Ein Mädchen aus Germanien

Kapitel 5

 

Ein Liebeszauber.

Gefährlich, sagte meine Großmutter. Darf nicht leichtfertig angewendet werden. Eine wirklich ernste Sache, die nicht mit irgendeinem verliebten Aberglauben verwechselt werden darf. Ich hörte nicht zu, als mir Großmutter die Einzelheiten auseinandersetzte, denn gerade damals war ich nicht gut auf Jungen zu sprechen und war mir sicher, daß ich nie irgendeine Art von Liebeszauber brauchen würde. Warum sollte ich einen dreckigen Rotzlümmel an meinem Rockzipfel hängen haben wollen?

Aber ich erinnerte mich an die Liste der Zutaten. Meine Großmutter versetzte mir einen Schlag mit ihrem Stock, wenn ich auch nur eine davon vergaß. Und ich erinnerte mich an die Worte, die man sagen mußte. Und jetzt wollte ich ihn anwenden.

Genral hatte eine Frau. Aber die spielte in meinen Überlegungen keine Rolle. Wenn sie ihn lieben würde, dann wäre sie hier, bei ihm. Stimmt doch, oder? Ich liebte ihn. Er sollte mir gehören.

Das war es, was ich mir sagte. Ich liebte ihn, ja. Ich hatte ihn beobachtet, ihm zugehört, ihn regelrecht studiert. Ich beobachtete ihn, wenn er betete, und Du konntest es in seinem Gesicht lesen, daß er wirklich meinte, was auch immer er sagte. Keine Heuchelei. Ich hoffte, daß die Götter, zu denen er betete, das auch zu schätzen wußten. Es beeindruckte mich.

Und ich beobachtete, wie er mit Sisro umging. Sisro war ein Diener, aber Genral schlug ihn nicht, Genral sprach mit ihm, lachte mit ihm ... ... Ich hatte es niemals gesehen, daß ein Mann seinen Diener wie einen Freund behandelte.

Wie jeder andere Mann aß und schlief und fluchte und lachte er ... ... aber irgendwie war er größer als andere Männer. Edler, besser. Ich konnte es an seiner Stimme hören, wenn er sprach, ich konnte es in seinem Gesicht sehen. Ich verbrachte Stunden damit, mich nach ihm zu sehnen.

Und trotzdem denke ich, daß der Hauptgrund, der mich dazu trieb, das gefährliche Wagnis eines nie zuvor erprobten Zaubers einzugehen, nicht mein Verlangen nach einem Mann war, nicht mal nach einem so feinen Exemplar wie Genral, sondern mein Bedürfnis nach Sicherheit. Während der Zeit, die ich in dem römischen Lager zugebracht hatte, war mir klar geworden, daß meine Leute besiegt werden würden. Wenn mich Genral nicht an einen anderen wichtigen Mann weiterschenken würde (was meine erste Sorge gewesen war), dann könnte er möglicherweise entscheiden, dann ich nach dem Ende des Krieges keines Schutzes mehr bedurfte. Oder noch schlimmer - er könnte beschließen, nach Hause zu gehen ... zu seiner Frau. Was würde dann aus mir werden?

Sisro fand es anfänglich sonderbar, als ich ihm verständlich machte, daß ich Kräuter sammeln wollte, aber er begleitete mich aus dem Lager hinaus, damit ich dort suchen konnte, was ich brauchte. Schon bald hingen an den Stricken, die das Zelt hielten, kleine duftende Büschel mit Grünzeug zum Trocknen. Ich verwendete das Eßbare in Suppen und stellte Kräuterkekse her. Ich entdeckte, welche Aromen Genral mochte und bereitete Tees für ihn zu. Und schon nach kurzer Zeit wurde meiner neuen Beschäftigung keine weitere Aufmerksamkeit mehr geschenkt.

Fragt mich nicht nach der Rezeptur des Zaubers. Ich werde sie Euch nicht verraten. Es gibt Zeiten, da denke ich, ich hätte besser auf meine Mutter hören und Spinnen lernen sollen. Und dann gibt es Zeiten, da weiß ich, daß ich nichts von dem, was geschehen war, geändert hätte - selbst wenn es möglich gewesen wäre ... ...

………………

Nachdem ich alle Zutaten, die ich im Voraus besorgen konnte, zusammen hatte, mußte ich auf die dunklen Nächte des Monats warten. Meine Großmutter hatte gesagt, daß das durch den Zauber geknüpfte Band klein und schwach geboren und zusammen mit dem Mond wachsen würde. Ich wiederholte die Worte des Zaubers jede Nacht in meinem Bett.

Ich war sehr aufgeregt. Wenn ich einen Fehler machen würde, müßte ich einen weiteren Monat warten, um es erneut zu probieren.
Aber alles ging gut. Zuerst.

Genral und Sisro tranken beide den Tee aus den besonderen Zutaten. Sisro machte sich nicht viel daraus und nahm nur eine Tasse. Genral runzelte ein wenig die Stirn und roch an der Tasse - ich dachte, mein Herz würde stehenbleiben. Ich nehme an, ich mußte ängstlich ausgesehen haben. Er lächelte mich an, faßte mir zärtlich unter das Kinn und trank noch zwei Tassen. Ich erinnere mich gut an dieses Lächeln. Wenn mein Weg vor mir in Dunkelheit liegt, dann rufe ich es mir ins Gedächtnis, und es hält mich aufrecht, eine Boje, die mich vor dem Versinken im Meer der Verzweiflung rettet ... Ich kann noch immer die Berührung seiner Hand auf meinem Haar fühlen, als er von seinem Stuhl aufstand.

Ich kam mir wie ein Verräter vor.  Ja, wie ein Verräter und voller Schuld. Aber auch wieder nicht so schuldig, daß es mich davon abgehalten hätte weiterzumachen... ...

Er ging zu Bett wie er es immer tat, und ich glaube nicht, daß er irgendeine Veränderung feststellte. Sisro ging ebenfalls zu Bett und ich auch. Ich wartete, schwitzte. Die schmale Sichel des Mondes stand bereits am Himmel, bevor ich es wagte, wieder von meinem Bett aufzustehen.

Sisro lag still da. Ich flüsterte seinen Namen. Er rührte sich nicht. Er atmete tief, ein und aus. Ich berührte seine Schulter. Stupste ihn mit dem Finger an. Er rührte sich immer noch nicht. Ich zog die Zutaten aus ihrem Versteck und begann.

Einige Zutaten mußten von den beteiligten Personen stammen. Deshalb hatte ich ihm am Abend den Schlaftrunk verabreicht. Ich konnte somit von Genral nehmen, was ich brauchte, ohne Fragen beantworten zu müssen, ohne Weigerungen seinerseits. Ich werde Euch nicht sagen, was ich von ihm genommen, noch was ich von mir selbst hinzugefügt habe. Ich vermischte sie mit den anderen Zutaten, sprach die Worte des Zaubers, rief die Geister der Erde herbei, und die des Feuers ... ... und stellte fest, daß er gar nicht trinken konnte. Ich ließ ein wenig in seinen Mund tropfen und wartete. Ich fürchtete schon, er würde nicht schlucken, aber endlich tat er es. Ich gab ihm noch ein paar Tropfen mehr ... ... und wartete länger. Ich wagte nicht, ihm mehr einzuflößen aus Furcht, er könne sich verschlucken. Vielleicht würde das auch schon genügen. Und dann trank ich meinen Teil. Er rührte sich nicht. So ein tiefer Schlaf ... ich beobachtete ihn, zählte ... bis zehn - erst dann sah ich, daß seine Brust sich hob und wieder senkte. Ich legte meine Hand auf sein Herz. Der Herzschlag, als ich ihn endlich fühlen konnte, war langsam, sehr langsam. Und seine Haut war kalt.

Angst stieg in mir auf. Hatte ich den Tee zu stark gemacht? Hatte er zu viel getrunken? Hatte ich ihn getötet?

Vielleicht waren die Römer anders als andere Menschen? Vielleicht war etwas, das wir essen oder trinken konnten, für sie schädlich? Ich hätte ein Gebet zu jenen Göttern geschickt, von denen ich wußte, daß sie mich hörten, aber ich glaubte nicht, daß irgendein germanischer Gott sich um einen Römer scheren würde. Und keiner der römischen Götter kannte mich.

Aber sie kannten Genral. Wenn ich also in seinem Namen bitten würde, dann täten sie für ihn sicherlich, was in ihrer Macht stand. Ich öffnete den kleinen Schrank, den er für seine Gebete benutzte, und bat seine Götter, den Mann zu beschützen, der ihnen täglich seine Ehrerbietung erwies.

Er war so still. Er war ein starker Mann, wie konnte ein bißchen Tee so eine Wirkung bei ihm haben? Ich versuchte, mich zu erinnern, was meine Großmutter über die Kräuter, die ich benutzt, gesagt hatte. Sie hatte gesagt, es sei gefährlich, aber ich denke nicht, daß sie von Gefahr für den Körper gesprochen hatte. Sie hatte mich nichts über Gifte und Tödliches gelehrt. Warum sollte sie?

Sie gackerte ständig, daß ich nicht weit genug im Voraus denken würde, bevor ich mich in eine Sache stürzte. Ich denke, mit gefährlich meinte sie, daß man die Kräuter nicht anwenden dürfe, wenn man es nicht wirklich ernst meinte. Gefährlich in dem Sinne, daß man es - einmal geschehen - nicht mehr rückgängig machen konnte.

Ich beseitigte die Zutaten des Zaubers und die Schüssel, in der ich sie gemischt hatte, und tat für Genral das einzige, das mir einfiel. Ich nahm einige der heißen Steine von der Herdstelle, wickelte sie in ein Stück Stoff und legte sie um ihn herum, um ihn warm zu halten. Legte noch eine weitere Decke über ihn.

Wenig genug, was ich tun konnte. Und mir fiel nichts anderes mehr ein. Und so kroch ich zu ihm unter die Decken und versuchte, ihn mit der Wärme meines Körpers zu wärmen. Ich drückte ihn fest an mich, meine Arme fest um ihn geschlungen, und ich weinte. Ich flüsterte seinem Geist zu, ihn nicht zu verlassen, ich sagte ihm, er dürfe seinen Körper nicht wegen meiner Dummheit verlassen, daß es noch zu viel für ihn zu tun gab. Was würden diese Tausende von Männern tun, wenn er nicht mehr da wäre? Was würde Sisro tun? Was würde ich tun?

Er war so still. Er atmete so langsam.

Wenn er starb, dann wäre mein dummer Zauber umsonst gewesen.  Weniger als umsonst. Ich stellte meine eigenen Träume hinten an, wieder einmal, und legte meine Wange an seine, erinnerte ihn an seine Frau, die mit den runden Hüften und schönen Brüsten. Was würde sie tun, wenn er sie hier allein zurückließe?

Stirb nicht! Stirb nicht! Wir brauchen Dich!

Ich weiß nicht, wie lange ich ihn festhielt und ihn anflehte zu leben. Der schlanke Mond wanderte über den Himmel, die Sterne tanzten um ihn herum, und die grimmigen römischen Götter schwiegen.

Und dann machte er einen tiefen, zitternden Atemzug. Ich schlug mir die Hand vor Mund und Nase und hielt den Atem an. Ich fürchtete, er würde sterben, fürchtete, er könnte mir meinen Atem stehlen, während er fortging, und mich mit sich nehmen, wenn er den Fluß überquerte ... ... und so sehr ich auch glaubte, ihn zu lieben, und so wenig es gab, für das es sich ohne ihn noch zu leben lohnte - ich war noch nicht bereit, diese Welt zu verlassen.

Er atmete aus. Und ein paar Sekunden später atmete er wieder ein. Ich legte meine Hand an seine Wange. Ein wenig wärmer - vielleicht. Er schlief immer noch.

……………

Ich hätte ihn berühren können. Wir waren beide angezogen, unter den Decken, aber ich hätte meine Hände unter seine Kleider gleiten und meine Finger sein Brustbein entlang bis hinab zu seinem Nabel wandern lassen können.

Ich leugne gar nicht, daß ich daran gedacht hatte - nachdem ich sicher war, daß er leben würde. Mein Kopf lag neben seinem auf dem Kissen. Ich beobachtete sein Gesicht, während er schlief, studierte den Bart auf seinen Kieferknochen, die Fältchen neben seinen Augen, den langsame Puls an seiner Schläfe.

Ich hätte seine Brustmuskeln streicheln, hätte mir das weiche Haar unter seinem Arm um den Finger wickeln können ... oder das andere Haar - das, was seine Männlichkeit umgab. Ich hätte tun können, worauf ich Lust gehabt hätte. Er schlief tief und schien nicht so bald wieder aufzuwachen.

Ich hätte ihn kosten können. Damals, als junges Mädchen, schien mir das ein seltsamer Wunsch zu sein. Ich wollte meine Zunge an seinem Hals entlang bis hinauf zu seinem Ohr gleiten lassen. Ich wollte seine Lippen schmecken. Und wie ich so still neben ihm lag, sehnte ich mich schmerzlich danach.

Ich tat es nicht. Ich scherte mich herzlich wenig um Recht oder Unrecht, nur um mein eigenes Verlangen, aber ich tat ihm das nicht an. Vielleicht war ich nicht völlig skrupellos. Oder vielleicht ängstigte mich auch die Macht, die mit dieser Handlung verbunden gewesen wäre. Hättest Du mich damals gefragt, hätte ich gesagt, es war, weil ich ihn zu sehr liebte ... ... ...

Ich verzehrte mich, ich beobachtete sein Gesicht, und endlich schlief ich ein.

…………………

Ich wachte auf, als er stöhnte. Sein Arm lag über seinem Bauch als ob er Schmerzen hatte, und er stöhnte wieder. Seine Augenlieder flatterten. Ich beobachtete, wie er versuchte aufzuwachen. Während ich ihn beobachtete, hatte ich das Gefühl, daß sein Geist wach war, aber daß sein Körper ihm nicht gehorchen wollte. Ich konnte seine Frustration beinahe spüren.

"Kannst Du mich hören?" Ich hatte das Gefühl, daß er es konnte. Natürlich sprach ich nicht Römisch, und somit hätte ich nicht lügen müssen, aber ich tat es trotzdem. "Ich dachte, Du wärest tot. Während der Nacht. Irgendetwas weckte mich auf, und ich kam hier herein, und ich dachte, Du wärest tot. Und dann sah ich, daß Du noch am Leben warst, aber ich fürchtete, Du würdest sterben. Du bist jetzt schon wieder sehr viel weiter vom Fluß entfernt. Ich denke, daß Du leben wirst."

Er hörte mir zu, da war ich sicher. Seine Kehle arbeitete, aber da kam nur Stöhnen und Ächzen aus seinem Mund. Seine Augen öffneten sich eine Sekunde und schlossen sich dann wieder.

Ich wußte, was er wollte. Er wollte Sisro.

Bevor ich noch die Decken zurückschlagen konnte, um ihn zu holen, erschien Sisro am Fußende von Genrals Bett.

Er sah fürchterlich aus. Er sah aus ... ... wie ein Mann, der zu viel Wein getrunken und nicht genug geschlafen hatte. Und er sah aus wie ein Mann, der soeben seine Frau im Bett mit seinem Freund erwischt hatte.

Ich war nicht seine Frau, und Genral war sein Herr, aber das waren nur unbedeutende Kleinigkeiten.

"Schau", sagte ich und schlug die Decken zurück. "Wir sind angezogen. Wir haben nichts gemacht."

Das schien ihn sichtlich zu verwirren.

"Krank." Ich konnte mich nicht erinnern, ob Sisro dieses Wort auf Germanisch kannte oder nicht. Ich legte meine Hand auf Genrals Stirn. Ich schlang meine Arme um mich und zitterte heftig. "Krank". Ich legte die Hände auf meinen Bauch und stöhnte. "Krank." Ich zeigte auf Genral.

Er sagte Genrals Namen. Ich war sicher, daß Genral ihn hörte, aber er konnte weder sprechen noch die Augen öffnen. Sisro schob mich vom Bett weg und setzte sich neben Genral, fühlte nach dem Puls an seinem Hals. Und dann ging er weg. Rannte aus dem Zelt, ohne ein Wort zu mir zu sagen.

Er kam mit einem Mann zurück, den ich nie zuvor gesehen hatte. Er erlaubte diesem Mann, seine Hände überall, wo er wollte, auf Genral zu legen. Es ärgerte mich zu sehen, wie ein Mann das tat, was ich gern getan hätte aber nicht getan hatte. Er zog Genrals Lider hoch und betrachtete seine Augen. Er ging ganz dicht an ihn heran und roch Genrals Atem. Er richtete sich mit gerunzelter Stirn wieder auf und dachte nach.

Ich wußte es sofort, als er meine kleinen Kräuterbündel an den Stricken des Zeltes hängen sah. Er befragte Sisro nach ihnen, und Sisro antwortete. Er zeigte nicht auf mich, aber das mußte er auch nicht. Der andere Mann sah mich anklagend an. Er untersuchte jedes Büschel, einzeln, und als er zu dem Kraut kam, das ich in den Tee getan hatte, hielt ich den Atem an.

Ich dachte, daß niemand von diesen Dingen eine Ahnung hatte. Ich wußte nicht, daß die Römer einen Zauberer hatten. Er nahm das Büschel von dem Strick ab und hielt es Sisro entgegen.

Sisro war verblüfft. Er schaute mich an, dann Genral, und dann wieder den Zauberer. Ich wußte, was er sagen würde, noch bevor er es sagte.  Er sagte, daß ich täglich Tee für sie zubereite. Er würde sich daran erinnern, daß der Tee letzte Nacht anders geschmeckt hatte. Der Zauberer würde ihm sagen, wozu das gut war, und man würde mich entlarven.

Der Zauberer sagte ein Wort. Ich wußte, daß Genral zuhörte. Ich wußte, daß er das Wort verstanden hatte. Und dann wußte ich, was das Wort bedeutete. Gift.

"Gift?" sagte ich auf Germanisch zu mir selbst. Dann laut in der römischen Sprache. Der Zauberer nickte.

Der Zauberer wollte also sagen, daß ich versucht hätte, Genral zu vergiften. Ich hätte mich verteidigt ... ... aber ich wußte nicht wie. Ja, ich hatte diese Pflanzen gesammelt und getrocknet. Ja, ich hatte Tee aus ihnen zubereitet. Ja, ich hatte ihn Genral zu trinken gegeben. Aber  ... ... ich wollte ihn doch nicht ... ... .

Ich hatte nicht gewußt, daß diese Kräuter für Römer giftig sind. Meine Großmutter hatte nur die Menschen in unserem Dorf gekannt. Oder vielleicht hatte sie auch einen Fehler gemacht.

Ich hatte sie so einen Zauber nie wirklich ausführen sehen, nie gesehen, daß sie das, was sie mich lehrte, auch anwendete. Vielleicht hatte sie all diese Zaubersprüche von ihrer Großmutter gelernt, so wie ich, und hatte nie einen von ihnen selbst ausprobiert. Vielleicht war es auch für Germanen giftig, und sie hatte das nur nicht gewußt.

Das waren alles nur Ausreden. Meine Absichten waren nicht von Bedeutung. Ich hatte ihn vergiftet. Ich hatte Genral vergiftet.

Sisro und der Zauberer sprachen miteinander und sahen mich an. Sie würden Genrals Häuptlingen sagen, daß ich versucht hatte, ihn zu vergiften, und man würde mich steinigen. Oder mit hundert Pfeilen durchbohren. Oder verbrennen. Oder noch Schlimmeres.

Ich verdiente es. Ich hatte Genral vergiftet. Ich hatte ihn vergiftet. Mein Herz krampfte sich in meiner Brust zusammen.

Ich kniete neben Genrals Bett nieder. "Ich wollte Dir nicht wehtun", flüsterte ich. Ich wußte, daß er nicht verstehen konnte, was ich sagte, aber das war egal. "Ich wollte nur ... ... Ich liebe Dich, und ich wollte, daß Du mich auch liebst."

Seine Augen öffneten sich. Er blinzelte.

Ich hatte mich selbst gesehen, später in meinem Leben, mit einem Baby in den Armen ... ...

Und vielleicht bedeutete auch das nichts. Vielleicht war diese Gabe des Sehens nicht mehr als ein albernes Spiel, das meine Großmutter mit mir gespielt hatte. Wenn es Genral und mir nicht bestimmt war zusammenzusein, dann war mein Leben vielleicht bedeutungslos - sogar für mich. Vielleicht hatte das Schicksal mich dazu bestimmt, durch die Hand meines Onkels zu sterben, und Genral hatte die Fäden unseres Lebens miteinander verknüpft, ohne daß uns das bestimmt war. Und mein Sehen war nur ein Traum, die Albernheit eines jungen Mädchens.

Wie sollte ich wissen, was mir bestimmt war zu tun oder zu sein oder zu haben?

Ich hatte Genral vergiftet, den König der Römer. Sicherlich würden sie mich töten. Sie sollten mich töten. Ich verdiente nichts anderes.  Ich war eine Mörderin. Nein, Genral war nicht gestorben, aber er hätte sterben können. Er hätte. Ich hätte ihn töten können. Ich hatte ihn vergiftet.

Dann sollte es lieber Sisro als die Häuptlinge tun. Ich nahm Genrals Messer von dem Platz dicht bei seiner Hand, wo er es in der Nacht aufzubewahren pflegt, und gab es Sisro - schloß seine Finger um den Schaft. Tränen rannen mir über das Gesicht.

Sisro sagte meinen römischen Namen. Er hockte sich neben mich, das Messer immer noch in der Hand. Mit der anderen strich  er mir über das Haar. Ich erwartete, daß er mich packte, meinen Kopf zurückriß und mir die Kehle durchschnitt, und ich schluchzte, aber ich versuchte nicht zu  fliehen. Ich wartete.

Der Zauberer sprach, nannte den Namen von einem der Häuptlinge. Ich dachte, er sagte sicher, was dieser Mann wohl mit mir machen würde. Ich konnte beinahe fühlen, wie Genral uns zuhörte ... ... und er machte ein Geräusch, so was wie ein Knurren. Sein Arm bewegte sich, schnellte ruckartig zur Seite, zu mir.

Seine Finger krallten sich in mein Kleid und schlossen sich zu einer Faust. Er zog, nicht sehr stark ... wenn er gesund gewesen wäre, hätte er mich mit einem Arm zu Boden schleudern können ... aber er war schwach, er zog, und weil er es wollte, rührte ich mich.

Ich legte mich zu ihm aufs Bett. Er schloß die Augen, atmete schwer. Ein weiteres tiefes Ächzen ... er bewegte seinen anderen Arm, faßte mein Haar und zog mich an sich, bis ich auf seiner Brust lag. Und da hielt er mich fest.

"Nein", sagte er zu Sisro. Mein Kopf war fest an ihn gepreßt, seine große Hand über meinem Ohr. Ich konnte sein Herz schlagen hören, nicht mehr mühsam, nicht, als wollte es zu schlagen aufhören, sondern einfach so wie immer. Ich konnte es fühlen. Genral sprach weiter, schleppend, die Worte undeutlich und verzerrt wegen des Giftes ... ... ... Ich schloß die Augen und verdrängte die Geräusche der Männer, die um uns herum sprachen, lauschte nur auf sein Blut, wie es durch seinen Körper pulste, gab mich der Kraft und Schönheit hin, mit der der Schlag der Flügel seiner Seele meine Wange streifte.

Als ich so dalag, mein Innerstes frei von jedem anderen Gedanken, da kam mir die Idee, was ich falsch gemacht haben könnte. Ich hatte gewollt, daß Genral mir gehörte. Ich hatte ihn festhalten, ihn an mich binden wollen mit Stricken, die niemand durchtrennen könnte. Mein Leben konnte niemals wieder ins Lot kommen, wenn ich weiter danach dürstete, ihn besitzen zu wollen.

Dann, genau dann, als ich wie ein Kind auf Genrals Brust lag, während die Männer über meinen Kopf hinweg mein weiteres Schicksal entschieden ... ... ... da war es, daß ich anfing, ihn zu lieben. Das Schlagen seines Herzens, einfach nur die Musik seines Lebens füllte meinen Kopf, hallte in meinem Körper wider und verdrängte all meinen kindischen Zorn und mein Verlangen, all meine Ängste, all meine Zweifel. Ich öffnete mein eigenes Herz dem seinen. Ich schenkte mich ihm voll und ganz, und es war mir gleich, ob er es wußte oder nicht.

Nicht weil ich glaubte, daß dies mein Schicksal sei. Nicht weil ich ihn in meinem Körper spüren wollte. Nicht weil ich seine Dienerin war. All das traf zu, aber es spielte keine Rolle mehr. Ich verzichtete auf all diese Gründe, ich verzichtete auf das Verlangen nach Gründen. Ich liebte ihn, und ich war zufrieden.

Sollte er mich nicht in seinem Bett haben wollen, dann würde ich mich nach ihm verzehren, vielleicht würde mir auch das Herz brechen, aber ich würde leben und ich würde ihn immer noch lieben. Sollte er beschließen, mich überhaupt nicht haben zu wollen, und mich wegschicken, dann würde ich gehen. Und ich würde es ihm nicht übelnehmen, ich würde ihn immer noch lieben. Treue, unwandelbare Liebe, wo immer er sein, was immer er tun würde - für den Rest meines Lebens.

Das ist so ein Versprechen, das ein Mädchen macht, nicht wahr? Unsterbliche Liebe. Ein Versprechen, das gegeben wird, und dann, nach einigen Monaten, wird es einem anderen gegeben... ... ... aber es war aufrichtig. Ich liebe ihn noch immer.

Ganz gleich was auch passiert ... dies - so mit ihm zu liegen - war ein Segen ... ... ...

Ich wollte mich nicht bewegen. Später, nachdem der Zauberer gegangen war, nachdem man all meine Kräuterbüschel weggenommen und in den Schlamm geworfen hatte, und nachdem Genral eingeschlafen und wieder aufgewacht war, lag ich immer noch genau so da, unter seiner Hand. Er streichelte mein Haar und nannte mich bei meinem römischen Namen - und er sprach leise zu mir. Er hob mein Gesicht an, so daß ich in das seine blickte, und sprach wieder. Er zeigte auf sich selbst, auf sein Ohr, dann auf meinen Mund, berührte meine Lippen mit seinem Finger.

Ich verstand nicht. Er machte es noch einmal.

"Du hast mich gehört?" fragte ich. Er hatte mich gehört. Als ich ihm sagte, er dürfe nicht sterben, da hatte er mich gehört. Ich war sicher, das es das war, was er mir sagen wollte.

Er lächelte. Ich legte meinen Kopf wieder zurück auf seine Brust und lauschte seinem Atem, hörte ihm zu, wenn er sprach, und später, als er wieder schlief. Ich hätte vor Glück sterben können, ohne es zu bereuen ... ...

Natürlich starb ich nicht.

Kapitel 6

Zuerst war mir gar nicht klar, was vor sich ging.

Ich blieb den ganzen Tag und auch die folgende Nacht über zusammengerollt unter der Decke neben Genral liegen. Sisro wurde nicht schlau aus uns, das wußte ich, aber ich wußte nicht, was ich ihm sagen sollte. Ich fühlte mich schwach und hundemüde, beinahe so, als sei ich diejenige, der man den Kräutertee verabreicht hatte.

Hätte ich die Wahl gehabt, so hätte ich hier bleiben wollen, an Genrals Seite geschmiegt, während er schlief, für immer ... ... ...

Ich war zufrieden. Wenigstens für den Augenblick. Du darfst nicht vergessen, daß ich jung war... ... Die Jugend ist selten lange zufrieden.

Am nächsten Morgen wollte er aufstehen, um sich zu erleichtern. Sisro mußte ihm helfen. Ich hörte ihn in der römischen Sprache fluchen, als er stolperte.

Die Luft draußen war frisch und klar. Er würde nicht in das enge, erstickende Zelt zurückkehren wollen, nachdem er einmal draußen gewesen war. Ich stand auch auf, schlug die Zeltbahnen vor der vorderen und hinteren Öffnung zurück und befestigte sie, damit die stinkende Krankenzimmerluft entweichen konnte, wenn sie wollte. Der leichte Luftzug war nur zu willkommen. Die Sonne fühlte sich gut auf seinem Gesicht an.

Ich war zuerst ein wenig benommen. Ich vermutete, es kam davon, daß ich für so viele Stunden still dagelegen hatte. Ich brauchte länger als gewöhnlich, um mich zu waschen. Meine Hände schienen mir nicht recht gehorchen zu wollen. Sisro kochte etwas Suppe, und ich aß, und nachdem Genral zurückgekommen war und sich hingelegt hatte, half ich ihm beim Essen. Und dann fühlten wir uns beide besser.

Zufriedenheit. Das war ein seltsames Gefühl. Ich denke, ich hatte mich nach etwas gesehnt, das ich seit Kindestagen nicht mehr besessen hatte. Nie zufrieden. Immer unerfüllt. Bis heute.

Ich war später draußen, schrubbte die Töpfe, als Sisro sich neben mich hockte. Wir sprachen miteinander. Meist war das eine frustrierende Angelegenheit, denn wir mußten die germanischen Wörter, die Sisro kannte, mit den römischen, die ich kannte, verbinden - und den Rest erraten.

"Genral sagt ... ... ich", begann er. "Du sprechen. Genral ... ... weggehen. Du sprechen. Genral bleiben."

Ich mußte eine Minute darüber nachdenken, versuchen, den Sinn zu erfassen. "Wann? Jetzt?"

Er wedelte mit den Armen, eine Geste, mit der ich nichts anfangen konnte. "Genral krank." Pause. "Krank, krank. Weggehen."

"Sterben?"

Er kannte dieses Wort nicht. Er zog einen Finger über seine Kehle.

"Sterben." Ich nickte. "So?"

"Du sprechen. Sprechen, sprechen. Genral bleiben."

Wollte er sagen, daß Genral nicht gestorben ist, weil ich etwas zu ihm gesagt hatte? Ich versetzte ihm einen Stoß. "Dumm." Ich hatte Germanisch gesprochen, und soweit ich wußte, verstand Genral nur sehr wenig Germanisch.

"Nein - Genral sagt mir ich Dir sagen ....", er hielt frustriert inne.

"Danke?" sagte ich endlich auf Römisch. Es war eine Vermutung.

"Ja! Danke."

"Das hätte er mir selbst sagen können", murmelte ich. "Er hätte das genauso gut wie Du gemacht, und er kann überhaupt kein Germanisch."

"Was?"

"Genral ... Danke sagen."

"Nein, Genral schläft."

Ich konnte einfach nicht anders. Ich rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf. "Er schläft nicht."

"Du nicht wissen. Du ... draußen."

"Er schläft nicht. Geh und sieh selbst."

Und in diesem Moment sagte Genral im Inneren des Zeltes Sisros Namen. Sisro sah mich aus den Augenwinkeln an und eilte an Genrals Seite.

Mir schien das keineswegs seltsam zu sein.

……………………………….

Der Weise Mann der Römer kam, um nach Genral zu sehen. Und er brachte andere Männer mit, Männer, die keine Soldaten waren. Sie hielten sich aber trotzdem für sehr wichtig. Ich konnte es an der Art erkennen, wie sie um mich herumliefen, ohne mich überhaupt anzusehen, an der Art, wie sie ihre Kleider mit beiden Händen hielten.

Der Weise Mann und Genral unterhielten sich lange. Ich durfte nicht arbeiten, wenn wichtige Leute anwesend waren. Ich mußte still sitzen und leise sein. Mir wurde langweilig.

Ich beobachtete Genrals Mund, während er redete. Ein Weilchen. Sogar das wurde langweilig. Ich schloß die Augen und lauschte auf die Stimmen. Genrals Stimme war tief und gut, und ich konnte sie im ganzen Körper vernehmen. Manchmal hörte ich ein Wort, das ich kannte, wie "Gift". Oder den Namen, den die Römer meinem Land gegeben hatten.

Aber auch das wurde nach einiger Zeit langweilig. Also begann ich zu träumen ... ... ... ich träumte von Küssen. Ich hatte eine vage Vorstellung vom Liebemachen, aber genau jetzt wollte ich Küsse, malte sie mir aus, sehnte mich nach ihnen. Ich stellte mir vor, wie sich Genrals Bart an meiner Oberlippe anfühlte, und seine Finger in meinem Haar. Lange, lange, heiße Küsse ... ... ... feucht, süß ... ...

Ich sprang auf, erschrocken, und öffnete die Augen. Ich dachte, jemand hätte meinen Namen gesagt. Meinen germanischen Namen.

Der Weise Mann und Genral sprachen immer noch miteinander.  Die anderen beachteten mich nicht. Sisro stand hinter Genral. Er hatte Genral zu bringen, was immer dieser verlangte, damit er sein Gespräch mit dem alten Mann nicht unterbrechen mußte. Ich wußte nicht, warum er es nicht tat.

Ich entschied, daß ich wohl eingeschlafen sein mußte und geträumt hatte, jemand habe meinen Namen gerufen. Ganz offensichtlich hatte dies niemand hier getan.

Genral wollte etwas Tee. Sisro hätte ihn holen können, aber er stand einfach nur da. Also tat ich es. Bereitete ihn so zu, wie Genral ihn mochte, und brachte ihm den Tee.

Jeder hörte auf zu reden und zuzuhören, und schaute mich an. Genral zog eine Augenbraue hoch.

"Du ... ... trinken", sagte ich.

Er nahm den Tee und sagte: "Danke."

Der Weise Mann redete. Wieder hörte ich das Wort "Gift".

Genral schüttelte den Kopf. "Nein", sagte er. Er streckte mir seine Hand entgegen. Ich nahm sie und setzte mich neben ihn.

 Der Weise Mann stellte eine andere Frage. Genral sagte wieder Nein. Der Weise Mann zuckte mit den Achseln und sagte etwas, über das beide lächeln mußten.

Ich war froh, als jeder gegangen war.

……………………….

 In jener Nacht träumte ich. Es war mit keinem Traum zu vergleichen, den ich je geträumt hatte, es war dick und schwer ... ... es war Brüste und Lippen und Schenkel, Haut und Zungen und Finger ... ... Berühren, Reiben ... ... Schmecken - ah, Freya, und Eindringen ... und der Schmerz, der Schmerz ... ... ... nicht nur in den weiblichen Teilen meines Körpers, sondern auch noch anderswo, ... ... ... überall ... ... .

Es war Lust, stark und hart; blendende, betäubende, überwältigende Lust. Es ritt mich, in meinem Traum. Ritt mich als sei ich ein wildes Pony, ohne Hände am Zügel, nicht mal meine eigenen, nur die Hacken des Reiters, die mich trieben ... wohin?

Und da war noch etwas, aber in meiner Hitze schenkte ich ihm erst später Beachtung.

Und zum Schluß, zum Schluß ... ... vielleicht war ich da auch schon aufgewacht, ich konnte damals einfach nicht zwischen schlafen und wach sein unterscheiden, aber zum Schluß - mein Herz schlug stark und schnell wie eine Trommel - zuckte mein Körper krampfartig ganz wie von selbst, und ich dachte, ich würde sterben ... ...

Ich öffnete die Augen. Das Zelt  war dunkel und ich war allein. Schwach und schlaff, schwer atmend, in Schweiß gebadet ... ... und allein.

Ein Geräusch. Nicht von außen - innen im Zelt. Ich lauschte, bis ich mich stark genug fühlte aufzustehen. Ich wußte, woher das Geräusch kam, noch bevor ich ihn sah.

Genral saß auf der Kante seines Bettes, die Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Er atmete schwer.

Er hörte mich. Ich bin sicher, daß ich ganz leise war, aber er wußte, daß ich da war. Er hob den Kopf, ließ die Hände sinken und sah mich in der Dunkelheit an. Atmete tief ein. Und wieder aus.

Und da wußte ich, was passiert war. Ich hatte nicht meinen eigenen Traum geträumt, ebenso wenig wie ich meinen eigenen Traum geträumt hatte, als ich sah, wie Genral von dem Pfeil getroffen wurde. Aber das war die Gabe des Sehens gewesen.

In dieser Nacht hatte ich Genrals Traum geträumt.

Nun wußte ich, was Begierde wirklich ist, und wie sehr sie sich von meinem kindischen Verlangen unterscheidet. Es ist nicht nur die schlichte Sehnsucht nach der Vereinigung der Körper. Da war noch viel mehr als das gewesen. Eine Zärtlichkeit, die ich übersehen hatte, aber ich hatte sie gespürt, daran konnte ich mich erinnern. So drängend die Lust gewesen war, so scharf und unvermeidlich, dahinter gab es Zuneigung ... ... nein, noch etwas mehr als das. Eine Quelle tiefer Gefühle. Damals wußte ich nicht, wie ich es nennen sollte. Und ich war mir im Klaren, daß ich dies nicht würde ergründen können ... ... aber es war da. Ich fühlte es.

Ich ging mit bloßen Füßen zu ihm hin und setzte mich neben ihn. Er nahm meine Hand. Sprach, meinen römischen Namen und noch etwas anderes. Und er drückte meine Hand. Er redete noch etwas mehr. Ich antwortete nicht. Ich wußte nicht, was er gesagt hatte. Wußte er, daß ich aus demselben Grunde wie er wach war? Damals dachte ich, er wüßte es, aber ich mag mich auch geirrt haben.

Seine Stimme konnte sehr hart sein, aber nun war sie weich, als er zu mir sprach. Tief in meinem Leib, meinem Schoß sehnte ich mich nach ihm, die fraulichen Zonen meines Körpers öffneten sich ihm. Ich drehte seine Hand und legte sie an meine Brust ... ... er hörte auf zu reden. Ich drückte seine Hand fest an mich ... ... das genügte nicht. Ich wollte ihn ganz bei mir haben. Ich wollte ihn in mich aufnehmen. Ich wollte ihn kosten, so wie ich ihn hatte kosten wollen, als er krank daniedergelegen hatte. Nach dem Traum verstand ich ein bißchen mehr von diesen Dingen. Es erschien mir nicht mehr so seltsam.

Ich spannte seine Finger aus ... ... leckte an einem ... ... hörte, wie sich sein Atmen veränderte, er atmete tief. Und noch einen ... ... ich schloß meine Lippen um den langen Finger, ließ meine Zunge an ihm entlang gleiten. Ein Geräusch, hinter seinen geschlossenen Lippen, dann murmelte er etwas und entzog mir seine Hand.

"Nein", sagte er. Ich bin sicher, der Schwall von Worten, der diesem Nein folgte, war eine Erklärung für seine Weigerung, aber ich verstand nicht, was er sagte. Wie hätte ich auch?

Ich wußte, was er fühlte, als ich an seinem Finger sog. Es war wie Feuer in meinem Inneren. "Weise mich nicht zurück. Nimm mich, nimm mich", flüsterte ich und erlaubte mir, sein Gewand zu berühren, dort wo seine Männlichkeit verborgen war - und sie war da, er war bereit. Ich wußte, daß er es wollte, ich wußte es.

Er schüttelte den Kopf und nahm wieder meine Hand, hielt sie von sich weg ... ...

Ich wußte nicht, daß ich es tun würde, bevor ich es tat. Ebensowenig wußte er es. Wenn einer von uns es hätte kommen sehen, dann hätte er mich vielleicht zurückgehalten ... ... aber er ließ es zu, daß ich meine Lippen auf seinen Mund legte, er hielt mich nicht ab, ich durfte ihn kosten. Und er kostete mich auch. Das Feuer loderte auf, stark und heiß, und ich warf ein Bein über seinen Schoß, preßte mich gegen seine Brust, seine Männlichkeit. Meine Zunge fand seine Lippen, seine Zähne und vermählte sich dann mit seiner Zunge. Ich fühlte das Geräusch, das er machte, in meinem eigenen Mund.

Und dann stieß er mich zurück ... ein bißchen. "Nein", sagte er. Er atmete schnell und heftig, ich wußte, daß er es mochte, auch wenn er Nein sagte.

"Ja", sagte ich. Ich drängte meinen Schoß gegen seine Lenden, rieb mich an ihm.

"Halt." Er schüttelte den Kopf, legte seine Hand auf mein Gesicht, ließ seine Finger über meine Wange wandern. "Nein." Er sagte meinen germanischen Namen ... ... schüttelte wieder den Kopf. Er massierte meinen Rücken in kreisenden Bewegungen, als sei ich ein großes Baby auf seinem Schoß statt einer Frau, die mit gespreizten Beinen auf ihm saß, bereit, ihn in sich aufzunehmen, wenn er sie nur ließe ... ... ...

Ich öffnete mir das Kleid über der Brust. Meine Brüste waren gewachsen, selbst in der kurzen Zeit, seit ich hier bin. Er schaute.

"Warum willst Du mich nicht? Warum nimmst Du mich nicht? Ich weiß, Du brauchst es - nimm mich. Bitte, bitte ... ... ... " Ich griff seine Hand und legte sie auf meine Brust. Er zog sie nicht weg. Er schaute. Er fühlte. Er hielt meine Brust in seiner Handfläche, rieb meine Brustwarze mit seinem Daumen.

Mein Herz jauchzte vor Freude ... ... bis er in mein Gesicht sah und sich eine Ecke seines Mundes hob. Er redete mehr ... er redete immer zu mir, sagte ununterbrochen Dinge, die ich nicht verstand ... und ich dachte, ich hätte das Wort "schön" gehört.

Schön ... ... aber nicht schön genug, um ihn weiter in Versuchung führen zu können. Nicht schön genug für ihn, um mich auf sein Bett und sich auf mich zu legen.

Ich war verzweifelt. Ich zog mir die Röcke bis über die Hüften hinauf, so daß er die Stelle sehen konnte, wo meine Schenkel sich berührten. Er schaute, aber nicht lange. Er sah in mein Gesicht und runzelte die Stirn. Schüttelte den Kopf.

Er mochte es, wenn ich seinen Finger in meinen Mund nahm.  Ich war sicher, daß er das mochte. Ich legte meinen Mund an seinen Hals, so wie ich es mir gewünscht hatte, als er krank war, leckte und küßte, ließ meine Zunge über den Knochen wandern, der um seinen Hals lief. Er schob mich wieder weg, aber diesmal sagte er nichts. Er atmete schwer ... ... er schaute auf meinen Mund.

Ich hatte eine der Frauen, die dem Lager hinterher ziehen, mit einem der Soldaten gesehen. Ich hatte gesehen, was sie für ihn tat, wie sehr er es mochte. Es schien ... ... mir gar nicht so eine widerliche Sache zu sein, wie es mir vorgekommen war, als ich es gesehen hatte ... ... Ich wußte, daß er an genau das dachte. Mein Mund dort an ihm ... so wie dieser Mund seinen Finger in sich aufgenommen hatte.

Ich glitt von seinem Schoß herunter, öffnete sein Gewand und vergrub meine Nase an seiner breiten Brust. Wagte es, meine Arme um seinen Brustkorb zu schlingen. Packte die Haut seines Rückens. Atmete seinen Geruch tief ein. Kostete seinen Schweiß auf meiner Zunge. Er hatte seine Finger im Haar an meinem Hinterkopf vergraben. Als ich aufschaute in sein Gesicht, waren seinen Augen geschlossen. Er wollte es. Nicht wahr? Sicher wollte er es.

Sein Gewand bedeckte immer noch seine Lenden ... ... ich zog es weg. Schloß meine Hände um ihn. Machte mich bereit, ihn in meinen Mund zu nehmen ... ... ...

Ich hätte es getan. Das oder alles andere, von dem ich glaubte, daß es ihm gefallen würde - aber er hielt mich zurück. Seine Hand in meinem Haar zog mich weg. Er murmelte etwas, ich denke nicht, daß er diesmal zu mir sprach, vielleicht sprach er mit sich selbst, oder zu seinen Göttern. Und dann küßte er mich hart, diesmal war es seine Zunge, die in meinen Mund eindrang ... ... ein langer, langer Kuß. Ich konnte sein Verlangen spüren. Er wollte es. Freya weiß, daß auch ich es wollte.

Diesmal war es ihm ernst. Seine Kiefer waren angespannt, ich sah, wie die Muskeln in seinem Gesicht arbeiteten, ich sah, wie er schluckte, sah, wie seine Brust sich hob und senkte, während er atmete ... ... ... aber es war ihm ernst.

Ich wußte, daß er eine Frau wollte. Ich wußte es, ich fühlte es in mir, wie sehr auch er sich sehnte. Er wollte es.

Ich mußte es sein, die er nicht wollte.

Der Liebeszauber meiner Großmutter hatte nicht eben das bewirkt, was ich mir erhofft hatte.

Es schien, als sei ich die einzige, bei welcher der Zauber Wirkung zeigte ... ... .

Er sprach nicht mehr. Er schwieg, beobachtete mich. Ich kroch zum Herd und setzte mich vor das Feuer, blickte in die verlöschende Glut. Es gab nichts mehr, das ich tun konnte. Ich hatte intrigiert und gelogen und gefleht, ich hatte mich selbst entblößt, mich ihm an den Hals geworfen ... ... ... mich erniedrigt ... ... Ich hätte alles getan, um was er mich gebeten hätte - alles. Er mußte das wissen.

Er hatte mir immer und immer wieder, seit ich angekommen war - ein Geschenk auf einem Wallach - das gleiche gesagt, und ich hatte ihm nicht geglaubt. Konnte es nicht ertragen.  Nun mußte ich mich dem stellen. Er wollte mich einfach nicht.

Er war freundlich zu mir, ja. Und er war mir dankbar für das, was ich getan hatte, natürlich ... ... aber das war alles, und da würde nie etwas anderes sein.

Mir liefen die Tränen über die Wangen und ich konnte sie nicht zurückhalten.

 Mein römischer Name, mit dieser sanften Stimme. Ich drehte mich nicht um. Er seufzte.

Er kam und stellte sich hinter mich, legte mir seine Hand aufs Haar. Ich zog den Kopf weg. Es mußte so ausgesehen haben, als ob ich schmollte, daß ich nicht angefaßt werden wollte, weil ich mit ihm böse war. Ich konnte ihm nicht sagen, daß seine Berührung gerade jetzt für mich die reinste Folter war. Seine Finger an mir zu spüren und zu wissen, daß ich niemals mehr haben würde ... ... ... Ich konnte es nicht ertragen.

Er ging hinaus. Ich blieb noch einige Minuten an der Herdstelle sitzen.

Wahrscheinlich war er zu einer anderen Frau gegangen. Wahrscheinlich gab es im Lager eine andere Frau, die ihm gefiel. Eine schöne Frau. Wahrscheinlich war er jetzt bei ihr, dachte ich, wahrscheinlich sogar in ihr, während ich hier allein saß. Ich stellte mir vor, wie Genral seine Lust mit einer anderen Frau stillte, und mein Innerstes krampfte sich zusammen.

Ich konnte nicht mehr. Weinte, bis ich keine Tränen mehr hatte.

Sisro saß neben mir, als ich mich aufsetzte und mir die Augen rieb. Er reichte mir ein nasses Tuch, damit ich mein Gesicht abwischen konnte. Guter Sisro. Er fragte nichts. Als ich endlich aufhörte zu schluchzen, rückte er näher und legte mir den Arm um die Taille. Ich durfte mich an seine Schulter lehnen, er strich mir das Haar aus der Stirn und sprach zu mir in seiner so typischen sanften Stimme, voller 'ssss!s' und 'sch!s", mit der er zu keinem anderen sprach. Ich mußte die Augen fest zukneifen.

Drei Tage später ließ ich mein kindisches Verhalten hinter mir. Es war an der Zeit, erwachsen zu werden. Genral war der König der Römer. Ich war nur ein germanisches Mädchen mit herzlich wenig, was für mich sprach. Meine Liebe zu ihm war für niemand außer für mich selbst von Bedeutung.

Ich wußte nicht, was Genral tat, wenn er eine Frau wollte. Ich spürte etwas in mir ... ... ... und dann waren diese Gefühle wieder weg ... ... ... Ich vermutete, daß er etwas unternahm, aber ich machte mir nicht länger Gedanken über eine andere Frau. Es hatte nichts mit mir zu tun. Bis auf die Bindung zwischen uns.

Das war schon etwas Einseitiges, diese Bindung. Ich fühlte, was Genral fühlte. Und er ... ... ... von Zeit zu Zeit vielleicht ein Funke, den er ignorierte ... ... ... .

Ich schenkte Sisro meine Kindheit. Und wurde wirklich zur Frau. Sisros Frau. Ich denke, er wußte, daß ich mich Genral angeboten hatte. Vielleicht hatte er uns auch in jener Nacht gesehen. Vielleicht hatten sie darüber auch miteinander gesprochen - so wie Männer das machen. Ich werde es nie sicher wissen. Aber da war keine Eifersucht in Sisro. Kein Zorn. Er war argwöhnisch in der Nacht, als ich zu ihm kam, und ich war darauf vorbereitet. Ich ließ ihn wissen, daß ich ihn nicht zurückweisen würde, und er zeigte mir darauf, was Männer und Frauen miteinander tun. Es war irgendwie, wie ich es mir vorgestellt hatte ... ... ... und irgendwie auch wieder anders. Ich lernte den Klang seiner Stimme in meinem Ohr zu mögen - das sanfte, melodische Murmeln seiner besonderen Art zu sprechen, wenn er mich liebte.

Genral war danach sehr beschäftigt. Ich sah ihn nur selten - und wollte es nicht anders. Es gab Zeiten, da war er weg, um gegen meine Leute Krieg zu führen. Wenn er nicht weg war, dann verbrachte ich meine Zeit damit, hinten im Zelt zu arbeiten, half Sisro bei seinen Pflichten und überließ die Männer sich selbst. Ich machte es mir zur Aufgabe, mich um Sisro zu kümmern - und seine Sprache zu lernen. Ich lernte jetzt schneller als früher. Ich war nicht länger widerspenstig.

Ich versuchte, eine gute Frau zu sein für den Mann, der mich wollte.

Die Jahreszeiten gingen dahin ... ... .. und es wurde wieder Winter.

Ein kalter Tag ... ... Ich saß vor dem Feuer, knetete Teig, um süße Küchlein zuzubereiten.
Keine Gewürzkuchen. In diesem Zelt würde es nie wieder Kräuter und Gewürze geben.

Ein Umriß. Ein Schatten hinter mir. Ich wußte, wer es war, ohne mich umzudrehen.

"Ich dachte schon, daß ich Dich nur geträumt hätte, wenn da nicht Deine Küchlein wären."

Der dicke rote Umhang, den er trug, und der Pelz über seinen Schultern rochen nach Pferd. Der Geruch verbreitete sich im ganzen Zelt.

"Sisro sagt, daß Du Dich jetzt mit ihm unterhältst. Du verstehst", sagte er.

"Ja." Ich verstehe viel aber nicht alles. Die kurzen Wörter, die kleinen Wörter, die alltäglichen Sätze ... das verstand ich.

Er antwortete nicht gleich. Er stand da, wartete ... ... ... . Ich drehte mich nicht um. Nun, wo ich mit ihm hätte reden können ... ... ... wußte ich nichts zu sagen.

Endlich sagte er: "Gut." Einen Moment später sagte er noch: "Es ist gut für Sisro, daß er glücklich ist."

"Ja."

"Er hatte ein schweres Leben." Eine Pause. "Ich vermisse ... " begann er und hielt dann inne. Was immer er vermissen mochte, er wollte es mir lieber nicht sagen. "Es ist gut für einen Mann, eine Frau zu haben."

"Ich bin nicht seine Frau."

"Für ihn bist Du seine Frau."

"Er nimmt mich mit in sein Bett. Er kämmt mein Haar, wenn es regnet. Er erzählt mir lustige Dinge." Ich schob die Küchlein in den Herd. "Er hat mich nicht gefragt, ob ich seine Frau werden wolle."

Eine Pause. "Ich könnte mit ihm sprechen."

"Ich könnte selbst mit ihm sprechen." Ich schüttelte den Kopf. "Ich brauch das nicht. Es genügt, in der Nacht nicht allein zu sein. Und wenn er meiner überdrüssig ist und mich nicht mehr haben will, dann, denke ich, werde ich einen anderen Mann finden, auch wenn ich keine schöne Frau bin."

Genral zog einen Stuhl heran und setzte sich. "Was warst Du? Als Du noch bei Deinem Volk warst?"

"Ich war die vierte Tochter des Häuptlings unseres Dorfes." Ich wusch das Mehl von meinen Händen und trocknete sie ab.

"Also jemand von Bedeutung."

Ich mußte lächeln. "Nein. Wenn ich von irgendwelcher Bedeutung gewesen wäre, dann hätte man mich Dir niemals gegeben. Ich war jemand, den niemand vermissen würde. wie das Pferd."

Ich nahm den Eimer und verließ das Zelt, um mehr Wasser zu holen. Er war nicht mehr da, als ich zurückkam.

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