“, gibt er ruhigen Tons zur Antwort, „bringen Sie mich zu Ihrem Boss, Mann!“ Er folgt dem Hageren ins Innere des Hauses, durchschreitet aufmerksam die weitläufige Halle, an deren Ende eine geschwungene Schmiedeeisernen Treppe ins obere Geschoss führt. Die Nähe zur mexikanischen Grenze wird auch durch die schwere, schlichte, aber gediegene Holzeinrichtung ausgeprägt spürbar. Sein geübter Blick registriert die zahlreichen Türen, die in die übrigen Räume des Erdgeschosses führen, ein paar Männer die durch die Halle stapfen und ihn misstrauisch mustern, die meisten davon bewaffnet, und er kann Frauenstimmen vernehmen, helles Lachen von weiblichen Bediensteten, die wahrscheinlich für Wohnkomfort und Küche zu sorgen hatten. Der Geruch von Bohnerwachs und der blitzblanke Bretterboden zeugen von der aufwendigen Pflege, die dem Haus zukommt. „Mister Hudson erwartet Sie in der Bibliothek!“ heißt es. Er klopft energisch an eine verschlossene Tür und nach einer heiseren Aufforderung drückt er diese auf und bleibt neben dem Türrahmen stehen, um den Besucher an sich vorbei zu lassen.

„Ist gut, Will, Du kannst uns alleine lassen!“ Die Stimme kommt aus der dunklen Ecke des Raumes und die Tür schließt sich nachdrücklich, während Bud versucht, seine Augen an das Dämmerlicht, das in dem Raum herrscht, zu gewöhnen. Ein Rollstuhl löst sich lautlos aus der Ecke, woher die Stimme kam und rollt in die Mitte des Raumes. Ein mächtiger Ventilator dreht sich fast geräuschlos an der Deckenmitte. Angenehm berührt von der Kühle des Raumes, die er schon empfand, als er das Haus betreten hatte, entspannt sich Bud allmählich. Die dicken Steinmauern hielten die Hitze weitgehend ab. Eine magere Hand, mit Spinnenfüßen gleichen Fingern hebt sich schwach und deutet auf einen der beiden Clubsessel, die vor einem ausladenden Schreibtisch, der dem Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Ehre gereicht hätte, stehen. Die Gestalt rollt hinter dieses riesige Möbelstück, während Bud der Aufforderung, sich zu setzen, nachkommt. Dabei ruhen seine Augen auch weiterhin auf der Gestalt eines Mannes, der hager, aber groß gewachsen und aufrecht in dem Rollstuhl sitzt. Volles, weißes Haar umrahmt den Schädel, der belebt wird von blitzenden, blauen Augen und einem schmalen Mund, der selbst jetzt noch, im hohen Alter von keinerlei Gefühlsregung gezeichnet wird. Die Knie des Mannes sind durch einen karierten Plaid bedeckt und der dünne, fast transparente Sauerstoffschlauch, den Bud erst jetzt entdeckt, und der in die Nase des Alten führt, wird von einer, an der Seite des Stuhls befestigten Flasche genährt.

„Mister Hudson….“ Buds sonore Stimme richtet sich an den Mann, der den Kopf etwas zur Seite geneigt hat und seinen Blick unverhohlen über die imposante Gestalt schweifen lässt.  „Bud White also“, krächzt die heisere Stimme gedehnt, und nicht ohne Belustigung.

Bud füllt die Breite des ansehnlichen Stuhls aus und legt ein Bein über das Knie des anderen. „Wenn Sie sich jetzt die Frage stellen, wie es kommt, dass ich Sie kenne, White, dann sollten Sie gleich vorweg zur Kenntnis nehmen, dass ich über jeden Furz, den jemand  in dieser Stadt macht, informiert bin. Klar Mann?“ Bud zeigt keine Regung auf die eindeutige Erklärung des Mannes, der Lynns Vater ist und der ihre vor vielen Jahren Mutter brutal vergewaltigt hatte. Diese Überlegung lässt ihn die Kiefer spontan aufeinander pressen und die blitzende Verachtung in den aufmerksam blickenden, grün schimmernden Augen entgeht seinem Vis à Vis keineswegs. „Sind Sie gekommen, weil Sie gedenken, bei mir um einen Job zu betteln, White?“

„Sehe ich so aus?“ behält Bud seine Beherrschung trotz verhaltener Wut. „Kommen Sie schon von ihrem hohen Ross herunter, Mann! Sie haben doch ihren Arsch nicht hier heraus bewegt, um ein krankes Individuum wie mich zu besuchen, eine sterbende Larve, wie Sie mit Genugtuung feststellen können!“ Bud strafft sich und hält sich nicht lange mit dem Grund seines Kommens zurück. „Ich komme wegen Lynn“, das Wort seiner Geliebten bleibt im Raume stehen und Hudsons Grinsen wird breiter.

„So, so…“ krächzt der Alte.

„Schon vergessen?“ Hohn trieft von Buds Worten. „Ist zwar schon eine ganze Weile her, und das Intermezzo in der verborgenen Intimität von Stroh und Heu hat sich wohl kaum in Ihrer Erinnerung so festgesetzt, dass Sie sich ohne weiteres daran erinnern, habe ich recht?“

„Eine Stute von vielen“, gibt der Alte ihm süffisant grinsend recht. „Hätte ich mich um das unscheinbare Ding, das Lynns Mutter war, nicht wenigstens das eine Mal gekümmert, hätte die Kleine ins Gras gebissen, ohne jemals das Vergnügen eines männlichen Schwanzes genossen zu haben. Wenn Sie annehmen, dass ihr das Spielchen im Stall missfallen hat, liegen sie falsch, Mister, oder aber, Sie haben keine Ahnung von Frauen!“ Buds Augen werden zu schmalen Schlitzen, aber er hat genug Selbstherrschung, um sich keine Regung anmerken zu lassen. Hudson wollte ihn provozieren, amüsierte sich köstlich dabei, Buds Gefühlsregungen dabei zu beobachten. Diese Masche zog nicht bei ihm, und was sollte er dem Alten, der kurz davor stand, den Hut abzugeben, auch sagen oder ihm antun, um Lynns Mutter zu rächen. Das war ein alter Hut, Lynns Mutter tot und John Hudson, ihr Peiniger und Vergewaltiger, würde ihr in Kürze nachfolgen. Er stand ja bereits schon mit einem Fuß im Grabe! Bud kramt in seiner Jackentasche und befördert die letzte Botschaft, in der Lynn als Hure bezeichnet wird, zutage. Er wirft das Papier dem Alten in den Schoss und lehnt sich in die Polster des Sessels zurück. „Nette Art, seine Tochter als Hure zu bezeichnen“, sagt er sanft und höhnisch zugleich, ohne den Greis dabei aus den Augen zu lassen. Der Mann kramt nach seiner Brille, die in der Brusttasche seiner Pyjamajacke steckt und setzt sie umständlich auf die Nase. Nachdem er die wenigen Worte gelesen hat, spuckt er auf den blanken Boden neben seinem Stuhl und wirft das zerknüllte Papier nach. „Zu den hellsten Cops hat man sie wohl nicht gezählt, was?“ krächzt er Bud verächtlich ins Gesicht. „Welchen Zweck sollte ich wohl verfolgen, so ein Geschmiere zu verfassen, ha, Mann?“ Bud zuckt die Schultern: „Keine Ahnung, interessiert mich auch nicht. Aber egal wer der begabte Verfasser dieses literarischen Textes ist, er sollte sich hüten, diese Art von Nachrichtenvermittlung auch weiterhin anzuwenden. Ich kann sehr unangenehm werden, vor allem, wenn es Lynn betrifft!“

„Wollen Sie mir drohen, Grünschnabel?“ Der Alte scheint wirklich belustigt zu sein und verzieht seinen schmallippigen Mund zu einem hässlichen Grinsen. „Wovor soll ich mich noch fürchten? Und, White, falls Sie es noch nicht wissen, ‚Angst’ ist mir von jeher ein Fremdwort gewesen und das ist bis heute so geblieben! Um auf ihre Verdächtigung zurückzukommen: Das klingt ganz nach dem Reigen der Kirchenchorweiber und Kaffeekränzchentanten! Nach denjenigen, die sich angesichts Heiligenbildern und Kerzen masturbieren! Und dass Sie ein Cop sind, White, das haben die Spatzen bereits am ersten Tag von den abbruchreifen Dächern dieses verdammten Kaffs, das den schönen Namen Bisbee trägt, gepfiffen, bevor sie noch ihren letzten Koffer hier abgestellt hatten! Das ist also für niemanden ein Geheimnis. Außerdem ist jede schöne Frau, und dass Lynn schön ist, davon kann ich wohl ausgeh’n, für andere Weiber eine Hure! Blanker Neid, weiter nichts!“ Der Alte macht nach den vielen Worten eine Pause, röchelt ein wenig vor sich hin und fährt dann fort: „Kein Problem für mich, die Sache in die Hand zu nehmen und zu regeln, White! Und wenn Sie schon einmal hier sind, können Sie Lynn ausrichten, dass ich Sie sehen möchte!“

Bud antwortet, was ihm auf der Zunge brennt: „Ich denke nicht, dass sie den Wunsch hat, Sie kennen zu lernen, Mister Hudson. Und wenn doch, wäre diese Begegnung keinesfalls erfreulich für Sie. Was die anonymen Zeilen betrifft, komme wir sehr gut ohne Ihre Hilfe aus. Ich wollte nur sicher sein, dass nicht ihr eigener Vater dahinter steckt.“ Er nickt dem Mann zu, keinesfalls gewillt, noch länger zu bleiben.

„Ich habe nicht gesagt, dass unsere Unterredung zu Ende ist, White!“ Bud kann sich gut vorstellen, wie sehr die Stimme des mächtigen Mannes in früheren Jahren seine Leute und Untergebenen zum Zittern gebracht hat. Doch nun ist nur mehr ein heiseres, wütendes Kläffen zu vernehmen, nicht unähnlich dem Bellen eines Hundes, der sich selbst nicht mehr leiden konnte. Bevor er den Raum verlässt, wendet er sich noch einmal langsam um und sieht den Schwerkranken lange an, bevor er erklärt: „Lynn hat es nie leicht gehabt, Hudson! Ihretwegen! Hätten Sie ihre Mutter unterstützt und dem Mädchen eine Zukunft ermöglicht mit ihren verdammten Scheißmoneten, dann hätte ihre Tochter sich nicht für Schweine, wie Sie selbst eines waren, prostituieren müssen und ihre wäre einiges erspart geblieben! Sie können stolz auf sich sein Mann! Ich glaube nicht, dass eine Unzahl von Menschen ihren Leichenzug begleiten wird! Möglicherweise veranstalten die Leute hier sogar ein Freudenfest am Tage ihrer Grablegung! Und Lynn wird auch dabei sein und auf Ihrem Grabstein tanzen! Vielleicht sollten Sie eines bedenken: Totenhemden haben keine Taschen, aber sie können Ihr Vermögen ja immer noch der Kirche und den Betschwestern vermachen, vielleicht, um den Kerzenbedarf zu decken….“ Sein Grinsen ist von Spott gezeichnet und er wartet keine Antwort ab, lässt Hudson mit weit aufgerissenen Augen zurück und nimmt noch wahr, wie er zu röcheln beginnt. Mit energischen Schritten durchquert er die Halle und trifft auf eine jüngere Frau, die in einer Art Schwestertracht angetrabt kommt. „Ich glaube, ihr Patient hat Sie bitter nötig“, bemerkt er freundlich. „Sie sollten sich beeilen!“ Die Frau läuft erschrocken in Richtung Bibliothek und er grinst zufrieden. Er war nicht umsonst gekommen, auch, wenn das Problem mit den unangenehmen Geheimbotschaften noch nicht gelöst war. Draußen klemmt er sich hinters Steuer und sehnt sich danach, so rasch wie möglich dieses prunkvolle Haus, in dem bereits der Tod Einzug gehalten hat und sich nur hinter den schweren Brokatvorhängen verbarg, um irgendwann, sicher aber schon bald, zuzuschlagen, zu verlassen. Er dreht das Autoradio auf und genießt die plärrende Swingmusik, die von Leben zeugt, und davon, dass es auch noch etwas anderes gab außer Bisbee, und während der Wind  ihm durch offene Wagenfenster Staub und Hitze ins Gesicht bläst, fühlt er sich lebendiger als je zuvor!

*****

 

„Vielleicht sollten Sie mit Ihren Schäfchen einmal ernsthaft reden, Pater!“ Bud hatte den Seelsorger Bisbees in seiner Wohnung aufgesucht und ihm sein Problem dargestellt. „Ich dulde nicht, dass Lynn auf diese miese Art behelligt wird, und schon gar nicht, von Leuten, die sie kennen, seit sie das Licht dieser trostlosen Welt erblickt hat. Sie tut niemanden etwas, hat sich einfach nur in den Kopf gesetzt, den Frauen dieser Stadt ein bisschen Gutes zu tun, indem sie ihnen schicke Kleider verkauft und netten Tand. Die Leute in Bisbee haben eine eigenartige Art, ihre Dankbarkeit zu zeigen!“ Der junge Geistliche runzelt die Stirn. „Ich werde sehen, was ich tun kann. Sie haben Recht, Mister White! Das ist keine Art von Nächstenliebe und ich werde diese gleich am Sonntag eindringlichst von der Kanzel predigen, sodass sich jeder der Schuldigen sofort angesprochen fühlen muss!“ Bud nickt dankend und geht. „Ach, Mister White…“ wird er noch zurückgerufen, bevor er die Sakristei verlässt. „Wenn Sie Lynn zu Ihrer rechtsmäßigen Gattin machen wollen, stehe ich gerne für diese Zeremonie zur Verfügung! Auch wäre es ein Schritt in die Richtung des Friedens zwischen Ihnen und den Leuten hier….“

Bud misst den jungen Mann, dessen Haar schon schütter zu werden beginnt lange, bevor er erwidert: „Die Idee an sich ist nicht übel, Pater! Aber wir sind glücklich auch ohne Gottes Segen, sehr sogar! Und was die Schäfchen ihrer Gemeinde betrifft, denen sind wir keinerlei Liebesbeweis schuldig, glauben Sie nicht auch?“ Seine Frage bleibt unbeantwortet, er wartet auch keine Antwort ab und geht. Der Jüngere meinte es gut, aber er war naiv und unerfahren. Während er gedankenverloren die Mainstreet entlang schlendert, überlegt er, wie und wann er am besten Lynn von ihrem Vater Mitteilung machen sollte. Wenn der Alte sich in den Kopf gesetzt hatte, Lynn kennen zu lernen, würde er Mittel und Wege finden, um sein Vorhaben auch durchzusetzen. Es hatte keinen Sinn, irgendetwas aufzuschieben oder zu verheimlichen. Er beschließt, ihr noch heute das kärgliche Vermächtnis ihrer Mutter auszuhändigen. Über kurz oder lang erfuhr sie ihre Herkunft, spätestens dann, wenn Hudson starb. Ein Pflichtanteil an der Erbschaft stand ihr zu, und der Notar würde versuchen sie aufzuspüren, zu kontaktieren. Bud konnte schließlich nicht wissen, was John Hudson sich ausgedacht hatte, um andere zu verblüffen oder im letzten Moment seines irdischen Dasein noch seinen Frieden mit sich und der Welt zu machen!

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„Und Du hast mit ihm gesprochen, Bud?“ Er nickt und betrachtet ihre schlanken Hände, wie sie immer noch den eben gelesen Bogen fest halten. Sie zittern leicht. „Ja, er ist ein altes Scheusal, der immer noch mit dem Kopf durch die Wand will! Am Besten, Du vergisst die Sache. Hätte ich nicht durch Zufall die Vase zerschlagen, wäre das alles nicht ans Tageslicht gekommen“, erinnert er sie. Lynn ringt um Fassung, er kann es gut sehen.

„Weißt Du Bud, dass ich meine Mutter insgeheim immer ein wenig verachtet habe?“ fragt sie leise und er wünscht, diese leidliche Unterhaltung wäre längst beendet. „Ich habe ihr nie verziehen, dass Sie mir einen Vater vorenthielt und ihre seichten Ausreden haben mir nie genügt. Hätte ich wenigstens ein Grab gehabt, an dem ich seiner hätte gedenken können. Selbst jetzt muss ich ihr vorwerfen, dass sie nicht genug Mut aufgebracht hat, um ihr Recht zu kämpfen!“

„Ich glaube nicht, dass es ein Gesetz gibt, um das Hudson sich schert, Lynn“, erwidert er besänftigend und streicht ihr eine Locke aus der Stirn, die jedoch sofort, widerspenstig genug, an den gleichen Platz über dem linken Auge zurückfällt. „Und er ist niemand, der mit sich diskutieren lässt, selbst heute nicht! Vergiss ihn, vergiss die alten Geschichten und lass uns Bisbee verlassen!“

Die Worte waren so rasch über seine Lippen gekommen, dass er sie nicht mehr rückgängig machen kann. Sie sieht erstaunt zu ihm auf. „Du willst hier weg? Ich dachte….“

Er schüttelt den Kopf und nimmt sie in den Arm, während der Briefbogen zu Boden fällt. „Du denkst zuviel, Lynn! Wir sind hier nicht willkommen, ich spüre es. Die Schatten der Vergangenheit umschleichen uns beide, es ist kein Ort des Glücks hier, auch wenn es den Anschein hat! Machen wir uns nicht länger etwas vor, Liebste!“ Sie schmiegt sich an ihn. „Ich bin überall glücklich, wo ich Dich an meiner Seite habe, Bud! Hier sind wir sicher, es ist ruhig hier und die Leute werden sich an uns gewöhnen!“ ‚Ja’, denkt er grimmig, ‚wie man sich an eine Plage gewöhnt’, doch laut erwidert er: „Wir haben das nicht nötig, Lynn! Ich kann wieder für die Polizei arbeiten, vielleicht an der Ostküste, was meinst Du?“

Sie hebt ihre Augen zu ihm empor und sucht, das Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken, als sie antwortet: „Nein, Bud White! Ich weiß, dass Du Dich hier langweilst, aber lass es mich noch ein Weilchen versuchen. Ich will nicht in Schmach davongehen, gescheitert an meinen hochgesteckten Zielen. Und ich will Dich nicht mehr in Gefahr wissen! Du hast beinahe Dein Leben verloren beim letzten Einsatz! Willst Du, dass ich zugrunde gehe an Kummer und Sorge um Dich?“ Er legt schützend die Arme um sie, hält sie fest an sich gepresst, küsst ihr Haar und ihre Stirn. „Schon gut! War nur so eine Idee! Wenn Du bleiben willst, dann bleiben wir. Doch ich glaube nicht, dass man uns hier akzeptieren wird. Und wenn ich ehrlich sein wollte, deswegen Anstrengungen zu unternehmen, steht nicht dafür! Wir haben auch unseren Stolz, nicht wahr?“

Sie nickt und er fühlt, wie tief sie verletzt ist, durch die abweisende Art der Menschen, und mehr noch, die Wahrheit über ihren Vater. ‚Vielleicht hätte ich dem Alten doch die Sauerstoffzufuhr abdrehen sollen’, denkt er bitter und sucht Lynns Lippen, um sie vergessen zu machen, was sie im Augenblick bewegt. Willig überlässt sie sich seiner Zärtlichkeit und in dieser Nacht gibt sie sich ihm mit schmerzhafter Leidenschaft hin, als wäre es das letzte Mal, dass sie in glutvoller Vereinigung miteinander verschmelzen.

*****

Fluchend steigt er von der Leiter, den Mund voller Stahlstifte, die dazu dienen sollten, den ausgebesserten Fensterrahmen an der Wand zu befestigen. Erneut schrillt das Telefon im Flur. Er spukt die Nägel in die Handfläche und langt geschickt nach dem Telefonhörer. „Hi, Cop!“ Er erkennt sofort, dass die Stimme verstellt war und der Sprecher mit Wahrscheinlichkeit durch ein Taschentuch sprach. „Du nimmst meine Warnungen nicht ernst, Mann! Ich gebe Dir bis Ende dieser Woche Zeit, die Stadt zu verlassen! Und vergiss vor allem nicht, Dein Liebchen mitzunehmen, verstanden?“

„Ich verhandle nicht mit Leuten, deren Identität ich nicht kenne, klar?“, beeilt sich Bud zu erwidern, erzürnt über die Anmaßung, ihm einfach ein freches Ultimatum zu stellen. „Wer bist Du, Bastard? Zu feig, um Deinen Namen zu nennen?“

Hämisches Kichern ist die Antwort. „Namen tun hier nichts zur Sache! Aber nimm meine Warnung ernst. Tust Du es nicht, Alter, dann wirst Du es Dein ganzes, verdammtes Leben lang bereuen, und auch, dass Du Deiner Schlampe bis hierher gefolgt bist! Ihretwillen!“ Das abrupte Knacken in der Leitung zeugt davon, dass der Kerl am Ende der Leitung aufgelegt hat. Bud ist wütend, besorgt, erschrocken und fühlt sich machtlos zugleich. Das waren nicht die Damen vom Kirchenchor und auch nicht der Häkelclub, mit des Bürgermeisters Gattin als Vorsitzende! Da steckte mehr dahinter und die Drohung galt vor allem Lynn. Wer war daran interessiert, Lynn los zu werden? Wer war ihr so übel gesinnt, dass er sogar mit Gewalt drohte? Er hatte die Sache auf sich beruhen lassen, nach dem Besuch bei Hudson. Mehr oder weniger von dessen Theorie überzeugt, dass nur missgünstige Weiber hinter all der Gehässigkeit stecken konnten. Das war ein Fehler! Ein fataler Fehler! Ihm blieb nicht viel Zeit, die Sache in die Hand zu nehmen. Lynn wollte hier nicht weg, es hatte keinen Sinn sie ein Mal mehr davon überzeugen zu wollen, dass es an der Zeit war, die Koffer zu packen. Sie war zu stolz, zu verletzt wahrscheinlich auch. Sie wollte ihren Frieden mit den Leuten hier machen. Selbst diese versteckte Morddrohung konnte sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sie zu schützen, so gut es ging – wie, das ist ihm in diesem Moment selbst noch nicht klar -, und dann musste er vor allem den oder die Mistkerle finden, die hinter alledem steckten. Verdammtes Rattenpack in diesem verfluchten Rattenloch! Er muss an sich halten, um den Stuhl, dessen Lehne seine Fäuste umklammert hatten während er überlegte, nicht einfach gegen die Wand zu schleudern. Er fühlt sich plötzlich klein und schlecht. Was war los mit ihm? Er hatte täglich der Gefahr ins Auge geblickt, ohne mit der Wimper zu zucken, Ganoven verprügelt, ohne jeden Gewissensbiss, und mit Schlägern abgerechnet, bis diese wünschten, ihre Mutter hätte sie niemals geboren, und jetzt saß er hier in dieser baufälligen Bude und hämmerte Nägel in die Wand, wie ein unausgelasteter Pensionist, sah den Zeigern der Uhr zu, wie sie langsam im Kreise liefen und musste sich von einem feigen Idioten bedrohen lassen, egal aus welchem Grund auch immer! War er noch zu retten? Was sollte diese ganze verdammte Maskerade? Wenn Lynn fort wollte aus LA, was er durchaus verstehen konnte, warum gerade in dieses Nest, wo nicht einmal Schakale oder Kojoten sich ein Stelldichein gaben? Warum nicht in eine Gegend, in der es grünte und blühte, wo es richtige Winter gab und Frühlinge, und wo die Menschen weniger hart waren, wie das Gestein des Bodens, auf dem sie lebten, und, weil die brennende Sonne Verstand und Gefühl scheinbar längst in ihnen ausgetrocknet hatte? Er schüttelt unwillkürlich den Kopf, geht auf und ab wie ein gereiztes Raubtier in einem zu kleinen Käfig und vergräbt die Fäuste in den Taschen seiner Hose mit einer Kraft, dass die Stoffnähte verdächtig unter der Spannung zu reißen beginnen. Er konnte Lynn ganz einfach vor die Wahl stellen, damit sie ihre Meinung änderte. Entweder Bisbee oder er. Doch er verwirft augenblicklich diesen Gedanken. Die Furcht vor einer Antwort im negativen Sinn, lässt ihn erschauern. Also erst einmal Schutz rund um die Uhr, und zweitens, seine Nachforschungen anstellen. Er kann die Möglichkeit, ein weiteres Mal mit Hudson zu reden, nicht ausschließen. Der Mann kannte sich aus, kannte vor allem jedes zwielichtige Gesindel, das Interesse an Lynns Verschwinden haben könnte. Der Gedanke, dem alten, sterbenden Mann ein weiteres Mal gegenüber zu stehen, bereitet selbst dem hart gesottenen Mann, der er war, eine unleugbare Gänsehaut! Und die Bude blieb erst einmal wie sie war! Sein Blick schweift durch den Raum. Außerdem hing Lynn keineswegs an dem alten Ding. Alles was er gewollt hatte war, dass sie sich beide ein wenig wohl fühlen konnten, während sie ihre Zeit unnötigerweise hier verbrachten. Doch das war nun nicht mehr vorrangig! Es ging um etwas anderes! Um nicht weniger, als Lynns Sicherheit, oder gar ihr Leben! Denn, dass es sich bei alledem um einen dummen Scherz handelte, diese Variante hatte er bereits seit langem verworfen!

 

*****

Bereits am nächsten Morgen macht er sich auf den Weg. Ihm blieben noch genau drei Tage bis das Ultimatum um war. Danach würde er alle Hände voll zu tun haben, um Lynn den Schutz zu gewähren, den sie brauchte.  Er spürte instinktiv, dass alles das, was so banal und dumm anmutete, eine ziemlich ernste und gefährliche Sache war. Instinkt vielleicht. Erfahrung, ganz sicher. Diesmal hatte er sich telefonisch angemeldet bei einem Mann, der sich als Hudsons Anwalt ausgab. Anscheinend hatte der Alte sogar einen Rechtsverdreher in seinem Gefolge. Er wurde das Gefühl nicht los, dass der alte Mann nur darauf gewartet hatte, dass er ihn erneut aufsuchte und dieser Anwalt ebenso. Er kommt sich vor wie eine Schachfigur. Wenn Hudson allerdings annahm, dass er als Grußübermittler Lynns auftauchte, dann würde er eine gehörige Enttäuschung erleben, denkt er grimmig, als sein Wagen die letzten Kurven Hügel aufwärts nimmt. Das Haus mutet ihn heute weniger feindlich an, vielleicht, weil er von der gediegenen und geschmackvollen Einrichtung desselben bereits wusste. Trotzdem fehlte es dem pompösen Ding, das von Geld und Reichtum zeugte, die Ausstrahlung, um es wirklich zu mögen. Letzten Endes war es nur das Refugium eines Mannes, der sein Leben lang seine Umwelt und Mitmenschen tyrannisiert hat, weiter nichts….

Männer, die bestenfalls als Statisten in einem Western John Hustons fungieren konnten, eilen zwischen Ställen und den übrigen Gebäuden umher und einige hocken auf der Balustrade der Veranda und blicken ihm abschätzend, und teilweise neugierig entgegen. Bud misst sie unverhohlen, mancher grüsst schleppend und er nickt grüssend in die eine und andere Richtung, während er die Treppe zur Haustür mit zwei kraftvollen Sätzen nimmt. Als sich die Hautür wie von alleine öffnet, und er von einem mexikanischen Mädchen gebeten wird, ihm zu folgen, nimmt er die dunkle Sonnenbrille ab und folgt der Bediensteten in einen ausladenden Raum, in dem der Herr des Ganzen sein Frühstück zu sich nimmt. In seinem Rollstuhl sitzend und einem seidenen Morgenmantel gehüllt, wird er von der Krankenpflegerin, der er letztes Mal bereits begegnet war, wie ein kleines Kind gefüttert. Eine breiartige Masse wird ihm löffelweise in den widerwillig verzogenen Mund geschoben. „Na, White“, lautet die Begrüßung, während der Alte an der nicht eben appetitlichen Mahlzeit würgt. „Wollen Sie sich zu mir gesellen und mir Gesellschaft leisten bei diesem außerordentlich schmackhaften Frühstück?“ Er grinst belustigt, als er Buds steinerne Miene sieht, die dieser aufsetzt, um sich seine Abscheu nicht anmerken zu lassen. Als würde er es absichtlich tun, lässt der Alte einen Teil des Breis über sein Kinn tropfen, was die geschäftige Schwester energisch mit einer blütenweiße Serviette zu vertuschen sucht. Unwillig dreht der Alte den Kopf zu Seite. „Aber ich nehme an, sie haben schon gefrühstückt!“ Mit einem gehässigen Blick auf seine Betreuerin, fügt er hinzu: „Und sicher in hübscherer Gesellschaft als ich gezwungen bin, es zu tun! Ja, Mann, das ist aus mir geworden! Ein sabbernder Greis, der nichts anderes mehr verträgt als Haferschleim und Kräutertee! Möge der Teufel mich nur recht bald holen, dann ist diese arme Haut hier“, dabei deutet er mit dem eckigen Kinn auf die überforderte Frau in der Schwesterntracht, „auch endlich erlöst! Ich bin sicher, sie betet jede Nacht zu Luzifer, dass er mich bald auf seinen Schwingen davon tragen möge! Stimmt’s Tracy?“ Die Angesprochene verdreht genervt die Augen:

„Was soll mir das bringen, Mister Hudson?“ Ihr Tonfall ist sachlich, aber auch etwas spöttisch, als sie fort fährt: „Ich muss mich dann wieder an ein anderes Scheusal gewöhnen, dem ich den Arsch sauber mache!“ Hudson kichert belustigt: „Humor hat sie, meine alte Tracy! Nur schade, dass sie sich standhaft weigert, mir die Eier zu massieren! Schließlich hat selbst ein altes Kretin wie ich noch Gefühle, wenn auch mehr sehr mäßige!“ Bud hätte am Liebsten wieder kehrt gemacht, diese ganze Situation war nicht nach seinem Geschmack, der Alte ekelte ihn an und er hatte wahrhaft andere Sorgen als sich Hudsons armselige Späße anzuhören! Er lässt sich unaufgefordert auf einen Stuhl fallen und beginnt ohne lange Vorreden, seine Bedenken und Fragen sachlich zu formulieren. Er berichtet von dem Anrufer des Vortags und will wissen, ob Hudson irgendjemanden verdächtigte oder kannte, der Interesse daran hatte, dass Lynn aus der Stadt und dem Land verschwand.

„Warum nehmen Sie das Ganze überhaupt so ernst?“ krächzt der Kranke und Bud ist froh, dass die Mahlzeit beendet zu sein scheint, als die Frau die Schüssel zurückschiebt und ihrem Patienten ein paar Pillen in den Mund schiebt, die Hudson mit ein paar Schlucken Wasser widerwillig hinunter schluckt. „Ich glaube immer noch, dass es sich nur um einen Haufen frustrierter Weiber handelt, die Lynn alles das neiden, was sie nicht haben, nämlich Stil und ein gutes Aussehen, wie ich mir habe sagen lassen! Haben Sie übrigens ein Foto von ihr dabei? Wann kommt sie mich endlich besuchen, sagen Sie schon!“

Bud übergeht Hudsons ärgerlichen Eifer, sich nach über dreißig Jahren zu einer Vaterschaft bekennen zu wollen, die er bisher immer ignoriert hatte. „Ich bin lange genug in dem Job gewesen, um zu erkennen, dass es sich um keinen dummen Scherz handelt“, erwidert Bud eindringlich. „Da steckt mehr dahinter, als ich erst vermutet habe. Da geht es nicht um moralische Hintergründe, wie es eventuell der Fall bei den Frauenvereinen gewesen wäre. Ich weiß noch nicht, was dahinter steckt, aber ich krieg das auch ohne ihre Hilfe heraus, Hudson! Wem könnte Lynn schaden? Sie verhält sich tadellos und ist die einzige wirkliche Lady in diesem Nest! Eine Bereicherung für dieses Kaff und man sollte froh sein, sie in der Mitte der Gemeinde zu wissen!“ Er hatte sich in Zorn geredet und sichtlich amüsiert über Buds Ausführung kontert Hudson: Sie sind besessen von meiner Tochter, White! Wenn Sie von ihr sprechen, sehen sie drein wie ein geiler Bock! Ich frage mich, was Sie an Ihnen gefunden hat!“

Das fragte er sich auch oft genug, aber dass Hudson darauf anspielt, macht ihn wütend. „Also wissen auch Sie rein gar nichts! Schon weg vom Fenster? Nicht mehr interessiert daran, was um sie herum vorgeht, Hudson? Tut mir leid, dass ich ihre knapp bemessene Zeit in Anspruch genommen habe! Viel bleibt Ihnen nicht mehr davon übrig, und das wissen Sie“, Buds Augen werden eine Spur dunkler vor verhaltener Wut. „Sind Sie deshalb so versessen darauf, Lynn kennen zu lernen? Dann muss ich Sie enttäuschen, Mann! Sie werden Sie nie sehen! Sie hasst Sie! Sie hasst Sie für das was sie ihrer Mutter angetan haben und sie hasst Sie, dass sie bis jetzt ihre Existenz einfach ignoriert haben, alter Mann! Sie sterben einsam! Allein! Verhasst und geächtet! Gewöhnen Sie sich daran, dass Sie diesmal nichts erzwingen können! Ist sicher eine ganz neue Erfahrung für Sie, aber auch nicht uninteressant!“ Grußlos hat er sich umgedreht und begibt sich zur Tür. „White!“ Die Stimme in seinem Rücken hat beinahe etwas Flehendes an sich. Er verhält den Schritt, ohne sich dabei umzudrehen: “Wenn Sie Lynn dazu überreden können, mich ein  einziges Mal zu besuchen, haben sie einen Wunsch frei! Ich meine es ernst!“ Das Zittern in der krächzenden Stimme des Kranken lässt Bud kalt. Er geht weiter und vernimmt nur mehr das einzige Wort, das der Mann hinter dem ausladenden Esstisch aus gutem Kirschholz wahrscheinlich bisher noch nie über die welken Lippen gebracht hatte: „Bitte!“ Dann ist er aus der Tür, flieht aus dem Haus, und eben, als er bereits die Hand auf dem Wagenschlag seines Autos hat, hält ihn eine Stimme zurück, die nicht jene des Alten ist.

„Bud White?“ Er dreht sich halb um und misst den gut gekleideten Mann Ende Vierzig, der hier fehl am Platz zu sein scheint. Sein tadelloser Maßanzug aus grauem Tuch, steht im perfektem Widersatz zu dem leicht geöltem, welligem, schwarzem Haar, und den leuchtend blauen Augen. Der sorgfältig zu recht gestutzte Lippenbart erinnert Bud an Eroll Flynn. Was tat dieser gepflegte, Modebewusste Dandy zwischen staubigen Cowboys und schwitzenden Pferden? „Mein Name ist Ferguson, James mit Vorname!“ werden Buds Gedanken beantwortet. Der Mann zieht hastig an einer Zigarillo, die er zwischen den manikürten Fingern hält, bevor er weiter spricht. „Ich bin Mister Hudsons Anwalt und sozusagen auch sein Berater in vielen Dingen!“ Er macht eine Pause, wie um abzuwarten, ob White ein Zeichen von Interesse oder Beeindruckung zeigt. Er wird enttäuscht, und so stellt er sanft die Frage: „Wie geht es Miss Hudson? Ich hoffe doch, gut!“

Bud zieht die Augenbrauen hoch, bevor er eine schleppende Antwort, mindestens ebenso sanft, gibt: „Lynn trägt nicht den Namen ihres Vaters, was Sie eigentlich wissen sollten, Ferguson! Und es geht ihr tatsächlich ausgezeichnet! Danke der Nachfrage. Was wollen Sie nun wirklich von mir?“ Sein Gegenüber zuckt bedauernd die Schultern. „Eigentlich nichts, Mister White! Ich frage mich nur, was zwei so gut aussehende Menschen, die alle Vorzüge des Lebens in einer mondänen Stadt wie Los Angeles genossen haben, in ein Loch wie Bisbee verschlagen hat. Die Reize der überaus abwechslungsreichen Natur können es wohl kaum gewesen sein!“ Sein Blick schweift viel sagend und verächtlich über die kargen Hügel ringsum. „Ich frage mich deshalb, ob sie nicht vielleicht auf der Flucht vor jemandem sind! Vielleicht kann ich Ihnen dabei helfen, ihr Problem zu regeln! Ich habe Beziehungen, müssen Sie wissen!“

Bud schüttelt bestimmt den Kopf, ohne den anderen dabei aus den Augen zu lassen. Er hat sofort erkannt, dass der Mann keinesfalls nur einem Anfall von Höflichkeit und Mitgefühl erlegen war. Das hier war ein Schlitzohr, ein ganz ausgekochter Windhund!

„Davon bin ich überzeugt! Aber wir brauchen Ihre Hilfe nicht. Keinerlei Problem, Mister!“ weist er den allzu neugierigen Mann zurecht, ohne die Stimme dabei zu heben. Eine Spur sanfter fügt er hinzu: „Wir lieben diese Gegend Mister, auch wenn das für Sie kaum vorstellbar ist. Sie hat ihre verborgenen Reize.“ Amüsiert stellt er fest, dass der Anwalt unsicher zu werden scheint, und setzt nun doch etwas spöttisch hinzu: „Aber ich frage mich, was dann Sie hier tun, ein Mann von Welt, der sie unverkennbar sind, Mister, außer dem alten Mann den Arsch zu lecken! Muss ein lukratives Geschäft sein, Hudsons Hampelmann zu spielen, was? Dafür nimmt man schon einiges in Kauf!“

Er wartet keine Antwort ab und schwingt sich in seinen Wagen. Der Mann war ihm unsympathisch. Aalglatt und undurchschaubar. Und nicht erfreut darüber, ihn in der Stadt zu wissen, das konnte er nur zu deutlich spüren. All die Höflichkeitsfloskeln waren reine Show gewesen. Im Rückspiegel sieht er, wie der Berater John Hudsons die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengezogen hatte und die Lippen aufeinander presst, bevor er hastig und mehrmals an seiner Zigarillo zieht. Wahrscheinlich wäre es weitaus klüger gewesen, es sich mit diesem Kerl, der ganz sicher einflussreich war, gut zu stellen. Doch Bud ist zu stolz, um das zu erkennen, zu aufrichtig, um in ein Spiel der Täuschung und vor allem, Vortäuschung, mit einzusteigen. Er ist aufgebracht über den Starrsinn des alten Mannes, der außer zynischen Bemerkungen noch kein vernünftiges Wort von sich gegeben hat. Er lässt den anderen in einer Staubwolke zurück und hofft, er möge an dem Dreck, den seine quietschenden Reifen aufwirbeln, ersticken….

 

*****

„War ‚ne tolle Stadt, Mister! Kupfer und Silber wurden über die Tische geschoben wie Kieselsteine, so reichlich war es vorhanden! Können Sie mir glauben!“  Zum Nachdruck deutet der Mann auf die gerahmten, ziemlich vergilbten Fotos an der Wand, bevor er sein Bier in die Kehle leert, ohne dabei auch nur einmal abzusetzen. Bud betrachtet oberflächlich die alten Fotos, die vom Reichtum der Gräberstadt heute noch zeugen. Er hatte sich aufgerafft, mehreren Pubs und Kneipen seinen Besuch abzustatten. Nur so konnte er auf redefreudige Menschen treffen und eventuell mehr über die Hintergründe erfahren, wegen der Lynn bedroht wurde. Die meisten Männer gaben sich verschlossen, doch dieses alte Pub am Ende der Mainstreet, schien von nostalgischen, alten Schürfern heimgesucht zu werden, denen er sich angeschlossen hatte, und ihre Aufmerksamkeit dadurch erregte, indem er ein paar Bierchen ausgab. Das löste so manche Zunge. Er bevorzugte Gin und es war bereits der dritte, den er an diesem Morgen leerte. „Und dann war alles plötzlich aus?“ wollte Bud aufmerksam wissen. Der Alte an seiner Seite schüttelt den Kopf. „Gar nichts ist noch aus, Mister! Aber die Grabarbeiten liegen, sagen wir mal, in den letzten Zügen.“ Er kichert über seine eigenen Worte. „Am Ende des vorigen Jahrhunderts kamen hier nur Soldaten durch, die auf der Suche nach gesetzeslosen Apachen waren!“ fährt er fort. „Raue Gegend hier! Unwirtlich, abweisend und der beliebteste Tummelplatz von diesen verdammten Klapperschlangen! Und einer dieser Indianerverfolger stieß dann ganz zufällig auf Kupfer! Er ließ sich seinen Claim abstecken und im Nu begann es hier von Kupfergräbern zu wimmeln, bis das Camp einem regelrechten Ameisenhaufen glich!“ Der Mann trinkt durstig, bevor er weiter fort fährt in seiner Erzählung: „Sie haben Billionen von Pfunden an Kupfer gefunden, Mister! Ich übertreibe nicht! Und Silber, Zink, auch Gold, wenn nicht in so großem Ausmaße! 1910 waren bereits über 25.000 Menschen hier, die ihr Glück versuchten! Jeder wollte reich werden, manche haben es sogar geschafft! Es wird immer noch gegraben, aber es ist nicht mehr viel los heutzutage! Die Gewinne werden immer weniger, und die Enttäuschungen größer! Das Land ist nichts mehr wert. Viele verkaufen ihre Häuser oder satteln um und versuchen sich als Farmer!“

„Und John Hudson“, harkt Bud nach. „Hat der sein Vermögen auch mit Kupfer und Silber gemacht?“ Der Alte senkt seine Stimme und neigt sich vertraulich Bud zu. „Er hatte alles geschürft, was es nur gab. Die größten Claims gehörten ihm. Züchtete Pferde, Rinder und versorgte die Stadt mit Fleisch und Korn. Sein Vater, der einer der ersten Ankömmlinge hier war, setzte den Grundstein des Reichtums. Wenn jemand John Hudson an Berechenbarkeit und Kaltschnäuzigkeit noch übertreffen konnte, so war es sein Dad, der alte Carl Hudson.  Die Alten sagen, dass er heute noch durch die Minen geistert und die Männer, die dort schürfen, zu Tode erschreckt. Man macht unfolgsamen Kindern Angst, indem man ihnen damit droht, dass der alte Carl Hudson sie holen würde, wenn sie sich nicht anständig verhielten! Ein wahrer Schinder und Hurenbock, das können Sie mir glauben, Gringo! Dagegen ist sein Sohn ein Unschuldslamm, und das will was heißen! Und soll ich Ihnen mal was verraten, Mister? Ich glaube sogar an diese Schauermärchen, weil der Teufel selbst einen Auswuchs wie Hudson in seiner Hölle nicht dulden würde. Deshalb spukt er weiterhin in Bisbee umher und lehrt den Leuten hier das Fürchten! Ja, so wahr ich hier stehe! Das ist die volle Wahrheit!“ Der Mann klopft sich auf die Brust und setzt das Glas an. Ein wenig Staub steigt aus seinen Kleidern auf und Bud nippt an seinem Drink. Er musste einen klaren Kopf behalten, wenn er sich nicht übertölpeln oder in die Irre führen lassen wollte.

„Hat Hudson, ich meine der alte Junior, keinerlei Familie mehr?“ Der alte Mann überlegt. „Ich glaube nicht“, antwortet er und kratzt sich den Kopf dabei. „Geredet wird ja viel, aber der einzige Sohn, den er hatte, hat sich das Genick gebrochen, als er vom Pferd fiel! Er war stockbesoffen gewesen! Der Alte hat das nie wirklich überwunden, sagt man! Man munkelt auch, dass er sich in zwielichtige Geschäfte gestürzt hatte, nach alledem. Schmuggel und so. Mexiko ist ja nur einen kleinen Katzensprung von Bisbee entfernt! Und durch die Canyons gibt es genug Möglichkeiten Waren zu transportieren, und selbst Zollbeamte und Cops sind bestechlich, Sie verstehen….“

Bud hatte ähnliches bereits vermutet. Sicher hatte der alte Mann immer noch seine Finger im Spiel mit illegalen Geschäften. Vielleicht stand das auch im Zusammenhang mit diesem Carlos, von dem der Cowboy bei seinem ersten Besuch annahm, dass dieser ihn geschickt hatte. Aber das war nicht sein Bier. „Dieser Anwalt, Ferguson, weiß man mehr über diesen Mann?“ Der leicht angetrunkene Schürfer war bereits recht redselig geworden und das Interesse, das ihm eine imposante Erscheinung wie Bud White entgegenbrachte, ließ ihn vor Stolz die Brust schwellen. Oft genug hatten sie ihn dieses Pubs verwiesen, wenn er nicht mehr bezahlen konnte. Heute würden sie es nicht mehr wagen, und er lässt der ältlichen, stark geschminkten Frau hinter dem Tresen einen frechen Blick zukommen. „Noch ein Bierchen auf Kosten meines Freundes, Jen! Aber ein bisschen plötzlich, wenn ich bitten darf!“ schafft er ihr an und die Frau wackelt tadelnd mit dem Kopf, bevor sie dem Wunsch nachkommt, weil Bud ihr wohlwollend zugenickt hatte.

„Anwalt? Nie von ihm gehört“, versucht sich der Mann zu erinnern. Die Frau, namens Jen schaltet sich ins Gespräch mit ein. „Na,  klar doch, Stanley! Der feine Pinkel, der auf der Hudson Ranch auf und ab stolziert wie ein Pfau! Spielt sich gerne als Boss auf, jetzt, wo es dem Alten nicht mehr so gut geht! Irgendwie hat er es geschafft, den Alten davon zu überzeugen, dass er für ihn unentbehrlich ist!“ Sie wendet sich direkt an Bud und meint verächtlich: „Ist sich zu gut, um in die Stadt zu kommen. Unsereins ist ihm nicht fein genug. Wenn er sich amüsieren will, fährt er nach Phoenix. Angeblich hat er dort sogar ein Spielcasino“.

„Mich wundert nur“, bemerkt Bud nachdenklich, „dass John Hudson diesem Ferguson soviel Freiheiten zugesteht, nach alledem, was ich über den despotischen Machthaber dieser Stadt so gehört habe…“ 

Die Frau zuckt mit den Schultern und stellt ein leeres Glas in die Spüle. „Hudson ist nur mehr sein Schatten selbst. Wird bald ins dürre Gras beißen, wenn Sie mich fragen! Vielleicht sieht er den Emporkömmling Ferguson auch ein bisschen wie seinen verlorenen Sohn an. Er hat ja niemanden sonst.“ Bud wundert sich trotzdem über diesen ungewohnten Anflug von Nostalgie, den er Hudson nie zugetraut hatte. Aber wenn man vor dem Ende stand und zurück blickte auf ein Leben voll von Reichtum und Macht über andere, sich aber letzten Ende alleine vor dem Abgang wieder fand, vielleicht war das schon eine Überlegung der Besinnung wert…. „Manche sagen ja, dass Ferguson womöglich ein uneheliches Kind des Alten sei, aber ich glaube das nicht, das ist dummes Gerede. Selbst wenn es so wäre, Hudson hat sich noch nie darum geschert, welchem Mädchen er hier ein Kind machte oder nicht.“ Ein viel sagender Blick in Buds Augen, lässt ihn erahnen, dass Lynns Herkunft gar kein so großes Geheimnis war, wie deren Mutter vielleicht dachte.  „Außerdem ist dieser Typ eines schönen Tages aus dem Nichts aufgetaucht, aus New Mexiko, wenn ich mich nicht irre, und hat sich bei Hudson um den Job beworben. Und so ist er geblieben und scheint nicht bereit zu sein, wieder weg zu gehen….“

Bud macht sich so seine Gedanken. Er bezahlt die nicht unbeträchtliche Zeche und macht sich daran, Lynn zu besuchen, bevor er nach hause fahren will, um zu überlegen, welche Schritte er als nächstes unternehmen sollte. Inzwischen wurde es Mittag. Die sengende Sonne verwandelte die kleine Stadt in einen brodelnden Steinkessel. Er findet Lynns Boutique geschlossen vor und nimmt erleichtert an, dass sie die nächsten Stunden, während der Mittagspause, die ohnehin den halben Nachmittag anhielt und sich kaum jemand, der nicht unbedingt etwas zu erledigen hatte, draußen, in den Backofengleichen Strassen, aufhielt. Sein Hemd klebt Schweißnass an seinem Rücken, und er legt den Weg zu Lynns Haus in einem rasanten Tempo hin, ganz so, als wäre der Teufel hinter ihm her. Alles, wonach er sich sehnte war, ausgiebig zu duschen, Schweiß und Staub von sich zu spülen und Lynn in den Arm zu nehmen, sie unter dem Deckenventilator, denn er erst vor wenigen Tagen in ihrem Schlafzimmer angebracht hatte, zu lieben. An nichts zu denken, aufhören zu grübeln, sich einfach des Daseins mit ihr zu erfreuen. Sie würde bald zur Einsicht kommen, bald erkennen, dass sie nicht für diesen Ort wenig glorreicher Vergangenheit, geschaffen war. Die Welt stand ihr offen, das Leben hatte ihr noch so viel zu bieten, und alles was er wollte war, es mit ihr zu teilen!

Lynn ist nicht zuhause. Er bereut, nicht in dem kleinen, chinesischen Restaurant, das sie so mochte, nachgesehen zu haben. Wahrscheinlich hatte sie sich entschlossen, eine Kleinigkeit an asiatischen Genüssen zu sich zu nehmen, und danach in ihrer Boutique auszuruhen, bevor sie wieder aufschloss. Er würde sie später anrufen, sie bitten, zu ihm zu kommen, früher als sonst. Sie quälte sich unnötig mit der Hoffnung, dass Kundschaft ihr Geschäft besuchen möge und sie Freunde hier fand. Armes Ding! Sie hatte das nicht verdient. Ganz und gar nicht! Einmal mehr fühlt er sich hilflos, mit gebundenen Händen ihrer Enttäuschung gegenüber und dieser schmerzhaften Erfahrung, die sie ihrer Herkunft wegen machen musste. Ungewollt schläft er ein. Das leise Surren des Ventilators, der unablässig und stetig den erfrischenden Luftzug umgedrehter, warmer Raumluft auf seinen nackten, ausgestreckten Körper bläst, hat ihn in wohltuenden Schlaf gewiegt.

 

Dritter Teil

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