20.a Die Scherben der Ehre - 180 A.D.

 

Maximus kam zum Mittagessen nicht zurück.
Nicht einmal am Nachmittag kam er zurück.

Ich hatte nichts anderes erwartet. Ich erkannte Kummer und Schmerz, wenn ich sie sah, und Kummer und Schmerz war es gewesen, was ich in Maximus' Augen gesehen hatte, als ich ihm die Hände vom Gesicht gezogen hatte. Die Art Kummer und Schmerz, bei der Du nur noch das Bedürfnis hast, Dich in einer dunklen Ecke zusammenzurollen, die Augen fest zu schließen und Dir wünscht, daß die Sonne nie mehr aufgehen möge. Oder wenigstens nicht mehr für Dich.

O wie gut ich dieses Gefühl kannte! Ich hatte es nur zu oft erlebt - als ängstliches kleines Mädchen, als erfahrene traurige Hure und später als geachtete reiche Witwe, die noch einsamer war als das Kind und die Hure zusammen es waren.

Und nun hatte ich diesen Kummer und Schmerz dem einzigen Mann zugefügt, den ich je geliebt hatte. Daß ich es unabsichtlich getan hatte, machte keinen Unterschied und tröstete mich nicht. Ich hatte Maximus retten, ihm die Freiheit zurückgeben und ihm sein Leben und Hoffnung und Liebe schenken wollen ... statt dessen  hatte ich seine Bürde nur noch schwerer gemacht.

Wie ich bereits sagte: Die Götter haben einen seltsamen Sinn für Humor.

Ich blieb noch eine ganze Weile in Apollinarius' Wohnzimmer, stand am Fenster und schaute hinaus in den Garten, ohne ihn jedoch wirklich zu sehen. Ließ vor meinem inneren Auge die Ereignisse des Tages immer und immer und immer wieder ablaufen. Sollte es tatsächlich erst Mittag sein? Sollte tatsächlich so viel in so kurzer Zeit geschehen sein? War es erst heute morgen gewesen, daß ich aus dem Traum von meiner kleinen Tochter und jenem Jungen mit den grünen Augen, der mitten im Fluß stand und Maximus so sehr ähnelte, erwacht war? War es erst wenige Stunden her, daß ich Maximus an meine Brust gedrückt hatte? Daß ich ihn geküßt und die Wärme, die Beschaffenheit und den Geschmack seiner Lippen genossen hatte? War es erst eine Woche her, daß ich noch die volle Kontrolle über mein Leben gehabt hatte?

Ich seufzte, ein tiefes schmerzerfülltes Seufzen, das eher einem Schluchzen glich. Zu erschöpft, zu ausgelaugt, um mich auch nur über mich selbst zu ärgern, rieb ich mir müde die Augen und kehrte dann in meine eigenen Räume zurück, hoffte gegen alle Hoffnung, daß ich Maximus dort vorfinden würde, selbst wenn er sich in sein Schlafzimmer eingeschlossen haben sollte.

Aber als ich mein Apartment erreichte, stand die Tür des zweiten Schlafzimmers offen, und es war eindeutig niemand da. Ich schlurfte wie eine alte Frau in mein eigenes Schlafzimmer, schloß die Tür, legte mich auf meine Lesecouch, schloß die Augen, und als dies nicht ausreichte, um das Licht, das durch den Bogengang und die Fenster fiel, auszusperren, bedeckte ich sie mit meinem Unterarm in dem vergeblichen Bemühen, so die Welt auszuschließen. Das Leben auszuschließen und den Schmerz, der mit diesem Leben unweigerlich verbunden ist.

Und wieder war ich in Moesia und lag reglos auf einer Couch im Dämmerlicht eines Militärzeltes. Die Geräusche von Pferden und Männern waren durch den geschlossenen Zelteingang nur gedämpft zu hören, und ich weigerte mich, ins Licht und in die Wirklichkeit zurückzukehren. Und wieder war ich in Moesia, aber diesmal kauerte nicht einmal ein kleines afrikanisches Mädchen in einer dunklen Ecke des Zeltes, um schweigend über meine Einsamkeit und Verzweiflung zu wachen und mir allen nur erdenklichen Trost zu spenden. Es gab keine Rufa, die mein Haar bürstete und so auf ihre scheue, unschuldige Art versuchte, mein Herz und meine Seele zu trösten, die bedrängt waren von Gefühlen, welche zu verstehen sie zu jung war - auch wenn sie die Dienerin einer Hure war. Und wieder war ich in Moesia, aber diesmal war da nicht meine kleine Dienerin, um mir ein Becken mit duftendem Wasser zu bringen und meine Arme und meinen Nacken mit Hilfe eines Schwamms zu kühlen. Mein Schmerz war so tief gewesen, daß ich ihr nicht einmal für ihr kindliches, unschuldiges Bemühen gedankt hatte.

Da war keine Rufa, aber statt dessen gab es Nicia, denn ich war nicht in Moesia sondern in Ostia, und ich war nicht 'Julia, die Beste, die ich je gezüchtet habe', sondern die Dame Julia Servilia, die reiche Witwe des Marius Servilius Tibullus, die Frau, der eine Flotte gehörte, die an Größe nur der Flotte der kaiserlichen Getreideschiffe nachstand, und die sich kaufen konnte, was ihr Herz begehrte ... bis auf die Liebe des einzigen Mannes, den sie je geliebt hatte. Nicht einmal eine Vortäuschung dieser Liebe konnte sie sich erkaufen.

Da war keine Rufa, aber Nicia war da, und das diskrete Klopfen an meiner Tür konnte nur von ihr kommen. Ich machte mir nicht einmal die Mühe, ihr zu antworten. Sie würde auch so eintreten. Statt dessen drehte ich mich auf die Seite und wandte der Tür den Rücken zu, weigerte mich, ihr auch nur einen Blick auf mein trauriges, besiegtes Selbst zu gestatten.

Nicia trug ein Tablett mit einer leichten Mittagsmahlzeit, der Duft von gegrilltem Fisch stieg mir in die Nase. Ich kannte diesen Geruch nur zu gut. Steinbutt gegart mit würzigen Kräutern. Eines meiner Lieblingsgerichte. Meine griechische Dienerin gehörte zu jenen Frauen, die glauben, nichts könne so schlimm sein, daß man deswegen eine Mahlzeit versäumen sollte ... und daß man ein Problem unmöglich mit leerem Magen lösen könne. Hätte ich wie sie sechs Söhne großgezogen, hätte ich vielleicht die Weisheit hinter dieser Überzeugung erkennen können.

Wortlos stellte sie das Tablett auf einen niedrigen Tisch neben meiner Couch, schloß dann die Vorhänge, um die Sonne auszusperren, und entzündete eine Lampe auf meinem Nachttisch. Dann ging Nicia zu meinem Bett, nahm die grün-blaue Tunika, die sie am Morgen so erwartungsfroh für mich ausgewählt hatte, die passenden Sandalen und das nasse Unterzeug, das ich beim Umziehen einfach hatte fallen lassen, und verließ leise das Zimmer.

Als Nicia gegangen war, rollte ich mich auf den Rücken; ich empfand einen Anflug von Scham, daß ich mich nicht bei ihr bedankt oder wenigstens ihre Anwesenheit und ihren Versuch, mir ein wenig Trost zu spenden, zur Kenntnis genommen hatte. Aber meine Gedanken waren bereits zu besetzt, als daß ich noch welche hätte an sie verschwenden können, denn, wie ich bereits sagte, waren wir nicht in Moesia sondern in Ostia. Sechs Jahre waren seit meiner ersten Begegnung mit Maximus vergangen und vieles war geschehen; ich war nicht mehr das hilflose, achtzehnjährige Mädchen, das eben die Liebe entdeckt hatte - und den Schmerz, der aus der Liebe erwächst, und was es bedeutet, sich in Sehnsucht zu verzehren und zurückgewiesen zu werden. Nein, ich war nicht mehr dieses ängstliche Mädchen sondern eine unabhängige Frau, für die es viel zu tun gab. Jeder muß seine Wahl treffen, muß sich entscheiden. War es erst heute morgen gewesen, daß ich dies zu Maximus gesagt hatte? Ich starrte an die Decke und schob entschlossen alles Ablenkende beiseite, während ich mich auf das aktuelle Problem konzentrierte.

Als Nicia zurückkam, um das Tablett zu holen, fand sie die Vorhänge wieder geöffnet vor, und ich stand im Bogengang und schaute hinaus in den Garten. Meine Dienerin war zu erstaunt, um zu bemerken, daß ich mein Mittagessen nicht einmal angerührt und nur etwas von dem Zitronenwasser getrunken hatte, daß immer in einem Krug bereitstand.

"Nicia", sagte ich, ohne mich umzudrehen, "gib den Dienern Bescheid, daß ich in einer Stunde ein Bad nehmen will ... "

Es folgte eine kurze Stille, dann antwortete Nicia mit bewußt unbeteiligter Stimme: "Wie Du wünscht, Herrin. Ich werde mich persönlich darum kümmern und Dich abholen, wenn alles bereit ist ..."

Trotz des unbeteiligten Tons war da mehr als nur eine Andeutung von Interesse in Nicias Stimme, und ich mußte unwillkürlich lächeln. Sie war auf ihre eigene Weise ein Tatmensch, und wäre ich nicht so intensiv auf das, was ich zu tun hatte, konzentriert gewesen, dann hätte es mich überrascht, etwas so Offensichtliches nicht früher bemerkt zu haben. Aber ich hatte bereits meine Wahl getroffen, hatte mich entschieden, und nun war es an der Zeit, zur Tat zu schreiten.

Wie sie gesagt hatte, kehrte Nicia rechtzeitig zurück, um mir beim Auskleiden zu helfen, mich in ein weißes Baumwollgewand zu hüllen und dann ins Bad zu begleiten. Es war ein weiter Weg durch lange Flure, und ich war mir sicher, daß die Gäste der ehemaligen Besitzer ihren Weg zu den hauseigenen Thermen genutzt hatten, um sich in der palastartigen Residenz gründlich umzuschauen. Aber seit ich Marius Servilius geheiratet hatte, waren nur wenige Gäste in der Villa gewesen, und mein Gemahl hatte für sie separate, komfortable Bäder bauen lassen. Trotz seines Reichtums war Marius Servilius ein bescheidener Mann gewesen. Er wußte Komfort zu schätzen, weil er es ihm ermöglichte, sein Leben zweckmäßig und praktisch zu gestalten, war jedoch nicht wählerisch und eigen, wie so viele römische Aristokraten es zu sein pflegen. Doch die Bäder bildeten eine Ausnahme und waren jedem außer ihm selbst und mir verschlossen. Auch Apollinarius durfte sie benutzen, zog jedoch die Gästebäder vor, da wir kaum Gäste hatten und er diese Bäder daher praktisch allein nutzte. Erst nach Marius Servilius' Tod war es mir gelungen, ihn davon zu überzeugen, die privaten, größeren und besseren ebenfalls zu benutzen.

Die Villa als Ganze war wundervoll, aber die Bäder konnte man einfach nur als prächtig bezeichnen, sie übertrafen an Schönheit und Luxus sogar alle anderen für Besucher zugänglichen und die privaten Räume. Waren die Bäder in den privaten Räumen des Hausherrn und der -herrin der Stolz und die Freude ihres Konstrukteurs Nicassius, so waren die großen Thermen der Villa der Stolz und die Freude meines Gemahls gewesen. Marius Servilius hatte die ursprünglichen vergrößern, modernisieren und mit den maritimen Themen schmücken lassen, die er so sehr liebte. Die Mosaiken gaben atemberaubend lebendige Unterwasserszenen wieder. Sinnliche Meerjungfrauen und stattliche Tritone bildeten den Hofstaat des Gottes Neptun, der majestätisch auf einem aus einer gigantischen Muschel bestehenden und von gewaltigen Seepferden gezogenen Wagen stand. Farbenprächtige Seeanemonen, Schleierschwanzfische, Meeresschildkröten, Seesterne und Korallen, wirbelnde Tintenfische und achtarmige Kraken tanzten in bunter Bewegung durch die künstlerisch gestalteten Szenen, die sowohl den Boden des Beckens als auch die Wände des Waschraumes und des Dampfbades bedeckten. Riesige Muscheln aus den verschiedensten Teilen des Reiches lagen in den Ecken und unterstrichen durch ihre zarte, perlengleiche Tönung die maritime Stimmung, die durch Stücke exotischer Korallen in Weiß, Orangerot und sogar Schwarz noch verstärkt wurde.

Der verantwortliche Architekt hatte die Fenster entworfen und sie hoch oben in den Wänden so plaziert, daß Tageslicht auf die riesigen Becken fiel, sich auf ihrer Oberfläche spiegelte und den Raum mit einem grünlichen Licht erfüllte, so daß die Illusion erweckt wurde, man wandere durch eine Unterwasserwelt.

Wie oft ich sie auch schon benutzt haben mochte, die Bäder der Villa begeisterten mich immer wieder aufs neue mit ihrer Ruhe und ihrem unaufdringlichen Luxus. Wenn man sie betrat, war es, als beträte man eine Meereshöhle, jeder Lärm wurde von dicken Wänden und Türen ferngehalten, und nur das Geräusch von spritzendem und tropfendem Wasser umgab mich. Diese großen Bäder ganz für mich allein zu haben, hatte etwas zutiefst Befriedigendes, eines der Dinge, die mir immer wieder Vergnügen bereiteten, als seien sie extra zu dem Zweck entworfen worden, mich für den Mangel an Privatsphäre und die lärmerfüllten Bäder zu entschädigen, die ich jahrelang mit den anderen Sklavinnen und Huren oder später mit Hunderten von Frauen während meines einzigen Jahres als unverheiratete Freigelassene in Rom zu teilen gezwungen gewesen war.

Aber wie ich bereits sagte - an jenem Tag hatte ich nicht die Zeit, mir den Luxus zu gönnen und herumzuwandern, bevor ich mein Bad nahm. Statt dessen zog ich mich aus, sobald ich eingetreten war, entließ Nicia und übergab mich den Händen meiner Bademägde. Wie die meisten Angehörigen meines Haushaltes waren es schweigsame, tüchtige und gut ausgebildete Frauen, und plötzlich kam mir der Gedanke, daß einige Männer an ihren Huren eben die gleichen Qualitäten bevorzugten, wie ich sie an meiner Dienerschaft schätzte. Ich hatte nie zuvor darüber nachgedacht, aber an jenem Tag erstaunlicher Enthüllungen erschien es mir plötzlich irgendwie bedeutsam.

Diese Frauen waren von Athenodorus auf Anweisung meines Gemahls kurz vor unserer Hochzeit gekauft worden, um mich mit dem zu meiner Bedienung notwendigen Personal zu versehen, und waren dann zusammen mit allen anderen Haussklaven als Hochzeitsgeschenk an mich freigelassen worden. Sie waren für ihre Aufgaben hoch qualifiziert, waren Kosmetikerinnen, Masseurinnen, Bademeisterinnen und Friseurinnen in den besten Bädern Roms gewesen. Nachdem sie in den Thermen der großen Stadt Rom gearbeitet hatten, empfanden sie das Leben in meiner Villa mit Sicherheit als zu ruhig oder sogar als langweilig, aber keine von ihnen beklagte sich, denn nach einiger Zeit hatten sie geheiratet und legitime Kinder bekommen: die gertenschlanke afrikanische Masseurin und Sempronius, der riesige numidische Stallmeister.

Die Bademägde nahmen sich meiner an und rieben meinen Körper gründlich mit nach Lotus duftendem Öl ein, dann entfernten sie Öl und Schmutz mit Hilfe bronzener Schabeisen *1 von meiner Haut. Sie führten mich in das sudatorium (*), wo ich reichlich schwitzte. Nach einer Dusche bereiteten mich das tepidarium und das calidarium gründlich auf die Massage vor, während ich frigidarium und natatio (**) Männern wie meinem Gemahl und Apollinarius überließ, ebenso das angeschlossene gymnasium *2, denn Männer sind sehr viel unternehmungslustiger, wenn es um den Aufenthalt in den Bädern geht - und sehr viel sportlicher als ich. Die Bademägde wuschen auch mein taillenlanges Haar, trockneten, kämmten, bürsteten und parfümierten es. Während die Masseurin meinen Körper abermals mit duftendem Öl einrieb und ihre Magie für beinahe eine Stunde an meinen verspannten Muskeln erprobte, kümmerte sich eine Kosmetikerin um mein Gesicht und meinen Hals, und zwei weitere Frauen erwiesen meinen Händen und Füßen den gleichen Dienst. Während der gesamten Behandlung lag ich seltsam ruhig auf der Massagebank, die Augen geschlossen und die Gedanken mit solcher Intensität darauf konzentriert, welche Schritte als nächstes unternommen werden mußten, daß es mir beinahe körperliche Schmerzen verursachte.

Als die Bademägde ihre Aufgabe erfüllt hatten, war es früher Abend, und Nicia war bereits da, um mich abzuholen. Sie hüllte mich in mein Gewand und geleitete mich zurück in meine Räume. Die bestimmende Art, die sie dabei an den Tag legte, pflegte Apollinarius jedesmal zu amüsieren, während ich sie eher als reichlich unangenehm empfand. Aber an jenem Abend machte es mir nichts aus. Im Gegenteil. Zum erstenmal, seit wir uns vor fünf Jahren in meiner Wohnung in Rom begegnet waren, empfand ich die Versuche der griechischen Frau, mich zu bemuttern, in der grenzenlosen Einsamkeit, die von meinem Leben Besitz ergriffen hatte, plötzlich als seltsam willkommen.

In der Villa war alles still. Ich bestand immer darauf, unnötigen Lärm so weit wie möglich zu vermeiden, und konnte nicht verstehen, daß es Menschen gibt, die sich in ihrem Haushalt Musikanten halten, welche sie stundenlang mit Flöten- und Harfenklängen zu unterhalten haben. Die Dienerschaft wurde mit Nachdruck dazu angehalten, meiner Vorliebe für Stille Rechnung zu tragen und verhielt sich meinen Wünschen entsprechend, aber an jenem Abend war da noch etwas anderes. Es war, als hätten sie ihren Atem angehalten, aus Sorge, mich zu stören, eine Stille, auf der die gleiche Spannung und Beklemmung lastete, die ich  vor meinem Gang ins Bad selbst empfunden hatte. Eine geladene Stille ähnlich der Ruhe vor dem Sturm. Aber das war vorbei, denn ich hatte meine Wahl getroffen, hatte mich entschieden, und Gelassenheit und eine tödliche Entschlossenheit erfüllten mich jetzt.

Das erste, das ich feststellte, als ich meine Räume betrat, war Maximus' geschlossene Schlafzimmertür. Ich blieb wie angewurzelt stehen und drehte mich zu Nicia um.

"Dein Gast kam zurück, kurz nachdem Du ins Bad gegangen warst, Herrin. Ich war hier, kümmerte mich um Deine Kleidung", sagte sie mit gesenkter Stimme. "Er sah ... müde aus, und ich fragte ihn, ob er zu baden wünschte. Er dankte mir, und ich schickte Athenodorus, damit er sich darum kümmerte, dann brachte ich ihm ein Tablett mit einer kalten Mahlzeit und Wein, und er dankte mir wieder ... "

Ich warf noch einen kurzen Blick auf die geschlossene Tür. Unter ihr war ein schmaler goldener Strich deutlich zu sehen. Aß Maximus für sich allein? Las er? Oder saß er einfach nur da beim Schein der Lampen, in Gedanken versunken, durchlebte immer und immer wieder die Demütigung und Schande, welche die Wachen ihm zugefügt hatten - so wie ich die Ereignisse des Tages in Apollinarius' Wohnzimmer immer und immer wieder vor meinem inneren Auge hatte ablaufen lassen. Durchlebte er erneut die Demütigung von Sklaverei und Erniedrigung, während man ihn als Roms rechtmäßigen Herrscher hätte ehren sollen? Durchlebte er noch einmal die Demütigung, daß seine männliche Ehre in Zweifel gezogen und dann von einer Frau gerettet worden war?

Wie zur Antwort hörte ich auf der anderen Seite der Tür Schritte. Ruhelose Schritte, die mich an einen Löwen im Käfig erinnerten. Dieses zwanghafte Hin- und Herlaufen, das nur mühsam kontrollierte, mörderische Gewalt erkennen läßt.

Nicia schaute mich besorgt an. Ich zwang meine Füße, ihren Dienst aufzunehmen.
An der Schwelle meines Schlafzimmers drehte ich mich noch einmal um.

"Danke, Nicia. Ich werde Dich heute nacht nicht mehr brauchen."

Sie zögerte kurz und nickte dann.

"Soll ich Dich morgen wecken, Herrin?"

Schweigend schüttelte ich den Kopf.

"Gute Nacht, Herrin."

"Gute Nacht, Nicia", sagte ich und wandte mich dem Schlafzimmer zu, dann blieb ich stehen und drehte mich ein drittes Mal zu meiner Dienerin um.
"Nicia?"

Die griechische Frau sah mich an.
"Ja, Herrin?"

"Danke ... Danke ... für alles ... "

Ein unsicheres Lächeln zeigte sich auf ihrem besorgten, runden Gesicht.
"Das tue ich gern für Dich, Herrin", sagte sie leise, verließ dann das Wohnzimmer und schloß geräuschlos die Tür hinter sich.

Einen Moment lang verweilte ich an der Türschwelle, schloß die Augen und lehnte die Stirn gegen den Türrahmen; schweigend lauschte ich auf die ruhelosen Schritte, die aus dem zweiten Schlafzimmer zu hören waren. Lauschte schweigend auf die Geräusche der Ruhelosigkeit und Frustration. Lauschte schweigend auf die Geräusche von Schmerz und Trauer und Verzweiflung.
Aber es brachte nichts, noch länger dort stehenzubleiben. Ich zwang mich, die Augen zu öffnen, und ohne einen weiteren Blick auf die geschlossene Tür, die mich abermals von Maximus trennte, ging ich in mein Schlafzimmer.

Lampen brannten, und der Raum war von hellem goldenem Licht erfüllt. Ich stand vor dem großen Spiegel und ließ mein Gewand in einer fließenden, anmutigen Bewegung meinen Körper herabgleiten. Es fiel mit einem leisen, raschelnden Geräusch zu Boden. Für eine Hure ist die Fähigkeit, sich anmutig entkleiden zu können, von großer Wichtigkeit. Nicht daß Männer dies in der Regel zu schätzen wissen, da die meisten viel zu sehr damit beschäftigt sind, ihre eigenen, selbstsüchtigen Ziele zu verfolgen, als daß sie auf das kunstvolle Vorspiel achteten. Aber wenn Du eine Hure bist, ist es diese Raffinesse, die Dich zu etwas Besonderem macht. Die es Dir erlaubt, Dir eine gewisse Würde zu bewahren, auch wenn Du Tag für Tag in einem Sumpf aus Erniedrigung und Schmutz verbringst.

Wenn ich mich während der vergangenen sechs Jahre entkleidet hatte, dann immer nur eilig und ohne große Umstände in der Privatsphäre jenes Lebens, das ich als freie Frau genoß, als Frau, die keinen Mann wollte - bis auf den einen, der ruhelos im Nebenzimmer auf und ab lief. Als Frau, die von vielen Männern begehrt worden war, nur nicht von ihrem eigenen Gemahl ... während der einzige Mann, den sie selbst je geliebt, sich - trotz seines unleugbaren Verlangens und ihrer Bereitschaft - versagt hatte, sie zu nehmen.

Sechs Jahre waren vergangen, seit  man mir zum letztenmal als Sklavin und Hure Befehle erteilt hatte, und zum erstenmal, seit ich mein Dasein als Sklavin und Hure hinter mir gelassen hatte, war es beruhigend festzustellen, daß ich meine Fähigkeiten nicht verloren hatte. Daß die Gesten und Bewegungen, die mir so vertraut gewesen waren, sich mit der Leichtigkeit langer Praxis wieder einstellten.

Ich betrachtete mein eigenes Bild im Spiegel.
Man kann es nicht anders nennen. Ich bin schön.
So einfach ist das.
Schon als ich noch ein kleines Kind war, haben die Leute über meine Schönheit gesprochen, und als ich heranwuchs, fand ich den Beweis meiner Schönheit nicht nur im Spiegel sondern auch in den Augen von Männern und Frauen. Ich sah in den Augen der einen zuerst Bewunderung und dann Lust aufblitzen und in denen der anderen zuerst Bewunderung und dann Neid.
Schön zu sein war für mich nie von Bedeutung gewesen. Apollinarius pflegt zu sagen, daß - ebenso wie Geld und Gesundheit - Schönheit für jene keine Bedeutung hat, die sie im Überfluß besitzen, und da ich von allen dreien reichlich hatte, würde ich sie niemals wirklich zu schätzen wissen, selbst wenn ich hundert Jahren leben sollte - was ich vermutlich tun würde.

Ich betrachtete mein Spiegelbild aufmerksam, versuchte, mich so zu sehen, wie die anderen mich sehen ... Wie Maximus mich sah. Mein Haar fiel mir in einer üppigen Flut rot-goldener Wellen über Schultern und Rücken, rot-goldener Wellen, die im schimmernden Licht der Lampen in unzähligen Schattierungen von Gold und Kupfer und Bronze glänzten und ein Gesicht umrahmten, das weder im klassischen Sinne als schön noch als exotisch zu bezeichnen und gleichzeitig beides in einem war.

Die Züge meines Gesichtes sind nicht weich. Im Gegenteil - da sind Flächen und Kanten und Licht und Schatten, und alles rührt von der Beschaffenheit meiner Knochen her. Apollinarius pflegt ebenfalls zu sagen, daß meine Schönheit eine alterslose sei, daß ich vermutlich ein hohes Alter erreichen, aber mein Gesicht unverändert atemberaubend bleiben würde. Im Alter von vierundzwanzig wußte ich, daß meine erste Jugend vorbei war, aber was es bedeutete, älter zu werden, das konnte ich mir nicht vorstellen. Vielleicht lag es jedoch auch daran, daß ich nie wirklich jung gewesen war, daß ich mir, obwohl erst vierundzwanzig, bereits so alt vorkam, daß das Verrinnen der Zeit mich nicht mehr schrecken konnte, wie es dies bei so vielen anderen Frauen tut.

Der Spiegel zeigte mir eine ausgeprägte Stirn, auf der schräg zwei hohe, geschwungene rot-goldenen Brauen saßen. Sie lagen über tief-blauen Augen, welche von langen, üppigen, dunklen Wimpern gesäumt waren. Eine feine Nase über vollen Lippen, die das Gesicht in zwei ebenmäßige Hälften teilte. Hohe Wangenknochen und ein klar umrissenes, dreieckiges Kinn. Einen langen, schlanken Hals und milchweiße Schultern, die in lange, graziöse Arme übergingen, welche wiederum in schmalen Gelenken und langen, feinen Händen endeten. Feste, stolze, wohlproportionierte Brüste, weder zu üppig noch zu klein und gekrönt von korallenfarbigen Spitzen. An der Innenseite der linken Brust befand sich ein kleiner, goldbrauner Schönheitsfleck. Einen weichen, milchweißen, sanft gerundeten, ganz weiblichen Bauch und einen zweiten, größeren, kupferfarbenen Schönheitsfleck dicht neben dem Nabel. Ein umgekehrtes Dreieck aus Locken von der Farbe dunkler Bronze dort, wo meine Schenkel sich berührten. Eine schmale Taille und üppige, weibliche Hüften, wohlgeformte Schenkel und lange, schlanke Beine, die in anmutigen Knöcheln endeten und in Füße ausliefen, die ebenso lang und elegant wie meine Hände waren.

"Wie konnte er Dich nicht lieben? Jeder Mann, der bei klarem Verstand ist ... "

Ich vernahm in meinem Inneren das Echo von Maximus' Stimme wie er über einem gemeinsamen Mahl in der Intimität meines Wohnzimmers seinen Gedanken und Gefühlen freien Lauf gelassen hatte. Dieser Mangel an Selbstkontrolle war ihm ganz offensichtlich peinlich gewesen, und in der freudigen Erregung über das unerwartete Geständnis hatte ich es vorgezogen so zu tun, als habe ich ihn nicht gehört. In jenem Augenblick schien es mir das Richtige gewesen  zu sein. Nun aber kam es mir wie eine Torheit vor. Torheit, die seit Moesia immer wieder meinen klaren Verstand verdunkelt hatte, sobald es um Maximus ging.

Ich verharrte vor meinem Spiegel so lange und so unbeweglich, daß man mich für eine der Statuen hätte halten können, welche die Villa und die Gärten bevölkerten. Und trotz des Bades, der Massage und all der anderen Wohltaten, die man mir hatte angedeihen lassen, war mir so kalt, als sei ich eine von ihnen. Das war nicht gut, wenn man bedachte, was ich vorhatte. Ich atmete tief durch, schloß die Augen und öffnete sie dann ganz langsam wieder. In der Stille meines Schlafzimmers war nur das Knistern der brennenden Öllampen zu hören, aber das schwache Geräusch wurde in meinem Inneren von der Stimme einer Frau ersetzt, die mir vor noch gar nicht langer Zeit so vertraut gewesen war wie meine eigene - und dennoch schien es mir bereits ein Leben lang her zu sein.

"Männer wollen keine verdammte Statue, sondern etwas Heißes! Komm schon, Kluges Mädchen! Ganz locker! Laß es durch Deine Adern strömen! Zeig ihnen, was sie sehen wollen!"

"Kluges Mädchen".
Turia nannte mich immer "kluges Mädchen", sie benutzte nur selten meinen Namen und dann nur, wenn Cassius so nahe bei uns war, daß er sie hätte hören können.
Sie haßte mich.
Sie haßte mich von meiner Kindheit an, weil ich schöner war, als sie es je gewesen ist. Sie haßte jede von uns, weil wir jung und frisch und sie dies nicht mehr war. Sie haßte jede von uns, aber mich besonders, weil Cassius mich seit meiner Kindheit favorisiert hatte, während sie eine abgelegte Geliebte war, die auf ihre Tätigkeit als Aufseherin und Ausbilderin seiner Mädchen angewiesen war, um weiter eine gewisse Macht ausüben  ... und in seiner Nähe bleiben zu können.

"Komm schon, kluges Mädchen! Es kann doch nicht SO schwer sein für ein gescheites Ding wie Dich! Oder bist Du Dir dafür einfach zu schade?"

Ich öffnete die Augen und schenkte meinem eigenen Spiegelbild ein raffiniertes Lächeln. Die Veränderung meines Mienenspiels war kaum wahrnehmbar, aber der Ausdruck meines Gesichtes wandelte sich von seiner gewöhnlichen distanzierten Zurückhaltung zu unverhohlener Sinnlichkeit. Meine Lippen öffneten sich ein wenig, und es waren nicht mehr nur volle sondern jetzt auch verlockende Lippen. Meine Brüste schienen anzuschwellen, und meine Hüfte bog sich auf sinnliche, raffiniert aufreizende, verheißungsvolle Weise. Eine sanfte Wärme verbreitete sich in meinem Körper, und meine Haut schien weicher zu werden und zu strahlen.

O ja, mein altes Können hatte mich nicht im Stich gelassen, und Julia, "die Beste, die ich je gezüchtet habe", war immer noch da, unter meiner Haut, so dicht unter der Oberfläche wie das kleine ängstliche Mädchen, das nie eine Puppe besessen und sich nach seiner Mutter gesehnt hatte. Und in jener Nacht war es seltsam tröstlich zu wissen, daß sie nicht gestorben war. Daß sie niemals sterben würde. Daß sie so lange in mir leben würde, wie ich am Leben war.

In meinem Inneren wurde Turias Stimme durch eine andere, männliche Stimme ersetzt.
"Weißt Du was, Julia? Du bist eine der wenigen Frauen, die verstehen, WIRKLICH verstehen, daß eine Hure zu sein sowohl eine Kunst als auch eine Wissenschaft ist ... "

Hätte ich nur meine Augen geschlossen, dann hätte ich ihn sehen können, wie er sich gegen die vielen Kissen auf seinem Bett lehnte und mit einer Arroganz lächelte, die sich bei Männern ganz von selbst einstellt, die mit derselben zielstrebigen Entschlossenheit gezüchtet worden waren, um Macht auszuüben, wie er mich gezüchtet hatte, um Lust zu bereiten. Aber seit jener Nacht in Moesia, in welcher ich den gestohlenen Dolch in seine Kehle gestoßen und seiner Arroganz und meiner Erniedrigung ein Ende gesetzt hatte, seit jener Nacht hatte ich es sorgfältig vermieden, seine Züge aus den Schatten des Todes heraufzubeschwören. Und gerade jetzt war der Anblick von Cassius' verhaßtem Gesicht das Letzte, was ich gebrauchen konnte. So verbannte ich diese Erinnerung mit einer Leichtigkeit, die auf langer Übung in der Kunst des Überlebens beruht, aber all meine Willenskraft reichte nicht aus, um auch Cassius' Stimme zu unterdrücken.

"Julia, Julia ... ganz sicher, Du bist die Beste, die ich je gezüchtet habe. Du bist ein Naturtalent. Du bist ein echtes Naturtalent. Du bist dazu geboren, wie nur wenige Frauen es sind ... Du solltest dankbar sein, Julia. Mir dankbar sein. Ich habe Deinem Leben einen Sinn gegeben ... "

Hatte er recht? Sollte es möglich sein, daß ich zur Hure geboren war? Daß eine Hure zu sein mir bestimmt war, wie es einigen Männern bestimmt ist, Dichter oder Ingenieur zu sein? Wie Maximus der geborene Krieger ist, geboren, andere zu führen?

Sollte jemals die Zeit kommen, die gefürchtete Antwort auf diese Frage zu finden, dann war es in dieser Nacht.

Eine erfahrene Hure ist gut darin zu erkennen, was Männer erwarten, und sie mit Leichtigkeit zu bedienen. Eine wirklich gute kann die Bedürfnisse der Männer nicht nur erkennen, sondern sie kennt deren Bedürfnisse besser, als sie selbst sie kennen, und befriedigt sie sogar, ohne daß man es ihr sagt. Aber was eine Frau zu einer außergewöhnlichen Hure macht, ist die Fähigkeit, sich dem Unbekannten mit verbundenen Augen zu stellen und siegreich aus dieser Begegnung hervorzugehen.

Vor sechs Jahren war ich außergewöhnlich gewesen und deshalb dazu auserwählt worden, den geheimnisvollen General Maximus Decimus Meridius in eine Falle zu locken.

Vor sechs Jahren hatte man mir zum letztenmal befohlen, einem Mann als Hure zu begegnen, und ich hatte mich mit verbundenen Augen dem Unbekannten gestellt.

Vor sechs Jahren war ich als eine andere Frau, eine Frau mit einer Mission zurückgekehrt.

Vor sechs Jahren hatten die Männer, welche mich ausgewählt hatten, damit auch ihr eigenes Todesurteil unterschrieben.

Vor sechs Jahren hatte General Maximus Decimus Meridius in meinen Armen gebrannt so wie ich in seinen gebrannt hatte und er war mehr als jemals sonst der Versuchung nahe gekommen, sein Wort zu brechen. Ebenfalls vor sechs Jahren hatte ich einen schweren Fehler gemacht: ich hatte es Maximus gestattet, mir zu entgleiten. Schockiert von der Intensität meiner neu entdeckten Gefühle, wie vom Blitz getroffen durch die Begegnung mit dem einzigen Mann, den ich je lieben sollte, verzweifelt bemüht, ihn die Frau sehen zu lassen, die ich sein konnte - nicht die Sklavin und Hure, die ich war - war ich davor zurückgeschreckt, den letzten entscheidenden Schritt zu tun. Ihn zurück in meine Arme und endlich auch in mein Bett zu locken. Ich hatte gewollt, daß er von sich aus zu mir zurückkehrte. Den letzten Schritt machte. Sich mir aus Lust und Verlangen zuwandte - wenn schon nicht aus Liebe.

Vor sechs Jahren hatte ich eine Frau sein wollen, keine Hure ...

"Also nimmt er Dich mit in seine gottverlassene Provinz ... Die Chance, auf die Du immer gewartet hast, nicht wahr? Die Chance für ein kluges Ding wie Dich, die Sache in die Hand zu nehmen ... "

Turia hatte mich am Abend vor unserer Abreise nach Moesia rufen lassen. Sie war nur noch der Schatten der Frau, die sie einmal gewesen war, und hustete sich auf einer verblichenen Couch in einem Hinterzimmer der Villa, wo man sie isoliert hatte, die Seele aus dem Leib. Sie war nie wirklich schön jedoch sinnlich gewesen, aber durch die Auszehrung war sie zu einem Skelett mit strähnigem Haar, fiebrigen Augen und gelber pergamentener Haut abgemagert. Selbst ihre Stimme hatte sich verändert und klang wie das Rascheln trockener Blätter. Es war ein pfeifendes, irgendwie abstoßendes Geräusch, unterbrochen durch das hohle Keuchen, welches nun ihre normale Atmung ersetzte.

"Du mußt glücklich sein, kluges Mädchen. Deine Chance zur Flucht ... oder das glaubst Du zumindest!"

Turia wurde von einem Hustenanfall unterbrochen und forderte mich mit einer Handbewegung auf, ihr Wasser zu reichen. Sie tat dies mit derselben verärgerten Ungeduld, mit der sie mich behandelt hatte, wenn ich barfuß über die Erde oder frisch geschnittenes Gras gelaufen war und mir die Füße beschmutzt hatte. Ich goß ihr Wasser ein, und als ich ihr den Becher reichte, sah ich, daß das Tuch, welches sie vor die Lippen gepreßt hatte, blutverschmiert war. Sie sah, daß ich es sah, und lächelte ein so boshaftes Lächeln, daß sich mir die Nackenhaare sträubten.

"Ich hasse Dich, Julia. Ich habe Dich immer gehaßt! Aber das ist für ein kluges Mädchen wie Dich nichts Neues, nicht wahr? Ich hasse Dich, und Du denkst, daß Du mich bald los sein wirst ... "

Mühsam stützte sich die sterbende Frau, die einmal Cassius' Geliebte gewesen war, auf ihren knochigen Ellbogen und sah mich mit vor Fieber wahnsinnigen Augen an.

"Du magst bis ans Ende der Welt gehen, und der Tod wird mich früh genug holen, aber Du wirst niemals frei sein, Julia! NIEMALS! O, vielleicht wird er Dir eines Tages die Freiheit schenken! Du könntest sie haben, wenn Du Dich nur dazu herablassen und ihn recht lieb bitten würdest ... aber das wirst Du nicht. Du bist zu stolz um zu bitten, oder um ihn gar anzuflehen, nicht wahr, kluges Mädchen?"

Sie packte meine Tunika mit Fingern, die aussahen wie Klauen, und nur mit Mühe konnte ich das Würgen unterdrücken, das die Nähe ihres ungewaschenen, nach Fieber, Krankheit und Tod riechenden Körpers mir verursachte.

"Du wirst niemals frei sein, Julia! Niemals! Du magst eines Tages Deine Freiheit erlangen, aber Du wirst immer eine Hure bleiben! Eine Hure, Julia! Das bist Du und das wirst Du immer sein! Eine HURE!"

Turia ließ meine Tunika los und versetzte mir einen schwachen Stoß, ihre Nägel drangen wie Dolche in meine Brust.

"Das ist die wirklich Sklaverei, kluges Mädchen! Eine Hure zu sein. Von Deiner Existenz als Hure befreit Dich nichts. Nur der Tod. Ganz gleich wie ehrbar Du auch eines Tages aussehen magst, oder wie viele Männer Dich werden heiraten wollen, oder über wie viel Geld Du wirst verfügen können - Du wirst immer nur eine Hure sein. Eine Hure, Julia! Eine HURE!"

Vor Wut schäumend spuckte mir Turia auf die Füße.

"Du magst seine Favoritin sein, jung und schön und klug, aber ich war seine Geliebte, keine Hure! Und der Tod wird mich bald auch davon befreien!"

Es schauderte mich bei der Erinnerung an die Frau, welche der Fluch meiner Kindheit gewesen war, einer Frau, lange tot und vergessen, deren Leben und Name zu bedeutungslos gewesen waren, um ein Grabmal zu verdienen, die aber die Flüche der Mädchen verfolgen werden, welche sie für ihren Herren dressiert hatte.

Hatte sie recht? Gab es kein Entrinnen von meiner Existenz als Hure? War zur Hure geboren zu sein die wirkliche Sklaverei? Sollte ich  - ganz gleich wie ehrbar und reich ich geworden war - immer nur eine Hure bleiben? Hatte auch Cassius recht mit seiner Behauptung, daß eine Hure zu sein nicht nur mein Schicksal sondern mein wirkliches Wesen, meine Berufung sei?

So viele Fragen und die Antworten lagen in jener Nacht der Wahrheit so nah. Denn ich sollte die Antworten bekommen, sobald ich das Wohnzimmer durchschritten und die Tür zum zweiten Schlafzimmer geöffnet haben würde, um Maximus gegenüberzutreten - nicht als die Dame Julia Servilia oder die kaiserliche Freigelassene Julia Antonina. Nicht einmal als Julia, "die Beste, die ich je gezüchtet habe", die man ihm in Moesia präsentiert hatte, sondern als die außergewöhnliche Hure, die ich gewesen und vielleicht immer noch war.

Wie er zu Apollinarius gesagt hatte: die Zeit für Worte war vorbei.
Und ebenso die Zeit für Träume und Hoffnungen und Masken.
Wie würde er auf meinen Anblick reagieren, wenn ich dreist in seine geheiligte Privatsphäre eindrang, nicht mehr die geduldige, liebende, verspielte Frau, die er kannte, sondern eine Löwin, die auf Beute aus ist? Wie würde er auf die erfahrene Hure reagieren, welche die Männer auf den ersten Blick durchschaute, im Voraus wußte, was ihnen Lust bereitete, und sie auf eine Weise befriedigte, die diese Männer ausgelaugt und schwach und für immer verwandelt zurückließ?

Würde er vor Wut schäumen? Würde er mich beschimpfen? Mich verfluchen? Mich sogar schlagen? Oder würde er mich einfach so grob nehmen, wie Soldaten ihre Huren zu nehmen pflegen? Und was machte es schon, wenn er wütend würde? Wenn er mich beschimpfte, verfluchte oder mich sogar schlug? Was machte es schon, wenn er mich wie eine Hure nahm? Alles war besser, als wenn er sich so in sich selbst zurückzog. Alles war besser, als den Schmerz und die Qual in seinen meergrünen Augen sehen zu müssen. Alles war besser als diese Niedergeschlagenheit und die Schande und Demütigung, die er vor kurzem erlitten hatte. Was bedeuteten schon Beschimpfungen und Flüche oder selbst ein, zwei Schläge und ein paar wunde Stellen an meinem Körper, wenn ihm das seine Würde zurückgeben würde? Wenn es seinen verwundeten männlichen Stolz wieder herstellen würde? Wenn es ihn heilen könnte?

Mit einem Seufzer ging ich zu dem Schrank, den ich immer verschlossen hielt, öffnete ihn, nahm eine runde geschnitzte Alabasterdose und eine andere, rechteckige lackierte heraus und stellte beide auf meinen Toilettentisch.
Auf dem gepolsterten Stuhl vor dem Toilettentisch sitzend, öffnete ich die lackierte Dose und entnahm ihr die Kosmetikartikel, die ich so selten benutzte. Während meiner Ausbildung in Cassius' privatem Bordell hatte man mich die Anwendung aller nur erdenklichen Hilfsmittel gelehrt, die dazu dienten, die weibliche Schönheit zu unterstreichen. Nach meiner Freilassung hatte ich mich - bis auf einige wenige Gelegenheiten - geweigert, sie zu benutzen. Ich brauchte mir wirklich keine Sorgen zu machen, meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet eingebüßt zu haben, denn sobald ich mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren begann, bewegten sich meine Hände wie von selbst mit der Leichtigkeit langer Übung.

Mit der akribischen Konzentration eines Juweliers zog ich einen dünnen zarten Kajal-Strich um meine Augen. Römische Frauen benutzen gewöhnlich Holzkohle und Kreide, um ihre Züge hervorzuheben, aber Holzkohle und Kreide waren beide zu simpel und zu billig für die Dame Julia Servilia. Ich dagegen verwendete feinsten ägyptischen Kajal, welcher auf meinen Schiffen nach Italien gebracht wurde. Er ist von dunkelgrauer, nicht von schwarzer Farbe, und sein Ton ist der einzige, der wirklich gut zu meinem Teint paßt. Römische Frauen pflegen ebenfalls Safran (***) zu benutzen, um ihre Augenlider zu färben, aber für die wenigen Gelegenheiten, bei denen ich Lidschatten benutzte, bevorzugte ich eine unverschämt teure orientalische Mischung aus pulverisiertem Türkis und Gold, die ich mit Hilfe einer kleinen Bürste auftrug. Eine korallenfarbige Pomade ließ meine Lippen noch üppiger und verheißungsvoller erscheinen, als sie es bereits waren.

Nachdem ich den Deckel der Kosmetikdose geschlossen hatte, stand ich auf und öffnete das Alabastergefäß. Es enthielt Goldpuder. Ich nahm eine große Quaste und legte einen Hauch dieses Puders auf meine Schultern, die Erhebungen meiner Brüste, die sanfte Rundung meines Bauches, auf meine Oberschenkel und auf meinen Rücken kurz oberhalb des Pos.

Dann öffnete ich die Kassette, in der ich einige Juwelen verwahrte, die ich nicht regelmäßig trug, und betrachtete prüfend ihren Inhalt. Nichts brachte Nacktheit besser zur Geltung als eine winzige Kleinigkeit auf dem sonst unbekleideten Körper. Denn gerade diese winzige Kleinigkeit lenkt die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, daß der Körper ansonsten von keinerlei Kleidung bedeckt ist.

Die Tricks und Kniffe einer Hure waren mir nur zu vertraut.

Ich ließ meine Finger über die in der Kassette auf einem mit Samt überzogenen Brett angeordneten Schmuckstücke gleiten und erwog kurz, ein edelsteinverziertes Fußkettchen orientalischer Herkunft zu wählen, das aus einer dünnen Goldkette bestand, an welcher Perlen aus Gold, Koralle und Achat hingen. Dann fiel mein Blick auf eine lange, kunstvoll gearbeitete goldene Kette. Sie war so beschaffen, daß man sie als Gürtel tragen konnte. Ich schlang sie lose um meine Taille, hakte die Enden zusammen und ließ sie auf meine Hüften fallen. An ihrem Schloß war eine zweite, kürzere Kette befestigt, an deren Ende ein großer opalförmiger Aquamarin hing. Richtig positioniert ruhte der Edelstein unmittelbar über den dunklen bronzefarbenen Locken an der Stelle, wo sich meine Schenkel berührten.

Ich schlug den Deckel der Schmuckkassette zu, bürstete noch einmal kurz mein Haar und ging dann zu einer Kammer, in welcher ich einen Teil meiner mehr als umfangreichen Garderobe aufbewahrte. Ich besaß so viele Kleidungsstücke, daß dieselben zusammen mit den passenden Accessoires mehrere Räume meiner Villa füllten und ich manchmal sogar Schwierigkeiten hatte, mich zu erinnern, wo sich das eine oder andere Stück befand oder wie genau es aussah.
Aber ich hatte keine Probleme, genau das zu finden, was ich gerade suchte. Sechs Jahre waren vergangen, seit ich es zum letztenmal gesehen hatte, aber ich wußte sehr genau, wo es hingelegt worden war. Sechs Jahre waren vergangen, seit ich es in einem Militärzelt in Moesia mit Hilfe eines kleinen afrikanischen Mädchens ausgezogen hatte, nachdem ich aus einem bittersüßen Traum erwacht war, nur um zu entdecken, daß es nichts weiter als nur ein Traum gewesen war und daß Maximus mich, während ich schlief, verlassen hatte. Ich nahm die hauchdünne meergrüne Tunika, die Maximus so schockiert hatte, kehrte in mein Schlafzimmer zurück und breitete sie vorsichtig im Licht aus, ihr durchscheinender Stoff wog nicht mehr als eine Handvoll Schaum. Es war ein ungewöhnliches Kleidungsstück - entworfen, um zu verführen und Lust zu bereiten. Es bestand aus vier langen Schals - zwei vorn und zwei hinten - an den Schultern mit Goldfäden zusammengenäht. Die einzelnen Stoffbahnen konnten kreuzweise übereinandergelegt werden, oder man konnte sie auch einfach glatt herabfallen lassen und nur mit einer um die Taille geschlungenen Schärpe zusammenhalten - je nachdem wieviel man verbergen oder entblößen wollte.

Ich hob die Tunika über den Kopf und ließ sie über meine Schultern herabgleiten, dann schüttelte ich mein Haar und ordnete es. Der zarte Stoff schmiegte sich an die Kurven meines Körpers wie die Hände eines Liebhabers, meine Brüste zeichneten sich höchst vorteilhaft darunter ab, und er umschmeichelte sanft die Rundungen meines Schoßes, die goldene Kette und der Aquamarin leuchteten durch das hauchdünne Gewebe. Ich warf die dazugehörige Schärpe beiseite und ermöglichte es dem Kleidungsstück so, wirbelnd und schwebend um meinen nackten Körper zu tanzen.

Nachdem dies erledigt war, betrachtete ich noch einmal mein Spiegelbild, studierte es aufmerksam und versuchte nochmals, mich so zu sehen, wie Maximus mich sehen würde, sobald  ich sein Schlafzimmer betrat. Das Haar glänzend, das Gesicht zart und kunstvoll zurechtgemacht, die Haut mit goldenem Puder überhaucht und eingehüllt in etwas, das einer Handvoll Meeresschaum glich, war ich nicht länger die kalte und distanzierte Dame Julia Servilia, die statuenhafte, reservierte Schönheit, nach der sich die Männer die Köpfe verdrehten, sich eilig nach ihrem Namen erkundigten und ob sie wohl noch zu haben sei. Nein, so sah ich nicht mehr aus, sondern mehr wie eine geheimnisvolle, sinnliche Göttin, deren üppiger Mund und sprühend blaue Augen unaussprechliche Freude versprachen.

"Wie konnte er Dich nicht lieben? Jeder Mann, der bei klarem Verstand ist ... "

Ich vernahm den hartnäckigen Widerhall von Maximus' Stimme in meinem Inneren und zwang mich, den tiefen, erregenden Klang dieser Stimme, die ich so liebte, zu ersticken, denn in dieser Nacht war kein Platz für die Liebe - nicht einmal für die Illusion derselben. In dieser Nacht gab es nur eins, das zählte: die Scherben von Maximus' Ehre aufzuheben und wieder zu einem Ganzen zusammenzufügen. Einem stolzen und männlichen Mann seinen Stolz und seine Mannesehre zurückzugeben. Ihn zu heilen - wie hoch der Preis auch sein mochte. Ihn zu heilen und zu befreien ... vielleicht nicht von der Sklaverei aber von Schande und Demütigung.

Mit einem letzten Blick auf die fremde und doch so vertraute Frau im Spiegel wandte ich mich um und tappte barfuß zur Tür.

 

(*) Sudatorium (Lateinisch): "Schwitz-Bad". Es handelt sich um eine Art Dampfbad, das von den Römern benutzt wurde, um ihre eingeölte und dann abgeschabte Haut von Unreinheiten zu reinigen. Einige Bäder hatten auch einen Raum mit trockener Wärme, vergleichbar der heutigen Sauna, der "Laconicum" genannte wurde.

(**) Natatio (Lateinisch): "Schwimmbecken". In römischen Bädern gab es lauwarme ('tepidarium'), warme ('calidarium') und kalte ('frigidarium') Tauchbäder und ein Becken, in dem man schwimmen konnte. Dabei konnte es sich entweder um ein innen oder im Freien gelegenes Becken handeln, und die größten, luxuriösesten öffentlichen und privaten Bäder - wie jene in Julias Villa - besaßen beides.

(***) Puderförmiger Safran wurde von römischen Frauen am häufigsten als Lidschatten benutzt, Safranöl diente gewöhnlich als Parfüm.
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*1 Schabeisen     strigilis;  Striegel aus Metall oder Horn, beim Baden zum Abstreifen des Öls vom Salben der Haut gebraucht

*2 gymnasium     Raum für Leibesübungen    


20.b Die Scherben der Ehre - 180 A.D.

 

Ich legte den kurzen Weg zwischen meinem und Maximus' Schlafzimmer wie im Traum zurück, hielt beim Klang der gedämpften ruhelosen Schritte einen Moment inne, holte tief Luft und klopfte vorsichtig an die Tür.
Die Schritte verstummten augenblicklich.

"Maximus?" fragte ich leise

Keine Antwort. Nur Schweigen.

"Maximus?" wiederholte ich.

Kein Laut war von der anderen Seite der Tür zu hören.
Ich mußte mich zwingen, nicht wieder an meiner Unterlippe zu kauen. Jetzt war keine Zeit für Zweifel, sondern Zeit zum Handeln. Ich legte meine Hand auf den Türknauf und drehte ihn.

Die Tür ließ sich nicht öffnen.

Mein Herz machte einen Sprung und begann wie wild zu rasen. Es schlug so laut, daß ich mir sicher war, er könne es auf der anderen Seite der Tür hören. Meine Hand auf dem Türknauf zitterte heftig, ich zwang mich zur Ruhe und versuchte es noch einmal.

Die Tür war von innen verschlossen.

Nun war es nicht nur mein Herz, das raste, sondern auch meine Gedanken. Warum hatte er die Tür zu seinem Schlafzimmer abgeschlossen? Hatte er meine Absicht vorausgeahnt? Oder war es, weil er sich selbst nicht mehr traute, nachdem er in der vergangenen  Nacht statt zu schlafen ruhelos über meine Terrasse gewandert war? Fürchtete er, mir nicht widerstehen zu können, falls ich ihm folgen sollte? Oder fürchtete er etwa sein eigenes Bedürfnis, sich seiner Männlichkeit zu versichern, indem er mich hart und rücksichtslos nahm?

Was auch immer der Grund sein mochte, ich war darauf angewiesen, daß er mir die Tür öffnete und mich in sein Schlafzimmer ließ. Warum war ich nur so dumm gewesen und hatte den Schlüssel stecken lassen? Warum war mir nie aufgefallen, daß dort überhaupt ein Schlüssel war und daß er von innen im Schloß steckte?
Ich schluckte angestrengt, zwang mich innerlich zur Ruhe und dazu, ruhig zu sprechen.

"Maximus, mach die Tür auf."

Erst war da eine lange Pause, dann begann das ruhelose Auf-und-Ab-Laufen erneut, aber es kam keine Antwort von der anderen Seite der Tür.

"Maximus, mach die Tür auf", wiederholte ich, und benutzte dabei unbewußt das, was ich als "die Stimme" bezeichnete, jenen einschüchternden, festen und trotzdem emotionslosen Ton, den ich von meinem Gemahl gelernt hatte und der die Dienerschaft meine Befehle in Windeseile ausführen ließ, noch bevor sie überhaupt merkten, daß sie es taten.
Aber ich hätte wissen müssen, daß ein Mann, der mit ein paar Zwanzig auf Befehl des göttlichen Imperators Caesar Marcus Aurelius Antoninus Augustus Kommandeur der Armeen des Nordens geworden war, für "die Stimme" immun war.

"Maximus", versuchte ich es noch einmal und bekämpfte die mit rasanter Geschwindigkeit in mir aufsteigende Verzweiflung, "bitte mach die Tür auf. Wir müssen reden ... "

Die Schritte verstummten. Vor meinem inneren Auge konnte ich Maximus klar und deutlich sehen, wie er müde auf die Tür blickte, die uns von einander trennte, so wie uns sein Ehegelübde vor sechs Jahren von einander getrennt hatte und wie meine Dummheit uns nun für immer von einander zu trennen drohte.

"Julia ... bitte ... Laß mich allein ... "

Seine Stimme war klar aber nicht fest. Gegen welche Geister und Dämonen kämpfte er? Jene, die sich aus dem Rauch seines verbrannten Hofes erhoben, um ihn in seinen Träumen heimzusuchen, so wie die Geister der keltischen Sklaven mich in den meinen? Oder jene der qualmenden Schlachtfelder, auf denen er endlose Jahre im Dienste Roms und seines Kaisers Blut vergossen hatte, nur um von dessen Sohn verraten zu werden?

Ich atmete ganz tief durch, zwang mich zur Ruhe und versuchte es noch einmal.

"Bitte, Maximus, sperr mich nicht aus ... "

Im Schlafzimmer machte Maximus ein paar zögerliche Schritte und blieb dann wieder stehen, antwortete jedoch nicht.

Ich hieb mit meiner rechten Faust gegen die schwere geschnitzte Eichentür. Der Schmerz traf mich wie ein Keulenschlag, lief durch meinen Arm bis hinauf in die Schulter. Ich registrierte ihn nur unbewußt als eine Art Unbehagen.

"Verdammt, Maximus! Wage es nicht, mich auszusperren! Mach die Tür auf!"

Ich vernahm ein unbestimmtes Geräusch, das etwas wie ein tiefes schmerzvolles Seufzen  gewesen sein könnte.

Als Maximus sprach, war da so viel kaum verborgenes Elend in seiner Stimme.

"Es ist ... es ist nur ... daß ich einfach allein sein muß ... "

"Nein, Maximus. Wir müssen reden. Mach die Tür auf ... "

"Wir werden reden, Julia. Wir werden ... reden ... aber nicht jetzt ... Nicht heute nacht ... "

"Jetzt, Maximus!"

Ich konnte das intensiver werdende Drängen in meiner Stimme hören und verfluchte mich innerlich selbst dafür. Maximus hörte es auch und antwortete darauf ganz wie der General, der er war, - als spräche er zu einem furchtsamen Rekruten unmittelbar vor seiner ersten Schlacht.

"Später, Julia. Wir werden später reden!"

Innerlich immer noch fluchend zwang ich meine Stimme, ruhig und vernünftig zu klingen.

"Wann, Maximus? Wann werden wir reden?"

Er zögerte einen Augenblick lang und sagte dann ruhig: "Morgen früh. Morgen früh werden wir reden. Nun geh, Julia. Bitte geh."

Ich schloß die Augen und lehnte meine Stirn gegen die verschlossene Tür. Gibt es etwas Jämmerlicheres als eine liebende Frau, die von dem Mann, den sie so sehr liebt und dem sie helfen will, zurückgewiesen wird - sei es um der Treue willen oder im Namen einer zerbrochenen Ehre?

O ja, das gibt es.

Eine erfahrene Hure, kunstvoll zurechtgemacht, ihr geschickter Körper gepudert mit Goldstaub und in eine durchscheinende Tunika gehüllt, die sich vor einer verschlossenen Tür wiederfindet, und ein Mann, der sich weigert, diese Tür zu öffnen.
Eine erfahrene Hure, die auch noch schön und reich genug ist, um die Aufmerksamkeit jedes Mannes ihrer Umgebung zu erregen, die aber unfähig ist, die Barrieren - seien sie physischer oder welcher Natur auch immer - zu durchbrechen, die der einzige Mann, den sie haben will, um sich errichtet hat.

Sollte Maximus je wie ein gebrochener Mann ausgesehen haben, dann, als er - das Gesicht in den Händen vergraben - in Apollinarius’ Wohnzimmer saß. Und ich hatte niemals mehr dem Bild einer gebrochenen Frau geglichen, als wie ich so dastand in meiner durchscheinenden Tunika, die Stirn gegen die verschlossene Tür seines Schlafzimmers gelehnt - nicht einmal damals, als Marcus Aurelius mir gesagt hatte, daß man mich im Morgengrauen nach Rom schicken würde, während Maximus nach Spanien zu seiner Frau zurückkehren sollte.

Wieder einmal schien alle Wärme meinen Körper verlassen zu haben, und trotz der milden Nacht zitterte ich. Die Kälte, die sich in meinem Körper breit machte, hätte kein Kohlebecken und kein hypocaustum*1 vertreiben können. Ich sank gegen die verschlossene Tür, die mich daran hinderte, zu Maximus zu gelangen, und preßte meinen Körper an das geschnitzte Holz. Ich preßte mein Fleisch an das Holz, wie ich mich danach sehnte, es an Maximus Körper zu pressen, die Erhebungen meines Körpers mit den Flächen und Höhlungen des seinen, meine Weichheit mit seiner Härte verschmelzen zu lassen. Seinen Leib an meinem zu wiegen und meinen von ihm wiegen zu lassen. Ihm Wärme und Trost zu schenken und Wärme und Trost von ihm zu empfangen. Unser beider Einsamkeit und Sehnsucht, unserem Hunger und Verlangen ein Ende zu setzen. Die Zeit anzuhalten, das Schicksal zu überlisten und das drohende Verhängnis abzuwenden. Licht und Feuer in Dunkelheit und Kälte zu tragen. Vergessen und Vergebung dorthin zu bringen, wo es nur Reue und Schuld und Schande gab.

Meinen Körper nur noch fester an die verschlossene Tür pressend stöhnte ich vor Verlangen und Schmerz und Frustration. Ich stöhnte vor Qual während ich mich danach verzehrte, in seliger Ekstase zu stöhnen. Ich stöhnte so laut, daß Maximus mich einfach gehört haben mußte, aber die Tür blieb verschlossen, und geschnitzte Eiche ist kein warmes Fleisch. Die Augen immer noch fest geschlossen, streichelte ich die Tür mit meiner schmerzenden rechten Hand, meine Fingerspitzen glitten unbewußt über das Schnitzwerk, so wie ich seinen Namen an den Wänden des Kolosseums und die Narben auf seiner linken Schulter nachgezeichnet hatte. So wie ich mich danach sehnte, jeder anderen Narbe auf seinem Körper, um den die Götter ihn beneideten, nachzuspüren ...

"Ich liebe Dich, Maximus", flüsterte ich gegen die verschlossene Tür. "Ich liebe Dich."

Ich weiß nicht, wie lange ich dort zubrachte, das weiche Fleisch einer Frau an einer verschlossenen Tür, und in Gedanken durch die dunklen Korridore meines vergangenen und gegenwärtigen Lebens wanderte. Irgendwann setzte das ruhelose Auf und Ab Laufen hinter der verschlossenen Tür wieder ein, seine kaum verborgene mörderische Aggressivität  hallte mit jedem Schritt in meinen Ohren.

Langsam, ganz langsam, öffnete ich die Augen, verließ meinen Platz an der Tür und kehrte zurück in mein Schlafzimmer, wo ich mir die durchscheinende Tunika und die Goldkette vom Leib riß, mein Gesicht von jeder Spur von Schminke und meinen Körper von dem goldenen Puder reinigte. Nachdem ich das erledigt hatte, hüllte ich mich in dasselbe dunkelgrüne Seidengewand, das ich am Morgen getragen hatte, brachte mein Schlafzimmer in Ordnung und beseitigte sorgfältig jede Spur meines fehlgeschlagenen Plans. Dann nahm ich eine Lampe und einen Schlüsselbund, der sich gewöhnlich an einem besonders dafür eingerichteten Platz hinter meinem Bett befand - zusammen mit einem fest verschnürten purpurfarbenen Samtbeutel - und stieg barfuß die Treppe hinab.

Die Villa lag still wie ein verlassener Tempel da, nur das Knistern der in regelmäßigen Abständen entzündeten Öllampen unterbrach die Stille der Nacht. Ich wußte, daß die Diener, welche die Nachtschicht versahen, die wenigen Bediensteten, die bereitstanden, falls sie gebraucht wurden, mich aus den dunklen Winkeln heraus beobachteten. Ich konnte ihre Blicke spüren, während ich zu meinem Arbeitszimmer ging, so wie ich die Blicke der Katzen, die versteckt in denselben Winkeln lauerten, spüren konnte. Ich mußte sie nicht sehen können um zu wissen, daß die Augen der Diener mich erwartungsvoll und jene der Katzen mit echter Neugier betrachteten - so wie immer, wenn ich zu nächtlicher Stunde durch das weitläufige Haus schlich.

Nachdem ich in meinem offiziellen Arbeitszimmer im Parterre angekommen war und die Tür hinter mir abgeschlossen hatte, öffnete ich mit Hilfe eines der Schlüssel eine weitere Tür, die mein Arbeitszimmer mit dem meines Gemahls verband. Meine Lampe füllte den Raum mit geisterhaften Schatten, als ich sie auf dem Tisch abstellte. Das Zimmer war seit dem Tage seines Todes verschlossen gewesen, und sein Leibdiener Phaedrus war außer mir die einzige Person, die dieses Zimmer zweimal in der Woche betrat, um die Möbel und Schiffsmodelle abzustauben, und um die Büsten meines Gemahls und seiner ersten Gattin Pollia Sabina Marcia mit frischen Rosenblättern zu ehren. Ich betrachtete sie im matten, goldenen Licht meiner Lampe. Sabinas süße Jugend für die Ewigkeit bewahrt, Marius Servilius ganz Stärke und ruhige Würde, keine Spur von Krankheit oder Leiden in seinen wachsamen, ansprechenden Zügen. Sie waren im Jenseits mit ihrem Sohn vereint, so wie sie es zu Lebzeiten hätten sein sollen, wenn die Geburt des Kindes nicht so unglücklich verlaufen wäre. Sie waren im Jenseits vereint, so wie Maximus mit Olivia und Marcus vereint sein wollte.
Ich fröstelte.
Marius Servilius war zu Sabina und dem kleinen Marcus gegangen, und wenn es so weit war, dann würde auch Maximus zu der Frau und dem Sohn gehen, die er so liebte. Wer würde auf mich warten, wenn es an mir sein würde, jene Schwelle zu überschreiten? Eine höhnende Turia, die das 'kluge Mädchen' begrüßen und sich über mein Versagen als Frau und sogar als Hure lustig machen würde? Ein arroganter Cassius, der mich daran erinnern würde, wie dankbar ich ihm sein müßte, daß er meinem Leben einen Sinn gegeben hat, indem er mir meine wahre Natur offenbart hatte?

Ich ballte meine Hände zu Fäusten, so fest, daß sich die Nägel schmerzhaft in meine Handballen gruben, während ich diese beunruhigenden Gedanken aus meinem Kopf verdrängte. Dann nahm ich einen anderen Schlüssel und ging zu dem großen eisernen Geldschrank, der in einer Ecke des Arbeitszimmers stand, und öffnete ihn. Im Inneren waren Dokumente sorgfältig in den Fächern gestapelt. Reihe für Reihe mit Verträgen, Geschäftsbriefen, Besitzurkunden und Bankabrechnungen. Im unteren Teil befanden sich drei kleine, verschlossene Eisentüren, welche die Fächer sicherten, in denen sich das Bargeld und meine kostbarsten Schmuckstücke befanden. Das dritte dieser Fächer enthielt lediglich ein zusammengerolltes, versiegeltes Dokument. Ich nahm es heraus, schloß die Eisentür des Faches, verschloß den Geldschrank, nahm die Lampe und verließ den Raum.

Auf der Schwelle der Tür, die sein mit meinem Arbeitszimmer verband, drehte ich mich um, und warf noch einen letzten Blick auf die edlen Züge meines verstorbenen Gemahls, in Marmor gemeißelt, so wie ich ihn im Gedächtnis behalten wollte, nicht wie er während der letzten elenden Tage seines Lebens gewesen war. Nicht als den ausgezehrten Mann, verewigt von einer Totenmaske, die nur anzusehen ich nicht einmal ertrug.
Ich betrachtete ihn einen Augenblick lang und wünschte, er wäre hier, um ihn um seine Hilfe, seinen Rat bitten zu können, den starken Trost, den allein schon seine Gegenwart mir geschenkt hatte. Die Worte blieben mir in der trockenen, zugeschnürten Kehle stecken. Es war nicht so, wie Turia es mir vorgeworfen hatte - es ging hier nicht um Stolz, nicht darum, daß ich mich weigerte, um Hilfe zu bitten, wie ich mich geweigert hatte, Cassius um meine Freiheit zu bitten. Es war einfach so, daß ich kein Recht hatte, den Mann um etwas zu bitten, der mir beinahe alles gegeben und dafür so wenig von mir zurückbekommen hatte.

"Vergib mir, mein Gemahl", flüsterte ich, drehte mich um und schloß die Tür.

Nachdem ich in mein Apartment zurückgekehrt war, stellte ich fest, daß aus dem zweiten Schlafzimmer kein Laut mehr zu hören, unter der geschlossenen Tür jedoch immer noch ein schmaler Lichtstreifen zu sehen war. Nigra lag flach auf der Seite und scharrte mit den Pfoten an der Schwelle, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie entdeckte, daß unter einer geschlossenen Tür Licht hindurchdrang. Sie miaute laut, sobald sie mich sah, verlangte, ihr zu öffnen, damit sie erkunden könnte, was hinter der Tür verborgen war.
Ich hockte mich neben sie und kraulte sie unter dem Kinn.
"Es tut mir leid, Baby", flüsterte ich. "Heute nacht hat man uns beide ausgesperrt ... "

Ich überließ die pummelige schwarze Katze ihrem Spielen und Scharren und trug die Lampe in das private Arbeitszimmer meines Apartments, wo ich zwei weitere entzündete und mich dann an meinen Schreibtisch setzte. Nach Marius Servilius' Tod und bevor sein Arbeitszimmer und seine Wohnräume für immer geschlossen worden waren, hatte ich zwei seiner Schiffsmodelle an mich genommen. Das der 'Sirene' stand nun auf dem Schreibtisch meines Arbeitszimmers, das direkt neben seinem lag. Das der 'Poseidon' stand auf dem Schreibtisch des in meinen Privaträumen gelegenen Arbeitszimmers.

Ich öffnete einige Schubladen, entnahm ihnen einen Stapel von Dokumenten und studierte sie sorgfältig. Alles war in Ordnung. Steuern. Bankangelegenheiten. Verträge. Fracht. Versandaufträge und Bestellungen für neue Schiffe. Schulden waren bezahlt. Geldüberweisungen erledigt. Apollinarius hatte recht: ich führte ein ordentliches Geschäft, und es bedurfte schon etwas wirklich Unvorhergesehenem, um es aus dem Gleichgewicht zu bringen ... etwas wie Roms Star-Gladiator, der - wenn auch nicht in meinem Bett - so doch in meinem Apartment schlief.

Ich prüfte alles zweimal und konnte keinen Fehler finden. Rubia kam in mein Arbeitszimmer geschlichen, offenbar auf ihrer nächtlichen Wanderschaft vom Licht angezogen. Sie sprang auf meinen Schreibtisch, warb um Aufmerksamkeit, und ich nahm sie auf den Arm, kraulte ihr glänzendes dreifarbiges Fell, während ich das letzte Dokument las. Als meine Hand über ihren sonst makellosen Leib glitt, entdeckte ich einige winzige Ausbuchtungen, die sich unter meiner Berührung leicht bewegten.
Ich hob die schwere Katze hoch, bis ich direkt in ihr Katzengesicht und in ihre rätselhaften grünen Augen schauen konnte.

"Rubia! Nicht schon wieder!"

Die riesige Kätzin erwiderte hochmütig meinen Blick, nicht gewillt, eine Erklärung abzugeben. Ich schloß sie liebevoll in die Arme, und sie ertrug die unwürdige Zurschaustellung meiner Gefühle, verzog jedoch die Nase, als ich sie auf ihre haarige Wange küßte. Ich legte sie auf meinen Schoß, und sie begann emsig ihren Bauch zu lecken, der bald von einem neuen Wurf anschwellen würde, dann nahm ich das Dokument zur Hand, welches ich aus dem Geldschrank genommen hatte, erbrach das schwere Siegel, entrollte das Schriftstück und lehnte mich in meinem Sessel zurück, um es zu lesen.

Es war mein Testament.

Ich hatte es geschrieben, kurz nachdem ich Witwe geworden war, - meine neuen Verpflichtungen waren stärker gewesen als die Hartnäckigkeit, mit der ich mich geweigert hatte darüber nachzudenken, was mit meinem Besitz im Falle meines Todes werden würde. Es war lang und detailliert. Ich mag zwar keine eigene Familie haben, aber als Patronin einer großen Zahl von Freigelassenen hatte ich Dutzende von Vermächtnissen ausgesetzt, um für sie zu sorgen. Dann kamen die besonderen und bedeutenderen Vermächtnisse: einen Teil meiner Juwelen und eine beträchtliche Summe Geldes zusammen mit einem kleinen Gut im Nildelta für Merith. Ein anderes Gut in Griechenland mit genügend Geld für einen ruhigen und komfortablen Lebensabend für Athenodorus und Nicia. Eine Originalausgabe der Werke Ovids für Cornelius Crassus - als Zeichen meiner aufrichtigen Dankbarkeit, die ich ihm gegenüber nie zum Ausdruck gebracht hatte - und eine etruskische Fibel*2, die das Lieblingsstück meines Gemahls gewesen war.

Alles andere hinterließ ich Apollinarius, der auch mein Testamentsvollstrecker sein sollte. Das Dokument war von meinem Anwalt und zwei seiner Kollegen bezeugt und unterschrieben. Da er der Haupterbe war, hatte Apollinarius besser nichts mit der Angelegenheit zu tun. Außerdem wußte ich, wie beunruhigend es ist, sich mit der Möglichkeit des Todes eines Freundes zu befassen, selbst wenn es sich nur um eine rechtliche Formsache handelte, denn ich hatte Apollinarius' neues Testament bezeugt, das er nach dem Tode seines jungen Geliebten Hyppolitus aufgesetzt hatte.
Mein Testament war ein mit akribischer Genauigkeit verfaßtes Dokument, dessen Original sich, wie Hunderte anderer ähnlicher Dokumente, in der Obhut der Jungfrauen der Vesta befand. Es erforderte lediglich einige Ergänzungen, die sich aus der aktuellen Situation ergaben. Ich rückte ein wenig hin und her, um es der nun schlafenden Katze auf meinem Schoß bequemer zu machen, nahm ein Blatt Papyrus und ein Schreibrohr und begann zu schreiben.

Mit fester Hand schrieb ich ein Kodizil*3, welches festsetzte, daß ich meine Villa in Malta Aemilius Trebutius Flaccus vermachte. Dann, nach kurzem Zögern, fügte ich noch ein weiteres hinzu, nach welchem ein bestimmter nicht näher beschriebener Ring der Dame Annia Lucilla Antonia, der ehemaligen Kaiserin und Mutter des gesetzlichen Thronerben, gehören solle.
Nachdem dies erledigt war, unterzeichnete und versiegelte ich das Dokument und legte es zur Seite, um es bei meiner Rückkehr nach Rom beglaubigen zu lassen.

Ich ließ meine Schultern kreisen, um die verspannten Muskeln zu lockern, stand auf und trug die schlafende Katze zu dem Stuhl, der auf der anderen Seite des Schreibtischs stand. Rubia rührte sich nicht. Ich hatte sie schon während früherer Schwangerschaften erlebt und wußte, daß die werdende Mutter oft schläfrig und in sich gekehrt war. Sie rollte sich auf die Seite, seufzte im Traum und zuckte mit ihren langen, gebogenen Schnurrhaaren. Ich streichelte zärtlich ihren weichen, felligen Bauch und fühlte abermals, wie sich die winzigen Ausbuchtungen unter meiner Berührung bewegten. Plötzlich sah ich vor meinem inneren Auge Eugenia. Ich sah, wie sie mir stolz ihren runden, gewölbten Bauch zeigte. Ich sah, wie sie meine bebende Hand ergriff und sie gegen ihren geschwollenen Leib drückte, und ich fühlte, wie sich ihr Baby unter meiner Berührung leicht bewegte und trat.

Julius.

Eugenia war die einzige schwangere Frau gewesen, die ich je berührt hatte. Die Damen, mit denen ich aus Höflichkeit Umgang pflegte, und weil es die guten Sitten nun mal geboten, behandelten mich mit der gleichen unverbindlichen Liebenswürdigkeit, mit der auch ich ihnen begegnete. Sie sprachen in meiner Gegenwart über Babys und Schwangerschaften, aber sie forderten mich nie auf, ihre Bäuche zu berühren, sei es, weil sie mich dazu für ungeeignet hielten, da ich keine eigenen Kinder hatte, oder sei es, weil sie fürchteten, daß ich, da ich augenscheinlich unfruchtbar war, sie beneiden und der Böse Blick sie oder ihre Babys treffen könnte.

Sie war immer betörend gewesen, eine hochgewachsene, dralle, grünäugige Brünette mit bronzefarbener Haut, der Liebling der Männer und - wie ich selbst - eine prämierte Stute in Cassius Stall. Eugenias Lachen hallte in meiner Erinnerung wider. Sie lachte viel, und ihr Lachen war mehr ein süßes und unschuldiges mädchenhaftes Kichern gewesen, über das ich immer lächeln mußte. Sie war für  mich am ehesten so etwas wie die Freundin gewesen, die ich nie wirklich gehabt hatte, und wenn wir einander nicht näher gewesen waren, dann deshalb, weil ich es verhindert hatte, indem ich ihr keinen Zugang zu meinem Herzen und meinem Inneren gewährte, während sie sich mir mit dem Eifer einer liebevollen, sanften Seele öffnete, die in einer lieblosen und brutalen Welt gefangen war.
Eugenia hatte viel gelacht, ja.
Oder wenigstens hatte sie das, bis man ihr das Baby wegnahm.

Julius.

Ich war während der Qualen der Geburt bei ihr gewesen. Ich hatte ihr den Schweiß von Hals und Gesicht gewischt, ihre Hände tröstend gedrückt und ihr erlaubt, sich an mich zu klammern, um ihr zu helfen, den Schmerz leichter ertragen zu können. Ich hatte ihr das Haar gestreichelt und den Rücken massiert, wenn sie während der Wehen keuchte und stöhnte. Ich sprach ihr ermutigend zu, als die Hebamme sie aufforderte zu pressen, um das Baby zur Welt zu bringen. Ich hatte das blutverschmierte, schreiende Wesen aus der Hand der Hebamme entgegengenommen und Eugenia in die Arme gelegt, sobald die Nabelschnur abgebunden und durchtrennt worden war, und wir hatten zusammen gelacht und geweint über das Wunderbare, das sich ereignet hatte.

Julius.

Man hatte ihr das Baby weggenommen, und seit sie mehr als einen Monat später in die Wohnräume der Huren zurückgekommen war, hatte sie nie auch nur ein Wort über ihren Sohn verloren. Aber tief in ihr drin war etwas gestorben. Man hatte ihr das Baby weggenommen, aber heimlich hatte sie ihm einen Namen gegeben und seinen Namen im Schlaf gemurmelt, und manchmal hatte sie dabei geweint. Und manchmal hatte sie Wiegenlieder für ihn gesungen.
Und sie hatte ihn nach mir benannt.

Nachdem  man ihr das Baby weggenommen hatte, lachte Eugenia nur noch selten und wenn, dann klang es hohl, nur noch ein blasser Schatten ihres einst so ansteckenden mädchenhaften Kicherns. Tief in ihr drin war etwas gestorben, und es blitzte nur noch einmal kurz auf in jener Nacht, als ich sie in die Enge trieb und sie überredete, mir zu helfen, Maximus zu retten und so die Rache zu üben, nach der wir beide uns verzehrten.
Auf dem Weg nach Rom hatte sie oft gelacht, während sie an meiner Seite geritten war und einem gutaussehenden Prätorianer-Offizier kokette Blicke zugeworfen hatte. Wäre ich nicht so sehr mit meiner eigenen Trauer beschäftigt gewesen, hätte ich sie gewarnt, weil eine solche Liaison nur mit einer Enttäuschung enden konnte, denn römische Offiziere waren zu sehr auf ihre Karriere bedacht, als daß sie es ernstlich in Erwägung gezogen hätten, eine ehemalige Sklavin und Hure auch nur zur Geliebten zu nehmen ... Hatte nicht Maximus selbst darauf hingewiesen, daß er mich auf Grund seiner und meiner Stellung nie würde heiraten können, als ob ich je an eine Ehe gedacht hätte und er nie zu einem Sklaven erniedrigt worden wäre!

Wohin hatte das Leben, das Schicksal Eugenia verschlagen? War sie in Rom? Hatte sie den Mann gefunden, von dem sie geträumt hatte, einen Mann, der sie lieben und heiraten und ihr die ersehnten Babys schenken würde? War das Leben, nach unserem gemeinsamen schwierigen Anfang, gut zu ihr gewesen, oder war sie das Opfer einer dunklen und grausamen Welt geworden?

Ich kehrte zu meinem Platz hinter dem Schreibtisch zurück, nahm ein neues Papyrusblatt und schrieb eilig einen Brief an Apollinarius, in dem ich ihm detaillierte Anweisungen gab, nach einer Frau namens Eugenia zu suchen, die zusammen mit mir im vierzehnten Jahr der Herrschaft Marcus Aurelius' freigelassen worden war. Ich forderte ihn auf, keinerlei Kosten zu sparen, um sie zu finden, wo immer sie auch sein mochte, und ihr, nachdem er sie gefunden hatte, ein angenehmes Leben zu ermöglichen und sie mit allem zu versehen, was sie brauchte. Sollte Eugenia verheiratet sein und Kinder haben, sollte er sich persönlich davon überzeugen, daß ihr Mann sie gut behandelte, und die Zukunft eines jeden Sohnes und einer jeden Tochter, die sie geboren haben mochte, absichern. Sollte ihr Mann sie nicht gut behandeln, dann müßte Apollinarius ihr die Mittel zur Verfügung stellen, sich scheiden zu lassen, ein sicheres und angenehmes Leben zu führen und ihre Kinder angemessen aufzuziehen und ausbilden zu lassen.

Ich hatte eben die Kalkulation der Summe beendet, die er für sie in diesem Falle hinterlegen mußte, als mich die Erkenntnis der Wahrheit wie ein Donnerschlag traf. Wie konnte ich es wagen, mich in Eugenias Leben einzumischen, nachdem ich sie vor sechs Jahren verlassen hatte? Was wenn sie geheiratet hatte und glücklich war und Kinder hatte und ihr Gemahl ignorierte, daß sie eine Hure gewesen war? Ihre Schönheit hatte sicher einen reichen Kaufmann dazu bewogen, um sie anzuhalten, denn nur Rittern und Senatoren war es verboten, eine Freigelassene zu ehelichen. Was wenn das plötzliche Auftauchen eines Geistes aus ihrer Vergangenheit das Leben, das sie sich aufgebaut hatte, ruinieren würde? Wie hätte ich mich gefühlt, wenn Honora oder Aelia oder Aridna oder selbst Eugenia plötzlich vor der Tür meiner Villa aufgetaucht wären, als ich noch mit Marius Servilius verheiratet gewesen war, der sogar um meine Vergangenheit als Hure gewußt hatte?

Ich legte das Schreibrohr zurück in seine Schale und rieb mir müde die Augen. Es mußte schon weit nach Mitternacht gewesen sein, die dunkelsten Stunden der Nacht. Die Zeit, wenn Erschöpfung sich durch ein umnebeltes Gehirn und schmerzende Knochen bemerkbar macht. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und blieb lange Zeit unbeweglich sitzen, kämpfte schweigend mit den Dämonen und Geistern einer befleckten Vergangenheit, die zu sterben sich weigerten.

"Vergib mir, Eugenia ... " flüsterte ich dem Geist jener Brünetten mit der Figur einer Statue zu. Dem Geist jener Frau, die sich eigensinnig und fröhlich über viele Jahre an mich geklammert, ihre Träume und Hoffnungen herausgeplappert hatte, während ich mich weigerte zuzugeben, daß sie den meinen so ähnlich waren. War das der wahre Grund gewesen, warum ich Eugenia verlassen hatte? War das der wahre Grund gewesen, warum ich ihr den Zugang zu meinem Herzen und meiner Seele verweigert hatte?

"Vergib mir, Eugenia ... " wiederholte ich, dann hob ich den Kopf, nahm das Papyrusblatt und hielt es in die Flamme. Es fing schnell Feuer, und während ich es weit von mir hielt, nahm ich mein nachgebessertes Testament in die andere Hand. Ich trat auf die Terrasse, lehnte mich über die marmorne Brüstung und ließ den brennenden Brief fallen. Er wirbelte gleich einem Feuervogel in der Brise, die vom Meer herüberwehte, landete dann auf dem feuchten Gras und erstarb mit einem leisen Zischen.

Ich tappte zu der Couch unter dem Sonnenschutz, der Couch, auf der ausgestreckt ich Maximus mein Herz geöffnet hatte wie noch niemals zuvor einem anderen Menschen. Ich legte mich wieder auf diese Couch und preßte das Testament an meine Brust.
Ich verbrachte dort, was von der Nacht noch übrig war. Ich war leicht eingeschlummert, wurde aber von einer Bewegung in meinem Wohnzimmer geweckt. Ich öffnete die Augen im frühen Morgenlicht und mußte unwillkürlich an einen anderen Morgen denken, als ich Maximus im rotgoldenen Licht der aufgehenden Sonne Lebewohl gesagt hatte.

Maximus.

Er war es, der dort im Wohnzimmer hin und her ging. Ich kannte diesen Schritt nur zu gut. Er bewegte sich mit der Anmut einer Katze, und mit Schritten, die für einen kräftigen Mann wie ihn erstaunlich leicht waren.
Suchte er mich? Wußte er, daß ich in der vergangenen Nacht nicht geschlafen sondern die meiste Zeit in meinem Arbeitszimmer neben seinem Schlafzimmer verbracht hatte? Hatte er geschlafen oder war er wie ich wach geblieben? War sein Geist wie der meine mit der Vorbereitung auf den Tod beschäftigt gewesen?

Dann hörte ich, wie seine Schritte sich entfernten und wie er die Tür zu meinem Apartment öffnete und leise hinter sich schloß. Ich rollte mich auf die Seite, vergrub mein Gesicht in den Polstern und weinte leise, bis der Schlaf mich übermannte.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als man mir das Frühstück brachte. Ich hatte mich bereits wieder unter Kontrolle, und eine tödliche Ruhe war an die Stelle des Leids, des Schmerzes, der Trauer und Schuld der vergangenen Nacht getreten. Ich war bereit, Nicia mit der kühlen Distanziertheit, die unseren Umgang in der Vergangenheit geprägt hatte, zu begegnen, aber es war nicht meine griechische Dienerin, die das Tablett brachte, sondern Apollinarius.

Er war vorsichtig auf die Terrasse hinausgetreten, die Besorgnis in seinen Zügen sagte mir, daß, nachdem er mich nicht in meinem Schlafzimmer angetroffen hatte, er auf etwas weitaus Schlimmeres vorbereitet gewesen war, als mich in ein grün-goldenes Seidengewand gehüllt auf dem Terrassenmöbel liegend vorzufinden.
Augenscheinlich erleichtert stellte er das Tablett auf den Tisch, an welchem Maximus und ich gestern morgen gefrühstückt hatten, und setzte sich auf den Stuhl, auf dem er schon gestern gesessen, während ich die mir von ihm vorgelegten Briefe unterschrieben hatte.

Ich warf ihm einen kurzen Blick zu, und heftete meinen Blick dann wieder auf die gestreifte Markise.
Apollinarius rückte auf seinem Stuhl unruhig hin und her, wußte nicht, wie er das Gespräch beginnen sollte, dann drehte er sich zum Tisch um, goß etwas Honigwasser mit Zitronensaft in einen Becher und reichte ihn mir.

"Ich habe Maximus gerade im Garten gesehen", sagte er im Plauderton.

Ich nahm den Becher und trank einen Schluck, sagte jedoch nichts.

"Hattet Ihr letzte Nacht Gelegenheit, miteinander zu reden?"

Ich seufzte und schüttelte verneinend den Kopf.
Apollinarius goß sich selbst einen Becher ein.

"Ich habe nicht gut geschlafen, also beschloß ich, etwas im Garten spazierenzugehen, und ich sah sehr spät in der Nacht noch Licht in Deinem Arbeitszimmer  ... Hast Du gearbeitet?"

Ich antwortete ihm mit einem freudlosen Lächeln. O ja, ich hatte gearbeitet. Schwer gearbeitet.

"Ich dachte mir, daß es so war, und war bereits drauf und dran, hereinzukommen und zu fragen, ob Du meine Hilfe brauchen könntest, aber ... "

"Du hast es schon richtig gemacht, mein Freund", unterbrach ich Apollinarius. "Was ich getan habe, mußte ich allein tun. Trotzdem vielen Dank ... "

Mein ehemaliger Lehrer warf mir einen besorgten Blick zu.
Meiner dagegen war unergründlich.

"Julia, ich kenne Dich zu gut. Oder wenigstens gut genug um zu wissen, wenn Du etwas verbirgst ..."

"Aber ich verberge nichts vor Dir, mein Lieber. Im Gegenteil ... "
Ich gab ihm das zusammengerollte Dokument, das ich an meine Brust gedrückt hatte.
Apollinarius hob fragend die Augenbrauen.
"Nimm das. Lies es. Du hast das Recht, es zu wissen ... "

Mein ehemaliger Lehrer entrollte das Dokument mit dem Widerstreben eines Mannes, der einem kaiserlichen Boten entgegentritt, von dem er annimmt, daß er ihm den Befehl überbringt, seinem Leben mit eigener Hand ein Ende zu setzen.
Er konnte nicht mehr als die ersten zwei oder drei Zeilen gelesen haben, als er erschrocken schluckte und mir das Dokument zurückgab. Ich nahm es nicht.

"Julia! Julia! Was ist los? Wovon sprichst Du nur?" fragte er mit erstickter Stimme, und Panik drohte ihn zu übermannen.

"Es ist die Kopie meines Testamentes. Das Original befindet sich im Tempel der Vesta. Wenn ich wieder in Rom sein werde, werde ich die Änderungen beglaubigen und hinzufügen lassen. Alle meine Angelegenheiten sind geordnet, und ich habe Dich zum Haupterben und Testamentsvollstrecker eingesetzt. Die Anweisungen für mein Begräbnis sind hier ebenfalls vermerkt. Ich weiß, daß ich mich darauf verlassen kann, daß Du meine Wünsche respektieren wirst."

"Julia, bist Du verrückt geworden? Wovon sprichst Du überhaupt?"
Apollinarius' Stimme überschlug sich nun fast.

Ich sah ihn mit einem jener langmütigen und geduldigen Blicke an, mit denen er mich gewöhnlich bedacht hatte, wenn ich während unserer Unterrichtsstunden etwas Offensichtliches nicht erkannt hatte. Mir war schwindelig vor Kummer und Mangel an Schlaf, aber ich war vollkommen klar, auf eine verzweifelte und schmerzvolle Weise.

"Es ist ganz einfach, mein Freund. Wenn Proximo kommt, um Maximus zurückzuholen, werde ich mit ihm zusammen nach Rom gehen. Und wenn er stirbt, werde ich mit ihm sterben ... "

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*1 hypocaustum      römische Form einer Zentralheizung. Die von einer Feuerstelle erzeugten heißen Gase wurden mittels eines Tonröhrensystems durch Fußboden und Wände geleitet und  dienten so der Erwärmung der Räume.

*2 Fibel (lat.fibula)    Schmuckstück; Spange, um Kleidungsstücke zusammenzuhalten

*3 Kodizil    privatschriftlicher Zusatz zu einem Testament

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