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Als ich wieder zu mir komme, lehne ich an der Seitenwand. Jemand hat mich wohl aus dem Weg geräumt und als unbedenklich erst mal dort abgestellt. Das Erlebte bahnt sich vollends einen Weg in mein Gehirn. So als würde jemand ein Album umblättern, taucht ein Bild nach dem anderen auf. Schock. Ich ziehe die Knie ans Kinn und fange an zu weinen, zittere unkontrolliert.
Eine Hand berührt mich vorsichtig an der Schulter. Ich sehe auf, schniefe, wische mir mit dem Handrücken über die triefende Nase. Es ist wieder der kleine Mann. Das Gesicht kenne ich. Ich krame angestrengt in meinem Gedächtnis nach seinem Namen. Harris... Hollis... Ha! Higgins. Mr. Higgins, Maturins Gehilfe. Ich lächele, als ich mich erinnere.
»Not bad for the first time«, sagt er freundlich.
Ich winke ab, sage nichts, weil ich Angst habe, dass ich, sobald ich den Mund öffne... Na, könnt ihr euch sicher denken. Ich lehne den Kopf zurück, versuche, genug Luft in meine Lungen zu kriegen.
Er grinst verschmitzt. »You didn’t vomit. I thought you’d do. But you didn’t. Respect, my son.« Er greift mir unter den Arm. »Come on! Lets get you cleanded up. Are you safe on your feet?«
Ich nicke, nachdem ich mich vergewissert habe, dass ich nicht gleich wieder umfallen werde. Die Surprise schaukelt immer noch. Ich steuere dagegen, stehe einigermaßen grade. »What happened?« bringe ich schließlich hervor, ohne dass mir mein Mageninhalt aus dem Mund purzelt.
Higgins schiebt mich in eine Ecke, reicht mir einen Lappen, damit ich mir das Blut abwischen kann. »We were attacked«, erklärt er.
»The Acheron?« Ich reiße die Augen auf.
Er runzelt die Stirn. »How do you know?«
Ähem, ja, genau. »I think I overheard something«, meine ich nur und zucke die Schultern.
Langsam begreife ich. Jedenfalls so halbwegs. Die Szene, die ich gerade live miterlebt habe, steht am Anfang des Films. Aber wie kann das sein? Die DVD lief schon eine Weile, als ich sie im Sturzflug eroberte. Wie kann sie wieder am Anfang sein? Hat Meraluna die Szene angewählt? Hat sie versucht, mir zu helfen? Ich würde es zu gern wissen, kann sie aber nicht fragen. Higgins würde es sicher merkwürdig finden, wenn ich jetzt auf deutsch zu schreien anfinge.
»Strange for an Landlubber, isn’t it?« Er schüttelt den Kopf. »Things will get better, Patrick. You’ll stumble and stagger but after the next few weeks you’ll be like a sprat in the water.«
»What do you mean?«
Er lehnt sich zu mir, flüstert hinter vorgehaltener Hand. »I’ve heard that the Captain decided to stay on task. Where not going for safety land.«
Bevor ich antworten kann, spüre ich eine Berührung am Arm. Maturin. Ohne zu fragen nimmt er meinen Kopf in seine Hände, dreht und wendet ihn, untersucht ihn auf irgendwelche Verletzungen. Higgins trollt sich, kümmert sich um die anderen Verwundeten.
Als Stephen mein Kinn berührt, zucke ich zusammen. »Autsch!«
Er drückt seinen Daumen auf die Stelle, tastet.
Mir schießen Tränen in die Augen. Ich wehre mich, schiebe ihn weg.
»I wanted to make sure, that your bones are intact«, entschuldigt er sich. »Only a bruise«, stellt er erleichtert fest. »You’ve been lucky, my son. Could’ve been worse. Much worse.« Er kratzt sich am Kopf. »Finn will kill me if something happens to you.«

DONK!!!

»Finn?« krächze ich, versuche mit meinen Gedanken nicht von der Straße abzukommen, auf der ich sie grade fein säuberlich im Gänsemarsch angeordnet habe.
Es misslingt. Alle rennen kreischend durcheinander.

FINN...

Das kann nicht sein. Wieso kennt er sie? Die gibt’s doch gar nicht. Weder im Film noch in den Büchern von O’Brian. Finn habe ICH mir ausgedacht. Sie ist noch weniger real als der Mann vor mir. Und wieso sagt er "My son" zu mir? Er weiß doch, dass ich eine Frau bin. Oder etwa nicht?

Hilfe!!!

Maturin zieht eine Braue nach oben. »Did you hurt your head?« Er streckt schon wieder die Hände aus. »Let me have a look.«
»No. No.« Ich winke ab. »You got me wrong. I mean… all this. I’ve never seen something like that… I did not know…« Ich verstumme, weiß nicht, was ich sagen soll.
Er seufzt. »I told her, it is not a wise idea. But she insisted on it. Wanted you safe. What safety could that be?« Er deutet auf das Umfeld. »I’m sorry for this mess.«
Ich lege ihm vertraulich eine Hand auf den Arm. »Don’t worry, I’ll be o... I’ll be fine.«

FINE!

Dass ich nicht lache. Jetzt wird’s immer surrealer. Nicht nur, dass der Film irgendwie wieder von Anfang an zu laufen scheint, dass mich alle hier für Patrick halten – Maturin eingenommen – dass ich grad eine Seeschlacht mehr oder minder überstanden habe, mir mein Unterkiefer fast ausgerenkt wurde... Jetzt hat der gute Doktor auch noch Erinnerungen an eine Frau, die ihre Existenz meiner wirren Fantasie zu verdanken hat. Also, wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen: Was für ein irrer Traum.
Doch ich denke nicht, dass sich hier irgendwas ändert, wenn ich mir selbst in den Arm kneife oder wie Dorothy dreimal die Hacken aneinander schlage. Letzteres hat sowieso wenig Sinn. Ich trage keine roten Schuhe.
So bleibt mir nichts anderes übrig, als Stephen hinterher zu sehen, wie er zu einem Krankenlager schreitet.
Das ist mein Moment. Niemand ist in meiner Nähe, keiner beobachtet mich. »Meraluna«, flüstere ich. »Wenn du mich hörst und siehst, sag mir bitte, was du von der Sache hältst. Hast du eine Ahnung, was passiert ist?«

~~~

Und ob ich eine Ahnung hatte...
Aber es dauerte, bis ich verdaut hatte, was geschah nachdem Caelin diesen Brüller mit dem Namen gebracht hatte. Die Bemerkung war offensichtlich an mich gerichtet, denn ich war die einzige, die die Pointe kapierte.
Nein. Das stimmt nicht ganz... ich war gespannt, wie Jack darauf reagieren würde. Er hatte erfahren, dass es einen Autor gegeben hatte und Romane. Er hatte sogar einiges aus ‚Manöver um Feuerland’ gelesen, dem Band, auf dem der Film basiert, wenige Tage nachdem er abgehauen und bei mir gestrandet war.
Er schien sich an vieles zu erinnern... Oh, Mann, gut, dass ich WIRKLICH  einen gewissen Abstand gewonnen hatte, sonst säße ich jetzt an Caelins Stelle.
Es war so bizarr. Ich sah und hörte wie sie mit Jack und Stephen redete. Stephen reagierte sehr besonnen, Jack war sichtlich angenervt. Maturin hatte dann auch die Geistesgegenwart die Situation zu retten, indem er Caelin als einen entfernten Verwandten ausgab, als Pullings reinkam und Jack an Deck bat.
Aber ich greife vor. Erst kriegte ich mich mit Jack in die Wolle. Wie immer.
Meine arme Caelin... ich sollte an ihrer Stelle sein... wenn ihr etwas zustieß..
Jack erklärte mir kleinlaut die Passage sei weg.
Ich dachte, ich bin im falschen Film, im Falle von Caelin traf dieser blöde Spruch den Nagel auf den Kopf. Sie hätte sich sicher lieber in einer Highlander Folge oder als Evelyns Assistentin in der ‚Mumie’ wiedergefunden.
Oder noch besser als ...Evelyn.
Brendan Fraser... da könnte ich auch schwach werden. Kurzfristig.
Sorry, Jack.
Nachdem sie sich etwas aufgerappelt hatte, geriet sie in einem lautstarken Disput mit Jack und Stephen, bei dem Stephen mehr auf ihrer Seite zu stehen schien.
Ich konnte dem Gespräch kaum folgen.
Kühler Kopf, der Doktor, nicht so ein Heißsporn wie Aubrey... seine Hitzigkeit mochte ja in anderen Momenten angebracht und nicht zu verachten sein, aber hier war sie definitiv fehl am Platze.
Ich hätte fast gelacht, als sie Jack mit Anlauf ans Schienbein trat. Er fluchte, wehrte sich aber nicht. Er war sich seiner Schuld bewusst. Stephen versuchte sie zu beruhigen. Es nützte niemandem, wenn jetzt alle durchdrehten. Jack mimte immer noch den grimmigen Kapitän, auf dem alle rumhacken und ich sagte ihm, was ich von dem hielt, was er angerichtet hatte. Er verteidigte sich natürlich mit den üblichen Argumenten.
Die Passage war weg.
Sack und Asche. Was lief hier??
Wir spekulierten, was man tun könne, Caelin hatte die Idee, den Film vor die Stelle zurückzuspulen, wo Jack sie hineingezogen hatte. Nicht übel. Es ging natürlich nicht. Mein Player streikte und ich merkte sehr schnell, dass es nicht am Gerät lag, auch nicht an der Fernbedienung. Der Film wehrte sich. Anders kann ich es nicht ausdrücken. Er wollte nicht zurückgespult werden. Es war total gaga.
Als Pullings, einer der Offiziere plötzlich auftauchte, stellte Jack sich vor Caelin, die ihrer Neugier nachgab und hinter Jacks kräftiger, sie deutlich überragender Gestalt hervorlugte. Maturin rettete die Situation, wie schon erwähnt. Jack folgte Pullings an Deck, ein Schiff war gesichtet worden.
Ich hatte gerade ausgekichert, nachdem Caelin Stephen den Vorschlag gemacht hatte, sie doch Patrick O’Brian zu nennen und mir dabei zufeixte.
Plötzlich brach die Szene ab. Nur das Startbild des Kanals. Dann ging das Deck auf, verharrte einige Sekunden und schloss sich wieder. Ich war starr vor Überraschung.

Und dann startete die DVD, als sei nichts gewesen. Von Anfang an.

Und was mir dann bald klar wurde, stellte mir die Nackenhaare hoch...
Der Film hatte die neue Figur ‚geschluckt’.
Alles ging wie vorgesehen, nur dass da plötzlich unter Deck, als der Angriff der Acheron passierte eine sichtlich desorientierte Caelin mitten unter den Männern war. In ihren Hosen und dem weiten Leinenhemd ging sie glatt als Crewmitglied durch. Ihre Brille war nicht zu modern und ihr Haar war kürzer als das mancher Seeleute. Mein Mund stand offen. Stephen sprach sie mit ‚Patrick’ an.

Und sein Assistent Higgins auch!!! Was war passiert???

Dann brach die Hölle los, man kennt die Szene ja.

Liebe Güte, erlebte sie das jetzt wie in Echt?? Ihr leicht grünlicher Teint beim Anblick der nach unten strömenden Verwundeten sprach dafür. In dem Chaos schien sie irgendwann ohnmächtig zu werden. Vielleicht zehn Minuten später kam sie wieder zu sich, ich sah wie sie mit Higgins sprach, dann mit Maturin. Mühsam lauschte ich dem Nuscheln des Doktors.
Was hatte er da gesagt??? Finn?? Ja, spinne ich denn jetzt???

Finn war eine Erfindung Caelins. Sie hatte eine auf M&C beruhende Story mit dem Titel ‚Medea’ geschrieben, die nach der Episode mit der Acheron angesiedelt war. Finn war ihre weibliche Hauptfigur, eine Frau, die heimlich ein Handelsschiff führt und mal was mit Maturin hatte.
Caelin guckte entgeistert, sie hatte es auch gemerkt.
Als Stephen seinen Pflichten nachging und die Kabine sich leerte, schaute sie verstohlen um sich, dann ließ sie suchend ihren Blick schweifen und ich hörte ihre Stimme flüstern: »Meraluna??? Wenn du mich hörst und siehst, sag mir bitte, was du von der Sache hältst. Hast du eine Ahnung, was passiert ist?«

„Caelin, hörst du mich ??“ rief ich lautstark in den Monitor.

Sie fuhr herum, Finger an den Lippen. “Nicht so laut, ich höre dich..“ Sie bewegte sich im Raum, schien den Ursprung meiner Stimme zu suchen. In einer Ecke blieb sie stehen.
“So hier sieht mich nicht gleich jeder... Hast du gesehen, was passiert ist? Oder warst du das etwa? Hast du vorgespult??“ wollte sie  noch sichtlich mitgenommen von dem Angriff wissen.
„Nein! Die DVD kontrolliert den Player. Glaube ich jedenfalls. Auf einmal war Ende und alles fing von vorne an..“ Sie schnaufte resignierend. “Kriegst du das alles richtig mit oder wie ..“
Sie nickte nur. Mir verschlug es kurz die Sprache. Für sie passierte alles real, wie für die andren Figuren. „Was ist mit Maturin? Er scheint dich für den zu halten, als der du dich ausgibst... den, zu dem er dich gemacht hat... das ist krass.. ich muss unbedingt mit Jack sprechen.. Er muss dich zu sich holen.. du könntest verletzt, getötet werden.. er kann dich am ehesten schützen.“
Sie gab einen abschätzigen Laut von sich. „Ihm habe ich den Schlamassel zu verdanken.“ fauchte sie.
Ich schluckte. “Schon, aber auch mir. Warum musstest du auch früher kommen und ohne anzurufen. Du weißt wie ich solche Überfallbesuche hasse.. jetzt weißt du warum..“ Das war nicht fair, niemand hatte das ahnen können.
„Sag nicht so was...“ begann sie, dann kamen mehrere Männer herein.
„Geh zu Jack! Ich werde ihm klarmachen, dass er dich abschotten muss. Wir packen das!! Bleib solange im Hintergrund...“ flüsterte ich.
Sie schlich sich an den Männern vorbei, verschwand aus meinem Blickfeld.
Mein Telefon klingelte.. Mist, ich musste Jack alleine erwischen. Maturin hatte sicher auch mich ‚vergessen’, das gab nur Chaos, wenn er dabei war.
Mit einem Auge war ich auf dem Monitor, während ich abhob.
Es war Anne. „Hi, grüß dich! Ist Caelin schon da? Ich wollte was mit ihr besprechen..“
„Oh, Anne, hi, ja, aber sie ist grade unter der Dusche.. ich sag ihr sie soll zurückrufen, entschuldige, ich muss dich abwürgen, muss dringend weg...“

Ich konnte sie abwimmeln. Oh, was sollte ich sagen, wenn bis morgen nicht wieder alles im Lot war? Dann musste ich alles abblasen ... und vor allem........ was sollte ich sagen???

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