13

Alle Welt wollte Caelin sprechen.. es war zum Ausrasten.
Ich log mal wieder das blaue vom Himmel runter. Mein Lügenkonto war sehr strapaziert worden seit Februar.
Barbara würde wie Anne morgen kommen.
Morgen. Morgen würde sie zurück sein oder ...
Der Film lief noch eine knappe  Stunde.. es sei denn, irgendwas passierte, was den Ablauf ändern würde.
Die einzige Hoffnung war, dass Caelin beim Neustart rausfliegen würde, weil sie dann wieder ein Fremdfaktor war.. oder auch nicht..
Diese Energie, die den Film schützte, diese Art Matrix- der Begriff drängt sich geradezu auf -konnte sie auch weiter akzeptieren.
Aber es war eher zu erwarten, dass sie rausfliegen würde nach den Kapriolen, auf die die Matrix mit Bestrafung reagiert hatte.
Jack und sie schienen als verbunden gesehen zu werden.
Er hatte mit den Sabotagen angefangen, sie hatte sich eingeklinkt.
Er hatte sich in derselben Rückblende befunden wie sie, als sie mal wieder versuchte einzugreifen. Und noch schlimmer, die Reaktionen wurden unberechenbar. Sie hatte Nagle bewahrt, dafür hatte es einen andren erwischt.
Jack wollte verhindern, dass Stephen angeschossen wird.
Wen würde es  stattdessen treffen? Caelin?? Jack selbst???
Ich bekam langsam Panik..
Am besten, sie würden  die Matrix bis zum Schluss nicht allzu sehr reizen.
Andererseits... Jack war DAS Element im Film.
Wenn er den Bogen richtig überspannte..
man konnte ihn nicht kaltstellen.. das würde die Handlung verändern... und genau das wollte die Matrix ja verhindern!!
Das könnte der Schlüssel sein...
Wenn die beiden es schafften die Energie, die ihr Gegner war  richtig in die Enge zu treiben.. es gab auch das Risiko, dass der Film einfach nicht mehr laufen würde. Verweigerung sozusagen.
Aber der ‚Lebensinhalt’ des Films war zu laufen.
Das käme einer Art Selbstmord gleich.
Dies war kein Lebewesen, eher eine Art PC Programm... völlig sachlich.
Entferne, was dich stört, an deiner Funktion hindert. 
Es kannte keine Wut, keine Angst.
Wenn ich recht hatte, musste es Caelin ausspucken oder mit nebensächlichen Finten in der Handlung killen...
Mir stellten sich die Nackenhaare auf. Sie war  eine Art Virus.
Jack ein Schaltkreis, der nicht mehr richtig funktionierte, aber unverzichtbar war.
Ich bekam Kopfschmerzen von den komplexen Überlegungen.

Vorsicht war geboten. Sobald ich die beiden wieder kontaktieren konnte, würde ich sie bitten die Handlung in Ruhe zu lassen. Schließlich begann alles wieder von vorne, niemand starb wirklich... wenn das nicht funktionierte, würden wir nach Neustart zu drastischeren Mitteln greifen müssen.
Sabotagen, bis die Reaktionen zu riskant wurden, am besten nur von Jack.
Auf ihn konnte der Film nicht verzichten und wenn er die Hauptfigur zu sehr lähmte, kam das einer Veränderung  gleich,  störte die Handlung gleichfalls.
Das würde die Matrix kaum akzeptieren.
Ihr Programm war die Bewahrung des Ablaufs, der Handlung.

Was, wenn alles nicht hinhaute? Ich wollte nicht dran denken...
Jack und Caelin würde hoffentlich etwas einfallen... ich war so hilflos...
Konnte nur von außen kommentieren, Vorschläge machen.
Der Film würde Jack nicht gehen lassen.
Er würde ewig gefangen sein in dieser Routine.
Es gab nur eine Lösung dafür. Wenn Caelin entkommen konnte, würde ich ihm anbieten diese DVD nie wieder zu spielen oder sie zu zerstören.
Würde das überhaupt etwas für ihn ändern?
Ich denke schon... er hatte auch ’existiert’ bevor ich die DVD eingelegt hatte.
Als der kollektive Aubrey, sozusagen, aber nur der Aubrey auf dieser Version hatte entsprechend reagieren können, weil sein Katalysator da war.. Erinnerungen. Die andren Jacks würden nicht seine Erinnerungen haben.
Oder würde er sein Wissen an das Kollektiv weitergeben?
Möglich... jedoch ohne meinen Input, der die Reaktion auslöste, die zu seinem ’Besuch’ geführt hatte und dem Bewusstsein, dass alles ein ewiger Kreislauf war, würden alle Jacks  wieder vergessen.
Hie und da hatte er eine Ahnung gehabt, der zündende Funke war jedoch von außen gekommen.
Er würde entscheiden müssen, was ihm lieber war.
Liebe Güte, war  das kompliziert...

Es geschah in der nächsten Szene. Jack traf die Entscheidung bevor Stephen angeschossen werden konnte.
Ich sah es in seinem Gesicht, als er zum dritten Mal Howards Schuss boykottierte.
Er tat es subtil.
Anfangs.
Er tat es mittels anderer. Schickte jemand dazwischen. Caelin. Blakeny.
Den Master. Bonden.
Mein Puls wurde schneller, mein Magen schlug Purzelbäume bei jedem Neustart.
Ich spürte förmlich die Energie, die sich im Player aufbaute mit jeder Wiederholung. Wie eine Art Verstimmung, die sich allmählich zu Zorn auflädt  und dann zur Weißglut wird.
Der Vogel flog, Howard, gespielt von Maggie Smiths Sohn, Chris Larkin, wurde zum fünften  Mal am Schuss gehindert, der Maturin an die Schwelle des Todes hätte bringen sollen.
Das Bild stand wieder und wieder einige Sekunden, dann zurück auf Anfang der Szene. Ich war wie gelähmt, vergaß  fast zu atmen.
Caelin schrie ihm etwas zu, er schrie zurück. Ich verstand nichts.
Ich wollte mitschreien, konnte nur warten. Untätig.
Jack schien mich anzustarren, dann lächelte er sanft und ging zu Stephen.
Ich wusste plötzlich, was er vorhatte und Caelins bestürzter Blick sagte mir, sie wusste es auch.
Wir warteten.
Sekunden der Ewigkeit.
Howard legte an, schwenkte die Büchse... und schoss.
Jack und Stephen taumelten.
Dann sank Jack ganz langsam zu Boden. Ein Aufstöhnen von allen an Deck, als er auf den Planken zu liegen kam.
Ich bekam keine Luft mehr.
Meine Gedanken überschlugen sich.. Stephen kann Jack operieren... er hat sich selbst .... Stephen beugte sich über den Captain, untersuchte ihn kurz.
Dann wandte er den Kopf zu Howard, sah ihn  vorwurfsvoll an.
Auf Jacks Brust breitete sich mittig ein Blutfleck aus. Er versuchte zu sprechen, aber es kam nur ein unverständliches Gurgeln und ein Schwall helles Blut.
Lungenschuss.
Howard lief betroffen zum Doktor.
„He will die the next hour.” meinte Maturin sachlich.
„You and your obsessions, Sir.” konnte er sich nicht enthalten, nachzuschieben.
Howard war ein schießwütiger Offizier, der keinerlei Beziehung zur Natur hatte, außer der, die ihn am Leben erhielt. Tiere waren für ihn  zum Essen da.
Oder zum Jagen. Nun, der Bock, den er gerade geschossen hatte war...
Kapital.
Ich gönnte ihm den Schreck, wenn er auch nur eine Filmfigur war.
Jack rang derweilen mit wenig Erfolg  nach Atem.
Wie ich.

Dann blieb das Bild stehen.
Wie versteinert saß ich da.
Einatmen, Ausatmen.
War es vorbei?
Jack ??
Caelin?
Verloren?
Die Szene begann wieder
Vor dem Schuss.
„Jack, der Film gibt dir  noch eine Chance!!!“ wollte ich erleichtert schreien, dann kapierte ich endlich.

Jack ließ sich wieder erschießen.
Und wieder. Und wieder.
Beim siebten oder achten Mal lähmte die Matrix Howard.
Ich wunderte mich, warum sie das Spiel solange mitmachte.
Sie schien es nicht wahrhaben zu wollen, dass die wichtigste Figur sie dermaßen boykottierte. Virtuelle Ratlosigkeit.
Jack gab ihr keine Chance.
Er riss Howard die Pistole aus der Hand, reichte sie Caelin und verlangte:
„Shoot me! To death!!”
Caelin starrte ihn verstört an. Dann rastete etwas bei ihr ein.
Er nickte ihr zu.
Sie straffte sich, zielte. Und.... erstarrte.
Jack stieß einen infernalischen Fluch aus.
Jeder starrte ihn an, traute seinen Augen nicht.
Er hätte es wissen müssen.
Die Matrix machte Armdrücken  mit Jack.
Sie brauchte ihn. Warnte ihn mit leichten elektrischen Schlägen, die ihn unkontrolliert zucken ließen.
Aber sie wusste nicht, dass er sie nicht länger brauchte.
Oder einfach nicht wollte.
Zwei Wochen für eine Ewigkeit auf DVD.

Jack schien einige Sekunden zu resignieren, dann richtete er sich mit einem triumphierenden Grinsen auf und tat etwas, dass  mir dass Blut in den Adern gefrieren ließ.
Er richtete die Pistole gegen sich  selbst.
„What are you gonna do now???” höhnte er, ließ den Blick in die Wanten schweifen, über den Horizont, wo sein Feind allgegenwärtig und doch unsichtbar war.
“I won’t stop. Let me go. It’s over. Let her go. There are so many of me. I am just one  in a million. Let me go. I will never be the same. LET US GO.”
Die ersten Sätze sprach er bestimmend, fordernd. Dann bat er um Caelins Leben, sein Ton wurde versöhnlich, fast flehend.
Es gibt so viele. Lass mich gehen. Ich werde nie mehr der Alte sein.
LASS UNS GEHEN.
Beim letzten Wort  schoss er sich ins Herz.
Ich habe ihn vier Mal  von eigener Hand  sterben sehen,  bevor es geschah.
Vier Mal  starb ich mit. Mit jedem Mal zuckte Jack stärker unter der Bestrafung. Jeden Moment konnte die Matrix ihn lähmen.
Ich hyperventilierte mittlerweile. Mein Herz raste.
Ich wollte schreien, aber es kam kein Ton.
Caelin war eine Statue mit entsetztem, aber irgendwie wissendem Blick.
Sah sie in ihrem Zustand noch was passierte??

Und dann geschah es.
Der Rand des Bildes schien in Sepia überzugehen, deren Ton  nach innen wanderte.
Langsam kroch der Effekt  zum Zentrum. Dann wurden die Ränder schwarz.
Als würde man ein Negativ anzünden.
Das Bild verschmorte vom außen nach innen.
Virtuelle  Sonnenfinsternis.
Die Matrix gab auf.
Ich schnappte nach Luft, sog sie tief ein, um sie gleich darauf wieder hinauszupressen. Ich schrie ohne zu wissen was ich schrie.
Es war reinster Instinkt.
„RAUS!!!!!!!!!!!!!“
Schreckenslaute......... sich verdunkelndes Chaos.
Kein Ton mehr...
Der Geruch statischer Überladung...
Ich sah noch wie ein dunkel  verschwommener Jack Caelin am Arm packte...
Dann überzog die Schwärze den Monitor und das Display zeigte:

ERROR.

Kapitelauswahl                    weiter