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Dritter Teil Lynn hatte lang genug mit sich selbst gekämpft. Die Tatsache, dass es einen Vater gab, nach dem sie sich ewig gesehnt und der nur in ihrer kindlichen Imagination existiert hatte, lässt sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Entstehung ihres Lebens, die dramatischen Ereignisse, denen ihre Mutter alleine und ohne jeden Beistand ausgesetzt war, spielen sich zum hundertsten Male in ihrem Geiste ab. Ein geschändetes Mädchen, besudelt von einem herzlosen, vergnügungssüchtigen Mann ohne Anstand…ihre Eltern. Sie zupft nervös an den Spitzen ihres Haares und knabbert an ihrer perfekt geschminkten, roten Unterlippe. Ruhelos sortiert sie Kleider, die ohnehin tadellos an ihrem Platz hängen. Sie bedauert zutiefst, nie wirklich eindringlich bei ihrer Mutter nachgefragt zu haben wie und wo ihr Vater verschollen war. Vielleicht hatte die unbewusste Angst vor der Wahrheit, die sie nicht hören wollte, sie daran gehindert. Doch das war ein Fehler gewesen. Man konnte den Schatten der Vergangenheit nicht entrinnen. Niemand konnte das! Irgendwann klopfte er an die Tür, höhnisch, verschlagen, und ohne jeden Trost. Der anfängliche Schmerz, ein unerwünschtes Kind des mächtigen John Hudsons zu sein, dem er nicht einmal mehr Aufmerksamkeit schenken wollte, als einem seiner Hunde oder Pferde, macht einer Sucht nach Wissen Platz, einer Sehnsucht, Antwort auf die Fragen zu finden, die sie quälen. Es gab einen Vater, und er hatte all die Jahre, die sie mit ihrer Mutter in Bisbee dahin vegetierte, nur unweit von ihr gelebt und regiert, während ihre Mom sich die Hände wund schuftete in dieser verdammten Kartoffelfabrik, die ebenfalls Hudsons Eigentum war! Auf das warum, das wie und weshalb wollte sie eine klare Antwort aus dem Mund des Alten hören! Niemand konnte so herzlos sein, wie Bud ihr weis zu machen versuchte. Es ist einfach unvorstellbar für Lynn. Wovor wollte er sie bewahren? Warum sollte sie den Mann nicht aufsuchen? Obwohl sie ihm beteuert hatte, dass sie ihn hasste und das tat sie wahrhaftig, wollte sie sich doch Gewissheit schaffen, ob alles wirklich so gekommen war, wie das Geständnis ihrer Mutter ihr enthüllt hatte. Und wenn ihr Erzeuger es ihr ins Gesicht sagte, dass es so und nicht anders gewesen war, wenn sie sich selbst von seiner Kälte und Teilnahmslosigkeit an ihrem Dasein überzeugt hatte, dann wollte sie ihm, ebenso wie er, mit eisiger Verachtung nahe bringen, wie sehr sie bedauerte, das sein schmutziges, verdorbenes Blut in ihren Adern floss. Dann konnte sie abschließen und vergessen. Und dann auch, endlich und für immer, würden Bud und sie von hier fort gehen, denn es war kein Ort des Friedens für sie. Den konnte sie ganz bestimmt nicht in Bisbee finden! Die Summe, Lynns Zuschuss, den ihre Mutter für sie zurückgelegt hatte, würde es ihnen einfach machen, anderswo ein neues Leben zu beginnen. Und während sie noch so überlegt, greift sie mechanisch nach ihrer Tasche und den Autoschlüsseln. Es geht auf Mittag zu und nichts und niemand würde sie in den nächsten Stunden vermissen. Das ließ ihr Zeit, Hudson einen Besuch abzustatten. Er rechnete nicht damit, dass sie wirklich kam. Und wenn sein altes, krankes Herz ihre Gegenwart nicht mehr ertragen konnte, dann war es auch nur gut und recht, dass er sich noch heute vor seinem Schöpfer verantworten musste! Während ihr Wagen eine beträchtliche Staubwolke aufwirbelt, bahnt er sich seinen Weg durch die Hügel außerhalb Bisbees. Sie fühlt sich ein wenig schuldig, Bud nichts von ihrem Vorhaben erzählt zu haben. Gerne hätte er sie begleitet, ja, darauf bestanden, das weiß sie. Doch das hier musste sie allein durchstehen. Und sie hat Angst, es sich wieder zu überlegen und den Mut zu verlieren, Hudson aufzusuchen, wenn sie jetzt noch den Umweg zu ihrem Hause machte. Es würde nicht lange dauern. Eine kurze Unterredung, ein paar Worte und danach konnte sie immer noch nach hause fahren und Trost, denn diesen bedurfte sie nach der Begegnung mit ihrem angeblichen Vater ganz bestimmt, in Buds Armen suchen. Nur er gab ihr Linderung, nur er verstand was sie dachte und bewegte! Ihre Kehle ist ausgetrocknet und ihre Augen brennen von der Sonne, trotz der schützenden, dunklen Brille, die sie während der Fahrt getragen hatte. Ein wenig steif geworden verlässt sie den Wagen, und drückt ihren Rücken durch, nachdem sie bis vor die Tür des Anwesens gefahren war. Es kommt ihr heute nicht mehr so bedrohlich vor, dieses Haus, so wie damals, als sie mit der Schulklasse heraus gefahren waren, um sich eine vorbildlich geführte Ranch anzusehen. Hudson selbst hatte sie nie zu Gesicht bekommen, aber sie kannte sein Bild aus dem Tagesblatt Bisbees. Oft genug war von ihm die Rede gewesen, seiner Großzügigkeit und seinem Bestreben, die Menschen in Bisbee mit Arbeit und Wohlstand zu beglücken… wie ihre Mutter. Ein großer Mann mit dichtem, dunklem Haar und stechenden Augen. Ihr Vater, der König von Bisbee. Zwei Cowboys führen ihre Pferde am Zügel an ihr vorbei. Ihre offen stehenden Münder zeugen von Erstaunen und Bewunderung. Dabei vergessen sie sogar ein paar anrüchige Witze oder zweideutige Angebote von sich zu geben. Sie lächelt ihnen wohlwollend zu, was sie scheinbar verlegen macht. „Mam“, grüssen sie fast gleichzeitig und machen ihr Platz. Anmutig und mit dem ihr eigenen sinnlichen Gang trippelt sie die Stufen zur Veranda hoch. Fast körperlich kann sie die Blicke der Männer spüren, die besonders auf der perfekten Rundung ihrer Hüfte und etwas tiefer ruhen. Als hätte man auf sie gewartet, wird sie vor der Eingangstür von einem Mann erwartet, den sie, auf Grund seines tadellos sitzenden Anzugs und des blütenweißen Hemds kaum hier vermutet hätte. Er erinnerte sie ein wenig an Clark Gable als Rhett Butler, nur etwas jünger, wenn auch nicht übermäßig. Ein markantes Gesicht, das durch den olivfarbenen Teint und das schwarze Haar einen mexikanischen Einschlag nicht leugnen konnte. Um so mehr irritierten die blauen Augen, die sie abwartend, aber nicht unfreundlich betrachten. Ihr für Mode geschultes Auge erkennt, dass es sich um ein teures Outfit handeln musste, dass sich der Mann da geleistet hatte. Ein heißes Land, staubige Wüste und ein Typ, der einem Modemagazin entsprungen zu sein zu scheint. Sie lächelt unwillkürlich, für sich. Sie hatte oft genug mit Männern seiner Art zu tun gehabt, doch seine undurchdringliche Miene lässt ihr Lächeln auf seinen Zügen abprallen wie an einem kalten Spiegel. „Ich möchte zu Mister Hudson“, trägt sie ihr Anliegen vor. Er nickt verstehend. „Miss Lynn, nehme ich an.… Das dachte ich mir bereits. Ich vertrete Mister Hudsons Interessen. James Ferguson. Angenehm, Sie endlich kennen zu lernen.“ Die ausdruckslose Miene unterstreicht keineswegs seine Begrüßungsfloskel, und als sie seine ausgestreckte Hand in die ihre nimmt, meint sie, einen kalten, feuchten Fisch zu halten, und lässt gleich wieder los. Sie unterdrückt das Bedürfnis, ihre Handfläche an der weiten, schicken Hose, die sie trägt, abzureiben. Der Anwalt misst sie abschätzend, nicht gewillt, ihr den Zutritt ins Haus sofort zu gewähren. „Ich hätte noch gerne mit Ihnen gesprochen, bevor ich Sie zu Mister Hudson führe, Miss!“ Sie wird ärgerlich, ihr ist heiß und sie spürt, wie Schweiß unangenehm in einem kleinen Rinnsal ihren Rücken unter der leichten Baumwollbluse herunter läuft. „Können wir das drinnen erledigen?“ stellt sie ihre Frage, die deutlich darauf schließen lässt, wie aufgebracht sie ist, weil man sie noch nicht hereingebeten hatte. „Ja, natürlich. Wenn Sie mir in mein Büro folgen wollen, Miss. Es dauert nicht lange, aber es gibt einige Dinge, die Sie wissen sollten!“ Das Augenpaar eines dunklen Stubenmädchens folgt ihr neugierig und sie schenkt ihm ein nettes Lächeln, das mit strahlend weißen Zähnen breit und aufrichtig erwidert wird. Das Büro des Mannes ist ebenso wie auch sein Äußeres gepflegt, und mit teuren Accessoires bestückt. Eine Bücherwand und ein ausladender Schreibtisch, in dessen Mitte ein Telefon, anscheinend wichtigstes Arbeitsutensil Fergusons, thront. Papiere, Akten, ein vergoldetes Raucherset und das gerahmte Diplom seines abgeschlossenen Studiums fallen Lynn ins Auge. Schwere, Wärme undurchlässige Samtvorhänge von dunklem Braun sperren die Hitze des Tages aus. Der Deckenventilator surrt leise und die Rotationsblätter drehen sich in mittelmäßig schnellem Tempo. Er deutet auf eine gediegene Lederbank, auf die sich graziös setzt, die Beine übereinander geschlagen. Er lehnt sich direkt vor sie an seinen Tisch, die Arme über der Brust verschränkt und misst sie leicht herablassend, abwartend. „Nun“? lässt sie ungeduldig verlauten. „Was gibt es so Wichtiges mit mir zu besprechen, Mister Ferguson?“ „Eine kleine Anmerkung nur, die mir am Herzen liegt“, beginnt der Mann gedehnt. „Abgesehen davon, dass Mister Hudson um Ihren Besuch gebeten hat, Lynn, wundert es mich doch, dass sie diesem Wunsch nachkommen. Ohne Ihnen nahe treten zu wollen, liegt die Annahme nahe, dass der sehr kritische Gesundheitszustand ihres Vaters ihren Sinneswandel herbeigeführt hat. Was liegt näher anzunehmen, dass Sie sich um seine Gunst bemühen wollen, nach Jahren des Schweigens, damit er sie in seinen testamentarischen Verfügungen auch ja nicht vergisst….“ Er wartet die Wirkung seiner Worte ab, doch Lynn schenkt ihm nur ein mitleidiges Lächeln. So fährt er unbeirrt zu sprechen fort: „Sie dürfen das nicht persönlich nehmen, Mam, aber ich vertrete die Interessen Mister Hudsons und will verhindern, dass er noch kurz vor seinem unweigerlichen Ableben getäuscht wird.“ „Natürlich“, lässt sie spöttisch aber nicht unhöflich verlauten. „Sie sind ja ein richtiger Menschenfreund, Mister Ferguson, und ich weiß nicht, ob es Sie wirklich etwas angeht, aus welchem Grund ich heute hier bin! Schließlich handelt es sich hier um eine rein private Familienangelegenheit, aber ich muss sie davon in Kenntnis setzen, dass ich erst seit gestern weiß, wer mein Vater ist und ich bin keineswegs stolz darauf, das können Sie mir glauben! Ich bin einigermaßen verwundert, dass Sie nichts darüber wissen und auch nicht davon, dass Mister Hudson es immer abgelehnt hatte, meine Existenz auch nur zu bemerken!“ Die Züge des Anderen entspannen sich eine Spur, sein Blick scheint weniger eisig zu werden, als er Lynns Offenbarung vernimmt. „Und aus diesem Grund habe ich keineswegs die Absicht, mich bei diesem alten Scheusal einzuschmeicheln, wie Sie zu befürchten scheinen! Ich will den Mann nur sehen, der das Leben meiner Mutter verpfuscht hat und nie deswegen Reue empfand. Einen Blick auf denjenigen werfen, den ich als nichts anderes als meinen biologischen Erzeuger ansehen kann, und ihn dann für immer vergessen. Passt das in Ihre Pläne, Mister Ferguson?“ Er räuspert sich, fährt mit dem Daumen nachdenklich über sein Bärtchen. Sein Blick wird fast mild, fast Anteil nehmend, als er einzulenken versucht: „Ich bedaure zutiefst, dass Ihre Geschichte nicht besser verlaufen ist, Lynn. Es stimmt, Mister Hudson war und ist immer ein sehr schwieriger Mensch gewesen, ich denke, das ist für niemanden ein Geheimnis. Trotzdem bin ich mit der Wahrung seiner Rechte und weitgehend auch seiner Geschäfte von ihm betraut worden. Sie müssen meine Befürchtungen verstehen, es sieht wirklich schlimm aus mit Mister Hudson. Der Arzt meint, er würde diese Woche nicht mehr überstehen. In Anbetracht dessen, dass er sein Leben lang und ausgiebig genossen hat, ist es wohl nicht allzu bedauerlich oder verwunderlich, wenn er von uns geht, wenn Sie mir erlauben, dass ich das so sage. Aber solange er noch unter den Lebenden weilt, ist es meine Pflicht und Aufgabe, alle seine Interessen wahrzunehmen und seinen Abgang so stilvoll wie möglich zu gestalten.“ Lynn steht auf. „Stilvoll, ja?“ murmelt sie spöttisch. Dass es sich hier um einen gerissenen Emporkömmling handelte, der vor allem seine eigenen Interessen zu wahren suchte, hatten seine Worte bewiesen. Möglicherweise hoffte dieser Mann, selbst in den Genuss einer gediegenen Erbschaft zu kommen und befürchtete ihre Konkurrenz. „Ich denke, wir haben uns nichts mehr zu sagen, Mister Ferguson!“ Ihr abweisender Ton lässt ihn erahnen, dass sie ihn durchschaut hat. „Ich will keinen Cent von diesem Vermögen, Sie haben nichts zu befürchten! Ich komme und gehe. Und nun bringen Sie mich zu dem alten Mann, damit ich ihm sagen kann, was ich von ihm denke.“ Er nickt zufrieden, wenn auch nicht ganz überzeugt, und verlässt mit ihr sein Büro. „Sie erlauben, dass ich der Begegnung beiwohne. Rein der Form halber.“ Sie will schon sagen, dass es ihn einen Dreck scheren sollte, was Vater und Tochter einander zu sagen hätten, als sie neben ihm über die geschwungene Treppe das obere Geschoss erklimmt, doch sie hält den Mund. Es war ihr nicht die Mühe wert, noch weiter auf sein Gefasel zu achten. „Wo bleibt sie denn, verdammt noch mal!“ Sie kann das krächzende Gezeter, das aus einem Zimmer, am Ende des Flurs bis zur Treppe hin dringt, hören. „James! Verfluchter Hurensohn! Bring sie endlich her!“ Der Anwalt lächelt fast entschuldigend, als er bemerkt: „Ich hoffe, Sie sind nicht allzu sehr geschockt, Mam! Er meint es nicht so, wie es klingt!“ Sie zieht zweifelnd die Brauen hoch und erwidert: „Ich denke, er meint es ganz genauso wie es klingt, doch ich bin nicht so zart besaitet, wie Sie vielleicht denken. Ich werde das überleben, glauben Sie mir!“ Um nichts in der Welt wollte sie ihm eingestehen, dass sie am Liebsten auf dem Absatz kehrt gemacht hätte und aus dieser dumpfen Atmosphäre des Ganzen geflohen wäre! Schon haben sie eine breite, offen stehende Flügeltür erreicht und eine Frau in Schwesterntracht flieht förmlich mit gekränktem Gesicht aus dem Zimmer. „Viel Spaß“, murmelt sie viel sagend und macht sich davon. „Bleiben Sie in der Nähe“, ruft Ferguson ihr hinterher. „Vielleicht brauchen wir Sie!“ „Man sollte den Alten nieder spritzen, damit er endlich seinen vermaledeiten Mund hält!“ vernimmt sie die Gegenantwort, als die Frau bereits das Untergeschoss erreicht hat. Lynn tritt durch die Tür und der Gestank nach altem Fleisch und Ausdünstung verschlägt ihr ein wenig den Atem. Der Deckenventilator scheint die miese Luft noch gehörig umzudrehen, damit sie auch gut bis in alle Ecken des Raumes verteilt wird. Das große Zimmer wird beherrscht von einem überdimensional großen Bett, in dem, halb liegend und sitzend, ihr ein Mann mit wässrig, aber immer noch stechenden Augen neugierig entgegen blickt. Oder das, was einst ein Mann gewesen war. Der Skelettartige Kopf wird von einem schlohweißen, aber dichtem Haarkranz geziert und der magere Schädel scheint nur mehr von gelblicher Haut überzogen zu sein. In die Nasenöffnungen führt ein durchsichtiger Schlauch, der an ein Sauerstoffgerät angeschlossen ist, wie Lynn bemerkt. Spinnenartige, lange Finger ruhen auf der Decke, als lauerten sie nur darauf, irgendein vorbeiziehendes Opfer zu packen. Neben dem Bett befindet sich ein Rollstuhl. Verschiedene Medikamentenschachteln und Fläschchen stehen sorgfältig aufgereiht auf einem Beistelltisch aus Metall. „Das also ist meine Tochter“, kommt es vom Bett her, und Lynn bleibt in gehörigem Abstand stehen, - ‚nur nicht diesem sterbenden Etwas zu nahe kommen’, denkt sie. „Du wirst meiner Aufforderung, Dich auf meine Bettkante zu setzen, sicher nicht nachkommen wollen“, grinst der Alte, als habe er ihre Gedanken gelesen. „Aber komm ein Stück näher, meine Augen sind nicht mehr das, was sie waren, musst Du wissen! Ich bin fast neunzig, sieht man mir aber nicht an, was?“ Er kichert und hustet dabei. Lynn verzieht keine Miene, versucht sich das Bild des jüngeren Hudsons ins Gedächtnis zu rufen, doch es will ihr nicht gelingen. Dieser Mann war nur mehr der Schatten seiner selbst, und hatte mit der beeindruckenden Gestalt des Herrschers von Bisbee nichts mehr gemeinsam. Egal, wie man lebte, was man tat, verbockte, leistete oder getan hatte, im guten wie auch im negativen Sinn, am Ende blieb nichts als eine alte, vertrocknete und schmerzende Hülle, die man abzustreifen sucht, weil sie zur bitteren Last geworden ist. Die Gerechtigkeit des Lebens, die einzige, die es wahrscheinlich gab. Lynn strafft sich und versucht erst gar nicht Mitgefühl zu heucheln. Sie sucht nach Worten, doch keine wollen über ihre geschwungenen Lippen kommen, kein Laut will sich ihrer Brust entringen. Ihr Kopf ist leer und angefüllt mit tausend Dingen zugleich. Eigentlich war alles, das sie dem Mann sagen wollte, nun überflüssig geworden. Er stand auf der Schwelle des Todes. Was sollte sie sagen? Nun musste er in kürzester Zeit seine Taten und seinen Lebenswandel mit seinem Schöpfer abmachen. Und der war bekanntlich mit nichts zu kaufen…. Der Alte ergreift das Wort und sie ist erleichtert darüber. „Bud White hat es also geschafft, Dich zu überreden, mich doch noch zu besuchen, bevor ich mich davon mache und dieser öden Welt den Rücken zukehre! Scheint einen gewissen Einfluss auf Dich zu haben! Glaub nicht, Mädchen, dass ich es bereue, dieses schnöde Dasein verlassen zu müssen! Hätte ich die Kraft dazu, dann hätte ich den Hahn dieses verdammten Gerätes, das mich beatmet, längst selbst zugedreht!“ Wieder ein Kichern. „Meine Tochter also! Deiner Mutter siehst Du nicht ein bisschen ähnlich, und das kannst Du als Kompliment ansehen! Das war ein unscheinbares Vögelchen! Du hingegen trägst mein Blut in Dir! Ich seh’s in Deinen Augen! Stark, ambitiös, vielleicht ein wenig zu gefühlvoll, das ist ein Fehler, Kleine! Gefühle machen schwach, vor allem die positiven. Du wirst verwundbar dadurch. Und glaube nicht, dass andere das nicht erkennen! Ich kann mir vorstellen, dass Du Dir viele Fragen über mich stellst. Aber mach Dir nicht die Mühe, nach Antworten zu suchen. Du hast mich nie wirklich interessiert, vor allem, als Du noch ein Kind warst, ebenso wenig, wie Deine Mutter mich interessiert hat. Du hast das Scheusal vor Dir, das man mir nachsagt! Ich bin ein verdammter Hurensohn, durch und durch schlecht! Aber ich bin gut damit gefahren. Ich glaube nicht, dass ich etwas zu bereuen habe! Nun, was sagst Du dazu?“ Die tief liegenden Augen blitzen sie amüsiert an. Lynn will das Spiel, das der Alte mit ihr treiben will, nicht länger mit machen. Sie bleibt gelassen, vergräbt ihre Hände in den Seitentaschen ihrer fließenden Beinkleider und strafft die Schultern. Stolz funkelt sie ihn an: „Ich habe nichts anderes erwartet.“ Da er sie ungeniert geduzt hatte, tut sie dasselbe. „Du entsprichst genau den Erwartungen und Vorstellungen, die ich mir von Dir gemacht habe. Ich denke, wir haben einander nichts zu sagen. Ich wollte mich nur selbst davon überzeugen, dass ich mich nicht geirrt habe. Ein schrecklicher, alter Mann, der glaubt, selbst jetzt noch, wenige Stunden vor seinem Tod seine Umwelt beeindrucken oder erschrecken zu können, indem er impertinente Reden schwingt! Ich kann nicht einmal sagen, dass Du mir leid tust. Ich stelle lediglich und beruhigt fest, dass ich keinerlei Emotionen für dich übrig habe. Weder Hass, noch Bedauern. Die Verachtung, die ich empfand, ist ebenso gelindert, wie mein Zorn. Da ist nichts mehr in mir. Nur wohltuende Leere. Der Reigen schließt sich und das ist gut so. Du hinterlässt nichts von Wert, alter Mann, nicht einmal einen einzigen Menschen, der um Dich trauert.“ Sie macht Anstalten zu gehen. Ein enttäuschtes Glitzern in den Augen des Alten deutet darauf hin, dass er ihren plötzlichen Abgang zutiefst bedauerte. „Bleib!“ versucht er ihr zu befehlen, doch sie schenkt ihm nur einen spöttischen Blick. „Ich bin nicht meine Mutter“, entgegnet sie sanft: „Kein Mann hat mir je etwas befohlen und wird es auch nicht tun!“ „Ferguson, lass sie nicht gehen!“ befiehlt er dem Anwalt, der interessiert und fast belustigt der Unterhaltung zwischen Vater und Tochter zugehört hatte. „Verschwinde, James, und mach die Tür von außen zu, ich habe noch etwas zu bereden mit diesem stolzen Ding da, das meine Tochter ist!“ Widerwillig nur verlässt der Angesprochene den Raum. Lynn ist sicher, dass er draußen horcht. „Ich weiß nicht, was wir uns zu sagen hätten“, gibt sie abweisend zu, als sie alleine sind. „Du bist mir ähnlicher, als Dir lieb ist, Töchterchen!“ Sie will ihm sagen, dass er es unterlassen soll, sie als seine Tochter zu betrachten oder anzureden, aber sie tut es nicht. „Weißt Du, dass Du das einzig Gute bist, dass ich hinterlasse?“ Das interessiert sie wenig, doch er fährt fort mit leiser, krächzender Stimme, so, als fürchte er, dass er belauscht werden könnte, was auch sicher der Fall ist. „Ist auch gar nicht so wichtig ob Du gut oder schlecht bist, und wer, verdammt noch mal, soll entscheiden können, wo die Grenze der Dinge liegt? Was glaubst Du, was mit alledem hier“, er deutet mit den dürren Armen weit um sich, „geschehen wird, wenn ich steif unter der Erde liegen werde, und die Kojoten um mein Grab tanzen, Mädchen!“ Sie zuckt uninteressiert mit den Schultern. „Es wird schon genug Wölfe geben, die darauf warten, sich um die Beute zu streiten! Außerdem hast Du ja Deinen Anwalt, der die Sache für Dich erledigen wird. Dir kann es ja dann egal sein, was damit geschieht!“ „So, meinst Du….“ Hudson blickt sie abschätzend an. „Wahrscheinlich hast Du Recht, aber ich werde mir einen Riesenspaß machen, von der Hölle aus zuzusehen, wie sich die Aasgeier gegenseitig dabei auffressen!“ Er kichert und sie ist davon überzeugt, dass er jedes Wort so meinte, wie er es gesagt hat. „Und ich werde ihnen schon mal ein warmes Plätzchen dort unten reservieren!“ „Ich habe mit alledem nichts zu tun“, entgegnet sie, besessen von dem Wunsch, endlich wieder diesen Ort des Todes verlassen zu können. Er wackelt mit dem Kopf. „Doch, das hast Du sehr wohl. Ich habe nämlich beschlossen, Dich als Alleinerbin einzusetzen! Allein schon, um die anderen zu ärgern! Verstehst Du?“ Seine Worte dringen gar nicht richtig in ihr Bewusstsein ein, so ungeheuerlich erscheinen sie ihr. „Ich will das nicht“, stammelt sie endlich und droht, ihre Fassung zu verlieren. „Oh, doch, Du willst das. Du bist ein Geschöpf, das Luxus gewohnt ist, wie immer Du ihn Dir auch ergattert hast. Du bist dazu geboren, Dich zu kleiden wie eine Königin und durch Dein Aussehen Männer und Frauen gleichermaßen schwach werden zu lassen. Da kannst Du leugnen, was Du willst, es ist unübersehbar. White hat das erkannt. Er scheint Dich anzubeten, dieser Hurensohn! Ich werde Dich zur reichsten Frau Arizonas machen! Und Du kannst Dich Für White aufsparen, wenn das Dein Wunsch ist, und brauchst Dich nicht von miesen Kerlen für Geld besteigen zu lassen! Du bist eine Hudson, auch wenn Dir das bis jetzt nicht klar war! Mach was daraus! Und ich rate Dir, nimm Dir neben White noch ein paar anständige Kerle, die Dich beschützen können, denn diese, meine Entscheidung wird Dir nicht nur Freunde einbringen!“ Er hüstelt, sichtlich geschwächt durch seine lange Rede. „Ich werde alles zurückweisen und die Erbschaft ablehnen!“, wendet sie schwach ein. „Nein, Lynn! Das tust Du nicht! Es wird Dir eine Genugtuung sein, das Geld des Mannes, der Deine Mutter geschwängert hat und Dich dazu trieb, dieses Drecksloch zu verlassen und anderswo die Hure für reiche Männer wie mich zu spielen, zu verprassen! Du wirst es genießen, sie alle, denen Du zu Willen warst, vor Dir im Staub kriechen zu sehen und behandeln zu können, als wären sie ein Stück Dreck, denn das sind sie auch! Du bist mir ähnlich Lynn, Du gefällst mir! Wenn ich etwas bedauere, und der Satan ist mein Zeuge, dass es nicht viel gibt, das ich zu bedauern hätte, dann vielleicht, das ich mich nicht früher um Dich gekümmert habe. Aber dieser Idiot von Ferguson schwor mir, Dich nicht ausfindig machen zu können. Er hat mich jahrelang belogen. Ich kann mir seinen Unmut und seinen Schrecken vorstellen, dass er nun erkennen muss, dass alle seine Bemühungen, Dich von mir fernzuhalten, umsonst gewesen sind! Denn siehe da, die Fügung des Schicksals hat Dich schließlich doch hierher zurück verschlagen, und da sind wir nun, der alte Widerling und seine Tochter, die personifizierte Schönheit, von der die Stadt der Engel spricht! Ich bin richtig stolz auf Dich, Lynn! Stolz auf mich, ein Juwel wie Dich aus meinen Lenden hervorgebracht zu haben! Gesteh’ das einem alten Mann zu!“ Sie schluckt, weil sie nicht umhin kann, die Ehrlichkeit aus den Worten des Mannes, der ihr Vater war, heraus zu hören. „Du hast mich gesucht….?“, versucht sie schwach nachzufragen. „Ja, das habe ich, verdammt noch mal!“ zetert er. Sie spürt, dass er am Ende seiner Kräfte angelangt war. „Und es war ein großer Fehler von mir, diesem Bastard James voll und ganz dabei zu vertrauen! Und Deine Mutter hat immer behauptet, sie wüsste nicht, wo Du Dich aufhieltst! Das war ihre Rache! Und dieser Hund Ferguson hat mich die ganze Zeit lang belogen und betrogen. Vielleicht haben die beiden sogar gemeinsame Sache gemacht, wer weiß… Allein dafür bekommt diese Ausgeburt der Hölle keinen Cent von mir! Wenn er glaubt, ich habe ihn nicht durchschaut, dann wird er eine heftige Enttäuschung erleben müssen! Und ich habe mein Testament bereits gemacht, ohne dass er davon weiß! So senil, wie er annimmt, dass ich bin, war ich noch lange nicht! Hier drin“, er tippt mit einem der langen Zeigefinger an seine Stirn, „ist noch soweit alles in Ordnung! Der Testamentsvollstrecker ist der Notar, bei dem Deine Mutter Deine Geburtspapiere hinterlegt hat. Der Einfachheit halber. Er wird Dich kontaktieren und Du wirst ihn aufsuchen, in Phoenix, und Deine Erbschaft übernehmen! Mach Dir ein schönes Leben damit, dann lebe ich ein bisschen in Dir weiter, ob Dir das passt oder auch nicht! Hab ich mich klar genug ausgedrückt?“ Er sinkt schwer in die Kissen zurück und röchelt ein wenig, fasst sich aber wieder und hebt müde die Hand. „Ich kann nichts von Dir verlangen, Lynn, und das habe ich auch nicht vor! Aber so kannst Du mich auch nicht ganz vergessen! Nenne es Eitelkeit, oder wie Du willst! Ich schleiche mich nicht heimlich davon, ich gehe ab mit Pauken und Trompeten, siehst Du! Aber Du solltest jetzt gehen und Dich vorsehen, bist Du rechtsmäßige Eigentümerin der ganzen Scheiße geworden bist. Sag White Bescheid, er wird das regeln, der Mann ist gut, und viel zu aufrichtig für meinen Geschmack, aber gut für Dich, ich spür das!“ Lynns Inneres ist völlig in Aufruhr. Sie kann keinen klaren Gedanken fassen. Ihre Mutter hatte nicht zugelassen, dass Hudson Kontakt mit ihr aufnehmen konnte, und Ferguson tat sein übriges dazu. Warum sollte der alte Mann lügen? Er hatte nichts zu gewinnen und war auch keiner, der etwas verschwieg. Als hätte sie geahnt, dass man sie benötigte, tritt die Pflegerin lautlos in den Raum. „Na, wie sehen wir denn aus…?“ Sie wackelt rügend mit dem Kopf, was dem Alten ein müdes Lächeln abringt. „Komm her Tracy, schüttle mir die Kissen auf, und lass mich ein wenig auf Deinen prallen Busen starren. Lange machen es diese Augen ohnehin nicht mehr“, gibt er mit pfeifendem Atem von sich und Lynn spürt, dass es Zeit war, den Mann, ihren Vater, allein und seiner Ruhe und Pflege zu überlassen. „Ich werde darüber nachdenken“, verabschiedet sie sich und kämpft gegen den Drang an, die Hand des Alten zu drücken. Doch ihr Stolz siegt und sie macht auf dem Absatz kehrt und verlässt nach einem grüssenden Nicken den Raum. Man hält sie nicht zurück und sie wäre fast mit dem Anwalt zusammen geprallt, der im Flur auf sie gewartet hatte. Sein Gesicht zeigt keine Regung und sie findet es fast lächerlich, als er sie fragt: „Nun, was hat er Ihnen so alles an Lügengeschichten erzählt?“ Sie ist davon überzeugt, dass er jedes einzelne Wort mit angehört hat, das ihr Vater an sie gerichtet hatte. Sie schüttelt daher unwillig den Kopf und versucht, an ihm vorbei zu schlüpfen. „Ich denke nicht, Mister, dass Sie das etwas angeht, sonst hätte mein Vater Sie nicht aus dem Zimmer gewiesen!“ Ein böses Grinsen umspielt die Lippen des Mannes. „Ah, jetzt ist er plötzlich Ihr „Vater“! Der Daddy, den man so gehasst hat, der Mann, der sich an Ihrer Mutter vergriffen hat und sie dann im Stich ließ, wurde ganz plötzlich zum unvorhergesehenen Wohltäter, nehme ich an….“ Sie erspart sich eine Antwort und flieht die Treppe hinunter. ‚Weg von hier, denkt sie. ‚Nur weg und nachdenken, zurück zu Bud, in seine Arme, mich an ihn lehnen, trösten lassen….’ Wieder folgen ihr mehrere Augenpaare, als sie so hastig die Halle durchquert. Ein Cowboy öffnet ihr bereitwillig die Tür. Anscheinend wusste alle hier, wer sie war. Geschwätzt wurde überall. „Wir sind noch nicht fertig, Miss!“ Sie fühlt, wie der Anwalt, der ihr rasch gefolgt war, sie am Arm festzuhalten versucht. Sie schüttelt ihn unwillig ab, und als das nicht geht, versetzt sie ihm reflexartig eine Ohrfeige. Sie vernimmt das Kichern einer Frau in ihrem Rücken und schert sich kein bisschen um den hasserfüllten Blick Fergusons. „Sie sind ein falsches Schwein! Einem wie ihnen sollte man die Lizenz entziehen!“ zischt sie und lässt ihn so stehen. Sogar den Wagenschlag öffnet ihr einer der Arbeiter und sie hat nicht die Kraft, ein paar kleinen Mexikanerkindern, die sie staunend ansehen und um den Wagen schleichen, ein nettes Lächeln zu schenken. Sie kommt sich vor wie in einem Film. Das war nicht sie, nicht ihre Story. Sie startet den Wagen und braust in einer Staubwolke davon, die noch meilenweit zu sehen ist. Sie versucht klar zu denken und die Gedanken, die sie quälen, zu ordnen. Ihre Mutter, die ihr ein Leben lang vormachte, ihr Vater wäre als Kriegsheld verschollen! Dabei hatte es nicht einmal ein Bild von ihm gegeben. Warum ihr gerade jetzt solche Kleinigkeiten einfielen, weiß sie nicht, aber ihre Kindheit und Jugend ersteht klar wie noch nie vor ihr auf. Der heimliche Spott ihrer Mitschüler, den sie nie wirklich deuten konnte, fällt ihr ein. Sie stellte sich nur immer die Frage: war es eine Schande, Halbwaise zu sein? Wahrscheinlich hatten die Schulkameraden teilweise Vermutungen und Gerede über ihre Herkunft aufgeschnappt. Aber Hudsons Position verbot es ihnen allen, diese Tratschereien laut auszusprechen. Schließlich waren sie alle, wirklich alle hier, von Hudson und seiner Gunst abhängig! Wer wollte da schon in Misskredit kommen? Und dann war da dieser Ferguson, von dem sie früher nie etwas gehört hatte. Wie er sich wirklich das Vertrauen des gewieften Hudsons ergaunert hatte, ist ihr ein Rätsel. Doch er war nicht ihr Freund, das steht fest. Wahrscheinlich durchkreuzte ihr plötzliches Auftauchen seine gefassten Pläne, welcher Art auch immer diese sein mochten. Eigennützig, ganz sicher! Ein Vater, der sie seit langem suchte, ein Mann, der es mit allen Mitteln verhinderte und ihre verbitterte Mutter, der sie es nicht verdenken kann, dass sie ihre Tochter vor diesem ungewollten Vater abschirmte. Vielleicht hatte sie Angst, Lynn würde den Mann, der sie mit Gewalt in ein Leben zwang, das sie sich nicht ausgesucht hatte, lieben lernen? Es gab viele „Wenn und „Aber“, - Antworten darauf würde sie, Lynn, nicht mehr finden. Die Uhr lief ab, es blieb keine Zeit, Hudson näher kennen zu lernen und sie war sich auch gar nicht sicher, ob sie das überhaupt wollte! Lynn spürt kaum, dass Tränen der Wut und der Verzweiflung in ihre Augen treten. Sie fährt mit hohem Tempo zurück in die Stadt und schluchzt vor sich hin. Doch der Laut ihres Gefühlsausbruchs wird vom Motorenlärm des Fords verschluckt. Sie bremst erst erschrocken und aus ihren wirren Überlegungen geschreckt, den Wagen, als kurz nach einer Straßenbiegung ein Lastwagen vor ihr auftaucht, der quer über die holprige Fahrbahn geschlittert zu sein scheint. An einen Reifen gelehnt, sitzt ein Mann, der den Kopf in beide Hände gestützt hatte, als hätte er grosse Schmerzen. Ein anderer, verkrümmt dastehend, gibt ihr ein Winkzeichen, anzuhalten. Von der Lastfläche des Wagens gefallen, liegen ein paar Kisten verstreut herum. Instinktiv bremst Lynn und steigt aus dem Wagen. „Sind Sie verletzt?“ Der stehende Mann lehnt sich ächzend gegen den Wagenschlag. „Mir ist nicht viel passiert! Meinem Freund da, geht es nicht besonders gut! Er schlug mit dem Kopf gegen die Scheibe! Ein Wunder, dass er sie nicht gleich mit dem Schädel durchbrochen hat!“ Lynn wendet sich an den Sitzenden, legt eine Hand auf seine Schulter. „Verdammter Kojote, der uns da vor die Nase lief! Instinktiv hab ich den Karren gebremst, ich hätte das Vieh besser überfahren sollen!“ lässt der andere verlauten, während er mit der Stiefelspitze erbost gegen die Wagenseite hämmert. „Sind Sie von der Hudson Farm? Soll ich von dort Hilfe holen?“ Erst als sie das schmutzige Grinsen des Mannes sieht, der seinen Kopf hebt, um sie direkt anzusehen und seine Hände, die ihre Arme packen, weiß sie, dass sie einen großen Fehler begangen hat. „Nicht nötig, Schätzchen! Mir geht es schon viel besser!“ Hart wird sie von rückwärts bei den Haaren gepackt und zurückgezogen. Einer ihrer Arme wird ihr brutal auf den Rücken gedreht und sie unterdrückt nur mit Mühe einen Schmerzensschrei. Der andere hat sie von hinten gepackt und drückt sie gewaltsam an das heiße Blech des Kastenwagens, während er nach dem anderen Arm greift und beide hart mit einem Seil zusammenbindet. Der Schmerzenslaut, der ihren Lippen entfährt, ist echt, als das harte Seil ihr in das Fleisch ihrer Handgelenke schneidet. Überraschung mischt sich mit Angst, und die Aussichtslosigkeit, dieser, alles anderen als viel versprechenden Situation entrinnen zu können, macht sie schwindlig. Ihre Proteste gehen im hämischen Lachen der beiden unter, die sie gefesselt in den Fond des Wagens zerren. „Und ab geht’s“, ruft zufrieden der eine, der sich hinters Steuer schwingt. „War ja leichter, als ich gedacht habe! Hat nicht viel Grips, die Kleine!“ „Stimmt“, gibt der andere zu. Aber sonst, ist sie gut bestückt!“ Die anzüglichen Blicke, die er auf ihren Busen wirft, werden vom Kichern des anderen begleitet. „Wird eine Bereicherung sein für die Bude!“ grinst er und der andere schnaubt warnend: „Halt dein ungewaschenes Maul! Du redest zu viel! Vergiss nicht, was der Boss gesagt hat, sonst bist Du Deinen Job los!“ Wer immer auch der Boss sein mochte, Lynn versucht ohne Erfolg, ihre panikartige Angst zu unterdrücken, und irgendwie wird sie das Gefühl nicht los, dass man sie jede Meile, die sie quer durch das wüstenartige Land fahren, von Bud und der Aussicht, dass dieser sie in Bälde befreien konnte, weg brachte. „Mein Vater“, sie betont dieses Wort mit Absicht, „wird Euch aufspießen und in der Sonne rösten, wenn mir etwas passiert!“ Sie versucht damit die beiden einzuschüchtern, doch ihr Einwand löst nur ein belustigtes Gelächter bei den Männern aus. „Dafür muss er lang genug leben“, gibt der eine, vor Lachen schnaufend, von sich, während der andere kichernd hinzufügt: „Und er muss erst davon erfahren. Ich frag mich nur, ob er die Sprache der Geier versteht, der Alte, die ihm davon ins Ohr flüstern, denn sonst gibt es meiner Meinung nach keinen Zeugen dafür, was mit dem Töchterchen passiert ist!“ Sie wird an die Seite des Beifahrers gezogen, der seine schmutzigen Finger nur zu gerne ins weiße Fleisch ihrer nackten Oberarme gräbt. „Und jetzt genieß die Fahrt, Liebchen! So ein kleiner Ausflug ins Blaue wird Dir sicher gut tun!“
***** Als er verwirrt die Augen aufschlägt, braucht er mehre Sekunden, um Zeit und Raum auf die Reihe zu kriegen. Als er sich dessen bewusst wird, dass es auf vier Uhr zugeht, erschrickt er ziemlich, und ist mit einem Satz aus dem Bett. Er hatte über drei Stunden geschlafen wie ein Stein. Wertvolle Zeit, in der er einige Nachforschungen bezüglich der Drohbriefe anstellen wollte. Er grummelt erbost vor sich hin, während er nach seinen Kleidungsstücken greift und schalt sich selbst einen Idioten. Er würde dem Sheriff einen Besuch abstatten, ihn notfalls in die Gegebenheiten einweihen und versuchen, mehr über diesen Ferguson heraus zu finden. Der Mann geht ihm nicht mehr aus dem Kopf. Vor allem seit heute Morgen nicht mehr. Die sichtliche Unaufrichtigkeit des Kerls, die Schleimerei vor dem alten Hudson, alles das gefällt ihm nicht und bohrt an ihm wie ein rostiger Nagel. Während er sich der Stadt nähert, überlegt er, ob er sich nicht schon früher an den Sheriff hätte wenden sollen. Doch er hatte der ganzen Sache nicht allzu viel Bedeutung zugemessen, beschwichtigt auch durch Hudsons Vermutung, dass es sich nur um einen Haufen eifersüchtiger Weiber handeln könnte, die versuchen würde, Lynn loszuwerden. Er hätte sich mehr auf sein Gefühl verlasen sollen, auf seinen Spürsinn. Seit Monaten nicht mehr im Dienst, wurde er unvorsichtig und bequem, eine Tatsache, die ihm schmerzlich bewusst wird. Es war höchste Zeit, wieder aktiv zu denken, nicht wie ein versoffener Bauerntölpel in den Tag hinein zu leben und er musste Lynn, wenn nötig mit Gewalt, von hier weg bringen. Seine Überraschung ist groß, als er ihren Laden immer noch versperrt vorfindet. Die Überraschung weicht dem Gefühl der Besorgnis, das ihn beschleicht wie eine böse Krankheit und so stark wird, dass es seinen Mund austrocknet und die Handflächen feucht werden lässt Fast automatisch tasten seine Hände zum Schulterhalfter mit der 38er, die er fast immer bei sich trägt. Im Laufschritt steuert er die Polizeistation des Ortes an und betritt das Büro des Sheriffs, als stünde in Kürze ein Weltuntergang bevor. Er trifft den Ordnungshüter mit zwei seiner Männer an und sein Blick verheißt nichts Gutes, als er nachfragt, ob jemand Lynn heute Nachmittag schon in der Stadt gesehen hätte. Der Sheriff, ein älterer Mann, der sich auf nichts so sehr wie auf seine Pension zu freuen scheint, sitzt behäbig hinter dem Schreibtisch und schüttelt verneinend den Kopf. Sein Blick streift fragend die beiden Kollegen, die ebenfalls zugeben, dass keiner Lynn nachmittags wieder bemerkt hatte. „Sie ist mittags weg gefahren“, erinnert sich der jüngere. „Ich hab mir einen Hot Dog holen wollen, da sah ich sie den Laden absperren! Sie nahm den Wagen und fuhr los. Sie ist ja kaum zu übersehen. Seither ist sie nicht zurückgekehrt. Der Laden blieb geschlossen!“ „Nun, weit kann sie nicht sein“, versucht der Sheriff Bud zu beschwichtigen. „Die Stadt ist nicht groß, vielleicht hat sie eine Freundin besucht.“„Sie hat keine Freundin in der Stadt!“ weist Bud die Vermutung zurück. „Na ja“, kommt es gedehnt von dem dritten Mann, „manchmal weiß man eben nicht, was Frauen so tun! Oft ist der Betroffene der letzte, der es erfährt…“ Wütend wendet sich Bud an den Hilfssheriff, der diese zweideutigen Floskeln von sich gegeben hatte. „Ich würde Ihnen raten, Mann, vorsichtiger mit den Worten zu sein, die sie bezüglich Lynn von sich geben!“ Bud ist nicht gewillt, sich provozieren zu lassen, er hat auch keine Zeit, sich auf eine Debatte, die möglicherweise damit endete, dass man ihn einlochte, weil er seiner Diskussion mit den Fäusten etwas mehr Nachdruck verschaffte, einzulassen. Der Sheriff hebt beschwichtigend den Arm. „Schon gut, White! Wir sind hier nicht in LA. Das ist eine ruhige Stadt und sie wird es auch bleiben, solange ich noch Sheriff bin, klar?“ Buds Augen schießen tödliche Blicke auf den Helfer des Sheriffs und seine Kiefer arbeiten sichtlich, als er um Beherrschung ringt. „Klar, Sheriff! Ich mach’ mich dann auf die Suche. Nehmen Sie das zur Kenntnis! Ich brauche Ihre Hilfe nicht!“ Er ist schon fast zur Tür draußen, als er sich erinnert, weshalb er eigentlich gekommen war und wendet sich nochmals an den Sheriff. „Ich wollte Sie eigentlich um Auskunft über diesen James Ferguson bitten, Sheriff! Woher kommt der Mann und wie steht er wirklich zu dem alten Hudson!“ Der Sheriff zuckt bedauernd die Schultern. „Irgendwann ist er hier aufgetaucht, aber ein paar alte Lästermäuler behaupten, er sei ein Bastard von dem Vater des alten Hudson. Carl Hudson, unser Phantom! Er soll einem der mexikanischen Mädels, die für ihn schufteten, ein Kind gemacht haben, und zwar, als er fast achtzig war! Kurz darauf hat er ins Gras gebissen. Was daran wahr sein soll, weiß niemand! Aber das würde ihn glatt zum Halbbruder von John Hudson machen. Vielleicht hat der die Story ja gefressen… Sie wissen ja, was so geredet wird. Aber ein Körnchen Wahrheit ist wohl an jedem Gerede, nicht…?“ Ein viel sagender Blick auf seine zwei Helfer wird von diesen mit einem spöttischen Lächeln quittiert. Bud erspart sich eine weitere Äußerung, knurrt nur etwas Unverständliches, das so ähnlich wie „…damned town“ klingt und ist auch schon draußen. Der Rat des Sheriffs, nach 24 Stunden eine offizielle Vermisstenanzeige aufzugeben, erreicht ihn nicht mehr, denn er ist bereits im Laufschritt zu seinem Wagen unterwegs und lenkt das Auto alsdann mit quietschenden Reifen aus der Stadt, um sich zur Hudson Farm zu begeben. Seine einzige Hoffnung besteht darin, dass Lynn doch beschlossen hatte, ihren Vater aufzusuchen, aus welchen Beweggründen auch immer. All sein Hoffen klammert sich an diesen einen Gedanken, doch kann er seiner Beunruhigung, die zur Angst anwächst und ihm schwer auf der Brust lastet, nicht mehr richtig Herr werden! *****
Lynns Bluse klebt feucht auf ihrer verschwitzten Haut. Die Sonne steht tief, so tief, dass sie sie blendet und ihre Augen schmerzen lässt. Ihre Sonnenbrille liegt zurück gelassen auf dem Nebensitz ihres Wagens, ebenso wie ihre Handtasche, wo sie ihr nicht viel nützt. Die Aussicht, dass jemand den spontan verlassenen Wagen finden würde, ist gleich null. Hudsons Leute würden sich nicht darum scheren und sie ist fast sicher, dass irgendein Helfer dieses Komplotts den Wagen bereits versteckt oder weggebracht hatte. Und da blieb noch die Frage offen, welche Leute des Hudson Imperiums loyal waren…. Sie wird den Verdacht nicht los, dass Ferguson hinter der Entführung steckte. Möglicherweise hat er seine Zeit geschickt genützt, den Bewohnern der Ranch klarzumachen, dass er der neue Herr der Lage war. Und möglicherweise hat ihm das die Ergebenheit der Männer und Arbeiter eingebracht. Ein würdiger Nachfolger für die zwielichtigen Geschäfte, wollte man den Gerüchten Glauben schenken, die davon erzählten, dass Hudson seine Finger bis zu den Ellbogen in schmutzige Schmuggelgeschäfte hatte… Die Sinnesänderung ihres Vaters hatte ihm wohl einen dicken, schwarzen Strich durch die Rechnung gemacht… Wenn er von dem Testament wusste, und sie ist davon überzeugt, dass er das tat, dann gab es für Ferguson nur eine Lösung, doch noch an Hudsons Geld heran zu kommen, nämlich ihr, Lynns Verschwinden in die Wege zu leiten. Sie aus dem Weg zu räumen, wäre noch einfacher gewesen, doch das hätten die beiden Halunken, die sie in ihre Gewalt gebracht hatten, schon längst bewerkstelligen können, wenn dies die Absicht ihres Auftraggebers wäre. Die Zeit erscheint ihr schier endlos dahin zu kriechen, und sie kann nicht einschätzen, ob es zwei oder vier Stunden waren, die sie bereits unterwegs sind. Ein Blick auf ihre Diamantbesetzte Armbanduhr zeigt ihr, dass es auf sechs zugeht! Also war sie an die drei Stunden bereits zwischen diesen Kerlen eingepfercht, die ihre Witze rissen, selbstsicher ihrer gelungenen Tat, und auch noch mit kräftigen Schlucken aus einer Flasche Whiskey, die sie sich gegenseitig zuwarfen, das Ausmaß ihrer Heiterkeit steigerten. Sie hatten zweimal eine Pause eingelegt, waren abseits der Hauptstrasse gefahren und als es an der Zeit war zu tanken, hielten sie an einer einsamen Tankstelle, die sich hier in der endlosen Wüste vor ihnen aufbaute, als hätte man sie gerade nur für Schmuggler und Outlaws hingesetzt. Ein mürrischer alter Mann hatte sie bedient, der ihr keinen einzigen Blick schenkte und es war ihr auch unmöglich gewesen, auf sich aufmerksam zu machen, weil die Messerspitze des einen Begleiters sich schmerzhaft in ihre Seite bohrte. Trotzdem man ihr Wasser gegeben hatte, fühlt sie sich ausgedörrt bis auf die Knochen. Als man sie zwingen wollte, auch von dem mitgebrachten Alkohol zu trinken, hat sie sich gewehrt. Als dann die honigfarbene, verschüttete Flüssigkeit auf ihre feine Seidenbluse getropft war und nicht, wie geplant, in ihren Mund, hatte das den feinen Stoff durchsichtig werden lassen, was den beiden einen mehr als freizügigen Blick auf ihre Brüste unter der an ihrer Haut klebenden Bluse gewährte. Doch sie hat sich stolz den Blicken der beiden ausgesetzt, die jedenfalls nicht Hand an sie legten, obwohl in ihren Augen blanke Gier und Geilheit aufblitzte. Anscheinend befolgten sie irgendwelche strikten Anordnungen, sie nicht anzurühren. Als die Sonne hinter den Hügeln rotgolden versinkt, erreichen sie eine kleine Farm, die verlassen und einsam eingebettet zwischen den Sandhügeln vor ihnen liegt. Ein großer, sportlicher Wagen parkt davor, und an ihn gelehnt erkennt sie James Ferguson, was sie kein bisschen überrascht. Mit diesem mexikanischen Bastard wurde sie allemal noch fertig! „Sieh an, die stolze Lynn! Ein bisschen angekratzt in ihrer Schönheit, aber immer noch appetitlich genug!“ Sein sarkastisches Grinsen quittiert sie mit einem verächtlichen Blick, während sie ihr zerrauftes Haar schüttelt, um den Sand und Staub, der sich während der Fahrt darin angesammelt hat, los zu werden. „Glauben Sie nicht, dass Sie damit durchkommen, Sie Mistkerl!“ entgegnet sie wütend, und ohne mit der Wimper zu zucken. In gespieltem Erstaunen zieht der Angesprochene eine Braue hoch und zieht genüsslich an seiner Zigarillo, bevor er antwortet: „Wovon sprechen Sie, liebste Lynn? Die Sache ist gelaufen, und zwar durchaus zu meiner vollen Zufriedenheit. Sie werden in aller Ruhe die Nacht in guter Gesellschaft von uns allen verbringen und im ersten Morgengrauen geht es dann dem endgültigen Ziel entgegen.“ Einer der Männer stupst sie ins Innere des Hauses, wo Dämmerlicht erst erforderlich macht, dass sich ihre an Helligkeit gewöhnten Augen damit vertraut machen. Sie lässt sich, immer noch gefesselt, in einen ausgesessenen, fleckigen Lehnstuhl fallen und starrt ihren Entführer feindselig an. Irgendwie kann sie keine Angst vor diesem aalglatten Kerl empfinden. Jetzt, wo sich ihre Vermutungen bestätigt haben, empfindet sie fast so etwas wie zufriedene Ruhe. „Das Ganze ist eine lächerliche Komödie“, platzt sie heraus. „Ich frage mich, was Sie sich dabei gedacht haben? Ich habe Ihre Intelligenzquote etwas höher eingestuft! Glauben Sie etwa, man wird nicht nach mir suchen? Wollen Sie mich hier verstecken, bis auch der letzte Cent von Hudsons Geld Ihnen gehört?“ Das belustigte Aufblitzen in Fergusons Augen macht sie dennoch ein wenig unsicher. Er bedeutet den Halunken, ihr die Fesseln abzunehmen. „Hier kann sie nicht weg“, erklärt er zufrieden. „Sie käme keine hundert Meter weit!“ Er wendet sich fast liebenswürdig an Lynn, die sich die schmerzenden Handgelenke reibt, als man sie endlich frei gibt. „Wir werden eine nette Unterhaltung heute Abend führen, Liebste! Sagen wir, ich gebe ihnen die Chance ihre Zukunft neu zu gestalten. Wir werden gemeinsam ein Gläschen trinken und uns über ihre und auch meine Zukunft unterhalten. Ich komme auf jeden Fall an mein Ziel. Es liegt an ihnen, den bequemsten Weg zu wählen, mir den Weg dorthin zu weisen. In ihrem Interesse, denn meines ist längst gesichert. Sie haben die Wahl. Auf die einfach Tour oder die eher, nun, sagen wir, anstrengende, nämlich, was Sie betrifft, Lynn!“ Sie unterdrückt das Verlangen, ihm ins Gesicht zu schlagen. Vor Wut innerlich zitternd, will sie doch genaueres wissen, obwohl sie es sich fast denken kann: Ferguson will sie davon abhalten die Erbschaft anzunehmen. „Meine beiden Begleiter werden dieses nette, einsame Haus bewachen, während wir uns unterhalten. Doch zuvor wollen wir uns stärken, nicht wahr, Freunde?“ Einer der beiden schleppt eine mit Eis randvoll gefüllt Kiste herein, die der Anwalt anscheinend im Fond seines Wagens mitgebracht hatte. Wie es scheint, hatte er an alles gedacht, sogar an das leibliche Wohl seines Opfers. Wenn es nicht so traurig gewesen wäre, oder besser gesagt, lächerlich, hätte sie laut los gelacht. Aber so sieht sie nur stumm zu, wie aus der Kiste Wein und ein paar gefüllte Brotstullen hervorgekramt werden, die der Mann auf den Tisch legt. Lynn vermeidet es, ein paar Bissen herunterzuwürgen, doch nimmt gierig und ausgetrocknet ein Glas Wein in ihre immer noch schmerzenden Hände, das sie in einem Zuge leert. Großzügig schenkt Ferguson ihr nach. Die beiden Handlanger verdrücken sich nach draußen. Als sie beide allein sind, betrachtet Ferguson sein Glas und dessen Inhalt, als könne er darin die Zukunft lesen. Er lehnt sich bequem zurück und blickt sinnend die attraktive Frau an, die ihn keines Blickes würdigt, sondern zu Boden starrt, während ihre beiden Hände den Stiel des Glases umklammert halten. „Nun“, beginnt der Mann, der selbst jetzt noch, nach einem heißen und staubig langem Tag wie aus dem Ei gepellt aussieht, „ich werde Dich, liebste Lynn, Du erlaubst doch, dass ich Dich duze, da unsere Bande enger miteinander verknüpft sind, als Du Dir vorstellen kannst, erst einmal über meine genaue Identität informieren!“ „Ersparen Sie mir die tragische Geschichte Ihres Lebens“, zischt Lynn zynisch und betrachtet den Mann verächtlich. Der Anwalt macht eine verspielte Handbewegung. „Ich kenne die Deine Lynn. Und ich muss sagen, Du hast es Dir immer leicht gemacht, gut zu leben. Hast Deine Schönheit genützt und Dich verkauft. Na und? Es steht mir nicht zu, darüber ein Unteil zu fällen. Ich habe Dich lange schon im Visier und habe Pläne entwickelt, wieder verworfen, aufgegriffen und schließlich ausgefeilt. Also solltest Du Dir in Deinem ganz persönlichen Interesse anhören, was ich zu sagen habe.“ „Ferguson“, entgegnet sie langsam. „Ich habe diesen Namen noch nie gehört. Jedenfalls klingt er nicht halb so mexikanisch, wie Sie aussehen!“ Natürlich kann sie nicht vermeiden, dass ein wenig Spott erneut aus ihren Worten klingt, aber Ferguson scheint dies als Kompliment aufzufassen und lächelt geschmeichelt. „James Ferguson ist nicht mein richtiger Name, sagen wir, er ist mein Pseudonym, der Schlüssel zu Erfolg und Macht! Oder glaubst Du etwa, Schätzchen, man hätte einen Juan Martinez auf der Universität geduldet? Ich habe studiert, vergiss das nicht. Ich kenne die Gesetze und meine Rechte, ja, vor allem die!“ Anmutig und elegant schiebt er ein zusammengerolltes Stück Schinken in seinen Mund und spült es mit einem Schluck Wein hinunter.“ Er verdreht entzückt die Augen. „Du solltest davon probieren, Lynn! Aus der Produktion Deines Vaters! Ein Genuss! Nur schade, dass gewöhnliche Leute nie diesen Geschmack kennen werden. Diese Sorte wird nur für den Gaumen des Herrschers angefertigt und kommt nicht in den Handel! Privates Essvergnügen, sozusagen. Nur für Hudsons, wie uns! Ja, da wären wir nämlich beim Thema: Du bist seine Tochter, damit muss ich mich abfinden, aber ich, ich bin sein Halbbruder!“ Sie sieht Ferguson, oder besser, Martinez zweifelnd an. Dieser nickt treuherzig und weidet sich an ihrem erstaunten Gesichtsausdruck. „Du staunst nicht schlecht, meine Liebe! Doch es sollte Dich nicht wirklich verwundern, dass diese Familie auf eine lange Reihe von Hurenböcken zurückblicken kann! Ich bin das Produkt einer Eskapade von Carl Hudson, dem Ersten. Wie der Vater, so der Sohn. Sicher bin ich nicht der einzige uneheliche Bastard des alten Despoten. Und Du nicht das einzige Produkt, dass der sexgeile Bock John, sein Sohn, hervorgebracht hat. Aber wir sind eben die klügsten, die pfiffigsten! Die Sahne sozusagen! Wir bestehen auf unser Recht, machen etwas aus unserem Leben und unserem Schicksal, das uns aufgezwungen wurde! Ich war gerade mal zwanzig und habe verbissen an meinem Studium gearbeitet, als das Gerücht Deiner Entstehung an mein Ohr drang! Ab diesem Zeitpunkt habe ich gewartet. Auf Dich, Lynn und darauf, dass dieser alte Mann, der sterbend jetzt in seinem Bett liegt, mir diesen üblen Streich spielen würde! Ich habe mich nicht getäuscht in ihm! Auch wenn er sonst keinerlei Vergnügen mehr empfinden kann, das ist wahrscheinlich der letzte Koitus, den er noch genießen will! Wir sind uns ähnlich, liebe Nichte, denn das bist Du ja in diesem Falle! Na, was sagst Du zu alledem?“ Sie zieht es vor zu schweigen, abwartend, was noch kommen sollte. „Wir sollten uns nicht verfeinden! Es ist genug für uns beide da! Ich kenne die testamentarische Verfügung Deines Vaters, dieses hinterlistigen Kauzes! Er hat mich einfach ausgeschlossen, nach allem, was ich die vielen Jahre über für ihn getan habe! Seinen schmierigen Humor, seine miesen Launen habe ich ertragen, es war einfach würdelos, wie er mich oft genug behandelt hat! Findest Du das richtig?“ Lynn blickt den Mann, der sich als ihr Onkel ausgab verächtlich an. „Nachdem Sie meinen Vater jahrelang mit Lügen über meinen Verbleib hingehalten haben, ja! Warum haben Sie ihn nicht gleich davon überzeugt, dass ich tot bin? Ermordet, an Schwindsucht dahingeschieden, was weiß ich? An Einfallskraft dürfte es Ihnen ja nicht fehlen!“ Er scheint immun gegen ihren Spott zu sein und legt bedächtig die Fingerspitzen aneinander, während er ruhig antwortet: „Liebes Kind, das passte nicht wirklich in meine Pläne. Dass der Alte jedoch so radikal vorgehen würde, hätte ich nicht gedacht! Tut, als existiere ich nicht einmal!“ Ärgerliche Falten haben sich auf der sonst so glatten Stirn gebildet und die schwarzen Augen fixieren sie überlegend. „Womit wir sofort bei meinen Vorschlägen angelangt wären. Es gibt für Dich drei Möglichkeiten. Jede davon führt dazu, dass ich an Hudsons Geld, das mir ja auch zusteht, heran komme: Nun, entweder wirst Du ganz einfach meine Frau, was natürlich jetzt und sofort schriftlich festgehalten werden muss, oder, Punkt zwei, Du verzichtest ordnungsgemäß auf die Erbschaft, weil Du mit dem Scheusal, wie ich annehme, ohnehin nichts zu tun haben willst. Und dann ist da noch Lösung drei, die weniger erfreuliche für dich….“ “Ich würde sie trotzdem noch gerne hören“, erwidert Lynn sarkastisch, „da die beiden ersten nicht für mich in Frage kommen!“ „Sollte es daran liegen, liebe Nichte, dass ich Dir zu alt bin oder eben nicht Deinem Typ, der eher in Bud Whites klotzige Richtung geht, entspreche, so kann ich Dich beruhigen! Ich liebe Mädchen gleichermaßen wie Jungen. Aber nur frisches Fleisch. Du bist eindeutig zu alt, um meine Sinne zu reizen, glaube mir. Du wärst versorgt und könntest Anteil haben an den Freuden, die Hudsons Geld unweigerlich mit sich bringt. Dich an meiner Seite zu wissen, bringt mir ganz sicher Ansehen und Sympathien. Ich finde, das ist das großzügigste Angebot das ich jemals jemandem gemacht habe. Halte mich für einen sentimentalen Weichling, aber schließlich verbinden uns Blutbande.“ Sie pustet verächtlich, wohl wissend, dass er so immer die Kontrolle über sie und das Vermögen behielt. Doch er lässt sich davon nicht beirren. „Wenn Du jedoch eine Verzichtserklärung unterschreiben willst, dann ist mir das auch recht. Deine Mutter würde sich freuen, wenn Du soviel Rückrat beweisen könntest. Sie hat den Mann gehasst, der ihr das angetan hatte! „Ich verbiete Ihnen, über meine Mutter zu sprechen“, entgegnet sie hastig.„Nun, Lynn“, entgegnet er sanft. „Du darfst Dir keine Vorwürfe machen. Ich nehme an, dass Dein Beruf, oder sollte ich lieber sagen, Deine Berufung, Dir viel Vergnügen bereitet hat! Ob so oder so! Du brauchst darauf nicht länger zu verzichten. Lösung Nummer drei besteht nämlich darin, dass ich Dich in eines meiner Nobelbordelle in Vegas stecke und Du als Geheimtipp für zahlungskräftige Kunden erneut die Beine breit machst. Ganz wie in alten Zeiten. Du wirst dieses Etablissement jedoch nie mehr verlassen können und niemand wird Dich finden. Drogen werden den Rest besorgen, um Dich gefügig zu machen und schließlich wirst Du sogar Spaß daran haben, die ausgefallenen Wünsche meiner durchaus akzeptablen Kundschaft zu befriedigen! Wenn Du dann von Deiner Anziehungskraft verloren hast, bringe ich Dich immer noch in einer Spelunke in Mexiko City unter, ich hab’ da meine Beziehungen, musst Du wissen! Na, wie hört sich das an? Ist das schon eher nach Deinem Geschmack?“ Ihre Lippen beben, und plötzlich wird ihr bewusst, dass das harmlos gepflegte Erscheinen dieses Menschen nur reine Show ist. Es war die Verkleidung eines knallharten Teufels ohne Gefühl oder Gewissensbisse. Sein treuherziger Hundeblick verbirgt Eiseskälte und Berechnung. Er scheint auf Antwort zu warten, sieht sie gespannt über die aneinander gelegten Fingerspitzen unter seinem Kinn an und lauert. Sie musste Zeit gewinnen. Aber wenn er sie morgen wirklich nach Las Vegas brachte, würde sie für Bud und den Rest der Welt unauffindbar sein. Verschluckt von einer riesigen Maschinerie aus Vergnügungssucht und korrupten Machenschaften. „Warum bringen Sie mich nicht gleich um und verscharren mich in der Wüste. Das wäre doch die einfachste Lösung für Sie!“ Er schüttelt bedächtig und langsam den Kopf. „Das ist nicht mein Stil, Nichte! Immerhin sind wir miteinander verwandt und Mord ist nicht eben die Lösung in diesem Fall. Du vergisst, dass ich ein Mann des Gesetzes bin und es erfolgreich vertrete!“ Sie muss an sich halten, um nicht hysterisch loszulachen. „Ich muss nachdenken“, erwidert sie so gelassen wie möglich. Er nickt zufrieden. „Das verstehe ich! Ich wecke Dich eine Stunde vor Morgengrauen, denn wenn Du Dich dann noch nicht entschieden hast, tritt automatisch Lösung Nummer drei auf den Plan. Somit wünsche ich Dir eine gute Nacht der weisen Entscheidung!“ Er steht auf und sieht auf sie herunter. „Ich biete Dir das einzige Bett des Hauses erst gar nicht an, weil ich nicht glaube, dass Du es mit mir teilen willst!“ Er lässt sie allein und die gedämpften Stimmen der beiden Wachen vor der Tür dringen an ihr Ohr. Sie starrt in die Dunkelheit und betet um Eingebung. Denn für Lynn ist eines nun ganz sicher: auch wenn sie seine Bedingungen unterschrieb, ihr Leben war so, oder so, keinen Pfifferling mehr wert! Er würde einen Weg finden, dass sie, egal welche Lösung sie auch immer in Betracht zog, so bald wie möglich von der Bildfläche verschwand… |