Ein Mädchen aus Germanien

Kapitel 3

In meinem Dorf war es nachts immer sehr still. Jeder, Mensch und Tier, schlief. Nicht so in diesem Armeelager. Einige der Soldaten schliefen, aber andere unterhielten sich, spielten, lachten. Pferde schnaubten und stampften, ruhelos. Feuer knisterten. Es war ein langer Weg durch die vielen Zelte, bis ich außerhalb des Lichtkreises all dieser Feuer war, und noch länger, bis ich die Bäume erreichte. Und dann lief ich, bis ich müde war - und es war still.

Ich schaute an mir herab. Genrals Frau hatte große Brüste und runde Hüften. Sie war überhaupt nicht so wie ich. Sie war schön.

Ich stellte sie mir vor. Liebte er sie? Waren sie schon lange verheiratet? Wenn ich mit Genral verheiratet wäre, würde ich nicht eine Minute von ihm getrennt sein wollen. Ich würde nahe genug sein wollen, um ihn zu berühren. Ich würde bei ihm liegen wollen. Wie konnte sie es ertragen?

Es war kalt. Ich dachte bei mir, ich hätte etwas Anzuziehen mitbringen sollen ... dann wurde mir klar, daß das auch keinen Unterschied machen würde. Ich hatte nichts zu essen. Nichts, wo ich hingehen konnte. In diesem Wald gab es Bären. Es gab Wölfe. Soldaten von ihrer und unserer Armee konnten mich sehen und mich für einen Feind halten.

Ich schloß die Augen und träumte von Genral wie er gerade aus dem Bad stieg, das Wasser seine Brust herablief, träumte von seinen Schenkeln, wie er auf den Teppich trat, seinen Armen, die nach der Kleidung griffen, träumte den Traum von der Wärme seiner an meiner Haut. Und dann erinnerte ich mich an seine Augen, den Ärger in ihnen, als er mich ansah, wie ich ihm im Weg stand - ein lästiges Etwas.  Und ich war so unbedeutend für ihn, daß er einfach nur einen Bogen um mich machte ...

Ich ließ meinen Tränen freien Lauf.

………………………

Die Sonne stand hoch am Himmel, als ich aufwachte. Es war schattig unter den Bäumen, mir hätte kalt sein müssen ... aber ich schwitzte, mein Mund war trocken. Ich fühlte mich so wie in den ersten Tagen, nachdem mein Onkel mich verletzt hatte, diese Krankheit, die zusammen mit einer Wunde kommt; aber der Schnitt auf meiner Brust heilte gut. Das konnte nicht der Grund sein. Mein Kopf war schwer. Ich hatte Durst. Und ich gab mir keine Mühe aufzustehen. Ich legte mich zurück auf die kühlen Blätter und schloß wieder die Augen.

Als ich das nächste mal aufwachte, hörte ich überall um mich herum Pferde. Mein erster Gedanke war, daß sie mich niedertrampeln würden. Die Pferde laufen durch den Wald, und sie werden mich in den Boden stampfen, bevor sie überhaupt merken, daß ich da bin. Das war dumm, denn die Pferde konnten nicht schnell laufen zwischen all den Baumstämmen und über die Wurzel, die aus dem Boden ragten. Oder sie hätten sich verletzt ... aber daran dachte ich nicht. Ich dachte, so würde ich sterben.

Ich gab mir keine Mühe, aufzustehen und wegzulaufen.

Als ich wieder aufwachte, wurde ich hin und her geworfen, heftig durchgeschüttelt, auf dem harten Boden eines Karrens. Mein Kopf tat weh. Ich dachte daran, aus dem Wagen zu springen ... aber ich war zu krank, um irgendwohin zu springen. Statt dessen fiel ich. Ich landete im Dreck. Ich achtete überhaupt nicht auf die Pferdehufe, die um mich herum tänzelten. Ich dachte nicht darüber nach, wie ich hingekommen war, wo ich jetzt war ... . Verschwommen hörte ich Rufen und das Klirren von Schwertern und über nichts machte ich mir wirklich Gedanken ...

Mir wurde nie gesagt, ob es ein Germane oder ein Römer gewesen war, der mich unter dem Baum gefunden hatte. Von der Schlacht kann ich mich nicht mehr an viel erinnern. Und selbst nachdem ich wieder zu mir gekommen und fähig war, klar zu denken, gab ich mich nicht der Illusion hin, daß es in der Schlacht um mich gegangen war.

Ich habe immer geglaubt, daß das Zusammentreffen der beiden kleinen Gruppen ein Zufall gewesen sei, eine Überraschung für beide Seiten. Und ich weiß nicht, ob die eine oder andere Seite gewann oder ob die eine oder andere Seite beschloß, sich zurückzuziehen ohne Sieg oder Niederlage. Ich fragte nicht. Es war mir egal.

Alles war egal.

Der widerliche Dolmetscher hatte mir mit seinem Gelächter die Augen geöffnet. Ich hatte kein Heim mehr, keine Familie. Ich war nutzlos, zu nichts von dem zu gebrauchen, wozu ich erzogen worden war. Man hatte mich ausgewählt, weil ich leicht zu entbehren war, und dann hatte man mich einem Mann gegeben, der mich nicht haben wollte. Niemand wollte mich. Ich war keine Person, ich war nichts weiter als ein lästiges Etwas. Und es war für niemand von Bedeutung, ob ich lebte oder tot war - nicht mal für mich selbst.

Natürlich starb ich nicht.

Das erste, was ich sah, als ich wieder erwachte, war Sisros narbiges Gesicht. Er wusch mein Gesicht mit kühlem Wasser. Er sprach zu mir - wieder ganz so, als ob ich ihn verstehen könnte. Es kam mir beinahe so vor, als ob ich es könnte. Er wandte sich ab und sprach zu jemand hinter sich.

Da lümmelte der Dolmetscher in einem Sessel 'rum. Als er sprach, wußte ich, daß er nicht das wiederholte, was Sisro ihm gesagt hatte. Warum sollte er? Wer könnte es schon nachprüfen?

"Die anderen Offiziere denken, daß Du ein Spion bist", sagte er und machte eine kurze Pause, um nach dem Wort für "Spion" zu suchen. "Sie wollen Dich töten. Der Genral sagt, Du bist kein Spion. Er behält Dich hier. Also darfst Du leben. Wenigstens für jetzt."

Ich schloß die Augen. Alles tat mir weh. Ein Teil von mir wollte sterben, aber ich wußte, daß ich nicht sterben würde. Ich war jetzt ein bißchen weniger krank. Und ich erinnerte mich, daß ich mich selbst gesehen hatte, später in meinem Leben, mit einem Kind auf dem Arm.
Also lebte ich weiter.

Ich lebte, und ich wurde gesund, aber es ging langsam. Ich blieb lange auf der Pritsche hinten in Genrals Zelt. Als ich sitzen konnte, betrachtete ich mich in dem silbernen Wasserbecken zum Waschen. Ein fremdes Mädchen sah mich an; ein Mädchen mit eingefallenen Wangen und Schatten unter den Augen. Dünn und blaß und schwach. Niemand den ich kannte.

Der Dolmetscher kam alle paar Tage, um mich zu quälen. Das Mädchen, das ich einmal gewesen war, hätte ihn verspottet, ihn verflucht, ihn geschlagen. Ich war nicht die, die ich glaubte gewesen zu sein, und ich konnte nichts dergleichen mehr tun. Jedesmal wenn er kam, schloß ich die Augen und drehte meinen Kopf zur Zeltwand, bis er wieder ging.

Und dann eines Tages, während ich ihn ignorierte, hörte ich Genrals tiefe Stimme neben mir, und dann die unterwürfige Antwort des Dolmetschers, der ihm zweifellos Lügen über mich erzählte.

Ich öffnete die Augen. Da stand er und schaute zu mir hinunter. Er hatte seine Rüstung an und trug seinen Helm unter dem Arm. Er sah herrlich aus; wirklich ein König. Stark genug um Hunderte und Aberhunderte von Männern zu beherrschen nur mit der Kraft seines Willens. Ich war eine Närrin zu glauben, daß ich jemals seine Königin sein könnte.

Der Dolmetscher sprach sachlich, so als würde er Genrals Worte wiederholen, aber er sagte: "Ich nehme an, Du wüßtest gern, was er gesagt hat, nicht wahr?" Ich schüttelte den Kopf. Ich beschloß, kein Wort mehr mit diesem Widerling zu sprechen. Ich hob die Hand und griff nach dem Saum des roten Umhangs, den Genral trug, um mich daran hochzuziehen. Ich glaube, ich wußte gar nicht, was ich da tun wollte. Aber es stellte sich schnell heraus, daß ich herzlich wenig tun konnte. Ich war immer noch schwach und konnte mich nicht weiter als bis auf die Knie hochziehen. Also packte ich seinen Umhang mit beiden Händen. Mein Herz pochte, ich begann zu zittern. Genral sagte etwas, diesmal zu mir, und dann ... ... ... hockte er sich neben mich. Ich konnte es kaum fassen. Ich denke, er versuchte, mich dazu zu bewegen, seine Kleider loszulassen.

Ich mußte einen sehr viel mutigeren Eindruck gemacht haben, als ich es in Wirklichkeit war ... . Ich dachte kaum darüber nach, was ich tat ... ... Ich warf meine Arme um Genrals Hals und zog ihn fest an mich. Sein Knie berührte den Boden, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, und ich setzte mich rittlings auf seinen Schenkel. Ich riß mein Kleid vorne auf und versuchte, meine Brüste an ihn zu pressen, damit er sich daran erinnerte, daß - mochten sie auch nicht so groß und schön sein - sie doch da waren. Ich war eine Frau. Seine Rüstung fühlte sich kalt an meiner Brust an.

Ich flüsterte ihm ins Ohr. Ich wußte, er konnte mich nicht verstehen, und irgendwie war es so einfacher zu sagen, was ich sagen wollte. Ich sagte ihm, ich verstünde sehr wohl, daß ich nur ein Mädchen sei und daß er mich nicht lieben könne. Ich fragte, ob ich bei ihm bleiben dürfte. Ich bat. Ich bettelte ... bitte, bitte, sagte ich, kannst Du mich nicht wenigstens ein klein bißchen wollen?

Ich wollte nicht weinen. Aber er stieß mich nicht weg, und so redete ich weiter, und bald war sein Hals feucht von meinen Tränen. Ich redete und weinte, und er hörte mir zu.

Ein Trost - seine große Hand auf meinem Rücken ... warm durch die dünne Kleidung, die rauhe Haut seiner Fingerkuppen verhakte sich im Gewebe des Stoffes. Ich vergrub mein Gesicht an seinem Hals und klammerte mich an ihn. Ich spürte den Klang seiner Stimme in meinem Körper, und wäre ich nicht schon so schwach gewesen, dann hätte mich diese Stimme schwach gemacht.

Liebte ich ihn? Ich liebte ihn, wie eine Dienerin ihren Herrn liebt. Er war ein Römer und ich eine Germanin, und eigentlich hätte ich ihn hassen müssen, weil er die Armeen meines Volkes unter seinem Stiefel zertrat. Statt dessen sah ich in ihm den König, der er - wie ich glaubte - war, und wenn die Männer meines Dorfes ihn so hätten sehen können wie ich ihn sah, dann hätten sie ihre Waffen niedergelegt und ihm die Treue geschworen.

Ich liebte ihn, wie eine Frau den Mann liebt, der sie vor Kälte und Hunger bewahrt. Ich war eh für niemanden von irgendwelchem Nutzen. Er wurde mein Retter.

Ich liebte ihn so, wie ein Mädchen den Mann liebt, der ihr Blut zum erstenmal in Wallung versetzt. Wenn mein Herz heftig schlug, sobald ich in seiner Nähe war, dann wußte ich dafür keinen anderen Grund als den, daß ich ihn liebte. Ich war nicht völlig unberührt, da waren die ungeschickten Küsse in der Dunkelheit gewesen, aber ich war eine Jungfrau und noch jung genug, um daran zu glauben, daß der Körper der Spiegel der Seele ist.

Ich hatte nie einen anderen Mann mehr geliebt, oder auf eine andere Weise. An jenem Tag hätte ich ihm alles gegeben, was er wollte, und nichts dafür zurück verlangt ... .... ...

………………

Langsam kam ich wieder zu Kräften. Sisro lernte ein paar Wörter meiner Sprache einfach, indem er mit mir sprach und mir zuhörte. Und er versuchte, mir die römische Sprache beizubringen, aber es fiel mir schwer zu lernen. Der Dolmetscher wurde nicht wieder in Genrals Zelt gerufen. Sisro leitete mich statt dessen mit Stirnrunzeln und Kopfschütteln oder mit Lächeln und Nicken.

Sich Genral zu nähern, wenn er mit seinen Häuptlingen zusammen war, war schlecht. Die Riemen an Genrals Gürteln und seiner Schwertscheide zu reparieren war gut. Mich aus meinen Kleidern zu schälen und in Genrals Bett zu klettern, um dort auf ihn zu warten, war sehr schlecht. Das brachte mir mehr als nur ein Stirnrunzeln ein. Ich dachte, Sisro würde mir den Arm ausreißen, als er mich unter den Decken hervorzog. Kleine süße Kuchen backen war gut. Genral aß sechs davon.

Er ritt wieder für einige Tage weg und kam verschwitzt und schmutzig und müde zurück wie beim erstenmal. Diesmal erlaubte er mir, das heiße Waser einzugießen und ihm den Rücken zu schrubben. Als ich versuchte, ihn auch vorn zu waschen, packte er meine Hand und lachte. Er griff nach einem Krug mit kaltem Wasser, goß ihn über mich und lachte noch mehr.

Die meiste Zeit war er zu beschäftigt, um einen Gedanken an mich zu verschwenden. Er besprach sich mit seinen Beratern, brütete über der großen Landkarte, studierte Stapel von Papieren. Er ritt weg, kam zurück. Ritt weg, kam zurück. Einmal packten wir alles zusammen und das Lager wurde anderswo wieder aufgeschlagen. Es war, als ob eine ganze Stadt umzog. Ich war beeindruckt. Jeder schien zu wissen, was er zu tun hatte, und es wurde viel schneller getan, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Drei Schweine liefen den Schweinehirten davon, nachdem wir angekommen waren, und rannten durch das Lager. Ein ziemlich riesiges Schwein entschied, Genral um Asyl zu bitten, und trabte durch die Öffnung in den hinteren Teil des Zeltes, während er seine Abendmahlzeit aß. Sisro scheuchte es, brüllte es an, wedelte mit den Armen. Jeder Dummkopf konnte sehen, daß er das Tier nur mehr in Panik versetzte als es zu vertreiben. Ich hörte an jenem Tag eine Menge römischer Flüche. Ich glaube, sie kamen alle von Sisro.

Es galoppierte kreuz und quer durch das Zelt, rannte Dinge über den Haufen und kackte. Ich versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen, aber einmal macht es eine plötzliche Kehrtwende und schoß zwischen meine Beine, hob mich vom Boden hoch und warf mich etliche Fuß entfernt kopfüber zu Boden, als es wieder die Richtung wechselte. Genral saß bequem in seinem Sessel, sah uns zu und lachte.

Sisro hörte auf, das Schwein zu jagen. Es trottete ganz von allein nach draußen. Mehr Flüche. Sisro nahm meinen Arm und half mir auf. Er rutschte in einem Haufen Schweinemist aus, und wir landeten beide wieder auf dem Boden.

Wir lachten alle gemeinsam. Sisro schlang seine Arme um mich, und ich stieß einen schrillen Schrei aus, als er mich zu sich in die grüne, schleimige Masse zog, in der er saß. Das breite Grinsen auf meinem Gesicht fühlte sich fremd an, ich fragte mich, wann ich wohl das letztemal so glücklich gewesen war.

Ich schaute in Genrals belustigtes Gesicht direkt neben und über mir, und fragte mich plötzlich: Gibt es jemanden, der schöner ist als er? Ich hatte nie zuvor die Schönheit seines Gesichtes wahrgenommen, nur die seines Körpers.

Sein Gesicht war nicht perfekt. Es war das Gesicht eines Kriegers, mit kleinen Unebenheiten und Beulen, mit Narben und Schrammen, einem ungepflegten Drei-Tage-Bart und den kleinen Fältchen, die Jahre in der Sonne in seine Haut gezeichnet hatten. Aber wenn er Freude empfand, so wie jetzt, dann leuchtete die Freude aus diesem Gesicht, und wenn Freude keine Schönheit ist, was ist dann Schönheit?

Sisro hörte als erster zu lachen auf. Er hatte seinen Arm immer noch um meine Taille geschlungen, drückte mich an sich, und er hielt mich länger, als ich es erwartet hätte. Ich wandte mich um und schaute ihn an, er legte seinen Finger auf meine Lippen, während er sprach. Dann lächelte er, drückte mich noch mal kurz und ließ mich los. Ich schaute ihm zu wie er aufstand und nach hinten ins Zelt ging, um sich umzuziehen.

Genral beobachtete ebenfalls, wie er fortging. Dann schaute er mich an, und sein Blick war nachdenklich. Er strich sich über den Bart, während er mich ansah, und ich fragte mich, was ihm durch den Kopf ging ... ... ...

Danach hatte Genral nur noch mehr zu tun. Das ganze Lager hatte zu tun, bereitete sich auf etwas vor, war voller Erwartung. Ich sah Genral nur noch selten - auch wenn er nicht  mit seinen Häuptlingen zusammen war.

Was dann geschah, war alles meine Schuld.

Es war noch nicht lange her, daß ich zur Frau geworden war. Ich war jung. Das Blut floß heiß durch meine Adern in der Nacht. Und der Mann, den ich liebte, mein Genral, rührte mich niemals an.

Sisro rührte mich an. Zuerst nicht. Ich mußte ihn ermutigen. Ich schäme mich zuzugeben, daß es mir Spaß machte, Sisro necken. Ich fühlte wieder die Macht, die ich nur wenige Tage lang gefühlt hatte, als ich noch glaubte, schön zu sein, einen Wert zu haben, dazu bestimmt zu sein, die Frau eines mächtigen und gutaussehenden Mannes zu werden. Und ich genoß es. Genau bis zu dem Augenblick, als ich auf dem Rücken lag und Sisro über mir, bereit, mir das Einzige von Wert zu nehmen, das ich noch besaß ... ... ...

Wie ich schon sagte: es war meine Schuld.

Eine schlaflose Nacht, eine Nacht, in der ich die Brandung des Meeres in meinem Körper spürte, den Hunger nach einem Mann. Genral hatte mich während des Essens nicht beachtet und war sofort zu Bett gegangen. Ich wagte nicht, ihn aufzuwecken. Sein unwilliges Brummen und Knurren mögen Sisro unbeeindruckt gelassen haben - mich jedoch nicht.

Es scheint heute dumm zu behaupten, ich ging nicht zu Sisro mit der Absicht, mich ihm hinzugeben - aber es ist die Wahrheit. Ich wollte nur in den Arm genommen und geküßt und gestreichelt werden ... Und deshalb weckte ich ihn, wegen des Geschmacks seines Mundes, des Duftes seiner Haut ... ... der Sicherheit in seinen Armen. Ich nehme an, ich dachte - so wie es ein Kind tun würde - daß mein Freund mich in die Arme nehmen und ich einfach nur schlafen würde.

Ich hatte nicht daran gedacht, wie es auf ihn wirken würde. Ich sah es nicht, wie er es sah: ein Frau, die in sein Bett kommt. Er gab mir die Küsse, die ich wollte, sprach sanft mit mir in einer fremden Sprache, geflüsterte Musik in meinem Ohr. Er strich mir über das Haar, er hielt mich fest umschlungen. Ich hatte mir nicht vorgestellt, daß er meine Beine mit seinem Knie spreizen und sich auf mich setzen würde. Es war unerwartet, aber es war gut. Ich wollte nicht, daß er aufhört - ihn an meiner Öffnung zu fühlen war genau das, was mein Körper wollte.

Ich hatte es nicht vorausgesehen. Ich hatte nicht bedacht, was es bedeutet. In jenem Moment, als er sich darauf vorbereitete, mich zu nehmen, hob sich ein Teil der Schwaden aus Begierde, die mein Hirn umnebelt hatten, und mir wurde augenblicklich klar, was das für mich bedeuten würde. Danach.

Ich würde seine Frau sein. Wenn er mich haben wollte. Wenn nicht, wäre ich eine Hure, eine von denen, die sich den Soldaten anbieten, eine Frau, die man benutzt und wegwirft.

Ich hatte nie eine Frau in Genrals Zelt gesehen. Er war ein Soldat, aber ich hatte ihn nie mit einer Hure gesehen. Egal ob ich nun Sisros Frau oder eine Hure wäre - Genral würde mich nie wieder ansehen. Ich wäre verloren.

Ich sehnte mich nach Genrals Umarmung so wie ich mich danach sehnte, Sisro meinen Schoß entgegenzustrecken. Da war ein Schmerz in mir. Ich konnte nicht wählen, ich hatte keine Zeit zum Nachdenken ....

Ich öffnete den Mund und schrie.

Sisro war verständlicherweise entsetzt. Ich schob ihn von mir weg und weinte vor Kummer über das, was ich uns beiden verweigerte.

Er kroch auf Händen und Füßen rückwärts. Ich hatte beinahe vermutet, daß er mir den Mund zuhalten und mich mit Gewalt nehmen würde. Ein anderer Mann hätte es vielleicht getan, aber nicht mein Sisro.

Eins folgte dem anderen, nichts hatte ich im voraus bedacht, alles kam unerwartet ... ...

Wie Genrals Zorn. Ich lag auf Sisros Pritsche und weinte, als Genral eintrat. Sisro hockte an der gegenüberliegenden Zeltwand auf dem Boden und beobachtete mich.

Er stand auf und antwortete auf Genrals Fragen. Ich wünschte mir jetzt, daß ich eine bessere Schülerin während Sisros Unterrichtsstunden gewesen wäre, damit ich Genral und auch Sisro alles erklären könnte, ihnen meinen Kummer erzählen könnte. Mir fielen die Worte in der römischen Sprache nicht ein.

Genral hörte Sisro zu, aber was konnte Sisro ihm anderes sagen, als daß er nicht versucht hatte, mich zu vergewaltigen? Als Genral sich umdrehte und zu mir sprach, zeigte er zur Vorderseite des Zeltes, stieß mit dem Finger in die Luft. Das Feuer in seiner Stimme ließ meinen kümmerlichen Mut verdorren, meine albernen Begierden. Sie brannten in meinem Herzen.

Er sagte mir, daß er wüßte, was für eine treulose Hure ich sei, dessen war ich mir sicher. Ich hatte Angst, er würde mir sagen, daß ich gehen müsse. Ich verstand nicht, warum man mir erlaubt hatte, hier zu bleiben, und so konnte ich unmöglich verstehen, wann oder warum man mich wegschicken würde.

Ich konnte nicht gehen. Wenn man mich wegschicken würde, dann würde ich vor Kummer sterben, ich würde vor Einsamkeit sterben. Und wenn nicht, dann würden mich die anderen Römer, die glaubten, daß ich ein Spion sei, töten  ... ... oder ich würde verhungern ... ... oder die Wölfe würden mich fressen. Und ich wollte nicht mehr sterben.

Ja, ich hatte mich selbst mit einem Baby auf dem Arm gesehen, und daher war ich sicher, daß ich leben würde ... ... aber meine Großmutter pflegte zu sagen, daß wir dem Schicksal etwas nachhelfen müßten ... ...

Mir fehlten die Worte, ihm zu sagen, daß ich wußte, was für ein dummes Ding ich sei. Ich mußte ohne Worte um Vergebung bitten.

Ich kroch die wenigen Schritte bis vor seine nackten Füße und berührte mit der Stirn den Teppich. "Es tut mir leid", sagte ich. "Bitte vergib mir. Schick mich nicht fort. Ich will brav sein. Ich werde jeden Tag kleine süße Kuchen backen, und ich werde nie im Weg sein. Ich werde jede Nacht ganz allein schlafen." Ich blinzelte meine Tränen weg, aber sie kamen mir aus der Nase, und ich mußte schniefen.

Noch mehr Worte, und ich hörte Sisros Namen. Ja, ich sollte mich bei Sisro entschuldigen, auch bei ihm ... ... aber er ging weg, bevor ich es tun konnte, hob seine Kleider auf und ging hinaus. Genral folgte ihm. Sie hatten meine Entschuldigung nicht angenommen, Sisro würde sie nicht einmal anhören.

Ich ging in die Ecke, wo meine Pritsche stand, und blieb dort. Ich konnte das Murmeln ihrer Stimmen hören, wie sie miteinander redeten, und als sie schwiegen, versuchte ich, ihren Atem zu erlauschen.

Die restliche Nacht war sehr lang.

 

Kapitel 4

 

Ich verbrachte die nächsten Tage damit zu lauschen.

Sisro war ein Fremder für mich. Wenn ich mich manchmal umdrehte, erwischte ich ihn dabei, wie er mich ansah. Dann schaute er weg. Er sprach nicht mit mir. Er lächelte mich nicht an. Meinen Freund gab es nicht mehr.

Genral war immer noch sehr beschäftigt. Auch er lächelte mich nicht an. Seine Häuptlinge waren oft bei ihm im Zelt, blickten auf die große Karte, redeten miteinander.

Ich blieb unsichtbar, solange sie da waren. In irgendwelchen Ecken oder hinter den Möbeln, still und ruhig. Manchmal beobachtete ich sie, wenn ich glaubte, man würde mich nicht erwischen. Ich konnte alles hören, ich verstand es nur nicht. Ich hatte nichts anderes zu tun, also lauschte ich.

Ich hörte oft das römische Wort , das mein Volk bezeichnete. Einige andere Wörter hörte ich auch immer und immer wieder. Von Zeit zu Zeit hörte ich ein Wort, das Sisro mir beigebracht hatte.

Am vierten Tag blieben die Häuptlinge länger als gewöhnlich, sie stritten sich. Genral sah müde aus. Ich wartete eine Weile ... aber ich war hungrig, und als ich nicht länger warten konnte, schlich ich zum Herd, um etwas Brot und kleine Kuchen zu holen. Einer der Häuptlinge sah mich. Er stand auf und zeigte auf mich, und ich konnte an seiner Stimme erkennen, daß auch er böse auf mich war. Ich konnte es nicht glauben, daß Genral ihm von Sisro und mir erzählt hatte, und soweit ich wußte, hatte ich nichts anderes falsch gemacht. Er mußte einer von denen sein, die mich für einen Spion hielten.

Ich verstand nicht, was das für Geheimnisse sein sollten, die ich ihrer Meinung nach zu meiner Familie tragen könnte. Dachten sie, sie könnten zehntausend Männer samt Pferden einfach verstecken? Dachten sie, es gäbe irgend jemand im ganzen Land, der nicht wußte, daß sie da waren?

Auch Genral drehte sich auf seinem Stuhl um und sah mich an. Ich hatte Angst, er könnte über die Worte des Häuptlings nachdenken, was immer er auch gesagt haben mochte. Wie sollte ich mich verteidigen?

Ich hatte schon gar keine Chance, wenn ich weiter in der Ecke hocken blieb.

Ich ging zu Genral und kniete mich neben seinen Stuhl. Wieder berührte ich mit der Stirn den Boden. Und dann sprach ich.

"Ich bin kein Spion. Ich bin von meiner Familie verlassen worden und habe Genral als meinen König erwählt. Ich will nur, daß man mir gestattet, ihm zu dienen."

Es war schwierig, ruhig und würdig zu sein, aber ich versuchte es. Ich wußte, daß sie die Wörter nicht verstanden, aber vielleicht würden sie die Bedeutung aus meiner Stimme erkennen.

Genral holte tief Luft und runzelte die Stirn. Er sprach zu dem Häuptling, nur ein paar Worte. Nicht laut, nicht ärgerlich ... aber ohne Widerspruch zu dulden. Der Häuptling schien nicht eben erfreut und setzte sich. Ich nahm Genrals Hand von dort, wo sie auf der Armlehne ruhte, und drückte meine Stirn gegen seinen Handrücken.

"Schick mich nicht weg. Laß mich hier. Ich will brav sein."

Ich hatte Angst, als er seine Hand wegzog, aber dann sagte er das Wort, das ich ihn schon einmal hatte sagen hören, als er zu mir gesprochen hatte ... ... Ich nehme an, es war mein römischer Name. Er berührte meine Wange mit seinem Finger, dann bedeutete er mir zu gehen, zurück in meine Ecke, wieder still und unsichtbar zu sein.

Ein anderer Häuptling stand auf. Der war nicht so aufgebracht aber dafür verschlagener. Sein Blick wanderte zwischen Genral und mir hin und her, und der Zug um seinen Mund sagte mir, daß er etwas Häßliches über uns sprach. Und ich sah, wie Genrals Züge sich veränderten, als er die Worte des Mannes hörte. Er war wütend, aber er weigerte sich, wütend zu dem Mann zu sprechen.

Ich liebte es, Genrals ruhige Stimme zu hören. Selbst wenn er wütend war - wie jetzt - war seine Stimme ruhig und tief. Etwas in mir sehnte sich schmerzhaft danach, der Schönheit dieser Stimme zu lauschen.

Mehr Gerede. Andere Häuptlinge sagten, was sie dachten. Einige standen, einige waren ziemlich aufgeregt. Es war interessant, sie zu beobachten. Ich war mir nicht sicher, aber ich nahm an, daß sie immer noch über mich sprachen.

Ich ging nicht in meine Ecke zurück wie mir gesagt worden war. Ja, mein Versprechen, brav zu sein, hatte ich ziemlich schnell wieder vergessen, aber Genral sagte mir nicht noch einmal, daß ich gehen solle. Ich saß auf dem Teppich neben seinem Stuhl. Einmal ruhte seine Hand kurz auf meinem Kopf, und er blickte einen Moment lang zu mir hinab.

Ich erinnere mich an diese Dinge, diese kleinen und vielleicht unbedeutenden Dinge. Ich bewahre sie wie einen Schatz in meiner Erinnerung, um sie meinem Kind zu erzählen, wenn sie einmal alt genug sein wird, um zu verstehen. Ich war jung in einer Zeit der Größe und hatte das Glück, einen wirklichen Mann unter Männern berührt zu haben. Sie wird keinen solchen sehen. Wie sollte sie es wissen, wenn nicht ich es ihr erzähle?

Einer der Häuptlinge schickte eine Wache aus. Genral seufzte, ein frustriertes Ausstoßen von Luft, das ich bei ihm nicht erwartet hätte. Er lächelte mich an, als ich ihm ängstlich ins Gesicht sah, und sagte mir, glaube ich, daß ich mir keine Sorgen machen solle.

Die Wache kam mit dem Dolmetscher zurück.

Er verneigte sich vor allen Häuptlingen, bevor er mich ansah. Dann lächelte er. Die Häuptlinge redeten mit ihm, gaben ihm Anweisungen, aber er ignorierte sie. Statt dessen stellte er mir seine eigenen Fragen. "Bist Du jetzt verheiratet?" Sein Lächeln machte mich  wütend.

Ich stand auf. Ich hätte ihm gern das Grinsen aus dem Gesicht geschlagen, aber er stand auf der anderen Seite des Tisches. Genral sah mir zu, aber ich konnte nicht brav sein. Ich konnte es einfach nicht.

"Bist Du jetzt ein Mann?" fragte ich.

Er hörte auf zu lächeln. Er war nicht gut darin, seine Gefühle zu verbergen. Er hätte mich auch gern geschlagen. "Es wird Dir noch leid tun, Dich über mich lustig gemacht zu haben", sagte er.

Er sprach laut in der römischen Sprache, unterbrach die Häuptlinge, redete und redete und zeigte auf mich, und ich nehme an, er sagte, ich hätte vor, sie alle im Schlaf zu ermorden, oder daß ich eine Hexe sei, oder vielleicht auch nur, daß ich eine Germanin sei und kein Recht zu leben hätte. Genral stand auf und befahl ihm zu schweigen, aber er redete einfach weiter, bis Genral ihn an seinem Hemd packte, ihn schüttelte und ihm befahl, endlich still zu sein. Genral fragte ihn etwas, und er antwortete und grinste mich dabei an.

Genral rief Sisro, der gleich hinter der Zeltwand stand und lauschte. Er stellte ihm eine Frage, er sagte das Wort für "verheiratet" in meiner Sprache, und Sisro antwortete ihm. Er stellte eine Frage über das Wort "Mann" in meiner Sprache, und Sisro antwortete ihm wieder. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ob Sisro mich je nach diesen Worten in der germanischen Sprache gefragt hatte.

Der Dolmetscher sah plötzlich weniger selbstsicher aus, weniger arrogant. Genral sprach, und ich kannte die Worte nicht, aber ich wußte, daß er den Dolmetscher fragte, ob er jetzt die Wahrheit sagen wolle statt der Lügen, die er erzählt habe.

Ein Dolmetscher muß ehrlich sein. Mann muß ihm vertrauen könne. Leben oder Tod können von der Wahl seiner Worte abhängen. Ein Dolmetscher, der als Lügner bekannt ist, taugt zu nichts. Wer könnte ihm schon trauen?

Damals war ich nicht so klug, wie ich es heute bin. Ich lachte. Ich schüttete mich aus vor lachen. Ich zog ihn wegen seiner Blödheit auf. Als ihm klar wurde, daß er sein Leben weggeworfen hatte und das wegen mir ... ... ... es war nur zu natürlich, daß er versuchte, mich dafür zu bestrafen.

Er sprang auf den Tisch und darüber hinweg, mit ausgestreckten Händen, um mich zu greifen. Ich drehte mich um und wollte weglaufen, aber Sisro hielt mich fest und drückte mich an sich, schützte mich mit seiner Schulter, während Genral den Dolmetscher bei seiner Kleidung packte und zurückriß. Seine Füße rutschten weg. Er krachte mit dem Kopf auf den Tisch. Er wollte aufstehen und es wieder versuchen, glaube ich, aber Genral hielt ihm sein Messer an die Kehle, und er überlegte es sich anders.

Die Wachen führten ihn weg. Genral drohte den Häuptlingen. In meinem Dorf hätte eine Drohung, die so klang, einen Kampf verursacht, um festzustellen, wer den stärkeren Willen hatte. Aber hier gab es finstere Blicke von den Unruhestiftern und nichts weiter. Man konnte leicht erkennen, welchen Männern Genral trauen konnte und welchen nicht. Ich verstand nicht, warum er die, denen er nicht trauen konnte, nicht tötete und durch bessere Männer ersetzte. Das hätte ich getan, wenn ich der König wäre. Vielleicht war Genral freundlicher als ich.

Sisro ließ mich nicht sofort los. Er hielt mich weiter fest, während er beobachtete, wie die Wachen den Dolmetscher wegführten und die Häuptlinge sich von Genral verabschiedeten. Als ich aufschaute in sein Gesicht, sah er mich bereits an.

Ich entschied, sein Germanisch zu prüfen. "Freunde?" fragte ich.

Er antwortete lange nicht. Ich hatte gerade entschieden, daß er mich nicht verstanden hatte, als er sagte: "Nein. Freunde ... nein."

Er hatte mir nicht vergeben. Es schien mir, als ob die Römer länger nachtragend waren als andere Menschen. Er würde mir vielleicht nie vergeben. Obwohl er möglicherweise ein bißchen Germanisch konnte, würde ich immer noch keinen zum Reden haben. Für immer. Der Gedanke trieb mir die Tränen in die Augen.

Er sagte den Namen, bei dem Genral mich rief, meinen römischen Namen. "Freunde, nein", sagte er wieder. Dann küßte er mich, nicht auf die Wange wie ein Freund, sondern wie er mich geküßt hatte, als ich zum ihm ins Bett gekommen war. Auf die Lippen - und tiefer - wie ein Geliebter.

Ich kann nicht sagen, daß ich seinen Kuß nicht mochte ... aber immer, immer hatte ich in meinen Gedanken Genral, mehr als jeden anderen Mann. Vielleicht ist das noch heute so ... ...

…………………

Zwei Tage später passierte etwas Interessantes. Ein riesiges Durcheinander kündigte im Lager die Ankunft von großen Wagen an, herrlich gekleideten Wachen, weißen Pferden mit wehenden Schweifen. Ich spähte aus der Zeltöffnung, beobachtete, wie die Männer luxuriöse Zelte aufstellten und Möbel hineintrugen. Am nächsten Tag kamen noch mehr Pferde und Wachen und Wagen. Kurz danach brachte Genral jemand aus dem zweiten Wagen in unser Zelt.

Einen alten Mann. Sehr alt, mit weißem Haar, er ging langsam und vorsichtig. Genral bemühte sich sehr um ihn. Gab ihm seinen besten Stuhl. Sisro brachte den besten Wein.

Er schien sehr müde. Er legte den Kopf zurück und schloß die Augen, aber er schlief nicht. Er und Genral sprachen lange miteinander.

Ich hatte niemals gesehen, daß Genral sich bei jemand anderem so benahm wie bei diesem alten Mann. Er sprach immer respektvoll, er fügte sich dem alten Mann in allem. Ich entschied, daß dies der Weise Mann der Römer sein mußte, der gekommen war, um Genral Ratschläge für den Krieg zugeben.

Der alte Mann hatte eine Truhe mit Papieren mitgebracht und gab sie Genral, der darüber froh zu sein schien. Ein Geschenk. Und würde Genral dem alten Mann auch ein Geschenk machen?

Der alte Mann rutschte in seinem Stuhl hin und her, und lächelte und sagte etwas, das Genral zu Boden schauen ließ , und nicken ... ... nicht gerade verlegen. Aber irgendwie wehmütig. Der alte Mann fragte etwas und sah sich im Zelt um.

Genral rief meinen Namen, meinen römischen Namen.

Geschenke. Sie tauschten Geschenke aus.

Ich bekam plötzlich Angst. Wenn mich der alte Mann haben wollte, würde Genral mich ihm geben? Ja, natürlich würde er das. Ich könnte es nicht ertragen. Alles, was ich hatte durchmachen müssen ... ... und dann gab man mich einfach weg. Nein.

Ich rannte in den hintersten Teil des Zeltes. Löste meinen geflochtenen Zopf auf, raufte mir die Haare, zerzauste sie und ließ sie mir ins Gesicht fallen. Ich griff ein paar von den Tüchern, die zum Baden benutzt wurden, und stopfte sie mir um die Hüften herum unter die Kleidung.

Sisro kam, um mich zu holen. Er mußte sich beeilen. Ich rieb mit den Händen über den Ruß außen an der Öllampe, dann über mein Gesicht, meine Haare.

Der Ausdruck in Sisros Gesicht, als er mich sah, wäre komisch gewesen, wenn ich nicht solche Angst gehabt hätte. Ich rannte an ihm vorbei und stellte mich neben Genrals Stuhl. Genral sah auch erstaunt aus. Der alte Mann hob eine Augenbraue und stellte ruhig eine Frage.

Er war alt. Er wollte sicher eine Frau, um seine Lust zu wecken. Sicher wollte er kein fettes, schmutziges Mädchen. Ich betete zu meinen Göttern, schweigend - während die beiden Männer mich betrachteten und miteinander sprachen -, daß Genral dem alten Mann nicht sagen würde, was ich getan hatte, mich ihm nicht aufzwingen würde.

Aber alles war zwecklos. Meine germanischen Götter hatten keine Macht über die Römer. Oder sie machten sich nicht die Mühe, einen Finger für mich zu rühren. Sisro sorgte dafür, daß ich mein Haar bürstete und neu flocht. Er faßte mir unter die Kleider und zog die Tücher vor. Und er wusch mir eigenhändig das Gesicht.

"Bitte, Sisro", sagte ich, während er das schwarze Fett von meinem Gesicht scheuerte. "Laß nicht zu, daß der alte Mann mich mitnimmt. Bitte, Ich will bei Genral und Dir bleiben." Ich beugte mich vor und küßte ihn. "Bitte. Hilf mir, daß ich hierbleiben kann." Ich küßte ihn noch mal.

Ich konnte sehen, wie er nachdachte. "Bleiben?" fragte er auf Germanisch.

Ich nickte. "Ja, ja. Bleiben. Hilf mir, daß ich bleiben kann." Sein Blick senkte sich auf meine Lippen. Ich schlang meine Arme um seinen Nacken und küßte ihn heftiger.

Er dachte weiter nach. Dann stand er auf und nahm mich bei der Hand und zog mich hinter sich her in den Raum, wo Genral und der alte Mann saßen.

Sisro flüsterte etwas in mein Ohr, während er mich vorwärts drängte, und als ich ihn ansah, grinste er.

Der alte Mann sprach zu mir und streckte mir seine Hand entgegen.

Ich wollte nicht gehen.

Ja, sie konnten mich zwingen, sie konnten mich fesseln und auf ein Maultier laden, aber es würde ihnen nichts helfen. Ich trat einen Schritt zurück, so daß der alte Mann mich nicht erreichen konnte. Drückte mich an Genral , der die Stirn runzelte. Sisro sagte ein paar Worte in der römischen Sprache, und Genral runzelte nicht länger die Stirn. Er sagte meinen römischen Namen, und ich hockte mich neben seinen Stuhl.

"Bitte, Genral, gib mich nicht weg. Ich bin nicht zu viel nütze, ich weiß, aber ich werde etwas finden, das ich für Dich tun kann. Ich werde tun, was immer Du willst, und ich werde mich nicht beschweren." Ich merkte, daß ich etwas Falsches gesagt hatte. Was er wollte war, daß ich mit dem alten Mann ging, und das wollte ich nicht tun. "Bitte, bitte." Meine Augen füllten sich mit Tränen.

Ich hatte nie geweint, als ich noch ein Mädchen war. Einmal fiel ich von einem Baum, und da war jede Menge Blut, und mein Kopf tat viele Tage weh, und ich vergoß nicht eine Träne. Seit ich eine Frau geworden war, weinte ich wegen jeder Kleinigkeit,  selbst wenn es gar nichts zu weinen gab. Es war lästig.

Genral beugte sich zu mir ... ... ... Ich hätte so gern gewußt, was er sagte ... ... ... aber ich verstand ihn nicht. Ich wußte nicht, ob er erklärte, warum ich gehen mußte. Oder ob er mir sagte, daß ich bleiben durfte.

Ich mußte ihn überzeugen, daß er mich behielt, irgendwie. Aber ich konnte mich ihm nicht an den Hals werfen, wie ich es bei Sisro getan hatte. Ich war mir nicht sicher warum. Vielleicht weil ich wußte, daß Sisro mich in seinem Bett haben wollte, und ich war mir nicht sicher, daß Genral mich wollte. Ja, ich war mir beinahe sicher, daß er mich nicht in seinem Bett wollte. Er war der König. Wer hätte ihn zurückgewiesen? Er hätte mich mit Sicherheit schon genommen, wenn er gewollt hätte.

Ich weiß nicht, was es war. Ich wollte ihm wieder die Arme um den Hals werfen. Ganz sicher wollte ich ihn so küssen, wie ich Sisro geküßt hatte. Ich hatte davon geträumt, zu ihm ins Bett zu gehen und dort willkommen zu sein, so wie ich in Sisros Bett willkommen gewesen war ... ... ... aber ich tat nichts dergleichen, und ich wußte nicht warum.

Ich legte meine Stirn auf seinen Oberschenkel und ließ meinen Tränen freien Lauf. Umfaßte sein Bein wie ein keines Mädchen und bat, mich nicht wegzuschicken.

Der alte Mann redete mit sanfter Stimme. Ich kannte eines von den Wörtern, die er sagte ... ... und ich stellte fest, daß er gesagt hatte, ich habe Angst. Er streckte die Hand nach mir aus, faßte mir unter das Kinn und hob meinen Kopf, drehte mein Gesicht nach rechts und links, lehnte sich wieder zurück und sprach zu Genral, der den Kopf schüttelte. Im Strom seiner Worte erkannte ich Sisros Namen. Der alte Mann nickte.

Er ging ohne mich. Möglicherweise wollte er mich überhaupt nicht. Möglicherweise hatte ich Genral mit meinen Tränen überzeugt, mich zu behalten. Es war auch möglich, daß Genral nie vorgehabt hatte, mich dem alten Mann zu geben. Ich würde es niemals wissen.

Ich konnte nicht schlafen, weil ich darüber nachdenken mußte. Genral behielt mich ... ... diesmal. Was würde er beim nächsten mal tun? Ich war immer noch ein wenig mitgenommen, immer noch ängstlich. Ich mußte mir mehr Mühe geben, die Sprache der Römer zu lernen. Aber das genügte nicht. Ich mußte mehr als das tun. Es mußte noch etwas geben, daß ich tun könnte, etwas um sicher zu gehen, daß Genral mich nie würde weggeben wollen.

Ich dachte die ganze Nacht lang angestrengt nach. Und bevor der Morgen kam, war mir ein Gedanke gekommen ... ... ...

Meine Großmutter lehrte mich viele Dinge, bevor sie starb. Nicht alles, was sie wußte. Das hätte viele Jahre mehr gebraucht. Aber sie lehrte mich, wie ich mich dem Sehen öffnen mußte. Sie versuchte, mir beizubringen, die Vorzeichen zu deuten, aber ich war nie gut darin. Sie zeigte mir Kräuter und wie man sie benutzt. Sie zeigte mir Wurzeln. Sie lehrte mich die Gebräuche der Vögel und der Kaninchen und der Bären. Ich hatte nie verstanden, wozu das gut sein sollte, aber ich hatte es gelernt.

Einiges von dem, was ich gelernt hatte, mußte geheim bleiben. Meine Mutter meinte, ich sollte nützliche Dinge lernen, wie Bier zu brauen und zu spinnen. Das Sehen mußte ich für mich behalten und durfte nie darüber sprechen, wenn meine Mutter anwesend war. Und auch andere Dinge ... ... wie die magischen Runen. Wie die Zaubersprüche. Eine Tracht Prügel wäre das Geringste gewesen, was mir geblüht hätte, wenn meine Familie wüßte, daß ich die Schwelle überschritten hatte in das Land der Zauberkünste, die meine Großmutter kannte - auch wenn es nur sehr bescheidene waren.

Meine Großmutter starb, bevor sie  mir alles beibrachte. Und ich hatte nie die Gelegenheit gehabt, einen der Zaubersprüche anzuwenden, die sie mich gelehrt hatte. Aber ich erinnerte mich an sie. Und dies schien gerade die rechte Zeit zu sein, um einen von ihnen auszuprobieren ... ... ...

 

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