|
7
Als ich
wieder zu mir komme, lehne ich an der Seitenwand. Jemand hat mich wohl aus
dem Weg geräumt und als unbedenklich erst mal dort abgestellt. Das Erlebte
bahnt sich vollends einen Weg in mein Gehirn. So als würde jemand ein Album
umblättern, taucht ein Bild nach dem anderen auf. Schock. Ich ziehe die Knie
ans Kinn und fange an zu weinen, zittere unkontrolliert.
Eine Hand berührt mich vorsichtig an der Schulter. Ich sehe auf, schniefe,
wische mir mit dem Handrücken über die triefende Nase. Es ist wieder der
kleine Mann. Das Gesicht kenne ich. Ich krame angestrengt in meinem
Gedächtnis nach seinem Namen. Harris... Hollis... Ha!
Higgins. Mr. Higgins, Maturins Gehilfe. Ich lächele, als ich mich
erinnere.
»Not bad for the first time«, sagt er freundlich.
Ich winke ab, sage nichts, weil ich Angst habe, dass ich, sobald ich
den Mund öffne... Na, könnt ihr euch sicher denken. Ich lehne den Kopf
zurück, versuche, genug Luft in meine Lungen zu kriegen.
Er grinst verschmitzt. »You didn’t vomit. I thought you’d
do. But you didn’t. Respect, my son.« Er greift mir unter den Arm.
»Come on! Lets get you cleanded up. Are you safe on your
feet?«
Ich nicke, nachdem ich mich vergewissert habe, dass ich nicht gleich
wieder umfallen werde. Die Surprise schaukelt immer noch. Ich steuere
dagegen, stehe einigermaßen grade. »What happened?« bringe ich schließlich
hervor, ohne dass mir mein Mageninhalt aus dem Mund purzelt.
Higgins schiebt mich in eine Ecke, reicht mir einen Lappen, damit ich mir
das Blut abwischen kann. »We were attacked«, erklärt er.
»The Acheron?« Ich reiße die Augen auf.
Er runzelt die Stirn. »How do you know?«
Ähem, ja, genau. »I think I overheard something«, meine ich nur und
zucke die Schultern.
Langsam begreife ich. Jedenfalls so halbwegs. Die Szene, die ich gerade live
miterlebt habe, steht am Anfang des Films. Aber wie kann das sein? Die DVD
lief schon eine Weile, als ich sie im Sturzflug eroberte. Wie kann sie
wieder am Anfang sein? Hat Meraluna die Szene angewählt? Hat sie versucht,
mir zu helfen? Ich würde es zu gern wissen, kann sie aber nicht fragen.
Higgins würde es sicher merkwürdig finden, wenn ich jetzt auf deutsch zu
schreien anfinge.
»Strange for an Landlubber, isn’t it?« Er
schüttelt den Kopf. »Things will get better, Patrick.
You’ll stumble and stagger but after the next few weeks you’ll be like a
sprat in the water.«
»What do you mean?«
Er lehnt sich zu mir, flüstert hinter vorgehaltener Hand. »I’ve heard that
the Captain decided to stay on task. Where not going for safety land.«
Bevor ich antworten kann, spüre ich eine Berührung am Arm. Maturin.
Ohne zu fragen nimmt er meinen Kopf in seine Hände, dreht und wendet ihn,
untersucht ihn auf irgendwelche Verletzungen. Higgins trollt sich, kümmert
sich um die anderen Verwundeten.
Als Stephen mein Kinn berührt, zucke ich zusammen. »Autsch!«
Er drückt seinen Daumen auf die Stelle, tastet.
Mir schießen Tränen in die Augen. Ich wehre mich, schiebe ihn weg.
»I wanted to make sure, that your bones are intact«,
entschuldigt er sich. »Only a bruise«, stellt er erleichtert fest. »You’ve
been lucky, my son. Could’ve been worse. Much worse.« Er kratzt sich am
Kopf. »Finn will kill me if something happens to you.«
DONK!!!
»Finn?«
krächze ich, versuche mit meinen Gedanken nicht von der Straße abzukommen,
auf der ich sie grade fein säuberlich im Gänsemarsch angeordnet habe.
Es misslingt. Alle rennen kreischend durcheinander.
FINN...
Das kann
nicht sein. Wieso kennt er sie? Die gibt’s doch gar nicht. Weder im Film
noch in den Büchern von O’Brian. Finn habe ICH mir ausgedacht. Sie ist noch
weniger real als der Mann vor mir. Und wieso sagt er "My son" zu mir? Er
weiß doch, dass ich eine Frau bin. Oder etwa nicht?
Hilfe!!!
Maturin
zieht eine Braue nach oben. »Did you hurt your head?« Er streckt schon
wieder die Hände aus. »Let me have a look.«
»No. No.« Ich winke ab. »You got me wrong. I mean… all
this. I’ve never seen something like that… I did not know…« Ich
verstumme, weiß nicht, was ich sagen soll.
Er seufzt. »I told her, it is not a wise idea. But she
insisted on it. Wanted you safe. What safety could that be?« Er
deutet auf das Umfeld. »I’m sorry for this mess.«
Ich lege ihm vertraulich eine Hand auf den Arm. »Don’t worry, I’ll be o...
I’ll be fine.«
FINE!
Dass ich
nicht lache. Jetzt wird’s immer surrealer. Nicht nur, dass der Film
irgendwie wieder von Anfang an zu laufen scheint, dass mich alle hier für
Patrick halten – Maturin eingenommen – dass ich grad eine Seeschlacht mehr
oder minder überstanden habe, mir mein Unterkiefer fast ausgerenkt wurde...
Jetzt hat der gute Doktor auch noch Erinnerungen an eine Frau, die ihre
Existenz meiner wirren Fantasie zu verdanken hat. Also, wenn ich es nicht
besser wüsste, würde ich sagen: Was für ein irrer Traum.
Doch ich denke nicht, dass sich hier irgendwas ändert, wenn ich mir selbst
in den Arm kneife oder wie Dorothy dreimal die Hacken aneinander schlage.
Letzteres hat sowieso wenig Sinn. Ich trage keine roten Schuhe.
So bleibt mir nichts anderes übrig, als Stephen hinterher zu sehen, wie er
zu einem Krankenlager schreitet.
Das ist mein Moment. Niemand ist in meiner Nähe, keiner beobachtet mich. »Meraluna«,
flüstere ich. »Wenn du mich hörst und siehst, sag mir bitte, was du von der
Sache hältst. Hast du eine Ahnung, was passiert ist?«
~~~
Und ob
ich eine Ahnung hatte...
Aber es dauerte, bis ich verdaut hatte, was geschah nachdem Caelin diesen
Brüller mit dem Namen gebracht hatte. Die Bemerkung war offensichtlich an
mich gerichtet, denn ich war die einzige, die die Pointe kapierte.
Nein. Das stimmt nicht ganz... ich war gespannt, wie Jack darauf reagieren
würde. Er hatte erfahren, dass es einen Autor gegeben hatte und Romane. Er
hatte sogar einiges aus ‚Manöver um Feuerland’ gelesen, dem Band, auf dem
der Film basiert, wenige Tage nachdem er abgehauen und bei mir gestrandet
war.
Er schien sich an vieles zu erinnern... Oh, Mann, gut, dass ich WIRKLICH
einen gewissen Abstand gewonnen hatte, sonst säße ich jetzt an Caelins
Stelle.
Es war so bizarr. Ich sah und hörte wie sie mit Jack und Stephen redete.
Stephen reagierte sehr besonnen, Jack war sichtlich angenervt. Maturin hatte
dann auch die Geistesgegenwart die Situation zu retten, indem er Caelin als
einen entfernten Verwandten ausgab, als Pullings reinkam und Jack an Deck
bat.
Aber ich greife vor. Erst kriegte ich mich mit Jack in die Wolle. Wie immer.
Meine arme Caelin... ich sollte an ihrer Stelle sein... wenn ihr etwas
zustieß..
Jack erklärte mir kleinlaut die Passage sei weg.
Ich dachte, ich bin im falschen Film, im Falle von Caelin traf dieser blöde
Spruch den Nagel auf den Kopf. Sie hätte sich sicher lieber in einer
Highlander Folge oder als Evelyns Assistentin in der ‚Mumie’ wiedergefunden.
Oder noch besser als ...Evelyn.
Brendan Fraser... da könnte ich auch schwach werden. Kurzfristig.
Sorry, Jack.
Nachdem sie sich etwas aufgerappelt hatte, geriet sie in einem lautstarken
Disput mit Jack und Stephen, bei dem Stephen mehr auf ihrer Seite zu stehen
schien.
Ich konnte dem Gespräch kaum folgen.
Kühler Kopf, der Doktor, nicht so ein Heißsporn wie Aubrey... seine
Hitzigkeit mochte ja in anderen Momenten angebracht und nicht zu verachten
sein, aber hier war sie definitiv fehl am Platze.
Ich hätte fast gelacht, als sie Jack mit Anlauf ans Schienbein trat. Er
fluchte, wehrte sich aber nicht. Er war sich seiner Schuld bewusst. Stephen
versuchte sie zu beruhigen. Es nützte niemandem,
wenn jetzt alle durchdrehten. Jack mimte immer noch den grimmigen Kapitän,
auf dem alle rumhacken und ich sagte ihm, was ich
von dem hielt, was er angerichtet hatte. Er verteidigte sich
natürlich mit den üblichen Argumenten.
Die Passage war weg.
Sack und Asche. Was lief hier??
Wir spekulierten, was man tun könne, Caelin hatte die Idee, den Film vor die
Stelle zurückzuspulen, wo Jack sie hineingezogen hatte. Nicht übel. Es ging
natürlich nicht. Mein Player streikte und ich merkte sehr schnell, dass es
nicht am Gerät lag, auch nicht an der Fernbedienung. Der Film wehrte sich.
Anders kann ich es nicht ausdrücken. Er wollte nicht zurückgespult werden.
Es war total gaga.
Als Pullings, einer der Offiziere plötzlich auftauchte, stellte Jack sich
vor Caelin, die ihrer Neugier nachgab und hinter Jacks kräftiger, sie
deutlich überragender Gestalt hervorlugte. Maturin rettete die Situation,
wie schon erwähnt. Jack folgte Pullings an Deck, ein Schiff war gesichtet
worden.
Ich hatte gerade ausgekichert, nachdem Caelin Stephen den Vorschlag gemacht
hatte, sie doch Patrick O’Brian zu nennen und mir dabei zufeixte.
Plötzlich brach die Szene ab. Nur das Startbild des Kanals. Dann ging das
Deck auf, verharrte einige Sekunden und schloss sich wieder. Ich war starr
vor Überraschung.
Und dann startete die DVD,
als sei nichts gewesen. Von Anfang an.
Und was
mir dann bald klar wurde, stellte mir die Nackenhaare hoch...
Der Film hatte die neue Figur ‚geschluckt’.
Alles ging wie vorgesehen, nur dass da plötzlich unter Deck, als der Angriff
der Acheron passierte eine sichtlich desorientierte Caelin mitten unter den
Männern war. In ihren Hosen und dem weiten Leinenhemd ging sie glatt als
Crewmitglied durch. Ihre Brille war nicht zu modern und ihr Haar war kürzer
als das mancher Seeleute. Mein Mund stand offen. Stephen sprach sie mit
‚Patrick’ an.
Und sein
Assistent Higgins auch!!! Was war passiert???
Dann
brach die Hölle los, man kennt die Szene ja.
Liebe
Güte, erlebte sie das jetzt wie in Echt??
Ihr leicht grünlicher Teint beim Anblick der nach unten strömenden
Verwundeten sprach dafür. In dem Chaos schien sie irgendwann ohnmächtig zu
werden. Vielleicht zehn Minuten später kam sie wieder zu sich, ich sah wie
sie mit Higgins sprach, dann mit Maturin. Mühsam lauschte ich dem Nuscheln
des Doktors.
Was hatte er da gesagt??? Finn?? Ja, spinne ich denn jetzt???
Finn war
eine Erfindung Caelins. Sie hatte eine auf M&C beruhende Story mit dem Titel
‚Medea’ geschrieben, die nach der Episode mit der Acheron angesiedelt war.
Finn war ihre weibliche Hauptfigur, eine Frau, die heimlich ein
Handelsschiff führt und mal was mit Maturin hatte.
Caelin guckte entgeistert, sie hatte es auch gemerkt.
Als Stephen seinen Pflichten nachging und die
Kabine sich leerte,
schaute sie verstohlen um sich, dann ließ
sie suchend ihren Blick schweifen und ich
hörte ihre Stimme flüstern: »Meraluna??? Wenn du mich hörst und
siehst, sag mir bitte, was du von der Sache hältst. Hast du eine Ahnung, was
passiert ist?«
„Caelin,
hörst du mich ??“ rief ich lautstark in den Monitor.
Sie fuhr
herum, Finger an den Lippen. “Nicht so laut, ich höre dich..“
Sie bewegte sich im Raum, schien den Ursprung
meiner Stimme zu suchen. In einer Ecke blieb sie stehen.
“So hier sieht mich nicht gleich jeder... Hast du gesehen, was passiert ist?
Oder warst du das etwa? Hast du vorgespult??“ wollte sie noch sichtlich
mitgenommen von dem Angriff wissen.
„Nein! Die DVD kontrolliert den Player. Glaube ich jedenfalls. Auf einmal
war Ende und alles fing von vorne an..“ Sie schnaufte
resignierend. “Kriegst du das alles richtig
mit oder wie ..“
Sie nickte nur. Mir verschlug es kurz die Sprache. Für sie passierte alles
real, wie für die andren Figuren. „Was ist mit Maturin? Er scheint dich für
den zu halten, als der du dich ausgibst... den, zu dem er dich gemacht
hat... das ist krass.. ich muss unbedingt mit Jack sprechen.. Er muss dich
zu sich holen.. du könntest verletzt, getötet werden.. er kann dich am
ehesten schützen.“
Sie gab einen abschätzigen Laut von sich. „Ihm habe ich den Schlamassel zu
verdanken.“ fauchte sie.
Ich schluckte. “Schon, aber auch mir. Warum musstest du auch früher kommen
und ohne anzurufen. Du weißt wie ich solche Überfallbesuche hasse.. jetzt
weißt du warum..“ Das war nicht fair, niemand hatte das ahnen können.
„Sag nicht so was...“ begann sie, dann kamen mehrere Männer herein.
„Geh zu Jack! Ich werde ihm klarmachen, dass er dich abschotten muss. Wir
packen das!! Bleib solange im Hintergrund...“ flüsterte ich.
Sie schlich sich an den Männern vorbei, verschwand aus meinem Blickfeld.
Mein Telefon klingelte.. Mist, ich musste Jack alleine erwischen. Maturin
hatte sicher auch mich ‚vergessen’, das gab nur Chaos, wenn er dabei war.
Mit einem Auge war ich auf dem Monitor, während ich abhob.
Es war Anne. „Hi, grüß dich! Ist Caelin schon
da? Ich wollte was mit ihr besprechen..“
„Oh, Anne, hi, ja, aber sie ist grade unter der Dusche.. ich sag ihr sie
soll zurückrufen, entschuldige, ich muss dich abwürgen, muss dringend
weg...“
Ich konnte sie abwimmeln. Oh, was sollte
ich sagen, wenn bis morgen nicht wieder alles im Lot war? Dann musste ich
alles abblasen ... und vor allem........ was sollte ich sagen??? |