|
Ein Mädchen aus Germanien |
|
Kapitel 7 "Ist er bei einer Hure?" Es war spät. Sisro und ich waren mit dem Essen fertig, und wir saßen vor dem Feuer auf dem Boden. Es war kalt draußen. Genral war nicht zurückgekommen. Sisro schien nicht beunruhigt zu sein. "Wer?" "Genral." Er lachte. "Nein, er ist nicht bei einer Hure." "Woher weißt Du das?" Er zog eine Augenbraue hoch. "Woher weißt Du, wann er schläft oder nicht schläft?" Ich wandte mich ab. Sisro packte mich am Arm. "Sei nicht böse." "Ich bin nicht böse. Aber. Was macht er, wenn er nachts weg ist?" "Er läuft herum. Spricht mit den Wachposten. Spricht mit den Pferden. Schaut nach Süden. Denkt, vielleicht. Wer weiß?" Sisro zuckte die Achseln. "Er benutzt keine Huren." "Nie?" Er schüttelte den Kopf. "Nie." Er schaute mir zu, wie ich die Essensreste in einen großen Bottich schüttete. "Du glaubst mir nicht." "Ich glaube Dir." "Nein, das tust Du nicht. Du denkst, alle Soldaten gehen zu Huren. Und Genral ist ein Soldat." "Ich denke, Du willst mir noch mehr sagen. Ich denke, Du willst, daß ich Dich frage. Aber das werde ich nicht. Wenn Du mir etwas sagen willst, dann sag es mir." Er lachte wieder. "Du bist zu schlau für mich. Ich werde es Dir sagen. Jeder weiß, daß Genral keine Frau will, wenn er auf einem Feldzug ist." Ich hätte das bestreiten können, aber ich tat es nicht. "Und warum nicht?" "Einige glauben, daß er da unten verwundet worden ist, und das nicht mehr tun kann, was ein Mann tut." "Das denken sie also?" "Einige", fuhr er fort, "sagen, es ist, weil er ein ... gemacht hat." Und er benutzte ein Wort, das ich nicht kannte. "Ein was?" "Wie ein ... Versprechen. An die Götter. Sich an nichts hinzugeben als an den Kampf. Und dann schenken sie ihm den Sieg." Das klang genau nach so einem dummen Versprechen, wie nur ein Mann es machen kann. "Aber einige", grinste er, "denken, daß es mit einer Frau zu tun hat." "Seiner Frau?" "Es wird gemunkelt, daß es da jemand anderen gab, den sie hatte heiraten wollen. Ihr Vater hat die Verbindung mit Maximus arrangiert. " Ich unterbrach ihn. "Wer?" "Maximus." Ich muß verwirrt dreingeschaut haben. "Der Genral. Nur daß er damals noch kein Genral war." "Er hat seinen Namen geändert?" "Nein ... sein Name ist immer noch Maximus." "Ist auch egal. Erzähl weiter." "Als sie das erstemal, nachdem der Vertrag unterzeichnet war, miteinander sprachen, da war sie ärgerlich, daß sie einen Soldaten heiraten mußte. Sie sagte ihm, daß sie so viele Liebhaber nehmen würde, wie sie wollte, wenn er weg sei. Er sagte ihr, daß sie das nicht würde. Sie sagte, sie würde. Er sagte, sie würde nicht." Er zuckte die Achseln. "Ich möchte wissen, woher das jemand wissen will." "Ist egal. Erzähl weiter." "Und dann sagte sie, wenn sie allein sein müsse, während er weg sei, dann wäre es nur gerecht, daß er auch allein sein müsse. Und er stimmte ihr zu." "Nein!" "Ja, wirklich. Ziemlich dumm, nicht wahr? Aber es wird erzählt, er habe versprochen, bei keiner anderen Frau als ihr zu liegen. Und um den Handel zu besiegeln habe er um einen Kuß gebeten. Und sie gab ihm einen, und schon waren sie aus ihren Kleidern und im Gebüsch auf dem Boden." Er wackelte mit den Augenbrauen. "Ist das wahr?" Er zuckte die Achseln. "Ich bezweifle es. Woher sollte ich das wissen?" "Also hast Du ihn nie gefragt." "Nun ... ... Ich habe ihn gefragt ... ... aber es ist schon lange her." Ich gab ihm einen Klaps. "Warum erzählst Du mir dann solche dummen Geschichten?" "Du magst sie." Ich mochte sie wirklich. "Sag mir, was er geantwortet hat." Sisro grinste nicht mehr. "Er sagte ... ... er wolle nichts tun, was seine Frau unglücklich machen würde. Und es würde ihr weh tun, wenn er mit einer anderen Frau schlafen würde." "Aber sie ist dort, und er ist hier. Sie würde es nie wissen." "Genau das habe ich auch gesagt." Er machte eine Pause und schaute einen Moment lang weg. "Er sagte, daß er es aber wissen würde." "Also ... ... ... liebt er sie." Sisro zog mich nach hinten zwischen seine Beine und umschlang mich mit seinen Armen, so daß mein Rücken gegen seine Männlichkeit gepreßt wurde. Seine Arme umschlossen meine Taille. "Vielleicht. Oder er hat ein Versprechen gemacht, und er bricht seine Versprechen nicht." Ich ließ meinen Kopf an seiner Schulter ruhen. "Wenn es da eine Frau gäbe, die bei ihm liegen wollte, sie wäre enttäuscht." Er strich mir das Haar aus der Stirn. "Nicht weil sie eine Frau wäre, bei der kein Mann zu liegen wünscht, sondern weil Maximus seine Frau mehr liebt, als ein Mann, der alle Sinne beisammen hat, es tun sollte." Guter Sisro. "Und diese Frau könnte dann unbeschwert sein, wenn sie das wüßte. Und sie könnte wieder lächeln und lachen." Ich schaute zu ihm hinauf - in sein Gesicht. "Was für eine Frau könnte das sein?" "Jede Frau. Du weißt, alle Frauen würden gern bei Maximus liegen." "Tun sie das?" "Ja! Und ein paar von den Männern auch." Ich mußte mir die Hand vor den Mund halten. Beinahe hätte ich laut losgelacht. "Tu Dir keinen Zwang an", sagte Sisro. "Du kannst ruhig lachen." Er bog meinen Kopf nach hinten und küßte mich. "Ich wünschte, Du tätest es. Wir vermissen Dein Lächeln, Dein Lachen." Ich wand mich, drehte mich in seinen Armen um. "Sprechen Du und Genral über mich hinter meinem Rücken?" "Ja, natürlich tun wir das. Wir sprechen über nichts anderes, von morgens bis abends. Nur über Dich." "Gut." Ich kuschelte mich wieder an ihn. "Nimm mich mit in Dein Bett. Ich will heute nacht so tun, als sei ich Deine Frau, und Du wirst mich mehr lieben, als es ein Mann, der alle Sinne beisammen hat, tun würde." Er grinste. "Oder ... ... ... ich werde Dich kitzeln." Und er wackelte wieder mit den Augenbrauen. …………………….
Mir hätte klar sein müssen, was als nächstes passieren würde. Ich hatte eine Menge Zeit um nachzudenken, besonders wenn Sisro zusammen mit Genral auf Feldzügen war. Aber ich bedachte nicht die wahre Natur des Bandes zwischen uns, Genral und mir. Ich wollte es nicht bedenken. Ich erinnerte mich nicht an die Worte meiner Großmutter. Und ich wollte schon gar nicht an die Zukunft denken. Ist es das, was Zufriedenheit bei einem bewirkt? Ich frage mich, ob das wirklich gut ist.
Der Schmerz in meinem Hinterkopf ließ mich in die Knie gehen. Ich war allein, Genral und Sisro waren weg ... ... . Ich dachte, jemand hätte mich mit etwas geschlagen ... ... in meinem Kopf drin, ein Aufblitzen von wiehernden Pferden, Schlamm ... ... ... . Und dann nichts mehr, bis ich in Sisros Armen erwachte. Er trug mich, blickte besorgt in mein Gesicht. "Ich bin wach", sagte ich. Ich sträubte mich, und so stellte er mich wieder auf den Boden. "Was ist geschehen? Bist du ohnmächtig geworden?" "Ich weiß nicht." Ich log. Ich hatte noch keine Zeit gehabt, in Ruhe darüber nachzudenken. "Ist alles in Ordnung mit Dir?" als ich nickte, fuhr er fort: "Gut, denn sie bringen gerade den Genral, und ich muß mich um ihn kümmern. Ich wüßte nicht, wie ich mich um Euch beide kümmern sollte." Zwei Soldaten trugen Genral auf einer hölzernen Trage herein. Der Weise Mann folgte ihnen. Er untersuchte Genral, nachdem man ihn auf sein Bett gelegt hatte, hörte auf seinen Herzschlag, schaute ihm in die Augen. Dann sagte er zu Sisro: "Es hat ihm nicht geschadet, daß Ihr ihn hergetragen habt, aber gut ist es auch nicht gewesen." "Was soll ich tun?" "Nichts kannst Du tun. Wenn er aufwacht, geht es ihm gut oder auch nicht. Wenn er nicht aufwacht ... ... ." Er zuckte die Achseln. Ein anderer Soldat kam herein und brachte Genrals Rüstung und Waffen. Sisro machte sich daran, Genral auszukleiden. Ich schloß die Augen. Ich hatte mich daran gewöhnt, Genral immer in meinem Inneren zu fühlen, ihn bei mir zu haben - mehr oder minder ... ... ... . Ich nehme an, ich versuchte, ihn dort zu ignorieren, und manchmal gelang es mir sogar. Nun tat ich jedoch das Gegenteil. Man könnte sagen, daß ich versuchte, ihn zu erlauschen. Aber es war kaum etwas zu hören. Keine vollständige Abwesenheit, er war nicht gegangen ... ... aber er war auch nicht hier. Noch nicht ... ... am Ufer des Flusses, noch nicht. "Bring mir etwas Wasser", sagte Sisro. Ich öffnete die Augen. Er sah mich an. "Bist Du sicher, daß alles mit Dir in Ordnung ist?" "Er ist weit weg, aber nicht so weit, daß er nicht zurückkommen könnte. Wenn er es wollte." Schweigen. Einen Augenblick später holte Sisro das Wasser selbst und wusch Genrals Gesicht und Hals. "Kannst Du zu ihm sprechen?" fragte er. "Ich weiß nicht. Beim letztenmal war es sein Körper, der schlafen wollte. Diesmal ist es sein Geist." Und wieder Schweigen. "Bist Du eine Hexe?" fragte Sisro unvermittelt. "Ich weiß nicht." Das war die Wahrheit. "Was ist mit ihm geschehen?" "Er hat einen Schlag auf den Hinterkopf bekommen. Der Schlag ist abgeprallt, den Göttern sei Dank, oder er wäre jetzt tot. Und Marius konnte ihn wegzerren und in Sicherheit bringen. Aber er wacht nicht auf." Ich schaute hinaus. Es war kurz vor Sonnenuntergang. Ich hatte den ganzen Tag lang geschlafen. "War das am Morgen?" Sisro nickte. "Zu Beginn der Schlacht. Quintus entschied, den Angriff abzubrechen, nachdem Genral verwundet worden war, um uns neu zu formieren, und so hetzte man uns den ganzen Weg zurück." Er schüttelte den Kopf. "Er ist nicht so ein Stratege wie Maximus es ist. Das wird diese Germanen nur ermutigen .... " Er hielt inne. "Ich sollte Dir das nicht sagen." Ich nickte. "Ich könnte ein Spion sein. Erzähl mir etwas, das die Germanen noch nicht wissen, und Du wirst herausfinden, ob ich einer bin oder nicht." Er lachte. "Hilf mir, ihm das hier auszuziehen." Wir wechselten seine verschmutzten Kleider gegen saubere aus und wuschen ihn, dann hockte sich Sisro hin und schaute mich an. Und ich tat, was ich schon einmal getan hatte. Ich kletterte zu Genral in sein Bett, legte meine Wange an seine und sprach zu ihm. "Er versteht nicht viel Germanisch", sagte Sisro. "Ich denke nicht, daß das etwas ausmacht." Es war spät in der Nacht, als Genral sich zum erstenmal rührte. Ich konnte es kommen fühlen, so hatte ich genügend Zeit, um mich aus dem Bett fallen zu lassen, bevor mich der Schmerz und die Übelkeit überfielen. Ich glaube, wir erbrachen uns beide zur selben Zeit. Armer Sisro. Ich überließ ihm das Saubermachen. Genral stöhnte. Er legte sich den Arm über die Augen. "Mein Kopf ... ... ...", sagte er. Ich lag auf dem Boden und versuchte, es von mir wegzuschieben, weg , weg ... ... bis es endlich nicht mehr so schlimm war und ich mich ohne dieses schreckliche Hämmern in meinem Kopf erheben konnte. Sisro half Genral beim Trinken ... ... ... dann wandte er sich um und schaute mich an. Da war so ein Ausdruck in seinen Augen ... ... ... als sei ich ein seltsames Tier, eine wilde Bestie. "Du bist eine Hexe." Was sollte ich sagen? Vielleicht stimmte es ja. Was macht aus einer Frau eine Hexe? ……………… Am nächsten Tag erschien Quintus in der Zeltöffnung und fragte: "Ist er schon gestorben?" Nicht: "Wie geht es ihm?' Oder: 'Lebt er noch?' Sondern: 'Ist er schon gestorben?' Genral hörte ihn. "Quintus!" Er verzog das Gesicht. Sein Kopf schmerzte noch immer, und lautes Sprechen machte es nur noch schlimmer. Das hatte er bereits festgestellt. Sisro stützte ihn mit einigen Kissen. Nachdem Quintus den ersten Schock überwunden hatte, ihn nicht nur noch am Leben zu finden, sondern sogar auf dem Weg der Besserung, sprachen sie über die Strategie. Ich vermute, daß der Rückzug der Armee, so wie Quintus es angeordnet hatte, einige Änderungen nötig machte. Ich hörte nur während der ersten fünf Minuten zu. Es war unvorstellbar langweilig. Es gab nichts für mich zu tun. Sisro hatte den ganzen Morgen über einen Bogen um mich gemacht als wäre ich eine giftige Schlange. Als es Zeit zum Essen war, brachte er Genral etwas von draußen aus einem der Kochtöpfe. Ich hätte eine Salbe für die Beule auf Genrals Kopf gemacht, um die Entzündung 'rauszuziehen, aber als ich es erwähnte, sagte Sisro nein, er würde sich darum kümmern. Natürlich tat er es nicht. Aber es war nur zu ersichtlich, daß er mich aus der Sache heraushalten wollte. Völlig. Es ergab keinen Sinn. Sisro schlief neben Genrals Bett in jener Nacht. Ich schlief in der kommenden Nacht neben dem Feuer, so daß Sisro sein Bett für sich haben konnte.
Genral saß in seinem Stuhl beim Feuer, als ich erwachte. "Warum schläfst Du hier?" fragte er. "Sisro fürchtet sich jetzt vor mir." "Ah, ich verstehe." "Und Du? Denkst Du auch, daß ich eine Hexe bin?" "Ehrlich? ... ... Es ist mir ziemlich gleich, ob Du eine Hexe bist oder nicht." Ich warf die Decken von mir und ging für einen Moment nach draußen. Ich kam bibbernd zurück und setzte mich dicht vor das Feuer. Ich erwartete, daß Genral gegangen sein würde, wenn ich zurückkäme - aber er war noch da. "Stirb nicht", sagte er auf Germanisch. Dann fügte er in der römischen Sprache hinzu: "Was heißt das?" Ich sagte es ihm. "Ich höre Dich, wenn Du zu mir sprichst. Ich habe Dich gehört, nachdem Du mich vergiftet hattest." Seine Mundwinkel zogen sich nach oben, als ich errötete und die Zähne zusammenbiß. "Diesmal ... ... hörte ich Dich von sehr weit weg. Ich glaube ... ... ich glaube, Du hast mich von den Pforten des Todes zurückgerufen." "Du wärest vielleicht auch ohne mich zurückgekehrt." "Vielleicht." Er lächelte noch ein bißchen mehr. "Du würdest sicher nicht still sein. Ich glaube, ich würde schon deshalb zurückkommen, damit Du den Mund hältst." Es war seltsam ... ... wir hatten nicht mehr unbefangen mit einander umgehen können, weil ich ihn begehrte. Aber nun waren wir ganz plötzlich völlig entspannt. Wir lächelten beide. "Sisros Leute sind an das Übernatürliche gewöhnt", sagte er und stand von seinem Stuhl auf. "Er wird seine Furcht schon überwinden, wenn er es leid ist, allein zu schlafen." "Und was ist mit Dir?" fragte ich. Er blieb in der Türöffnung stehen. "Bist Du es leid, allein zu schlafen?" Er atmete tief ein. Ich wunderte mich über meine eigene Courage, ihm so eine Frage zu stellen ... ... aber die Atmosphäre zwischen uns war immer noch so entspannt. Er empfand es genauso. Er war nicht ärgerlich. "Manchmal", sagte er. Er sah mir in die Augen. "Manchmal. Aber ich möchte zu meiner Frau zurückkehren können so wie ich sie verlassen habe. Sie würde es wissen, wenn es anders wäre." "Sie ist eine glückliche Frau." "Glücklich?" Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, senkte den Blick. "Nein, sie ist allein." Er blickte wieder auf und lächelte. "Sie wartet auf mich. Wer ist also der Glückliche?" Er kam zu mir und beugte sich nieder, um mir ins Ohr zu flüstern: "Zeig Sisro Deine hübschen Brüste und er wird seine Furcht in Null Komma nix vergessen." Mit einem Grinsen zog er sich zurück und war aus der Tür, noch bevor ich etwas nach ihm werfen konnte. Später war ich über mich selbst erschrocken ... ... daß ich es auch nur in Erwägung gezogen hatte, etwas nach dem König der Römer zu werfen ... ... aber er war mir viel mehr wie ein Mann als wie ein König vorgekommen. Ich entschied, daß es möglich ist, beides gleichzeitig zu sein.
|
|
Kapitel 8 Ich öffnete mich ganz bewußt und blieb mit Absicht innerlich ohne Schutz, als Genral das nächstemal ins Feld zog gegen seine Feinde, gegen mein Volk. Ich "lauschte" auf ihn. Ich hatte erkannt, daß ich ihn nicht kannte, nicht wirklich ; aber ich wünschte mir, ihn zu kennen ... ... Das Hochgefühl der Schlacht! Es verblüffte mich, ich war darauf nicht vorbereitet. Die Erwartung ... der Puls wurde schneller, das Blut raste durch die Adern ... ... Und dann der Tanz ... ... Wirbeln, Zustechen, Aufschlitzen ... ... ein Tanz der Freude ... ... Ich fühlte, wie das Leben durch seine Venen strömte ... ... Kraft pochte gleich einer dumpfen Musik durch seinen Körper ... ... sang in seinen Muskeln während er zustach und drauf los hieb ... ... ah, Freya, die Freude in all dem ... ... Drehen, Springen, Ducken ... ... .. Ich fühlte es zusammen mit ihm, die Ekstase, wenn er das Tier in sich frei ließ ... ... wenn er sich bewegte, tanzte, einfach nur atmete, während sie überall um ihn herum starben ... . Er zelebrierte das Sein, das Leben ... ... während er tötete. Ich hörte sein Triumphgeheul nicht, aber ich fühlte es; es ließ mich erzittern. Ich kam wieder zu mir, auf dem Boden liegend, schweißgebadet, die Beine weit auseinandergespreizt; wartete auf ihn wie die Hirschkuh auf den sieghaften Hirsch wartet, ihn aufzunehmen, wenn er sie besteigt ... .... aber er war nicht da. Ich war allein. Und später ... ... die Dunkelheit. Auch darauf war ich nicht vorbereitet. Die Schreie der Verwundeten und Sterbenden, der Geruch von Blut und Urin, die Ziehkraft der Erde ... ... . Ich erlebte all das nicht, aber ich fühlte seine Reaktion darauf. Müdigkeit vor allem ... ... Übelkeit ob des Schlachtens, so vertraut es auch sein mochte ... ... . Trauer über die Getöteten .... ... und über die, die noch getötet werden würden ... ... .... . Und Verlangen. Vielleicht nach seiner Frau, vielleicht nach seinem Heim .... ... nach etwas, das er nicht hatte und auf dem Schlachtfeld nicht finden konnte. Frieden vielleicht. Ich schlief. …………………. Noch mehr wichtige Leute kamen an. Ich wollte sie nicht mal sehen. Ich hatte eh nur eine einzige Gelegenheit dazu. Ich erhaschte einen Blick auf eine reiche Dame in feinen Kleidern und mit Bändern im Haar, als sie ankam - das war alles. Dann kamen Genral und Sisro von der Front zurück, und Sisro hatte offenbar seine Furcht vor Hexen verloren, denn wenn er sich nicht um Genral kümmerte, lag ich oft in seinen Armen. Er sagte, daß er mich vermißt hätte. Genral war sehr oft weg. Er verbrachte einige Zeit mit dem Weisen Mann, und er ging zu einem Fest. Sisro sagte mir eines nachts, als wir allein im Zelt waren, daß meine Leute besiegt worden seien, daß es keinen Krieg mehr geben würde. Einige Zeit war ich traurig. Ich hätte so gern gewußt, ob mein Vater und meine Brüder noch am Leben waren .... ... . Aber sie hätten keine Zeit darauf verschwendet, um mich zu trauern. Und so trocknete ich mir die Augen und lebte mein Leben weiter. Das Durcheinander in der Nacht, das mich aufweckte, war das Ende jenes Lebens - und der Beginn eines anderen. Ich hörte Genrals Stimme: "Wecke Gajus und Falco!" Und Sisros Stimme, der den Befehl wiederholte. Ich setzte mich auf und griff nach meinen Kleidern ... ... . Ich hörte Quintus' Stimme, konnte aber nicht ausmachen, was er sagte ... ... . Warum war Quintus mitten in der Nacht hier? Genral sagte: "Der Imperator ist ermordet worden!" Ich wußte nicht, was ein Imperator war. Aber von dem Kummer und Zorn, die ich in ihm spürte, wußte ich, daß es schlecht war, daß der Imperator tot war. Ich konnte nicht hören, was Quintus antwortete. Ich beeilte mich, mich anzuziehen ... ... . Irgend etwas stimmte nicht, stimmte ganz und gar nicht ... ... und dann der Schmerz im Hinterkopf ... ... ... . Sisro schüttelte mich ... ... . "Wach auf", sagte er leise. "Beeil Dich. Wir müssen hier verschwinden." Ich konnte mich kaum rühren. "Genral ... " sagte ich. "Hol Deine Sachen, nur was Du tragen kannst ... wir müssen uns beeilen!"
Er stopfte ein paar seiner Kleider in eine Tasche, und dann meine Sachen. Er zögerte einen Moment lang vor dem Schrank mit den Figuren der Götter, die Genral verehrte, dann schüttelte er den Kopf und schnappte sich eines von Genrals Schwertern. Er packte mich am Arm und drängte mich aus dem Zelt, und weg ... ... . "Warum ... ", fragte ich, während wir rannten. " ... ... laufen ... wir ... weg ... ?" "Sie werden Maximus hinrichten. Wir müssen uns verstecken." Ich blieb stehen. "Genral?" Sisro nickte. "Komm schon ... " Ich versuchte, mich von ihm frei zu machen. "Nein, nein, wir müssen zurückgehen, wir müssen ... " Er legte seinen Arm um meine Taille und zog mich mit sich. Ich schrie. Er blieb stehen und schüttelte mich. "Wir können nichts tun! Die Prätorianer haben ihn. Sie haben uns vergessen, aber sie könnten sich erinnern. Und bevor es dazu kommt, müssen wir uns versteckt haben." Ich kämpfte, um von ihm loszukommen. "Nein, wir können ihn nicht allein lassen!!" "Hör auf! Wir müssen weg ... ... oder sie werden uns auch töten." Ich schaute auf, direkt in Sisros Gesicht. "Er ist nicht tot." Er holte tief Luft. "Noch nicht. Bald." Er brachte uns in das Zelt von Marius, eines Sodaten, der wichtiger war als einige, aber nicht so wichtig wie andere. Sisro sagte, er dächte nicht, daß sie dort nach uns suchen würden, und Marius sagte, er würde uns eine Zeit lang verstecken, bis wir Ruhe hätten um zu entscheiden, was wir tun wollten. Sisro schien abwesend. Und schon bald sagte er mir, ich solle hier bleiben, und er ging weg ... ... und als er zurückkam, hatte er die kleinen hölzernen Figuren bei sich, die Genral in seinem Schrank aufbewahrte, und seinen Ring. Ein verlegenes Grinsen und ein Schulterzucken waren seine Erklärung. Aber ich verstand. Das Leben ist eine unsichere Sache. Und der Tod auch. Der Schmerz, den ich kurz vor Sonnenaufgang fühlte, sagte mir, daß er noch am Leben war. Ich erwartete beinahe, Blut an meinem Arm herabtropfen zu sehen. Marius erzählte uns, daß es im Lager nur so von Gerüchten schwirrte. Die Soldaten wußten nicht, was sie glauben sollten. Einige, die in der Nacht wach gewesen waren, hatten gesehen, wie man Maximus an den Sattel gebunden weggebracht hatte. Einige waren verwundet worden, als sie ihm zu Hilfe eilten und die Prätorianer angriffen - gegen Maximus' ausdrücklichen Befehl. Nun versteckten sie sich auch. "Wenn Maximus wirklich tot ist, ... dann ist das eine Sache. Wenn er aber nur verbannt ist ... . Das wäre etwas anderes", sagte Marius. Die Soldaten liefen herum und murmelten ... ... sie blickten aus den Augenwinkeln auf die vorbeigehenden Offiziere. "Es ist schwer für einen Soldaten. Imperator oder Maximus? Wem dienen wir?" Am späten Nachmittag brachte er uns die Neuigkeit. "Maximus ist tot", sagte er. Die Prätorianerwache sagt, daß es erledigt sei." "Nein - ", sagte ich. Sisro stieß mich an. "Sei still!" "Der Imperator bereitet sich darauf vor, nach Rom zurückzukehren. Der Hauptteil der Armee bricht das Lager in zwei Tagen ab. Das wird es für Euch einfacher machen, unbemerkt zu bleiben." "Sag nichts", sagte Sisro, nachdem Marius wieder gegangen war, "über Zauberei. Oder wir werden auch die Verbündeten verlieren, die wir noch haben." "Er ist noch am Leben", sagte ich hartnäckig. "Nicht für uns. Nicht wenn wir selber unser Leben behalten wollen. Sprich nie wieder davon." …………………………. Die Armee zog jeden Tag weiter, zurück nach Rom. Niemand erwartete, daß ich zurückbleiben würde, in meinem eigenen Land. Ich war jetzt Sisros Frau, man erwartete von mir, daß ich mit ihm ging. Und das tat ich auch. Was ließ ich hier zurück? Sisro sprach von Genral, als wäre er tot. Und er glaubte das. Ich sagte nichts. Mein Arm schmerzte die ganze Zeit, und mein Kopf war schwer. Sisro wurde ungeduldig mit mir. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er mich damals verlassen hätte. Er kam nicht zu mir in der Nacht, und ich weiß nicht, wo er schlief. Er erzählte mir keine Geschichten, er schaute die ganze Zeit vor uns und hinter uns und sprach wenig. Eines nachts suchte ich ihn. Ich glaube, ich war einsam. Oder vielleicht war es auch Genral, der einsam war. Ist auch egal. Ich fand ihn allein in der Dunkelheit, hinter den Reihen der Zelte. "Möchtest Du allein sein?" fragte ich. Die Soldaten waren still. Wir hatten den ganzen Tag auf der Straße verbracht, und morgen würde es genauso sein. Alle schliefen. Ich wartete lange, bevor ich ihn küßte. "Es hilft nicht, allein zu sein", sagte ich. "Zu schweigen hilft auch nicht." Als er immer noch nichts sagte, sagte ich: "Ich vermisse Deine Späße." "Es gibt nichts, das zum Spaßen wäre." Er schlang seine Arme um meine Taille und erlaubte mir, ihn zu halten. Ich küßte ihn, bis er mich auch küßte, und ich spürte, wie der vertraute Hunger in ihm aufstieg. Ich behielt ihn in mir, während wir unter den Sternen lagen, und auch als wir fertig waren, ließ ich ihn nicht gehen. "Er ist nicht mehr da", sagte Sisro und zitterte dabei. "Ich weiß, Du glaubst, daß er noch am Leben ist. Aber das ist er nicht. Vier Prätorianerwachen waren bei ihm, und er war gefesselt. Es ist unmöglich, daß er entkommen konnte." Er legte seinen Kopf auf meine Brüste und schenkte mir seine Tränen. Und ich hielt ihn, während er weinte. ……………………… Ich könnte Dir von den Tagen unserer Reise erzählen. Marius sagte, wir würden nicht nach Rom gehen, weil die Leute in Rom keine Soldaten in der Stadt mögen ... ... wir gingen nach Ostia. Für mich machte das keinen Unterschied. Jeder Ort war neu für mich. Es hätte interessant sein können. Ich lernte auf der Reise viele Menschen kennen, und ich sah Dinge, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Aber ich war krank in meinem Herzen, glaube ich .. ... . Entweder vergaßen uns die Prätorianer völlig, oder wir waren nicht wichtig genug, um uns zu töten. Schon bald, nachdem sich die Armee auf den Marsch gemacht hatte, versteckten wir uns nicht länger. Die Soldaten wußten, daß wir zu Maximus gehört hatten, und das genügte, uns an jedem Lagerfeuer einen Platz zu geben. Ich entdeckte, daß ich unter den Soldatenhuren eine Berühmtheit war. Ich hatte in Genrals Zelt gelebt, also mußte ich Genrals Frau gewesen sein. Die ersten Male, als jemand das zu mir sagte, erzählte ich die Wahrheit - daß ich Sisros Frau sei und niemals jemand anderem gehört hätte ... ... aber niemand glaubte mir, und so hörte ich auf, darüber zu streiten. Als die schwarzhaarige Frau mit dem Baby an ihrer Brust mich fragte, ob ich noch Jungfrau gewesen sei, als Genral mich nahm, sagte ich ja. Sie schloß einen Moment lang die Augen, dann fragte sie mich, ob er sanft oder wild gewesen sei. Ich sagte: "Beides." Als die laute Frau mit dem Hinkefuß wissen wollte, ob Genral mich aus dem Bett stieß, nachdem er fertig war, sagte ich: "Nie." Sie war beeindruckt. Und als die schmächtige Frau mit dem pockennarbigen Gesicht fragte, wie lang sein Stehvermögen war ... ... . Nun, ich muß zugeben, daß ich sagte: "Stunden." Sie machte einen schockierten Eindruck, tätschelte mich am Arm und sagte: "Armes Ding." Ich konnte mir einfach nicht verkneifen zu sagen: "O nein, es war wundervoll." Hinterher schämte ich mich. Diese Frauen hatten mich wie eine Freundin behandelt ... ... aber es hatte so viel Vergnügen gemacht. Und Vergnügen gab es nur wenig. Sollte mein Sohn jemals zu mir sagen, daß er Soldat werden wolle, dann werde ich ihm von den Wochen auf dem Marsch nach Ostia erzählen. Die elendsten Wochen meines Lebens! Meine Erinnerungen mögen verdunkelt sein. Genral war immer in meinem Inneren, mehr oder minder, und er war unruhig. Hungrig. Müde. Zornig. Mein Arm schmerzte mit jedem Tag mehr. Und es war auf der Straße nach Ostia, daß ich zusammenbrach, während wir gingen, einfach in die Knie brach, vor Sorge ... ... Ich schrie auf. Ich glaubte, an dem Schmerz in mir sterben zu müssen. Oder vielleicht war es Genral, der glaubte zu sterben. Sisro fragte mich, was los sei, und als ich dazu in der Lage war, sagte ich: "Willst Du, daß ich von ihm spreche?" Er fand einen Wagen, auf dem ich mitfahren konnte, und er fragte nicht noch mal, nicht damals und auch nicht später. Ich hatte niemand, mit dem ich darüber reden konnte. Aber als ich sagte, daß ich haltmachen müßte, daß ich Ruhe brauchte, half er mir vom Wagen und blieb bei mir, während die anderen an uns vorbei zogen. Genral wollte sterben. Der Schmerz war zu groß, um weiterzuleben. Ich verstand das. Er war krank und er war müde, und dann ... ... geschah etwas Schreckliches, und er hatte keine Kraft mehr, noch länger zu kämpfen. Er hatte nicht mehr das Herz dazu. Ich wußte nicht, was geschehen war, ich konnte seine Gedanken nicht hören, aber ich fühlte es - und ich verstand. Wenn ich vielleicht klarer gedacht hätte, wenn ich vielleicht nicht selbst krank und müde gewesen wäre, hätte ich ihn gehen lassen .... ... . |