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21.a Das Lied der Sirene,
Teil I - 180 A.D.
Alles Blut wich so vollständig aus Apollinarius' Zügen, daß seine Haut
kalkweiß erschien. Trotz seiner achtundvierzig Jahre und seines weißen
Haares wirkte Apollinarius jünger als viele andere Männer seines Alters. Nun
schien er vor meinen Augen zu altern. Die Linien um seinen weit
aufgerissenen Mund, auf seiner hohen Stirn und in den Augenwinkeln
vertieften sich so sehr, daß sie - zusammen mit der kalkweißen Farbe - sein
ansonsten ansprechendes Gesicht in etwas verwandelten, das eher einer
grotesken Theatermaske glich.
"Du bist verrückt ... " flüsterte er.
Ich erwiderte seinen Blick höflich, jedoch mit mäßigem Interesse.
"Du bist verrückt ... " wiederholte er lauter. "Verrückt!"
Apollinarius' Finger umklammerten krampfhaft den Becher, den er in der Hand
hielt. Er kippte eilig einige Schlucke des Zitronenwassers hinunter,
verschluckte sich und hustete heftig. Er stellte den Becher mit Nachdruck
auf den Tisch, hustete nochmals und wandte sich dann wieder mir zu - die
Augen feucht und gerötet.
"Das ist Wahnsinn ... " keuchte er. "Wahnsinn!"
Ich zuckte nur mit den Schultern.
"Du hast wahrscheinlich recht ... aber wenn es Dich beruhigt - es wird bald
vorüber sein ... "
Seine Augen traten so weit hervor, daß sie aus den Höhlen zu springen
drohten. Ich hatte Mitleid mit ihm und tätschelte zärtlich seine Hand.
"Nur noch ein paar Tage und Proximo wird kommen, um Maximus zu holen ... Nur
noch ein paar Tage und ich werde nach Rom gehen ... Du bleibst besser hier,
bis alles vorüber ist ... "
Apollinarius schüttelte meine Hand ab und sprang auf.
"Ich will nichts davon hören! Ich weigere mich, a-an diesem ... diesem ...
Wahnsinn teilzunehmen! Du ... D-Du bist nicht bei Sinnen, Julia!"
Ich antwortete mit einem gemeinen Lachen und hatte die Genugtuung, ihn
zusammenzucken zu sehen. Apollinarius pflegte zu sagen, daß allein dieses
Lachen ausreichte, um meinem Gegenüber den Garaus zu machen - aber bisher
war niemals er das Opfer dieses Lachens gewesen.
"Du bist nicht bei Sinnen!" wiederholte er, bemühte sich jedoch nun, mich zu
besänftigen. Aber ich war ganz und gar nicht in der Stimmung, mich
besänftigen zu lassen. Vor sechs Jahren hatte Marcus Aurelius mir gesagt,
ich sei nicht bei Sinnen, als ich versuchte, meine eben erlangte Freiheit
gegen die Möglichkeit einzutauschen, bei Maximus bleiben zu dürfen. Nachdem
es mir also nicht gelungen war, ihn vor Commodus und vor sich selbst zu
retten, nachdem es mir wieder und wieder nicht gelungen war, sein Herz so
weit zu rühren, daß er weiterleben wollte, nachdem ich als Frau und als Hure
versagt hatte, wollte ich dem Leiden und der Einsamkeit nur noch auf eine
ehrenvolle und sehr römische Weise ein Ende bereiten. Und Apollinarius
behauptete, ich sei nicht bei Sinnen ... Wie kam es, daß, wenn ich offen
sagte, was ich in meinem Innersten empfand, ansonsten völlig vernünftige
Männer behaupteten, daß ich nicht bei Sinnen sei? Ich empfand das als eine
ziemliche Beleidigung.
Apollinarius nahm alle Kraft zusammen, um sich wieder unter Kontrolle zu
bringen, und machte einen neuen Anlauf.
"Julia ... laß uns das besprechen. Wir ... wir werden eine Lösung finden ...
"
Ich bedachte ihn mit einem spöttischen, bösartigen Grinsen. Normalerweise
bin ich weder gemein noch bösartig. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht
war ich von Sinnen.
"Besprechen? Eine Lösung finden? Tu mir einen Gefallen und laß mich allein,
mein Lieber!"
"Julia ... "
"Ich hätte es vor sechs Jahren tun sollen! Ich hätte es in jener Nacht in
Moesia tun sollen, als ..."
Ich konnte gerade noch rechtzeitig verhindern, daß mir über die Lippen kam,
was nach meinem eigenen Entschluß ganz allein meine Bürde sein und bleiben
sollte, ein Geheimnis, das ich mit ins Grab nehmen wollte. Daß ich bereit
gewesen war, meine Freiheit für die Möglichkeit aufzugeben, Maximus' Sklavin
zu werden.
Ich rieb mir müde das Gesicht.
"Ich hätte es vor sechs Jahren tun sollen", wiederholte ich mit hohler
Stimme. "Nun laß mich einfach nur allein ... "
Aber Apollinarius weigerte sich, dem, was ich sagte, Beachtung zu schenken.
"Julia! Julia, hör mir zu ... " bohrte er weiter. "Du bist müde und
durcheinander ... "
Müde? Durcheinander? O ja, ich war müde. Und ziemlich durcheinander.
Mein ehemaliger Lehrer fuhr fort: "Julia, der Tod ist keine Lösung ... "
"Ach, wirklich?" fuhr ich ihn an. "Wenn das so ist, warum hörst Du dann
nicht auf, meine Zeit zu vergeuden, und erklärst das Maximus? Vielleicht
wird er ja auf Dich hören! Du bist doch der perfekte griechische
Lehrer und ich nur eine dumme Hure!"
Apollinarius erstarrte und ballte die Hände zu Fäusten. Nun war er es, der
wirklich wütend war. Sehr wütend. Mit dieser schockierend sinnlosen
Klarheit, die sich absurderweise in Augenblicken extremer Krisen
einzustellen pflegt, erkannte ich, daß er aussah, als würde er mich jeden
Moment schlagen. Mir kam der Gedanke, wie es wohl wäre, von einem Freund und
einem Linkshänder geschlagen zu werden.
Während meiner Jahre als Hure war ich mehrmals geschlagen worden, meistens
von Turia. Sie liebte es, mich zu schlagen, und sie genoß es, so wie sie
alles genoß, was ihr ein Gefühl von Macht über mich gab. Aber Turia war
immer sorgsam darauf bedacht gewesen, mich nicht zu verletzen, denn mein
Gesicht war zu kostbar, um entstellt zu werden, und sie war sich völlig
bewußt, daß - sollte dies auch nur aus Versehen passieren - die Hölle für
sie losbrechen würde. Der Senator war nicht so vorsichtig gewesen und hatte
Cassius Wut nicht fürchten müssen, denn es war Cassius, der um einen
Gefallen buhlte, indem er ihm die Jungfräulichkeit seines lieben kleinen
Mädchens anbot. So hatte er mich mit äußerstem Vergnügen geschlagen, als ich
- trotz meines Trainings - gegen ihn aufbegehrt hatte, und der Genuß war um
so größer, als vergewaltigen und verletzen mehr befriedigen, als einfach nur
zu nehmen. Es hatte noch andere gegeben, denn keine Hure ist sicher vor
dieser Art von Behandlung, ganz gleich wie schön und wertvoll sie ist, aber
keiner von ihnen war ein Linkshänder gewesen - oder ein Freund.
Und Apollinarius war beides.
Mein ehemaliger Lehrer mußte bemerkt haben, daß ich die in ihm kochende Wut
wortlos zur Kenntnis genommen hatte, denn er bemühte sich sichtlich, seine
Gemütsaufwallung unter Kontrolle zu bringen.
"Julia, Du hast es geschafft, Maximus hierher zu bringen - trotz Proximos
anfänglicher Weigerung. Du hast es geschafft, ihn aus Rom wegzubringen! Du
kannst ihn immer noch retten!"
Ich heftete meinen Blick auf die gestreifte Markise über meinem Kopf.
"Du mußt stark sein, Julia! Kämpfen! Kämpfe, Julia! Eine Niederlage
hinzunehmen ist nicht Dein Stil, Julia! Kämpfe um Maximus! Kämpfe um
Deine Liebe!"
Jetzt war es an mir aufzuspringen und ich tat es mit der gleichen
Schnelligkeit, mit der ich mich auf die Wachen gestürzt hatte, als diese
Maximus beleidigten.
"Stark sein? Kämpfen? Kämpfen? Verdammt, Apollinarius!"
Er zuckte über die Gehässigkeit in meiner Stimme zusammen, weigerte sich
jedoch, klein beizugeben.
"'Werd mir jetzt nur nicht ohnmächtig, Julia!' 'Du mußt stark sein, Julia!'"
kreischte ich und äffte dabei unbewußt Maximus' Worte nach, mit denen er
mich beschworen, nachdem ich Cassius getötet hatte. Ich war vor Entsetzen
wie gelähmt gewesen, und er hatte mich hart angepackt, damit ich ihm half,
seinen Plan durchzuziehen.
Jetzt war ich weder gelähmt noch entsetzt. Statt dessen war ich völlig klar
und wütend. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so wütend gewesen
zu sein. Nicht einmal an jenem stürmischen Nachmittag am Strand, als ich
Olivia so lästerlich verfluchte. Nicht einmal als ich mich so bitterlich bei
Maximus beklagte, daß er meinen Brief nicht beantwortet hatte.
"Sei stark? Kämpfe? Wie kannst Du es wagen, mir zu sagen, daß ich
stark sein und daß ich kämpfen muß? Ausgerechnet Du? Du, der Du an meiner
Seite lebst und mich jeden einzelnen Tag meines verfluchten Lebens kämpfen
siehst? Wie kannst Du es wagen?"
Ich war so wütend, so außer mir, daß mich die Gewalt dieser Wut erzittern
ließ. Ich trat ganz nahe an Apollinarius heran. Diesmal war er klug genug,
sich zurückzuhalten, und er versuchte nicht, mich zu beschwichtigen, sondern
erlaubte mir statt dessen, meinen Zorn an ihm auszulassen.
"Sei stark? Kämpfe? Bin ich jemals etwas anderes gewesen als stark ? Habe
ich jemals etwas anderes getan als zu kämpfen? Ich bin es müde, stark zu
sein! Ich bin es müde zu kämpfen! Hörst Du mich? Ich bin müde! MÜDE! Ich
will nicht mehr kämpfen! Ich will nur noch Ruhe! Ich bin so ... so ... müde
... "
Nach diesem Wutanfall war ich so erschöpft, daß ich mich auf die Lesecouch
zurückfallen ließ und die Augen schloß, während es in meinen Schläfen
schmerzhaft hämmerte und ich den bitteren und ekelerregenden Geschmack von
hilfloser Wut und Versagen kostete.
Ich spürte Apollinarius' Aufregung, ignorierte ihn jedoch hartnäckig,
versuchte, das Leben und die Welt gleichzeitig mit dem Sonnenlicht
auszusperren. Warum konnte er nicht einfach gehen und mich allein lassen?
Warum konnte er nicht einfach tun, was ich ihm gesagt hatte? Warum konnte
der einzige Mann, der mich liebte, - selbst wenn er mich nicht so liebte,
wie ein Mann eine Frau liebt - warum konnte er mich nicht einfach sterben
lassen ... so ehrenhaft und friedlich es für mich möglich war?
Apollinarius zog seinen Stuhl dicht an meine Couch heran, setzte sich hin
und wollte meine Hand nehmen. Ich ließ ihn nicht. Obwohl schlank, war
Apollinarius doch kräftig und in guter Form. Er packte meine Hand.
"Es tut mir leid, Julia", flüsterte er.
Ich seufzte und machte einen zweiten schwachen Versuch, ihm meine Hand zu
entziehen, aber er ließ sie nicht los, und ich war zu müde, um mich gegen
ihn zu wehren. Im Gegensatz zu meinen kalten feuchten Händen waren seine
warm und trocken - so wie es Marcus Aurelius' Hände gewesen waren. Irgendwie
schien das, was er tat, genau das Richtige zu sein.
"Es tut mir leid ..." sagte er nochmals mit Nachdruck, und er klang dabei so
zerknirscht, daß ich nicht anders konnte, meine Augen öffnete und ihn ansah.
Seine haselnußbraunen Augen schwammen in Tränen.
Und wieder streichelte ich zärtlich seine Hand.
"Ist schon gut, mein Freund. Auch mir tut es leid. Vielleicht hast Du recht.
Vielleicht bin ich nicht bei Sinnen ... "
Apollinarius drückte meine Hand fester, und wir verharrten so einen langen
Moment - zwei ehemalige Sklaven, die einander ohne Worte trösteten. Zwei
ehemalige Huren, die schweigend um die Vergangenheit des jeweils anderen
trauerten, um seine Einsamkeit und die enttäuschten Hoffnungen auf Liebe und
Gegenliebe.
Es war Apollinarius, der das Schweigen brach.
"Julia ... " begann er, zögerte dann jedoch. "Das ... das war nicht Dein
Ernst, nicht wahr? Was Du sagtest... über ... sterben... "
Ich seufzte so tief, daß mir die Brust schmerzte.
"Ich bin es leid, Apollinarius. Ich bin es so leid, zu sehnen und zu
verlangen und niemals zu bekommen. Ich bin es so leid, zu kämpfen und stark
zu sein ... Und ich will nicht ohne Maximus leben. Ich habe schon zu lange
ohne ihn gelebt ... "
Apollinarius' Finger krampften sich so fest um die meinen, daß es weh tat.
Der Schmerz war mir sogar willkommen, denn er lenkte meine Aufmerksamkeit
sowohl von meinem Kummer als auch von dem stärker werdenden, bohrenden
Kopfschmerz ab.
"Ich habe Dich angelogen, Julia", sagte er leise.
Ich hob skeptisch eine Augenbraue.
"Nun, nicht direkt angelogen ... Ich habe Dir nicht die Wahrheit gesagt ...
"
Das war wirklich seltsam. Apollinarius war ein mieser Lügner, aber mir war
an seinem Verhalten in letzter Zeit nichts Verdächtiges aufgefallen.
Allerdings war mein Verstand durch Schmerz, Mangel an Schlaf und Wut so
umnebelt, daß er kaum noch funktionierte. Verzehrt von Wut und Erschöpfung
mag mir manches Detail entgangen sein.
"Ich habe Maximus nicht im Garten getroffen ... Ich traf ihn in der
Bibliothek ... "
Der Bibliothek? Mein Gesicht mußte meine unverhohlene Verwunderung
widergespiegelt haben.
"Du weißt schon - ich hatte dort etwas nachgelesen, als er eintrat ... "
Maximus war in die Bibliothek gegangen. Hatte er dort nach einem bestimmten
Buch gesucht? Und wenn, nach welchem? Welcher Schriftsteller konnte wohl die
Aufmerksamkeit eines hartgesottenen Mannes erregen, der kein Liebhaber
großer Worte sondern ein Mann der Tat war? Oder war er dorthin gegangen auf
der Suche nach einer Zuflucht - so wie ich, als ich als einsames Kind in
Cassius' Villa aufwuchs?
"Maximus schien es ziemlich peinlich zu sein, mich dort vorzufinden, und er
murmelte etwas, daß er mich nicht stören wolle. Er versuchte, sich wieder
zurückzuziehen, aber ich bot ihm Hilfe bei der Suche nach einigen Büchern
an, die ihn interessieren könnten ... Würde er Julius Caesars Beschreibungen
seiner Feldzüge mögen? Er lächelte dieses für ihn so typische Lächeln..."
Apollinarius hielt abrupt inne, und es war ihm entschieden unangenehm, daß
er seine Gedanken über Maximus so herausposaunt hatte.
Ich mußte lächeln.
"Als ich zum erstenmal dieses Lächeln sah, da wußte ich, daß nichts
mehr so sein würde wie zuvor ... und ich hätte mit Freuden den Rest meines
Lebens damit zugebracht, dieses Lächeln zu betrachten ... "
Apollinarius schenkte mir ein scheues Grinsen und fuhr dann fort: "Er
lächelte und sagte, daß er nie viel Zeit gehabt hätte, um über Kriege zu
lesen, weil er zu beschäftigt damit gewesen sei, Kriege zu führen und
anschließend die Berichte zu verfassen ... Also dachte ich, daß er
vielleicht einen Brief schreiben wollte, und das schien seine Aufmerksamkeit
zu erregen. Ich sagte ihm, daß, falls es so sein sollte, ich die nötigen
Vorkehrungen treffen würde, um den Brief aushändigen zu lassen ... "
Ich stütze mich auf meinen Ellbogen und lauschte gebannt Apollinarius'
Worten.
"Maximus sagte, daß er wirklich einen Brief schreiben sollte, daß er ihn
jedoch selbst überbringen würde ... "
Ich runzelte die Stirn. Einen Brief. Maximus wollte einen Brief schreiben.
An wen? Er hatte mir bereits gesagt, daß niemand von seiner Familie mehr am
Leben sei. An Lucilla? Aber wie sollte es ihm möglich sein, einen solchen
Brief persönlich abzuliefern? Oder erwartete er, Lucilla nach seiner
Rückkehr nach Rom wiederzusehen?
Ich rieb mir wieder über das Gesicht, Eifersucht und Erschöpfung schlugen
über mir zusammen.
"Julia, gib nicht auf. Bitte, tu das nicht! Ich bin so sicher, daß Du immer
noch Erfolg haben kannst ... Und sollte ich nur ein wenig über Männer und
Frauen wissen, dann ist Deine Liebe nicht unerwidert ... "
"Selbst wenn die Götter
anders entschieden haben, sei versichert, daß Du eine Frau bist, die seiner
würdig ist, und daß es ein Leichtes für ihn wäre, Dich zu lieben. Und gerade
deshalb würde er Dich nie behalten, weder als seine Geliebte noch als seine
Sklavin."
Marcus Aurelius' rauhe Stimme hallte in meinem Inneren wieder - und wurde
durch Maximus' zögerliche Worte ersetzt:
"Ich weiß nicht. Ich
will Dich einfach ... beschützen."
Unfähig länger auf der Couch sitzen zu bleiben, stand ich auf und lief
ruhelos auf der Terrasse hin und her. Wo war der Ausweg, von dem Marius
Servilius immer zu sprechen pflegte? Wie konntest Du jemandem helfen, der
sich weigerte, sich helfen zu lassen? Wie schütztest Du jemanden vor sich
selbst? Wie konntest Du jemanden erreichen, der einen so undurchdringlichen
Schutzwall um sich errichtet hatte? Wie konntest Du jemand dazu bewegen,
seine eigenen Gefühle und Bedürfnisse anzuerkennen, der sich mit seiner Ehre
und seinem Pflichtgefühl herumquälte?
Apollinarius stand ebenfalls auf und ging mit schwerem Schritt zu der
Marmorbrüstung, blieb dort stehen und schaute schweigend hinab in den
Garten. Er sah erstaunlich entspannt aus für einen sensiblen Mann, der
während der vergangenen drei Tage unter enormem Druck gestanden hatte und
noch vor kurzem nahe daran gewesen war, die Fassung zu verlieren. Aber
während ich weiter hin und her lief, verspannte er sich auf einmal und ich
wußte, daß dieser plötzliche Wandel mit Maximus zu tun haben mußte. Ich
eilte an seine Seite und blieb wie angewurzelt stehen, als ich sah, daß mein
Gefühl mich nicht getäuscht hatte.
Wir standen Seite an Seite auf der Terrasse und beobachteten
Maximus, wie er ziellos durch den Garten wanderte - ein majestätischer Löwe,
der gefangen in seinem Käfig hin und her läuft, immer wieder ... von einer
Seite zur anderen. Der Anblick konnte einem das Herz brechen. Es schnürte
mir die Kehle zu, und ich unterdrückte ein Schluchzen. Apollinarius kam
näher zu mir heran.
"Es wird schon werden", bemerkte er leise. "Er braucht einfach nur Zeit."
Falls er beabsichtigt hatte, mich zu beruhigen, dann waren genau
das die falschen Worte.
"Wir haben keine Zeit", flüsterte ich und fügte, als sei mir dies
gerade zu Bewußtsein gekommen, hinzu: "Er weiß das auch, und er versucht,
sich von mir fernzuhalten, um mich nicht zu verletzen."
Ich konnte die Überraschung deutlich in Apollinarius' Zügen lesen.
"Dich verletzen? Er würde Dich niemals verletzen."
"Er denkt, er würde mir weh tun, wenn er mich liebt." Tränen, die
sich in meinen Augen sammelten, trübten meinen Blick wie ein grauer
Schleier. Ich vertrieb sie durch ein Blinzeln, weigerte mich, schwach zu
werden. Minuten zuvor hatte ich den Kampf aufgeben und einfach nur die Augen
für immer schließen wollen. Aber der Anblick von Maximus' Verzweiflung hatte
mir die Notwendigkeit buchstäblich vor Augen geführt, weiterkämpfen zu
müssen. Ganz gleich wie sehr er sich auch weigerte meine Liebe zu
akzeptieren, er gehörte mir, und ich pflege das, was mir gehört, nicht
kampflos aufzugeben. "Er braucht die Liebe so nötig, aber er gesteht sich
dieses menschliche Grundbedürfnis nicht ein, weil er fürchtet, mir dadurch
weh zu tun. Statt dessen leidet er selbst."
Apollinarius schwieg einen Moment lang, erwog sorgfältig meine
Worte.
"Er ist ein Mann, der daran gewöhnt ist, das Leben anderer und
deren Wohl über sein eigenes zu stellen. Es ist selbstverständlich für ihn",
sagte mein ehemaliger Lehrer mit sanfter, leiser Stimme. "So ist er nun mal,
und deshalb liebst Du ihn."
Ich lächelte traurig, als mir klar wurde, wie gut Apollinarius
Maximus bereits nach so kurzer Zeit kannte.
"Ich weiß", flüsterte ich und beobachtete Maximus, der auf einem
Gartenweg stand, und einfach vor sich hin starrte, offenbar ohne auf etwas
bestimmtes zu schauen, während das durch die Blätter gefilterte Sonnenlicht
auf seinem dunklen Haar und den breiten Schultern spielte.
"Warum gehst Du nicht zu ihm?" versuchte Apollinarius mich zu
ermutigen.
"Weil er mich nur irgendwie wegstoßen wird", sagte ich und fügte
wortlos hinzu: "Und ich würde es nicht überleben, noch einmal weggestoßen
zu werden!"
Mit einem erneuten Aufflackern meines eben erst verebbten Zornes
wischte ich mir über die Augen und wandte mich dann meinem alten Freund zu.
"Apollinarius", drängte ich ihn, packte seine Tunika und beschwor
ihn mit meiner Stimme, meinen Augen, meinem ganzen Sein. "Ich muß ihn von
hier wegschaffen ... weg von den Erinnerungen an Wachen und Ketten. Hilf
mir!"
Apollinarius seufzte, eine tiefe Falte zeigte sich auf seiner
Stirn. Wir standen einander einen langen Augenblick gespannt gegenüber,
unsere Blicke maßen sich - meine wild, seine undurchdringlich. Dann hellte
sich seine Miene ganz allmählich auf, und ein listiges Grinsen verdrängte
die düsteren Schatten, die seine Stirn eben noch umwölkt hatten. Mein Herz
begann wie wild zu schlagen. Ich kannte diese Grinsen. Meine Finger
gruben sich fester in Apollinarius' Tunika.
"Ich habe eine Idee", flüsterte er verschwörerisch, und ich mußte an Marcus
Aurelius denken, als dieser mir seinen Plan für Rufas Zukunft dargelegt
hatte, - sie beide klangen wie aufgeregte Kinder, obwohl sie bereits Männer
in reifem Alter waren.
Apollinarius brauchte einige Minuten, um seinen Plan zu skizzieren. Während
er sprach, wurden meine Augen weit. Als er geendet hatte, überschlugen sich
meine Gedanken schneller, als mein Herz raste, und Erschöpfung und
Kopfschmerz waren gänzlich verschwunden. Kurz darauf hastete ich in mein
Schlafzimmer - mein Herz jubelte mit neuer Hoffnung -, während Apollinarius
sich in die Ställe begab.
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Das Gewand war ein Geschenk von Apollinarius gewesen. Nun, nicht wirklich
ein Geschenk, eher eine Bezahlung seiner Wettschulden. Im Gegensatz zu den
meisten Römern besuchten wir weder Pferderennen noch die Spiele, denn unsere
Vorstellung von Unterhaltung beinhaltete nicht unbedingt Gewalt,
Blutvergießen, Wettstreit zwischen verschiedenen Rennställen oder einen
grölenden Mob. Wir waren wirklich ein zurückgezogenes und wunderliches Paar,
welches das Theater dem Donnern von Pferdehufen und dem Aufeinanderschlagen
von Eisen vorzog - ein nach römischem Geschmack seltsames und ziemlich
langweiliges Duo. Wahrscheinlich war es unsere nicht-römische Herkunft, die
man für dieses Benehmen verantwortlich machte. Jeder wußte, daß Apollinarius
Grieche war, und die Römer zollen gewöhnlich der sanften Natur dieser
Menschen wenig Respekt, besonders dann nicht, wenn sie - wie Apollinarius -
keine Frauen lieben. Außerdem hatte ich keinen Zweifel daran, daß hinter
manch verschlossener Tür wild über meine eigene Herkunft spekuliert wurde -
so wichtig wie die Römer nun mal ihre Vorfahren nehmen.
Da wir uns nun also von Wagenrennen und den Spielen - mit Ausnahme von
Maximus' überraschender Anwesenheit im Kolosseum - fernhielten, wurden wir
auch nicht von dem Wettfieber, das ganz Rom befallen zu haben schien,
angesteckt. Aber von Zeit zu Zeit wetteten Apollinarius und ich
gegeneinander. Gewöhnlich hatte es etwas mit Schiffen zu tun, und der
Verlierer gab dem Gewinner niemals Geld sondern schenkte ihm etwas, was
dieser sich ganz besonders wünschte.
Diese spezielle Wette hatte ihren Ursprung in einem gallischen Kaufmann
gehabt, der auf der Suche nach einem Schiff nach Ostia gekommen war. Er war
ein schwieriger Kunde so wie alle Männer, die genügend Geld haben, um ohne
zu zögern für etwas wirklich Teures bezahlen zu können - vorausgesetzt, es
ist exakt das, was sie wollen. Ich kannte ihre Schlichen, und ich kannte sie
gut, denn ich benutzte die gleichen, wenn Juweliere mir außergewöhnlich
teure Stücke vorlegten wie zum Beispiel exquisite rosa oder graue Perlen aus
dem Osten, die sich - mit Ausnahme der kaiserlichen Familie - nur Wenige
leisten konnten.
Apollinarius kam immer wieder darauf zu sprechen, wie wichtig es wäre,
diesen Kaufmann als Stammkunden gewinnen zu können, aber der Mann wollte
sein Schiff, und er wollte es gleich, und obwohl meine Werften auf
Hochtouren liefen, war es unmöglich, eine weitere Bestellung schneller als
in frühestens einem Jahr fertigstellen zu können.
Während des Abendessens schwieg ich mich aus.
"Ich denke, wir können ... "
Apollinarius tat meine Worte mit einer Bewegung seiner manikürten Hand ab.
"Unmöglich, meine Liebe. Außerdem wissen wir doch aus zuverlässiger Quelle,
daß er so lange zu warten nur bereit ist, wenn Du zustimmst, ihm ein Schiff
wie die 'Sirene' zu bauen ... "
Apollinarius hatte recht. Der Mann wollte nicht einfach nur ein gutes
Schiff, sondern eines jener besonderen. Ich hatte mein Marius Servilius
gegebenes unausgesprochenes Versprechen gehalten, und die Art von Schiff,
welche er in seinen Träumen gesehen und dann entworfen hatte, wurde bis
heute nur für meine eigene Flotte gebaut. Ich konnte die Besitzer anderer
Werften nicht davon abhalten, sie zu kopieren, aber ich konnte wenigstens
versuchen, es ihnen so schwer wie möglich zu machen ... und ich gab mir
große Mühe, daß dies der Fall war. Um die Geheimnisse dieses Schiffstyps zu
entdecken, hätten sie einen Spion an Bord der 'Sirene' oder eines anderen
Schiffes ihrer Art einschleusen müssen, aber Kapitäne und Besatzung dieser
ganz besonderen Segler bestanden nur aus den vertrauenswürdigsten Männern,
und Passagiere waren an Bord nicht erlaubt. Wenn sie - in Ostia oder einem
anderen Hafen - vor Anker lagen, wurden sie zudem schwer bewacht. Im
Reederei- und Werftgeschäft wird mit harten Bandagen gekämpft.
Ich drehte mich auf den Bauch und kaute gedankenverloren an einem Pfirsich.
Wir nahmen ein formloses Abendessen in der Privatsphäre meines Wohnzimmers
ein, und wenn wir auf diese Art speisten, dann aß ich manchmal im Liegen
statt am Tisch zu sitzen. Es bedeutete gewöhnlich, daß ich über ein
wichtiges Thema angestrengt nachdachte, und jene Nacht machte keine
Ausnahme. Ich wollte den Auftrag zum Bau dieses Schiffes wirklich haben. Es
ging mir nicht um das Geld, aber ich wollte den Rivalen und Konkurrenten
meines Mannes nicht die Chance geben, ihn mir wegzuschnappen ...
"Ich denke, wir können ... "wiederholte ich.
Apollinarius zog die Augenbrauen hoch. Er kannte mich sehr gut und ebenso
mein Geschäft, und dennoch war es mir gelungen, ein paar Dinge vor ihm
geheim zu halten. Es war nicht so, daß ich ihm nicht traute, aber ich wollte
nicht nur alles unter Kontrolle haben, sondern ich wollte auch fühlen,
daß ich alles unter Kontrolle hatte ... . Vor ein paar Monaten hatte mir ein
junger Ingenieur die Pläne für ein neues Schiff gebracht. Es war größer als
die 'Sirene' und auch langsamer, aber dieser Nachteil wurde wieder
wettgemacht durch eine stabilere Lage im Wasser, welche es ihm erlauben
würde, auch nach Einsetzen der Herbststürme auf See zu bleiben, wenn ein
normales Schiff gezwungen war, untätig im Hafen zu liegen. Apollinarius
hatte die Pläne skeptisch begutachtet und mir davon abgeraten, da eine
Rückkehr zum Bau schwerer Schiffe nicht gut für mein Geschäft sei. Aber ich
wußte, daß, wenn ich mich weiter weigerte, Schiffe wie die 'Sirene' für
andere Kaufleute zu bauen, mir diese den Rücken kehren und sie bei meinen
Konkurrenten bestellen würden.
Ich konnte nichts Schlimmes dabei finden, dem Gallier die Gelegenheit zu
geben, Segel zu setzen, während die meisten meiner eigenen Schiffe wegen
schwerer See bereits vor Anker lagen ... Meine waren schneller, und was die
wirklich wichtige Fracht betraf, war ich immer noch im Vorteil ... Es gibt
keine andere Möglichkeit, ein Schiff zu testen, als es zu bauen, aber es
stand ebenso außer Zweifel, daß ich mit dem Bau des neuen Modells nicht
beginnen konnte, solange alle meine Werften bereits in doppelten Schichten
arbeiteten, um die schon vorliegenden Aufträge auszuführen. Und es hatte
auch keinen Sinn, den Bau des Prototyps weiter hinauszuzögern. Also hatte
ich heimlich eine kleine Werft auf Zypern gekauft, die seit zwei oder drei
Jahren geschlossen war, und ich hatte den jungen Ingenieur geschickt, um sie
zu renovieren und das neue Schiff zu bauen. Sollte ich dieses erste an den
prominenten Kaufmann aus Gallien verkaufen können, dann wäre die
Finanzierung des Schiffes nicht nur im Voraus gesichert gewesen, sondern ich
hätte auch noch einen Riesengewinn gemacht ...
Ich lächelte: mein verstorbener Gemahl hätte es nicht besser machen können
...
"Du siehst aus wie eine Katze, die beschlossen hat, daß es an der Zeit ist,
etwas gegen die Maus im Haus zu unternehmen...", sagte Apollinarius, während
er mich aufmerksam betrachtete.
O ja. Er kannte mich gut.
"Ich denke, wir können es schaffen", sagte ich, ohne weitere Details
preiszugeben, dann legte ich den Stein des Pfirsichs auf den Teller und
rollte mich wieder auf den Rücken. "Ich bin mir sogar sicher ... "
"Wetten wir?"
Ich wandte mich Apollinarius zu und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln.
"Bist Du sicher, mein Lieber? Denk dran, ich pflege nur zu wetten, wenn ich
sicher bin zu gewinnen ... "
Das stimmte. Man könnte mich für einen schlechten Sportsmann halten, da ich
die Spannung, die sich aus dem Risiko ergibt, nicht zu schätzen weiß, aber
so ein schlechter Sportsmann bin ich nun auch wieder nicht. Ich genieße
meine Herausforderungen. Ich suche sie sogar. Was ich nicht mag, ist die
unnötige Verschwendung von Mitteln - sei es beim Geschäft oder beim Spiel.
Apollinarius entschied, daß es nun an ihm war, mir ein Lächeln zu schenken.
"Ich weiß, meine Liebe. Aber ich gewinne ebenso gern wie Du. Und diesmal bin
ich mir so gut wie sicher, daß ich gewinnen werde ... "
Mein Lächeln wandelte sich zu wilder Enschlossenheit.
"Abgemacht!"
Apollinarius runzelte die Stirn über so viel offen zur Schau gestelltes
Selbstvertrauen, aber für einen Rückzieher war es zu spät. Außerdem schien
er überzeugt zu sein, daß ich bluffte.
"Worum wetten wir?" fragte er.
"Nicht so eilig, mein Lieber! Erst mal müssen wir die Bedingungen der Wette
festlegen!"
Sein Stirnrunzeln vertiefte sich, dann nickte er. Ich rollte mich wieder auf
den Bauch und sah ihm fest in die Augen.
"Ich wette, daß ich den Auftrag dieses Burschen aus Gallien - und sein Geld!
- bis Ende der Woche unter Dach und Fach habe und zwar zu meinen
Bedingungen!"
Apollinarius brach in schallendes Gelächter aus.
"Julia, ich hasse es, Dich zu bestehlen!"
"Ich bestehe darauf!"
Mein Freund zuckte die Achseln.
"Also gut, werte Dame. Es ist Dein Geld. Mein Buchhändler hat eben eine
wundervolle Erstausgabe von Mimnermos' (*) Elegien hereinbekommen ...
die hätte ich gern ... "
Nun runzelte ich die Stirn. Eine Erstausgabe von Mimnermos mußte mindestens
achthundert Jahre alt sein und ein kleines Vermögen kosten. Apollinarius
hatte einen erlesenen Geschmack wenn es um das Sammeln alter Bücher ging ...
und um Wetten. Ich verzog das Gesicht.
"Ich konnte nie verstehen, warum Du gerade Mimnermos so sehr magst
... "
Apollinarius lachte wieder.
"O, die Unbeschwertheit der Jugend! Julia, Du bist zu jung, um die Schriften
eines solchen Mannes zu würdigen ... "
Mein ehemaliger Lehrer hob feierlich seinen Becher und deklamierte mit der
Stimme eines perfekt ausgebildeten Redners, mit Gefühl und trotzdem
beherrscht, sein Griechisch so makellos, daß manch ein in der klassischen
Tragödie ausgebildeter Schauspieler vor Neid erblaßt wäre:
"Wie die Blätter in der Jugendfrische des
Frühlings,
schnell sich entfaltend unter den Strahlen der
Sonne,
so genießen wir einen kurzen Augenblick lang die
Freuden der Jugend,
nicht achtend der Taten der Götter, seien sie gut
oder böse ... " (**)
"Zu ernst", bemerkte ich, nachdem er geendet hatte.
"Die Tristis Deines verehrten Ovid sind auch nicht eben lustig ... "
erwiderte er.
"Ich weiß, aber Ovid war wenigstens nicht besessen vom Altwerden und Sterben
... "
Apollinarius lächelte, dann stand er von seiner Couch auf und kam zu mir.
"Julia, Du bist zu jung, um die Ängste eines alten Mannes zu verstehen ...
"sagte er. Ich machte große Augen.
"Hast Du Angst, Apollinarius? Angst vor dem Alter und dem Sterben?"
Er nahm meine Hand und führte sie an seine Lippen.
"Süße, süße Julia! Ich werde nicht eben jünger, und ich bin beträchtlich
langsamer als ich es früher einmal war ..."
"Das stimmt nicht!" protestierte ich.
Apollinarius' Lächeln wurde noch breiter - aber gleichzeitig melancholisch.
"Du bist zu jung, um das zu verstehen ... " wiederholte er, dann fügte er
hinzu, als sei ihm der Gedanke eben gekommen: "Du wirst das vermutlich nie
verstehen, denn Du wirst wahrscheinlich niemals altern. Das ist nicht Dein
Fehler, Julia ... Du bist eine Göttin ... "
Bevor ich ihn noch fragen konnte, was er damit meinte, gab er mir einen
zarten Kuß auf den Kopf und ging dann zu dem Schrank, in dem ich immer eine
Amphore mit dem süßen griechischen Wein aufbewahrte, den er so mochte. Ich
wollte ihn fragen, warum er das gesagt hatte, aber er war bereits damit
beschäftigt, die grünlich schimmernde Flüssigkeit einzuschenken.
"Wollen wir einen Toast ausbringen?"
"O ja! Auf nicht alternde Schönheit, das Schiffebauen und den guten alten
Mimnermos!"
"Hast Du nicht etwas vergessen?"
"Habe ich das?"
"Ja! Wenn es so weit ist, daß ich den Gewinn meiner Wette einfordern werde
... "
"Du kannst auf keinen Fall gewinnen, Julia. In sechs Tagen werde ich diese
Erstausgabe genießen ... "
"Du traust mir einfach nichts zu! Du hast mir beigebracht, noch ganz andere
Dinge zu bewältigen! Aber ich will gnädig sein. Ich verlange nur ein
wunderschönes und einzigartiges Gewand ... Die Rechnung dafür wird Dir eine
Lektion erteilen, Du arroganter Grieche!"
Wir lachten gemeinsam und stießen an auf nicht alternde Schönheit, das
Schiffebauen, den alten Mimnermos und einzigartige Gewänder. Ich hatte
dieses süße griechische Zeug nie gemocht, aber damals war mein Geist bereits
zu sehr damit beschäftigt gewesen, Pläne zu schmieden, als daß ich einen
weiteren Gedanken an das Getränk verschwendet hätte.
Natürlich habe ich die Wette gewonnen.
(*) Mimnermos: Griechischer
Dichter, geboren in Colophon um 670 vor Chr. Nur wenige seiner Schriften
sind überliefert, aber die meisten seiner Werke handelten von der
Vergänglichkeit der Jugend und des Lebens und der Unvermeidlichkeit von
Alter und Tod. Er widmete alle seine Schriften einem Flötenspieler namens
Nanno ("Kleine Puppe")
(**) Mimnermos, Erhaltenes
Fragment Nummer Zwei. |
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21.b Das Lied der Sirene,
Teil I - 180 A.D.
Dem Kaufmann aus Gallien fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als ich ihm
das neue Schiffsmodell anbot. Und als ich wie beiläufig einfließen ließ, daß
ich ihm für drei Jahre die Exklusivrechte an diesem Modell anböte, drohte er
vom Schlag getroffen zu werden, noch bevor er den Vertrag unterzeichnen
konnte. Er sagte augenblicklich zu, den Bau zu finanzieren und versprach,
drei weitere Schiffe zu bestellen, falls er mit dem ersten zufrieden sein
sollte. Ich schickte einen Eilkurier nach Zypern, wo der Bau des Seglers
bereits in vollem Gange war, und ließ dem jungen Ingenieur eine großzügige
Summe als Belohnung zukommen, die er wirklich verdiente. Der gallische
Kaufmann war von dem getätigten Geschäft so begeistert, daß er mir
unwillkommene Avancen ersparte, zu denen sich neue Kunden gewöhnlich
verpflichtet fühlen, welche dann erst umständlich zurückgewiesen werden
müssen. Sofort nach Unterzeichnung der Verträge schiffte er sich nach Zypern
ein, um den Fortschritt der Arbeiten in Augenschein zu nehmen. Die
Konkurrenten meines Gemahls schäumten, als sie entdeckten, daß ich ihnen
nicht nur den Kunden unter der Nase weggeschnappt sondern auch noch ein
neues Schiffsmodell in Vorbereitung hatte.
Und Apollinarius war nicht gerade glücklich, als ich ihm sagte, daß
Mimnermos noch warten müsse.
"Du kleine Betrügerin!"
Ich bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln.
"Ich war so fair, Dich im voraus zu warnen, mein Lieber!"
"Du hast mich genauso an der Nase herumgeführt wie diesen aufgeblasenen
Kaufmann aus Gallien!"
"Nun, nun! Jetzt bist Du aber ungerecht! Du hast nicht an mein neues Schiff
geglaubt, und daher dachte ich, daß Du auch an meinem kleinen Projekt nicht
interessiert sein dürftest", protestierte ich mit gespielter Unschuld.
"Das wird mir eine Lehre sein, künftig nicht mehr gegen hinterhältige Frauen
zu wetten ..."
"Nein, mein Lieber! Das wird Dich lehren, meinen Instinkten ein wenig mehr
zu vertrauen!"
Apollinarius konnte nicht umhin zu lachen.
Er wußte, daß ich ihn erwischt hatte, und er war bestimmt ein besserer
Spieler als ich.
"Ich werde meiner Schneiderin sagen, Dir die Rechung ... "
"Halt, meine Dame! Wer hat gesagt, daß Du Dir das Kleid aussuchen dürftest?"
"Ich ... Du ... Du hast zugestimmt, mir ein schönes und einzigartiges Gewand
zu schenken, falls Du verlieren solltest ...", protestierte ich. "Und Du
hast verloren!"
"Aber Du hast nur um ein schönes und einzigartiges Gewand gewettet
... Du hast niemals gesagt, daß es bereits in Arbeit oder daß Deine
Schneiderin diejenige sei, die es anfertigen würde, stimmt's?" fragte
Apollinarius betont freundlich.
Ich runzelte die Stirn.
"Das wird mir eine Lehre sein, künftig nicht mehr gegen einen hinterhältigen
Griechen zu wetten!"
Apollinarius warf mir eine Kußhand zu.
"Nein, meine Liebe. Das wird Dich lehren, Deine Bedingungen schriftlich
festzuhalten!"
Da hatte er recht.
"Außerdem", murrte ich, "was hast Du schon für eine Ahnung von weiblicher
Kleidung?"
Mein ehemaliger Lehrer lachte.
"Schon gut, schon gut! Du hast einen guten Geschmack. Einen wirklich guten!
Aber Du hast keine Ahnung von Schneiderinnen und meine ist die beste in ganz
Rom!"
"Julia, ich weiß eine schöne und einzigartige Sache zu würdigen, wenn ich
sie sehe. Lebe ich nicht mit Dir zusammen?" fragte er so galant, daß - hätte
ich es nicht besser gewußt - ich geglaubt hätte, er würde mit mir flirten.
Statt dessen blickte ich ihn finster an.
"Apollinarius ... "
Er nahm meine Hand und küßte sie zart. Ich wurde nur noch mißtrauischer.
"Vertrau mir, meine Liebe. Ich werde mich meiner Wettschuld würdig erweisen
und Dir ein wirklich einzigartiges Stück besorgen ... "
Es wurde ungefähr einen Monat später geliefert. An jenem Nachmittag war ich
ausgeritten und kam gerade rechtzeitig zum Haus zurück, um Apollinarius
dabei anzutreffen, wie er die Treppe hinaufstieg mit zwei Botenjungen im
Schlepptau, die ein großes, dick in Leinen verpacktes Paket trugen.
Das mußte es sein.
Apollinarius' geheimnisvolles Kleid.
Ich wußte nicht, ob ich mich freuen oder eher besorgt sein sollte. Oder
beides.
Jedenfalls war ich aufgeregt.
Mein ehemaliger Lehrer mußte die Mischung aus Neugier und Mißtrauen in
meinen Augen gesehen haben, denn er schenkte mir ein schelmisches Grinsen.
"Du kommst gerade richtig, Julia", sagte er. "Sollen wir in Deine Räume
gehen?"
Ich nickte, während ich die Treppe hinaufstieg, und die drei traten zur
Seite, um mich vorzulassen, aber als wir zu meinem Apartment kamen, gebot
mir Apollinarius, in meinem Wohnzimmer zu bleiben, während er mit den Jungen
in meinem Schlafzimmer verschwand. Es dauerte eine Weile, bis sich die Tür
wieder öffnete, und als es soweit war, kicherten die Jungen. Ich runzelte
die Stirn, und sie eilten davon. Apollinarius stand mit einem strahlenden
Lächeln gegen den Türrahmen gelehnt. Mein Magen verkrampfte sich.
"Willst Du Dein Kleid nicht sehen, Julia?" säuselte er.
Es lag wie ein wasserblauer See
in der Mitte des bronzefarbenen Bettüberwurfs.
Der durchscheinende Stoff
schimmerte grün, wenn das Licht sich auf dem Gewebe brach und die Illusion
von auf den Wellen spielendem Sonnenlicht erweckte. Das glänzende,
hauchdünne Oberteil war so tief ausgeschnitten, daß es einen Großteil meiner
Brüste entblößte ... oder sollte man besser sagen, daß sie regelrecht zur
Schau gestellt wurden? Es war so entworfen, daß es sich an den Körper
schmiegte wie die Hand des Geliebten, jeder Rundung und jeder Vertiefung
folgte und nur wenig oder gar nichts der Phantasie überließ. An der
Vorderseite des Rockes befand sich ein Schlitz, der bis über die Knie
reichte und es der Trägerin erlaubte, sich bequem zu bewegen. Aber es war
der untere Teil des Gewandes, der meine Aufmerksamkeit fesselte, denn ich
hatte eines der außergewöhnlichsten Stücke vor mir, welches ich je zu
Gesicht bekommen hatte: von den Hüften bis hinunter zum Saum war es mit
winzigen, weichen Federn in demselben grün-blauen Farbton besetzt, den auch
der Stoff aufwies - und die Federn waren so angeordnet, daß sie den Eindruck
von Schuppen erweckten. Das Rückenteil war länger geschnitten, so daß es in
eine kleine Schleppe auslief, die wie ein Schwanz über den Boden glitt.
Es war so schön und einzigartig, wie ich es verlangt hatte.
Es war ganz offensichtlich teuer.
Und es war das Kleid einer Sirene.
"Apollinarius ..."
"Gefällt Dir Dein Kleid, Julia?"
"A-aber es ist kein Kleid!" antwortete ich hitzig. "Es ist ... es ist ...
ein Kostüm!"
"Für mich sieht es wie ein Kleid aus ... "
"Es ist unanständig!"
"Nun, Julia, habe ich Dich nicht gelehrt, daß, wenn es um Schönheit geht, es
weder anständig noch unanständig gibt sondern nur schön? Ich mag nichts von
weiblicher Mode verstehen, aber ich verstehe etwas von Schönheit ... "
Ich zeigte auf das auf dem Bett ausgebreitete Gewand.
"Erwartest Du wirklich von mir, daß ich herumstolziere gekleidet ...
gekleidet wie ... ?
"Wie eine Sirene?"
"Hör auf zu grinsen! Wer ist jetzt der Schwindler?"
"Du hast ein schönes und einzigartiges Gewand gefordert, und ich habe Dir
eines gegeben ... " protestierte Apollinarius und tat beleidigt. "Ich wage
zu behaupten, daß ich Dir das schönste und einzigartigste Gewand in ganz Rom
besorgt habe ... Außerdem, meine Liebe, brauchst Du gar kein Kleid, um wie
eine Sirene auszusehen, allein Deine Schönheit ... "
Ich errötete bei seinem Kompliment. Wie kam es, daß es mir nie wirklich
gelang, Komplimente anzunehmen, ohne daß es mir peinlich war oder ich
errötete?
Um meine Verwirrung zu verbergen, verschränkte ich die Arme vor der Brust
und tat ganz unschuldig.
"Was soll ich damit machen?"
"Was pflegst Du gewöhnlich mit Kleidern zu tun, meine Liebe? Trage es!"
Es verschlug mir den Atem, als habe er mir einen Schlag in die Magengrube
versetzt.
"Das kann nicht Dein Ernst sein!"
"Nun, ich gebe zu, es erfordert eine besondere Gelegenheit, aber warum bist
Du so sicher, das diese nicht eines Tages kommen wird?"
Ich konnte darüber nur lachen.
Am Morgen orderte ich bei Apollinarius' Buchhändler Mimnermos'
Originalausgabe. Wie vorausgesehen kostete sie mich ein kleines Vermögen.
Aber Apollinarius verdiente es. Und er verriet nie, wieviel er für mein
Sirenengewand bezahlt hatte.
_______________
Ich brauchte eine halbe Stunde, um das Gewand ausfindig zu machen, es aus
der Truhe zu nehmen, wo ich es aufbewahrte, es sorgfältig einzupacken, dann
meine Garderobe nach praktischerer Kleidung zu durchforsten und auch diese
zusammen mit Bürsten und Kämmen, Handtüchern und Seife, Sandalen und - nach
einem Augenblick des Zögerns - einem Umschlagtuch einzupacken.
Dann durchstöberte ich kurz Maximus' Schlafzimmer und nahm noch eine zweite
Tasche.
Als es an der Tür klopfte, kramte ich in dem Schrank, den ich immer
verschlossen hielt. Natürlich war es niemand anderes als Nicia, die von
Apollinarius geschickt worden war. "Herein!" rief ich, während ich
das weinrote Gewand, das ich eben herausgenommen hatte, zusammenfaltete und
den Schrank wieder verschloß.
Als Nicia hereinkam, hatte ich auch dieses Gewand bereits verstaut.
"Herr Apollinarius sagte, daß Du mich brauchst ... " begann sie.
"Ja, das tue ich. Ich will, daß Du mir aufmerksam zuhörst und genau das
tust, was ich Dir sage."
Meine griechische Dienerin öffnete den Mund, aber ich brachte sie zum
Schweigen, bevor sie noch etwas sagen konnte.
"Genau das, was ich Dir sage, Nicia!"
Sie runzelte beleidigt die Stirn, daß ich glauben könnte, sie würde etwas
anderes tun.
Ich weigerte mich, dem weiter Beachtung zu schenken, und als ich begann,
meine Anordnungen zu erteilen, hoben sich Nicias Augenbrauen so hoch, daß
ich es komisch gefunden hätte - wäre mir die Zeit dazu geblieben. Aber ich
hatte keine Zeit, denn Apollinarius hatte vermutlich bereits alles mit
Sempronius arrangiert, und ich wußte nicht genau, wieviel Zeit mir blieb,
bis sie Maximus würden ködern können, seinen Teil beizutragen ... falls er
dies überhaupt tun würde.
Als Nicia gehorsam alles brachte, worum ich sie gebeten hatte, waren die
Taschen, die ich gepackt hatte, bereits auf einem kleinen Wagen verstaut,
der am Nebenausgang des Hauses wartete. Sobald meine Dienerin die Körbe
Sempronius reichte, der eine steinerne Miene zur Schau trug, kletterte ich,
ohne auf Hilfe zu warten, auf den Wagen, und der numidische Stallmeister
trieb die Pferde an.
Er fuhr schweigend über den Hauptweg der Villa, bog dann in den Weg ein, der
zu der blumenübersäten Wiese und dem Teich führte, auf welchem stolz die
Nachbildung der Poseidon trieb - gefangen in einer zeitlosen Welt wie ein
für die Ewigkeit in einem Stück Bernstein eingeschlossenes Insekt.
Sempronius nahm die Taschen, und ich wies ihn an, dieselben an Bord zu
bringen und auf Deck stehen zu lassen. Als er dies erledigt hatte, half er
mir an Bord.
"Danke, Sempronius", sagte ich. "Du kannst zu Deinen Pflichten
zurückkehren."
Der riesige ebenholzschwarze Nubier schaute zu mir herab. In seinem breiten,
flachen und gewöhnlich unbewegten Gesicht war ein Zug von Unsicherheit.
"Wann soll ich kommen, um Dich wieder abzuholen, Herrin?" fragte er in
seiner erstaunlichen Stimme, die tief und dunkel und trotzdem ganz von Güte
und Milde erfüllt war, und welche die Pferde so sehr mochten.
"Das wird nicht nötig sein, Sempronius", antwortete ich, und mußte an mich
halten, um meine Ungeduld zu bezähmen, denn obwohl ich mich darauf verlassen
konnte, daß Apollinarius jeden seiner Schritte perfekt plante, hatte ich
doch keine Zeit zu verschwenden.
Sempronius schien nicht überzeugt zu sein.
"Ich kann auf Dich warten und Dich dann zurückbringen, Herrin", bot er an
und fügte noch hinzu, "Ich werde in der Nähe bleiben, ohne Dich zu stören
... "
"Das wird wirklich nicht nötig sein", wiederholte ich eilig, bevor er noch
weitersprechen konnte. "Herr Apollinarius hat alles arrangiert ... Fahr
jetzt zurück zur Villa ... "
"Mir gefällt es nicht, Dich hier allein zu lassen, Herrin. Es könnte
gefährlich sein ... "
Ich mußte lächeln. Es hat kaum jemals einen ergebeneren Diener als
Sempronius gegeben. Er hatte zusammen mit allen anderen seine Freiheit
erhalten, als ich Marius Servilius geheiratet hatte, aber für den riesigen
Numidier war ich eine Art Göttin, die allein auf die Erde geschickt worden
war, um ihm die Freiheit zu bringen. Würde ich ihn bitten, für mich zu
töten, täte er es ohne zu zögern. Und wenn ich von ihm verlangte, für mich
zu sterben, täte er auch dies.
"Mach Dir keine Gedanken, Sempronius. Ich werde in Sicherheit sein ... "
beruhigte ich ihn. "Außerdem werde ich nicht allein sein ... nicht lange ...
"
Sempronius' besorgte Miene wandelte sich in ein strahlendes Lächeln, die
Zähne blitzten wie Perlen in dem polierten Ebenholz seines Gesichts, und ich
mußte unwillkürlich an Rufas Lächeln denken. Sie sahen sich so ähnlich, daß
sie ohne weiteres Vater und Tochter hätten sein können ... so ähnlich, daß
ich die Idee entschieden aus meinen Gedanken verdrängte.
"O, wenn General sich um Dich kümmern, dann ich brauchen mir keine Sorgen
machen", sagte er, und sein ansonsten fehlerfreies Latein wurde holprig wie
immer, wenn er glücklich oder aufgeregt war.
Ich tat mein Bestes, um nicht bei der Vorstellung zu erröten, was sich mein
Stallmeister wohl für Gedanken über mein Privatleben machen mochte, und
fragte mich unbewußt, ob ich diese Indiskretion wohl meiner Masseurin oder
Apollinarius zu verdanken hätte ...
Oder ob der stille numidische Riese weder seine Ehefrau noch einen
wohlmeinenden griechischen Lehrer benötigte sondern lediglich seinen klugen
Kopf um zu wissen, was im Herzen seiner Herrin vor sich ging.
Als Sempronius endlich fort war, beeilte ich mich, die Kabine des Schiffes
zu öffnen. Sie war klein, aber ich hatte sie mit Sorgfalt eingerichtet, den
Boden mit bunten Teppichen bedeckt und einen Tisch, einen Stuhl und ein
breites bequemes Bett hineingestellt, auf dem eine herrliche Damastdecke und
eine Unmenge schimmernder Seidenkissen lagen. Es gab auch einen kleinen
Schrank, eine Truhe, auf der ein Wasserkrug und ein Waschbecken standen.
Durch das Bullauge gelangten Luft und Sonnenlicht in die Kabine, und sowohl
neben dem Bett als auch auf dem Tisch befanden sich je ein Leuchter.
Ich schleppte die Taschen hinein und packte eilig das Sirenengewand aus,
stellte dann einen Korb mit dem Essen auf den Tisch, daneben eine der
kleinen Weinamphoren, die ich ebenfalls mitgebracht hatte, und einen Krug
mit Wasser. Den zweiten Korb verbarg ich unter dem Tisch. Dann verstaute ich
die Kleider im Schrank und legte Handtücher und Toilettenartikel auf die
Truhe. Nachdem dies erledigt war, brachte ich die zweite Weinamphore an
Deck. Ich fand, was ich gesucht hatte, in unmittelbarer Nähe des Hecks: ein
Seil mit einer speziellen Schlinge und einem Haken. Ich schlang das Seil um
die Amphore, ließ sie dann vorsichtig ins Wasser hinab und befestigte das
obere Ende des Seils mit dem Haken. Einige Weine schmecken gekühlt besser,
und es gab hier keinen in Stroh gepackten Schnee (***) oder einen Platz, wo
man solchen hätte unterbringen können.
Anschließend lief ich zurück in die Kabine, zog mich eilig aus, wusch mich,
trocknete mich ab und tappte dann zum Bett, auf dem das Sirenengewand
bereitlag. Irgendwelche Art von Unterwäsche kam nicht in Frage, und der
Gedanke, unter diesem herrlichen Gewand völlig nackt zu sein, war seltsam
erregend. So viel erregender als es gewesen war, mich vorzubereiten, um als
Hure zu Maximus zu gehen.
Das Gewand ohne Nicias erfahrene Hilfestellung anzulegen erwies sich als
höllisch schwieriges Unterfangen, denn die Unmenge kleiner Haken am Rücken
allein zu schließen war eine äußerst mühselige Aufgabe. Irgendwie gelang es
mir, und als ich fertig war, ließ ich meine Hände über meinen Körper gleiten
- das Gewand paßte perfekt, und es erschien geradezu unmöglich, daß es mir
nicht auf den Leib geschneidert worden war. Es ließ sich mit nichts
vergleichen, was ich jemals zuvor getragen hatte, eng aber nicht unbequem
umschloß es meinen Körper, ohne daß ich mich eingezwängt fühlte. Es war ...
es war als sei dieses Gewand nicht wirklich ein Kleidungsstück sondern ein
Teil meiner selbst, so wie die alte abgestreifte Haut einer Schlange ein
Teil derselben ist und auch wieder nicht mehr ist. Einen flüchtigen Moment
lang kam mir der Gedanke, daß Apollinarius mir kein Gewand geschenkt,
sondern mir nur einfach meine Sirenenhaut zurückgegeben hatte ... Die Haut,
die ich abgeworfen, als ich das Meer verlassen hatte, um das Land der
Menschen zu erkunden ... Ich rief mich eiligst zur Ordnung und schalt mich
selbst, denn jetzt war nicht die Zeit, um sich solchen Dummheiten
hinzugeben. Auf dem Schiff gab es keinen Spiegel, also bürstete und
frisierte ich mein Haar, ohne mein Spiegelbild überprüfen zu können, rieb
mir ein wenig Myrrhenöl auf Arme und Nacken und zwang mich dann, das
Schwierigste zu tun, was Menschen immer wieder zu tun gezwungen sind.
Mich der beschwerlichsten Aufgabe zu stellen, der sich jeder von uns immer
wieder stellen muß.
Ich zwang mich zu warten.
Ich brauchte nicht lange zu
warten. Es konnte nicht länger als eine halbe Stunde gedauert haben, bis ich
den Hufschlag eines Pferdes vernahm, das näher kam und dann am Ufer des
Teiches Halt machte. Erstaunlicherweise begann mein Herz nicht wie wild zu
schlagen, was es immer tat, wenn es um Maximus ging. Statt dessen blieb ich
seltsam ruhig und öffnete die Tür der Kabine ein wenig, um hinausspähen zu
können. Vor meinem inneren Auge sah ich Maximus' verdutzten Ausdruck beim
Anblick des Schiffes, das für jedermann aussah, als habe es eben dort
angelegt, und ich mußte lächeln und an Marius Servilius denken, als er zum
erstenmal erwogen hatte, eine Kopie seines allerersten Schiffes zu bauen. Er
hatte eine kleinere Variante für seinen Sohn bauen wollen, damit er dort
sicher spielen und lernen könnte, so wie sein Vater die Schiffe zu lieben.
Aber sein Sohn war bei der Geburt gestorben und hatte seine geliebte Frau
mit sich genommen. Erst mehr als drei Jahrzehnte später hatte er die
Gelegenheit gehabt, eine solche Kopie für seine zweite Frau zu bauen, die
sich vor Wasser fürchtete und nicht schwimmen konnte ... wortlos dankte ich
ihm für dieses aufmerksame Geschenk.
Während ich darauf wartete, daß Maximus an Bord kam, konnte ich mir
wunderbar vorstellen, wie er die Marmorstatuen, die das Schiff umgaben, und
die Details desselben voller Ehrfurcht betrachtete und dabei so sehr dem
grünäugigen Jungen aus meinem Traum glich - ganz Jugend und Staunen und so
voller Leben ... Ich konnte ihn mir wunderbar vorstellen, wie er vorsichtig
den ersten Schritt auf die flachen Steine machte, die vom Ufer zu dem
stillen und scheinbar verlassenen Schiff führten *1 ... Ich hatte wie ein
junges Mädchen gekichert, als ich die silbrigen Fische zwischen ihren aus
Marmor gefertigten Brüdern hatte umherschießen sehen, denn über die Steine
zu laufen war, als ob man über das Wasser wanderte ... Maximus war zu sehr
Mann um zu kichern, aber in meinem Herzen hatte ich keinerlei Zweifel, daß
er so aufgeregt sein würde, wie ich es beim erstenmal gewesen war, als ich
mich diesem Wunderwerk genähert hatte ... Ich merkte es sofort, als er die
Strickleiter ergriff, sich an der Reling hochzog und dann an Bord sprang,
der leere Raum unter Deck klang hohl unter seinen Füßen, und das Schiff
schaukelte an seinem Anker hin und her ...
Ich veränderte meine Position hinter der leicht geöffneten Tür ein
wenig, um Maximus bei seinem Gang über das Deck mit den Augen folgen zu
können, und ich sah, wie er am Mast hinauf in die schwindelnde Höhe schaute,
wie er dann ein in der Nähe stehendes Faß berührte. Von meinem Versteck aus
konnte ich beobachten, wie er zum Heck ging, ins Wasser schaute und dann auf
die marmorne Meerjungfrau, die auf einem Sockel vor dem Bug saß. Das
seltsame Schiff, das umgeben von einer Wiese voller Blumen sicher auf dem
Teich trieb, war ein magischer Ort, künstlich und doch so überaus real ...
Ich war seinem Zauber verfallen, als ich zum erstenmal gemeinsam mit meinem
verstorbenen Gemahl hier gewesen war, und nun sah ich, wie er auch Maximus
in diesen selben, wundersamen Zauber hüllte.
In die weiße Tunika gekleidet glänzte seine gebräunte Haut - über
die starken Muskeln seiner Arme und Beine gespannt - wie polierte Bronze in
der Sonne. Ohne das Öl bewegte sich sein dunkles, kurz geschnittenes Haar
leicht in der sanften Briese. Er wirkte so stark wie immer, aber
gleichzeitig auch reizend unschuldig. Jung und verletzlich. So
unbeschreiblich schön wie ein Gott und doch so menschlich wie nur irgend
möglich ...
Maximus schaute auf das Wasser, drehte sich dann um und lehnte sich
gegen die Reling, hob sein Gesicht zur Sonne empor, die Augen geschlossen
lauschte er dem Lied des Windes in der Takelage ...
Träumte er? Und wenn, wovon träumte er? Erlaubte sich General
Maximus Decimus Meridius zu träumen - trotz seiner eisernen Selbstkontrolle
und seiner Entschlossenheit, seine Pflicht zu tun und dann zu sterben?
Stellte er sich vor, auf einem echten Schiff zu sein, seinem Sklavendasein
zu entfliehen? Gab es in seinen Träumen einen Platz für mich?
Die Antworten auf diese und all meine anderen Fragen lagen so nah,
daß mir beinahe schwindlig wurde, aber es war sinnlos, das, was ich tun
wollte, weiter hinauszuzögern. Was ich tun mußte. Was meine allerletzte
Chance sein würde, zu Maximus durchzudringen ...
Sorgfältig darauf achtend, keinerlei Lärm zu machen, öffnete ich
die Kabinentür und trat leise auf das Deck, tappte barfuß zu dem Faß, das
Maximus berührt hatte, setzte mich darauf und, bevor ich noch realisierte,
was ich tat, begann ich zu singen.
Ich singe fast nie. Es ist wegen meiner Stimme. Sie ist zu tief für
eine Frau, von Natur aus ein wenig rauh und entschieden ungewöhnlich. Es ist
eine Stimme, die Aufmerksamkeit erregt - genauso wie mein rot-goldenes Haar.
Eine Aufmerksamkeit, die willkommen ist, wenn es darum geht, Befehle zu
erteilen, Geschäftliches zu besprechen oder über Philosophie zu diskutieren,
die jedoch peinlich wird, wenn Männer mich anschauen, als habe ich sie
nicht, wie es dem guten Ton entspricht, höflich begrüßt sondern sie offen in
mein Bett eingeladen.
Einmal sagte ein Mann, meine Stimme sei wie dunkler Samt während
andere sie mit warmem, gewürztem Wein verglichen. Glaub es oder glaub es
nicht - einige Männer nehmen sich die Zeit, sich bei den besonderen
Eigenschaften einer Sklavin und Hure aufzuhalten ... solange diese ihrer
eigenen Befriedigung dienen, und man hatte mich sorgfältig darin
ausgebildet, meine Stimme als ein weiteres Mittel der Verführung
einzusetzen. Aber Turia pflegte sich über das, was sie als meine Unfähigkeit
zu singen bezeichnete, zu beschweren, denn meine ungewöhnliche Stimme machte
mich schüchtern, da ich in ihr nicht jene Töne erkennen konnte, die
gewöhnlich aus einer weiblichen Kehle drangen. Zu ihrer Verärgerung schien
Cassius daran keinen Anstoß zu nehmen. Er war viel zu zufrieden mit meinen
anderen Fähigkeiten, um einen solch unbedeutenden Makel zu beachten. Als
Apollinarius andeutete, daß meine Bildung unvollständig sei, wenn ich meine
musikalischen Fähigkeiten nicht ein wenig aufpolierte, weigerte ich mich mit
solcher Entschiedenheit, überhaupt einen Gedanken daran zu verschwenden, daß
mein äußerst sensibler Lehrer sofort wußte, daß es mit meiner Weigerung noch
etwas anderes auf sich haben mußte, und das Thema nicht weiter verfolgte.
Statt dessen schlug er zu meinem Entsetzen vor, ich solle lernen, die Lyra
zu spielen.
Apollinarius war wie die meisten Griechen sehr musikalisch. Er sang
viel, meist griechische Weisen, und genoß Musikabende im Theater. Ich
dagegen fühlte mich irgendwie unwohl, wenn es um Musik ging. Aber ich liebte
das Theater, und wenn eine Vorstellung wirklich gut war, dann konnte mich
ein Chor, welcher die Gesänge der klassischen Dramen (****) anstimmte, für
Stunden fesseln, selbst wenn ich bei den Klageliedern manchmal die Lippen
zusammenpressen mußte, um einen unwillkommenen Ansturm von Emotionen
zurückzuhalten. Vor die Wahl zwischen Lyra und Gesang gestellt wählte ich
letzteren und brachte meine Unterrichtsstunden so schnell als möglich hinter
mich. Apollinarius versuchte, mich zu ermutigen indem er sagte, daß ich eine
hübsche Stimme hätte, aus der sich noch einiges machen ließe, aber ich
weigerte mich schlicht, eine Note mehr zu singen, als für die
Vervollkommnung meiner Bildung unbedingt nötig war. Ich sang nie zusammen
mit ihm, so sehr er mich auch dazu zu überreden versuchte. Ich sang nicht
einmal in der Privatsphäre meiner eigenen Räume und schätzte mein Talent
genauso ein wie meine Fähigkeit, beim Trinken mitzuhalten: irgendwie
nützlich aber nichts, um darauf stolz zu sein.
Und nun ... nun ... strömten die Worte ganz einfach und mühelos von
meinen Lippen, und der Wind trug meine Stimme auf seinen Flügeln.
Apollinarius hatte mich dieses besondere Lied gelehrt, eine ach so süße
Weise über einen gutaussehenden Seemann mit dunklem Haar und die schöne
Sirene, die ihm in Liebe zugetan war. Sie hatten eine kurze Zeit des Glücks
mit einander geteilt, aber der Seemann war ein Mensch und konnte nicht
zusammen mit ihr im Meer leben, und die Sirene war eine Sirene und konnte
ihm nicht an Land folgen, denn sie hatte keine Füße ...
Ich merkte es sofort, als Maximus bewußt wurde, daß jemand ganz in
seiner Nähe sang. Er öffnete diese wundervollen grün-blauen Augen und sah
mich auf dem Faß neben der Kabine sitzen - der Wind spielte mit den weichen
Wellen meines offenen Haares und das Sirenengewand schmiegte sich eng um
meinen Körper ...
Er wirkte nicht schockiert.
Nicht einmal überrascht.
Er schien vielmehr bezaubert zu sein.
Es sah aus, als habe er bereits auf mich gewartet.
Als habe er schon so lange auf mich gewartet wie ich auf ihn ...
Langsam, ganz langsam löste sich Maximus von der Reling und kam
näher. Er bewegte sich mit jener für ihn so typischen katzengleichen
natürlichen Grazie, die mich immer an einen prächtigen Löwen denken ließ -
oder an einen ebenso prächtigen wilden Hengst.
Ich stand auf und ging ihm barfuß entgegen, immer noch leise
singend, mein Sirenengewand folgte mir in einer fließenden Bewegung. Während
ich mich ihm näherte, fiel mir das Haar zurück über meine Schultern und gab
den Blick auf das hauchdünne Oberteil des Gewandes frei, welches meine
Brüste mehr entblößte als bedeckte ... Und wieder erkannte ich es sofort,
als Maximus' Augen den Anblick in sich aufnahmen, denn das Feuer in ihrer
grün-blauen Tiefe brannte mit einer Intensität, wie ich sie nie zuvor bei
ihm gesehen hatte. Einer Intensität, die in mir ein Gefühl aufsteigen ließ,
als habe er bereits seine großen, warmen, schwieligen Hände um meine fast
nackten Brüste gelegt, wie ich es seit sechs Jahren ersehnt hatte ...
Wie kam es, daß er in der Lage war, mir das Gefühl zu vermitteln,
zärtlich liebkost zu werden, ohne daß er mich überhaupt berührte? Wie konnte
er die Hitze des Fiebers in mir erwecken, das Blut in meinen Adern pochen
lassen, ohne auch nur die Hand nach mir auszustrecken? Wie konnte er mich
heiß machen und die Säfte meines Körpers zum Fließen bringen, nur indem er
mich anblickte?
Maximus bliebt stehen und begann dann zu sprechen. Der Klang seiner
Stimme war noch tiefer und rauher als gewöhnlich und so leidenschaftlich wie
die aquamarinblauen Flammen seiner Augen.
"Ich weiß nicht, wie Odysseus Dir widerstehen konnte, schöne Sirene", sagte
er.
Und in diesem Augenblick wußte ich es.
Wußte ich, daß er mich nicht noch einmal zurückweisen würde.
Wußte ich, daß er nicht länger gegen sein Verlangen kämpfen würde.
Wußte ich, daß nichts ihn diesmal mehr zurückhalten würde, nicht einmal
seine Selbstkontrolle ...
Und ich wußte, daß, wenn er in meine Arme käme, wenn er mich in seine nähme,
seine Augen geöffnet würden und er mich, Julia, nähme, und nicht den Geist
seiner toten Frau. Nicht einmal den Geist der Geliebten seiner Jugendzeit.
Keine andere Frau als mich allein.
Die letzten Noten der griechischen Weise entschwebten mit der
Briese, und ich lächelte. Und mein Lächeln war nicht eine automatische Geste
aus ebenso automatischer Höflichkeit, wie es typisch geworden war für die
einsame Frau, noch viel weniger die kühle, zurückhaltende Geste, mit der ich
Menschen bedachte, die ich ansonsten auf Distanz hielt. Es war einfach nur
ein echtes, liebendes Lächeln. Es war das Lächeln, das ich nur einmal
gelächelt hatte - für ihn ... vor sechs Jahren in Moesia. Das Lächeln der
liebenden, sorgenden und verspielten Frau, die ich sein konnte. Das Lächeln
der liebenden, sorgenden und verspielten Frau, die allein Maximus in mir zum
Leben zu erwecken im Stande war.
Er kam näher und sprach weiter:
"Die Sirenen versuchten, Odysseus mit ihrem Gesang und ihrer Schönheit in
den Tod zu locken. Sollte ich mich fürchten, liebliche Sirene?"
Ich legte das kurze Stück, das uns noch trennte, zurück, und es war
mir, als würde ich schweben, so leicht war mir ums Herz. So leicht wie
niemals zuvor.
"Die einzigen, die mich fürchten müssen, sind jene, die meinem Odysseus zu
schaden versuchen", flüsterte ich, während ich seine bärtige Wange mit der
Außenseite meiner Hand liebkoste. "Du bist sicher bei mir, liebster
Odysseus."
Mit meiner rechten Hand umfaßte ich seinen Nacken, zog sein Gesicht
zu mir herab und küßte ihn zart, dann flüsterte ich weiter ganz nah an
seinen Lippen, sprach zum erstenmal einen Traum aus, den Realität werden zu
lassen ich so sehr ersehnte - und sei es nur für kurze Zeit und nur auf
diesem Schiff, das niemals ein anderes Meer befahren würde als das Meer eben
dieses Traumes.
"Wir sind auf See ... Rom liegt weit hinter uns, und die Wellen tragen uns
mit sich fort ... nur uns beide."
Ich küßte ihn wieder, diesmal heftiger, seine Lippen waren weich
und warm und schmeckten nach Sonne und Wind und Mann. Maximus streckte die
Hände aus, um mich näher zu sich heranzuziehen, eine legte sich auf mein
Haar und die andere um meine Taille, das Streicheln seiner großen, starken,
warmen, schwieligen Hände ließ mich erschauern. Es war die sengende Hitze
dieser Hände, die mich erschauern ließ, von Händen, die Blut vergießen oder
aber die Erde bebauen, die Zerstörung oder Trost bringen, die töten und
streicheln konnten, jener Hände, die mir die Freiheit geschenkt hatten und
die mich nun hoffentlich heil und ganz machen würden ... Jener Hände, die
vor sechs Jahren wie von selbst über meinen Körper geglitten waren, die sich
aber jetzt vollkommen bewußt waren, was sie taten. Wohin sie wanderten. Was
sie wollten und warum.
"Geliebter Odysseus", flüsterte ich an seinen Lippen, während ich
in seiner Wärme und seinem Duft und dem Grünblau seiner ozean-farbenen Augen
versank ...
Maximus nahm meinen Mund in Besitz.
Kein Zögern.
Kein Zweifel und keine Schüchternheit.
Nur lang verleugnete Leidenschaft.
Maximus' Finger packten mein
Haar, glitten durch seine rot-goldenen Wellen, sanft zuerst, seine rauhen
Fingerkuppen streichelten meine Kopfhaut, dann eindringlicher, während seine
Lippen immer fordernder wurden, immer besitzergreifender, sein Kuß heftiger
und seine Zunge kühn Einlaß in meinen Mund verlangte. Mit einem zitternden
Seufzer kapitulierte ich, öffnete leicht meine Lippen ... Kapitulation war
nichts Neues für mich - von Kindheit an hatte man mir beigebracht, jeden
Widerstand aufzugeben, wenn es um die Launen von Männern ging ... aber
diesmal ... diesmal ... diesmal fühlte es sich so ganz anders an. Es fühlte
sich so gut an. So richtig. So angenehm. Es war genau das, was ich tun
wollte ... was ich unbedingt tun wollte ...
Und plötzlich, als Maximus'
Zunge in meinen Mund glitt, die meine suchte und fand, sie lockte, sie
umwarb, sich in einem heißen, fiebrigen Tanz um sie schlang, aufreizend und
hingebungsvoll, mehr und mehr gebend und fordernd -
da wußte ich es.
Ich wußte, ich brauchte keine
Angst zu haben. So wie Maximus' Augen offen sein würden für mich, wenn er
mich nahm, so würde auch meine befleckte Vergangenheit nicht zwischen uns
stehen. So wie er mich sehen würde und nicht Olivia oder Lucilla, so würde
ich nicht dieses kleinen Bißchens Glück beraubt werden, denn ich würde mich
ihm als Frau hingeben und nicht als Hure. Ich würde mich ihm als Frau geben
und als Frau würde er mich nehmen und lieben und heil machen.
Und eine Frau und nichts anderes als eine Frau würde ich von da an sein.
Ohne meinen Mund freizugeben, immer noch meine Zunge mit seiner
streichelnd, ließ Maximus seine Hände an meinem
Körper hinabgleiten und spreizte die Finger über meinen Pobacken, strich
zuerst liebkosend über das gefiederte Gewebe meines Sirenengewandes und
zerquetschte es schließlich, während er mich rücksichtslos an sich preßte.
Ich stöhnte - meine Lippen immer noch auf seinem heißen, fordernden
Mund.
Er war heiß und hart.
So heiß und hart, daß meine eigenen Säfte heftiger flossen.
Heißer und härter, als er es am Strand gewesen war.
Sogar heißer und härter als er es hinter dem Vorhang in jenem Alkoven in
Moesia gewesen war.
So heiß und hart wie ein Mann nur sein kann.
So heiß und so hart, daß ich seine Erregung durch seine wollene Tunika und
mein Sirenengewand hindurch fühlen konnte, während er seine Lenden gegen
meinen Unterleib preßte und mir schamlos den Beweis seines Verlangens
darbot. Mir stolz den unzweifelhaften Beweis seiner Männlichkeit
präsentierte.
Überwältigt durch die Intensität von Maximus' Leidenschaft fühlte
ich mich in seinen Armen einer Ohnmacht nah. Ich keuchte, als er meinen Mund
freigab und beklagte gleichzeitig den Verlust. Und wieder stöhnte ich, als
seine Lippen sich einen glühend heißen Weg hinab von meinem Hals zu meinen
Schultern bahnten, sein Bart zusammen mit seinem warmen Atem so köstlich
über meine Haut strich. Und seine Lippen wanderten weiter, während er jedes
nackte Stückchen Haut, daß sie erreichen konnten, küßte, biß, leckte, bis
sie zu dem dünnen Stück Stoff gelangten, welches über meine Schulter lief.
Ohne zu zögern hakte Maximus seinen schwieligen Finger darunter und zog es
grob beiseite, so daß ihm nichts mehr im Wege war. Trotz der rauhen
Behandlung riß der zarte Stoff nicht, und Maximus zog ihn ungeduldig ganz
hinunter, befreite die harte Spitze meiner rechten Brust aus ihrer
Umhüllung. Ich schnappte nach Luft - allein der Gedanke daran, wie seine
Hand meine Brust umspannt, seine Lippen die fast schmerzhaft angespannte
korallenfarbige Brustwarze umschließen, machte mich schwindlig vor Verlangen
und Erwartung.
"Maximus", hauchte ich.
Er hob den Kopf, und meine Kehle zog sich zusammen, als ich das
brennende Verlangen in diesen herrlichen grün-blauen Augen sah, die so viel
sagen und mich mit nur einem Blick heiß machen konnten.
O nein. Diesmal würde ihn nichts mehr aufhalten. Nicht einmal Ehre noch
Pflicht und auch nicht Gefahr und der drohende Tod. Nichts würde ihn davon
abhalten, mich zu der Seinen zu machen. Nichts würde ihn davon abhalten, mir
sein Zeichen aufzudrücken. Mich zu heilen, während ich ihn heilte. Während
ich ihm mein Zeichen aufdrückte. Während ich seinen Körper nahm und das
kleine Stück seines Herzens, das mir zu geben er bereit war ...
"Wohin?" keuchte er.
"Die Kabine."
Ohne zu zögern beugte Maximus sich hinunter und hob mich mühelos
hoch, noch bevor ich meine Arme um seinen Hals legen konnte. Mit zwei langen
Schritten war er an der Tür.
Sich bückend betrat er die niedrige Kabine und schloß die Tür
hinter sich mit einem so kräftigen Fußtritt, daß man den Widerhall noch
durch die Bäume und jenseits der Wiese gehört haben mußte.
(***) Bei heißem Wetter liebten die Römer kühle Getränke genau wie wir
heute, aber sie hatten nur wenige Möglichkeiten dieselben zu kühlen. Die
verbreitetste bestand darin, eine Amphore in einen Fluß oder See zu hängen,
wobei das Material (Terracotta) dazu beitrug, die Getränke kühl zu halten.
Aber die beste Methode war die, dem Getränk Schnee zu zufügen. Der Schnee
wurde in den Bergen gesammelt, in Blöcke gepreßt, fest mit Stroh umwickelt
und dann an seinen Bestimmungsort verschickt. Wenigstens die Hälfte ging
unterwegs verloren, aber der verbleibende wurde in Kellern gelagert und zu
Wucherpreisen verkauft. Im Sommer pflegte Julius Caesar nach dem täglichen
Exerzieren zerkleinerte und mit Schnee vermischte Früchte zu genießen. Nach
einem seiner Feldzüge sandte Marcus Antonius der Königin Kleopatra das
extravagante Geschenk eines mit Schnee beladenen Schiffes, um ihre Getränke
in der sengenden Hitze Alexandrias zu kühlen.
(****) Musik war ein wichtiger
Bestandteil des antiken Theaters. Im zweiten Jahrhundert n.Chr. nahmen
gebildete Römer an Musikabenden in kleinen Theatern teil, welche odeae
genannt wurden, und besuchten die größeren Theater - wie das noch heute
erhaltene Theater in Pompeji - wenn klassische griechische Tragödien
gespielt wurden. Zu jener Zeit waren die heiteren Theaterstücke, die im
ersten Jahrhundert so beliebt gewesen waren, zu groben Komödien verkommen,
zu vulgär für ein Publikum mit besserem Geschmack aber extrem beliebt beim
Pöbel. Die klassischen Tragödien könnte man mit den heutigen Musicals
vergleichen. Es gab ein Orchester und einen Chor, die eine bedeutende Rolle
spielten, während die Schauspieler ihren Part deklamierten. Einige dieser
denkwürdigen Texte kann man noch heute nachlesen, aber da die Musik nur
mündlich überliefert und nicht schriftlich festgehalten wurde, ging sie
völlig verloren. Die Römer waren produktive Schriftsteller, brachten jedoch
nur wenige Tragödien hervor, hauptsächlich während der letzten Zeit der
Republik und der ersten des Kaiserreiches. Aber nach Kaiser Augustus' Tod
machten es die ständigen politischen Unruhen und die Tatsache, daß einige
der kaiserlichen Familien - wie die Julio-Claudier - recht 'eigenartig'
waren, schwierig, ein sicheres Thema zu wählen, über das ein Autor schreiben
konnte, ohne Gefahr zu laufen, dem Kaiser oder seinen Verwandten zu
mißfallen und mit Zensur, Exil oder Tod bestraft zu werden. Erstickt durch
Furcht und Zensur starb dieses Genre schnell. Eine andere Form der
Unterhaltung, die Musik und theatralische Darbietung mit einschloß, war die
Pantomime, welche eine direkte Vorfahrin des heutigen Balletts ist.
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*1 vgl. Julias Tagebuch, Teil
2, Kapitel 9
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