23.a Geheimnisse unter dem Sternenhimmel - 180 A.D.

Als Maximus zum Schiff zurückkehrte, hatte ich es geschafft, etliche Dinge zu erledigen - meines Heiterkeitsausbruchs Herr zu werden war eine der wichtigsten ... und nicht gerade die einfachste Aufgabe gewesen. Frisch gewaschen und in ein nachtblaues Seidengewand gehüllt eilte ich in der Kabine hin und her, um etwas Ordnung zu schaffen: ich hob den Stuhl auf und stellte ihn wieder an seinen Platz, sammelte unsere zerrissenen Kleidungsstücke ein, und die zerknitterte Bettdecke diente mir dazu, die Überbleibsel besagter Kleidungsstücke unter ihr verschwinden zu lassen. Den flüchtigen grünen und blauen Federn nachzujagen überforderte meine Geduld, also ließ ich sie in der abendlichen Briese schweben und stellte statt dessen sicher, daß das Bett mit frischen weichen Leinentüchern bedeckt war, bevor ich das Gewand auspackte, welches ich für Maximus mitgebracht hatte. Dann nahm ich die Lampe und ging an Deck auf der Suche nach Laternen, welche ich anzündete und entlang der Reling aufhing, so daß sie einen Kreis aus sanftem goldenem Licht bildeten.

Nachdem das erledigt war, kehrte ich in die Kabine zurück, rollte einen der persischen Teppiche, die den Boden bedeckten, zusammen und trug ihn aufs Deck hinauf, dann eilte ich zurück, um zwei Arme voll Kissen und - nach kurzem Nachdenken - einen weiteren, noch weicheren Teppich zu holen. Ich breitete die beiden Teppiche auf Deck unter dem Hauptmast aus und verteilte die seidenen Kissen so, daß wir es uns auf ihnen bequem machen konnten. Von einem weiteren Gang in die Kabine kehrte ich mit einem der Speisenkörbe und dem Krug voll frischen Wassers zurück. Die wachsende Anzahl von Motten, welche um die Laternen tanzten, veranlaßte mich, hektisch nach einem kleinen Kohlebecken Ausschau zu halten, um darin etwas Weihrauch anzuzünden und die sommerlichen Insekten in Schach zu halten.

Kurze Zeit später kräuselten sich würzig duftende Rauchwolken in der nächtlichen Brise. Das Geräusch von Sandalen auf den Steinen, die zum Schiff führten, und das sanfte Schaukeln des Schiffsrumpfes, als er an Bord kletterte, kündigten mir Maximus' Rückkehr an. Als sich die Fußtritte näherten, hob ich die Augen und es verschlug mir beinahe den Atem, als ich ihn da über mir stehen sah - nur mit einem Lendentuch, dem Lederband, das er immer um den Hals trug, und Sandalen bekleidet stand er da im sanften Licht der Laternen, die das Spiel seiner Muskeln und die straffe, gebräunte Haut beleuchteten. Und während mein Herz wild hämmerte - wie immer, wenn es um Maximus ging - erschien mir der Gedanke völlig abwegig, daß solche Pracht im Fleisch eines einfachen Sterblichen gefangen sein konnte.

Da stand er also - den Sattel über einem seiner kräftigen Arme tragend, das Haar noch immer feucht vom Bad im Teich - und schenkte mir sein schönstes jungenhaftes und irgendwie schüchternes Lächeln. Bei seinem Anblick tat mein Herz einen Sprung und ich errötete als wäre ich eine neuvermählte Braut, die ihrem Gemahl nach einer unerwartet erfreulichen Hochzeitsnacht gegenübertritt ...

"Du hast das Pferd also gefunden", sagte ich, und wollte damit hauptsächlich die Aufregung kaschieren, die allein sein Anblick jedesmal in mir entfachte.

"O ja. Es war nicht weit gelaufen ... " antwortete Maximus, während er sich nach einem Platz umschaute, wo er den Sattel hinlegen konnte.

Während ich sprach, öffnete ich den Korb und begann, das kalte Mahl auszupacken, das Nicia vorbereitet hatte.

"Trotz seines furchteinflößenden Äußeren ist Fulmen im Grunde ein gutmütiger Hengst", erklärte ich, während ich mich um den Inhalt des Korbes kümmerte: gefüllte Oliven, Käse, geräuchertes Wildbret, erlesener Fisch mit Gemüse, frisch gebackene Brötchen, gebratenes Huhn ... und ich hatte erst die Hälfte ausgepackt. Es war immer darauf Verlaß, daß Nicia und mein Koch im Handumdrehen ein üppiges Mahl aus dem Ärmel schütteln konnten. Ich nahm mir im Stillen vor, ihrer regulären Bezahlung einige Denare (*) hinzuzufügen. Sie hatten sich einen Bonus wirklich verdient.

"Er ist herrlich", pflichtete mir Maximus bei, während er entschied, den Sattel auf das Deck zu legen, gegen die äußere Wand der Kabine gelehnt. "Reitest Du ihn?"

"Ich bin zweimal aufgesessen, in der Koppel und unter Sempronius' Aufsicht. Fulmen ist gutmütig, aber mit ihm fertig zu werden, übersteigt meine Kräfte."

Ein strahlendes Lächeln erhellte Maximus' Gesicht.

"Ich kann nicht glauben, was ich da höre! Die Dame Julia Antonina gibt zu, daß es etwas gibt, was über ihre Kräfte geht?" Er pfiff bewundernd, und ich runzelte in gespieltem Ärger die Stirn.

"Zu Deiner Information, General, ich reite keine lahme, langsame Stute sondern einen großen und ziemlich lebhaften Wallach!"

Maximus hob bewundernd die Augenbrauen.

"Sidereum", fügte ich hinzu. "Ich werde Euch beide bekannt machen, wenn wir in der Villa zurück sind."

"Woher hast Du Fulmen?" fragte Maximus, offenbar unfähig, sein Interesse an Pferden und allem damit Verbundenen zu zügeln. Es war gut, daß auch ich Pferde und Reiten liebte. Die meisten Frauen wären beleidigt gewesen, daß so ein ansehnlicher Mann sich lieber über Pferde unterhalten wollte statt mit ihnen zu flirten - oder besser: sein Glück bei ihnen zu versuchen.

"Letzten Sommer hatte einer meiner Kunden, ein Pferdezüchter, Probleme, das Geld für eine Getreidelieferung aufzubringen", erklärte ich und kramte dabei weiter in dem anscheinend unerschöpflichen Korb - gefüllte Eier und gegrillte Krabben bestreut mit frischer Petersilie gesellten sich zu der kulinarischen Auswahl. "Deshalb bot er mir einen seiner Hengste an - zusammen mit zwei trächtigen Stuten. Ich war bereit, den Kredit des Mannes zu verlängern, weil er ein guter Kunde ist, aber ich erwähnte das Thema zufällig meinem Stallmeister gegenüber, und er bat mich, die Tiere als Bezahlung zu akzeptieren ... "

Während ich redete, hatte ich gekniet. Nun setzte ich mich im Schneidersitz hin, wie ich es zu tun pflege, wenn ich im Bett Berichte oder Briefe lese. Ich bedeckte meine Beine sorgsam mit meinem seidenen Gewand ... war jedoch nicht schnell genug, um zu verhindern, daß Maximus einen Blick auf meine langen nackten Beine erhaschen konnte.

Im Unterschied zu ihm wußte ich wie man flirtet ... und eben hatte ich entdeckt, daß mir das sogar ausgesprochenes Vergnügen bereitet.

"Wie ich Dir schon sagte, plane ich, Pferde zu züchten ... Nun, im Moment ist das mehr Wunschdenken als ein konkretes Projekt, denn ich habe ja kaum genügend Zeit, um mich um das Geschäft und die Schiffe zu kümmern ... Aber Du kannst darauf vertrauen, daß Sempronius es mir nicht erlauben wird, das Vorhaben gänzlich aus den Augen zu verlieren", fuhr ich fort und lächelte bei der Erinnerung an den Eifer in dem breiten ebenholzschwarzen Gesicht meines Stallmeisters, als er über die prächtigen Pferde redete, die wir in nur wenigen Jahren züchten könnten, wenn ich die mir angebotenen reinrassigen Tiere annähme. "Er bestand darauf, daß es nie zu früh sei, einen guten Hengst und ein paar Zuchtstuten anzuschaffen. Also schickte ich ihn nach Norden mit einem Brief an meinen Kunden, in dem ich diesem mitteilte, daß seine Schulden beglichen seien, sollte mein Stallmeister mit den Tieren zufrieden sein ... "

Offenbar fasziniert von dem Bericht, lehnte Maximus an der Reling.

"Einen Monat später kehrte er strahlend vor Stolz mit Fulmen und zwei Stuten zurück und sagte, ich habe ein Geschäft gemacht, von dem jeder Pferdezüchter träumen würde ... "

Während ich redete, hatte ich die kleinen Teller und Schüsseln mit den Speisen in der Mitte des Teppichs zurechtgestellt. Dann nahm ich frische Servietten und saubere Becher aus dem Korb.

"Sempronius drängt mich ständig, die Ställe zu vergrößern, obwohl sie in ihrem jetzigen Zustand bereits riesig sind. Ich sage ihm immer und immer wieder, daß es keinen Grund zur Eile gibt, selbst wenn wir vorhaben, Fulmen zur Zucht einzusetzen ... ein Plan, mit dem das Pferd nur allzu einverstanden zu sein scheint. Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß Fulmen gemeinsame Sache mit Sempronius macht, um meine Pläne zu beschleunigen! Und in ein paar Tagen werden wir nachschauen, wie es um seinen Nachwuchs steht."

Während ich weiter sprach, plazierte ich die Servietten säuberlich neben den Speisen. Nicia wäre stolz auf meine Ordnung gewesen.

"Er brauchte gar nicht lange, um eine meiner eigenen Stuten zu schwängern. Ein paar Tage nach seiner Ankunft gelang es ihm, dem Mann, der ihn betreute, zu entkommen und auch meine beste Stute, Luna (**) zu überzeugen, ihm zu folgen. Als wir sie wieder eingefangen hatten, hatte er sie bereits gedeckt ... "

Ich runzelte bei der Erinnerung die Stirn. Die Geste entging Maximus' Aufmerksamkeit nicht.

"Du scheinst darüber nicht erfreut zu sein ... "

Ich seufzte.

"Nebula (***) und Lux (****), die zwei bereits trächtigen Stuten, sind schon ausgewachsene Tiere von über fünf Jahren, und sie werden ohne Probleme fohlen. Aber meine Luna ist sehr jung, beinahe selbst noch ein Fohlen. Es ist zu früh und ich mache mir Sorgen. Sie ist ein schönes und sanftes Tier. Ich hasse den Gedanken, sie oder das Fohlen ... oder beide zu verlieren ... ." Ich seufzte abermals. "Aber wir können nichts tun, als zu warten und das Beste zu hoffen...."

Das war die Wahrheit und kam öfter vor, als wir bereit sind, uns einzugestehen. Warten und das Beste hoffen und in Lunas Fall vielleicht noch ein Opfer darbringen im Neptuntempel des Ortes oder noch besser für den griechischen Poseidon, der die Erde erschüttert und Herr über die Pferde ist, jene Meeresgottheit, die auch der Schutzgott meiner Flotte war. Aber da ich nun mal die ungläubige Frau bin, die ich bin, hing ich immer einem beunruhigenden, persönlichen, ganz privaten Aberglauben an, daß die Götter jedes von mir dargebrachte Opfer als persönliche Beleidigung betrachten könnten. Und sollte ich es dennoch wagen, würden sie ihren Zorn - oder zumindest ihre seltsame Art von Spott - mit schlimmen Folgen über mich ergießen. So zog ich es vor, ihr launisches Temperament nicht herauszufordern, und hoffte statt dessen, daß, wenn wir einander entschlossen ignorierten, wir im Stande sein sollten, eine Art wohlwollender Neutralität zu wahren.

"Aber wir können nichts tun, als zu warten und das Beste zu hoffen .... " wiederholte ich. "Und ebenso zu hoffen, daß Fulmen seine Eigenschaften an seine Nachkommenschaft weitergeben wird ..."

Maximus stieß sich von der Reling ab und kam näher.

"Es gibt dort hervorragende Zuchtlinien, und mit Sicherheit wird er eine Menge guter Fohlen zeugen, aber ich stimme Dir zu, was Deine Stute betrifft. Sie ist zu jung, um ein Fohlen zu bekommen. Ist sie schmal gebaut?"

Ich nickte, während ich geistesabwesend die Teller und Schalen hin und her schob - mehr, um meine Hände zu beschäftigen als daß es wirklich nötig gewesen wäre. Bevor Sidereum zu uns kam, hatte ich meistens Lunas Mutter geritten - nicht jedoch Luna selbst. Trotzdem hatte ich eine starke Bindung an das junge Tier, und jedesmal, wenn ich die Stallungen besuchte, konnte ich fühlen, wie mich ihre feuchtglänzenden Augen vertrauensvoll anschauten, als wolle sie mich stumm über die seltsamen und vielleicht beängstigenden Dinge befragen, die in ihrem Leib vor sich gingen. Dinge, die auch ich als seltsam und beängstigend empfand und von denen ich noch weniger wußte als sie ... Aber es würde vielleicht der Tag kommen, an dem ich den Befehl würde geben müssen, Luna zu töten, um ihr einen noch qualvolleren Tod zu ersparen.

Maximus konnte all das in meinem Gesicht lesen, obwohl ich ihn nicht direkt anblickte.

"Ich möchte Dich nicht anlügen, Julia. Es könnte für die junge Stute gefährlich werden, und auf jeden Fall wird es keine einfache Geburt sein, aber Dein Stallmeister scheint mir sehr kompetent zu sein ... " sagte er leise und fügte dann hinzu, "möchtest Du, daß ich sie mir mal anschaue?"

Ich hob den Kopf und schaute ihn erleichtert, dankbar und - ja, warum nicht - auch hoffnungsvoll an. Wenn das Schicksal es nun mal beschlossen hatte, daß die Sache nicht gut ausginge, dann war es kaum wahrscheinlich, daß er die Stute würde retten können. Aber allein der Gedanke, daß er sich kümmerte --- um mich, um Luna --- half schon viel. Und Maximus wirkte immer so selbstbewußt, so stark, so voller Kraft, daß es unmöglich war, nicht daran zu glauben, er könne alles zu einen guten Ende bringen - sei es, einer achtzehnjährigen Sklavin und Hure die Freiheit zu schenken oder eine junge Stute und ihr Fohlen zu retten.

"Danke, Maximus. Vielleicht reagiere ich einfach über, wenn es um Luna geht", sagte ich leise. "Sie ist nicht mal mein Reitpferd ... aber sie ... sie gehört mir, und sie vertraut mir ... Danke ..."

"Seit wann interessierst Du Dich so für Pferde?" fragte Maximus und lenkte meine Gedanken mit dem ihm eigenen Feingefühl weg von meinen Ängsten auf ein anderes Thema - und dafür war ich ihm dankbar.

"O, ich hatte immer Pferde um mich, und ich lernte zu reiten, als ich noch ein Kind war. Ich hatte nie, wie so viele andere Mädchen, Angst vor Pferden ... ich liebe Pferde ... "

"Und Katzen ... ", fügte Maximus mit einem Lächeln hinzu.

Ich lachte. "Ja, und Katzen ... "

"Aber keine Hunde."

Ich runzelte die Stirn.

"Ich mag Hunde sehr, auch wenn ich sie, wegen der Katzen, nicht im Haus dulde ... aber wenn es um Katzen und Pferde geht ... das ist noch etwas anderes. Es ist ... es ist, als ob sie mir etwas zu sagen hätten und ich sie verstehen könnte, während Hunde nicht ... " sagte ich leise und war über mich selbst erstaunt, wie ich plötzlich in der Lage war, meine Vorliebe für diese Tiere zu erklären.  Ich war niemals in der Lage gewesen, das ganze Ausmaß meiner Gefühle für Katzen und Pferde in Worte zu fassen, ganz gleich wie sehr ich mich bemüht hatte, und nun war es einfach geschehen, die Worte waren mir mühelos über die Lippen gekommen.

Irgendwie wunderte es mich nicht. Maximus' Anwesenheit machte anscheinend alles soviel einfacher, denn jetzt war ich nicht nur nicht mehr allein sondern zusammen mit jemandem, der mich verstand - sei es, was meine Vergangenheit, meine Ängste oder meine Hoffnungen betraf. Die Vergangenheit, die Ängste und die Hoffnungen, die für mich zu behalten ich nur allzu oft vorgezogen hatte. "Aber ich mag sie, und ich habe mehr Hunde als Du denkst. Und ich mag Sempronius' Mastiff mehr als so manches menschliche Wesen!"

Maximus lachte vor sich hin.

"Aber Ferox nicht ... "

Ich verzog das Gesicht.

"Widerliches Vieh", knurrte ich. "Aber Sempronius wird sich schon um ihn und seinen großspurigen Herrn kümmern ... "

Maximus lachte amüsiert.

"Weißt Du was, Julia? Du hörst nie auf, mich zu überraschen ... "

Ich hob fragend die Augenbrauen.

"Nein, wirklich. Hier stehst Du vor mir, die Besitzerin einer Reederei, sprichst über Fracht und Schiffswerften und Geschäfte mit der gleichen Ungezwungenheit wie die meisten anderen Frauen über Kinder und Kleider und Juwelen sprechen. Und dann wechselst Du mit der gleichen Leichtigkeit plötzlich zu Büchern und Pferden und Pferdezucht ... "

 

Statt weiter im Schneidersitz zu sitzen zog ich die Beine an und umschlang sie schützend mit meinen Armen. Es war eine Verteidigungshaltung, und ich war mir dessen wohl bewußt. Aber wogegen wollte ich mich verteidigen? Gegen Maximus' forschenden Geist? Gegen die Leichtigkeit, mit der er in der Lage zu sein schien, mich zu durchschauen? Hatte die Tatsache, verstanden und umsorgt zu werden, auch eine Kehrseite, und zwar die Kehrseite, daß es unmöglich war, etwas vor dem anderen zu verbergen? Hatte ich - trotz meines Verlangens, ihm mein Herz und meine Seele zu öffnen - immer noch Angst vor der Verwundbarkeit, die damit verbunden war?

"Denkst Du, es sei unziemlich, daß ich nicht nur über Geld und Geschäfte Bescheid weiß, sondern auch über trächtige Stuten und darüber, wie man einen Hengst zum Decken benutzt?"

Maximus schenkte mir ein Lächeln, das man nur als liebevoll bezeichnen kann.

In meinem Magen kribbelte es vor Erregung bei diesem Anblick, und plötzlich wußte ich, wovon die Leute sprechen, wenn die Rede auf Schmetterlinge im Bauch kam.

"Ich denke, es ist wunderbar ... "

"Ich mag Kleider ... ", sagte ich - noch immer in Verteidigungshaltung.

Maximus' Lächeln wurde breiter.

"Das ist nicht zu übersehen ... "

"Und Juwelen ... "

Er lachte aus vollem Halse.

"Und Kinder ... " fügte ich im Stillen hinzu, und schluckte heftig an dem Kloß, der sich in meiner Kehle gebildet hatte bei der Erinnerung an das warme, glückliche, lebendige Mädchen aus meinem Traum ... und den Jungen mit den grünen Augen am Fluß.

Maximus kam zu mir, ich blickte zu ihm auf und er streichelte mein Gesicht mit seinen warmen, vom Führen des Schwertes schwieligen Fingern, dann beugte er sich zu mir herab und küßte mich sanft auf die Lippen.

"Wie Du so dasitzt siehst Du aus wie ein kleines Mädchen ... Was machst Du da eigentlich und was ist das alles?"

"Abendessen", gelang es mir zu flüstern, die Zärtlichkeit seiner Berührung schnürte mir die Kehle zu. Es war gut, daß ich auf den Planken des Decks saß, denn meine Beine hätten mit Sicherheit ihren Dienst versagt. "Du sagtest, daß Du beinahe am Verhungern seiest ... "

"Und Du mußt auch hungrig sein", meinte er und streichelte weiter mein Gesicht.

Ich hatte wirklich einen Bärenhunger. So einen Hunger, daß mir beinahe schwindelig war, denn das Frühstück des vergangenen Tages war meine letzte Mahlzeit gewesen. Ich streichelte seine Hand, die immer noch meine Wange liebkoste.

"Komm ..." flüsterte ich, versunken in den Tiefen seiner aquamarinblauen Augen.

Maximus richtete sich auf und trat von einem Bein auf das andere, eine eindeutige, seit Urzeiten vertraute Geste männlichen Unbehagens.

"Ähem, Du erwähntest, daß Du etwas Anzuziehen für mich mitgebracht hättest ... " Er warf mir einen verstohlenen Blick zu. "Ich kann mich so unmöglich an den Tisch setzen ... "

"Es gibt keinen Tisch ... " unterbrach ich ihn.

Er runzelte die Stirn. "Du bist vollständig angezogen ... " konterte er.

"Das kannst Du kaum als angezogen bezeichnen ... ", entgegnete ich. "Das ist nur ein dünnes Gewand, und ich trage kein ... "

"Julia, wo sind diese Kleider?" knurrte er, bevor ich ihn noch weiter necken konnte. Während ich sprach, hatte ich meine Beine wieder ausgestreckt und man konnte deutlich erkennen, daß ich nichts unter dem Gewand trug. Maximus schluckte.

"In der Kabine", flüsterte ich. "Schau auf dem Bett nach ... "

Maximus verlor keine Zeit und flüchtete, während ich mich beeilte, die Amphore heraufzuziehen, die ich am frühen Nachmittag in das kühle Wasser des Teiches gehängt hatte.

Es dauerte nicht lange. Ich hatte eben den gekühlten Wein in unsere Becher gegossen, als er aus der Kabine trat und noch dabei war, den Gürtel des Gewandes, das ich für ihn ausgewählt hatte, zu schließen. Der Anblick von Maximus, gehüllt in die feinste weinrote Wolle, die für Geld zu bekommen ist, verschlug mir schlichtweg den Atem. Ich hatte dieses besondere Gewand ausgewählt, weil ich ihn in die prächtige Farbe gekleidet sehen wollte, welche römische Feldherren bei Paraden und offiziellen Anlässen tragen, aber auch, weil ich ihn so reich und elegant gekleidet sehen wollte, wie es ihm zustand.

Das Gewand war ein wenig eng über der Brust, aber der Faltenwurf war perfekt, und die vornehme Goldstickerei um die Öffnungen für Hals und Arme gaben dem Ganzen einen Hauch von Glanz, der wunderbar zu Maximus' männlichen Zügen und seiner gebieterischen Ausstrahlung paßte.

"Nun, General, jetzt siehst Du aus wie ein orientalischer Herrscher!" sagte ich und erhob meinen Becher zum Zeichen des Grußes und der Bewunderung.

"Du siehst aus, wie ein römischer Kaiser aussehen sollte!" schrie jede Faser meines Inneren, aber wieder zwang ich mich, meiner inneren Stimme kein Gehör zu schenken.

Maximus schenkte mir sein schönstes jungenhaftes Lächeln und zupfte an dem Stoff, damit er nicht so über seinem breiten Brustkorb spannte. Die Halsöffnung gab den Blick frei auf ein Dreieck glatter, gebräunter Haut, das darum zu betteln schien, geküßt zu werden - und der bloße Gedanke, meine Lippen auf diese Haut zu pressen, wieder den Geschmack nach Salz und Sonne und Mann zu kosten, der so einzigartig war wie Maximus selbst, erweckte die Leidenschaft in meinem Schoß zum Leben.

"Es tut mir leid, daß es ein wenig eng ist ... " entschuldigte ich mich - hauptsächlich, um mich selbst von dem genannten Gedankengang abzubringen.

"Wem gehört dieses Gewand? Apollinarius?"

"Nein, ich hatte es für meinen Gemahl anfertigen lassen ... "

Maximus löste den Blick von dem Gewand und sah mir fest in die Augen.

"Es sollte ein Geburtstagsgeschenk werden ... ein Geschenk zu seinem letzten Geburtstag ... " sagte ich leise, und der Gedanke an meinen verstorbenen Gemahl brachte wie immer einen Anflug von Melancholie mit sich, der die Erinnerung an ihn wohl immer begleiten würde. "Aber er sollte es niemals tragen. Es dauerte Monate, den Stoff zu bekommen, und als er endlich geliefert wurde, war er bereits zu krank, um das Bett noch verlassen zu können. Er starb kurz danach ... "

"Das tut mir leid", sagte Maximus leise.

Ich nickte und nahm schweigend sein Beileid zum Tode eines Mannes entgegen, den er nie gekannt hatte, aber an der Aufrichtigkeit seines Gefühls gab es keinen Zweifel, denn Maximus war nicht der Mann, der Nettigkeiten nur um ihrer selbst willen sagte.

"Er war fast so groß wie Du aber viel schmaler gebaut."

Maximus befühlte den Stoff noch einmal, es war nur zu offensichtlich, daß er seine Faszination nicht verbergen konnte. Offenbar hatte er niemals etwas so Kostbares und Edles getragen. Nicht einmal seine Paradeuniform war aus einem vergleichbaren Material gewesen.

"Der Stoff kommt aus Tyrus. Deshalb dauerte es so lange, bis er hier ankam", erklärte ich ihm. "Er ist etwas ganz Besonderes. Die feinste Wolle, verwoben mit Seide und gefärbt mit der besten Farbe ... Die Farbe ist einfach perfekt für Dich, Maximus ... "

Das war sie, und wie sie es war ... Im goldenen Licht der Laternen unterstrich die weinrote Farbe den Glanz von Maximus' gebräunter Haut, ließ sie wie altes, poliertes Gold erscheinen, und sein dunkles Haar wie rabenschwarze Seide. Und das zu neuer Intensität erwachte Feuer seiner blau-grünen Augen bildete den perfekten Kontrast dazu.

Während ich sprach, hatte ich die beiden vollen Becher neben mich gestellt und mich mit gekonnter Eleganz in die Kissen zurückgelehnt.

"Komm", sagte ich und klopfte neben mir auf den orientalischen Teppich. "Das Mahl ist bereit ... "

Maximus machte einen Schritt auf mich zu, aber ich stoppte ihn, indem ich meinen nackten Fuß gegen seinen Knöchel stemmte.

Er runzelte irritiert die Stirn.

"Zieh die Sandalen aus ... " flüsterte ich und streichelte dabei mit meinen Zehen seine muskulösen Waden. Maximus' Stirnrunzeln verwandelte sich in ein Lächeln. Aber erst als er die Riemen seiner Sandalen gelöst, dieselben von sich geworfen hatte und auf den Teppich getreten war, verstand er, was ich meinte. Ich machte mir nicht im mindesten Gedanken um den orientalischen Teppich oder was gute Manieren über vorschriftsmäßiges Zutischliegen sagen. Statt dessen wollte ich, daß er mit bloßen Füßen die Weichheit dieses luxuriösen Teppichs spürte. Ich wollte, daß er jede Behaglichkeit kennenlernte, jeden Genuß und jede Freude, die ein Leben des Kampfes mit seinen Härten ihm vorenthalten hatte. Ich wollte ihm alles geben, das ihm jemals vorenthalten oder ihm genommen worden war, so wie er mir alles zurückgegeben hatte, das mir jemals verwehrt oder weggenommen worden war ...

 (*) Denarii: Einzahl: "denarius". Eine römische Silbermünze, deren Wert vier sestertii   entsprach.
(**) Luna (Lateinisch): "Mond".
(***) Nebula (Lateinisch): "Wolke".
(****) Lux (Lateinisch):  "Licht".


23.b Geheimnisse unter dem Sternenhimmel - 180 A.D.

Maximus' Lächeln wurde breiter und strahlender, so jungenhaft, unschuldig und voll Staunens, daß meine Augen sich mit Tränen füllten. Aber als ich sie weg blinzelte, sah ich, wie seine Zehen kurz über den seidig weichen Flor des Teppichs streichelten, und meine Tränen verwandelten sich in ein Lächeln, sobald sein kräftiger Körper sich neben meinem zarten niederließ.

Das Zu-Tisch-Liegen ist sowohl eine Kunst als auch eine Wissenschaft und erfordert zugleich Übung. Maximus war ganz offensichtlich aus der Übung. Ich machte ihm das nicht zum Vorwurf.  Obwohl elegant und kultiviert, ist das Essen im Liegen nicht so bequem wie es erscheinen mag. Ich gebe gern zu, daß es passend sein mag zu liegen, wenn man sich unterhält und diskutiert. Aber Maximus hatte vermutlich nicht oft genug an schicken Banketts und Gesprächsrunden teilgenommen, um seinen eigenen Stil zu entwickeln. Höchstwahrscheinlich nicht mehr seit unserer ersten Nacht in Moesia, als ich ihn hatte überreden können, sich auf einem Ruhebett mitten in dem Zelt niederzulassen, in welchem Cassius' letztes Gelage stattgefunden hatte. In jener Nacht hatte er mit meinem Haar gespielt und meine Arme gestreichelt, während ich ihn mit gebratenem Fleisch und Gemüse fütterte, und obwohl eine erfahrene Hure war ich errötet und hatte gebebt wie eine Jungfrau, die entdeckte, was es mit echter Erregung auf sich hat ...

Eine bequeme Position zu finden erforderte mehr als nur einen Versuch;  er schob die seidenen Kissen hin und her und kämpfte dann mit seiner Tunika. Und als er mir endlich gegenüber lag, sagte mir die Mischung aus Freude und Erstaunen in seinen Augen, daß er - anders als in Moesia - die neue Erfahrung genoß.

Ich lächelte ihn an, aber etwas in meinem Blick ließ ihn fragend die Augenbrauen hochziehen. Immer wachsam. Immer Soldat. Gab es eine Möglichkeit, daß ich irgend etwas vor ihm verbergen konnte?

Es war offensichtlich, daß er eine Antwort auf seine unausgesprochene Frage erwartete.

Und ich war nur allzu bereit, seiner Bitte nachzukommen.

"Du bist schön", hauchte ich.

Maximus bekam große Augen.

"Julia ... ."

Es schien ihm peinlich zu sein.

"Du bist schön", wiederholte ich.

"Männer sind nicht schön", brummte er vor sich hin, und diesmal klang es nicht nur peinlich berührt sondern als habe ich etwas geradezu Anstößiges gesagt.

Ein Lachen perlte mir über die Lippen.

"Du hast recht", gab ich zu, und das Bemühen, meine Heiterkeit zu kontrollieren, ließ meine Stimme tiefer und ein wenig heiserer als gewöhnlich erscheinen. "Männer sind nicht schön ... aber Du bist es ... ."

Die sanfte Brise trug meine Worte mit sich fort, während ich einen flüchtigen Kuß auf seine Lippen presste. Er schien völlig überrascht, und bevor er noch reagieren konnte, hatte ich seinen Mund bereits wieder freigegeben und ihm einen Becher mit gekühltem Wein in die Hand gedrückt.

Maximus erholte sich schnell von dem Schock, nahm dankbar den Becher und trank einen großen Schluck, dann zuckte er zusammen, als der starke, kühle, goldene Wein seine Kehle hinunterrann. Da mir die fruchtige Herbheit des Jahrganges, den ich gewählt hatte, wohl bekannt war, nahm ich ihm den Becher aus der Hand und gab ihm statt dessen ein gefülltes Ei.

Maximus' strahlende Augen verengten sich wie die einer mißtrauischen Katze, als er vorsichtig in das Ei biß, dann verwandelte sich das Mißtrauen in ein entzücktes Grinsen, während die köstliche Lachspaste, mit der das Ei gefüllt war, auf seiner Zunge zerging. Ich nahm mir vor, dem Lohn meiner Köchin ein weiteres Silberstück hinzuzufügen. Und als ich noch einmal darüber nachdachte, beschloß ich, daß sie sogar einen aureus (*****) verdiente: wer immer fähig war, ein solches Lächeln auf Maximus' Lippen zu zaubern, verdiente mindestens das sagenhafte Gold Trojas.

Maximus nahm sich noch ein gefülltes Ei und ließ es mit solcher Begeisterung in seinen Mund fallen, daß ich mich beeilte, mir selbst eines zu sichern, bevor er den Teller leer räumen würde - und schon fielen wir beide gierig über das opulente kalte Mahl her.

Ich aß mit großem Vergnügen, denn ich war wirklich hungrig, und wie immer hatte sich meine Köchin selbst übertroffen, aber mehr als mein Essen genoß ich Maximus' Anblick, der das seine wie ein hungriger Wolf verschlang. Wie ich bereits sagte, hatte er für einen Bauern und Soldaten wirklich gute Tischmanieren, und nicht einmal die nicht zu leugnende Tatsache, daß er beinahe am Verhungern war, ließ ihn diese vergessen. Aber an der Art, wie er aß und das Essen ganz offensichtlich genoß, war etwas ganz Ursprüngliches und zutiefst Erregendes. Es war, als beobachte man ein junges, kräftiges Raubtier, das seine Beute verschlingt - die weißen ebenmäßigen Zähne blitzten in seinem dunklen gebräunten Gesicht.

Maximus' hielt plötzlich mit einem frisch gebackenen Brötchen in der Hand auf halbem Weg zum Mund inne.

"Warum ißt Du nicht?"

Ich wurde unsanft aus meiner Träumerei gerissen. Versunken in der Betrachtung jeder seiner Bewegungen und Gesten, in der Freude über sein offensichtliches Entzücken, hatte ich die saftige Olive, die ich gerade aß, völlig vergessen.

"O ja, ... ich habe nur nachgedacht ..."

Ich biß in die Olive, um nicht weitersprechen zu müssen.

Maximus aß sein Brötchen, dann runzelte er die Stirn, als sei ihm plötzlich etwas in den Sinn gekommen.

"Ißt Du so jeden Tag?" fragte er wie ein Kind, das darum bittet, seine natalicia (******) mehr als nur einmal im Jahr feiern zu dürfen, und ich mußte unwillkürlich wieder and den Jungen mit den grünen Augen am Fluß denken.

"Nun", sagte ich leichthin, "meine Köchin ist eine ehrliche Frau, und es ist ihr Prinzip, sich ihren Lohn durch gute Arbeit zu verdienen ... "

Die Falten auf Maximus ' Stirn vertieften sich sogar noch, doch dann grinste er auf diese gutmütige Weise, die mir immer das Gefühl gab, als würde mein Herz hier und jetzt zerspringen.

"Weißt Du was, Julia? Mit all dem guten Essen Tag für Tag solltest Du rundlicher ... "

Ich lachte.

"Nannion - das ist meine Masseurin und Sempronius' Frau - sagte mir, meine Köchin sei der Ansicht, es täte mir gut, etwas zuzulegen. Sie hat ihr gesagt, daß mit ein paar Pölsterchen hier und da meine Figur perfekt wäre ... "

Maximus betrachtete mich nachdenklich.

"Du brauchst keine zusätzlichen 'Pölsterchen' ... Du bist perfekt so wie Du bist ... "

Bevor ich noch ahnen konnte, was er vorhatte, küßte Maximus mich.

Der Kuß war mit nichts zu vergleichen, das ich erlebt hatte, seit wir die Schwelle zur Intimität vor wenigen Stunden überschritten hatten. Dieser Kuß verband in einer gehauchten Berührung  innigste Zärtlichkeit, offene Sinnlichkeit und die Verheißung unaussprechlicher Lust.

Und er dauerte nicht länger als einen Herzschlag.

Noch bevor ich ihn auf meine eigene Weise erwidern konnte, gab Maximus meinen Mund wieder frei ... aber nicht, ohne zuvor zärtlich in meine Unterlippe zu beißen.

Während es mir den Atem verschlagen hatte, lehnte er sich mit einem zufriedenen Lächeln in die Kissen zurück.

Nun war es an mir, einen großen Schluck Wein aus meinem Becher zu nehmen.

Vielleicht hatte ich mich geirrt. Vielleicht wußte der General besser zu flirten als ich gedacht hatte. Oder lag es nur daran, daß er - so wie ich - eben erst entdeckt hatte, wie sehr er es genoß?

 

Maximus rührte sich nicht, er blickte mich an und flüsterte dann: "Du bist perfekt so wie Du bist ... beinahe eine Göttin ... "

Eine Göttin?

Ich?

Auch Apollinarius hatte mich eine Göttin genannt, aber was meinten beide - er und Maximus - damit, wenn sie mich so nannten? Irgendwie war der Gedanke, mit den rachsüchtigen und launenhaften römischen Göttinnen verglichen zu werden, leicht irritierend und mehr als nur ein wenig beunruhigend.

"Ich dachte, ich sähe aus wie eine Königin ... " stammelte ich überwältigt sowohl von seinen Worten als auch von einer vagen abergläubischen Furcht. Ich glaubte nicht an die Götter, aber niemand kann jemals vollständig der Angst entkommen, die Mächte dort oben zu beleidigen ...

Maximus' Blick wurde so weich, daß seine Augen beinahe feucht zu sein schienen.

"Eine Königin ... eine Göttin ... " sagte er, während sein schwieliger Zeigefinger sanft über meine Kehle glitt. "Schön ... Strahlend ... Perfekt .. "

Er fügte nicht hinzu "Und beinahe die Meine", aber wir vernahmen beide die Worte als habe er sie laut ausgesprochen. Die grün-blauen Augen verloren ihren weichen Ausdruck, und statt dessen erschienen in ihnen wieder jene vertrauten Flammen, die meinen ganzen Körper in Brand zu setzen drohten. Unfähig, seinem glühenden Blick standzuhalten, wandte ich mich ab und nahm einen weiteren Schluck Wein.

Wir beendeten das Mahl schweigend. Und wie gewöhnlich war dieses Schweigen bei uns nicht  von einem Gefühl des Unbehagens begleitet. Im Gegenteil. Es war Ausdruck einer süßen Vertrautheit, Worte waren willkommen, aber das Schweigen war ebenso machtvoll und wir genossen es mit der gleichen Unbeschwertheit, denn wir sprachen zu einander mit unserem Herzen und unserer Seele.

 

Endlich gesättigt ließ sich Maximus zurück auf die Kissen fallen und schloß die Augen.

"Bist du fertig? fragte ich, bereit, die weitgehend geleerten Schüsseln und Teller wegzuräumen.

"Darauf kannst Du wetten", ächzte er. "Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Leben jemals so voll gewesen zu sein..."

Ich konnte nicht anders und fing an zu kichern.

"Es gibt noch Dessert ... "

Maximus stöhnte in gespielter Verzweiflung.

"Wenn ich nur an Dessert denke, wird mir schon schlecht ... "

Ich kramte im Korb und beförderte mit einem versteckten Grinsen ein in eine saubere Serviette gewickeltes Päckchen zutage.

"Ich denke, Du solltest in Erwägung ziehen, noch eine Anstrengung zu unternehmen ... "

Maximus bedeckte die Augen mit seinem Unterarm als könne er so die Versuchung abweisen.

Ich wickelte ein halbes Dutzend Pinienkern-Honig-Rosinen-Plätzchen aus.

Maximus rührte sich nicht.

Ich nahm eines der Plätzchen, lehnte mich zu ihm hinüber und hielt es direkt über seiner Nase in die Luft.

Maximus wurde plötzlich sehr aufmerksam und schnüffelte interessiert. Ich mußte einfach lachen, denn er sah nicht nur wie ein Kind aus sondern wie ein verlorenes Hundebaby, das sich nach der Milch seiner Mutter sehnt. Oder wie Rubia, wenn ich sie mit ein wenig geräuchertem Fisch davon abbringen wollte, weiter die Topfpflanzen auf der Terrasse heimzusuchen.

Ich hielt ihm das Plätzchen dichter vor den Mund.

Seine Lippen öffneten sich, und die Zungenspitze kam zum Vorschein - einladend feucht und rosa.

Ich mußte mich anstrengen, nicht der Versuchung nachzugeben, einen hungrigen Kuß auf diesen herrlich geformten Mund zu pressen, und brachte das Plätzchen noch ein wenig näher an besagten Mund heran.

Die Augen immer noch geschlossen und mit dem Unterarm bedeckt knabberte Maximus zuerst vorsichtig an dem Gebäck und nahm dann einen großen Bissen. Nachdem er das erste Plätzchen vertilgt hatte, fütterte ich ihn mit noch zwei weiteren.

Nachdem auch das dritte verschwunden war und ich beschlossen hatte, die verbliebenen drei für das Frühstück aufzubewahren, leckte er die Krümel von meinen Fingern, knabberte und saugte dann zärtlich an ihnen, öffnete schließlich die Augen und belohnte mich für meine Bemühungen mit einen herzlichen Lachen.

Ich mußte einfach mitlachen.

"Mehr Wein?" fragte ich, nachdem wir uns endlich beruhigt hatten und die schmutzigen Teller und Schüsseln wieder im Korb verstaut waren.

"Nein ... wenn ich noch mehr trinke, dann - fürchte ich - werde ich für Dich von keinerlei Nutzen mehr sein können ... "

Ich hob fragend eine Augenbraue.

"Und das soll bitte was heißen?"

Maximus grinste schelmisch.

"Was, wenn Ferox, der gräßliche katzenfressende Hund, plötzlich angerannt kommt, und ich schlafe meinen Rausch aus?"

"O", sagte ich und nahm seine spielerische Laune auf, "ich fürchte, das würde Sempronius Dir niemals verzeihen!"

Nun war es an Maximus, fragend eine Augenbraue zu heben.

"Und was soll das nun heißen?"

"Nun ... Sempronius hat mich hergefahren ... und er wollte mich nicht allein lassen ... "

Maximus' Augenbrauen hoben sich noch ein Stück. Er hatte die ausdruckstärksten Brauen, die ich je gesehen habe.

"Er wollte bleiben - nur für den Fall, daß ich einen Beschützer brauchen sollte ... aber er versprach, sich diskret im Hintergrund zu halten ... "

Ich hätte nicht geglaubt, daß diese besagten Augenbrauen Maximus' hohe Stirn tatsächlich noch weiter erklimmen konnten ...

"Sempronius ist sehr aufmerksam ... und sehr diskret ... " fügte ich hinzu.

"Ich glaube, ich muß mit diesem Sempronius mal ein Wörtchen reden .... "

"O, Du wirst Dich sicher gut mit ihm verstehen", versprach ich.

Maximus streichelte meine Kehle zärtlich mit seinem Zeigefinger, und ich schluckte instinktiv unter der Berührung dieser warmen, rauhen Fingerkuppe. Gemächlich wanderte sein Finger meinen Hals hinab bis zu der Kuhle am Schlüsselbein, wo mein Puls regelmäßig schlug ... und  hielt plötzlich inne.

Er runzelte die Stirn.

Ich preßte die Lippen zusammen, um nicht kichern zu müssen.

"Was ist das ... " setzte er an und errötete sichtlich unter seiner Bräune.

Ich preßte die Lippen noch fester aufeinander.

Maximus räusperte sich.

"Habe ich das ... ?"

"Ja", antwortete ich und verzog keine Miene. Kurz oberhalb des Schlüsselbeins war ein Knutschfleck ... dort wo er meine pulsierende Halsschlagader geküßt, an ihr geleckt und gesaugt hatte. Bei dem bloßen Gedanken an seinen Bart auf meiner Haut und an seine feuchte heiße Zunge, die sich intensiv diesem bereits übersensiblen Teil meines Körpers widmet, spürte ich, wie mein Herz einen Sprung tat. Ich bekomme leicht blaue Flecke, da meine milchweiße Haut sehr empfindlich ist ... und das war nicht das einzige Mal, welches sein leidenschaftliches Liebesspiel auf meinem Körper hinterlassen hatte. Es war nur leichter zu sehen.

"O!"

Er hatte eine ganz besondere Weise "O!" zu sagen - eine Mischung aus Verwunderung, Unschuld und Verlegenheit, die einfach zu köstlich war, um nicht bemerkt zu werden.

Maximus räusperte sich noch einmal und fragte dann in bewußt neutralem Ton: "Habe ich ... Ich meine ... Habe ich ... ?"

"Nein ... " unterbrach ich ihn, um sowohl ihn aus seiner Verlegenheit zu retten als auch meine Erheiterung unter Kontrolle zu bringen.

"Es tut mir leid ... "

"Das braucht es nicht ... "

"Ich weiß, ich war zu ... Ich sollte ... gewesen sein ... " und er errötete tief.

Ich preßte meine Lippen auf seinen Mund und brachte sein Stammeln mit einem heißen Kuß zum Verstummen.

Maximus keuchte unter meinem Kuß, dann legte er seine starken Arme um mich und versuchte, mich dichter an sich zu ziehen, aber ich entwand mich ihm, und er rang nach Atem, als ich seinen Mund freigab.

"Da ist nichts, das Dir leid tun müßte ... " hauchte ich. "Nichts, für das Du Dich entschuldigen müßtet ... Du bist ... perfekt .... "

"Beinahe ein Gott ... " fügte ich in Gedanken hinzu - und irgendwie war, ihn so zu nennen, überhaupt nicht unheimlich oder lästerlich sondern einfach nur richtig.

 

Ich küßte ihn noch einmal - diesmal sehr zärtlich - und schmiegte mich an ihn. Maximus schlang seine Arme fest um mich, und jeder von uns bewegte sich sacht, bis unsere Körper in perfekter Einheit miteinander zu verschmelzen schienen ... die natürliche Wärme, die von ihm ausging, würde für mich immer ein Wunder bleiben. Wäre ich eine Katze, dann könnte er mich sicher nur mit Mühe davon abhalten, mich an ihn zu schmiegen und auf seinem Schoß zusammenzurollen, sooft er in meine Nähe käme. Ich ließ meinen Kopf an seiner Schulter ruhen und seufzte zufrieden. Ich war keine Katze, und trotzdem hätte ich am liebsten geschnurrt, und als Maximus mir über den Rücken streichelte, drückte ich mich gegen seine Hand wie Rubia es zu tun pflegt, wenn ich ihren Rücken streichle. Zur selben Zeit ließ ich meine Hand in die Öffnung seines Gewandes gleiten und liebkoste die nackte Haut seiner Brust. Maximus' Hand auf meinem Rücken hielt plötzlich inne.

"Keine Sorge, General", murmelte ich an seinem Hals. "Deine Tugend ist bei mir in guten Händen. Ich bin zu schläfrig, um Dich zu vergewaltigen ... "

Das stimmte. Wer hätte gedacht, daß Glück so anstrengend sein kann? Oder vielleicht war es auch der Wein ... Nicht daß ich zu viel getrunken hätte, aber da süße Zufriedenheit mir wie niemals zuvor das Blut erwärmte, könnte schon ein einziger Becher zu viel gewesen sein.

 

Maximus lachte in sich hinein, und seine Hand setzte sich wieder in Bewegung, zeichnete unsichtbare Kreise auf meine Schulterblätter.

"Wenn Du so müde bist, dann sollten wir 'rein gehen ... " sagte er, und ich spürte seinen Atem auf meinem Haar.

"Nein", antwortete ich, und mein Körper versteifte sich in instinktiver Abwehr - so wie Rubia es tat, wenn ich sie herumtrug und sie sich gegen diese Verletzung ihrer Würde zur Wehr setzte. "Ich will mich nicht bewegen ... "

"Das mußt Du nicht. Ich werde Dich tragen ... "

"Nein!" wiederholte ich, und meine Hände griffen nach dem feinen Stoff seines Gewandes.

Maximus Arme legten sich fester um mich, als er mich an sich zog und meine Schläfe küßte.

"Schhh, Julia. Ist schon gut. Wir werden nicht 'reingehen, wenn Du nicht willst ... "

Ich seufzte und ließ mich erleichtert gegen seinen warmen Körper sinken.

Kurze Zeit herrschte Schweigen, und Maximus gab mir Zeit, damit ich herausfinden konnte, was mich beunruhigte, und die Möglichkeit hatte zu entscheiden, ob ich es mit ihm teilen wollte oder nicht.

"Ich wollte schon immer eine Nacht unter dem Sternenhimmel verbringen .... "sagte ich mit leiser Stimme und fing wieder an, seinen Brustkorb zu streicheln. Meine Finger hatten bereits das Lederband erreicht, aber ich vermied es, die daran hängenden Wolfszähne zu berühren. Sie waren alles, was ihm von seiner Kindheit und Familie geblieben war, und irgendwie erschien mir, sie zu berühren, ein größeres Sakrileg zu sein als eine keineswegs makellose sterbliche Frau mit einer Göttin zu vergleichen.

"Du bist den ganzen Weg nach Moesia und wieder zurück gereist. Ich dachte, eine Stadtfrau wie Du hätte damit für den Rest ihres Lebens genug Nächte im Freien zugebracht ... "

Ich zupfte an den feinen Härchen auf seiner Brust.

Maximus zuckte zusammen.

Mein Gesicht lag lächelnd auf seiner warmen Haut.

"Ich habe immer in einem Zelt geschlafen", antwortete ich. "Du müßtest wissen, wie eng und stickig es in einem Zelt ist. Von ihnen hab ich wirklich genug für den Rest meines Lebens. Was ich meine ist, wirklich im Freien zu schlafen, und wenn ich aufwache, nur die Sterne über mir zu sehen ... "

"Du möchtest auf Deck schlafen?"

"Ja."

"Es wird regnen."

Blitzschnell packte er meine Hand, bevor ich ein weiteres Mal  an seinen Brusthaaren zupfen konnte.

"Du machst Dich über mich lustig", protestierte ich. "Es ist eine wundervolle Nacht ... "

"Es wird regnen", wiederholte er in dem unerbittlichen Ton eines Auguren, welcher ein schlechtes Omen für das Imperium verkündete.

"Wie kannst Du Dir da so sicher sein?"

"Ich kann den kommenden Regen in der Luft riechen ... der Himmel mag jetzt klar sein, aber noch vor dem Morgengrauen wird es regnen."

Ich seufzte.

"Außerdem", fuhr Maximus fort, "ist gar nichts Besonderes daran, im Freien zu schlafen. Ich hab das oft genug getan, um es beurteilen zu können ... "

Seine große Hand hielt immer noch mein Handgelenk umschlossen, damit ich nicht an seinen Brusthärchen zupfen konnte - also biß ich ihm in den Hals. Maximus zuckte zum zweitenmal zusammen und brach dann in Gelächter aus.

"In Ordnung, in Ordnung", sagte er gutmütig. "Ich gebe zu, daß ich noch nie auf einem orientalischen Teppich unter dem Sternenhimmel gelegen habe - mit seidenen Kissen unter meinem Kopf, ein ganzes Festmahl in meinem Bauch ... und eine schöne Frau in meinen Armen. Ich sollte es also einmal ausprobieren ... "

"Gut ... "

Schweigen. Stille. Es tat so gut, einfach nur in den Armen des anderen zu liegen, seine Wärme zu genießen. Die Leidenschaft glühte nur noch verhalten, wie die Glut unter der Asche nach einem gewaltigen Feuer, und ihre beständige Wärme fühlte sich gut an, denn wir wußten, daß wir diese Glut mit einem einzigen Kuß oder einer zärtlichen Berührung wieder zu einem lodernden Feuer entfachen konnten. Und es war wunderbar zu wissen, daß wir entscheiden konnten, wann es so weit war, daß wir die Zeit der Erwartung so weit verlängern konnten wie erfahrene Liebende ihre Vereinigung ausdehnen, um die Lust zu vermehren.

Die Wärme von gutem Essen, Wein und Maximus' Körper breitete sich in mir aus, und ich wurde immer schläfriger. Mein Geist wanderte wie er es zu tun pflegt, wenn wir in diesem Niemandsland treiben, das zwischen Schlummer und Wachsein liegt. Bilder zogen an meinem inneren Auge vorbei, nur um wieder zu verschwinden, bevor ich sie richtig zu deuten vermochte. Ich bemühte mich nicht zu sehr, denn  ich konnte jetzt unmöglich die Kraft aufbringen, welcher es dazu bedurft hätte ... Aber da war etwas in meinem Unterbewußtsein, das meine Aufmerksamkeit forderte - etwas, das ich nicht genau ausmachen aber auch nicht gänzlich ignorieren konnte ... Nicht solange Maximus weiter mein Haar streichelte und mich so ablenkte. Aber es war etwas Wichtiges .... Etwas, das ich wissen mußte ... Etwas, das während der letzten sechs Jahre, in denen ich mich nach ihm verzehrt hatte, beständig in meinem Bewußtsein gewesen war ... Etwas ...

"Maximus..."

"Hm?"

Er klang so schläfrig wie ich mich fühlte, und ich mußte unwillkürlich lächeln.

"Wie alt bist Du?"

 

(*****) Aureus: Eine römische Goldmünze, deren Wert fünfundzwanzig denarii und einhundert sestertii entspricht. (******) Natalicia (Lateinisch):  "Geburtstagsfeier". 

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