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Jack nahm gerade ein Bad im glasklaren, tiefgrünen Meer, unter ihm nichts als
tausend Faden Tiefe, neben ihm nichts als die Hunderte von Meilen entfernte
Küste Afrikas zur Linken und das noch fernere Amerika zur Rechten. Schwimmend
und tauchend genoß er in vollen Zügen das kühle, belebende Wasser, das an seinem
nackten Körper entlangströmte und durch sein langes offenes Haar strich. Mit
grenzenlosem Wohlbehagen und im glücklichen Bewußtsein seiner Kraft pflügte er
durchs Wasser und vergaß für einen Moment die unzähligen Probleme, über die er
sich an Bord pausenlos den Kopf zerbrach..
"Na los, komm schon!" rief er Stephen zu, der fröstelnd auf dem Kranbalken stand
und ein bedenkliches Gesicht machte. "Das Wasser ist wie Champagner!"
"Das sagst du jedesmal", brummte Stephen.
"Nur zu, Sir", sagte Calamy aufmunternd. "Ist nur im ersten Moment kalt. Sobald
Sie erst mal drin sind, wird's Ihnen gefallen."
Stephen bekreuzigte sich, holte tief Atmen, hielt sich mit der einen Hand die
Nase und mit der anderen ein Ohr zu, schloß die Augen und sprang. Da sein Körper
merkwürdigerweise jede Auftriebskraft vermissen ließ, bleib er beträchtliche
Zeit unter Wasser, aber schließlich kam er wieder an die Oberfläche.
"Segel in Sicht!" rief der Ausguck, als sich bei steigender Sonne der Dunstschleier
in der Ferne auflöste. "An Deck! Schiff zwei Strich an Steuerbord voraus - zwei
Schiffe. Drei Schiffe, unter Bramsegeln!"
"Ich muss sofort zurück, Stephen", sagte Jack. "Bis zu den Booten schaffst du es
doch, oder?"
Sie waren vom Schiff weggeschwommen - falls man Stephens krampfhaftes
Vorwärtsstrampeln, meistens unter der Wasseroberfläche, überhaupt als Schwimmen
bezeichnen konnte-, während die Surprise weitergetrieben war, so daß den
Kapitän jetzt insgesamt etwa fünfundzwanzig bis dreißig Meter von seinem
Kommandobereich trennten, eine Entfernung, die für Stephen allmählich kritisch
wurde.
"Oh", begann er, aber sofort schwappte ihm eine kleine Welle in den Mund.. Er
hustete, schluckte noch mehr Wasser, tauchte unter und begann sofort zu sinken.
Wie üblich tauchte Jack ihm nach und zog ihn an seinem spärlichen Haar wieder an
die Oberfläche; und wie üblich faltet Stephen die Hände, schloß die Augen und
ließ sich, auf dem Rücken liegend, abschleppen. An Martins Boot ließ Jack ihn
los und schwamm rasch zur Heckleiter, kletterte sie in Windeseile empor und -
mit kurzer Unterbrechung, um seine Schuhe anzuziehen - weiter hinauf zum
Masttopp. Nach einer kleinen Verschnaufpause ließ er sich das Fernrohr geben und
sah seine Vermutung bestätigt, das es sich bei den Schiffen um heimwärts
strebende Ostindienfahrer handelte. Dann, beim Klang der schrillen, blechernen
Stimme von Mrs. Sergeant James, brüllte er nach unten, jemand solle ihm seine
Hose in den Ausguck bringen.
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Es kam öfters vor, daß Jack Stephen retten mußte, aus der einen oder anderen
gefährlichen Situation...
"Ich bin froh, das ich den Kadetten den Unterricht heute erlassen habe",
sagte Jack mit einem Blick durchs offene Skylight. "Es ist kaum ein Stern zu
sehen. Jupiter ist nur mehr ein verschwommener Fleck, und ich nehme an, daß auch
er in spätestens fünf Minuten verschwunden sein wird."
"Vielleicht war es am Mittwoch", wiederholte Stephen, der sich weit aus dem
offenen Heckfenster nach unten beugte.
"Ich sagte, Jupiter wird in spätestens fünf Minuten verschwunden sein." Jack hob
die Stimme, um das Gejohle vom Vorschiff zu übertönen, aber er hatte dabei nicht
an die Walfänger gedacht, die gerade in einer Lautstärke, die jeden Wal im
Umkreis von fünfzig Meilen in die Flucht geschlagen hätte, Away my boys, away
my boys, 'tis time for us to go anstimmten.
"Vermutlich Mittwoch, sagte ich", erwiderte Stephen gereizt. "Willst du mir
nicht endlich das langstielige Netz geben? Ich habe dich jetzt schon dreimal
darum gebeten, und da unten ist irgendein Tier, an das ich einfach nicht
rankomme mit diesem vermaledeiten ..."
Als Jack mit dem Netz zurückkehrte, war kein Stephen mehr im Heckfenster zu
sehen, nur eine erstickte Stimme rief aus dem Kielwasser: "Ein Seil! Ein Seil!"
"Halt dich am Kutter fest", brüllte Jack und hechtete mit einem Satz ins Wasser.
Beim Auftauchen verzichtete er darauf, das Schiff anzupreien, denn er wußte, daß
der rote Kutter achtern im Schlepptau hing: Entweder würde Stephen ihn aus
eigener Kraft erreichen, oder er würde ihn hinschleppen, und dann konnten sie
durchs Heckfenster einsteigen, ohne die Fahrt der Surprise aufzuhalten und ohne
daß sich ihr Schiffsarzt ein weiteres Mal als das exponierte, was er in der Tat
war - der hoffnungslosester Landlubber, den die Welt je gesehen hatte.
Kein Kutter! Irgendjemand mußte ihn längsseits verholt haben. Auch kein Stephen.
Aber in diesem Moment sah und hörte er eine nach Luft schnappende Beule in dem
aufgewühlten, phosphoreszierenden Wasser auftauchen und wieder versinken.
Jack tauchte wieder unter und schwamm tiefer und tiefer, bis er seinen Freund
vor der leuchtenden Oberfläche sah. Stephen hatte es irgendwie geschafft sich in
dem Netz zu verheddern, Kopf und Ellbogen hatten sich hoffnungslos in den
Maschen verstrickt, und der Stiel hatte sich an seinem Rücken im Hemd verfangen.
Zwar gelang es Jack, Stephen zu befreien, aber den robusten Stiel zu
zerbrechen, das Hemd zu zerreißen und gleichzeitig dafür zu sorgen, daß Stephens
Kopf über Wasser blieb, dauerte eine Weile, und als er schließlich tief Luft
holte und "Surprise ahoi!" brüllte, fiel im selben Moment die gesamte Mannschaft
in den brüllenden Chor there she blows, there she blows, there she blows
ein.
Er hatte Stephen veranlaßt, sich auf den Rücken zu legen und treiben zu lassen,
was dieser bei ruhiger See einigermaßen konnte, aber unglücklicherweise
überspülte genau als er einatmetet, eine kleine Welle sein Gesicht, worauf er
erneut unterging. Wieder mußte er hochgeholt werden, und diesmal schwang
unüberhörbar Angst in Jacks unter äußerstem Einsatz seiner kräftigen Stimmer
herausgeschrienen "Surprise ahoi!" mit, denn obwohl das Schiff nicht schnell
segelte, entfernte es sich doch jede Minute um weitere hundert Meter, und schon
verblaßten seine Lichter im Nebel.
Ruf um Ruf stieß Jack aus, laut genug, um Tote zu wecken, aber als die Surprise
schließlich nur noch dem verschwommenen Fleck des Jupiters früher am Abend
glich, verstummte er.
"Es tut mir unendlich leid, Jack, daß ich dich aus Ungeschicklichkeit in große
Gefahr gebracht habe", sagte Stephen.
Und so trieben sie dahin, manchmal langsam schwimmend, manchmal nur auf dem
lauwarmen Wasser liegend, gewiegt von den langen, gleichmäßigen Dünung. Sie
sprachen kaum, obwohl Stephen zwischendurch einmal feststellte, daß jetzt, wo
er hin und wieder seine Lage ändern könne, alles sehr viel einfacher sei und ihm
allmählich sogar das Treibenlassen leichter falle. "Ich glaube, ich würde glatt
als Triton durchgehen." und ein anderes Mal meinte er: "Ich bin dir für deine
Unterstützung zu tiefstem Dank verpflichtet, Jack."
Die Erde drehte sich und mit ihr der Ozean; und das Wasser in dem sie
schwammen, drehte sich zur Sonne.
Und da, gar nicht weit von ihnen entfernt, zeichnete sich vor dem aufhellenden
Himmel deutlich die Silhouette eines Schiffes ab: ein großes, zweimastiges
Doppelrumpfkanu, die Rümpfe von einer breiten, deckähnlichen Plattform
überdacht, auf der eine strohgedeckte Hütte stand, und vorn und achtern jeweils
mit einem hohen Segel versehen, dessen vorderer Rand einen schwungvollen Bogen
beschrieb. Diese Einzelheiten bemerkte Jack allerdings erst, nachdem er einen
markerschütternden Schrei ausgestoßen hatte, der den halb bewußtlosen Stephen
zusammenfahren ließ.
"Ein Südseeboot", sagte Jack, auf das Schiff zeigend, das sehr den von Kapitän
Cook beschriebenen pahis ähnelte, und rief erneut.
"Glaubst du, sie nehmen uns auf?" fragte Stephen.
"Bestimmt", meinte Jack, und da sah er auch schon, wie ein schmales Auslegerkanu
vom Schiff ablegte, ein dreieckiges Segel hießte und auf sie zuschoß. Eine junge
Frau saß im Heck am Steuer, und eine zweite spreizte graziös balancierend die
Spieren, die den schlanken Rumpf mit dem Ausleger verband. Sie hielt einen Speer
in der Hand, und als das andere Mädchen die Schot fliegen ließ und das Kanu
knapp drei Meter vor ihnen zum halten brachte, holte sie zum Wurf aus. Doch als
sie sah, was da im Wasser schwamm, hielt sie verblüfft inne und runzelte die
Stirn, während die andere mit blitzenden, weißen Zähnen lachte. Beide waren
auffallend hübsche junge Frauen, braun, langbeinig und mit nichts als kurzen
Röcken bekleidet. Gewöhnlich bevorzugte Jack elegante Frauen mit edlem Busen und
wohlgerundeter Figur, aber jetzt hätten es auch steinalte Paviane sein können -
Hauptsache, sie nahmen ihn und Stephen an Bord.
Als sie das Doppelrumpfkanu erreichten, das ihnen schon ein Stück
entgegengekommen war, halfen ihnen die beiden Mädchen, zusammen mit den paar
anderen, auf das mit Matten ausgelegte Deck hinauf. Auf den ersten Blick
schienen nur Frauen an Bord zu sein, neben jüngeren auch etliche ältere und
korpulentere; doch jetzt war nicht der Moment der eingehenden Betrachtungen.
Jack bedankte sich überschwenglich bei der fröhlichen Steuerfrau, die besonders
hilfsbereit zu ihm gewesen war, und sah die anderen voller Dankbarkeit an, und
Stephen sagte: "Mein Damen, ich weiß gar nicht, wie ich ihnen danken soll."
Erschöpft ließen sie die Köpfe hängen und setzten sich, triefend und
unkontrolliert zitternd, kaum registrierend, welches Vergnügen sie auslösten.
Über ihnen erklang lebhaftes Stimmengewirr; zwei oder drei ältere Frauen
überschütterten sie mit einem Redewall und stellten Fragen über Fragen,
und ab und zu zupften braune Hände an ihren Haaren und Kleidern, aber von
alledem bekamen sie kaum etwas mit. Doch schließlich spürte Jack, wie die Kraft
der aufsteigenden Sonne ihn durch und durch erwärmte. Sein Zittern hörte auf,
und auf einmal überkamen in ungeheurer Hunger und Durst.
Wie schnell doch Menschenwürde und Lebenslust mit Speis und Trank und
Sonnenwärme zurückströmten! Jack und Stephen blickten sich um und strahlten und
bedankten sich erneut.
Stephen schaute sich genauer um.
Voller Bewunderung betrachtete er die beiden eleganten Rümpfe, auf denen die
Plattform mit der Hütte stand...
Bei der Vorstellung, die Navy könne die Einführung eines Kriegschiffs mit zwei
Rümpfen auch nur einen Moment lang in Erwägung ziehen, nachdem Aufschrei der
Entrüstung, der angesichts einer leichten Abänderung des traditionellen Hecks
durch ihre Reihen gegangen war, mußte er unwillkürlich lächeln. Sein Blick glitt
über die hoch aufragenden Vorsteven, in denen die ungewöhnlichen Rümpfe
ausliefen, ihre Buge gewissermaßen oder Galionsfiguren. Und plötzlich waren
sämtliche verschwommenen Erinnerungen ...wie weggeblasen, denn am
Steuerbordvorsteven war eine etwa sechs Fuß hohe Holzskulptur festgelascht, eine
ungemein lebendige Schnitzerei, die drei übereinanderstehende Männer darstellte:
der zweite auf den Schultern des ersten, der dritte auf denen des zweiten
stehend; und alle drei waren durch einen riesigen Penis verbunden, der, den
Lenden des ersten entspringend, selbst den dritten noch ein ganzes Stück
überragte und von allen dreien gehalten wurde. Er war purpurrot bemalt und mußte
ursprünglich noch höher gewesen sein, doch inzwischen war er so verstümmelt und
eingekerbt, daß sich nicht einmal mehr sagen ließ, ob er zu allen dreien
gehörte, obwohl es wahrscheinlich schien. Alle Figuren waren kastriert, und der
Frische und rauhen Struktur des splitterigen Holzes nach zu urteilen war die
Kastration erst vor kurzem und mit einem groben Gegenstand erfolgt.
Er wollte gerade Jack von seiner Entdeckung und seinen Schlußfolgerungen
erzählen, ...., als er merkte, daß er allein war. Jack schlenderte über das
Deck und stellte Fragen zu Sternen, nächtlicher Navigation oder dem
Bestimmungsort des Schiffes. Er versuchte gerade, sich besser verständlich
zu machen, als drei korpulente Frauen mittleren Alters, offenbar
Bootsmannsgehilfinnen, um die Ecke des Deckhauses bogen. Bei seinem Anblick
schnappten sie vor Entrüstung nach Luft, und schon wurde er im Laufschritt nach
vorne gescheucht, wobei eine der Frauen ihm mit einem gezielten Fußtritt, der
jedem Spitheader Raufbold zur Ehre gereicht hätte, Beine machte. Alle drei,
sowie ein paar der anderen Frauen, machten einen höchst erzürnten Eindruck und
schimpften eine Viertelstunde lang wie die Rohrspatzen; dann wurde Jack ein
Mörser mit ein paar getrockneten Wurzeln und ein schwerer Stößel in die Hand
gedrückt, und Stephen mußte sich um ein junges Ferkel kümmern. Es mußte
gefüttert werden und wollte einfach nicht stillhalten.
Wieder setzte Stephen an, Jack mitzuteilen, wovon er in seinem Innersten
überzeugt war, und zwar nicht alleine wegen der Galionsfiguren, sondern aufgrund
zahlreicher kleiner Hinwiese im Benehmen der Frauen, ihrer Liebkosungen,
Streitereien und Versöhnungen, daß sie sich nämlich an Bord eines Schiffs
befanden, das Frauen gehörte, die nicht gerade männerfreundlich waren, die sich
gegen die männliche Tyrannei aufgelehnt hatten die zu einer möglicherweise
fernen Insel segelten, um dort einen weiblichen Freistatt zu gründen; und daß er
befürchtete, Jack könne kastriert, totgeschlagen und aufgefressen werden.
Jack sagte: "Ich glaube, da kommt die Kapitänin mit ihren Offizierinnen."
Die Kapitänin, eine vierschrötige Frau mit langem Rumpf und kurzen Beinen
und wesentlich dunkelhäutiger als die meisten anderen, hatte ein hübsches, aber
hochnäsiges, ausgesprochen mürrisches und autoritäres Gesicht, Sie trug
keinerlei Insignien, im Gegenteil: sie hielt etwas in der Hand, an dem sie
beiläufig knabberte; gleichwohl standen die Mitglieder ihrer Crew mit gefalteten
Händen und gesenkten Köpfen stramm, als sie nach vorn kam.
"Vielleicht sollten wir eine ehrfürchtige, unterwürfige Haltung annehmen",
murmelte Stephen.
Als die Kapitänin sich ihnen näherte, erkannte er, daß das, woran sie nagte,
eine Hand war- eine geräucherte oder gepökelte Hand. Sie sah Jack und Stephen
ohne jedes Wohlwollen und Interesse an und machte keinerlei Anstalten, das
von den Männern unter Verbeugungen gestammelte "Ihr demütigster, ergebenster
Diener, Madam" und "Fühlen uns überaus geehrt und glücklich, an Bord Ihres
Schiff zu sein, Madam!" zu erwidern.
Bei der anschließend abgehaltenen Zeremonie fingen die Frauen an zu
streiten was aus den beiden Männern werden sollte.
Schließlich verstummte die Diskussion. Kapitänin und Offizierinnen zogen sich
ins Deckhaus zurück. Stephen und Jack wurden, ohne Ferkel und Mörser, in den
Steuerbordrumpf getrieben, wo sie sich zwischen die Kokosnüsse setzen mußten.
Eine gedrückte, düstere Stimmung hatte sich über die vorher so lebhafte
Gemeinschaft des pahis gelegt, und trotz der ungeheuren Erleichterung, die Jack
und Stephen spürten, wurden auch sie davon erfaßt, während sie dasaßen, die
Wolken beobachteten und die kleine Insel darunter näher kommen sahen.
Es war eine liebliche kleine Insel, keine zehn Morgen Land in der unendlichen
Weite des Meeres; in der Mitte ein grüner Palmenhain, gesäumt von leuchtend
weißem Sandstrand, und ringsum, etwa zweihundert Meter vom Land entfernt, von
einem breiten Korallenriff umgeben.
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