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23.a Geheimnisse
unter dem Sternenhimmel - 180 A.D.
Als Maximus zum Schiff
zurückkehrte, hatte ich es geschafft, etliche Dinge zu erledigen - meines
Heiterkeitsausbruchs Herr zu werden war eine der wichtigsten ... und nicht
gerade die einfachste Aufgabe gewesen. Frisch gewaschen und in ein
nachtblaues Seidengewand gehüllt eilte ich in der Kabine hin und her, um
etwas Ordnung zu schaffen: ich hob den Stuhl auf und stellte ihn wieder an
seinen Platz, sammelte unsere zerrissenen Kleidungsstücke ein, und die
zerknitterte Bettdecke diente mir dazu, die Überbleibsel besagter
Kleidungsstücke unter ihr verschwinden zu lassen. Den flüchtigen grünen und
blauen Federn nachzujagen überforderte meine Geduld, also ließ ich sie in
der abendlichen Briese schweben und stellte statt dessen sicher, daß das
Bett mit frischen weichen Leinentüchern bedeckt war, bevor ich das Gewand
auspackte, welches ich für Maximus mitgebracht hatte. Dann nahm ich die
Lampe und ging an Deck auf der Suche nach Laternen, welche ich anzündete und
entlang der Reling aufhing, so daß sie einen Kreis aus sanftem goldenem
Licht bildeten.
Nachdem das erledigt war,
kehrte ich in die Kabine zurück, rollte einen der persischen Teppiche, die
den Boden bedeckten, zusammen und trug ihn aufs Deck hinauf, dann eilte ich
zurück, um zwei Arme voll Kissen und - nach kurzem Nachdenken - einen
weiteren, noch weicheren Teppich zu holen. Ich breitete die beiden Teppiche
auf Deck unter dem Hauptmast aus und verteilte die seidenen Kissen so, daß
wir es uns auf ihnen bequem machen konnten. Von einem weiteren Gang in die
Kabine kehrte ich mit einem der Speisenkörbe und dem Krug voll frischen
Wassers zurück. Die wachsende Anzahl von Motten, welche um die Laternen
tanzten, veranlaßte mich, hektisch nach einem kleinen Kohlebecken Ausschau
zu halten, um darin etwas Weihrauch anzuzünden und die sommerlichen Insekten
in Schach zu halten.
Kurze Zeit später
kräuselten sich würzig duftende Rauchwolken in der nächtlichen Brise. Das
Geräusch von Sandalen auf den Steinen, die zum Schiff führten, und das
sanfte Schaukeln des Schiffsrumpfes, als er an Bord kletterte, kündigten mir
Maximus' Rückkehr an. Als sich die Fußtritte näherten, hob ich die Augen und
es verschlug mir beinahe den Atem, als ich ihn da über mir stehen sah - nur
mit einem Lendentuch, dem Lederband, das er immer um den Hals trug, und
Sandalen bekleidet stand er da im sanften Licht der Laternen, die das Spiel
seiner Muskeln und die straffe, gebräunte Haut beleuchteten. Und während
mein Herz wild hämmerte - wie immer, wenn es um Maximus ging - erschien mir
der Gedanke völlig abwegig, daß solche Pracht im Fleisch eines einfachen
Sterblichen gefangen sein konnte.
Da stand er also - den
Sattel über einem seiner kräftigen Arme tragend, das Haar noch immer feucht
vom Bad im Teich - und schenkte mir sein schönstes jungenhaftes und
irgendwie schüchternes Lächeln. Bei seinem Anblick tat mein Herz einen
Sprung und ich errötete als wäre ich eine neuvermählte Braut, die ihrem
Gemahl nach einer unerwartet erfreulichen Hochzeitsnacht gegenübertritt ...
"Du hast das Pferd also
gefunden", sagte ich, und wollte damit hauptsächlich die Aufregung
kaschieren, die allein sein Anblick jedesmal in mir entfachte.
"O ja. Es war nicht weit
gelaufen ... " antwortete Maximus, während er sich nach einem Platz
umschaute, wo er den Sattel hinlegen konnte.
Während ich sprach,
öffnete ich den Korb und begann, das kalte Mahl auszupacken, das Nicia
vorbereitet hatte.
"Trotz seines
furchteinflößenden Äußeren ist Fulmen im Grunde ein gutmütiger Hengst",
erklärte ich, während ich mich um den Inhalt des Korbes kümmerte: gefüllte
Oliven, Käse, geräuchertes Wildbret, erlesener Fisch mit Gemüse, frisch
gebackene Brötchen, gebratenes Huhn ... und ich hatte erst die Hälfte
ausgepackt. Es war immer darauf Verlaß, daß Nicia und mein Koch im
Handumdrehen ein üppiges Mahl aus dem Ärmel schütteln konnten. Ich nahm mir
im Stillen vor, ihrer regulären Bezahlung einige Denare (*) hinzuzufügen.
Sie hatten sich einen Bonus wirklich verdient.
"Er ist herrlich",
pflichtete mir Maximus bei, während er entschied, den Sattel auf das Deck zu
legen, gegen die äußere Wand der Kabine gelehnt. "Reitest Du ihn?"
"Ich bin zweimal
aufgesessen, in der Koppel und unter Sempronius' Aufsicht. Fulmen ist
gutmütig, aber mit ihm fertig zu werden, übersteigt meine Kräfte."
Ein strahlendes Lächeln
erhellte Maximus' Gesicht.
"Ich kann nicht glauben,
was ich da höre! Die Dame Julia Antonina gibt zu, daß es etwas gibt, was
über ihre Kräfte geht?" Er pfiff bewundernd, und ich runzelte in gespieltem
Ärger die Stirn.
"Zu Deiner Information,
General, ich reite keine lahme, langsame Stute sondern einen großen und
ziemlich lebhaften Wallach!"
Maximus hob bewundernd die
Augenbrauen.
"Sidereum", fügte ich
hinzu. "Ich werde Euch beide bekannt machen, wenn wir in der Villa zurück
sind."
"Woher hast Du Fulmen?"
fragte Maximus, offenbar unfähig, sein Interesse an Pferden und allem damit
Verbundenen zu zügeln. Es war gut, daß auch ich Pferde und Reiten liebte.
Die meisten Frauen wären beleidigt gewesen, daß so ein ansehnlicher Mann
sich lieber über Pferde unterhalten wollte statt mit ihnen zu flirten - oder
besser: sein Glück bei ihnen zu versuchen.
"Letzten Sommer hatte
einer meiner Kunden, ein Pferdezüchter, Probleme, das Geld für eine
Getreidelieferung aufzubringen", erklärte ich und kramte dabei weiter in dem
anscheinend unerschöpflichen Korb - gefüllte Eier und gegrillte Krabben
bestreut mit frischer Petersilie gesellten sich zu der kulinarischen
Auswahl. "Deshalb bot er mir einen seiner Hengste an - zusammen mit zwei
trächtigen Stuten. Ich war bereit, den Kredit des Mannes zu verlängern, weil
er ein guter Kunde ist, aber ich erwähnte das Thema zufällig meinem
Stallmeister gegenüber, und er bat mich, die Tiere als Bezahlung zu
akzeptieren ... "
Während ich redete, hatte
ich gekniet. Nun setzte ich mich im Schneidersitz hin, wie ich es zu tun
pflege, wenn ich im Bett Berichte oder Briefe lese. Ich bedeckte meine Beine
sorgsam mit meinem seidenen Gewand ... war jedoch nicht schnell genug, um zu
verhindern, daß Maximus einen Blick auf meine langen nackten Beine erhaschen
konnte.
Im Unterschied zu ihm
wußte ich wie man flirtet ... und eben hatte ich entdeckt, daß mir
das sogar ausgesprochenes Vergnügen bereitet.
"Wie ich Dir schon sagte,
plane ich, Pferde zu züchten ... Nun, im Moment ist das mehr Wunschdenken
als ein konkretes Projekt, denn ich habe ja kaum genügend Zeit, um mich um
das Geschäft und die Schiffe zu kümmern ... Aber Du kannst darauf vertrauen,
daß Sempronius es mir nicht erlauben wird, das Vorhaben gänzlich aus den
Augen zu verlieren", fuhr ich fort und lächelte bei der Erinnerung an den
Eifer in dem breiten ebenholzschwarzen Gesicht meines Stallmeisters, als er
über die prächtigen Pferde redete, die wir in nur wenigen Jahren züchten
könnten, wenn ich die mir angebotenen reinrassigen Tiere annähme. "Er
bestand darauf, daß es nie zu früh sei, einen guten Hengst und ein paar
Zuchtstuten anzuschaffen. Also schickte ich ihn nach Norden mit einem Brief
an meinen Kunden, in dem ich diesem mitteilte, daß seine Schulden beglichen
seien, sollte mein Stallmeister mit den Tieren zufrieden sein ... "
Offenbar fasziniert von
dem Bericht, lehnte Maximus an der Reling.
"Einen Monat später kehrte
er strahlend vor Stolz mit Fulmen und zwei Stuten zurück und sagte, ich habe
ein Geschäft gemacht, von dem jeder Pferdezüchter träumen würde ... "
Während ich redete, hatte
ich die kleinen Teller und Schüsseln mit den Speisen in der Mitte des
Teppichs zurechtgestellt. Dann nahm ich frische Servietten und saubere
Becher aus dem Korb.
"Sempronius drängt mich
ständig, die Ställe zu vergrößern, obwohl sie in ihrem jetzigen Zustand
bereits riesig sind. Ich sage ihm immer und immer wieder, daß es keinen
Grund zur Eile gibt, selbst wenn wir vorhaben, Fulmen zur Zucht einzusetzen
... ein Plan, mit dem das Pferd nur allzu einverstanden zu sein scheint.
Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Fulmen gemeinsame
Sache mit Sempronius macht, um meine Pläne zu beschleunigen! Und in ein paar
Tagen werden wir nachschauen, wie es um seinen Nachwuchs steht."
Während ich weiter sprach,
plazierte ich die Servietten säuberlich neben den Speisen. Nicia wäre stolz
auf meine Ordnung gewesen.
"Er brauchte gar nicht
lange, um eine meiner eigenen Stuten zu schwängern. Ein paar Tage nach
seiner Ankunft gelang es ihm, dem Mann, der ihn betreute, zu entkommen und
auch meine beste Stute, Luna (**) zu überzeugen, ihm zu folgen. Als wir sie
wieder eingefangen hatten, hatte er sie bereits gedeckt ... "
Ich runzelte bei der
Erinnerung die Stirn. Die Geste entging Maximus' Aufmerksamkeit nicht.
"Du scheinst darüber nicht
erfreut zu sein ... "
Ich seufzte.
"Nebula (***) und Lux
(****), die zwei bereits trächtigen Stuten, sind schon ausgewachsene Tiere
von über fünf Jahren, und sie werden ohne Probleme fohlen. Aber meine Luna
ist sehr jung, beinahe selbst noch ein Fohlen. Es ist zu früh und ich mache
mir Sorgen. Sie ist ein schönes und sanftes Tier. Ich hasse den Gedanken,
sie oder das Fohlen ... oder beide zu verlieren ... ." Ich seufzte abermals.
"Aber wir können nichts tun, als zu warten und das Beste zu hoffen...."
Das war die Wahrheit und
kam öfter vor, als wir bereit sind, uns einzugestehen. Warten und das Beste
hoffen und in Lunas Fall vielleicht noch ein Opfer darbringen im
Neptuntempel des Ortes oder noch besser für den griechischen Poseidon, der
die Erde erschüttert und Herr über die Pferde ist, jene Meeresgottheit, die
auch der Schutzgott meiner Flotte war. Aber da ich nun mal die ungläubige
Frau bin, die ich bin, hing ich immer einem beunruhigenden, persönlichen,
ganz privaten Aberglauben an, daß die Götter jedes von mir dargebrachte
Opfer als persönliche Beleidigung betrachten könnten. Und sollte ich es
dennoch wagen, würden sie ihren Zorn - oder zumindest ihre seltsame Art von
Spott - mit schlimmen Folgen über mich ergießen. So zog ich es vor, ihr
launisches Temperament nicht herauszufordern, und hoffte statt dessen, daß,
wenn wir einander entschlossen ignorierten, wir im Stande sein sollten, eine
Art wohlwollender Neutralität zu wahren.
"Aber wir können nichts
tun, als zu warten und das Beste zu hoffen .... " wiederholte ich. "Und
ebenso zu hoffen, daß Fulmen seine Eigenschaften an seine Nachkommenschaft
weitergeben wird ..."
Maximus stieß sich von der
Reling ab und kam näher.
"Es gibt dort
hervorragende Zuchtlinien, und mit Sicherheit wird er eine Menge guter
Fohlen zeugen, aber ich stimme Dir zu, was Deine Stute betrifft. Sie ist zu
jung, um ein Fohlen zu bekommen. Ist sie schmal gebaut?"
Ich nickte, während ich
geistesabwesend die Teller und Schalen hin und her schob - mehr, um meine
Hände zu beschäftigen als daß es wirklich nötig gewesen wäre. Bevor Sidereum
zu uns kam, hatte ich meistens Lunas Mutter geritten - nicht jedoch Luna
selbst. Trotzdem hatte ich eine starke Bindung an das junge Tier, und
jedesmal, wenn ich die Stallungen besuchte, konnte ich fühlen, wie mich ihre
feuchtglänzenden Augen vertrauensvoll anschauten, als wolle sie mich stumm
über die seltsamen und vielleicht beängstigenden Dinge befragen, die in
ihrem Leib vor sich gingen. Dinge, die auch ich als seltsam und beängstigend
empfand und von denen ich noch weniger wußte als sie ... Aber es würde
vielleicht der Tag kommen, an dem ich den Befehl würde geben müssen, Luna zu
töten, um ihr einen noch qualvolleren Tod zu ersparen.
Maximus konnte all das in
meinem Gesicht lesen, obwohl ich ihn nicht direkt anblickte.
"Ich möchte Dich nicht
anlügen, Julia. Es könnte für die junge Stute gefährlich werden, und auf
jeden Fall wird es keine einfache Geburt sein, aber Dein Stallmeister
scheint mir sehr kompetent zu sein ... " sagte er leise und fügte dann
hinzu, "möchtest Du, daß ich sie mir mal anschaue?"
Ich hob den Kopf und
schaute ihn erleichtert, dankbar und - ja, warum nicht - auch hoffnungsvoll
an. Wenn das Schicksal es nun mal beschlossen hatte, daß die Sache nicht gut
ausginge, dann war es kaum wahrscheinlich, daß er die Stute würde retten
können. Aber allein der Gedanke, daß er sich kümmerte --- um mich, um Luna
--- half schon viel. Und Maximus wirkte immer so selbstbewußt, so stark, so
voller Kraft, daß es unmöglich war, nicht daran zu glauben, er könne alles
zu einen guten Ende bringen - sei es, einer achtzehnjährigen Sklavin und
Hure die Freiheit zu schenken oder eine junge Stute und ihr Fohlen zu
retten.
"Danke, Maximus.
Vielleicht reagiere ich einfach über, wenn es um Luna geht", sagte ich
leise. "Sie ist nicht mal mein Reitpferd ... aber sie ... sie gehört mir,
und sie vertraut mir ... Danke ..."
"Seit wann interessierst
Du Dich so für Pferde?" fragte Maximus und lenkte meine Gedanken mit dem ihm
eigenen Feingefühl weg von meinen Ängsten auf ein anderes Thema - und dafür
war ich ihm dankbar.
"O, ich hatte immer Pferde
um mich, und ich lernte zu reiten, als ich noch ein Kind war. Ich hatte nie,
wie so viele andere Mädchen, Angst vor Pferden ... ich liebe Pferde ... "
"Und Katzen ... ", fügte
Maximus mit einem Lächeln hinzu.
Ich lachte. "Ja, und
Katzen ... "
"Aber keine Hunde."
Ich runzelte die Stirn.
"Ich mag Hunde sehr, auch
wenn ich sie, wegen der Katzen, nicht im Haus dulde ... aber wenn es um
Katzen und Pferde geht ... das ist noch etwas anderes. Es ist ... es ist,
als ob sie mir etwas zu sagen hätten und ich sie verstehen könnte, während
Hunde nicht ... " sagte ich leise und war über mich selbst erstaunt, wie ich
plötzlich in der Lage war, meine Vorliebe für diese Tiere zu erklären. Ich
war niemals in der Lage gewesen, das ganze Ausmaß meiner Gefühle für Katzen
und Pferde in Worte zu fassen, ganz gleich wie sehr ich mich bemüht hatte,
und nun war es einfach geschehen, die Worte waren mir mühelos über die
Lippen gekommen.
Irgendwie wunderte es mich
nicht. Maximus' Anwesenheit machte anscheinend alles soviel einfacher, denn
jetzt war ich nicht nur nicht mehr allein sondern zusammen mit jemandem, der
mich verstand - sei es, was meine Vergangenheit, meine Ängste oder meine
Hoffnungen betraf. Die Vergangenheit, die Ängste und die Hoffnungen, die für
mich zu behalten ich nur allzu oft vorgezogen hatte. "Aber ich mag sie, und
ich habe mehr Hunde als Du denkst. Und ich mag Sempronius' Mastiff mehr als
so manches menschliche Wesen!"
Maximus lachte vor sich
hin.
"Aber Ferox nicht ... "
Ich verzog das Gesicht.
"Widerliches Vieh",
knurrte ich. "Aber Sempronius wird sich schon um ihn und seinen großspurigen
Herrn kümmern ... "
Maximus lachte amüsiert.
"Weißt Du was, Julia? Du
hörst nie auf, mich zu überraschen ... "
Ich hob fragend die
Augenbrauen.
"Nein, wirklich. Hier
stehst Du vor mir, die Besitzerin einer Reederei, sprichst über Fracht und
Schiffswerften und Geschäfte mit der gleichen Ungezwungenheit wie die
meisten anderen Frauen über Kinder und Kleider und Juwelen sprechen. Und
dann wechselst Du mit der gleichen Leichtigkeit plötzlich zu Büchern und
Pferden und Pferdezucht ... "
Statt weiter im Schneidersitz zu sitzen zog ich die Beine an und umschlang
sie schützend mit meinen Armen. Es war eine Verteidigungshaltung, und ich
war mir dessen wohl bewußt. Aber wogegen wollte ich mich verteidigen? Gegen
Maximus' forschenden Geist? Gegen die Leichtigkeit, mit der er in der Lage
zu sein schien, mich zu durchschauen? Hatte die Tatsache, verstanden und
umsorgt zu werden, auch eine Kehrseite, und zwar die Kehrseite, daß es
unmöglich war, etwas vor dem anderen zu verbergen? Hatte ich - trotz meines
Verlangens, ihm mein Herz und meine Seele zu öffnen - immer noch Angst vor
der Verwundbarkeit, die damit verbunden war?
"Denkst Du, es sei
unziemlich, daß ich nicht nur über Geld und Geschäfte Bescheid weiß, sondern
auch über trächtige Stuten und darüber, wie man einen Hengst zum Decken
benutzt?"
Maximus schenkte mir ein
Lächeln, das man nur als liebevoll bezeichnen kann.
In meinem Magen kribbelte
es vor Erregung bei diesem Anblick, und plötzlich wußte ich, wovon die Leute
sprechen, wenn die Rede auf Schmetterlinge im Bauch kam.
"Ich denke, es ist
wunderbar ... "
"Ich mag Kleider ... ",
sagte ich - noch immer in Verteidigungshaltung.
Maximus' Lächeln wurde
breiter.
"Das ist nicht zu
übersehen ... "
"Und Juwelen ... "
Er lachte aus vollem
Halse.
"Und Kinder ... "
fügte ich im Stillen hinzu, und schluckte heftig an dem Kloß, der sich in
meiner Kehle gebildet hatte bei der Erinnerung an das warme, glückliche,
lebendige Mädchen aus meinem Traum ... und den Jungen mit den grünen Augen
am Fluß.
Maximus kam zu mir, ich
blickte zu ihm auf und er streichelte mein Gesicht mit seinen warmen, vom
Führen des Schwertes schwieligen Fingern, dann beugte er sich zu mir herab
und küßte mich sanft auf die Lippen.
"Wie Du so dasitzt siehst
Du aus wie ein kleines Mädchen ... Was machst Du da eigentlich und was ist
das alles?"
"Abendessen", gelang es
mir zu flüstern, die Zärtlichkeit seiner Berührung schnürte mir die Kehle
zu. Es war gut, daß ich auf den Planken des Decks saß, denn meine Beine
hätten mit Sicherheit ihren Dienst versagt. "Du sagtest, daß Du beinahe am
Verhungern seiest ... "
"Und Du mußt auch hungrig
sein", meinte er und streichelte weiter mein Gesicht.
Ich hatte wirklich einen
Bärenhunger. So einen Hunger, daß mir beinahe schwindelig war, denn das
Frühstück des vergangenen Tages war meine letzte Mahlzeit gewesen. Ich
streichelte seine Hand, die immer noch meine Wange liebkoste.
"Komm ..." flüsterte ich,
versunken in den Tiefen seiner aquamarinblauen Augen.
Maximus richtete sich auf
und trat von einem Bein auf das andere, eine eindeutige, seit Urzeiten
vertraute Geste männlichen Unbehagens.
"Ähem, Du erwähntest, daß
Du etwas Anzuziehen für mich mitgebracht hättest ... " Er warf mir einen
verstohlenen Blick zu. "Ich kann mich so unmöglich an den Tisch setzen ... "
"Es gibt keinen Tisch ...
" unterbrach ich ihn.
Er runzelte die Stirn. "Du
bist vollständig angezogen ... " konterte er.
"Das kannst Du kaum als
angezogen bezeichnen ... ", entgegnete ich. "Das ist nur ein dünnes Gewand,
und ich trage kein ... "
"Julia, wo sind diese
Kleider?" knurrte er, bevor ich ihn noch weiter necken konnte. Während ich
sprach, hatte ich meine Beine wieder ausgestreckt und man konnte deutlich
erkennen, daß ich nichts unter dem Gewand trug. Maximus schluckte.
"In der Kabine", flüsterte
ich. "Schau auf dem Bett nach ... "
Maximus verlor keine Zeit
und flüchtete, während ich mich beeilte, die Amphore heraufzuziehen, die ich
am frühen Nachmittag in das kühle Wasser des Teiches gehängt hatte.
Es dauerte nicht lange.
Ich hatte eben den gekühlten Wein in unsere Becher gegossen, als er aus der
Kabine trat und noch dabei war, den Gürtel des Gewandes, das ich für ihn
ausgewählt hatte, zu schließen. Der Anblick von Maximus, gehüllt in die
feinste weinrote Wolle, die für Geld zu bekommen ist, verschlug mir
schlichtweg den Atem. Ich hatte dieses besondere Gewand ausgewählt, weil ich
ihn in die prächtige Farbe gekleidet sehen wollte, welche römische
Feldherren bei Paraden und offiziellen Anlässen tragen, aber auch, weil ich
ihn so reich und elegant gekleidet sehen wollte, wie es ihm zustand.
Das Gewand war ein wenig
eng über der Brust, aber der Faltenwurf war perfekt, und die vornehme
Goldstickerei um die Öffnungen für Hals und Arme gaben dem Ganzen einen
Hauch von Glanz, der wunderbar zu Maximus' männlichen Zügen und seiner
gebieterischen Ausstrahlung paßte.
"Nun, General, jetzt
siehst Du aus wie ein orientalischer Herrscher!" sagte ich und erhob meinen
Becher zum Zeichen des Grußes und der Bewunderung.
"Du siehst aus, wie ein
römischer Kaiser aussehen sollte!" schrie jede Faser meines Inneren,
aber wieder zwang ich mich, meiner inneren Stimme kein Gehör zu schenken.
Maximus schenkte mir sein
schönstes jungenhaftes Lächeln und zupfte an dem Stoff, damit er nicht so
über seinem breiten Brustkorb spannte. Die Halsöffnung gab den Blick frei
auf ein Dreieck glatter, gebräunter Haut, das darum zu betteln schien,
geküßt zu werden - und der bloße Gedanke, meine Lippen auf diese Haut zu
pressen, wieder den Geschmack nach Salz und Sonne und Mann zu kosten, der so
einzigartig war wie Maximus selbst, erweckte die Leidenschaft in meinem
Schoß zum Leben.
"Es tut mir leid, daß es
ein wenig eng ist ... " entschuldigte ich mich - hauptsächlich, um mich
selbst von dem genannten Gedankengang abzubringen.
"Wem gehört dieses Gewand?
Apollinarius?"
"Nein, ich hatte es für
meinen Gemahl anfertigen lassen ... "
Maximus löste den Blick
von dem Gewand und sah mir fest in die Augen.
"Es sollte ein
Geburtstagsgeschenk werden ... ein Geschenk zu seinem letzten Geburtstag ...
" sagte ich leise, und der Gedanke an meinen verstorbenen Gemahl brachte wie
immer einen Anflug von Melancholie mit sich, der die Erinnerung an ihn wohl
immer begleiten würde. "Aber er sollte es niemals tragen. Es dauerte Monate,
den Stoff zu bekommen, und als er endlich geliefert wurde, war er bereits zu
krank, um das Bett noch verlassen zu können. Er starb kurz danach ... "
"Das tut mir leid", sagte
Maximus leise.
Ich nickte und nahm
schweigend sein Beileid zum Tode eines Mannes entgegen, den er nie gekannt
hatte, aber an der Aufrichtigkeit seines Gefühls gab es keinen Zweifel, denn
Maximus war nicht der Mann, der Nettigkeiten nur um ihrer selbst willen
sagte.
"Er war fast so groß wie
Du aber viel schmaler gebaut."
Maximus befühlte den Stoff
noch einmal, es war nur zu offensichtlich, daß er seine Faszination nicht
verbergen konnte. Offenbar hatte er niemals etwas so Kostbares und Edles
getragen. Nicht einmal seine Paradeuniform war aus einem vergleichbaren
Material gewesen.
"Der Stoff kommt aus Tyrus.
Deshalb dauerte es so lange, bis er hier ankam", erklärte ich ihm. "Er ist
etwas ganz Besonderes. Die feinste Wolle, verwoben mit Seide und gefärbt mit
der besten Farbe ... Die Farbe ist einfach perfekt für Dich, Maximus ... "
Das war sie, und wie sie
es war ... Im goldenen Licht der Laternen unterstrich die weinrote Farbe den
Glanz von Maximus' gebräunter Haut, ließ sie wie altes, poliertes Gold
erscheinen, und sein dunkles Haar wie rabenschwarze Seide. Und das zu neuer
Intensität erwachte Feuer seiner blau-grünen Augen bildete den perfekten
Kontrast dazu.
Während ich sprach, hatte
ich die beiden vollen Becher neben mich gestellt und mich mit gekonnter
Eleganz in die Kissen zurückgelehnt.
"Komm", sagte ich und
klopfte neben mir auf den orientalischen Teppich. "Das Mahl ist bereit ... "
Maximus machte einen
Schritt auf mich zu, aber ich stoppte ihn, indem ich meinen nackten Fuß
gegen seinen Knöchel stemmte.
Er runzelte irritiert die
Stirn.
"Zieh die Sandalen aus ...
" flüsterte ich und streichelte dabei mit meinen Zehen seine muskulösen
Waden. Maximus' Stirnrunzeln verwandelte sich in ein Lächeln. Aber erst als
er die Riemen seiner Sandalen gelöst, dieselben von sich geworfen hatte und
auf den Teppich getreten war, verstand er, was ich meinte. Ich machte mir
nicht im mindesten Gedanken um den orientalischen Teppich oder was gute
Manieren über vorschriftsmäßiges Zutischliegen sagen. Statt dessen wollte
ich, daß er mit bloßen Füßen die Weichheit dieses luxuriösen Teppichs
spürte. Ich wollte, daß er jede Behaglichkeit kennenlernte, jeden Genuß und
jede Freude, die ein Leben des Kampfes mit seinen Härten ihm vorenthalten
hatte. Ich wollte ihm alles geben, das ihm jemals vorenthalten oder ihm
genommen worden war, so wie er mir alles zurückgegeben hatte, das mir jemals
verwehrt oder weggenommen worden war ...
(*) Denarii: Einzahl: "denarius".
Eine römische Silbermünze, deren Wert vier sestertii entsprach.
(**) Luna (Lateinisch): "Mond".
(***) Nebula (Lateinisch): "Wolke".
(****) Lux (Lateinisch): "Licht". |