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Als der
Morgen graut und ich verschlafen an Deck torkele, ist keine Acheron in
Sicht. Auch die nächsten Tage nicht. Wir treffen sie erst ungefähr drei
Wochen später. Ja, ihr habt richtig gehört. Betrachten wir es doch mal
logisch. Der Film ist 2 ½ Stunden lang. Eine Fahrt um Kap Horn dauert da
aber ein bisschen länger. Was für euch nur zehn Minuten sind, läuft für mich
in Echtzeit ab. Ihr kriegt es nur nicht mit, weil der Film das natürlich
nicht zeigt. Ein Beispiel, um es noch zu verdeutlichen, ist Blakeney. Denkt
ihr ernsthaft, er steht sofort wieder an Deck, nachdem Maturin ihm einen
Teil des rechten Arms amputiert hat? Das dauert seine Zeit.
Und diese Zeit verbringe ich bei ihm – oder eher allgemein im Lazarett.
Frauen sind eh die besseren Krankenpfleger. Ich wechsle Verbände, flöße
Tränke ein. Und das mit einem Selbstvertrauen, das mich überrascht. Jack
lässt mich gewähren, geht er doch davon aus, dass ich da nicht viel Schaden
anrichten kann. Auf gewisse Weise, würde ich sagen, ist er erleichtert, dass
ich ihm nicht ständig auf die Nerven gehe und er die Last meiner Obhut auf
jemanden anderen abwälzen kann. Jedenfalls zeitweilig.
Und Stephen ist erfreut über meine Gesellschaft. Vor allem, als sich
herausstellt, dass ich ein wenig von Homöopathie verstehe. Ich erzähle ihm,
dass ich das aus einem Buch von einer gewissen Hildegard von Bingen habe.
Der Name sagt ihm natürlich was. Ohne zu zögern steht er auf und reicht mir
einen dicken Einband. Ich bin überrascht. »Scivias« und noch dazu in Latein.
Ich verziehe mein Gesicht. »I think I have to confess
that my Latin is a bit rusty. It is still taught at schools but I only had
the joy to take part for two years. I don’t remember much.«
»What about Greek?« will er wissen, lässt sich neben mir auf einem
Stuhl im Studierzimmer nieder.
Ich schüttele den Kopf. »Not at an ordinary school, like
mine«, erkläre ich. »I only had the choice between English and French as the
second language. And I chose English.«
»And the other?« hakt er nach.
Ich seufze, erwarte, dass er gleich den Vorführeffekt verlangt, sobald ich
es äußere. »Russian.«
Maturin zieht überrascht eine Braue hoch. »That’s interesting.«
Ich wiegle weitere Fragen gleich ab. »Last time I have
spoken it is about 15 years ago. You forget a lot when you don’t practise.«
Das sieht er ein, nickt.
Und so geht es weiter.
Patrick hier.
Patrick da.
»Could you please... would you take that…«
Ja. Ja. Ja.
Es ist schon irre, wie sehr der Verstand darauf bedacht ist, den Körper von
Schwierigkeiten fern zu halten. Man passt sich an, arrangiert sich mit den
Gegebenheiten. Das Leben an Bord ist gar nicht so übel – mein Tagesablauf
ist gut geregelt. Ich helfe Maturin im Lazarett, plaudere mit Killick oder
lasse mich von Blakeny und Calamy in Nautik fortbilden. Wenn ich an Deck
zugange bin, wirft Pullings ein wachsames Auge auf mich, damit ich nicht mit
Kelly aneinander gerate. Alles läuft bestens, wenn man vom Schwanken
absieht. Ich habe mir den Gang eines unsicheren Kleinkindes mit voller
Windel angewöhnt. Wehe, einer lacht. Es verhindert immerhin, dass ich über
meine eigenen Füße falle.
Vor ein paar Tagen hatte ich ein einschneidendes Erlebnis, das mir, ähem ja,
wie soll ich sagen, fast eine Tracht Prügel von Captain Jack einbrachte. Ich
konnte sehen, wie sich seine Finger ver- und entkrampften, während er
versuchte, eine gelassene Miene an den Tag zu legen. Die Anwesenheit der
restlichen Mannschaft ersparte mir irgendwelche Handgreiflichkeiten. Und im
Grunde war ja auch nichts Schlimmes passiert. Wenn man mal davon absieht,
dass sich eine ungestüme junge Frau, für deren Gesundheit ER die
Oberverantwortung trägt – denn wir wollen mal nicht vergessen, wer ihr zu
diesem Zwangsurlaub verholfen hat – freiwillig in die Bramsaling wagt, um
den wunderschönen Ausblick zu genießen. Und der Anblick war wunderschön,
auch wenn es mächtig zog. Wieder am Boden funkelte er mich nur an und sagte
kein Wort. Stephen befragte mich eingehend nach meinen Eindrücken und führte
mich sehr diplomatisch aus Jacks Brüllweite. Bonden gab mir einen erhobenen
Daumen, soviel konnte ich im Weggehen noch erkennen und vergriff mir
vergebens ein Grinsen.
Dann gab es gestern gegen Abend noch einen weiteren Zwischenfall, an dem ich
diesmal nur sekundär beteiligt war. Da Higgins anderweitig herumwuselte und
Padeen nicht auftreibbar war, musste ich Stephen notgedrungen bei einer
heiklen Operation assistieren. Dabei wurde mir etwas mulmig, denn weder Jack
noch ich hatten den guten Doktor darüber informiert, dass Pullings wusste,
dass ich alles, nur kein Junge bin. Und eben dieser hockte mit
runtergelassenen Hosen auf einem Stuhl, während Stephen sein Bein
verarztete. Beim Exerzieren mit den Kanonen hatte ihm das heiße Metall beim
Rückstoß etwas die Haut versengt. Nichts lebensbedrohliches, aber für ihn
und mich etwas peinlich. Ihr könnt mir glauben, ich habe noch nie einem Mann
so permanent in die Augen gestarrt, was natürlich meine Hilfeleistung für
Stephen erschwerte. Blind nach Salben und Instrumenten zu tasten, brachte
mir prompt einen Schnitt im Daumen ein und Maturin später unter vier Augen
eine Erklärung meines Verhaltens. Er schüttelte immer wieder den Kopf und
murmelte, ich hätte ihm das doch um Gottes Willen sagen sollen...
Ansonsten hat mich die Routine in ihrem Bann. Ich schlafe immer noch auf dem
Boden in Stephens Kajüte. Und jetzt viel besser, als jemals zuvor. Mein
Rücken scheint sich daran gewöhnt zu haben. Irgendwie habe ich das Gefühl,
mir jetzt tatsächlich den Stand verdient zu haben, den mir die anderen schon
vorher zuschusterten. Ich bin Patrick O’Brian, der Gehilfe von Maturin und
eine Seele von Freund.
Kann es sein, dass ich mich hier tatsächlich wohlfühle? Eine Frau unter mehr
als 200 Männern? Ich weiß nur, dass mich die Bücher von der ersten Seite an
fasziniert haben. Und als Wasserzeichen mag ich alles, was mit diesem
Element zu tun hat. Im besonderen Schiffe, obwohl ich noch nie vorher auf
einem gewesen bin. Mal von den dicken Fähren abgesehen, die zwischen
Dänemark und Norwegen hin- und herpendeln. Es ist komisch. Aber was als
Schock begann, hat sich mittlerweile zu einem Selbsterfahrungstrip
gemausert, den ich um keinen Preis missen möchte. Dass alles gut läuft,
spielt natürlich dabei eine Rolle. Wäre es hier die Hölle auf Erden, würde
ich Jack jeden Tag in den Hintern treten, damit er einen Weg findet, mich
zurückzuschicken. Aber so...
Beim Backen und Banken sitze ich gewöhnlich zwischen Bonden und Joe Plaice.
Das alte Raubein scheint mich ins Herz geschlossen zu haben. Das Essen
schmeckt nach wie vor nach nichts und Hunger habe ich auch nicht wirklich...
Aber wenn alle anderen spachteln, spachtele ich auch.
Was mich beunruhigt, ist, dass ich in der ganzen Zeit keinen Kontakt zu
Meraluna habe. Aber verständlich ist es schon. Ich kann nicht mal sagen, ob
sie mich bei allem beobachtet. Ich nehme es nicht an, denn sie ist an den
Kreislauf der DVD gebunden. Und sie hätte sicher Laut gegeben und Jack die
Meinung gegeigt, als er mich nach meiner Kletterpartie zusammenstauchte.
Doch als sich die Szenerie langsam zuspitzt und auf den Punkt zuzulaufen
beginnt, der wieder im Film zu sehen ist, werde ich nervös. Als dann
plötzlich ihre Stimme zu mir dringt, während ich neben Stephen und Jack am
Achterdeck stehe – Aubrey erspäht durch sein Fernrohr gerade die Acheron –
zucke ich erst mal zusammen.
In hitzigem Flüstern erkläre ich ihr die Lage. Sie ist baff....
Jack lässt
Vollzeug setzen, segelt der Acheron einfach davon. Die Szene kennt jeder von
euch. Als es dunkel wird, schickt er Calamy auf sein erstes Kommando und
wiegt den französischen Kapitän damit in Sicherheit, in dem er ihn auf den
Behelf feuern lässt. Es funktioniert. Da nur die Laternen zu sehen sind,
wird die Acheron in die falsche Richtung gelockt, so dass Jack einen Bogen
schlagen und sich ihr von hinten nähern kann. Er persönlich übernimmt die
erste Wache.
Eigentlich ist es ja Killick, der ihm den Kaffee bringt. Aber da der arme
Kerl schon genug am Rotieren ist, übernehme ich das. Niemand kann etwas
Anstößiges daran finden und ich habe Gelegenheit, mit Jack allein ein paar
Worte zu wechseln.
Ohne aufzusehen, murmelt er: »Some coffee, Killick.« und klopft auf den
Tisch.
»Of course, Sir«, antworte ich.
Er hebt den Kopf, blinzelt. »Patrick.« deutet auf die Heckbank. »Sit down.
Let’s talk a bit.«
Ich nicke. »Exactly what I came here for. But first…« Mit einem
Lächeln gieße ich Kaffee ein.
Er nippt am Gebräu und verzieht das Gesicht. »Much better in your world.«
Ich stimme ihm zu, erkläre ihm, dass wir uns wohl die Koffeinleidenschaft
teilen. Und dass ich mal irgendwo gelesen habe, dass mindestens drei Tassen
am Tag das Risiko von Diabetes verhindern. Da er nicht weiß, was das ist,
erläutere ich es ihm mit den begrenzten sprachlichen Möglichkeiten, die ich
habe. Obwohl Maturin dafür wohl der bessere Gesprächspartner wäre.
Dann herrscht eine Weile Stille. Jack widmet sich seinen Karten und ich
starre in den Nachthimmel.
Als er etwas sagt, nehme ich es erst gar nicht wahr. »Pardon?« Ich wende ihm
das Gesicht zu.
»I asked if you are afraid?« wiederholt er.
»Yes and No. How shall I explain it? I like to be here. Could be worse. Huh,
did I really say that?« Ich schneide eine Grimasse.
Er grinst. »I miss my friends, my family…«
»I would be alarmed if it wasn’t so«, meint er daraufhin, markiert
einen Punkt auf der Karte.
»You know what will happen«, sage ich leise. »You know
where the Acheron is.«
»So your point is why I follow the procedure and don’t tell them where to
find the French?«
Ich zucke die Schultern. Schätze, das wollte ich sagen.
»Because I can’t. Well, they think highly about Lucky
Jack but a futureteller?«
»Did you never try?«
»I thought about it a few times. And actually one time I tried to mark the
spot on the card to disguise it with some nautical… Well,...« Er
winkt ab, kratzt sich Kinn. »Didn’t work out. It was
cancelled. I was cancelled. No way to change the story.«
Ich erhebe mich. »Maybe I could do. You tell me
where.«
Er reicht mir den Stift, bereit meinen Vorschlag in die Tat
umzusetzen. Vielleicht einfach nur, um zu sehen, was passieren wird. Als ich
mich über die Seekarte beuge, kriege ich dermaßen eine gewischt, dass ich
den Stift fallen lasse und mir das Handgelenk reibe.
»What was that?« fragt Jack alarmiert.
Ich erkläre ihm, dass es sich wie ein Stromschlag angefühlt hat. An
Elektrizität erinnert er sich. Das Licht im Kühlschrank, die Schalter in
Meralunas Wohnung.
»It’s the movie«, äußere ich geschockt. Derartige Gedanken begleiten mich
schon die ganze Zeit. »You say you’re not able to intervene.
To make a difference. And after I was swallowed I don’t
think I can do that either.« Ich sehe ihn direkt an. »That scares me.
Oh, yes. To imagine not to come back into my world. To be
trapped here forever. Out there I have a life. But here….«
»We are puppets on a string moving ‘round and ‘round…« Er
verdeutlicht das mit dem Kreisen seines Fingers. »Do you understand now?«
Jack zieht eine Augenbraue hoch. »I have tasted it. I
could be myself. Here everyone is bound…«
»… to the storyline«, führe ich seinen Gedanken zu Ende. »They never know
when the circle is full.«
»Yes«, stimmt er mir zu. »We will find a way to bring you back. Hope is all
we’ve got. Let’s stick to it. And when the time comes I might acompany you.«
»But you would die!« sage ich lauter als beabsichtigt.
Aubrey macht eine Geste, um mich zur Ruhe zu zwingen. »But it’s my only
chance to matter. Don’t you see that«, sagt er
beschwörerisch. »I know there are books. I’ve read a bit in one of them. An
Irishman created every move of mine, sent me on these journeys. Nothing is
my decision. All was planned by others. I know and can’t fight it.
Helplesness is not of my liking.«
Mir klappt der Kiefer herunter. So habe ich das noch nie betrachtet.
Aber es ist logisch und nur zu verständlich. Hier passiert nur das, was im
Drehbuch steht. Danken wir Gott, dass Weir so detailbesessen war, sonst wäre
es für Jack noch schlimmer. Im Grunde ist er ein Kind, das von einem
unsichtbaren Vater – der sich auch Regisseur nennt – an der Hand genommen
wird und die Szenerie so durchlebt, wie wir sie auf der Leinwand und der DVD
bewundert haben. Aber er hat Persönlichkeit. Und die ist nicht die, die vom
Autor oder Weir geplant wurde. Er hat eine andere Welt gesehen. Eine andere
Welt, die hinter seiner Scheibe liegt. Er hat erfahren, was er dort tun
kann. Eigenständig. Eine Metamorphose. Jack hat sich weiterentwickelt. Die
anderen nicht.
Ich schlucke. »So you’d rather prefer death...« Ich spreche nicht weiter.
»The chance of beeing me even when it’s only for two
weeks and the prospect of completing this boring circle again and again...«
Er zuckt die Schultern.
»And what about Stephen?« werfe ich ein. »He is your
closest friend.«
»No gains without losses«, erwidert er nur. »Freedom carries sacrifice.«
Er sieht auf, gibt Bonden ein Kommando. Die Surprise beginnt sich zu
neigen, folgt dem neuen Kurs.
»Can I ask you something?« fragt Jack plötzlich.
Ich nicke.
»How did you and Helga meet?«
Oh.. oh…»You wouldn’t like to hear that«, entgegne ich.
Seine Augen weiten sich. Er hat kapiert. »It’s because of HIM?«
Ich zucke die Schultern.
»So what do you see when you look at me?« Der
Tonfall in seiner Stimme ist abweisend.
Ich grinse. »You look like him. You talk like him. But
you are Jack Aubrey. Simple as that. There’s nothing to compare. I have
never met him. And that doesn’t bother me.«
»Why not?« hakt er nach.
»I jumped off the train about two years ago. Still like
to watch his movies but nothing more.«
Jack mustert mich argwöhnisch. »True?«
»Yes«, bestätige ich nickend. »I’m thankful that he exists...«
»I think I should be too«, fährt er dazwischen, hebt die Arme.
»He made me write again. Now I have something to focus
on.« Ich erhebe mich, habe keine Lust, das Gespräch in diese Richtung
zu vertiefen. Weil ich im Grunde gesehen nichts weiter dazu zu sagen habe.
»Q & A finished«, blocke ich jegliche weiteren Fragen ab.
Er sieht mich verwundert an. »Q & A?«
»Questioning & Answering. Or otherwise called Queueing &
Aching. You better get some sleep yourself. At least we both know what will
happen.« Mit diesen Worten gehe ich unter Deck. |