|
16
Beim Essen fiel es mir
zuerst auf. Er war längst nichts so verfressen, wie ich es erlebt hatte.
Er hatte einen gesunden Appetit, aß aber höchstens die Hälfte der
Portionen, die er sonst vertilgt hatte. Er brauchte mehr Schlaf als ich, ein
oder zwei Stunden, und als sich das nach einer Woche nicht änderte, sprach
ich ihn darauf an.
“I
recognized as well. But I didn’t want to put up on false hope. Let us just
wait and see.”
Ich sah den
Hoffnungsschimmer in seinen Augen, nickte nur.
Als ich wieder arbeiten gehen musste, kamen meine Schwester mit Familie vom
Urlaub zurück und mit Jack war alles unverändert.
Ich begann hin und wieder daran zu denken, was zu tun wäre, wenn....
Ich war so überzeugt gewesen, dass er nicht länger als zwei Wochen packen
würde.
Es gab keinen Film mehr,
der ihn zurück wollte. Die Matrix meiner DVD hatte sich selbst zerstört und
schien ihn damit freigeben zu haben. Sie hatte kapituliert.
Er war nicht mehr davon abhängig.
Keine männliche, unidentifizierbare Leiche...??
Ich wäre völlig überfordert gewesen. Hatte mir ein paar saublöde Geschichten
ausgedacht...
“Nein, Herr Kommissar, ich kenne den Mann erst seit gestern. Habe ihn in
einer Bar aufgegabelt. Er lag heute früh so auf dem Sofa, wie sie ihn jetzt
sehen.... nein, ich habe ihm nichts ins Bier getan, bestimmt nicht. Aber ich
werde seine Einäscherung bezahlen.“
HÄÄÄÄ????
BIZARR.
Das ist doch das Drehbuch zu einer pechschwarzen englischen Tragikomödie...
Die Tage wurden zu Wochen.
Jack und ich tauschten Blicke zwischen Freude, Ratlosigkeit und Verwirrung.
Er war so überfordert wie ich.
Einen Monat nach meinem
Geburtstag rief ich G. von Dors an.
Er schien mir der richtige für mein Problem.
Zwei Wochen später hatte Jack einen Pass und eine Geburtsurkunde.
Jack A.
Goldman.
Wofür das A
steht?
Das wollte Jack auch wissen.
Haha.
Ich sagte: “ This certain gap between ADORABLE and ASSHOLE.”
Er verdrehte
nur die Augen.
A wie Aubrey.
Das Testament eines früheren ‚Lebens.’ Ein einsames A mit Punkt.
Echt falsch. Ich fragte Günther lieber nicht woher. Er hatte allerlei
Beziehungen.
Er stellte auch kaum Fragen. Wie damals mit den spanischen Dublonen.
Jack hatte auch diesmal die Taschen seiner Uniform damit gefüllt, bevor
Caelin und er gesprungen waren.
Ich war ihm sehr dankbar.
Es reichte für die falschen Papiere.
Jack brauchte einen Job. Hausmann war nicht sein Ding, er langweilte sich
bald.
Wen wundert’s.
Rückblickend erkenne ich
mein Fehlverhalten.
Meine Erwartungshaltung änderte sich mit der Erkenntnis, dass die
Zwei-Wochen-Marke nicht mehr galt. Ich hatte ihn reichlich verwöhnt.
Flitterwochen.
Sie waren rum.
Während seiner Existenz als Captain trug ihm auch dauernd einer den Arsch
hinterher. Er musste ja das englische Imperium retten....
Aufräumen? Saubermachen? Müll rausbringen?
Das war außerhalb seines Universums.
Er half mir, wenn ich darum bat, wie während seines ersten Besuches.
Aber er hatte keinerlei Bewusstsein dafür. Das macht einen mürbe.
Kinder und Jugendliche müssen es erst lernen, Jack war erwachsen.
Ich konnte ihm nicht mal einen Vorwurf machen, denn er hatte keine Chance
gehabt es zu lernen. Keine Jugend. Er war immer nur Offizier gewesen.
Er war ein beschissener Koch und der Staubsauger hasste ihn.
Das war seine Ausrede.
Als ich ihm vorhielt, dass auch die Waschmaschine, die Spülmaschine und das
Bügeleisen ihn wohl hassen würde aber der Computer komischerweise nicht (der
schien ihn zu lieben, na so was), sah er mich nur verwirrt an.
Seine gewohnten, unverzichtbaren Pflichten gab es nicht mehr.
Keine Kriege zu gewinnen. Keine Damen zu retten.
Nicht mal Kadetten, die man herumscheuchen konnte.
Kein Stephen, der ihn intellektuell und politisch forderte.
Auf subtile Art zusammenstauchte.
Er sah mich hilflos-trotzig an, als ich ihn zum zwölfundneunzigsten
Mal fragte ob er es fair fände, wenn er 50h+ die Woche knödeln würde, um uns
beide durchzubringen und mich dann Pralinen fressend und Prosecco saufend
beim Studium des Underground Boards vorfinden würde.
Beim Studium der jüngsten Hetzkampagnen wider sein Alter Ego & family.
Inmitten schmutzigen Geschirrs, dreckiger oder unaufgeräumter bzw.
ungebügelter Wäsche in einer schmuddligen Wohnung.
Ich gebe zu, ich sagte es nicht.
Ich schrie.
Ich brüllte wie ein gewisser Aubrey auf einem Schiff namens Surprise.
Ich kreischte mir den Stress, die Überarbeitung, die Enttäuschung vom Leib.
Und von der Seele.
Ich war unfair, ich war unsachlich.
Ich wollte ihn leiden sehen, wie ich litt.
Den Sekunden des Triumphes folgte bittere Reue.
Ich war nicht fähig sofort einzulenken, ihn um Verzeihung zu bitten.
In der folgenden Nacht schlief er auf dem Sofa, freiwillig.
In den Tagen davor war es unfreiwillig gewesen.
Unbehaglicher als seine Avancen seit einiger Zeit war mir nur die
Erkenntnis wozu die einstige Anziehung verkommen war.
Was war nur passiert...
Ich konnte nicht
glauben, dass alles umsonst gewesen sein sollte.
Aber so konnte es auch nicht bleiben.
Das war ein harter Sturz in die Realität.
Für ihn. Und für mich.
Zwei Wochen sind nichts. Wir wussten so wenig voneinander.
Offiziell war er
britischer Staatsbürger, durfte also nicht einfach so eine Arbeit annehmen.
Für eine Scheinehe fehlten zuviel Papiere und das war auch etwas, wovor ich
mich scheute. Die Ernüchterung saß sehr tief.
Jack war die gleiche faule Sau (pardon, Eber) wie viele.
Wenn ich ihm in den Hintern trat, bemühte er sich. Eine Weile.
Mich kostete das Kraft, die ich nicht hatte mit einem Hauptjob und einer
Nebenbeschäftigung. Und die Streitereien vergällten mir auch noch das, was
mich aufrecht gehalten hatte.
Die physische Seite unsrer Beziehung.
Von in den Arm genommen werden, wenn ich heimkam bis zum Sex.
Seit meiner Brülltirade gingen wir uns aus dem Weg.
Wenn ich mittags eine Stunde heimkam, war er weg.
Wenn ich abends heimkam, war er weg.
Ich wollte gar nicht wissen, wo er war.
An den Wochenenden arbeitete ich Abends ein paar Stunden, Sonntag auch
mittags.
Es war mir recht.
Ich war am Ende. Manchmal hasste ich ihn.
Manchmal hasste ich mich.
Er verstand mich nicht. Er kam nicht klar.
Ich konnte ihm nicht helfen. Ich konnte mir nicht helfen.
Wir taumelten auf den Abgrund zu.
Ich hatte schon ein Zimmer bei Bekannten für ihn.
Ich hätte dafür aufkommen und alles im Lot halten müssen.
Aber das war mir lieber, als sich im Wechsel anzugiften und anzuschweigen.
Günther rettete uns.
Er deichselte etwas in seiner Firma, die mit Zubehör für Segelboote in
ganz Europa handelt. Jack rappelte sich plötzlich auf, warf sich vehement
hinein und mauserte sich innerhalb weniger Monate zum Vertriebsmann für den
englischsprachigen Raum.
Als er mit dieser Nachricht nach hause kam, vor Freude strahlend, schlug ich
vor zum Chinesen Essen zu gehen, zur Feier des Tages.
Da war er wieder. Der Jack, den ich respektieren konnte.
Den ich geliebt hatte.
Es funkte noch.
„Ich möchte bitte
gemischten, gebackenen Früchten in Honig, flambiert“ radebrechte er, als
die Kellnerin ihn nach einem Dessert fragte.
„Zwei Mal. Der habe ich in sehr gutes Erinnerung.“
Dann zwinkerte er mir zu.
Ein bisschen schelmisch.
Und ein bisschen mehr versöhnlich und schuldbewusst.
Der letzte Abend, bevor er in den Film zurückgekehrt war.
Chinesisches Essen und das Dessert im Bett.
Dort endete es auch diesmal. Mit einer Flasche Sekt statt Dessert.
Nach fast zwei Monaten Kleinkrieg und weiteren drei Monaten Koexistenz
konnten wir einander wieder berühren.
Trotz allem hatten wir einander vermisst.
Es brauchte wenig Worte.
Weil wir ständig knutschten brauchten wir für die 500 Meter zurück
ziemlich lange.
Angekommen, überlegte
ich drei Sekunden.
‚Und wenn er es doch nicht packt? Wirst du diese Nacht bereuen?’
Scheißegal. Dies war der Jack, den ich wollte.
Den ich so brauchte.
Wenn auch nur für jetzt und diese Nacht.
Es war bizarr. Wir versuchten die Dämonen auszutreiben.
Wir vergaben einander.
Jack ließ mich seine Ängste sehen, seine Teufel.
Soweit er es konnte.
Ich zeigte ihm meine.
Soweit ich es konnte.
Es muss noch ein paar Geheimnisse geben.
Unser Verhältnis
normalisierte sich. Es dauerte.
Ich hatte eigentlich nicht mehr daran geglaubt, dass er sich einfügen
könne.
Sobald er eine (seiner würdige) Aufgabe hatte, zeigte er die Energie, die
ich so vermisst hatte.
Es wurmte mich dennoch lange, dass er mich so hatte hängen lassen.
Leiden lassen. Natürlich nicht böswillig.
Er hat es nicht wirklich verstanden. Der Vergleich war ihm völlig
ungreifbar.
19.Jh., tja.
Ich habe irgendwann meinen Frieden damit gemacht.
Es gibt auch genug Kandidaten, die ZWEIHUNDERT Jahre danach geboren wurden
und nicht viel anders ticken.
Es entwickelte sich so, dass er mindestens einmal im Monat in England war.
Wenn ich es möglich machen konnte, ging ich mit.
Wir hatten ihm eine Vergangenheit gestrickt.
Eins rechts, eins links, eine fallen lassen...
Keine Familie mehr, nach der Geburt zur Adoption freigegeben.
Sein Haar hatte ich auf geschäftsfähige Länge gekürzt, es dunkelte kaum nach
und er trug jetzt Goatee( Schnurr-und Kinnbart) und Brille.
Ganz ohne Bart ---das ging einfach nicht.
Der Gute war recht kurzsichtig, was er bisher nicht hatte zugeben wollen.
Ein Kapitän mit Brille?? Undenkbar.
Das war das Geheimnis seines stechenden Blickes.
Er sah Crowe nur noch entfernt ähnlich.
Der war inzwischen einen halben Zentner leichter und kurzhaarig,
glattrasiert.
Jemand mit scharfem Blick hätte sie für Brüder gehalten, die einige Jahre
auseinander sind.
Günther fragte mich
einmal nach der Wahrheit.
Wir sind am 26.12 . bei ihm eingeladen.
Wenn Jack mich nervt, drohe ich ihm, dass ich ihn für Günther sitzen lasse.
Er weiß, wie ich es meine.
Ohne ihn ... ich mag nicht dran denken.
“Sie würden es mir nicht glauben, Günther. Aber sie haben mein Wort, dass
Jack sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Er wird weder gesucht noch
ist er irgendwie kriminell oder versteckt sich vor Verpflichtungen..” Er
bestand scherzhaft darauf.
Ich wusste, er würde es nicht ernstnehmen.
“Jack ist die Filmfigur eines Romanhelden. In der Physis dessen, der ihn
gespielt hat. Fragen sie mich nicht, wie er aus dem Film gekommen ist, das
ist das Mysterium. Ich habe den Film x mal gesehen, im Kino.
Eines Sonntags saß er beim Abspann hinter mir.
Er sei neugierig gewesen, wollte mich treffen.
Als wir uns kennen lernten, auf dem Ball habe ich die Wahrheit gesagt.
Jack Aubrey, britischer Offizier. Besser gesagt Kapitän. So wie Hornblower.”
Günther sah mich erst prüfend an, dann lachte er schallend.
“Ok, ich werde nie wieder fragen. Wenn ihr diesen Quatsch braucht...
Hauptsache Interpol ist ihm nicht auf den Fersen...”
Master und Commander dürfte nächstes Jahr im TV laufen.
Das wird Günther sicher nicht versäumen, als Hornblower Fan.
Mal sehen, was er dann sagt.
Wir wissen nicht wie
viel Zeit Jack gegeben ist.
Seine Checks ergeben nichts ungewöhnliches.
Bisschen hoher Blutdruck, bisschen Cholesterin.
Ansonsten ist er gesund wie ein Fisch im Pazifik.
Ich kann nur hoffen und glauben, dass ich nicht so bald nach Malta reisen
muss.
Mit einer Urne im Flightcase.
In einem Winkel meines Bewusstseins rechne ich IMMER damit.
Es kann jederzeit vorbei sein.
Meine Nemesis.
Man weiß erst wie gut etwas ist, wenn man es eine Zeit lang vermisst hat.
Erst weil es nicht mehr da ist oder sich verändert und dann kommt es zurück.
Und man verändert sich mit. Man wächst, man lässt das eine oder andre hinter
sich und gewinnt das eine oder andre.
Und schätzt es mehr denn je.
Happy End?
Mal sehen.
Moment!
Das Beste habe ich ja noch gar nicht erwähnt!
Jack nennt mich nicht mehr HELGA.
;-)
ENDE
P.S.
Ich wollte schon immer einen großen Bruder haben. Mein ganzes Leben lang.
Jetzt habe ich einen, mit dem ich zwar nicht blutsverwandt bin, aber das
spielt unter den gegebenen Umständen keine Rolle. Gemeinsame Erlebnisse
können eine fast geschwisterliche Verbundenheit schaffen.
Jack und ich chatten oft. Oder telefonieren. So habe ich schon ein paar Mal
per Ferndiagnose verhindert, dass Mera Lunas Küche in die Luft gesprengt
wurde, weil er sie mit dem Abendessen überraschen wollte.
Seine Deutschkenntnisse werden immer besser. Er saugt das Ganze mit einer
Energie in sich auf, die unerschöpflich ist. Auch wenn die Aussprache mich
oft vor Lachen von der Couch wirft.
Zu meinem 30sten Geburtstag besuchten mich Jack und Mera Luna und machten
mir das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe...
Im Frühjahr, wenn das Wetter aufgeklart hat,
werde ich meinen Segelschein machen.
Mit einem echten Captain der britischen Marine als Guide.
Er hat mir ein Bild des kleinen Schoners gezeigt, den er gekauft hat.
Er braucht diese Verbindung, immerhin ist Wasser sein Element. Und Geld
dafür hat er genug.
Als ich den Namen des Schiffes sah, musste ich lächeln. ;-)
Ende, die Zweite
|