8

Schwenk.
Jacks Kajüte.

Ich sah ihm eine Weile zu. Er war sichtlich besorgt.
Oh, Jack, was hast du nur angerichtet...
Der schroffe Mann, den ich vorhin mit Stephen und Caelin in diesem Raum gesehen hatte, entsprach gar nicht dem Jack, wie ich ihn zuletzt erlebt hatte. In Erinnerung hatte.
Besorgt, einfühlsam.
Er war recht derb mit ihr umgesprungen. Ich war wütend. Auf ihn, auf mich.
Es nützte nichts. Alle und keiner waren schuld.
Jeder hatte ein wenig beigetragen, aber Jack war schon der Hauptfaktor.
Er sah sich suchend um, schien zu überlegen.
„Helga??“ hörte ich ihn vorsichtig rufen.
„I am here, Jack. I see you.” antwortete ich. Prompt richtete er sich auf, kontrollierte seinen besorgten Ausdruck. Es war seltsam ihn aus dieser Perspektive zu sehen.
„No need. I have been watching you for a few minutes.”
Ein ärgerlicher Blick, er kruschtelte auf dem Schreibtisch herum.
„Jack, you have to take care of her. Please. If she gets hurt or worse, you will wish you never knew me..” Er zog das Genick ein. „Treat her as you would have treated me..” forderte ich. “Look for her. She is mad, who wouldn’t be?”
“She doesn’t like me..” brummelte er.
“What do you expect? Love at first sight? It takes it’s time to like you..
remember..?” erinnerte ich ihn.
Er schaute entrüstet auf. „Helga, please, this is not the time and place...“
“I told you the same-not so long ago- but you didn’t listen, you stubborn …” fing ich an.
“We can fight, as usual, or we can try and find a solution.” bremste er mich.
“Hell, I can’t see you..
this is confusing..” schimpfte er.
“Be nice to her and she’ll treat you with respect. I wish you had grabbed my wrist not hers, yet who would try and get me out?” überlegte ich.
Jack machte seine drei Falten.
„Jack?“ Ich musste ihn ein wenig pflegen, damit er kooperativer wurde.
Jack konnte furchtbar stur sein. Vor allem, wenn er sich angegriffen fühlte.
Und nichts andres tat ich. Mal wieder.
„Hmmm?“
„Your letter was so adorable.. I just wanted to tell you…so cute.. it made it much better for me…” lobte ich ihn. Ich meinte es auch so, hatte nur noch nicht Gelegenheit gehabt, es ihm zu sagen.
„Hmm..“ Er studierte irgendwelche Papiere.
„The coins covered my expenses. The prize of the contest was worth another nice amount of money. Thank you so much.” Er nickte flüchtig.
„You remember? Even while being in the film?” wunderte ich mich.
“Yes, something is different, maybe because I left and brought someone with me.
That was the plan.” meinte er nachdenklich.
„Plan?“ wollte ich wissen. Also doch nicht so spontan..
„I forgot almost everything, despite the idea I had seen this before. More than once. That Blakeney would loose his arm, poor kid. Stephen getting shot. That I had to sacrifice Nagle’s friend, don’t get his name.. all these good seamen dead…I wanted to change it. It was a boring, frustrating merry go round, whenever I had my clear moments… whenever I noticed now and then.”

Also hatte sein Aufenthalt in der Realität doch Spuren bei ihm hinterlassen.
Er durchschaute es. Ich hatte ihn doch verändert, durch all das was er bei mir erfahren hatte.
Über sich, den Film, den Hintergrund.
Es gab kein zurück mehr.
„You planned to bring somebody in..??” fragte ich verwirrt. „How could you know..”
Er schüttelte den Kopf. „I wanted to change it but couldn’t. When I interact, I get stopped. Like I woudn’t act at all. The idea was, if somebody from outside could. And change it. I didn’t actually plan it. It was sublime. It came to my mind when I recognized you. I wanted to meet you again, I craved it. So it was killing two birds with one stone” erklärte er.
“But you hit the wrong bird…” stellte ich fest.
Trotzdem, Kompliment, das war nicht schlecht.
Zwei Fliegen mit einer Klappe.
„Helga, please explain it to your friend. And tell her not to kick my leg once more. It is all blue and green…”schimpfte er.
“ What else?” forderte ich ihn.“ Maybe an apology?“ schlug ich vor.
Er lächelte hoffnungsvoll. “Would you? I am really sorry what happened. But I must save my authority here. I can’t get soft in front of others. You know, I am not that bad.” verteidigte er sich.
„Do I?“ neckte ich ihn. Er stutzte. “Jack, I will. Be emphatic, how would you react?
You would bite everybodies head of and spit it out..”
mahnte ich ihn.
„Helga, please, you exaggerate..” meinte er vorwurfsvoll.
„Forgive me, old habits. I will explain and you support her. By the way, something odd happened. It seems the film has swallowed and accepted her as a new character. Everybody calls her Patrick.”
“Patrick? Stephen told Pullings she was a male relative?”
“She had the idea to pick it up and call herself O’Brian.
Patrick O’Brian.”
Jacks Brauen schossen in die Höhe.
„Bad joke“ meinte er trocken, ich verkniff mir einen Kommentar.
„Maturin thinks she is a guy. The only one who knows is you at the moment. You have to tell and explain him. Guess he  has forgotten everything else you told him since the film started from zero.”
Jack stöhnte.
”I will get nuts one day. Every time we have made the circle I have to start anew.”

Langsam sah ich seine Aktion mit anderen Augen. Es war nicht nur der Wunsch gewesen eine ‚alte Flamme’ wieder zu entfachen. Ich hätte es wissen müssen.
Jack war kein triebgesteuerter Neandertaler. Nun, meistens jedenfalls.
Es klopfte.
„I will tell her. Talk to Stephen. I will watch out. Talk again as soon as I can catch you, Jack.
Good luck!”
Er lächelte reizend, nickte, dann kam ein scharfes: „In!“
Killick streckte den Kopf herein, fing an sich über irgendwas zu beschweren.
Ich holte mir ein Glas Wasser.
Das Telefon.
„Ist Caelin fertig mit Duschen?“
„Ja, aber jetzt ist sie für mich einkaufen, tut mir leid. Hat sie nicht zurückgerufen?“ fragte ich scheinheilig.
„Bis jetzt nicht, egal.“
„Ich erinnere sie dran. Also bis morgen Nachmittag!“
Ich setzte mich wieder vor den Kasten, wartete auf eine Gelegenheit mit Caelin zu sprechen...

 

Ich habe mich in eine dunkle Ecke neben einem der Beiboote verkrochen. Obwohl "verkrochen" nicht das richtige Wort ist. Ich habe mich dort niedergelassen – unbehelligt von den Blicken der anderen. Ich brauche Ruhe, einfach ein bisschen Zeit für mich.
Gegen meinen Willen muss ich lächeln, als mir die Ironie dieses Gedankens bewusst wird. Wenn ich hier nicht wieder rauskomme, werde ich für den Rest meines Lebens 29 bleiben und ein und dieselbe Geschichte immer und immer wieder erleben. Genug Zeit, hhmm?
Ich stelle mir die absurdesten Dinge vor.
Meine Freundinnen pilgern mit ihren Kindern und Enkelkindern zu einem heiligen Schrein, bei dem Tag und Nacht eine DVD läuft. Sie deuten auf die merkwürdige Frau im Film, die von allen nur Patrick genannt wird und erklären ihren Nachkommen, dass sie diese Frau einmal gekannt haben und sie durch einen dummen Unfall in dieser Welt gelandet ist.
Und dann... Dann kommen die Männer mit den weißen Jacken, die man auf dem Rücken zubindet und sperren sie ein.
Ich verschränke die Arme vor der Brust. Es ist kühl. Das vom Blut verdreckte Shirt klebt mir am Körper. Ich muss mich zusammenreißen, um nicht ständig daran zu kratzen. Eisige Schauer laufen mir den Rücken runter. Wäre ich auf einem Filmset, hätte ich mir eingeredet, es wäre Kunstblut, vielleicht Marmelade oder Tomatensoße. Aber hier sind keine Kameras, niemand ruft: »Cut!« Es ist real. Blutig real.
Ich ziehe die Knie an die Brust, lege mein Kinn darauf, kämpfe gegen die Tränen, die schon wieder kommen wollen. Nein! Energisch knirsche ich mit den Zähnen. Ich werde mir keine Blöße geben. Ich werde das durchstehen. Mir bleibt auch keine andere Wahl. Wenn ich nicht den Unwillen der Mannschaft auf mich ziehen will, muss ich mich anpassen, muss ich das Spiel mitspielen, bis mich irgendjemand erlöst.
Stephen und Jack sind irgendwo unter Deck. Ich gehe ihnen aus dem Weg. Ist vielleicht nicht die klügste Entscheidung, aber ich kann nicht anders. Derjenige von beiden, der meinen absoluten Respekt und mein Wohlwollen genießt, hat vergessen, was passiert ist. Für ihn bin ich Patrick, ein Verwandter einer alten Freundin, der Hilfe braucht. Obwohl, hhmm... Es könnte schlimmer sein. Und der andere, der hoffentlich noch weiß, warum ich hier bin und wer ich wirklich bin, den kann ich nicht leiden. Und Meraluna sitzt hilflos vor dem Bildschirm und hat keine Ahnung, wie sie mir helfen kann. Ist ein Teufelskreis, sage ich euch.
Schritte. Ich hebe nicht den Kopf, will mich nicht mit dem Umfeld befassen. Es ist schon chaotisch genug ohne irgendwelche Interaktionen. Jemand kniet vor mir nieder, hält mir einen Becher vor die Nase, aus dem es nach Alkohol duftet. »Want some?«
Ich sehe auf.
Bonden.
Seit mich dieser Film geschluckt hat, läuft alles verquer. Ich habe keine Möglichkeit mich zu entziehen. Keine Ahnung, welche Erinnerungen Bonden an mich hat. Aber würde er mir Grog bringen, wenn er mich für eine totale Null hielte?
Ich bringe ein gequältes Lächeln zustanden, nehme den Becher und nippe daran. Ich huste, als der Alkohol durch meine Kehle rinnt. Er ist stark. Jedenfalls für einen Nichttrinker wie mich.
Bonden grinst, klopft mir auf den Rücken. »Best way to learn to swim is jumping in the sea, eah?«
Da gesellt sich eine zweite Stimme hinzu. »Spending your time with this fop, Barrett?«
Ich kneife die Augen zusammen, versuche, den Sprecher auszumachen. Ich kann sein Gesicht in dem spärlichen Licht kaum erkennen. Doch was ich sehe, kommt mir überhaupt nicht bekannt vor. Das Einzige, was ich spüre, ist eine augenscheinliche Abneigung gegenüber meiner Person. Also beschließe ich postwendend, den Kerl auch nicht zu mögen.
»Kelly, move your ass away«, erwidert Bonden nur, nimmt mich in Schutz.
»Huh, huh«, kommt es höhnisch. »Since when have you developed a favour for this piece of hopelesness?« Der Kerl bückt sich, schiebt Bonden weg und zerrt unsanft an meinen Haaren. »Maybe we should find him a skirt and have him dance for us. Could be fun, couldn’t it?« Er dreht den Kopf, sieht nach hinten. Ich höre Gelächter.
Mir wird mulmig. Das könnte schief gehen. Und wie das schief gehen könnte.
Bonden stößt ihn weg. Ich lasse den Becher fallen, springe auf, überlege fieberhaft, was ich tun könnte. Wenn die sich meinetwegen prügeln, kann das zu einem erheblichen Tumult führen. Und wenn ich mich nicht selbst wehre, werde ich zu einem Feigling abgestempelt. Da ich hier feststecke, könnte das mein Leben unerträglich machen. Doch irgendwie will mir keine passende Erwiderung einfallen. Ich könnte den Kerl natürlich ohrfeigen, aber DAS wäre zu damenhaft und nicht zu meinem Vorteil. Ich könnte ihn treten, nur würde mir seine Antwort darauf die Knochen brechen.
»Find someone who’s equal«, erwidert Bonden verächtlich.
»Well how about you then?« Eine Drohung.
»No!« stoße ich impulsiv hervor, balle unbewusst die Hände zu Fäusten. »None is taking a fight for me. You think you can mock me? You, who can’t even read or wright?« schnaube ich, erinnere mich daran, dass die meisten einfachen Seeleute zu dieser Zeit Analphabeten waren.
Kelly kommt drohend näher, seine Lippen ärgerlich zusammengekniffen. Ich weiche zurück, hebe die Fäuste, bereite mich auf den Zusammenprall und mein frühes Ableben vor. Da packt mich plötzlich ein Arm um die Brust, zieht mich weg.
Kelly bleibt überrascht stehen, besinnt sich und salutiert.
»I think you’ve got better things to do. Kelly, Bonden!« dröhnt eine Stimme an meinem Ohr.
Die Gemaßregelten trollen sich, ich werde von meinem Retter weggeschleift. Er lässt mich los, gibt mir unsanft einen Schubs.
Pullings.
»I’m sorry«, bringe ich kleinlaut hervor.
Ich sieht mich an, mustert mich von oben bis unten. »Who are you?« fragt er dann.
Ich runzele die Stirn. »Well, I’m Patrick as you should know«, versuche ich es.#
Pullings lächelt, richtet seinen Blick auf meine gutverdeckte Oberweite. »I’ve spent a lot of time on a ship but it’s not that I can’t divide deer from doe anymore. You say, your name’s Patrick. But I guess it should rather be Patricia, shouldn’t it?«

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