15

 

48h später....

Ich hatte Jack nebenan einquartiert, meine Schwester und Familie waren mal wieder  in Urlaub, würden in knapp zwei  Wochen zurückkommen.
Er campierte zunächst in der leeren  Einliegerwohnung, die mein Neffe sonst als Spielzimmer benutzt, da meine Hälfte mit vier Frauen gut ausgelastet war.
Die Party, die einen Tag nach Caelins und Jacks Rückkehr  stattgefunden  hatte, war bis in den frühen Morgen gegangen.
Ich musste erst mal richtig realisieren, dass er wieder da war.
Es war so surreal wie sein erster Auftritt.

Als ich tags darauf  mit Caelin den Tisch auf der Terrasse deckte,  sahen wir uns alle paar Minuten verstört an. ”Ist das alles wirklich passiert, seit ich diese vermaledeite DVD in den Player geschoben habe?? Ich muss mich beherrschen nicht alle fünf Minuten rüberzurennen, um nachzusehen ob da wirklich jemand auf dem Sofa liegt.” murmelte ich. Caelin kicherte nur leicht durchgeknallt.
“Und ich kann einfach nicht glauben, dass es grade mal  einen guten Tag  her ist, dass ich mit dem Taxi vor deiner Tür gehalten habe.. Wochen und Monate auf See... ein Wahnsinn.”
Sie rollte mit den Augen. Ich sah sie mitfühlend an.
Ich wäre ausgerastet ohne meine Haftwickler, meine Kosmetika, Haarspray und mein Estee’Lauder Make up... LOL. Hut ab.
“Ich habe mir schon überlegt, was ich der Polizei sage, wenn sie nach dir fahnden. Dein Gepäck hier und alles... das hätte nicht gut ausgesehen... ich konnte einfach nicht glauben, dass du jetzt für immer im Film...” erklärte ich, noch immer fassungslos.
“Vielleicht wäre mein Gedächtnis auch irgendwann gelöscht worden, aber die Tatsache, dass ich weiblich bin, hätte mir eventuell zu denken gegeben... na, wenigstens hätte ich NULL Konkurrenz gehabt auf der Surprise.. Und da gab es durchaus Kandidaten.” frotzelte sie.
“Hör bloß auf, du bist noch nicht bei Sinnen! Als ob ein Leben auf Vinyl oder was auch immer es wert wäre mit James D’Arcys oder Billy Boyds Rollenfiguren... echt...”
Aber ich musste lachen. Caelins cineastischer, ständig wechselnder Harem war  längst dankbare Zielscheibe meiner Spötterei.
Und wer im Glashaus sitzt, sollte sich mit dem Werfen zurückhalten.
Hatten wir doch schon.
Sie war sehr euphorisch, immerhin war ihr gewissermaßen ein neues Leben geschenkt worden.
Als würde man einen Horrorunfall ohne einen Kratzer überleben.
Dem unbarmherzigen Schnitter noch mal von der Klinge hopsen.

Jack hatte sich ziemlich böse geprellt bei seinem Sprung in die Realität.
Er  war wie eine Kanonenkugel aus dem Monitor  herausgeschossen, Kopf voran, hatte eines der Sofas umgekippt und war unter dem Tisch gelandet.
Dabei ging  dank seiner guten zwei Zentner ein Stuhl zu Bruch.
Besser jeder Stuhl als was bei ihm.
Ich war instinktiv zur Terrassentür zurückgewichen- das ohrenbetäubende Sirren und der Gestank statischer Überladung hatten mich mit dem schlimmsten rechnen lassen.
Ich hatte damit gerechnet, dass die Glotze explodiert oder implodiert oder was auch immer... und der Player mit.
Ganz tief innen drin hat etwas gehofft, dass das passieren würde, was dann tatsächlich geschah.

Caelin und Jack wurden regelrecht ausgespuckt.

Ein weniger kräftiger Mann hätte sich womöglich das Genick gebrochen.
Ich konnte gerade noch verhindern, dass der Aufsatz der Kommode  daneben durch die Erschütterung runterkippte und ihn womöglich  doch noch erschlug.
Die Klänge von Alanis Morrissettes ‚Ironic’ geisterten durch meinen Kopf.
Ironie des Schicksals. Gewinnen  und dann alles wieder verlieren.
Nix neues. Aber weh tut’s doch.
Mein linker Unterarm war wenig später dunkelblau, ich hatte das schwankende Teil instinktiv mit dem ausgestreckten Arm abgefangen. Es verfehlte ihn um Handbreite   und  eine Menge Geschirr ging  in Scherben.

Caelin hat mehr Glück gehabt. Sie kam als Erste mit den Beinen voran und landete auf dem Hintern, schlitterte über die Fliesen bis zur Wand gegenüber.
Dabei schlug sie sich ‚nur’ einen Fuß an.
So betrachtet hätte es viel schlimmer enden können. Jack hätte sie ungewollt schwer verletzen können, wenn er in derselben Richtung wie sie gelandet wäre.
Es lagen lediglich  Sekunden dazwischen.
In dem Moment, als ich mich daran machte den stöhnenden Jack unter dem Tisch hervorzuziehen, hörte ich das Ladefach des Players aufgehen.
Ein schwirrendes Geräusch-
“Runter!!” schrie Caelin. Ich nahm noch wahr, dass etwas silbriges  wirbelnd wie ein Miniufo knapp  über mich wegschoss , dann hörte man das typische Geräusch wenn eine Cd oder Dvd zertrümmert wird.
Die Überreste verteilten sich in der ganzen Wohnung. Ich bekam einen Splitter in die Hand, der aber harmlos war.
Die Matrix hatte die DVD in einer Art Selbstmordkommando aus dem Player katapultiert. Das Ziel war eindeutig Jack gewesen.
Er war der Störfaktor, der Saboteur und Überläufer und die Matrix schien selbst in Agonie eine Stinkwut auf ihn zu haben, da es ihm doch noch gelungen war sie auszutricksen. Es war eine Art Rache oder einfach das Äquivalent zu Verzweiflung und Frustration.
Die beiden standen unter Schock, sie waren grau im Gesicht, eiskalt.
Caelin bugsierte ich aufs Sofa, deckte sie zu. Sie zitterte.
Jack bibberte ebenfalls, suchte ständig ihren Blick, murmelte zähneklappernd
“ ..we made it, it worked, we really made it ..” wie ein Idiot.
Ich zerrte ihn nach nebenan, drängte ihn aufs Sofa, während ich (meiner Ansicht nach, aber er meinte später, ich habe etwas manisch auf ihn gewirkt..) beruhigend auf ihn einredete (keine Ahnung mehr was ich sagte).
Er lächelte schwach, nickte schlotternd und schloss dankbar die Augen, solange ich Decken auf ihn packte. Dann raste ich zurück zu Caelin.

Ich stand völlig unter Strom. Ich habe schon mehrere brenzlige Situationen erlebt.
Epileptische Anfälle bei Kunden, die zuckend vom Stuhl rutschen. Ein mit einem dreißig Zentimeter langen Messer bewaffneter Penner, der mich  vor über zwanzig Jahren  nachts auf einem  einsamen Bahnsteig zu Sex überreden wollte, und das lange bevor es Handys gab.
Mein Neffe, der mit vier Jahren trotz Verbot im Rohbau herumturnte und rückwärts zwei Stock tief  ins ungesicherte Treppenhaus gestürzt wäre, wenn ich mich nicht in dem Moment, als er über etwas stolperte und die Balance verlor, umgedreht und ihn am Shirt erwischt hätte.
Ein elektrischer Fliegenfänger, der in einer sich ausbreitenden Lache Wasser am Boden  stand,  weil der Koch in dem Lokal, in dem ich jobbe, vergessen hatte das Wasser fürs Salatbecken abzudrehen. Die Kellnerin bekam einen hysterischen Anfall. Ich griff die Kunststoffbretter von der Arbeitsfläche und schmiss sie aufeinander, machte einen Schritt darauf und zog den Stecker raus, der zu weit weg war ihn vom Trockenen aus zu ziehen
Ich wusste nicht wo der Sicherungskasten ist.
Ich scheine ab und an  ein Notfallrelais im Kopf zu haben, dass einrastet, wenn’s knallt.
Dann werde ich zum Roboter, mir wird nicht schlecht, wenn jemand kotzt oder blutet oder es gefährlich wird. Bisher. Ich tue was ich kann, bis die Krise rum ist. Dann muss ich mich ein wenig sammeln.
Oder kotze selber.
Das tat ich, solange Caelin sich unter der heißen Dusche aufwärmte und der Kaffee für Jacks Kreislauf durchlief. Mit Kaffee kann man bei ihm fast alles heilen. Er war bereits soweit hergestellt, dass er ihn selbst trinken konnte.
Ich trank eine Tasse mit ihm, um den fiesen Geschmack loszuwerden.

” We got out.... we really got out...” murmelte er immer wieder begeistert, sah mich nur fassungslos an. “As soon as you’re able, take a hot shower to warm you up. There are clothes upstairs in the bathroom for you. I will look for your bruises later.” versuchte ich ihn zu beruhigen. Er nickte nur abwesend.
Ich tat souverän und fühlte mich völlig hilflos.
Was sollte werden?
Jack war wieder da.
Ich schämte mich, weil ich mehr Verwirrung und Sorge als Freude empfand.
Ich war endlich drüber weg gewesen....
Ich wischte all diese Gedanken weg, setzte Prioritäten.
In zwei, drei Tagen konnte ich mir immer noch den Kopf zerbrechen.
Nicht jetzt.
Sonst implodiere ich..

Barbara, Anne und Dagmar kamen geschlossen  am frühen Abend des nächsten Tages.
Ich hatte Jack gebeten nebenan zu bleiben, hatte ihn mit Essen und Trinken versorgt. Er war doch recht lädiert und ihn meinen Gästen vorzustellen.... was ich gern getan hätte....
das hätte ein furchtbares Durcheinander verursacht.
Caelin stimmte mir zu. Sie war so auf Adrenalin, dass sie den Abend locker durchstand.

Das Wetter war akzeptabel. Ich hatte von dem  Lokal, wo ich jobbe ein kleines aber feines Menü zum Freundschaftspreis bekommen, dass seit einer halben Stunde in Warmhalteboxen in der Küche stand. Man wunderte sich nur, warum ich so nervös war und alle Stunde nach dem kranken  Nachbarskater sah….

Nach dem Geburtstag mit Überraschungen kehrte der Alltag ein.
Caelin blieb noch einen Tag länger als die andren Gäste.
Die Zeit auf der Surprise hatte sie verändert. Sie und Jack tauschten manchmal Blicke, die mich eifersüchtig gemacht hätten, wenn ich nicht gewusst hätte, auf welcher Grundlage sie beruhten.
Es war das stumme Einverständnis zweier ‚Überlebender’.
Sie hatten gemeinsam ein  Ziel verfolgt und waren mit einem blauen Auge davongekommen.

Wir sprachen nicht darüber, wie lange Jack es wohl durchhalten würde.
Ich wappnete mich für alles. Ich hatte mich damit abgefunden, dass es ihn in zwei bis drei Wochen nicht mehr geben würde.
Am Abend nach Caelins Heimreise fing ich schweren Herzens davon an.
“Jack, we have to talk a few things regarding the future. How do you  want to be…” Ich wusste nicht, wie ich es sagen sollte.
Er sah mich erst verwirrt an, dann kapierte er.
Er blieb total sachlich.
“Sure. Fire. Would you do me the honor and confide my ashes to the Mediterranean Sea  somewhere on the coasts of Malta? It was my favored place then…”
Der Kloß im Hals hinderte mich am Sprechen.
Ich nickte.
”I knew the risks. I made a choice. But I feel so guilty putting you into another unpleasant  situation. If I could change it, you know I would.” versicherte er mir mit brüchiger Stimme.
“At least you can still watch the rest of my impersonations on your  infernal machines....” witzelte er wenig überzeugend, aber seine Ozeanaugen schimmerten verdächtig.  Ich sah ihn tadelnd an. Er hatte manchmal einen verdächtig ähnlich fiesen Humor wie Crowe.
“Anyways... there’s not one moment to loose... and anything else....” und nahm mich das erste Mal nach seiner endgültigen Rückkehr vor knapp zwei Tagen richtig in den Arm.
Solange meine Gäste da waren, hatten wir  dazu kaum Gelegenheit gehabt.

Wir waren beide sehr aufgewühlt von den Ereignissen und dem was unausweichlich kommen würde.
Jacks Verfallsdatum.
Entsprechend intensiv wurde der Kuss und alles was folgte.
Es war anders als  während der  Zeit, in der Jack Bekanntschaft mit Sex gemacht hatte. Da hatte seine Neugier und sein Hunger  dominiert und manchen Streit verursacht, wenn er mich zum dritten Mal innerhalb eines Tages ins Bett oder sonst wohin zerren wollte.
Er war sozusagen erwachsen geworden in sexueller Hinsicht.
Damals hatte er sich benommen wie ein hormongestauter Siebzehnjähriger.
Er hatte nur eines im Kopf gehabt anfangs.
Zum Glück ließ das bald nach, weil seine ‚Batterien’ sich geleert hatten.
Er war jetzt geduldiger und rücksichtsvoller. Ich hatte mich davor schon nach ihm gesehnt. Jetzt verliebte ich mich richtig in Jack.
Ich liebte seine Macken und seine Schrullen.
Seine polternde Art, sein dröhnendes Seebärengelächter, dass meine Katzen in die Flucht schlug.
Seine goldene Mähne und sein lädiertes Ohr, die Narben.
Die köstliche Last seiner guten zwei Zentner, wenn er  es sich  am frühen Morgen nach vorsichtigen Annäherungsversuchen und einem wohlwollenden Signal von mir mit einem genießerischen Schnauben über mir bequem machte.
Ich wusste, es würde bald vorbei sein.
Das selbstgefällige Grinsen, wenn er mit ‚noch so einer Höllenmaschine’ den Rasen mähte. Er genoss es die moderne Technik zu beherrschen.
Jack Aubrey. Herr der Universen.
Diesseits und jenseits des Silverscreen.
Des silbernen Horizonts, der Realität und Fantasie trennt.
Ich betrachtete ihn  teils mit Stolz wie eine Mutter ihr Kind.
Und teils mit großer Wehmut. Wenn wir doch ein wenig mehr Zeit hätten...
..das hatte schon lange gar  nichts mehr mit seinem Alter Ego zu tun.

 

Er liebte meine Kletterrosen.
Sein Wunsch sie in voller Pracht zu sehen, hatte sich erfüllt.
Bewaffnet mit dicken Handschuhen entwirrte er den  üppigen Dornröschenwall, setzte die Bögen, jüngst bei ebay ersteigert, neu und drapierte die Ranken unter viel Gefluche und Kratzern zum Laubengang, bis alles seinen Vorstellungen entsprach, während die samtigen Blütenblätter auf ihn herabrieselten.
Er hatte sie abends noch in den Haaren.
Ich beobachtete ihn durchs Fenster. Hin und wieder betrachtete und berührte er einfach minutenlang die Blüten, von denen bis zu fünfzig an einer Ranke sprossen.

Er beschäftigte sich gern im Garten, was mir nicht so liegt. Ich mache nur was sein muss.
Und dann konnte er ganze Nachmittage im Schatten des Sachalinknöterichs auf der Liege faulenzen. Ein paar Journale neben sich und eine Kanne Eistee oder Eiskaffee wie ein überdimensionaler lohfarbener Kater.
Er hatte für mich immer  etwas katzenhaftes.
Schlafend, Lesend. Dösend. Ich fütterte ihn mit Dan Brown, Dean Koontz und Murray Bail.
Letzteren fand er seltsam. Wie auch ich.. O’Brian mied ich.
Ich wollte ihn nicht quälen.

Das raue Schnurren seines Bariton. Die schnellen Reaktionen. Die weichen, runden Bewegungen. Die unschuldige Sinnlichkeit, mit der er sich Essen, Trinken und Sex hingab.
Kater.
Hin und wieder dachte ich darüber nach, ob das nicht besser  ist als die Anziehung nachlassen zu sehen, den Schmetterlingen im Bauch nachzutrauern.
Ich verdrängte die Frage, wie ich seine Identität erklären sollte, wenn...
Bevor ich mich überwinden konnte, ihn darauf anzusprechen, bemerkte ich die Veränderungen.

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