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Teil 3
Sie saß mit ihm im Käfig für den Rest der Nacht; die Wunde in seinem Gesicht tränkte ihr Hemd. Colin hatte seinen Kopf in ihren Schoß gelegt und beobachtete die schmutzigen Zombies – einige von ihnen sahen aus, als wären sie schon seit geraumer Zeit nicht mehr unter den Lebenden – die unter ihnen die Arena aufräumten, Schweine scheuchten, große Katzen und Dingos fütterten. Ihre Hände streichelten sein goldenes Fell, über seinen Kopf und seine rotbraunen Ohren. Wäre er eine Katze gewesen, hätte er geschnurrt. Sie hörte auf, als ein Wächter kam, der ein Gefäß mit Obst und eines mit Wasser in den Käfig stellte. Er jaulte leise und forderte nach Hundeart mehr Streicheleinheiten. Der Mond war auf seiner Bahn weiter gezogen und Colin fühlte seinen Sog langsam verschwinden. Er war noch in seiner Wolfsform und kauerte neben ihr, bis die Wächter endgültig verschwunden waren. Er knurrte, als man den Wasserbehälter entfernte. Dunkelheit und Ruhe umfing beide, sogar die Schlachttiere ließ man für den Rest der Nacht in Ruhe. Er entglitt ihrer Umarmung und stand auf, in der Dunkelheit war seine Bewegung kaum wahrzunehmen. Sie gab ihm Selbstvertrauen, Hoffnung. Sie sah auf zu ihm, und sagte voller Bewunderung: „Du bist.... schön.“ „Sag so etwas nicht. Das schürt nur Hoffnung, die wir nicht haben.“ „Nein, du irrst dich.“ „Ich bin nicht schön.“ „Das denkst du nur, weil niemand bisher dein wahres Ich gesehen hat. Du bist nicht die Bestie, die sie da unten verehren.“ „Wie kannst du das wissen?“ „Du hättest mich umgebracht, wenn du wirklich so eine Bestie wärst.“ „Das hätte ich tun können, und könnte es immer noch tun.“ „Das würdest du nicht tun, das könntest du nicht.“ Sie saßen sich für einen Moment in unangenehmem Schweigen gegenüber. „Ich denke nicht, dass sie uns heute noch auf ein Klo lassen.“ Er lachte kurz: „Nein, ich denke, es wäre besser, du lernst zu zielen.“ „Igitt, du meinst, wir müssen... über den Rand des Käfigs?“ „Ja. Deine Scheu davor wird sich schnell verlieren. So wie meine.“ Sie schaute nach unten. Ein Metallsteg kam von unten her nach oben zu einem weiteren, der zum Käfig führte. Sie erkannte einen Teil der Arena und die verschiebbaren Tribünen ganz unten. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken. Es muss doch genau auf die ... wenn man wirklich gut zielt... man könnte glatt jemanden auf den Kopf treffen.... „Du scheinst dich ja daran gewöhnt zu haben, aber ich glaube nicht, dass ich das kann.“ „Ich hoffe, du brauchst dir darüber keine Sorgen zu machen.“ „Was meinst du?“ „Ich glaube, ich habe eine Idee, wie wir hier herauskommen.“ ********** Die Nacht wich dem nächsten Tag, aber die gewohnte Routine kehrte nicht wieder zurück. Sie versteckte sich den größten Teil des Tages im Bett, nachdem sie Stück für Stück ihr Hemd zerrissen hatte. Die Bediensteten ließen sie nicht heraus, wie Colin vorhergesagt hatte, und sie war jedes Mal peinlich berührt, sagte ihm jedes Mal, er sollte sich abwenden. „Ich habe mich noch nie so geschämt in meinem Leben,“ sagte sie. „Weißt du, wenn du einfach...“ „Dreh’ dich nicht um!“ „Entschuldigung. Ich denke, es war einfacher für mich, weil ich allein war.“ „Das macht es auch nicht leichter für mich. Sie hätten uns wenigstens Klopapier geben können.“ „Jetzt weißt du, warum ich stinke wie ein Plumpsklo.“ Der Lärm aus der Arena unter ihnen deutete an, dass ein weiterer Kampf heute Nacht anstand. Es war nicht ungewöhnlich, dass sie an zwei aufeinanderfolgenden Abenden stattfanden. Heute würde er es versuchen... würde er was versuchen? Er wusste noch nicht genau, was er machen würde, aber etwas würde heute geschehen, musste heute geschehen. Er musste es wenigstens versuchen. An diesem Tag stand eine Reihe von Kämpfen an, eine Hundemeute tötete ein Pferd, dann einen Mann und einige Dachse, ein riesiger Panther tötete die Hunde und noch einen weiteren Mann, wurde gegen einen Tiger gehetzt und letztendlich noch gegen einen jungen Bullen. Dieser endete, weil er sich mit seinen Hörnern im Draht verhedderte, der die Arena umgab, und sich dabei selbst das Genick brach. Für Colin war der Panther keine Herausforderung, ganz gleich, wie groß dieser auch war. Als sein Käfig in die Arena herabgelassen wurde, hatte er seine Verwandlung schon vollzogen; die Menge tobte. Colin beobachtete sehr genau, welche Riegel und Verschlüsse bewegt wurden, um den Käfig herabzulassen und welche für das Zusperren benutzt wurden. Das Geschrei und Gebrüll des Publikums verstummte, als sie ihn diesmal sahen. Er saß in der Mitte, als einfacher Wolf, nicht als die Kampfmaschine, die sie gewohnt waren. Er hörte ein „Ping!“ und das leise Geräusch eines Drahtes, der durch ein Öhr gezogen wurde. Eine Ecke des Käfigs fiel herunter und der Rest der Wände fiel wie Dominosteine auseinander, sie schlugen hart auf den Boden und verschwanden in ihm. Das Publikum verharrte in gespannter Stille. Der Panther erblickte Colin, ihre Augen trafen sich, keiner von beiden wich zurück. „Was um alles in der Welt macht er da?“ Cane beobachtete die Szene aus seiner sicheren Loge. Seine Hände ballten sich zu Fäusten und er wurde rot vor Zorn. Der Panther starrte Colin an, dieser starrte zurück, als würde er in der Hundeschule auf einen Befehl warten. Sie stand hinter ihm, starr vor Angst und nicht wissend, was sie tun sollte. Cane griff einen seiner hirnlosen Diener am Kragen und brüllte ihn an: „Was zum Teufel macht der da? Was soll diese Brave-Hündchen-Nummer?“ Sein Gesicht war rot, sein Mund zu einem schmalen Strich zusammengezogen. Seine Ohren wurden spitz, kleine, dicke Hörner wuchsen aus seiner Stirn – in seinen Augen spiegelte sich das Feuer der Hölle. „Für diese Unverschämtheit bekommen sie in der nächsten Woche nichts zu essen!“ Der Wolf und der Panther standen Kopf an Kopf und starrten sich weiterhin an; Colin spielte kurz mit dem Gedanken, die Katze zu hypnotisieren. Der Panther fauchte und versuchte, Colin zurückzutreiben, aber der rührte sich nicht. Das Publikum schwieg entgeistert, er hatte ihnen den Wind aus den Segeln genommen. Er konnte hören, wie Cane vor Wut in seiner Loge tobte. Der Panther wich nicht zurück, so ging Colin auf ihn zu. Die Katze fauchte und schlug warnend mit der Pfote. Er hob immer noch nicht den Blick, sondern starrte der riesigen Katze weiterhin in die Augen. Er näherte sich langsam dem Panther, ganz langsam, Schritt für Schritt. Die Katze setzte sich und fauchte noch ein Mal. Sie sahen sich jetzt direkt in die Augen, ihre Schnauzen berührten sich beinahe. Die Katze maunzte protestierend, Colin knurrte; sie starrten sich aber weiterhin nur in die Augen. Er zeigte seine Zähne – die Katze wich zurück zur Wand. Das Publikum wusste nicht, was geschah, mochte aber auch diese Show. Sie begannen wieder mit ihrem Geschrei. Colin knurrte den riesigen Panther noch ein Mal an und drehte sich um, kratze im Schmutz des Arenabodens und traf die Katze damit ins Gesicht. Er trottete zurück zur Plattform, auf der die Frau immer noch stand. Sein hellbraunes Fell leuchtete – er war stolz auf sich, er hatte nicht gekämpft. Er setzte sich zu ihren Füßen und schaute zu ihr auf. Die Lampen der Arena hinter ihr verliehen ihr eine leuchtende Aura – sie sah aus wie ein Engel, ein Engel. Ja, Hunde können wirklich lächeln. ********* Der nächste Tag verging und wich der nächsten Nacht. Die Leute aus dem Schlachthaus verließen die Hallen, die Tiere waren gefüttert – es setzte eine friedhofsgleiche Ruhe ein. Zeit zu gehen, der Wassernapf wurde gebracht; sie trank aber nur wenig und fühlte, wie ihr Magen vor Hunger laut knurrte. „Eine Frage,“ Colin sprach den Wärter an, der roch, als hätte er Schweine zerteilt. „Ich darf nicht mit dir reden.“ „Ich weiß, ich brauche nur...“ flüsterte er und der Mann trat dichter an ihn heran. „Einen kleinen Tipp.“ Der Mann schaute Colin misstrauisch an. „Was willst du wissen?“ Colin räusperte sich. „Nun ja, da ich bin, wer ... ähem - was ich bin,“ der Mann trat näher an Colin heran, Colin machte einen Schritt auf ihn zu, so dass sie beinahe Ohr an Ohr standen, „Ich hab noch nie, weißt du.“ Er zeigte vage mit der Hand in ihre Richtung. Mit einem breiten Grinsen zu der jungen Frau hinüber antwortete der Wächter „Oh, du hast noch nie du-weiß-schon-was gemacht?!“ „Ja,“ antwortete Colin mit gespielter Scham. Der Mann lehnte sich gegen die Gitterstäbe des Käfigs. „Nun, dann solltest du...“ Colin ließ seine Hand vorschnellen und ergriff den Mann am Hals, schlug den Schädel gegen die Gitterstäbe und setzte den Wächter so außer Gefecht. „Beeil dich, greif dir seine Hosen!“ Sie sah vorsichtig auf: „Was?“ „Seine Hosen. Greif dir seine Hosen!“ schrie er sie an. Sie sprang hinüber und zerrte an dem leblosen Körper. Colin hielt den Mann noch in die Höhe, aber seine durch die Stäbe verdrehten Arme konnten die Last nicht mehr lange halten. „Beeile dich!“ Sie fummelte, zerrte und kicherte; der Mann entglitt Colin eben in dem Moment, als sie die Hose in Händen hielt. Der Körper fiel weit hinunter, man hörte, wie er hart auf etwas metallisches fiel. Colin zog die verdreckte Arbeitshose an, die zu eng und feucht war. Er ging zu der Ecke des Käfigs, in dem sich die Lücke befand, durch die die Wächter die Essensrationen schoben, die Ecke, die beim Öffnen des Käfigs in der Arena als erste zu Boden fiel. Er schob seinen Arm so weit es ging zwischen den Stahlstreben nach oben und tastete über die äußere Ecke des Käfigs. Er wusste, dass sich dort etwas befinden musste, er hatte beobachtet, wie die Bediensteten dort etwas bewegten, um etwas anderes zu lösen. Es fühlte sich alles an wie Stahlplatten mit schweren Bolzen – aber plötzlich fanden seine Finger etwas anderes. Eine kleine stählerne Nadel, die wie eine Mausefalle das Schloss des Käfigs zusammen hielt. Alle Stahlstangen waren mit einem Drahtgeflecht verbunden, das mitsamt der Hauptkette in der Dunkelheit über dem Käfig verschwand. Die Konstruktion machte den Eindruck, dass, wenn man vorsichtig und langsam den Verschluss öffnete, alle Stangen einzeln herausnehmen konnte. Er versuchte sich näher an die Stahlnadel heran zu tasten, als sie näher kam und sehen wollte, was er vorhatte. „Was ist dort oben?“ „Eine Art Nadel, ich komme nicht ganz...“ In diesem Moment schnappte die Nadel zur Seite und der Draht, der alles zusammenhielt, schoss durch die Ösen der Stangen und riss den Käfig auseinander. Der Boden unter ihren Füßen gab nach und sie konnte Colin im letzten Augenblick ergreifen, baumelte plötzlich an einem seiner Beine über der Arena weit unter ihnen; er konnte sich nur mit viel Mühe an der kalten glatten Stahlecke festhalten, die vor einer Sekunde noch den Verschluss bildete. Die Einzelteile des Käfigs stürzten in die Tiefe und rissen alles mit sich, was ihnen den Weg versperrte. Ein ohrenbetäubender Knall beendete den Fall, der Aufschlag zerstörte die halbe Arena. „Meinst du, die werden das bemerken?“ fragte er mit einem Grinsen, als sie wie zwei Fische an der Angel über der Arena hingen. „Mir fällt da gerade was ein...“ „WAS??“ Du hast mir nie deinen Namen gesagt,“ war seine prompte Antwort, und er musste sich ein Lachen verkneifen, um nicht vollends den Halt zu verlieren. „Angel.“ Angel – ENGEL sein Griff löste sich und sie fielen hart auf den Rest eines der Laufgänge. Er starte sie für einen Moment an, vollkommen verblüfft von ihrer Antwort. Die Nachtwache hatte ohne Zweifel den Krach gehört – laute Schritte kamen rasch näher. „Und ich soll ich dich wohl Wolfsmann nennen?“ fragte sie verärgert. „Colin.“ Er strich zärtlich über ihre Wange, aber im nächsten Augenblick waren sie schon auf der Flucht, sie rannten in die Richtung, aus der man keine Schritte hören konnte. Sie liefen nach unten, kamen durch unterirdische Viehställe, der Gestank der Schweine stach in ihren Lungen. Vorbei an Pferchen, in denen Rinder mit gebrochenen Knochen lagen, vorbei an Ställen mit halbverhungerten Pferden, vorbei an geschlachteten und halbierten Tieren und riesigen Bottichen mit Abfällen, die am nächsten Tag verarbeitet werden sollten. Sie liefen, bis sie in ein eher menschlicheres Umfeld kamen: Sie liefen in einen Aufenthaltsraum, in dem Kaffee kochte. Colin fand einige Jacken und warf ihr eine davon zu. „Heißt du wirklich Angel?“ fragte er, als er sich rasch durch Schränke und Spinde wühlte. „Eigentlich Angela, aber nenne mich bitte nicht Angie.“ Er verharrte in seiner Bewegung und sah sie an, „Angel,“ – er schnüffelte und nahm die Witterung der Verfolger auf – „Sie kommen, wir müssen uns verstecken.“ Die Bediensteten - der Boss hatte sich ihrer aller mit Leib und Seele bemächtigt, sie versklavt und verprügelt - waren allesamt nicht die Hellsten. Keiner von ihnen hatte je erwartet, das die Tiere hier den Aufstand proben könnten und so waren nur vier Mann für die Nachtwache des gesamten Gebäudes eingeteilt. Die vier Männer kamen nun den halb zerstörten Laufgang entlang und sahen die Stahlkette ohne den Käfig von der Decke hängen. OH SCHEIßE, Das riecht nach Ärger – zu diesem Schluss kamen alle gleichzeitig. Sie sahen sich an und es dämmerte ihnen, dass der Wolf nun frei war – niemand von ihnen wollte ihm in der Dunkelheit des nächtlichen Schlachthauses gegenüberstehen. Sie sprinteten in die Richtung ihres Aufenthaltsraumes. Einer von ihnen, Burt, rief den Boss an und hinterließ die dumme Nachricht, dass der Werwolf entwischt war. Sie wollten ihre Jacken greifen, als – Ihre Jacken waren verschwunden – dann schaut in die Spinde. Angel stand in dem Spind, bekleidet mit der gesuchten Jacke. Burt hätte sie ihr einfach vom Leib gerissen, aber neben ihr leuchteten zwei Wolfsaugen im Schatten des Schrankes. Es bedurfte nur eines leisen Knurrens und die Männer nahmen ihre Beine in die Hand und rannten um ihr Leben. „Ich denke, damit wären wir alleine hier,“ sagte Angel. Der Wolf wurde wieder zu Colin, der aus seiner Jackentasche Schlüssel hervorkramte, und beide machten sich auf den Weg, einen Ausgang aus dem Schlachthaus zu finden. „Du weißt nicht zufällig, wie wir hier herauskommen?“ fragte Colin. „Nicht wirklich, sie hatten mir die meiste Zeit einen Sack über den Kopf gezogen. Alles was ich sah war ein Büro.“ Sie liefen und liefen, aber das Gebäude war menschenleer. Alle Wege schienen in Sackgassen zu enden, ein einzelnes hohes Fenster zeigte die schwarze Nacht, die draußen herrschte. Ihre Anwesenheit machte die gefangenen Tiere nervös, Kühe muhten, Schweine quiekten vor Hunger. Angel hatte eine Idee: Sie öffnete die Verschläge und Türen und ließ die Tiere frei. Sogar einige der Bären, Katzen und Hunde für die Kämpfe – alles, an dem sie vorbei liefen, wurde herausgelassen. Sie liefen den Tieren hinterher – wie Ratten auf dem sinkenden Schiff fanden sie instinktiv immer den Weg nach draußen. Sie kamen an ein riesiges Tor, das Colin durch einen Knopfdruck öffnete – und der Inhalt der Arche Noah ergoss sich in die Nacht. Ein Auto stand etwas abseits; die Schlüssel, die Colin in der Jacke gefunden hatte, passten und sie waren auf und davon. Cane war natürlich nicht sonderlich erfreut darüber die Nachricht zu erhalten, dass seine Altersvorsorge entwischt war und sich niemand darum gekümmert hatte, den Wolf wieder einzufangen. Die vier Wachleute beendeten ihr Leben in den Mägen von sehr hungrigen Raubtieren. Canes Äußeres war wieder einmal teuflisch-rot, Ziegenbart und –hörner zierten sein wutschnaubendes Gesicht, als er noch ein paar andere seiner Bediensteten in siedendes Öl warf und ihre ohnehin verdammten Seelen in die Ewigkeit der Hölle schickte. Es würde andere hirnlose Gestalten geben, die ihre Stellen einnehmen würden. ******** Colin und Angel fuhren, bis das Auto den Geist aufgab. Sie trampten weiter, in Richtung Norden, erklärten ihren seltsamen Aufzug damit, daß sie auf der Flucht vor Kopfgeldjägern einen Abwasserkanal hatten durchqueren müssen. Er beklaute den letzten der Fahrer, der sie mitnahm, und sie hatten genug für Essen, Sex, eine Dusche und Kleidung, am Ende war noch genug übrig für eine Rasur und einen Haarschnitt für Colin. „Oh großer Gott,“ meinte Angel, die zufrieden und frisch gewaschen auf dem Bordstein saß und an einem Sandwich kaute, als Colin um die Ecke bog, sein neues Hemd in seine neuen Jeans schob. „Koteletten?“ „Ich fühle mich soooooooo viel besser,“ sein Grinsen strahlend wie der Sonnenschein. „Die Pomade vergessen?“ „Ich habe ernsthaft darüber nachgedacht...“ Sie fuhren den ganzen Tag, bis sie spät am Nachmittag am Ende des kleinen Weges, der zur Farm von Colins Vater führte, vom Fahrer eines Lastwagens abgesetzt wurden. Es waren nur ein paar Schritte bis zum Haus. Känguruhs und drei alte Schafböcke auf der nahen Weide, die das letzte trockene Gras fraßen. Ein Kookaburra krächzte in der Ferne. Sein Vater war nicht zu sehen, niemand begrüßte sie. Vielleicht war ja etwas passiert, vor all den Monaten war er ja auch nicht ans Telefon gegangen. Was war passiert? Die Zäune waren kaputt, die Schafe nicht geschoren, Türen und Fenster des Hauses standen weit offen. Colin ergriff Angels Hand und mit pochendem Herzen ging er auf die Veranda zu. „Hey! Wer ist da?“ ertönte eine Stimme aus dem Haus. „Ich bin’s, Colin.“ „Colin?“ Die Stimme seines Vaters. Sein Herz schlug langsamer. Cam O’Brian kam humpelnd zum Eingang und stützte am bunten Glas der Tür ab. „Großer Gott, ich dachte schon, diese kleine Ratte hätte dich erwischt.“ Sein Arm schien noch nicht wieder gesund zu sein, ebenso wie sein Bein. Ein Nerv war verletzt und nie richtig geheilt. „Kommt schon endlich herein.“ Colin nahm den Arm seines Vaters und führte ihn zurück ins Wohnzimmer, zurück zu seinem Lieblingssessel. Hat sich einiges verändert hier, das letzte Mal, als ich hier war, brauchte ich Hilfe. Was ist passiert?“ „Da kam so ein Bastard, gleich nachdem du und die hübsche kleine Midori verschwunden waren, er behauptete, das er ihr Mann war.“ „Oh der. Das erscheint mir schon so lange her zu sein, aber das ist es nicht, oder? Sie sind beide tot.“ Colin deckte seinen Vater mit einer Decke zu, die schon vor langem ihre Farbe verloren hatte. „Ich kann mich nicht mehr so bewegen wie früher, mein Sohn. Der Kerl hätte mich beinahe geschafft, hat mich heftig zusammengeschossen.“ Er rückte sich in eine angenehmere Position auf dem Sessel. „Ich würde gerne für ein paar Tage bleiben, wenn ich darf,“ fragte Colin. „Klar kannst du hier bleiben. Du bist immer willkommen, das weißt du auch. Ich wünschte, du würdest öfter herkommen.“ „Man hat erfahren, was ich bin, darum muss ich mich verstecken.“ Cam sah seinen Sohn an, schien beinahe schockiert, lehnte sich dann aber zurück und schloss die Augen. „Bei so einem jungen Kerl wie dir musste das ja eines Tages passieren. Ich habe dir ja immer gesagt, du hast viel von deiner Mutter. Diese Wanderlust musste dich ja früher oder später in Schwierigkeiten bringen. War einfach vorherbestimmt.“ „Das hast du schon vor langer Zeit gesagt.“ „Ich hoffe, du hattest wenigstens einen glorreichen Abgang.“ Colin lächelte. „So kann man das sagen.“ „Unsere Ahnen aus vier Jahrhunderten wären stolz auf dich.“ Der Vater nahm seine Hand. „Es ist gut, dich wieder zusehen, mein Sohn.“ Angel betrachtete in der Küche die Fotos neben dem Kühlschrank, die Cam von sich selbst gemacht hatte, während sich die Männer unterhielten. Ein Bild von Colin und ein Familienportrait waren unter anderen Fotos halb verborgen. Plötzlich fühlte sie Colins warmen Atem auf ihrem Genick und erschauderte. „Wollte dich nicht erschrecken.“ „Du hast mich nicht erschreckt. Das fühlte sich einfach nur gut an.“ „Wirklich? Soll ich weitermachen?“ Er drehte sie zu sich um und platzierte sie auf der Anrichte, stahl sich einen Kuss, der nach mehr schmeckte. Sie begann sich aus seiner Umarmung zu lösen. „Dein Vater sitzt nebenan.“ Er fummelte an den Knöpfen ihrer Bluse. „Er hat sich selbst in den Schlaf geredet.“ Ein Kuss, noch ein Kuss... „Er schläft wie ein Bär im Winter.“ Sie befreite sich aus ihren Jeans und er zwängte sich zwischen ihre Schenkel, vergrub sich in ihr und hielt sie fest, grummelte ein wölfisches Hecheln ihn ihr Ohr. Sie schlang ihre Beine um seinen rhythmisch zuckenden Körper wie die Spinne, die ihre Beute frisst, er pumpte in sie hinein. In all ihrer Leidenschaft fanden sie doch noch den Weg in ein anderes Zimmer, fielen auf ein Bett und ließen erst wieder von einander ab, als ihre Körper zu keiner Bewegung mehr fähig, ihre Seelen voll von einer Leidenschaft waren, die sie für immer aneinander band. Er hatte seit vielen, vielen Jahren nicht mehr so friedlich schlafen können – und er träumte endlich von Engeln. Sie kamen herab aus einem unglaublich blauen Himmel, leuchteten golden und hatten blendend weiße, weiche Flügel. Er sah sich als Wolf, in einer weiten offenen Landschaft, der Horizont war weit und er fühlte sich, als würde nichts unmöglich sein. Aber er versuchte nicht mehr, den Horizont zu erreichen wie früher; sonst war er vor allem und jedem davon gelaufen und fand nie das, wonach er suchte. Alles was er brauchte, alles was er wollte, war nun zum Greifen nah. Also rannte er nicht mehr davon. Einer der Engel kam zu ihm, streichelte seinen Kopf und hauchte einen federleichten Kuss auf seine Stirn. Das Feuer in seinen Augen erlosch und wurde zu einem ruhigeren, kühleren Grün, die schwarzen Wolken in seiner Seele lösten sich auf. Der wütende Werwolf war verschwunden, sein Herz war endlich frei. Als er erwachte, fand er sich in Angels Armen, die ihn wie eine Mutter an sich drückte, die ihr verlorenes Kind endlich wieder in den Armen halten konnte. Er klammerte sich an sie wie an einen Rettungsring. Er würde sie nie wieder gehen lassen. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre. Regen lies das Leben der Farm wieder erblühen in einer vergessen geglaubten Pracht. Die Schafherde wuchs wieder, und man konnte von ihrem Ertrag leben. ******* Der Vollmond kletterte über den Horizont und überstrahlte die Sterne. Wolken verschwanden und die stille Farm erglühte in magischem Licht. Angel saß entspannt in einem Sessel und las in einem Buch. Ein kleines Kind spielte bei ihren Füßen, es zog am Schwanz eines großen braunen Wolfs mit weichem silbrigem Fell und grünen Bernsteinaugen, der neben ihr auf der Erde lag. Das Kleine krabbelte auf seinen Rücken, zog an den Wolfsohren und lies ein quietschendes Kuscheltier immer wieder auf die Wolfsnase hinabsausen. Ein weiterer Wolf lag vor dem wärmenden Kaminfeuer, alt und vom Leben gezeichnet, das Fell im Gesicht weiß, der ehemals dunkle Körper von weißen Härchen wie mit Mehl bestäubt – es wirkte wie die Auszeichnung für ein langes, hartes Leben. Angel nahm ihren Sohn auf den Schoß, gab ihm ein Plüschhündchen und wendete sich wieder ihrem Buch zu. Sie würde sie nie verlassen, wie es alle anderen getan hatten. Sie war ein Engel; ein Engel, der über sie alle wachen würde. |
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