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V
Ich schreckte hoch. Mein Herz raste. Wa.. ?? .......dann ließ es mich wieder zusammenzucken. Das Telefon. Es klingelte schrill und penetrant. Ich tastete nach meiner Uhr. 9.15. Mein Hirn brauchte einige Sekunden um alle nötigen Dateien zu öffnen. Irgendwas klemmte in der Festplatte. Das lag vielleicht an der Flasche mittelmäßigem Wein, die ich gestern Abend beim Chinesen konsumiert hatte. Sehr mittelmäßig. Chateau de la migraine. Die Begriffe Wein und Chinese waren das Passwort. Zack. Die Schubladen gingen auf. Ich hatte verpennt, wohl vergessen das Handy zu laden, das mich sonst weckte. Und wieder schrillte der Apparat. Ich gab einen Fluch in meinem Heimatdialekt von mir -den ich hier lieber nicht wiederhole- während ich mich hoch rappelte und den Hörer abnahm.
Ein Schwall äußerst schneller Worte in ziemlich genervtem Tonfall- traf auf mein empfindsames Trommelfell. Ich hielt den Hörer auf Abstand und wartete bis die Tirade in Bariton abebbte. „Hey, Germany , bist du auf Sendung? “ kam es misstrauisch nach einer kurzen Pause. „Ja, sorry. Mein Handy ist tot, habe vergessen zu laden. Also auch kein Weckruf. Tut mir echt leid...” “Aha.“ Es klang erleichtert. “Dachte schon du hast es dir anders überlegt.“ Mist. Wovon redete er?? „Hilf mir mal auf die Sprünge... ich bin noch bisschen daneben.“ bat ich vorsichtig. Scheiße... auf was hatte ich mich bloß eingelassen..? Hinter meiner Stirn klopften und hämmerten die sieben Zwerge. Er lachte amüsiert.“Black out? Soviel hattest du doch nicht. Es kam mir jedenfalls nicht so vor. Egal... du wolltest mich zur Hütte begleiten, bevor du zurückfliegst, mir ein bisschen helfen sie aufzumöbeln. Streichen und so...“ erklärte er vorsichtig. Häää?? Verarschte der Typ mich? Die Zwerge bekamen Verstärkung. „Als Gegenleistung soll ich dir bei deinem Reisebericht helfen. Oder habe ich da was falsch verstanden...? Also wenn dir die Idee nicht mehr so toll ...“ Ich hörte die Unsicherheit in seiner Stimme. „Wenn ich das versprochen habe, dann stehe ich auch dazu..“ meinte ich lahm. „Ein Versprechen war es eigentlich nicht. Du sagtest gestern, dass du gern noch neue Eindrücke mitnehmen würdest und du mit deiner Arbeit für die Zeitung auf der Stelle trittst. Da ich sowieso vorhatte in die Berge zu fahren, um die Hütte zu richten, bot ich dir an mitzugehen. Erinnerst du dich nicht..??“ wollte er etwas verwirrt wissen. „Äh, doch, jetzt wo du es sagst, natürlich. Nein, das ist ok. Wolltest du mich jetzt abholen?“ Mindestens ein Dutzend bärtiger Zipfelmützenträger pickte und hackte sich mit seinen Spitzhäckchen aus meinem Schädel heraus. „Neun hatten wir vereinbart, aber ich muss noch Farbe besorgen und Proviant. Das mach ich dann einfach vorher. In einer Stunde im Cafe? Reicht dir das?“ schlug er vor. Er schien es wirklich ernst zu meinen. Na, ja, man findet nicht alle Tage einen Deppen, der einem streichen hilft für drei Grillwürstchen, eine Kanne Kaffee und eine Story. „Sagen wir viertel vor elf. Ich muss mich erst mal mit den Tatsachen abfinden.“ scherzte ich mühsam. Er lachte ein bisschen hilflos, meinte dann: “Ok. Irgendwelche Wünsche zum Proviant?“ „Nein, ich bin pflegeleicht, solange Brot, Eier, Kaffee, Wasser und etwas Gemüse vorhanden sind. UND ASPIRIN“ Wo hatte ich es??? „Das hört sich sehr pflegeleicht an. Rauchen tust du auch nicht, oder? Das ist mehr als pflegeleicht und so korrekt.“ Er selbst rauchte wie Schlot. „Gegen ein paar gute Tropfen hast du aber nichts, wenn ich mich recht erinnere..“ frotzelte er. Ich schnaubte. „Also bis später. Und nochmals, sorry. War echt ein Versehen.“ Ich legte auf. Drei Sekunden später verschlang ich drei Aspirin, die zu meiner grenzenlosen Erleichterung nach wenigen Minuten Zwerg Gimli &Co in Urlaub schickten.
Während ich duschte und mich zurechtmachte, ein paar Sachen zusammenpackte, versuchte ich das Puzzle des gestrigen Abends wieder zusammenzusetzen. Nicht mal sein Name wollte mir einfallen. Jamie? Jeremy? James? Irgendsowas... Lassen wir’s bei Fremder.. er sprach mich mit Germany an, er meinte das klänge doch sehr feminin, der Witzbold. Außerdem erinnere ELKE ihn an den Begriff „Elk“ was Elch heißt und das passe gar nicht zu mir. Das solle ich als Kompliment werten. Ich warf einen Bierdeckel nach ihm, der prompt in seiner Suppe landete und ihn bespritzte.„Treffer.“ meinte er lakonisch, wischte sich lässig mit dem Ärmel das Gesicht ab. „Die Deutschen schießen noch immer scharf, sogar nach 50 Jahren.“ Das fand ich nicht so komisch. Er lachte trotzdem.
Die Stimmung des Abends war irgendwie seltsam gewesen. Dieses Telefonat, dass das ganze ins Rollen gebracht hatte- er hatte mir einen Deal angeboten. Er suche Inspiration. Mir, die ich selbst nichts dringender brauchte. Nach dem zweiten Gang und dem dritten Glas Wein sprach ich ihn direkt drauf an. Ich hatte richtig vermutet. Ein Schreiberling mit Schreibblockade. War das nicht zum Schiessen? Wir saßen im selben Boot. „Hast du was veröffentlicht? Bist du berühmt??“ versuchte ich komisch zu sein. „Sollte ich dich kennen??“ Er reagierte nicht, ignorierte es völlig. Ich hatte wohl einen wunden Punkt erwischt. Na, ja. Erfolglose Künstler gibt’s genug. „Und du?“ meinte er plötzlich, sah mir pfeilgerade in die Augen. „Der Deal ist : inspiriere und du wirst inspiriert. Quid pro quo.“ erinnerte er mich. “Ich muss einen Reisebericht schreiben, damit bezahle ich den Trip. Eine Din A 4 Seite incl. Fotos. Ich bringe nichts zustande. Nur banales Blabla. Die lynchen mich, aber was schlimmer ist, ich kann die Kosten nicht selbst tragen. Das reißt mich total rein.“ Er runzelte die Stirn, seine Augen wurden schmal. „Ein Amateur?“ es klang arrogant. “Ja. Ich schreibe aus Hobby. Mal mehr, mal weniger.“ erwiderte ich trotzig. Er hob entschuldigend die Hände. „Woher kennst du Veitch?“ wollte er wissen. „Robert? Habe ihn im Guesthouse getroffen. Er kennt den Besitzer gut. Ich musste ja Kontakte knüpfen, also ging ich mit ihm was trinken. Warum?“ „Nur so. Dein Auftritt im Pub war .. nun ja.. vor zwanzig Jahren hätten sie dich dafür an den Haaren hinausgeschleift, kollektiv geschändet und dann im Busch verscharrt. Das hätte sich kein echter Kerl bieten lassen. Zum Glück stehen die Touristen seit dem 1.Januar unter Tierschutz.“ Er verzog keine Miene dabei. Dann fing er plötzlich an zu kichern. “Du müsstest dein Gesicht sehen..“ japste er. „Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du einen echt kranken Humor hast?“ giftete ich, dann musste ich selbst lachen. „Oh, ja. Tausende. Alles Touristen.“ bestätigte er. „Du solltest ihnen glauben, so viele Menschen können sich nicht alle irren, du Blödmann.“ „Touristen sind keine Menschen. Sie tun nur so. Alles Aliens, die den Kontinent ausspionieren und sich möglichst dämlich benehmen, damit ihnen niemand drauf kommt. Du bist ein giftiges Weib. Aber wir sind hier an Nattern gewöhnt.“ grinste er. „Und an Rindviecher. Es laufen sogar jede Menge zweibeinige rum. Ich habe auch schon drei kennen gelernt.“ schoss ich zurück. Er blitzte mich gespielt beleidigt an, dann lachten wir beide. „Jetzt, da wir genug Komplimente ausgetauscht haben, sollten wir mal über den Deal reden. Viel Zeit hast du ja nicht mehr, oder?“ „Drei Tage. Samstag muss ich packen. Abends geht’s nach Sydney. Nachtflug.“ „Ich wollte ein paar Tage in die Hütte, sie ist eine knappe Stunde von hier mit dem Jeep.“ nuschelte er und zog an seiner -ich weiß nicht wievielten – Zigarette. „Tust du mir einen Gefallen?“ Er hob fragend die Brauen. „Hörst du für den Rest des Abends auf zu qualmen? Ich brauche bald eine Sauerstoffmaske.“ Ich lächelte entschuldigend. Er brummt etwas von ‚fucking sissy’, dann salutierte er.“ Yesssss, mam.“ Ich war gespannt wann mir seine Art, die mich bis jetzt amüsierte, auf die Nerven gehen würde. Sehr bald vermutlich. Er war ein Frotzler und Sarkast, konnte aber sehr komisch und auch selbstironisch sein. Wir wurden uns einig, dass ich mitgehe und ihm ein bisschen beim Renovieren helfe. „Ich bin da ziemlich überfordert. Weiß nicht wo ich anfangen soll.“ Das konnte ja nicht so schwer sein. Ich hatte meine ganze Wohnung selbst tapeziert und gestrichen. Von Schränken, Carports und Dachüberständen zu schweigen. Jetzt fiel mir ein, dass wir keinerlei Details besprochen hatten. Wo würde ich schlafen? Hatte er so was wie ein Bad?? Wc??? Oh, je, da hatte ich mir was Schönes eingebrockt. Ich hasse Camping. Womöglich war das ein alter Kuhstall mit Donnerbalken und verwanzten Strohsäcken auf dem Boden. Nescafe´, Gaskocher und Dosenfraß. Grrrrrrrrr Da gab’s nur eins: Selbst fahren, dann konnte ich jederzeit die Kurve kratzen. Es war ja nicht weit. Ich konnte abends zurück sein, wenn es zu heftig wurde. Oder er mir blöd kam, wie auch immer. Wo waren nur meine romantischen Anwandlungen geblieben? Ich fand ihn noch immer interessant und anziehend, aber irgendwie hatte sein wüster Humor mich ganz schön ernüchtert. Konnte mir nur recht sein. Nicht noch ein ‚Cry me a river and I’ll cry a river over you’
Als mein Kaffee kam, bog er um die Ecke. Die Hündin sprang freundlich hechelnd auf mich zu, beschnüffelte mich. Ihr ganzer Ausdruck war ein Muster neugieriger Erwartung. „Cindy, aus! Sitz.“ befahl ihr Herr, setzte sich mir gegenüber. Er trug zur Abwechslung mal kein Karo, sondern ein Jeanshemd mit Loch am Ärmel. Gestern hatte er sie nicht dabeigehabt. Der Mischling sah ihn mit einem herablassend - mitleidigen Blick an, als wolle sie sagen’Ach, Alter, reg dich ab. Häng nicht so den Chef raus.’ Dann gab sie ein raunzendes Geräusch von sich und setzte sich neben mich, sah kurz zu mir hoch und dann zu ihm, gähnte gelangweilt. Ich musste lachen. „Macht sie das mit Absicht? Die ist ja zum Schiessen.“ gluckste ich amüsiert, hielt ihr meine Hand hin. Nachdem sie ausgiebig geschnüffelt hatte, blinzelte sie mich auffordernd an. „Heißt das: Los , streicheln?“ fragte ich ihn. Er hatte grimmig schweigend zugesehen. War er eifersüchtig, weil das feste weibliche Wesen in seinem Leben mit andren flirtete? „Exakt.“ meinte er knapp. Ich tat es und erntete ein wohliges Grunzen. Ich trank schnell meinen Kaffee, kraulte die Hündin noch ein bisschen. Er wirkte unschlüssig. „Von mir aus können wir.“ schlug ich vor. Er nickte, erhob sich. Cindy tat es ihm nach, sah ihn konzentriert aus intelligenten, schwarzen Augen an. „Manchmal denke ich dieser Hund ist schlauer als ich. Sie muss die Wiedergeburt von Buster Keaton sein. Der sagte auch nie was, aber man wusste immer was er dachte.“ brummelte er. „Interessante Theorie..“ stellte ich verblüfft fest. Sein Blick fiel auf meine Tasche, er nickte anerkennend. „Pflegeleicht. Leichtes Gepäck.“ Er machte Anstalten sie aufzuheben. „Danke, nicht nötig. Ich nehme sie zu mir in den Jeep.“ Ich wies mit dem Kinn auf meinen Toyota, der ein paar Meter weiter stand. Er zog die Brauen zusammen, sah mich fragend an. „Ich möchte selbst mobil sein, dann hast du keinen Stress, falls ich früher zurück will. Ich weiß ja nicht was mich erwartet. Vielleicht kommen wir ja nicht klar. Wäre doch blöd, wenn wir uns dann annerven.“ Er machte ein ratloses Gesicht, dann zuckte er die Achseln und marschierte zu seiner Kopie meines Wagens. Ich ging ihm nach. Das musste sofort geklärt werden. Wenn er jetzt schon den Sturen mimte.. das lief nicht. Dann würde halt nix draus werden. Auch wenn sich gestern ein paar Schmetterlinge in meinen Bauch verirrt hatten- sie schienen davon geflattert zu sein... „He, Fremder.“ Er drehte sich zu mir. Pokerface. „Ist das ein Problem? Endet der Trip bevor er beginnt? Wäre doch schade.“ begann ich versöhnlich, klopfte ihm auf die Schulter. Überrascht sah er mir in die Augen, er wirkte unsicher. “Nein, nein. Du hast vollkommen recht. Ich neige ein wenig dazu den Reiseleiter zu spielen. Ich hatte mich gefreut mal nicht schweigend eine Stunde die Tour zu machen, sondern mich unterhalten zu können.“ Jetzt war die Verblüffung auf meiner Seite. Er war enttäuscht, weil er quatschen wollte!! “Ach, so, ich dachte schon, ich hätte schon wieder am nationalen Männerstolz gekratzt.“ versuchte ich mich zu verteidigen. Er zog eine Grimasse, stieg in seinen Jeep. Cindy hopste auf die Hinterbank, legte sich auf den Rücken, gähnte und schloss demonstrativ die Augen. „Hälst du mich für so einen Blödmann?“ wollte er vorwurfsvoll wissen, schlug die Tür zu. Ich sah ihn ein paar Sekunden ernsthaft an, dann meinte ich freundlich lächelnd: “Ehrlich gesagt.... ja.“ Er schnaubte, aber um seinen Mundwinkel zuckte es verdächtig. „Los , Germany, sonst stehen wir morgen noch hier. Du bleibst dicht hinter mir. Mal sehen ob du Auto fahren kannst.“ Ich verkniff mir eine Bemerkung, ging zu meinem Toyota, warf die Tasche rein, stieg ein, startete und setzte hinter ihn. Ich schob Joss Stone in den CD Player und drehte lauter. „Hörst du was?“ Er nickte. „Statt Smalltalk- besser als nichts, oder?“ Er gab Gas und kurz darauf fand ich mich auf einer manchmal recht holprigen Piste in Richtung Berge wieder. Zum Glück hatte es geregnet, sonst hätte ich Staub schlucken müssen. Ich gab ihm ein’ Thumbs up’, als er sich kurz nach mir umsah. Er nickte zustimmend und so nahmen wir die erste Steigung in Angriff. Er gab mir per Hand Anweisung welchen Gang des Allrads ich wann einlegen sollte. Ich war dankbar, ich war nur einmal vor fünf Jahren auf Kreta starke Steigungen mit einem ähnlichen Jeep gefahren. Als wir heil oben waren, stoppte er kurz, winkte mich neben sich. „Kommst du klar, Germany? Das war erst der Anfang, aber viel schlimmer werden die Pässe nicht, nur sehr kurvig.“ Er sah mich prüfend an. Ich nickte. „Wenn du mir weiter die Gänge zeigst, geht das schon.“ Er stieg wieder ein und wir setzten die Fahrt fort. Nach der dritten Cd schrie er mir zu: “Wir sind gleich da. Hinter der nächsten Kurve!“ Neugierig und ängstlich reckte ich den Hals. Hoppla. Das sah nicht so übel aus. |