11
 

Als der Morgen graut und ich verschlafen an Deck torkele, ist keine Acheron in Sicht. Auch die nächsten Tage nicht. Wir treffen sie erst ungefähr drei Wochen später. Ja, ihr habt richtig gehört. Betrachten wir es doch mal logisch. Der Film ist 2 ½ Stunden lang. Eine Fahrt um Kap Horn dauert da aber ein bisschen länger. Was für euch nur zehn Minuten sind, läuft für mich in Echtzeit ab. Ihr kriegt es nur nicht mit, weil der Film das natürlich nicht zeigt. Ein Beispiel, um es noch zu verdeutlichen, ist Blakeney. Denkt ihr ernsthaft, er steht sofort wieder an Deck, nachdem Maturin ihm einen Teil des rechten Arms amputiert hat? Das dauert seine Zeit.
Und diese Zeit verbringe ich bei ihm – oder eher allgemein im Lazarett. Frauen sind eh die besseren Krankenpfleger. Ich wechsle Verbände, flöße Tränke ein. Und das mit einem Selbstvertrauen, das mich überrascht. Jack lässt mich gewähren, geht er doch davon aus, dass ich da nicht viel Schaden anrichten kann. Auf gewisse Weise, würde ich sagen, ist er erleichtert, dass ich ihm nicht ständig auf die Nerven gehe und er die Last meiner Obhut auf jemanden anderen abwälzen kann. Jedenfalls zeitweilig.
Und Stephen ist erfreut über meine Gesellschaft. Vor allem, als sich herausstellt, dass ich ein wenig von Homöopathie verstehe. Ich erzähle ihm, dass ich das aus einem Buch von einer gewissen Hildegard von Bingen habe. Der Name sagt ihm natürlich was. Ohne zu zögern steht er auf und reicht mir einen dicken Einband. Ich bin überrascht. »Scivias« und noch dazu in Latein.
Ich verziehe mein Gesicht. »I think I have to confess that my Latin is a bit rusty. It is still taught at schools but I only had the joy to take part for two years. I don’t remember much.«
»What about Greek?« will er wissen, lässt sich neben mir auf einem Stuhl im Studierzimmer nieder.
Ich schüttele den Kopf. »Not at an ordinary school, like mine«, erkläre ich. »I only had the choice between English and French as the second language. And I chose English.«
»And the other?« hakt er nach.
Ich seufze, erwarte, dass er gleich den Vorführeffekt verlangt, sobald ich es äußere. »Russian.«
Maturin zieht überrascht eine Braue hoch. »That’s interesting.«
Ich wiegle weitere Fragen gleich ab. »Last time I have spoken it is about 15 years ago. You forget a lot when you don’t practise.«
Das sieht er ein, nickt.
Und so geht es weiter.
Patrick hier.
Patrick da.
»Could you please... would you take that…«
Ja. Ja. Ja.
Es ist schon irre, wie sehr der Verstand darauf bedacht ist, den Körper von Schwierigkeiten fern zu halten. Man passt sich an, arrangiert sich mit den Gegebenheiten. Das Leben an Bord ist gar nicht so übel – mein Tagesablauf ist gut geregelt. Ich helfe Maturin im Lazarett, plaudere mit Killick oder lasse mich von Blakeny und Calamy in Nautik fortbilden. Wenn ich an Deck zugange bin, wirft Pullings ein wachsames Auge auf mich, damit ich nicht mit Kelly aneinander gerate. Alles läuft bestens, wenn man vom Schwanken absieht. Ich habe mir den Gang eines unsicheren Kleinkindes mit voller Windel angewöhnt. Wehe, einer lacht. Es verhindert immerhin, dass ich über meine eigenen Füße falle.
Vor ein paar Tagen hatte ich ein einschneidendes Erlebnis, das mir, ähem ja, wie soll ich sagen, fast eine Tracht Prügel von Captain Jack einbrachte. Ich konnte sehen, wie sich seine Finger ver- und entkrampften, während er versuchte, eine gelassene Miene an den Tag zu legen. Die Anwesenheit der restlichen Mannschaft ersparte mir irgendwelche Handgreiflichkeiten. Und im Grunde war ja auch nichts Schlimmes passiert. Wenn man mal davon absieht, dass sich eine ungestüme junge Frau, für deren Gesundheit ER die Oberverantwortung trägt – denn wir wollen mal nicht vergessen, wer ihr zu diesem Zwangsurlaub verholfen hat – freiwillig in die Bramsaling wagt, um den wunderschönen Ausblick zu genießen. Und der Anblick war wunderschön, auch wenn es mächtig zog. Wieder am Boden funkelte er mich nur an und sagte kein Wort. Stephen befragte mich eingehend nach meinen Eindrücken und führte mich sehr diplomatisch aus Jacks Brüllweite. Bonden gab mir einen erhobenen Daumen, soviel konnte ich im Weggehen noch erkennen und vergriff mir vergebens ein Grinsen.
Dann gab es gestern gegen Abend noch einen weiteren Zwischenfall, an dem ich diesmal nur sekundär beteiligt war. Da Higgins anderweitig herumwuselte und Padeen nicht auftreibbar war, musste ich Stephen notgedrungen bei einer heiklen Operation assistieren. Dabei wurde mir etwas mulmig, denn weder Jack noch ich hatten den guten Doktor darüber informiert, dass Pullings wusste, dass ich alles, nur kein Junge bin. Und eben dieser hockte mit runtergelassenen Hosen auf einem Stuhl, während Stephen sein Bein verarztete. Beim Exerzieren mit den Kanonen hatte ihm das heiße Metall beim Rückstoß etwas die Haut versengt. Nichts lebensbedrohliches, aber für ihn und mich etwas peinlich. Ihr könnt mir glauben, ich habe noch nie einem Mann so permanent in die Augen gestarrt, was natürlich meine Hilfeleistung für Stephen erschwerte. Blind nach Salben und Instrumenten zu tasten, brachte mir prompt einen Schnitt im Daumen ein und Maturin später unter vier Augen eine Erklärung meines Verhaltens. Er schüttelte immer wieder den Kopf und murmelte, ich hätte ihm das doch um Gottes Willen sagen sollen...
Ansonsten hat mich die Routine in ihrem Bann. Ich schlafe immer noch auf dem Boden in Stephens Kajüte. Und jetzt viel besser, als jemals zuvor. Mein Rücken scheint sich daran gewöhnt zu haben. Irgendwie habe ich das Gefühl, mir jetzt tatsächlich den Stand verdient zu haben, den mir die anderen schon vorher zuschusterten. Ich bin Patrick O’Brian, der Gehilfe von Maturin und eine Seele von Freund.
Kann es sein, dass ich mich hier tatsächlich wohlfühle? Eine Frau unter mehr als 200 Männern? Ich weiß nur, dass mich die Bücher von der ersten Seite an fasziniert haben. Und als Wasserzeichen mag ich alles, was mit diesem Element zu tun hat. Im besonderen Schiffe, obwohl ich noch nie vorher auf einem gewesen bin. Mal von den dicken Fähren abgesehen, die zwischen Dänemark und Norwegen hin- und herpendeln. Es ist komisch. Aber was als Schock begann, hat sich mittlerweile zu einem Selbsterfahrungstrip gemausert, den ich um keinen Preis missen möchte. Dass alles gut läuft, spielt natürlich dabei eine Rolle. Wäre es hier die Hölle auf Erden, würde ich Jack jeden Tag in den Hintern treten, damit er einen Weg findet, mich zurückzuschicken. Aber so...
Beim Backen und Banken sitze ich gewöhnlich zwischen Bonden und Joe Plaice. Das alte Raubein scheint mich ins Herz geschlossen zu haben. Das Essen schmeckt nach wie vor nach nichts und Hunger habe ich auch nicht wirklich... Aber wenn alle anderen spachteln, spachtele ich auch.
Was mich beunruhigt, ist, dass ich in der ganzen Zeit keinen Kontakt zu Meraluna habe. Aber verständlich ist es schon. Ich kann nicht mal sagen, ob sie mich bei allem beobachtet. Ich nehme es nicht an, denn sie ist an den Kreislauf der DVD gebunden. Und sie hätte sicher Laut gegeben und Jack die Meinung gegeigt, als er mich nach meiner Kletterpartie zusammenstauchte. Doch als sich die Szenerie langsam zuspitzt und auf den Punkt zuzulaufen beginnt, der wieder im Film zu sehen ist, werde ich nervös. Als dann plötzlich ihre Stimme zu mir dringt, während ich neben Stephen und Jack am Achterdeck stehe – Aubrey erspäht durch sein Fernrohr gerade die Acheron – zucke ich erst mal zusammen.
In hitzigem Flüstern erkläre ich ihr die Lage. Sie ist baff....

 

Jack lässt Vollzeug setzen, segelt der Acheron einfach davon. Die Szene kennt jeder von euch. Als es dunkel wird, schickt er Calamy auf sein erstes Kommando und wiegt den französischen Kapitän damit in Sicherheit, in dem er ihn auf den Behelf feuern lässt. Es funktioniert. Da nur die Laternen zu sehen sind, wird die Acheron in die falsche Richtung gelockt, so dass Jack einen Bogen schlagen und sich ihr von hinten nähern kann. Er persönlich übernimmt die erste Wache.
Eigentlich ist es ja Killick, der ihm den Kaffee bringt. Aber da der arme Kerl schon genug am Rotieren ist, übernehme ich das. Niemand kann etwas Anstößiges daran finden und ich habe Gelegenheit, mit Jack allein ein paar Worte zu wechseln.
Ohne aufzusehen, murmelt er: »Some coffee, Killick.« und klopft auf den Tisch.
»Of course, Sir«, antworte ich.
Er hebt den Kopf, blinzelt. »Patrick.« deutet auf die Heckbank. »Sit down. Let’s talk a bit.«
Ich nicke. »Exactly what I came here for.
But first…« Mit einem Lächeln gieße ich Kaffee ein.
Er nippt am Gebräu und verzieht das Gesicht. »Much better in your world.«
Ich stimme ihm zu, erkläre ihm, dass wir uns wohl die Koffeinleidenschaft teilen. Und dass ich mal irgendwo gelesen habe, dass mindestens drei Tassen am Tag das Risiko von Diabetes verhindern. Da er nicht weiß, was das ist, erläutere ich es ihm mit den begrenzten sprachlichen Möglichkeiten, die ich habe. Obwohl Maturin dafür wohl der bessere Gesprächspartner wäre.
Dann herrscht eine Weile Stille. Jack widmet sich seinen Karten und ich starre in den Nachthimmel.
Als er etwas sagt, nehme ich es erst gar nicht wahr. »Pardon?« Ich wende ihm das Gesicht zu.
»I asked if you are afraid?« wiederholt er.
»Yes and No. How shall I explain it? I like to be here. Could be worse. Huh, did I really say that?«
Ich schneide eine Grimasse. Er grinst. »I miss my friends, my family…«
»I would be alarmed if it wasn’t so«, meint er daraufhin, markiert einen Punkt auf der Karte.
»You know what will happen«, sage ich leise. »You know where the Acheron is.«
»So your point is why I follow the procedure and don’t tell them where to find the French?«
Ich zucke die Schultern. Schätze, das wollte ich sagen.
»Because I can’t. Well, they think highly about Lucky Jack but a futureteller?«
»Did you never try?«
»I thought about it a few times. And actually one time I tried to mark the spot on the card to disguise it with some nautical…
Well,...« Er winkt ab, kratzt sich Kinn. »Didn’t work out. It was cancelled. I was cancelled. No way to change the story.«
Ich erhebe mich. »Maybe I could do. You tell me where.«
Er reicht mir den Stift, bereit meinen Vorschlag in die Tat umzusetzen. Vielleicht einfach nur, um zu sehen, was passieren wird. Als ich mich über die Seekarte beuge, kriege ich dermaßen eine gewischt, dass ich den Stift fallen lasse und mir das Handgelenk reibe.
»What was that?« fragt Jack alarmiert.
Ich erkläre ihm, dass es sich wie ein Stromschlag angefühlt hat. An Elektrizität erinnert er sich. Das Licht im Kühlschrank, die Schalter in Meralunas Wohnung.
»It’s the movie«, äußere ich geschockt. Derartige Gedanken begleiten mich schon die ganze Zeit. »You say you’re not able to intervene. To make a difference. And after I was swallowed I don’t think I can do that either.« Ich sehe ihn direkt an. »That scares me. Oh, yes. To imagine not to come back into my world. To be trapped here forever. Out there I have a life. But here….«
»We are puppets on a string moving ‘round and ‘round…«
Er verdeutlicht das mit dem Kreisen seines Fingers. »Do you understand now?« Jack zieht eine Augenbraue hoch. »I have tasted it. I could be myself. Here everyone is bound…«
»… to the storyline«, führe ich seinen Gedanken zu Ende. »They never know when the circle is full.«
»Yes«, stimmt er mir zu. »We will find a way to bring you back. Hope is all we’ve got. Let’s stick to it. And when the time comes I might acompany you.«
»But you would die!« sage ich lauter als beabsichtigt.
Aubrey macht eine Geste, um mich zur Ruhe zu zwingen. »But it’s my only chance to matter. Don’t you see that«, sagt er beschwörerisch. »I know there are books. I’ve read a bit in one of them. An Irishman created every move of mine, sent me on these journeys. Nothing is my decision. All was planned by others. I know and can’t fight it. Helplesness is not of my liking.«
Mir klappt der Kiefer herunter. So habe ich das noch nie betrachtet. Aber es ist logisch und nur zu verständlich. Hier passiert nur das, was im Drehbuch steht. Danken wir Gott, dass Weir so detailbesessen war, sonst wäre es für Jack noch schlimmer. Im Grunde ist er ein Kind, das von einem unsichtbaren Vater – der sich auch Regisseur nennt – an der Hand genommen wird und die Szenerie so durchlebt, wie wir sie auf der Leinwand und der DVD bewundert haben. Aber er hat Persönlichkeit. Und die ist nicht die, die vom Autor oder Weir geplant wurde. Er hat eine andere Welt gesehen. Eine andere Welt, die hinter seiner Scheibe liegt. Er hat erfahren, was er dort tun kann. Eigenständig. Eine Metamorphose. Jack hat sich weiterentwickelt. Die anderen nicht.
Ich schlucke. »So you’d rather prefer death...« Ich spreche nicht weiter.
»The chance of beeing me even when it’s only for two weeks and the prospect of completing this boring circle again and again...« Er zuckt die Schultern.
»And what about Stephen?« werfe ich ein. »He is your closest friend.«
»No gains without losses«, erwidert er nur. »Freedom carries sacrifice.«
Er sieht auf, gibt Bonden ein Kommando. Die Surprise beginnt sich zu neigen, folgt dem neuen Kurs.
»Can I ask you something?« fragt Jack plötzlich.
Ich nicke.
»How did you and Helga meet?«
Oh.. oh…»You wouldn’t like to hear that«, entgegne ich.
Seine Augen weiten sich. Er hat kapiert. »It’s because of HIM?«
Ich zucke die Schultern.
»So what do you see when you look at me?« Der Tonfall in seiner Stimme ist abweisend.
Ich grinse. »You look like him. You talk like him. But you are Jack Aubrey. Simple as that. There’s nothing to compare. I have never met him. And that doesn’t bother me.«
»Why not?« hakt er nach.
»I jumped off the train about two years ago. Still like to watch his movies but nothing more.«
Jack mustert mich argwöhnisch. »True?«
»Yes«, bestätige ich nickend. »I’m thankful that he exists...«
»I think I should be too«, fährt er dazwischen, hebt die Arme.
»He made me write again. Now I have something to focus on.« Ich erhebe mich, habe keine Lust, das Gespräch in diese Richtung zu vertiefen. Weil ich im Grunde gesehen nichts weiter dazu zu sagen habe. »Q & A finished«, blocke ich jegliche weiteren Fragen ab.
Er sieht mich verwundert an. »Q & A?«
»Questioning & Answering. Or otherwise called Queueing & Aching. You better get some sleep yourself. At least we both know what will happen.« Mit diesen Worten gehe ich unter Deck.

Kapitelauswahl                    weiter