III

Tasmanien erstreckt sich über  knappe 70.000 Quadratkilometer, etwa die Ausmaße Englands und hat viel mit der Insel gemein. Klima und Vegetation in den bewirtschafteten Gegenden, die nur ein Sechstel  der Fläche ausmachen sind der ‚alten Heimat’ gleichfalls ähnlich. Die Tassies sehen sich weniger als Australier sondern mehr als Engländer. Mit unter einer halben Million Einwohnern ist es spärlich besiedelt wie die große Schwester Australien.
Die Entfernung von Melbourne ist kürzer als vom Süden Deutschlands bis zur Nordseeküste. Nur eine 200km breite Meeresenge trennt die Insel vom Festland .

Tasmanien hat in der Vergangenheit düstere Kapitel geschrieben.
‚Teufelsinsel’ wurde sie im 19.Jh. genannt wegen der harten und grausamen
Sträflingslager. Einwanderer und Siedler verfolgten die tasmanischen Ureinwohner unerbittlich wie Jagdwild und rotteten sie vor Beginn des 20 Jh. förmlich aus.

Die Faszination der Insel liegt in der Vielfalt der Landschaft.
Badestrände  und englisch anmutende Fischerdörfer, Landhäuser inmitten grüner Weiden, Lavendelfelder.
Alpin anmutende Landstriche mit  zahlreichen Bergseen im Zentrum Tasmaniens.
Der unbewohnte Teil ist überwiegend als  Nationalpark geschützter dichter Regenwald mit von Gletscherseen gespeisten Wasserfällen.

Am frühen Abend hatte ich Unterkunft in einem kleinen Hotel nicht weit vom Hafen Hobarts, einem der schönsten Naturhäfen  der Welt.
Ich hatte vor vier Tage zu bleiben und Tagestouren zu machen.
Das bergige Zentrum, die Badestrände und Fischerdörfer der Ostküste und  den Field National Park. Der Tag nach meiner Ankunft verging mit Erkundungsgängen-und Fahrten durch Hobart und die umliegende Gegend.
Ich bin nicht gern abhängig von Bussen und Bahn oder Taxen.
Der obligatorische, kleine Geländewagen, das war mein Transportmittel.
Wenn man nur wenig Zeit hat, ist alles andre kein Thema, es sei denn der Verkehr verbietet es. New York. London. Paris. Mailand. Berlin.
Hier, am andren Ende der Welt? Kein Problem.

Ich hatte Donnerstags  das Festland verlassen. Dienstag war ich zurück.
Bevor ich in die Pension fuhr, ging ich einkaufen.  Bob war in weite Ferne gerückt.
Luke .. wer zur Hölle war Luke? Zeit ist mächtig.
Auf dem Weg zum Parkplatz geriet ich in ihre Fänge.
Einige Sekunden glaubte ich an ein ‚deja vu’. Eine Zeitschleife.
Da war er, Hut und grüner Pullover. Und fast dieselbe Uhrzeit wie bei unsrer letzten Begegnung.
Die Blicke trafen sich. Ich blieb stehen. Er brach den Bann, tippte an die Krempe.
Er sah so verschlafen aus wie am Donnerstag. „ Und?“ kam es ziemlich neugierig.
„Und was?“ erwiderte ich.
 „Wie inspiriert sind sie?“
Ich glaubte Ironie zu hören. „Wollen sie einen Deal machen? Nun, ich fürchte, es reicht grade für mich.“ Warum muss ich manchmal so schnippisch klingen?
Er hob entschuldigend die Hände, zog eine Grimasse, dann ging er weiter.
Ich wollte gerade einsteigen, als er mir vom Eingang des Supermarktes etwas zurief. Ich verstand erst nicht. Er nuschelte ziemlich.
‚Ich bin nach Neun im Cafe, Fremde. Vielleicht haben sie doch was übrig.’
In Gedanken lud ich die Tasche aus dem Wagen und die Einkäufe, holte meinen Schlüssel an der Rezeption ab. Kaum war ich im Appartement klingelte das Telefon.
Es war Bob. Und er war ziemlich sauer.
Ich legte nach einigen Vorwürfen von ihm einfach auf.
„Entschuldige, Bob. Ich bin grade erst zurück. Möchte auspacken. Du verstehst sicher. Man sieht sich...“ Bännngg.
Eine Stunde später, ich döste auf dem Sofa, klingelte es erneut.
„Kann ich raufkommen?“ Bob.
„Nein. Ehrlich gesagt, Mr., ich bin nicht länger interessiert an privatem Kontakt.
Ich danke für alle Freundlichkeiten. Alles , was auch immer du für mich getan hast. Oder haben die 100 AUS $ nicht gereicht?“
Hatte ich erwähnt, dass ich giftiger als die Sydney Spider werden kann?
So halte ich mir Leute vom Leib, die mich verletzt haben.
Damit sie mich nicht noch mal verletzen.
Und um die, die mich mögen, warum auch immer, eines besseren zu belehren.
Dann können sie nie sagen: Oh, Gott. So kenne ich dich gar nicht.
Mit diesem entwaffnend ehrlichen Entsetzen, dieser blankäugigen Ehrlichkeit, die mich zu irgendwelchen Erklärungen zwingt.
Ich hasse Zwänge. Lieber stoße ich andre vor den Kopf.
Die, die mich nerven, behandle ich, seltsamerweise, milder.
Bob fiel unter die erste Kategorie.
Ich killte ihn. Verbal. Aber er starb einfach nicht.
Will heißen, er legte einfach nicht AUF.
Ich warf ihm alles an den Kopf. Ich hatte NADA zu verlieren.
Nichts.
„Was glaubst du eigentlich? Dein Kumpel legt mich flach.
So. Es scheint eine Abmachung unter euch zu geben, meins ist deins.
Hiermit überlasse ich dir dieses mittelalterliche, europäische Weibsbild. Akzeptables Exemplar.
Du hast den Fehler gemacht, deine Quelle zu nennen.
Böser Fehler.  So, Mr. Robert Veitch.
So nötig habe ich es doch nicht. Auf Typen wie euch kann ich verzichten.
Verpiss dich. Ich brauch dich nicht. Lass mich in Ruhe.
LEAVEMETHE FUCKALONE“
Er legte nicht auf. Ich legte auf.
Bevor ich ihn abwürgte, warf er mir alles an ungegorenen Anschuldigungen zurück.
Dann nagelte er mich wegen der 100 AUS$. Später wurde mir bewusst, dass ich wohl genauso geklungen habe. Dieser Schmerz.
Ich will ihn nicht fühlen. Ich habe den halben Globus umrundet, um ihn los zu werden.
Home is where the heart is. Das Herz war hier.  Und alles Gefühl mit ihm.
Gefühle waren immer meine Droge gewesen.

“Du bist dir so sicher. So war es nicht. Wie du mich jetzt siehst, das einfachste wäre dich in Ruhe zu lassen. Luke ist ein Freund. Du hast zu 50% recht. Aber... ich will ihn nicht verlieren. Er ist ein guter Freund. Habe nie was zu seiner Frau gesagt. Warum? Bin sicher, sie weiß es. Er ist ein Arsch. 50%. Die andre Hälfte ist ein echter Freund. Komm in den Pub. Nach sieben bin ich da.“
“Wunderbar. Heirate ihn. Alles Glück auf Erden.“
Er hatte keine Chance auf einen Kommentar.
Niemand kann mir vorwerfen, dass ich kein Künstler bin, was’ letzte Worte’ angeht.
Ich habe Übung.

Noch 5 Tage.
In fünf Tagen würde es vorbei sein.
120 Stunden. Die Wochen und Tage waren  zerronnen wie Sand.
Ok. Ich wollte Unnahbar noch mal treffen.  Den Fremden. Mr.Max Factor
Heute?
Verschont mich. Bin nicht in Form heute.
Morgen ist auch ein Tag.
Ich werde jetzt nicht auf die Quelle des  Zitats hinweisen.
Soviel Snobismus gestatte ich mir. Auch in bescheidenen Zeiten.

Gegen acht wurde ich unruhig. Nicht wegen Bobs Angebot in den Pub zu kommen.
Was würde Max Factor darin sehen, wenn ich ins Cafe käme? Einen Sieg? Eine Entschuldigung?
Ein Zugeständnis? Was zur Hölle wollte ich denn von ihm?
Die Story?
Nein.
Er war der erste Mann in Jahren, der mich interessierte. Wirklich interessierte.
Aufgrund eines Blickes, einer Geste.
Ich wollte wissen, wer er war. Was er mochte, was er nicht mochte. Ich wollte sein Mysterium enträtseln.
Das Cabrio. Woher kannte er Stuttgart? Wer war er?
Kurzum.
Ich war scharf auf ihn. Nicht im klassischen Sinn. Ich wollte ihm zuhören, ihn kennen lernen.
Ich wollte wissen, warum er war wie er war. Ober vorgab zu sein, und falls er eine Maske trug, warum und was darunter lag.

Aber was wollte er? Warum hatte er mir eine Tür offengehalten, trotz meiner abweisenden Haltung im Cafe und an diesem Morgen beim Supermarkt? Einige schnelle Nummern mit jemand, der bald verschwindet?
Gab es hier nicht genug gelangweilte Flittchen, die sich für ein paar Bier vögeln lassen?
Die gibt es doch fast überall. Ein wenig Zeitvertreib? Konversation? Es schien, als habe er mir ein paar Köder hingeworfen. Ich hatte sie geschluckt.
Ich wollte es wissen, fühlte mich stark genug. Oh, die Versuchung.

Auf dem Weg zum Cafe, 1,5Stunden später nahm ich mich ins Gebet.
‚Du bist 43 und hast 12Pfund zuviel laut BMI. Du bist nicht Lady Marmalade.
Er ist einfach gelangweilt. Du bist  irgendwie exotisch. Anders.
Vom andren Ende  der Welt. Vielleicht tust du im leid. Erwarte nichts. ERWARTE NICHTS.
KEINE ENTTÄUSCHUNG.’
Als ich um die Ecke bog, sah ich ihn. Er lümmelte vor dem Cafe. Als er mir winkte, ignorierte ich es, als habe ich ihn nicht gesehen.  Langsam schlenderte ich an den Schaufenstern entlang und überlegte, ob ich den Rückzug antreten solle. Er machte mich verdammt nervös.
Das ist nicht gut. Gar nicht gut. Ich wollte cool sein. So wird das nichts.
Ich schlenderte die Strasse entlang und bog an der nächsten Ecke ab.
Weg vom Cafe. Ziellos ging ich durch das Kaff, versuchte mir klar zu werden, was ich eigentlich wollte.
Ich hatte keine Ahnung.
Es war dunkel, als ein Wagen neben mir hielt. Kurz nach zehn.
Bob.
„N’ Abend.
Kann ich dich mitnehmen?” begrüsste er mich jovial. Ich riss mich zusammen.
„Guten Abend. Danke. Aber, du weißt, es sind nur zwei Ecken bis zu meiner Pension. Lohnt sich nicht.“ entgegnete ich  betont freundlich.
„Lohnt sich nicht. Tja. Ich hab wohl verschissen bei dir. Das mit dem Pub  um Sieben  gilt solange du noch hier bist. Ehm, wie lange bleibst du noch?”
Fast bekam ich Schuldgefühle bei seinem Hundeblick. Er sah echt aus.
 Nicht gespielt.
„Sonntag.“ „ Hmm. Ich möchte mich wenigstens verabschieden. Samstag Abend. So sauer kannst du nicht sein, du solltest es nicht sein, das ist nicht gesund.“
„Wir Deutschen sind ein seltsames Volk.“
Er sah mich milde an. „Ja, das seid ihr. Ich hoffe, du überlegst es dir. Samstag.“
„Ich denke drüber nach. Aber wage ja nicht Luke mitzubringen, damit er sich auch verabschieden kann. Denn DAS ist bereits erledigt.“ Ich kicherte.
Er winkte  verschreckt ab.“ Liebe Güte. Wie kommst du auf so was... also...ich will dich nicht länger nerven. Gute Nacht.“ Ich nickte.“ Bob, falls wir uns nicht mehr sehen, danke für alles. Trotz allem. Mach dir keine Gedanken, es ist ok.
Du bist ein Arschloch, aber ein nettes.“
Er  runzelte  schuldbewusst die Stirn ,sah mich nachdenklich an, dann nickte Robert Veitch eine knappe Zustimmung  und  fuhr seiner Wege.

Wenig später war ich in meiner Behausung.
Eine grenzenlose Traurigkeit machte sich in mir breit.
Fast vier Wochen. Keine Story. Keine Erleuchtung.
Wenig erbauende Begegnungen mit Eingeborenen.
Ich tat mir selbst leid.
Hatte ich geglaubt meine Anfechtungen würden daheim bleiben?
Ich weinte ein wenig.  Um Luke und Bob. Und um Max Factor.
Um die Story, die ich hatte schreiben wollen.
Ich war mir so sicher gewesen, dass ich es hinkriegen würde.
Feigling. Versager. Feigling. Versager.
Als ich gerade anfangen wollte richtig zu weinen, klingelte das Telefon.
Ich starrte es verärgert an. Bob konnte es nicht sein. Es hörte auf.
Ich goss mir ein Glas Wein ein, mein Pendant zum Valium. Es klingelte wieder.
Es musste die Rezeption sein. Alles aus Deutschland kam per Mail.
Ich checkte meine Box  täglich.
Missmutig nahm  ich ab.“ Yes?“ knurrte ich in den Hörer.
„Hrrmm. Ich glaube ich störe…Verzeihung..”
„Wer ist da?“ bellte ich . “Ist das der Concierge? Was...“ “ Nein. ..“
“Verdammt, was soll das? Was wollen sie?“ fuhr ich den Mann am andren Ende an.
„Einen Deal.“ Erwiderte die sonore Stimme.
Ein Moment völlige Leere in meinem Kopf.
„Sind sie noch dran, Fremde?“
Hatte ich ihm gesagt, wo ich wohne??
Es war nicht die Zeit für banale Konversation.
„Wie sind die Bedingungen?“ wagte ich zu fragen.
„Inspirieren sie mich. Das ist alles.“
„Warum sollte ich und was bekomme ich dafür?“
„Was stellen sie sich vor?“ Damit hatte ich nicht gerechnet.
Was war das für ein Scheißspiel?
Spiel. Ich griff mir den Schläger und schlug den Ball zurück.
Ok. Ich bin dabei. Seine Verzweiflung schwang im Äther wie eine sachte Überladung.
„Inspirieren sie mich.“ wiederholte ich.
„Das war mein Text.“ meinte er irritiert.
„Richtig. Der Deal lautet: Inspiriere und werde inspiriert.“
Schweigen am andren Ende.
„Verarschen sie mich, Fremde?“ kam es schließlich zögernd.
Zum  ersten Mal hörte ich die unterschwellige Agression.
Sie richtete sich nicht gegen mich.
Er hatte Angst.
Ich wollte wissen warum.
Wovor.
„Nur, wenn sie mich verarschen, Fremder.“
Die Glätte in seinem Ton war zurück..
„Keine Rede. Gut. Wenn es ihnen ernst ist, kommen sie morgen früh um Neun ins Cafe. Ich lade sie zum Frühstück ein. Ziehen sie nicht so eine Nummer ab wie heute Abend. Sie hätte wenigstens vorbeigehen und Hallo sagen können, anstatt zu tun, als haben sie mich nicht gesehen. Das war unhöflich. Sie sind ein launisches Miststück. “
Womit er Recht hatte.
Dazu  fiel mir nichts ein außer: „ Gute Nacht.“ Dann legte ich auf.

Jetzt lachte ich.
Ich kicherte und gluckste über die absurden Wendungen, die das Leben sind.
Ich lachte über mich und Luke und Bob und den Anrufer und diese Reise, mit der ich vor mir selbst geflohen war und mich genau dort wiederzufinden.
Bei mir selbst.
Dann leerte ich die Flasche Chardonnay und schlief ziemlich gut.

                   weiter