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Ich kann kaum glauben, was gerade geschieht.
Hat der gute Captain nicht die glorreiche Idee gehabt, den Film in Ruhe zu
lassen, damit sich am Ende eine Chance eröffnet, die mir eine Rückkehr in
mein altes Leben ermöglicht?
Und dann richtet er seine Handlungen gegen sein eigenes Statement.
So was ist man doch sonst nur von seinem Alter Ego Crowe gewohnt.
Der redet viel, wenn der Tag lang ist und hält sich selten an seine eigenen
Vorgaben. Naja, wie dem auch sei, Jack funkt dazwischen.
Er verhindert, das Stephen angeschossen wird.
Ist ihm nicht klar, was er damit anrichtet?
Und hatte Jack nicht mal anklingen lassen, dass er weiß, was geschehen wird?
Dann muss ihm doch noch in Erinnerung sein, dass der Doktor sich selbst
operieren wird und die Verletzung überlebt.
Aber...
Maturin ist sein Freund.
Und manchmal ist es ein Kreuz mit Freunden.
Man will sie beschützen, sie vor Unheil bewahren, ihnen Schmerzen ersparen.
Ungläubig warte ich, was passiert.
Return. Ohne großes Federlesen. Eine andere Möglichkeit hat die Matrix
nicht.
Sie kann Jack keinen schweren Schaden zufügen. Stellt sie ihn kalt, nimmt
sie sich selbst die Existenz. Ohne ihn läuft die Handlung aus dem Ruder.
Doch Captain Goldilocks gibt nicht so leicht auf. Er schreitet wieder ein.
Return.
Neuer Sabotageakt.
Als die Matrix versucht, Jack zu hindern, in dem sie ihn einfach an eine
andere Stelle auf Deck katapultiert, schreite ich ein. Ganz subtil.
Ich stelle Howard ein Bein. Der Schuss geht in die Reling.
Stillstand.
Rückwärtsgang.
Und neuer Versuch.
Jack ist zur Stelle. Grimmige Entschlossenheit im Gesicht.
Diesmal stirbt der Vogel, den Howard anvisiert hatte.
Wieder zurück. Wieder Störung von Jack. Bremse.
Und das Ganze noch mal von vorn, weil es so schön war.
Der gewünschte Erfolg bleibt wieder aus.
Jack läuft zu Hochform auf.
Irgendwie scheint es ihm Spaß zu machen, den Film zu ärgern.
Und wir hüpfen vor und zurück.
Vor und zurück.
Es fängt schon an, mir auf den Magen zu schlagen.
Wie in einer Achterbahn, die dich über den Gipfel bringt und dann nicht mit
voller Geschwindigkeit ins Tal saust, sondern wieder rückwärts an den Start.
Wenn das so weitergeht, landet mein Frühstück noch auf den Planken vor mir.
Ich wundere mich, warum die Matrix niemanden eingreifen lässt.
Immerhin stehen genug Männer der Besatzung um uns herum.
Doch die schauen nur dumm aus der Wäsche. Begreifen sie, was geschieht?
Ich glaube nicht.
Die Matrix gibt nicht nach. Sie lässt Howard immer wieder anlegen und
abdrücken. Der arme Kerl wird Muskelkater haben, ohne zu wissen woher.
»Jack«, brülle ich. »It
doesn’t work.«
Er wirft mir einen grimmigen Blick
zu. »I bet it will.«
Kaum ausgesprochen kracht der Schuss.
Jack drängt Stephen zur Seite und bricht zusammen.
Ach du heilige Sch...
Der Drecksack hat sich erschießen lassen. Mir stockt der Atem. Und nun?
Das kann die Matrix nicht hinnehmen. Aubrey ist ihr wichtigster Protagonist.
Sie muss handeln. Und das tut sie. Achterbahnfahrt rückwärts.
Einmal, zweimal, dreimal.
Beim siebten oder achten Mal, ich verliere so langsam den Überblick, wird
Howard gelähmt.
Wie zur Salzsäule erstarrt, die Arme ausgestreckt.
Einen selten dämlichen Ausdruck auf dem Gesicht.
Ich schlucke.
Doch Jack ist gerade so richtig schön in Fahrt gekommen.
Er stürmt auf Howard zu, die Matrix hindert ihn nicht daran und reißt dem
Captain der Seesoldaten die Waffe aus der Hand, um sie dann in meine zu
drücken.
»Shoot me! To death!« verlangt er energisch.
WAAASSS????
Sind ihm jetzt die Schaltkreise durchgebrannt?
Das kann doch nicht sein Ernst sein! Als ich das letzte Mal eingegriffen
habe, hat mir Kelley auf Befehl der Matrix fast die Rippen gebrochen.
Und jetzt soll ich einen Mord begehen und erwarten, dass es dafür keine
schwerwiegenden Konsequenzen gibt?
Doch Jacks Blick ist so eindringlich.
Flehend. Alles oder nichts, ja?
Stell dir einfach vor, du bist auf
dem Rummel und er wäre ein Luftballon, den du zu treffen versuchst. Das
kannst du doch.
Doch bezweifle ich, dass ich
diesmal einen Teddy gewinnen werde.
Ich straffe meine Schultern, lege an und gefriere zu Eis.
Es fühlt sich wirklich so an. Sämtliche meiner Muskeln sind gelähmt.
Ich habe keinerlei Kontrolle mehr über auch nur eine meiner
Körperfunktionen. Ich atme nicht mal mehr. Aber doch bin ich nicht tot.
Wenn ich es wäre, könnte ich doch nicht mehr denken, oder? Ich könnte auch
nicht mehr wahrnehmen, was um mich herum geschieht.
Aber ich sehe es. Klar und deutlich.
Als Jack erkennt, dass sein Ein-Frau-Erschießungskommando den Geist
aufgegeben hat, stürmt er frustriert zu mir und nimmt mir die Waffe ab.
Und befördert sich selbst damit ins Jenseits.
Ich sehe ihn aus meinem Blickfeld verschwinden, weiß, er liegt zu meinen
Füßen, auch wenn ich meinen Kopf nicht senken kann.
Von den weiteren Geschehnissen bekomme ich nicht viel mit. Es geht alles
viel zu schnell und ich bin immer noch ein Eiszapfen. Aber ich kann es mir
denken.
Jack begeht immer wieder Harakiri, um die Matrix bis aufs Blut zu reizen.
Dann plötzlich...
Ein Ruck.
Ich stolpere vorwärts, werde von jemandem aufgefangen.
Um mich herum ist Schwärze. Ich kann nichts mehr sehen.
Was ist denn jetzt schon wieder los?
Die Szene läuft am hellichten Tag. Wieso ist es auf einmal dunkel?
Ich verstehe überhaupt nichts mehr.
Jemand brüllt: »RAUS!!!«
Auf deutsch.
Es dauert einen Augenblick, bis ich die Stimme als die von Meraluna
einordnen kann. Raus????Wohin denn? Wie denn?
Ich kann nicht mal mehr meine eigene Hand wahrnehmen. Aber ich reagiere.
Ich laufe, stoße gegen etwas, falle und rapple mich wieder auf.
»Caelin!«
Eine andere Stimme. Es ist die von Jack.
»Caelin!« schreit er.
»The Gap. Under Deck.
Try. Run!«
Guter Rat.
Ich habe nur keine Ahnung, in welche
Richtung es zu seiner Kabine geht.
»Jack!« So laut es geht, versuche ich den Tumult um mich herum zu übertönen.
»I don’t know, where
that is!«
Panik.
Da packt eine Hand die meine. Der Griff ist fest, bricht mir fast die
Finger.
Ich werde mitgezerrt, setze meine Füße wie in Trance. Eine Treppe.
Ich werde hochgehoben, klammere mich an meinen Retter, während er mich
irgendwie durch die Schwärze manövriert.
Dann...
Jacks Kabine. Sie ist noch da. Ich kann das Interieur wahrnehmen.
Zwar spärlich von Kerzen erleuchtet, aber ich kann etwas sehen.
Den Tisch, die Heckbank, den Durchgang zum Klo.
»What happens here?« Ich zittere unkontrolliert.
»You have to leave«,
raunt Jack an meinen Ohr. »Your only chance.«
Er zieht den Vorhang zur Seite.
Dahinter die Holzwand.
»Jump!« verlangt er.
»Are you crazy?« werfe ich ihm an den Kopf.
Wenn ich in voller Wucht gegen eine Wand springe, breche ich mir alle
Knochen. Ich zögere.
Hinter mir Rumpeln. So als würde etwas auseinander fallen.
»Not a moment to lose«,
kommt es von Jack.
Er schiebt mich vorwärts, geht an mir
vorbei und bleibt vor der Wand stehen. »Trust me.« Er streckt seine Hand
aus.
Von einem Schrei meinerseits begleitet, verschwindet sie in der Schwärze.
Er zieht sie zurück, sieht mich grinsend an.
»The Gap is back. Go.
Now!«
Ich betrachte ihn von oben bis unten.
Warum ich im Moment meiner Rettung zögere, weiß ich nicht genau. Aber ich
kann nicht anders.
Dann halte ich ihm die Hand hin.
»Two weeks being you,
deciding yourself, living in freedom.
What do you think?« Er starrt mich an. »It’s
possible«, sage ich eindringlich.
Jack nickt, nimmt lächelnd meine Hand.
Wir treten beide ein paar Schritte zurück, nehmen Anlauf.
Dann sprinten wir los und springen.
Himmel und Hölle hilf! |