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»Was... was geht hier vor?« bringe ich schließlich über die Lippen, mache zwei Schritte, halte aber wieder inne, als ich den grimmigen Blick wahrnehme, den mir Captain Jack zuwirft. Er hat sich seitlich vor meine Freundin gestellt, seine Arme vor der Brust verschränkt. Schutzmechanismus. Vor mir? Sehe ich denn so aus, als wäre ich gefährlich?
Ich blicke an mir runter. Leinenhosen, T-Shirt. Ganz normal. Und durch seinen Besuch in dieser Zeitepoche müsste ihm das eigentlich geläufig sein. Immer hatte er Birkenstock getragen. Mein Aussehen ist es also nicht. Natürlich nicht. Es ist meine Anwesenheit hier. Die Unbekannte in der Gleichung, die für ihn jetzt nicht mehr aufgeht. Ich bin in etwas reingeplatzt, das nicht für mich bestimmt ist. Ein Fremdkörper par excellence.
»Helga???« kommt es zögernd. Er wirft ihr einen Blick zu.
Sie hört auf zu lachen und lässt sich auf einen Küchenstuhl sinken. Dann fängt sie an zu schluchzen. Hört sich nach Nervenkollaps an…
»What’s this about? Did you ask her to come?«
Sie schüttelt den Kopf. Ich ebenfalls. »No«, erwiderte ich und taste mich noch zwei Schritte vor, lasse meinen Blick aber auf dem wettergerbten, leicht gerötetem Gesicht ruhen. »I came here to surprise her. Now I’m the one who’s… « Ich wedele mit den Armen. »Du hast gesagt, er ist weg!« beschuldige ich meine Freundin.
»Das war er auch«, meint sie leise, sieht von mir zu ihm. »Ich dachte, er hätte alles vergessen. Aber die Erinnerung kam zurück, als ich die DVD laufen hatte. Zuerst war es nur meine Stimme...« Sie holt tief Luft. »Wie es genau funktioniert, weiß ich auch nicht.«
»Willst du damit sagen, er ist aus dem Fernseher geklettert?« krächze ich.
Sie nickt, nimmt sich mit sichtlicher Mühe zusammen. Mitgenommen sieht sie aus. Käsig, die Augen sind gerötet.
Jack folgt interessiert unserer Konversation. Dann räuspert er sich. Er scheint begriffen zu haben, worüber wir sprechen. Er versteht uns zwar nicht, aber unsere Blicke müssen Bände sprechen. »She knows everything?«

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Jack schien es recht peinlich zu sein. Na, ja, es hatte Momente gegeben, in denen der Stolz von Englands Flotte nicht seinem Heldenimage gerecht geworden war.
»Nothing to be concerned of«, beruhigte ich ihn. »She is loyal and keeps her mouth shut. I had to talk to somebody, otherwise I would have gone crazy.«
Er sah Caelin prüfend an. Sie lächelte wenig überzeugend zurück. A la: Tu mir nichts, dann tu ich dir auch nichts...

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»Was will er hier?« wage ich zu fragen. »Ich dachte, er kann hier nicht leben.«
Sie verzieht das Gesicht, zuckt hilflos die Schultern. »Er will auch nicht hier bleiben. Er will, dass ich mitkomme.« Sie zeigt auf den Fernseher. »Auf die Surprise.«
Ich stehe da, als hätte mich ein Hammerschlag getroffen. Hab ich das grad richtig verstanden? Meraluna soll mitkommen in seine Welt? Auf die Surprise? Ja spinnt der denn total? Er kann doch nicht verlangen, dass sie alles Hals über Kopf zurücklässt und einfach mal so mit ihm zu einem Seekaffeekränzchen in eine virtuelle Welt hopst. Falls es überhaupt funktioniert. Wenn man etwas Reales mit etwas Fiktiven auf zweidimensionalem Raum kreuzt, ergibt das... Hhmm... Chaos? Oder etwa nicht, Herr Einstein? Und umgekehrt ebenso. Wie die vormonatigen Ereignisse just in diesem Raum einem ja vor Augen führen. Wenn er nicht zurückgegangen wäre, läge er jetzt als verbuddelte Leiche in ihrem Garten. Und außerdem möchte ich meine Freundin ungern an eine DVD verlieren.
Doch steht Logik grad nicht auf Captain Goldlöckchens Tagesordnung. Seine Argumente prasseln auf Meraluna und zwangsläufig auch auf mich nieder. Und er redet so schnell, dass ich nur die Hälfte verstehe. Aber seine Gestik und Mimik sind eindeutig. Bodylanguage alá Aubrey. Dabei holt er aus Versehen ein Bild von der Wand, als seine Pranke daran entlang schrammt. Das wirkt ernüchternd. Er sieht meine Freundin schuldbewusst an, bückt sich und hebt den Rahmen auf. Dabei blickt er in meine Richtung. Ich kann direkt lesen, was hinter seiner Stirn vorgeht. Er traut mir kein bisschen. Will, dass ich verschwinde. Aber den Gefallen tue ich ihm nicht. Jedenfalls nicht sofort. Ich muss nämlich gestehen, dass mir bei dem Gedanken an eine körperliche Konfrontation mit einem Kerl, der einen Kopf größer ist als ich und mich ohne mit der Wimper zu zucken mit einem kräftigen Schubs von hier bis nach Timbuktu befördern kann, etwas mulmig wird.
Meraluna sitzt wie festgewachsen auf ihrem Stuhl. Vollkommen die Ruhe in Person. Sie schaut in seine Richtung, scheint aber irgendwie durch ihn hindurch zu starren. »Jack«, sagt sie plötzlich, richtet ihre Augen direkt auf seine. »I understand your motivation and it’s not that I don’t feel flattered. But I can’t do this. You can’t survive in my world. And I don’t think I could in yours.«
Er winkt ab. »Ah, just give it a try. I bring you back when you need to recover…«
Sie schüttelt den Kopf. Er verzieht ärgerlich das Gesicht, deutet anklagend auf mich. »It’s because of her. If she wasn’t here you would come with me. You don’t dare to show your face infront of her, do you?«
Nun fange ich an zu lachen. Männer. Wenn etwas schief läuft, sind immer die Frauen schuld. Entweder, weil sie die Straßenkarte nicht lesen können, vergessen haben auszurichten, dass ein Kumpel angerufen hat oder weil sie ungebeten auftauchen und einen seemännischen Raub einer Sabinerin verhindern. Das ist absurd. Ich kann echt nur noch lachen. »Au contraire, mon capitaine, I daresay, I know a lot more about her than you. How long have you been with her? Two weeks? We’ve been knowing each other for more than 3 years. She has never kept her emotions and thoughts away from me. That she doesn’t want to come with you is a logical counting of pros and cons. You can’t guarantee for her health and safety. It’s just a stupid idea that hit you when you recognized who was on the other side of the screen.« Ich verschränke die Arme vor der Brust und erwartet das Aubrey’sche Donnerwetter.

Jack sah zunächst aus, als würde er implodieren. Caelin hatte ihm ein Bündel Argumente um die Ohren gehauen, die  er nicht ignorieren konnte. Als sie meinte, sie kenne mich schließlich viel besser und länger als er und er habe einer Laune nachgegeben, statt zu überlegen, dachte ich, er springt sie an.
Aber er tat es nicht.
Statt dessen sprang er mich an, zog mich vom Stuhl und war schon halb im Monitor, bevor ich mich ernsthaft zur Wehr setzen konnte.
Ich schrie aus vollem Halse und streckte meine Rechte hilfesuchend nach Caelin aus.
Sie griff zu. Ich fühlte mich wie ein Knochen, an dem zwei Hunde zerren.
Jack war inzwischen ganz im Monitor, es sah bizarr aus, wie sein Oberkörper und der Arm, der mich gepackt hatte aus dem Glas ragte. Das Sirren wurde ohrenbetäubend.
Meine Hand wurde weitergezogen, verschwand, ich kreischte, als ich den Sog spürte, riss sie mit aller Kraft zurück. Und war frei.
Jack war weg.
Caelin ließ los, kam sofort zu mir.
»Ist der denn komplett übergeschnappt??? Er kann dich doch nicht zwi...«
Weiter kam sie nicht. Jacks Arm schoss aus dem Monitor, griff dorthin wo noch vor Sekunden ich gewesen war und packte Caelins Handgelenk. Ich sah noch ihr entsetztes Gesicht mit dem vor Schreck aufgerissenen Mund. Sie stolperte, tauchte mit dem Kopf in den Bildschirm und wurde förmlich hineingesogen. Dann war sie weg.
Das Sirren ebbte ab.
Das verzerrte Standbild klärte sich.
Was ich Sekunden darauf sah, war Jack, der fassungslos auf ein bekanntes Bündel am Boden seiner Kajüte starrte.
Es dauerte noch weitere Sekunden, dann begann die DVD wieder zu laufen.

Wir stießen fast synchron einen Fluch aus.
Er musste mich gehört haben, blickte sich suchend um, verschwand in einer Ecke.
Dann kam er sichtlich verwirrt zurück.
»Where is the gap?? Helga!!! Can you hear me?« brüllte er.
»Yes !!« brüllte ich zurück. »Can you hear ME??«
Er lauschte, nickte erfreut.
»Jack Aubrey, you asshole!! What have you done!! This time I will kill you! This time I will! Send her back!! Immediately!« forderte ich.
Er sah drein wie ein begossener Pudel.
»I can’t. The gap has closed.
It is gone«, meinte er nüchtern.
Bevor ich ausflippen konnte, betrat Stephen Maturin den niederen Raum.
»Jack, what the hell is this screaming and shouting here... And where the hell have you been? Don’t tell me, you have done it again…OH…«
Sein Blick war auf Caelin gefallen, die mittlerweile völlig verdattert am Boden kauerte.
Sie winkte schwach, dann schien sie umzukippen.
»Jack!! What happens here? Who is she? Is it HER..??? «

Aha, da hatte noch jemand nicht alles für sich behalten....

 

5

Ich kann nicht glauben, was als nächstes passiert. Ich kann es einfach nicht, obwohl es direkt vor meinen Augen geschieht. Nach allem, was Meraluna mir erzählt hat, war ich wirklich bereit, Jack zu mögen. Dazu muss ich erklären, dass ich für den Buch Aubrey nicht viel übrig habe. Ich halte ihn die meiste Zeit für ein Riesen #@%&... Der Film Aubrey kommt da schon besser bei weg. Wie dem auch sei, ich bin fassungslos.
Schnappt Jack doch gerade meine Freundin und versucht, sie mit sich zu ziehen. Sie schreit auf, sieht mich hilfesuchend an. In diesem Moment danke ich – wer auch immer dafür verantwortlich ist – für meine schnelle Reaktionsfähigkeit. Das hat schon viele Teller davor bewahrt, auf meinem Boden in tausend Scherben zu zerschellen. Und jetzt bewahrt es Meraluna davor, gekidnappt zu werden.
Ich stürze nach vorn, greife ihre Hand und halte sie fest. Auch wenn ich fürchte, dass ich den Kräften eines Jack Aubrey nicht viel entgegenzusetzen habe. Sie wehrt sich energisch gegen ihn, hilft mir. Ein absurde Situation. Ich muss an Tauziehen denken.
Jack verschwindet mehr und mehr im Bildschirm. Ein ohrenbetäubendes Sirren erfüllt den Raum. Meralunas Hand tritt durch das Glas, was mich unwillkürlich an Stargate erinnert.
Sie schreit entsetzt auf, zieht mit aller Kraft und ist frei.
Ich bin erleichtert, schiebe sie erst mal ein Stück vom Fernseher weg. »Ist der denn komplett übergeschnappt???« fauche ich. »Er kann dich doch nicht zwi...« Weiter komme ich nicht. Etwas packt mich, umschließt mein Handgelenk wie eine Stahlklammer. Ich stolpere, kippe nach hinten und finde mich Sekunden später von einer Art kryogenem Kältenebel umgeben, der mir den Atem aus den Lungen presst...
Wahrscheinlich dauert es nur die Zeitspanne eines Fingerschnipsens. Mir kommt es allerdings wie die Ewigkeit vor. Dann pralle ich hart gegen etwas, ringe nach Luft, huste wie ein in den letzen Atemzügen liegender Kettenraucher. Mein Schädel dröhnt und mein Magen sitzt mir unangenehm in der Kehle. Ich blinzle, versuche, mich irgendwie zu orientieren. Da brüllt doch jemand in meiner Nähe. Ich bin noch viel zu benommen, um einen Sinn darin zu sehen, aber wenigstens lässt die Übelkeit nach. Meine Sicht wird auch besser. Holz. Wände. Boden. Eine Tür. Kanonen.

KANONEN????

Oh, Moment... Ich drehe den Kopf, betrachte meine Umgebung, bleibe mit meinen Augen an der breiten Gestalt, die neben mir aufragt und auf irgendeinen entfernten Punkt starrt, hängen. Aubrey. Er ist es, der brüllt.
Schock. Ich kann nichts tun, außer auf dem Boden liegen zu bleiben, meinen Kopf seltsam verrenkt. Nein! Nein! Nein! will ich schreien, aber es dringt nichts weiter als ein Krächzen über meine Lippen. Ich ahne, was passiert ist, aber noch weigert sich mein Verstand, die Eindrücke, die meine fünf Sinne liefern – die grad in totalem Chaos durcheinander purzeln – entsprechend zu verarbeiten.
Da wird die Tür aufgerissen und ein weiteres mir bekanntes Gesicht erscheint.

Maturin.

»Jack, what the hell is this screaming and shouting here... And where the hell have you been? Don’t tell me, you have done it again…OH…« Er sieht mich an. »Jack!! What happens here? Who is she? Is it HER..??? « will er wissen, deutet auf mich.
Ich schnappe nach Luft, als sich die richtigen Synapsen verbinden und mir die Wahrheit in die kleinen grauen Zellen hämmern. ICH bin auf der Surprise. Es hat funktioniert. Panik...

Ohnmacht....

Als ich wieder zu mir komme, sind zwei Gesichter über mich gebeugt, sehen mich besorgt an. Ich wimmere, will mich wegdrehen und die Augen schließen. Wenn ich sie ignoriere, ist das alles vielleicht nicht passiert. Aber Jack lässt mir diesen Fluchtweg nicht. Er packt mich unter den Armen und zieht mich hoch. Willenlos lasse ich mich auf eine Stuhl setzen, sacke dort erst mal zusammen, kämpfe mit meiner Würde. Ich werde nicht weinen. Nein! Ich werde nicht weinen! bete ich mir innerlich immer wieder vor. 
Betretenes Schweigen. Keiner sagt ein Wort. Jack fährt sich durch das Haar, holt dabei noch die letzten Strähnen aus seinem Zopf und beginnt, aufgeregt in der Kajüte herum zu stiefeln.
Stephen betrachtet mich, als wäre ich ein äußerst interessantes Exemplar einer seltenen Vogelart. Wenn er jetzt den Finger ausstreckt und mich piekst, fange ich an zu schreien. Aber das tut er nicht. Stattdessen wandert sein Blick zu Captain Jack. »How?« kommt es leise.
Aubrey winkt ab, hält in seinem Spaziergang inne. Ich bin dankbar. Ihm zuzusehen, ist schlimmer als Tennis.

 

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