Vierter Teil

 

„Was heißt verschwunden?“, krächzt der Alte und seine stechenden Augen scheinen aus den tiefen Höhlen seines Gesichts unnatürlich weit hervor zu treten, was ihm das Aussehen eines hungrigen Geiers verleiht.„Sie war also hier, verdammt?“ harkt Bud stoisch nach. Die Ader an seiner linken Schläfe war sichtbar angeschwollen, wie jedes Mal, wenn seine Wut die Oberhand über Verstand und Vernunft zu erringen droht. „Ja“, antwortet die Pflegerin an der Stelle ihres Patienten und zieht dabei eine Spritze auf, ohne Bud anzusehen. „Aber es ist Stunden her, dass sie wieder weg fuhr! Und zwar allein.“

Bud fährt mit einer Hand mehrmals über das kurze Haar und versucht seine Gedanken zu sammeln. „Wo ist dieser Anwalt, dieser Ferguson? Hat er mit ihr gesprochen?“ Die Frau zuckt die Schultern. „Ich denke schon. Sie war gleich nach ihrer Ankunft hier in seinem Büro, ich sah beide dort herauskommen, als ich Mister Hudson kurz allein ließ. Danach drückte er sich im Flur herum, schien nicht sehr darüber erbaut gewesen zu sein, dass Mister Hudson ihn aus dem Zimmer verbannt hatte.“ Ein spöttisches Lächeln gibt Aufschluss darüber, dass Ferguson nicht eben einen Paradeplatz im Herzen der Frau innehatte. „Ob sie später nochmals mit ihm geredet hat, kann ich nicht sagen, ich war mit meinem Patienten beschäftigt.“ Teilnahmslos nimmt Bud wahr, wie die Frau dem Alten die Injektion ins welke Fleisch seiner Hüfte stößt und verspürt den starken Drang nach einem hochprozentigen Drink. Nur mühsam unterdrückt er das Verlangen, ihn laut auszusprechen. Dafür presst er hörbar die Kiefer aufeinander und ruft sich ins Gedächtnis, wie er Lynns Wagen auf der Herfahrt, am Straßenrand vorgefunden hatte. Offener Wagenschlag, ihre Handtasche, halb geöffnet, auf dem Fahrersitz. Nichts davon hatte sie scheinbar mitgenommen. Es sah eindeutig nach einer gewaltsamen Entführung aus, ein Szenario, das er hunderte Male teilnahmslos miterlebt hatte, als er noch im Dienst war.  Auch, dass niemand etwas wusste, niemand etwas sah, ist nicht neu für ihn. Aber in dieser Gegend war das wohl auch kein Wunder! Es kotzt ihn an, dass er diesmal unmittelbar von einem solchen unliebsamen Ereignis betroffen war!

„Es hätte ja sein können, dass man sie nochmals zurückgeholt hat“, versucht er sich selbst schwach zu trösten.

„Wir hatten uns nichts mehr zu sagen“, krächzt ihr Vater, der Herrscher von Bisbee. „Verdammt, Tracy, ich krieg’ keine Luft! Dreh’ doch diese verfluchte Flasche weiter auf, oder soll ich vor Deinen Augen ersticken?“ Die Frau hantiert an dem Sauerstoffgerät und der Alte beruhigt sich in wenigen Sekunden. „Ich hätte mich vorsehen sollen“, röchelt er, ruhiger geworden. „Der verdammte Kerl hat an der Tür gelauscht! Und ich hab’ noch dazu gehofft, dass er ja jedes Wort mitkriegt! Lynn ist meine Universalerbin! Sie bekommt alles, die Sache ist geregelt.“

Als hätte Bud eine Vermutung in diese Richtung gehabt, legt er den Kopf zur Seite und fixiert den Alten gespannt. „Und Ferguson?“ Der alte Mann kichert fast lautlos: „Keinen Cent bekommt der falsche Hund! Er ist mein Halbbruder! Feiner Bruder! Hat mich von Lynn fern gehalten bis zu meinem letzten Atemzug! Das war ein Fehler! Mein Vater hat ihn nie als Sohn anerkannt. Er ist ein verdammter Bastard! Aber er ist ein ehrgeiziger Fuchs, ich hab sein Studium finanziert und dann hab’ ich von seinen juristischen Fähigkeiten profitiert. Er wurde gut dafür entlohnt! Ich hab’ ihn viel zu sehr verwöhnt! Aber Anrecht auf Erbschaft hat er nicht! Nicht, wenn ich es nicht verfüge! Es wäre genug für ihn abgefallen, aber einen John Hudson hält man nicht ungestraft Jahrelang zum Narren! Er bekommt jetzt die Rechnung präsentiert und ich habe ein diebisches Vergnügen daran, in seine himmelblauen Augen zu sehen, White, bevor ich hier den Abgang mache!“

„Sie und Ihr verdammtes Geld!“ zischt Bud erbost. „Dann hat er sich Lynn geschnappt!“ konstatiert er trocken und richtet sich kerzengerade auf. „Nein, Hudson, es war wahrhaftig keine gute Idee, ihr Vorhaben an die große Glocke zu hängen! Dabei bin ich nicht einmal davon überzeugt, ob Lynn das ganze annimmt! Sie ist stolz, müssen Sie wissen!“ Der Alte sendet einen müden aber durchdringenden Blick in Buds Richtung. „Dafür werden Sie sorgen, Mann! Sie sorgen für sie und auch dafür, dass ihr alles zukommt, wie ich es verfügt habe! Und sie beschützen sie, klar?“

„Kommt ein bisschen spät, die Einsicht und ihre Ratschläge, alter Mann! Vielleicht sogar zu spät! Eine feine Familie haben Sie da um sich gescharrt!“

„Er wird es nicht wagen!“ zischt es vom Bett her. „Doch, das wird er“, entgegnet Bud eindringlich. „Ich hoffe nur für den Mistkerl, er hat es noch nicht getan!“ Bud ignoriert die Aufforderung, ein paar Männer zur Unterstützung seiner Suche mitzunehmen. Es war seine persönliche Sache und die wollte er allein durchziehen. Er brauchte keine Hilfe, vor allem nicht von ein paar polternden Cowboys. Außerdem ist er nicht sicher, wen man hier noch trauen konnte. Er spürt die beruhigende Schwere seines Revolvers an der linken Seite seiner Rippen und macht sich auf den Weg zurück zu Lynns Wagen. Er hatte noch eine gute Stunde bis zum Sonnenuntergang. Bis dahin musste er die Spuren rundum richtig gedeutet haben und den Weg finden, den die oder der Entführer mit ihr eingeschlagen hatte. Was er am meisten fürchtet, ist, dass er unterwegs einen frischen Sandhügel bemerken könnte, der sich irgendwo zwischen Kakteen und Dornensträuchern befand und nicht so richtig in die Landschaft passte…

Während er einen Wettlauf mit dem Tageslicht ausficht und zum verlassenen Ford Lynns zurück rast, beruhigen sich seine aufgewühlten Gefühle, Zorn, Rachsucht und ähnliches allmählich. Was bleibt, ist die begründete Sorge um die Frau, die er liebt und die logische Überlegung seines zukünftigen Vorgehens. Die Spuren sind leicht für ihn zu deuten. Niemand hat sich die Mühe gemacht, sie zu verwischen. Er identifiziert die Reifenabdrücke als die eines Lieferwagens oder kleineren Lastwagens. Und, dass dieses Fahrzeug die Hauptstrasse zur Hudson Ranch ganz plötzlich verlassen hatte und quer in die Wüste davon fuhr, ist auch ganz leicht für ihn zu erkennen, trotz des harten Gesteins und knochentrockenen Sandbodens. Ein paar Stiefelabdrücke deutet er richtig als jene von zwei Männern. Lynn hochhackige Sandalen haben ebenfalls ein paar Spuren hinterlassen. Er hat keine Ahnung, was man mit ihr vorgehabt hatte und wohin man sie brachte, doch er verliert keine Zeit mit langen Überlegungen. Sein Gesichtsausdruck ist grimmig und entschlossen, als er sich verbissen auf die Spur des Wagens setzt und ihr folgt. Es ist nicht allzu schwierig, nicht vom Weg abzukommen, denn obwohl keine Strasse über diese Wüstenhügel führt, scheint sich doch eine leichte Fahrspur im Laufe der Zeit und durch seltene Benützung gebildet zu haben. Er nimmt wahr, wie der Himmel sich golden färbt, der feurige Sonnenball gefährlich nieder über den niedrigen Bergzügen im Osten steht und hofft, genügend Benzin bis zu seinem Ziel im Tank zu haben. Die Hügel ringsum nehmen eine blasslila Farbe an und er blinzelt gegen den letzten Streifen Rotglühender Sonne, bevor sie sich endgültig hinter den Weiten der steinigen Erhebungen verabschiedet. Die Dämmerung holt ihn ein, als er die einsame Tankstelle wahrnimmt, die erst als kleiner Punkt vor ihm auftaucht und sich schließlich als windschiefes Haus aus dunklen Brettern mit zwei Zapfsäulen davor entpuppt. Die Reklame des Colaschildes springt ihm rot und schreiend ins Gesicht, wirkt fehl am Platz, ja wie ein Hohn. Erst jetzt merkt er wie durstig er ist und der alte Mann, der zerzaust und mit griesgrämigem Gesicht den Tank auffüllt, würdigt ihn keines Blickes. Er bezahlt, holt sich eine lauwarme Cola aus der Hütte und fixiert den Betreiber dieses trostlosen Ortes abwartend. „Schon viel Kundschaft heute gehabt?“ fragt Bud und setzt die Flasche an, um seine ausgedörrte Kehle mit der dunklen Flüssigkeit zu benetzen. Der Alte murrt etwas Unverständliches und Bud stellt fest, dass er ziemlich betrunken sein musste. „Ein Lastwagen, mittelgroß, ist Ihnen der aufgefallen? War eine Lady dabei, groß, blond….?“ Der Alte schüttelt den Kopf. „Lady habe ich keine gesehen, was sollte die auch in dieser Einöde wollen? Ein Lastwagen? Möglich… gestern, heute, keine Ahnung, die Tage gleichen sich einer wie der andere…“

Bud nickt. „Und wohin führt diese verdammte Strasse, wenn man diese Rinne überhaupt so nennen kann?“ Der Mann schenkt Bud ein zahnloses Lächeln. „Kommt darauf an, welches Ziel man hat, Mister! Im Westen geht’s direkt nach Phoenix, im Süden nach Mexiko.“

„Wenn ich also diese Richtung beibehalte, komme ich nach Phoenix?“ will Bud ungläubig wissen. „Ja, natürlich über einen enormen Umweg!“ Er kichert. „Aber es ist eine sichere Strecke, wenn man nicht gesehen werden will. Gewisse Leute bevorzugen diese Route dem Highway!“

Bud grüsst knapp und verlässt die Stätte der Hoffnungslosigkeit. Doch ehe er den Wagen wenden kann, kommt das Fahrzeug des Sheriffs neben dem seinen zum Stehen.  Er hatte nicht darauf geachtet, dass sich noch jemand anscheinend auf die Suche gemacht hatte, wonach auch immer. Der feiste, alternde Polizeichef streckt seinen Kopf durch das offene Fenster und bedeutet Bud, zu warten. Bud macht sich nicht die Mühe aus dem Wagen zu steigen, blickt erwartungsvoll, doch mit unbeweglicher Miene auf den Sheriff, und kann es sich nicht verkneifen, beinahe unwillig zu murren: „Ich hab’s eilig Sheriff. Ich glaube nicht, dass wir uns etwas zu sagen haben!“

„Mir egal, White! Sie sind ein hoffnungsloser Dickschädel! Ich wurde von Mister Hudson über die Geschehnisse informiert! Konnten Sie uns nicht einfach rufen und warten, damit wir das gemeinsam durchziehen?“ Bud schickt dem Hilfssheriff, der neben seinem Chef sitzt und den Wagen lenkt, einen feindseligen Blick zu.  „Ich denke, ihr Mann da, hat sich klar genug ausgedrückt! Warum werde ich das Gefühl nicht los, dass sie nur Schiss vor Hudson haben, aber Lynn jedem einzelnen in dieser verdammten Stadt völlig egal ist?“ Er vernimmt das Heulen eines einzelnen Kojoten, der seine Worte zu bestätigen scheint, bevor er den Wagen startet und besorgt den immer dunkler werdenden Himmel betrachtet. 

„Ich hab Erkundigungen über Ferguson eingezogen, Mister!“ lässt der Sheriff sich nicht von Buds Einwand beirren. „Er ist kein unbeschriebenes Blatt, müssen Sie wissen. Hat die Steuerbehörde auf den Fersen und auch der FBI interessiert sich für ihn. Steckt in einer Menge illegaler Geschäfte, hat man mir verraten! Sie haben ihn seit langem im Visier! Warten nur mehr darauf, in bei einer seiner unseligen Taten zu erwischen. Vielleicht können wir dem ja jetzt nachhelfen! Ferguson ist nicht einmal sein richtiger Name! Er ist ein lausiger mexikanischer Bastard, wussten Sie das?  Ich hab die Federals von dem Verdacht einer gewaltsamen Entführung ihrer Freundin in Kenntnis gesetzt. Sie wollten gleich jemanden schicken“. 

„Ich habe keine Zeit mich mit Ihnen zu unterhalten Mann!“ gibt Bud grimmig zurück.  „Sie sollten an ihren Schreibtisch zurückkehren und mich meinen Job alleine machen lassen. Ich glaube nicht, dass sie von großer Hilfe für mich sein können. Also, dann….“ Er wartet die Antwort des verblüfften Gesetzesmann nicht ab und fährt hinaus in die Wüste. Fast bedrohlich senkt sich die Dunkelheit übers Land, doch die starken Scheinwerfer seines Fahrzeugs weisen ihm den Weg, als selbst der letzte Schimmer des Tages endgültig verblasst ist, und er kommt zügig voran. Von Zeit zu Zeit wirft er einen Blick in den Rückspiegel und ebenfalls von Zeit zu Zeit kann er zwei schwache Punkte ausnehmen, die darauf hinweisen, dass der Sheriff ihm die Vorhut nur zu gerne überlässt. Er ist froh, dass der Alte sich nicht als ehrgeiziger Mann der Situation aufspielen will. Anscheinend war er doch nur ein Mann, der genug gesehen und erlebt hat, um mit Köpfchen vorzugehen und seine Schritte abzuwägen. Einer, der in Ruhe alt werden wollte und den Jüngeren seinen Platz, und die Arbeit, die seine Stellung mit sich brachte,  überließ. Dieser Gedanke stimmt ihn wieder etwas friedfertiger und er hofft, dass der Sheriff und sein Gehilfe, dieser impertinente Idiot, dem er nur zu gern eine Lektion mit seinen Fäusten verpasst hätte, ihren Abstand beibehalten würden. Möglicherweise war das, was er für Schlauheit seitens des Sheriffs hielt, auch nur Feigheit vor dem, was sie erwartete. Dass Ferguson, oder wie immer dieses Aas auch heißen mochte, nicht nur im gelben Staub vor der Ranch hockte, hatte er ohnehin vermutet. Aber das Ableben des alten Hudson hatte sich dieser Bastard ja denn doch nicht entgehen lassen wollen. Und da waren noch die Millionen, die der alte Mann nicht herausrücken wollte…. Dass die Aufforderungen, die Stadt zu verlassen vom Halbbruder des Alten kamen, stand ja nun außer Zweifel. Doch er wollte sich nicht weiter den Kopf darüber zerbrechen. Wichtig war, dass er keine Minute verlor und so rasch wie möglich auf Lynn traf und diejenigen, die nichts Christliches mit ihr vorzuhaben schienen. Wenn seine Berechnungen stimmten, hatten Lynns Entführer zwei, maximal drei Stunden Vorsprung. Nachts konnten auch sie in der Wüste keine großartigen Taten vollbringen, außer natürlich, ein tiefes Loch zu graben…. Doch auch das würde eine Weile dauern, bis man den knochenharten Boden, diese Wüste, mit Steinen durchsetzt, bearbeitete. Sein Fuß liegt bei diesem Gedanken schwer auf dem Gaspedal und er hat keine Ahnung, wie er vorgehen würde, nachdem er nicht ahnen kann, wo und wie er auf die Kerle mit Lynn treffen würde. Das entfernte Kojotengeheul dringt kaum an sein Ohr, übertönt vom Motorenlärm seines Wagens. Es wird eine dunkle Nacht, es ist fast Neumond und er denkt, das ist gut so. Seine Augen sind daran gewöhnt, sich auch in der Schwärze der Nacht zurecht zu finden. Seine nächtlichen Einsätze, als er noch beim LAPD war, gingen in die tausende, und er hatte gelernt, sich die Vorteile der Dunkelheit zum Vorteil zu machen. Bud atmet die warme Nachtluft ein, die durch die offenen Wagenfenster strömt und runzelt die Stirn, während er versucht, einen klaren Kopf zu bekommen und die Begierde nach einem Glas Gin zu unterdrücken. Einen kräftigen Schluck könnte er allerdings jetzt gut gebrauchen….

In dieser unendlichen Weite  scheint es außer Skorpionen, Schlangen und Kojoten, nicht zu vergessen, die ewig lauernden Geier, keine anderen Bewohner zu geben, und doch…eben als er auf einer Erhöhung eines Hügelgrates entlang fährt, vermeint er, ein schwaches Licht am Horizont zu erkennen. Sofort schaltet er die Scheinwerfer aus, ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln. Seine Augen tränen vor Anstrengung und er blinzelt. Doch das Licht bleibt, wird ausnehmbarer und deutlicher. Es scheint, ein Stern wäre vom Himmel gefallen, um ihm den Weg zu weisen. Ein Stern der Vorsehung, der wahrscheinlich nur eine Laterne vor irgendeinem Haus war. Er hofft, dass es der Unterschlupf ist, in dem man Lynn festhielt. Es konnte natürlich auch eine Lampe sein, die einer hielt, damit der andere beim Graben genug Licht hatte…

Ein Blick in den Rückspiegel zeigt ihm, dass sein Abstand zum Wagen des Sheriffs und seines Begleiters ziemlich groß sein musste, denn die Wüste hinter ihm bleibt dunkel. Er atmet erleichtert auf. Sich die Sache in letzter Minute vermasseln zu lassen, wäre zu dumm gewesen. Ehrlich gesagt, hielt er den Sheriff und seinen Mann nicht für eben brauchbar in einer heiklen Angelegenheit wie dieser. Den Streit von Farmern zu schlichten oder ein paar Kupfergräber, die einen über den Durst getrunken hatten, festzunehmen, das war eine andere Sache, als Entführung oder Mordabsichten. Es ging immerhin um nicht weniger als Lynns Leben! Während der leuchtende Punkt, der ihn anzieht wie ein Magnet, langsam näher kommt, tauchen hinter seinem geistigen Auge die gemeinsamen Erinnerungen mit Lynn auf und laufen ab, wie ein Film, den man mit erhöhter Geschwindigkeit vor ihm abspult. Und ihm wird klar, dass er nicht mehr an seinem Scheißleben ohne sie interessiert war. Nicht hier, und auch nicht anderswo. Wut und Verzweiflung, dass er vielleicht zu spät kommen könnte, treiben ihm kalte Schweißperlen auf die Stirn, die er unwillig mit dem Ärmel seines Rockes weg wischt. Dann kommen die Selbstvorwürfe. Er hatte den Drohungen nicht genug Beachtung geschenkt, hatte die Nachforschungen die er anstellen wollte hinaus gezogen, weil sein Glaube an einen bösen Scherz, das ihm sonst von Natur aus anhaftende Gespür für Gefahr betäubt hatte. Er hatte einen großen Fehler gemacht. Selbst in einem Scheißloch wie Bisbee konnte es Verbrechen der schlimmsten Art geben, Korruption, Mord, Betrug.

Als er etwa hundert Meter von der Lichtquelle entfernt ankommt, macht er den Motor aus und lässt den Wagen ausrollen. Kein Geräusch dringt an sein Ohr, die Nacht ist still, als hielte sie den Atem an. Geräuschlos verlässt er sein Auto und zieht die Waffe, während er sich geduckt, da es kaum Deckung für ihn gibt, dem Licht nähert. Die Umrisse eines Hauses werden sichtbar. Das Licht kommt aus einem Fenster des Untergeschosses. Er pirscht sich geräuschlos heran, genug, um zu erkennen, dass es sich bei dem halbverfallenen Haus um ein ehemaliges Farmgebäude handeln musste. Dann entdeckt der den klobigen Schatten des Lieferwagens. Er nimmt die Barrieren einer Koppel wahr, die nur mehr teilweise besteht. Ein paar morsche Holzbarren liegen kreuz und quer im steinigen Sand und er wäre fast über einen davon gestolpert. Er unterdrückt einen Fluch, gerade noch rechtzeitig, denn nun kann er das Gelächter zweier Männer vernehmen und entdeckt ihre grauen Schatten, die auf dem Holzsteg vor dem Eingang herum lungern. Zwei Mann. Aber er hat keine Ahnung, wie viel von dem Gesindel sich noch im Inneren des windschiefen Hauses aufhält. Seine Gedanken rasen. Die Erleichterung, die Halunken noch vor ihrer Weiterfahrt oder unberechenbaren Vorgehens aufgespürt zu haben, lässt sein Herz wie wild schlagen. Bud versucht, kühlen Kopf zu bewahren und nicht gleich wie ein Verrückter das Haus zu stürmen. Er nimmt an, dass die beiden als Aufpasser von Ferguson draußen abgestellt worden sind. Demnach befand der sich mit Lynn im Haus. Eine dunkle Ahnung durchfährt ihn wie ein eisiger Hauch. Und was, wenn Ferguson allein mit Lynn weitergefahren war? Er hatte kein anderes Fahrzeug als diesen Kastenwagen entdecken können und kann nur hoffen, dass dieses sich auf der rückwärtigen Seite des Hauses befand. Doch um sich davon zu überzeugen, müsste er an den beiden, wie er auf Grund ihres albernen Kichern annimmt, betrunkenen Ganoven, vorbei kommen. Er hatte ohnehin keine Wahl. Er musste in das Haus, wenn möglich ohne dabei bemerkt zu werden. Es lag nahe, vorher die beiden auszuschalten. Der Zufall kommt ihm zu Hilfe, während er seine Überlegungen, hinter einem Dornenstrauch kauernd, diesbezüglich anstellt. Er ist den beiden mittlerweile so nahe gekommen, dass er ihre nicht eben leise Unterhaltung, wenn man das blöde Gequatsche, das sie von sich geben, so nennen kann.

„Ich hol mal Nachschub!“ vernimmt er, und gleich darauf erhebt sich einer der beiden und poltert wankend in Richtung Lastwagen davon. Bud duckt sich und als die Dunkelheit den Mann verschlingt, zögert er nicht länger und hechtet fast geräuschlos auf den Verbleibenden von der Seite her zu. Bevor der überhaupt beurteilen kann, dass es sich nicht um seinen Kollegen, sondern einen Fremden, der nichts wirklich Gutes mit ihm vor hat handelt, streckt ein Faustschlag ihn zu Boden, dem kein zweiter nachzufolgen braucht. Buds Fäuste sind wie schwingende Ambosse und er hat die ganze Kraft der Verzweiflung in seinen gezielten Schlag gelegt. Der Mann sackt lautlos zur Seite. Bud wendet sich dem erleuchteten Fenster zu, doch die Scheiben sind vor Schmutz so blind und verdreckte Gardinen verwehren die letzte Chance, einen Blick ins Innere zu werfen. Er zieht den bewusstlosen Mann in den Schatten der Veranda, ein Stück um die Ecke, schnappt sich den Hut des Betäubten und knotzt sich wie dieser zuvor in den Schatten des Platzes, an dem gerade noch der eine Halunke auf eine volle Flasche Fusel gewartet hatte. Gerade im rechten Moment, denn der Komplize schlurft lässig näher, seine Gestalt schält sich nach und nach aus der absoluten Dunkelheit.

„Es ist die letzte, Kumpel! Gut, das wir morgen abhauen können, bevor wir hier vor Durst verrecken!“ vertraut er seinem vermeintlichen Partner an, und entkorkt mit den Zähnen die Schnapsflasche in seiner Hand, bevor er sie an seine Lippen setzt und das Gesöff gurgelnd durch die Kehle rinnen lässt. Diese Gelegenheit nutzt Bud, um dem Mann seine Faust direkt auf die Kinnspitze, die ihm so herrlich und einladend dargeboten wird, zu hämmern, sodass der Mann, den Flaschenhals in weit in den Rachen gestoßen, mit einem ächzenden Laut nach hinten fällt. Bud hält ihn mit der freien Hand blitzschnell an der Kleidung vor seiner Brust fest, damit der polternde Laut, den der bewusstlose Kerl beim Fallen verursacht hätte, dadurch etwas abgedämpft wird. Die Flasche jedoch fällt klirrend auf die Planken, wo sie zerschellt. Bud stößt einen gedachten Fluch aus und verharrt still, abwartend, in die Dunkelheit lauschend. Keinerlei Reaktion kommt aus dem Haus. Der Zweifel, man könnte Lynn längst davon gebracht haben, steigt erneut in ihm hoch und er atmet tief durch, um seine Anspannung in den Griff zu bekommen. Er nähert sich der Eingangstür, lauscht wieder und drückt sie dann vorsichtig auf. Sie knarrt fast kaum wahrnehmbar und der schwache Lichtschein des Inneren wirft einen schmalen Streifen Helligkeit auf seine Gestalt. Das herunter gekommene Zimmer, vermeintlich einmal der Wohnsalon, scheint vollkommen leer zu sein. Mit gezogener Waffe schiebt er sich in den Raum.

„Es naht der heldenhafte Befreier auf leisen Sohlen“, vernimmt er die spöttelnde Stimme des Mannes, der sich Ferguson nennt. Sein Schatten und der Lynns, die die drohende Schneide eines Messers, das Ferguson an ihre Kehle gesetzt hatte erdulden muss, treten aus der linken Ecke des Raumes. Fergusons Gesicht zeigt Kälte und Wachsamkeit. Sein freier Arm schiebt Lynn, deren Hände am Rücken zusammengebunden sind, fest an sich gepresst vor sich her. „Nicht doch, White“, mahnt er seinen Gegner, der nicht weiß, ob er aufatmen soll, Lynn gesund vor sich zu sehen oder besorgt, angesichts Fergusons Entschlossenheit, der alles auf eine Karte setzt, weil er sonst keinen Trumpf mehr im Ärmel hat.

„Lass sie frei, Ferguson!“ Buds Stimme klingt ruhig und gefährlich. „Machen wir das unter uns aus, wie Männer!“ Ferguson lacht belustigt, doch Bud kann den Unterton von verhaltener Furcht, die leicht in gefährliche Panik umschlagen könnte, sehr wohl heraus hören.

„Das meinst Du doch nicht im Ernst, Cop!“ antwortet er, wieder ernst geworden. „Dieses Goldhühnchen ist die beste Geldanlage die ich je in diesem kriecherischen Leben vor Hudson hatte! Du hast Deine Chance gehabt, White! Wärst Du mit dem Schätzchen gleich verschwunden, als ich Dich warnte zu bleiben, stünden wir uns jetzt nicht als Feinde gegenüber. Dass es jetzt zu spät ist für Verhandlungen oder Kompromisse, müsste selbst das Spatzenhirn eines Bullen begreifen. Genug gequatscht Mann! Du lässt jetzt Deinen verdammten Revolver fallen und stößt ihn mit der Spitze Deines Schuhs weit von Dir, in meine Richtung! Und keine dummen Tricks!  Das Messer ist scharf genug, um diesen zarten Hals im Bruchteil einer Sekunde zu durchtrennen, klar?“

Buds Gesichtsmuskeln zucken fast unmerklich, doch er tut, wie man ihn geheißen. Er blickt in Lynns flehende Augen, in denen die Ausweglosigkeit, in der sie sich beide befanden, geschrieben steht. Ihr Blick ist gehetzt, angstvoll, und ihr blondes Haar zerrauft und struppig.

„Tu was er sagt, Bud! Ich pfeife auf das Geld! Ich unterschreibe ihm seine verdammte Verzichtserklärung und wir verschwinden von hier!“

Das klang so einfach, so unkompliziert. Doch Bud weiß, dass es längst zu spät war, um der Sache einen so simplen Abschluss zu verpassen. Ferguson würde sie nicht gehen lassen. Jetzt nicht mehr! Er war kein Idiot und wusste, Bud würde nicht einfach von dannen ziehen und ihn ungeschoren Geld und Macht genießen lassen, den Reichtum verprassen, der eigentlich Lynn zustand. Er würde keine Zeugen dulden, keinen, der ihm den FBI auf den Hals hetzen konnte oder einen privaten Rachefeldzug startete. Er ringt sich ein Lächeln ab.

„Ist das alles?“ richtet er seine Frage nicht an Lynn, sondern an Ferguson. Sein Blick wird von dem Blutstropfen, der aus Lynns geritzter Haut hervordringt, angezogen und er verfolgt hypnotisiert dessen Lauf den schlanken, weißen Hals abwärts. Lynn hat schmerzhaft das Gesicht verzogen und schließt die Augen. Lass ihn gehen“, bittet sie ihren Peiniger stockend leise. „Er hat nichts mit der Sache zu tun. Ich bin zu allem bereit, wenn Du ihn gehen lässt, jetzt, sofort!“ wird Lynns Stimme bestimmter und Bud spürt, wie ernst sie es meint. Doch sie sollte wissen, dass das für ihn nicht in Frage kam und gerade deshalb schickt sie einen flehenden Blick zu Bud, er möge auf alles einsteigen, was ihn außer Gefahr brachte.

Bud kommt zu keiner Erwiderung, einer der Männer hat sich stöhnend auf die Beine gerappelt und wankt durch die offen stehende Tür. Als er blinzelnd die Situation erfasst, verfärbt sich seine Gesicht rot vor Wut. Aus seinem Mund tropft Blut, die Flasche, die in seinem Rachen steckte, als Bud ihn niederschlug, hat ihn verletzt und er spuckt Bud geradewegs vor die Füße „Scheissbulle!“ zischt er und macht einen drohenden Schritt ins Buds Richtung.

„Heb seine Knarre auf, besoffener Idiot!“ herrscht Ferguson ihn an. „Nennt ihr das Wache schieben? Lässt Euch von einem einzelnen Mann überwältigen wie zwei Schwachsinnige! Behalte den Cop im Visier.

Ich hab’ keine Zeit zu bleiben! Ich weiß nicht, wen Hudson mir sonst noch auf die Fersen geschickt hat. Die Lady und ich hauen ab. Wir treffen uns, ihr wisst wo! Krieg Deinen Kumpel wach und haltet White hier fest. Ihr wisst, was ihr zu tun habt. Zurück White!“ Ferguson drängt Lynn, deren verzweifelter Gesichtsausdruck keineswegs vorgetäuscht ist, zur Tür.

„Du verstehst, White, dass keine Zeit für melodramatische Abschiedsszenen bleibt!“ Der Spott hat die angehende Furcht aus der Stimme des Mannes verbannt. Jetzt, wo er erneut auf die Hilfe seiner Männer zählen konnte, fühlte er sich ganz Herr der Lage. Lynn stemmt sich verzweifelt, jedoch umsonst gegen den Mann, der sie beharrlich vor sich her schiebt. Buds Gesicht ist vor Wut und Ohnmacht verzerrt. Trotz der Pistole, die auf ihn gerichtet ist, macht er einen verzweifelten, blitzschnellen Satz auf Ferguson zu und packt seinen Arm, der das Messer an Lynns Kehle gedrückt hält. Von dem Angriff überrascht, taumelt Ferguson nach rückwärts und der Mann mit Buds Pistole überlegt noch, was er tun soll. „Lauf Lynn“, befiehlt Bud eindringlich.

„Der Sheriff ist auf dem Weg hierher!“ Ein Stöhnen von draußen zeigt an, dass auch der zweite Halunke aufzuwachen scheint. Lynn blickt gehetzt von einem Mann zum anderen, dann wendet sie sich der Tür zu und läuft hinaus. „Du Idiot, tu endlich was!“ herrscht Ferguson den ratlosen, bewaffneten Mann an, der dümmlich da steht und nicht zu schießen wagt. Bud konnte Ferguson das Messer entwenden und versucht, beide Hände um seine Kehle zu legen, um ihn auszuschalten. Er rast vor Wut. Das Letzte, was Bud noch sehen kann, ist, dass seine sich wehrende, jedoch immer noch gefesselte Geliebte, von dem erwachten Kerl, der draußen auf der Veranda lag, unsanft zurück in den Raum geschoben wird. Dann trifft ihn der Kolben seiner eigenen Waffe hart am Kopf. Bevor er endgültig in die Knie geht und es Nacht um ihn herum wird, folgt ein weiterer, schmerzhafter Hieb in seinen Nacken und er hat keine Möglichkeit mehr sich zu wehren und versinkt in tiefe Ohnmacht, als seine Gestalt auf den Boden sackt.

 

*****

 

Der beißende Rauch und der Gestank von Benzin wecken seine Sinne, und er beginnt zu husten. Er versucht sich zu bewegen, der drohenden Gefahr zu entkommen, doch seine Glieder sind an einem Stuhl festgezurrt, und sein Kopf fühlt sich an, als wäre er unter eine Dampfwalze gekommen. Mühsam nur öffnet er die Augen und sieht sich züngelnden Flammen gegenüber die das alte Zeug enorm rasch erfassen und es wie Fackeln brennen lassen. Tapeten, Vorhänge, und auch das alte Sofa brennen bereits lichterloh. Schlagartig kehrt sein Bewusstsein zurück, die Erinnerung und auch die Erkenntnis, dass er so gut wie keine Chance hat, sich aus dem Haus, das man mit Benzin übergossen hat und angezündet, zu entkommen. Während er wie verrückt an den Fesseln zerrt, muss er sich eingestehen, dass er wie ein blutiger Anfänger gehandelt hatte. Voran getrieben von der Sorge um Lynn und seiner Wut, es Ferguson heimzuzahlen. Im Alleingang den großen Helden zu spielen war mehr als nur naiv, es war idiotisch und blöde. Arrogant und lächerlich! Trotzdem findet er, dass es ein zu hoher Preis war, den das Schicksal ihm für den groben Fehler abverlangte. Sein Leben im Feuer zu verlieren, war alles andere als ein angemessener Tod, den er sich wünschte! Eigentlich hatte er sich gar nie etwas Schlimmeres als das hier vorstellen können. Mit der Kraft der Verzweiflung steht er gebückt auf, den angebundenen Stuhl im Rücken, und er versucht mit kleinen Sprüngen die Tür zu erreichen. Natürlich ist sie verschlossen. In dieser Position kann er nicht dagegen treten. Er hustet erneut, versucht, so wenig wie möglich zu atmen. Wenn die Rauchgase erst einmal seine Lungen ausfüllen, ist er ohnehin verloren. In seinem Rücken klirren die ersten Fenster, die unter der sengenden Hitze in tausend Stücke zerspringen. Eine Glasscherbe davon trifft seine Wange. Doch er spürt unter dem warmen Schweiß, der in Strömen aus seinen Poren dringt, den dünnen Blutsfaden, der aus der kleinen Wunde dringt, kaum. Wo blieb der verdammte Sheriff? War er tatsächlich umgekehrt, aus Bequemlichkeit und weil er  keine Lust hatte, einem griesgrämigen Mann hinterher zu fahren, der seinerseits einem Phantom nach jagte, von dem er nicht einmal genau wusste, wohin es sich gewendet hatte? Fast bereut er, sich schroff und arrogant dem Gesetzesmann gegenüber verhalten zu haben. Sein Temperament spielte ihm oft böse Streiche. Wie jetzt! Vielleicht zum letzten Male…

Vor Wut brüllend stemmt er den Rücken samt Sessel gegen die Tür. Das morsche Ding musste doch nachgeben! Er tritt einen Schritt nach vorne und lässt sich mit aller Wucht gegen die Tür fallen, sodass der an ihn gefesselte Holzstuhl zerbirst, die Tür jedoch nicht nachgibt. Trotzdem bleiben seine Hände gebunden, doch aus den sich gelockerten Fesseln der Beine kann er sich befreien, was er in fieberhafter Eile tut. Er spürt, wie er kaum noch Luft bekommt, hustet, würgt und rammt nun mit der letzten verzweifelten Kraft seine Schulter gegen die Tür. Doch es rührt sich nichts und er muss annehmen, dass man sie von draußen mit irgendetwas verspießt hatte. Wie lange war er bewusstlos gewesen? Lang genug jedenfalls, um den Kerlen einen gemütlichen Abgang zu gewähren, und ihre Vorbereitungen zum Feuerlegen nicht zu beeinträchtigen. Seine Schulter schmerzt und er kämpft verzweifelt gegen die Ohnmacht an. Ein letzter verzweifelter Versuch, lässt ihn alles auf eine Karte setzen. Das zersplitterte Fenster ist seine letzte Chance. Doch rundum züngeln die Flammen bereits im ganzen Raum. Der Benzinqualm lässt seine Augen tränen, er blinzelt und dann wirft er sich in die Feuerbrunst und wagt einen Hechtsprung aus dem Fenster. Der brennende Atem der Flammen greift nach seiner Kleidung, und dann ist er draußen. Hustend und mit schmerzenden Gliedern bleibt er liegen. Wenn er sich nicht sofort aufrappelte und außer Reichweite des Feuers brachte, würde er auch hier umkommen, denn das Haus würde in einem letzten gleißenden Aufbäumen in sich zusammensinken und alles rundum mit verbrennen. Er stöhnt und ringt nach Luft, bevor er sich auf die Knie rappeln kann und begierig die Nachtluft in seine Lungen zieht. Als erstes sieht er das Blaulicht des Polizeiwagens, erst dann vernimmt er dessen Sirene, die von dem donnernden Feuerfraß übertönt wurde. Es gab also noch Wunder! Der Sheriff war nicht abgehauen! Er nimmt ein weiteres Fahrzeug wahr, eine dunkle Limousine. In eigener Entfernung machen die Autos halt und er sieht die Schatten von mehreren Männern aus dem Fond steigen und auf ihn zu laufen. Er sinkt auf seine Fersen zurück und blickt ihnen schwer atmend entgegen.

„Alles okay, White?“ Der Sheriff selbst hat sich schwerfällig aus dem Wagen bemüht und hilft White mit einem weiteren Mann auf die Beine zu kommen.

„Sieht man doch, oder?“ versucht Bud ein Grinsen, was aber nur zu einer kläglichen Grimasse gereicht.

Seine Handfesseln werden zertrennt und man schleppt ihn mehr, als dass er alleine gehen kann, von dem Feuerherd weg in Sicherheit. Er bewegt seine steifen Finger, wischt mit dem Ärmel seines angesengten Rockens über das schweißnasse, blutende Gesicht und bekommt nach und nach endlich genügend Luft, um zu einer normalen Atmung zurückzufinden.

„Das war knapp!“ vernimmt der die Stimme des Sheriffs an seiner Seite, als man den schweren Mann, der er ist, gegen den Wagenschlag seines Dienstautos lehnt.

„FBI! Ich bin Agent Jeff Aldrich!“ stellt der zweite Mann, der ihn aus der Nähe des brennenden Hauses weg gezogen hatte sich vor.

Bud blickt den Jüngeren von der Seite her an. „Sie waren aber ganz schön schnell“, murmelt Bud, nicht ohne Anerkennung. Der Mann mit dunklem, kurzen Haar grinst: „Wir haben unsere Mittel!“

„Und die sind absolut zuverlässig, wie ich erleichtert feststellen konnte!“ gibt Bud zu. Man reicht ihm Wasser und er trinkt dankbar und in großen Schlucken. „Was ist mit Lynn?“ will er atemlos wissen.

„Alles geregelt!“ gibt der Agent zu. „Sie ist auf dem Weg nach Phoenix. Wir sind nicht mal eine Stunde von der Stadt entfernt. Wir bringen Sie zu ihr, Arizona Clubhotel. Zwei meiner Männer begleiten sie. Wir haben ihr nicht gestattet, mit zukommen! Sie verstehen, White…“

Er nickt erleichtert. Schließlich konnten die Leute nicht wissen, was sie und ob sie Bud lebend noch vorfinden würden. „Ich habe ihr versprochen, sie heil zurück zu bringen“, fährt der FBI-Mann fort. „Ich gebe zu, das war ein voreiliges Versprechen...“

„Allerdings“ muss Bud zugeben.

„Sie sollten ins Krankenhaus, und sich verarzten lassen“. Bud schüttelt abwehrend den Kopf und fährt mit der Fingerkuppe über seine Wange. „Ist nur ein Kratzer.“ „Aber Sie haben viel Rauch geschluckt!“ „Mir geht’s bestens“, wehrt er ab und fügt hinzu: „Und Ferguson?“

„Erschossen“, ist die Antwort, die Bud mehr als nur aufatmen lässt. Also keinen Stress mehr mit dem geldgeilen Typen! „Wir haben ihnen eine Falle gestellt, sie abgefangen und Lynn herausgeholt“. Das klang unverschämt einfach, muss Bud sich eingestehen.

„Ferguson wollte sich nicht ergeben, wie seine beiden Handlanger es taten. Er hat das Feuer auf meine Männer und mich eröffnet. Wahrscheinlich hat er es sogar darauf angelegt, besser zu sterben, als sein Leben im Gefängnis zu verbringen. Seine Lage war aussichtslos. Manchmal ist der Tod ein willkommenes Geschenk. Vor allem für einen Mann wie Ferguson, alias Martinez, der an Luxus und gutes Leben gewöhnt ist.“

„Das mag stimmen, Agent Aldrich!“ Alle Rachegefühle und selbst die Wut im Bauch sind mit einem Mal schlagartig verschwunden. „Ist sicher besser so!“ Der Angesprochene nickt und die brennende Säule, die vom Haus auf in den Nachthimmel steigt, prasselt und zischt, bevor der ganze Bau in sich selbst zusammen fällt.

„Ich denke, wir können fahren“, wendet sich Aldrich an seine Männer. „Hier ist sowieso nichts mehr zu finden!“

Bevor sie gemeinsam in die Limousine steigen, reicht der Sheriff ihm seinen 38ger Colt. „Ich glaube, der gehört Ihnen, White!“ Bud nickt.

„Danke, Sheriff!“ Er verstaut die Waffe in seinem Schulterhalfter. Er zögert, bevor er bestimmt hinzufügt: „Und nichts für ungut! War nicht persönlich gemeint!“ Der alte Mann winkt ab. „Schon gut, Sohn! Ich war in meiner Jugend der gleiche Hitzkopf wie Sie!“ Er zwinkert und wendet sich um. Die Fahrt zurück nach Bisbee war lange. Erst im Morgengrauen würde er zur wohlverdienten Ruhe kommen.

Auf der Fahrt nach Phoenix erfährt Bud Einzelheiten über Lynns Befreiung und die Ergreifung der Bande. Egal, wie Lynn sich auch entschieden hätte, auch die Leute vom FBI sind der Meinung, dass Martinez, oder wie immer dieser Ferguson in Wahrheit hieß, Lynn verschwinden hätte lassen, sobald er erreicht hatte was er wollte. Ein Unfall konnte so rasch und unvorhersehbar passieren….

 

*****

Als Lynn am Sterbebett ihres Vaters steht, empfindet sie nur mehr tiefe Trauer. Nicht darüber, dass der alte Mann dabei war, sein Leben auszuhauchen, denn es war lang gewesen und er hatte es in vollen Zügen genossen, sondern darüber, dass ihr nie die Möglichkeit vergönnt wurde, ihn näher kennen zu lernen. Sie hatte ihm vergeben. Sein Halbbruder trug die Schuld mit, dass sie sich nicht eher begegnet waren. Schicksal, Fügung oder einfach nur die zufälligen Umstände? Wer konnte das schon beantworten? Ganz schlecht bis ins Mark konnte er nicht gewesen sein, ihr Vater, sagt ihr Herz. In jedem Menschen steckt ein wenig Gutes, oft nur ein winziger Teil von Güte oder Einsicht, Mitleid oder Liebe. Sie würde nun nie mehr erfahren, ob sie mit ihrem Glauben an die Menschheit richtig lag.

Bud wartet im Foyer auf sie. In seiner Hand hält er ein Glas und nippt daran. Sein erstes, an diesem denkwürdigen Tag. Es sollte auch das letzte bleiben. Er hatte es nicht mehr nötig seine Langeweile und seinen Unmut im Alkohol zu ertränken. Sie würden hier weg gehen, in ein paar Tagen, sobald John Hudson beerdigt war und sie den Notar aufgesucht hatten. Lynn hatte beschlossen, das Vermögen ihres Vaters anzunehmen. Und dann wollten sie sich eine Zukunft in Florida aufbauen. Zurück dorthin, wo man noch spürte, dass man lebendig war. Mal sehen. Aldrich hatte durchblicken lassen, dass es einen freien Platz für ihn beim FBI gäbe. Lynn war weniger begeistert davon. Sie war eher an Buds Idee interessiert, eine Privatdetektei zu gründen. Weniger gefährlich, weniger aufregend. Dass Bud niemals den müßigen Prinzgemahl an ihrer Seite mimen würde, das war ihr vollkommen klar. Ein Mann brauchte Aufgaben, Herausforderungen, Ziele und Erfolge. Sie würde ihn dabei unterstützen und er, alle Möglichkeiten in Erwägung ziehen und sich auf sein Gefühl verlassen, bevor er sich entschied.

Das Gespräch, das er mit dem alten Hudson vorhin unter vier Augen geführt hatte, war kurz gewesen, aber eindringlich. Aller Spott, aller Zynismus hatte den Mann verlassen, der um seine letzten Atemzüge rang. Es war nicht schwierig gewesen, den Schwur, den er Bud abverlangte, zu leisten. Lynn nicht im Stich zu lassen, über sie zu wachen und ihr die Treue zu halten. Wahrscheinlich war es eine Ehre, von Hudson als berufen auserkoren zu werden, seine Tochter auch weiterhin durchs Leben zu begleiten. Lynn würde eine reiche, sehr reiche Frau sein. Man würde sie umschmeicheln und täuschen. Doch er war da. Er würde immer ein Auge auf die Leute, die sie umflatterten wie Motten das Licht, haben. Ein wachsames Auge, ein kritisches. Auch wenn Lynn eine Frau war, die das Leben bereits geprägt hatte, die Schatten vom Licht sehr wohl unterscheiden konnte und nicht so leicht zu täuschen war…

Als sie die Treppe herunterkommt, versteht er. Hudson war tot. Das lautlose Hin-und Herhasten der Bediensteten war Teil der Situation. Die Pflegerin drückt sich an die Wand des Korridors und weint tatsächlich stumm vor sich hin.

„Ich habe ihn dazu überreden können, sein Gewissen zu erleichtern“, sagt Lynn leise. „Der Pater hat ihm die letzte Ölung gegeben.“ Das schien ihr wichtig zu sein und Bud nickt.

„Morgen früh wird er begraben.“

„Was geschieht mit dem Haus?“ Lynn hebt ihr Gesicht zu ihm empor und schlingt ihre Arme um seine Mitte. „Ich werde es der Stadt schenken. Es soll als Stiftung, die den Namen meiner Mutter tragen soll, ein Altenheim werden. Es gibt so viele ruinierte Menschen in der Stadt, die alles verloren haben, als sie kein Kupfer mehr fanden, und die sollen hier einen angenehmen Lebensabend verbringen können.“

Sie hatte bereits an alles gedacht. Er bewundert sie ein Mal mehr. Er küsst ihre Stirn, bevor er sie fragt: „Und Du bereust es nicht, von hier weg zu gehen?“

Sie schüttelt den Kopf. „Ich habe niemandem mehr etwas zu beweisen, Bud! Ich bin fertig mit den Leuten hier und ich habe meine Vergangenheit gefunden, die ich heute abschließen kann. Lass uns von hier verschwinden!“ Er nimmt ihr Gesicht in seine großen Hände und küsst sie zart auf den Mund. Der Gedanke, sie fast für immer verloren zu haben, lässt einen Anflug von Verzweiflung in ihm hoch kommen, den er aber sofort und energisch von sich weist.

„Ja“, sagt er leise, und sie spürt die emotionelle Bewegung in seiner Stimme. „Lass uns gehen!“

 

ENDE

 

 

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