6

»How?« fragt Stephen noch einmal. Diesmal lauter und energischer.
Jack holt tief Luft. »I went back«, erklärt er dann. »I found her.«
Die Augen des Doktors weiten sich. »You swore«, meint er anklagend, deutet auf Aubrey. »You swore to God that...« Er schüttelt resigniert den Kopf. »I don’t believe it. I must be dreaming. This can’t be real. Jack…« Er verstummt, macht den Eindruck, als stünde eine zweite Ohnmacht bevor. Mit verdattertem Gesicht lässt er sich auf den Stuhl neben mir fallen, wirft mir immer wieder Seitenblicke zu, die zwischen Interesse und Unglauben schwanken.
Ich bin nicht fähig zu reagieren. Ich sitze einfach nur da und starre meine Schuhspitzen an.
»You have to go back!« stellt Aubrey plötzlich nüchtern fest. »You  never ever should have  come here.«
»It’s not that I wanted to.
You kidnapped me!« höre ich mich sagen. Gut zu wissen, dass mein Hirn noch arbeitet, auch wenn der Rest kläglich versagt.
»What???« Stephen springt auf, der Stuhl fällt polternd zu Boden.
»I simply used the situation«, erwidert Aubrey. »As I said I found her. Suddenly she was in my reach again.«
»And then? You decided to pay a visit?« schnaubt Maturin.
»Stephen, I’m sure you noticed the things out there. Beyond the horizon. Don’t tell me you’ve never been curious. You never wanted to see…
Well…« Er kratzt sich am Kopf. »I am different. Not the Jack you are used to know.«
»What do you mean?«
Maturins Blick verdüstert sich.
»I haven’t told you all. Because I’m not sure myself. Déjà vu. In some situations I know what will happen next. Like a curtain lifting in front of my eyes. But whenever I want to move I’m stuck in the position I am in. Frozen.«
»So what?« Stephen scheint nicht zu verstehen.
Ich schon. Jack hat unterschwellige Erinnerungen an die Handlung. So wird er das Gefühl nicht los, dass er alles schon mal erlebt hat. Was ja auch stimmt.
 Also will er den Film verändern. Aber das kann er nicht.
 Er ist an das Script gebunden, hat keinen Spielraum für eigene Ideen.
»Ever and ever again«, fährt er fort. »I’m so tired of it. I thought when I bring Helga here I’ll have the chance to make a difference.«
Maturin wird käseweiß. Da der Stuhl noch immer umgestürzt auf dem Boden liegt, stützt er sich kurzerhand am Tisch ab. »How can that be? Why don’t I remember? To me all is in the unknown. Every day is a new day. You tried to explain that we live a story. A story that never changes. But why don’t I feel that too?«
»Because you never left this world«, werfe ich ein, sehe auf Jack, ernte ein zustimmendes Nicken. »You know when the movie is over and starts again?« frage ich ihn.
Er macht eine kreisende Bewegung mit dem Finger. »From the beginning to the end. Over and over again. Boring hell.«
»But how? She didn’t watch it before today. Or did she? She has told me she couldn’t stand to see your face.«
»I assume there is more than just one of this discs«, meint er lächelnd.
Ich schlucke, dann begreife ich. Jack war aus allen Filmkopien verschwunden. Es griff weltweit über. Warum sollte dieser Jack nicht auch Verbindung zu den anderen Jacks auf den DVD’s haben? Hieß das jetzt etwa, die funktionierten auch nicht mehr? Oder hatten nicht, als er mal wieder eine Stippvisite machte?
»But you can’t simply change the story!«
»Why not? Maybe they’ll like it.«
Er grinst und ich könnte ihn schlagen. Mir schwant nämlich Schlimmes. Ich stelle mir grade Dutzende von verwirrten Gesichtern vor, die auf den Bildschirm starren und die komische Frau in Jacks Kajüte betrachten. 
Stephen lässt sich endlich dazu herab, den Stuhl wieder richtig hinzustellen, setzt sich mit einem langen Seufzer, sieht seinen Freund an. »I don’t get what you are talking about. And I have to confess I’m frightened. I’d pass the gates of hell with you, Jack, but I’m not sure if I can take a mess of realities. Which do exist like it is proved to me now. Holy Jesus!« Er hebt resignierend eine Hand. »Why did you never say a word? I’m your friend.«
»I didn’t because of that reason. How should I have explained things to you, you would have never understood because you haven’t experienced them? Things I don’t even understand completey? I only know they are out there.«
»And this woman would have helped you to understand?«
Die Antwort ist ein Blick, der tausend Bände spricht.
»Caelin?« ertönt eine mir sehr bekannte Stimme. »Geht’s dir gut?«
»Meraluna?« Ich springe auf, drehe mich um die eigene Achse, kann sie aber natürlich nirgends entdecken.
»Du hörst mich also. Das ist gut.«
»Und hast du gehört, was er gesagt hat?«

Stille.

Dann ein zögerliches »Ja.«
»Deinetwegen will er hier alles auf den Kopf stellen, deinetwegen kam er zurück...«
»Also bin ich demnach Schuld daran, dass du jetzt da feststeckst«, schnaubt sie ungehalten.
»Das habe ich nicht gesagt. Moment Mal, was heißt, ich stecke fest?« 
»Dass du da wieder raus musst, steht außer Frage«, antwortet sie ruhig. Doch erkenne ich am Zittern ihrer Stimme, dass die Ruhe nur gespielt ist. »Das hat sogar Jack begriffen. Nicht, dass er es nicht will. Aber er kann nicht. Die Öffnung ist weg.«
Mein Kopf ruckt herum. Ohne weiter zu überlegen stürme ich auf Aubrey zu und trete ihm mit voller Wucht gegen das Schienbein. Ich war schon in der Schule eine gefürchtete Treterin. Meine Attacke verfehlt ihre Wirkung selbst durch den Stiefel nicht. Jack flucht und knickt leicht ein. »Get me out of here!« Ich versuche, nicht zu brüllen. Es misslingt. Ich schnappe ihn am Kragen und zerre – nee, nicht mit Aubrey.
Er packt meine Hand, hält sie eisern fest. »Look«, zischt er mit zusammengepressten Lippen. »There is nothing I want more than to get rid of you. If I could I’d do it right now. But it doesn’t work anymore.«
»Ha!« schnaube ich und trete noch mal zu.
Da erwachen Stephens Lebensgeister. Er stellt sich zwischen mich und mein Opfer. Sehr diplomatisch. Immerhin habe ich es mit einem Gentlemen des 19. Jahrhundert zu tun. Er würde sich nie erdreisten, eine Frau einfach so zu packen. Er nicht. Schließlich ist er nicht Aubrey. »Madam«, versucht er mich zu beschwichtigen. »Of course you are upset.«

UPSET???

Mann, das ist eine starke Untertreibung. Ich entschließe mich zu einem verfrühten Auftauchen, um mit meiner Freundin darüber zu reden, wie sie damit klar kommt, dass Jack weg ist. Will ihr Trost spenden oder was auch immer sie mich tun lässt. Ich denke an einen schönen Tag auf der Terrasse mit Kaffee und Eis. Gemütlichkeit. Und all das wird in binnen von zwei Sekunden zerstört, weil ein fiktiver, durchgeknallter, hormongestörter Riesenidiot denkt, er kann die Dinge so manipulieren, wie sie ihm gefallen.

Und dann erwischt er auch noch die Falsche...

Nicht, dass ich es begrüßen würde, wenn Meraluna jetzt hier festsäße. Denn das täte sie ohne Zweifel. Bei ihr wäre es nicht anders als bei mir. Nur wäre Captain Jack dann umgänglicher. Weil er ja hätte, was er wollte. Aber das hat er nun mal nicht. 
Er hat mich hierein gesaugt. Und dies ist leider kein Stargate mit Rückwahlmechanismus. Soll er gefälligst einen Weg finden, wie er mich wieder zurückbringt. Aber wenn das nicht geht? Was dann? Ich gehöre nicht in den Film. Ich kann hier nicht existieren. Oh je, werde ich auch zusammenbrechen wie er? Und was passiert, wenn die DVD zu Ende ist? Höre ich dann auf zu sein? Oder muss ich das Ende meiner Tage auf eine platte Scheibe gepresst verbringen? Ich bin noch nicht mal Dreißig. Das kann es doch echt nicht gewesen sein!!!

»Okay«, sage ich, zwinge mich zur Ruhe. »Lets try to be logical. Or whatever helps us find a way out of desaster.«
Stephen entspannt sich, scheint überzeugt zu sein, dass ich Aubrey nicht noch mal treten werde.
Der reibt sich sein Schienbein und lässt sich samt angekratztem Ego auf einen Stuhl fallen. »I knew that everything would change«, meint er leise. »I wanted it so, that’s why I stepped out again. The only difference is I picked the wrong woman.« Er schaut auf mich. »No offence, anyway.«
»Ich habe mal kurz was gecheckt«, kommt Meralunas Stimme aus dem Off. »Aufgrund dessen, was Jack gesagt hat. Ich habe Anne angerufen, sie ihre DVD einlegen lassen.«
»Du hast es ihr gesagt?« Ich schlucke.
»Nein. Ich habe ihr nur erklärt, dass was mit meiner DVD nicht stimmt. Was ja nicht mal gelogen ist. Und da wir sie beide zusammen bestellt haben... Ich habe mit Spätschäden argumentiert...«'
»Und du denkst, sie hat dir geglaubt?«
»Das spielt im Moment nicht die bedeutende Rolle. Wichtig ist, dass sie die Scheibe eingeworfen hat. Jedenfalls ist bei ihr alles normal. Du bist nur auf meiner zu sehen.«
»Wenn mich das jetzt beruhigen soll, bist du auf dem Holzweg. Schon mal überlegt, was passiert, wenn der Film zu Ende ist? Ich muss hier wieder raus, ansonsten wird etwas sehr Reales daraus, wenn du behauptest, du hast eine imaginäre Freundin. Und ich denke nicht, dass du ständig meine Eltern zu Besuch haben willst, wenn sie mit ihrer Tochter reden wollen. Und überhaupt, als einzige Frau auf diesem Schiff...« Ich stoppe, sehe zu Aubrey. »We have to try everything to get me back!« stelle ich fest und verschränke die Arme vor der Brust.
»But I don’t know how...« Er zuckt resigniert die Schultern.
»Jack, you are an asshole!« donnert Meralunas Stimme. »You messed this up. So you’ll clean it. Right now!«
»Don’t shout at me because I wanted to be with you«, brüllt er zurück. »There was no way for me to survive in your world...«
»And why the hell did you think I could live in yours?« unterbricht sie ihn.
Er deutet auf mich. »She is fine. No need to be  worried.«
»You were also fine in the beginning!« schießt sie zurück. »Caelin, kannst du nicht es nicht noch mal versuchen? Er hat gesagt, es gibt da eine Öffnung. Vielleicht kann er sie nur nicht mehr sehen.«
»Der Lokus, hhmm?« Ich zeige hinüber. »Lets give it a try.«
Aubrey schüttelt den Kopf. »The gap is gone. It doesn’t work.«
»Give it a try!« beharre ich.
»The one you are talking to... the voice…«, meint Maturin interessiert. »Is it HER?«
Wem diese Frage gegolten hat, kann ich nicht sagen. Jack wohl auch nicht. Wir beide nicken.
»So she observes every move we make?« Er sieht sich suchend um.
»Yes«, antwortet meine Freundin. »And by the way, nice to talk to you, Dr. Maturin.«
Ihm klappt der Kiefer herunter. »I’m used to have the person I’m talking to face to face but in this case... Jack, what in Christ’s name did you start? This is weird.
Really weird.«
Aubrey blickt zu Boden. Dann hellt sich sein Gesicht auf. »Stephen, do you see any chance to cancel this happening? I mean you are…«
Maturin schüttelt den Kopf. »I’m a medical man not a physical scientist, Jack. Don’t put this weight on me.«
»Moment mal.« Mir schießt ein Gedanke durch den Kopf. »Meraluna, weißt du noch, bei welcher Szene du warst, als der Blödmann rausgeklettert kam?«
»Ja, wieso?«
»Kannst du auf diese Szene springen? Vielleicht ein Stück davor. Es wäre doch möglich, dass dann alles rückgängig gemacht wird?« Ich erläutere meine Theorie den beiden anwesenden Herren. Sie runzeln nicht sehr überzeugt die Stirn.
Meraluna beschließt jedoch, einen Versuch zu wagen. Wir warten. Nichts passiert. »Das fasse ich ja nicht«, kommt es von ihr.
»Was???« Ich werde unruhig.
»Es geht nicht. Ich kann keine Szenen mehr anwählen. Der Player spinnt. Alles, was ich kriege, ist ERROR.«
Ich stehe kurz davor, in Tränen auszubrechen. Meine Unterlippe bebt. Also drehe ich mich weg, als die ersten Tropfen zu kullern beginnen. Jack ist zu sehr damit beschäftigt, den Lokus noch mal zu inspizieren, vielleicht doch irgendwo eine Öffnung zu entdecken.
Außer der offensichtlichen.
Doch Stephen bekommt mit, was vor sich geht. Er tritt in mein Blickfeld.
»Your plan didn’t work out?« fragt er mitfühlend, reicht mir ein Taschentuch.
Ich schnäuze mich. »Seems that I’m stuck. I’m sorry for the shock.«
Ein Klopfen an der Tür. Ich zucke erschreckt zusammen, stopfe mir das Taschentuch in die Hose. Jack – die Geistesgegenwart in Person – schiebt sich vor mich. Auch wenn der Leihcorpus Crowe keine 2 Meter ist und höchstens 100 Kilo wiegt, schafft er es dennoch, mich zu verdecken. Immerhin bin ich nur abgebrochene 1.60 Meter.
»In!« brüllt er.
Ich würde zu gern wissen, wer da ist, wage es aber nicht, an seiner Schulter vorbeizuspähen.
»Captain, you are needed on deck!«
Eine melodische Stimme, männliches Timbre. Pullings?
In diesem Moment beginnt das Schiff zu rollen. Ich verliere den Halt, taumele hinter Aubrey hervor, direkt in Stephens Arme. Er hält mich fest. Ihm bleibt auch nichts anderes übrig.
Pullings starrt mich an. Ich überlege, ob er mich für einen Jungen halten könnte. Ich trage Leinenhosen, ein weites Shirt. Mein Haar ist schulterlang, also um einiges kürzer als seins. Und da meine Forderfront dem Doktor zugewandt ist...
Der räuspert sich. »Tom«, meint er beschwörend. »Keep this to yourself. Not even Captain Aubrey was meant to get to know. I tried to hide him…«

HIM???

Ich verkeife mir ein Grinsen. Maturin hat also dieselbe Idee wie ich. Ich weiß, warum ich den Kerl soviel lieber mag, als Captain Jack. Er benutzt sein Gehirn und hält dort, wo es hingehört. Und er beweißt in haarsträubenden Situationen wie diesen ein außerordentlich praktisches Talent.
»A stowaway?« fragt Pullings entgeistert.
Jetzt beginnen auch Jacks Rädchen zu rattern. »Yes«, sagt er nickend. »Dr. Maturin just tried to explain what HE is doing here when you popped in.«
Er sieht seinen Freund aufmunternd an.
»Well...« Stephen schiebt mich in eine aufrechte Position. Ich verharre leicht seitlich, die Arme vor meiner zum Glück nicht allzu ausladenden Oberweite verschränkt. Meraluna schweigt. Aber ich bin sicher, sie verfolgt die Szene mit angehaltenem Atem.
»That is my cousin’s son. He needed help I couldn’t refuse. So I took him with me. I know I should have come to you first, Captain Aubrey. But there was no time to lose.«
»We can’t throw him into the ocean«, erwidert Pullings wenig begeistert. »I wonder that none noticed. Not Padeen not Blakeney… and they spent the most time with you.« Dann zuckt er die Schultern. »Allright, it’s not my business. But Captain you have to come with me.«
»The Acheron?« fragte dieser.
»Could be.«
Er sieht auf mich und Stephen. »We’ll talk later.« Und verschwindet mit Pullings durch die Tür, lässt uns allein.
Ich atme auf. »Thank you. You saved the situation.« Ich lasse mich auf einen Stuhl sinken.
Maturin nimmt ein Glas vom Tisch, gießt aus einer Karaffe Wein hinein und hält es mir hin. Ich habe Durst, aber Wein? Da ich kein ordentliches Frühstück hatte, wird mir das sicher gleich zu Kopf steigen. Was soll’s? Schlimmer geht’s nimmer. Ich nippe an dem köstlichen Roten und lehne mich zurück.
Er setzt sich neben mich und zeigt auf meinen Arm. »You’re hurt. Let me have a look.«
Ich lasse zu, dass er meinen Arm betastet und verrenkt. Immerhin weiß er, was er tut. Ich vertraue ihm.
»Nothing serious. You’ll be fine. Only the skin is scratched«, meint er lächelnd
»Messed up like everything else«, erwiderte ich, lächele ebenfalls. »The only good thing is that I have a chance to talk to you.«
Er hebt verwirrt eine Braue.
»Did Captain Chaos tell you about the books?« wage ich mich auf gefährliches Terrain.
»Books?« Verständnislosigkeit.
Okay, er hat’s nicht erzählt.
»In my world there are books about your and Aubrey’s adventures. At least 20. I haven’t red them all. But a few. I guess I even know more about you than yourself. You’ve only got this reality. In the books are dozens of. Believe me. Your full name is Stephen Maturin y Domanova. We have never met. So how can I know that?«
Er kratzt sich am Kopf. »It was so surreal what he told me. I didn’t wanna believe it.«
»I felt the same way when my friend explained what happened. I understand you. Netherless it is true. I’m the proof.«
Er nickt, lächelt. »But how does it work?«
Der Forscher erwacht. »I mean you passed through...«, fährt er fort, wirft einen unsicheren Blick in Richtung Lokus.
Ich zucke die Schultern, kann ihm keine genaue Beschreibung geben. Alles ging viel zu schnell. Ich versuche es dennoch auf eine Art, die er hoffentlich versteht. Ich deute auf die Kanone. »Just imagine you sit on it while it is fired...« Ich gestikuliere mit den Armen. »WHAM! I thought I’ll be ripped into pieces. I couldn’t scream. I couldn’t even breathe. Like my lungs collapsed. Pain. Lots of pain…« Ich erinnere mich an diese Worte. Watt sagt sie zu Chaucer in "A knight’s tale". Bettany hat Chaucer verkörpert. Aber der Kerl vor mir ist nicht Bettany. Das ist Maturin. Ich halte inne, werde mir bewusst, dass nur ich diesen Joke verstehe.
»I’m so sorry.« Mitfühlend legt mir der gute Doktor eine Hand auf den Arm. »What is your name?« will er dann wissen.
»Why?«
»Well, how shall I call you? I wondered if…«
Ich runzele die Stirn. »We could change that into a male form?«
Er nickt. »Doesn’t work. I mean it does, but the male form sounds to french. An I’d rather avoid that.«
Er lächelt. »But you do need a name.«
Ich hole tief Luft, blicke in eine Richtung, aus der ich glaube, dass Meraluna meine Frontseite sehen kann, zwinkere kurz und meine dann: »Call me Patrick. Patrick O’Brian.«

 

Ich spüre ein Ziehen in meinen Knochen. Es fühlt sich an, als würden sie auf die doppelte Länge gestreckt. Unangenehm. Schmerzhaft. Vor meinen Augen verschwimmt alles, so als säße ich auf einem Karussell, das sich immer schneller dreht. Farbenwirrwarr. Gesichter, die zu Fratzen werden. Ich frage mich, wo die hergekommen sind, war ich doch grad noch allein mit Maturin im Raum.
Ich klammere mich hilfesuchend an die Stuhllehne, aber die ist plötzlich verschwunden. Ich mache einen Satz und lande flach auf dem Bauch, schlage mir das Kinn unsanft an den Planken an.
Mehrere Leute, die sich um mich herum drängen. Sie räumen einen Tisch frei, Sand wird verstreut. Es klirrt irgendwo, so als würden metallische Gegenstände aneinander schlagen.
Dann packen mich zwei Hände, ziehen mich hoch. Ich starre entgeistert in das Gesicht von Maturin.
»Patrick«, meint er tadelnd. »Watch where you go.« Er lässt mich los, dreht sich um und hantiert mit seinen chirurgischen Werkzeugen.
Ich begreife nicht.
Ein kleiner rundlicher Mann schiebt sich an mir vorbei. Dann bleibt er stehen, sieht mich an. »It’s always hard for the first time, Patrick. I know. I know«, sagt er. »But you’ll get used to it, my boy.« Er klopft mir tröstend auf die Schulter, zwinkert kurz. »Don’t vomit on the Doctor’s instruments.«
Jetzt begreife ich noch weniger.
Was soll der Unsinn? Ich sehe mich hilfesuchend um. Wieso behandelt er mich, als würde er mich schon Ewigkeiten kennen? Dass Maturin den Schein wahren will, leuchtet mir ja noch ein. Aber soweit ich mich erinnere, dürfte niemand außer ihm, Pullings und Jack von meiner Anwesenheit hier wissen. Und den Namen Patrick habe ich doch nur Stephen eröffnet. Wieso kennt ER ihn?
Fragen, nichts als Fragen...
Im nächsten Moment kracht es. Das Schiff wackelt. Ist eine blöde Wortwahl, aber anders kann ich es nicht erklären. Ich torkele unsicher umher, ziehe meinen Kopf ein und stütze mich an der Seitenwand ab. Was zum Henker geht hier vor?
Schritte. Hastig. Polternd. Die Tür wird aufgerissen, zwei Männer tragen einen weiteren hinein. Er ist blutbefleckt, stöhnt erbärmlich. Sie legen ihn auf den Tisch, reißen seine Kleidung auf.
Ich starre gebannt auf die Hände, die sofort die Wunde zu säubern beginnen.
Stephen. Konzentriert. In seinem Element.
Dann hebt er den Kopf. »More sand on the floor!« verlangt er.
Jemand drückt mir einen Eimer mit Schaufel in die Hand. Ich verharre bewegungslos. Der Mann gibt mir einen Schubs. »Move your lazy bones, Patrick!«
Schon wieder. Was soll das???
Da mein Eneagramm besagt, dass ich eine Kämpferin bin, also der Instinkt an erster Stelle steht, reagiere ich auch prompt dementsprechend. Ich mache das Beste aus der Situation, schlurfe hinter ihm her und verschütte, seinem Beispiel folgend, den Sand unter dem Operationstisch. Mein Gehirn steht dabei allerdings still.
Das Schiff kränkt nach rechts, mein Magen ebenfalls. Ich huste, um den Brechreiz zu unterdrücken. Irgendjemand tritt mir unsanft auf den Fuß, ein Ellenbogen bohrt sich in meine Rippen. Mir fällt die Schaufel aus der Hand. Ich bücke mich, will sie aufheben.
Blut spritzt vom Tisch, läuft mir unangenehm in den Nacken, während ich darunter herumkrauche. Ich schreie entsetzt auf, lasse auch noch den Eimer fallen und springe zurück. Dabei rutsche ich auf dem feuchten Boden aus und lande auf meinen Vier Buchstaben.
»Patrick!« Maturins Stimme ist schneidend. »Go! Out! Now!«
Ich nicke, will seinem Befehl Folge leisten, will nur noch raus hier. Doch dazu kommt es nicht mehr. Neben mir, hinter mir, vor mir... Überall Verletzte. Blut. Stöhnen. Ein furchtbarer Gestank. Alles stürmt Hammerschlag mäßig auf mich ein, ohne dass ich den Hauch einer Chance hatte, mich entsprechend DARAUF vorzubereiten.
Etwas auf einer Leinwand zu betrachten ist eine Sache. Sich aber mittendrin zu befinden, sozusagen auf Du und Du mit dem Unfassbaren zu stehen... Das ist zuviel. Ich versinke in der temporären süßen Verheißung der Bewusstlosigkeit.

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