|

24.a Enthüllungen und
Träume - 180 A.D.
Das war es. Was ich schon
immer hatte wissen wollen. Über das ich so oft nachgedacht hatte, während
ich mich nach Maximus sehnte ... Die Frage, welche bewies, wie wenig ich
wirklich über den einzigen Mann, den ich je lieben würde, wußte, eine Frage,
die sowohl unangenehm als auch sehr persönlich war. Und ich platzte einfach
damit heraus, bevor mein schläfriger Verstand noch Zeit hatte zu erfassen,
was ich da eigentlich tat.
Die große warme Hand hörte
plötzlich auf, mein Haar zu streicheln, und ich fühlte, daß Maximus' Körper
sich zum erstenmal in einer Weise anspannte, wie er es nicht getan hatte,
seit er am frühen Nachmittag an Bord der Poseidon gekommen war. Er
versteifte sich nicht, wie in der Vergangenheit, wenn er meine
Annäherungsversuche zurückgewiesen oder mich von seiner Trauer
ausgeschlossen hatte, aber er war auch nicht mehr so entspannt wie zuvor.
Dann seufzte Maximus.
Ein langer, unsicherer,
tiefer, Seufzer.
So lang und so unsicher
und so tief, daß es keinen Zweifel an dem innerlichen unterdrückten Schmerz
hinter diesem Seufzer gab.
Jetzt war ich überhaupt
nicht mehr müde sondern im Gegenteil hellwach und aufmerksam. Maximus
lockerte den festen Griff, mit dem er mich an sich gedrückt hielt, und
erlaubte mir, ein wenig von ihm abzurücken, während er sich mit dem Rücken
auf die Kissen legte. Ich stützte mich gerade noch rechtzeitig genug auf
einen Ellbogen um zu sehen, wie er die Augen schloß und dann die Stirn
runzelte als müsse er sich anstrengen, die richtige Antwort auf eine
besonders schwierige Frage zu finden ...
Plötzlich kam mir der
Gedanke, daß Maximus vielleicht so lange nicht über sich selbst nachgedacht
hatte, daß es sogar schwierig für ihn war, sich an sein eigenes Alter zu
erinnern.
Dann sprach er.
"Am 7.April", antwortete
er leise, "bin ich dreiunddreißig geworden."
Seine Stimme war tief und
dunkel und ein wenig heiser, aber da war keine Verbitterung oder Traurigkeit
in der Art, wie er sprach - nur ein Anflug von Melancholie.
7.April.
Frühling.
Zeit der Kämpfe.
Seit seinem vierzehnten
Lebensjahr wird er mit großer Wahrscheinlichkeit die meisten seiner
Geburtstage in seinem Armeelager oder sogar an der Front verbracht haben.
Die Chance, daß ein Soldat seine im Frühling gelegene natalis(*)
daheim verbringt, ist mehr als gering - sei er einfacher Soldat oder
General.
Und Maximus hatte die
meiste Zeit seines Lebens als erwachsener Mann in Germanien stationiert
verbracht, wo der Kampf gegen die Stämme in der schon zwanzig Jahre
währenden Regierungszeit Marcus Aurelius' nie wirklich aufgehört hatte.
"Am 7.April bin ich
dreiunddreißig geworden."
7.April.
Nur ein paar Monate war
das her ...
Plötzlich hatte ich das
Gefühl, als sei ich vom Blitz getroffen worden.
Am 7.April dieses Jahres -
des ersten der Herrschaft des Kaisers Caesar Lucius Aelius Commodus Aurelius
Antoninus Augustus - war Maximus in Zucchabar gewesen. Am 7.April dieses
Jahres war der Mann, welcher von Rechts wegen römischer Kaiser sein sollte,
bereits auf dem Sklavenmarkt einer entlegenen, gottverlassenen, staubigen
afrikanischen Provinz verkauft worden ... Oder vielleicht war er auf dem Weg
nach Rom gewesen - in die große Arena des Kolosseums. Aber es machte
wirklich keinen Unterschied, ob er in einer finsteren kleinen
Gladiatorenschule in Afrika eingeschlossen oder ob er auf dem Weg in die
Hauptstadt der Welt gewesen war, denn er war bereits ein Sklave und
Gladiator, ein Mann, der Tag um Tag ums Überleben kämpfte indem er zum
Vergnügen des Mobs tötete, währen er sich langsam Commodus und seiner Rache
näherte ... und seinem eigenen Tod. Ein Mann, den man seines Ranges, seiner
Familie, seiner Freiheit beraubt hatte.
Dem man sogar seinen Namen
genommen hatte.
Ein Mann, den man
lediglich unter dem Namen 'der Spanier' kannte.
"Am 7.April bin ich
dreiunddreißig geworden."
Dreiunddreißig.
So jung. So voll Leben. So
viele Jahre noch vor sich, während derer auch seine tiefsten Verwundungen
heilen könnten. Während derer er Weizen anbauen oder Pferde züchten oder was
auch immer tun könnte .... . Wagen. Hoffen. Lieben und geliebt werden.
Kinder haben und sie aufwachsen sehen und sehen wie sie wieder Kinder
bekommen ...
Als mir all dies plötzlich
klar wurde, wollte ich weinen vor Wut . Weinen vor Wut über die
Ungerechtigkeit des Lebens. Über die Ungerechtigkeit des Schicksals. Über
die Ungerechtigkeit, daß die Götter gleichgültig schweigen zu den Leiden der
Männer und Frauen, die ihnen dienen ... Aber statt dessen schluckte ich den
dicken Kloß in meinem Hals hinunter, legte mich neben Maximus flach auf den
Rücken und schloß die Augen. Dann sprach ich. Und als ich sprach, war da
weder Traurigkeit noch Verbitterung in meiner Stimme. Nur Melancholie. Aber
ist es nicht die Melancholie, die an die Stelle von Traurigkeit und
Verbitterung tritt, wenn wir es so müde sind zu leiden, daß wir wählen
müssen entweder einfach weiter zu machen oder unserem Leben und dem, was uns
so sehr schmerzt, ein Ende zu setzen?
"Ich weiß nicht, wann ich
geboren bin", sagte ich so leise als würde ich zu mir selbst sprechen.
"Niemand registriert die Geburtstage von Sklaven, nur ihre Anzahl und ihr
Geschlecht ... so wie beim Vieh. Ich weiß nur, daß ich in Rom geboren bin
... Wenigstens erinnere ich mich an keinen anderen Ort als Rom ... Ich habe
keine Erinnerung an meine Mutter ... Ich erinnere mich weder an einen Kuß
noch an eine Zärtlichkeit ... "
Maximus bewegte sich an
meiner Seite, und selbst ohne die Augen zu öffnen wußte ich, daß er sich zu
mir hingedreht und sich auf seinen Ellbogen gestützt hatte, um mich besser
anschauen zu können.
"Ich weiß nicht, wie alt
ich wirklich bin ... Ich habe eine ziemlich gute Vorstellung von meinem
Alter, denn ich begann, die Jahre zu zählen, als mein Körper sich ...
veränderte ... Ich war ungefähr achtzehn, als ich dich in Moesia
kennenlernte ... also bin ich jetzt ungefähr vierundzwanzig ... "
Ich hielt inne und
runzelte konzentriert die Stirn, mühte mich, die richtigen Worte zu finden,
denn ich hatte noch niemals über das gesprochen, was ihm zu sagen ich im
Begriff war.
In Anbetracht dessen, wie
meine frühen Jahre gewesen sind, sollte es gar nicht so schlimm sein, daß
ich nicht weiß, wann mein Geburtstag ist ... nur ein unbedeutendes Ärgernis.
Aber ... aber ... es ist immer eine Quelle des Kummers gewesen.
Eine Quelle des .... Zorns ... "
Maximus schwieg weiter und
ich fuhr fort zu erzählen --- etwas, das nicht einfach war.
"Es mag dumm erscheinen,
aber ich haßte diese Tatsache mehr als alles andere ... Man hatte mir alles
geraubt, bevor ich überhaupt geboren war, aber irgendwie ... irgendwie war,
keinen Geburtstag zu haben, besonders ... schmerzvoll... "
Nein, ich hatte das
niemals jemandem eingestanden. Wie hätte ich es selbst denen gegenüber, die
um meine Vergangenheit wußten, tun können? Wie hätte ich es tun können, ohne
mein Unvermögen einzugestehen, trotz meines Reichtums und meiner machtvollen
Position mit einem scheinbar so unbedeutenden Kummer fertig zu werden? Nein,
nicht einmal der Mann, der mich unterrichtet und mich gelehrt hatte,
Verbitterung so weit als möglich zu meiden, hätte das verstanden. Nicht
einmal der Mann, der mich trotz meiner befleckten Vergangenheit geheiratet
und mich gelehrt hatte, was Macht und Rache bedeuten. Nein, nicht einmal
sie. Und sogar nicht einmal der Mann, den ich vor sechs Jahren in Moesia
kennengelernt hatte. Nur der Mann konnte es, der schweigend an meiner Seite
lag. Nur dieser neue Maximus konnte die Hilflosigkeit, Trauer und Wut,
seiner eigenen Identität bis zum letzten beraubt worden zu sein, verstehen
... so wie ich ihn verstand.
Starke, schwielige Finger
berührten zart meine Stirn, als Maximus sanft mein Haar beiseite schob, und
im Stillen dankte ich ihm für diese diskrete Geste der Zärtlichkeit, von der
er wußte, daß ich sie bitter nötig hatte, die mir offen zu schenken er
jedoch vermied - aus Sorge, mich zu beschämen. Und für beides - für die
Zärtlichkeit und für die Aufmerksamkeit, die ihn davon abhielt, diese
Zärtlichkeit einfach unverhüllt zu schenken - liebte ich ihn noch mehr, als
ich es schon getan hatte ... wenn das nach menschlichem Ermessen überhaupt
möglich war.
"Man betrachtet mich als
Römerin, aber ich weiß, daß ich eine Fremde bin ... und immer sein werde.
Oder zumindest fühle ich mich als Fremde, und ich weiß, daß sich das niemals
ändern wird ... Ich gehöre nirgendwo hin ..."
"Julia ... "
Ich öffnete die Augen und
stellte fest, daß Maximus mich anschaute. Da war ein Anflug von Sorge in
seiner Stimme, und dieselbe Sorge spiegelte sich in dem intensiven Blick
seiner blau-grünen Augen wieder. Aus der Zärtlichkeit, mit der er meinen
Namen nannte, und dem Blick in seinen Augen wußte ich, daß er alles getan
hätte, um mich vor dem Schmerz zu bewahren, für immer ein Außenseiter zu
sein ... und wenn es ihm nicht gelingen sollte, dann würde er mit Freuden
die Last dieses Schmerzes mit mir teilen so wie ich alles getan hätte, um
ihn vor seinem eigenen Schmerz zu beschützen oder seine Last mit ihm
gemeinsam zu tragen. Nun war ich es, welche die Hand hob und mit ihren
Fingern zart über sein geliebtes Gesicht strich. Bevor ich weitersprach,
lächelte ich. Das Lächeln fiel ein wenig schief aus, und trotzdem hoffte
ich, daß etwas Beruhigendes von ihm ausgehen würde.
"Ich wurde meines Volkes,
meiner Familie und meiner Vergangenheit beraubt, aber so merkwürdig es
klingen mag: meines Geburtstages beraubt zu sein, ... das schmerzt irgendwie
am meisten."
Ich schluckte krampfhaft
und blickte hinauf zum sternenfunkelnden Nachhimmel über uns. Er sah aus wie
ein überdimensionaler Baldachin aus dunkelblauer mit winzigen Diamanten
besetzter Seide. Ich hatte darum gebeten, diese Nacht unter den Sternen zu
verbringen, aber dennoch hatte ich - was diese Sterne betraf - gemischte
Gefühle, denn irgendwie waren sie wie die Götter: ihre strahlende Schönheit
war mit einer so kalten Distanz gepaart, daß sie schier unerreichbar waren -
eine schmerzende Ungerechtigkeit.
"Ich habe keine
Vergangenheit außer jener, die ich lieber vergessen möchte ... ", fuhr ich
fort, meine Augen weiter auf die fernen, kalten, schönen Sterne geheftet.
"Ich habe keinen alljährlichen persönlichen Feiertag, an dem ich die Freude,
am Leben zu sein, feiern und den Göttern Opfer darbringen könnte ... Ich
kann mir nicht aus den Sternen lesen lassen ... ist das nicht absurd? Ich
glaube nicht an Wahrsager, warum sollte es mir also Kummer bereiten, daß ich
sie nicht die Sterne für mich deuten lassen kann? Aber trotzdem tut es das
... "
Ich wandte meine
Aufmerksamkeit von den Sternen ab und heftete statt dessen meinen Blicke
wieder auf Maximus' Augen. Sie hatten die Farbe eines warmen südlichen
Meeres, und ich wollte mich in ihrer Tiefe und Wärme verlieren.
"Auch mein Gemahl glaubte
nicht an Wahrsager. Nicht einmal an die Götter ... und mit Sicherheit nicht
an die Priester und den offiziellen Kult. Aber sein Geburtstag war für ihn
etwas ganz Wichtiges ... Jedes Jahr an diesem Tag schenkte er den besten
Arbeitern unter seinen Sklaven die Freiheit, brachte den Göttern großzügige
Opfer dar, beschenkte seine Dienerschaft und veranstaltete ein großes Fest
... Von dieser Gewohnheit ließ er sich nicht abbringen, und nicht einmal
seine schwächer werdende Gesundheit hielt ihn davon ab - bis unmittelbar vor
seinem Ende ... "
Ich preßte die Lippen fest
aufeinander, um die gemischten Gefühle kontrollieren zu können, die immer
von der Erinnerung an jene besonders schwierigen Tage heraufbeschworen
wurden, während derer ich - so sehr ich mich auch bemüht hatte - nicht in
der Lage gewesen war, fair jenem Mann gegenüber zu sein, der mir so viel
gegeben und im Gegenzug so wenig angenommen hatte.
"Es tat weh, verstehst Du?
Seine Geburtstagsfeiern zu organisieren war meine Aufgabe und zu wissen, daß
es nie eine für mich geben würde ... das tat sehr weh ... Apollinarius'
Mutter hatte ihm den Tag seiner Geburt gesagt, bevor man ihn verkaufte, und
er feiert ihn ... Und auch das tut weh ... Das sollte es nicht ... Ich
sollte mich für ihn freuen ... Ich sollte froh sein, daß er irgendwie einen
Teil seines wahren Selbst hatte retten können, aber es tut weh ... "
Und als ich zum erstenmal
mit der Feier von Marius Servilius Tibullus' Geburtstag konfrontiert wurde,
war meine Verbitterung so tief gewesen, daß ich in der Folge die Demütigung
hatte hinnehmen müssen, dieses Gefühl nicht vor ihm verbergen zu können.
"Als seine erste
natalicia nach unserer Eheschließung unmittelbar bevorstand, bemerkte
mein Gemahl mein ... Unbehagen was dieses Thema betraf, und in seiner
typischen sachlichen Art schlug er vor, ich solle einfach einen Tag
auswählen und diesen als meinen Geburtstag feiern ... Wir aßen und er
brachte das Thema mit dem ihm eigenen sachlichen Wesen zur Sprache ... "
Ich fügte nicht hinzu, daß
ich Jahre gebraucht hatte um zu verstehen, daß die scheinbare Leichtigkeit
in seinem Ton nur seine Sorge hatte verschleiern sollen ... und daß er mir
so die Peinlichkeit, ein so delikates Thema anzusprechen, hatte ersparen
wollen.
"Und was hast Du gesagt?"
fragte Maximus und drängte mich sanft, fortzufahren und auszusprechen, was
so lange an mir genagt hatte.
Ich seufzte tief, bevor
ich antwortete.
"Ich dankte ihm für seine
Aufmerksamkeit, wies seinen Vorschlag aber zurück. Ich sagte, daß dies nur
ein Schwindel sein würde - so wie die Ahnenlinien, die man sich durch
gefälschte Papiere zulegen kann ... Und dann tat er etwas Außergewöhnliches.
Er riet mir, die Sache noch einmal zu überdenken ... Wenn ich nein sagte,
kam Marius Servilius nie wieder auf ein Thema zu sprechen. Seine Zeit war
ihm dafür zu kostbar ... So weit ich mich erinnern kann, tat er dies nur
dreimal während der Jahre, in denen ich ihn kannte ... "
Maximus schwieg, während
ich meine Erinnerungen an den Mann sammelte, der nur dem Namen nach mein
Gemahl aber trotzdem ein besserer gewesen war als so mancher tatsächliche
Ehemann.
"Als ich mich weigerte,
ihn zu heiraten ... Als ich ihm sagte, ich würde nie seine Flotte verwalten
können ... Und als ich mich weigerte, mir einen Geburtstag zu wählen ... Es
gelang ihm, mich zu überreden, ihn zu heiraten, und mir beizubringen seine
Flotte zu verwalten ... aber was die Wahl eines Geburtstages anging, da
blieb ich standhaft."
"Er liebte Dich ... "
In Maximus' tiefer,
sonorer Stimme war weder Groll noch Eifersucht. Nur Überzeugung. Und wie
immer machte dies es nur noch schlimmer.
"Er liebte Dich ..."
Tat er das?
Seit dem Tode meines
Gemahls habe ich mir diese Frage mehr als einmal gestellt, und ich bin immer
wieder zu einem Ergebnis gekommen, das noch beunruhigender war als die schon
beunruhigende Frage selbst.
Maximus wartete. Also
seufzte ich nochmals und schüttelte verneinend den Kopf.
"Nein ... Nein, Maximus.
Er ... liebte mich ... nicht ... . Er liebte seine tote Frau und seinen Sohn
und seine Schiffe ... Ich bin dankbar, daß er es nicht tat, denn ich wäre
nicht fähig gewesen, dieses Gefühl zu erwidern ... Aber er ... respektierte
mich ... und dafür bin ich um so dankbarer. Manchmal ist es wichtiger,
respektiert ... als geliebt zu werden ... "
Ich wandte mich ihm zu.
"Du warst der erste Mann,
der mir jemals Respekt erwiesen hat, Maximus .... "
Er lächelte ein kleines
süßes Lächeln und streichelte noch einmal sanft mein Gesicht. Als er das
tat, berührte ich seine Hand, nahm sie dann in meine, führte sie an meine
Lippen und küßte sie.
Ich küßte die Hand, welche
der junge Lucius Aelius Commodus Aurelius Antoninus Augustus in jener kalten
Nacht in Germanien hätte küssen sollen - als Zeichen der Unterwerfung und
Treue für den Mann, den sein Vater zum Herrscher Roms bestimmt hatte. Die
Hand, welche Annia Lucilla Antonina nach ihm aus denselben Gründen hätte
küssen sollen. Die Hand, welche wiederum sein Legat hätte küssen sollen,
während er schwor, Maximus' Leben mit seinem eigenen Blut zu verteidigen.
Aber alle drei hatten ihn verraten und wissentlich zum Tode verurteilt ...
Erschrocken versuchte
Maximus, seine Hand wegzuziehen, aber ich ließ sie nicht los, und
widerstrebend gab er nach.
Ich küßte noch einmal
seine Knöchel, drehte seine Hand dann um und küßte auch die warme, große,
schwielige Innenseite. "Sechs Jahre lang habe ich das tun wollen", sagte ich
leise. "Ich liebe Deine Hände ... so stark und trotzdem so zärtlich ... die
einzigen Hände, die mich jemals gestreichelt haben ..." Ich küßte nochmals
seine Handfläche, und während ich das tat, fügte ich schweigend hinzu "Heil
Caesar!" - meine unausgesprochenen Worte sollten die einzige Ehrung sein,
die ihm je zuteil werden würde.
Als ich aufblickte, sah
ich Maximus' nachdenklichen Blick auf mir ruhen, und bevor ich noch wußte,
was ich tat, beantwortete ich bereits die Frage, welche in seinen
grün-blauen Augen brannte.
"Ich werde immer diesen
Tag in Ehren halten, Maximus ... "
Er nickte stumm, und das
war alles.
Wir sollten nie wieder
über diese Sache sprechen, aber alles, das gesagt werden mußte, war gesagt
worden, und wir beide wußten alles, was wir wissen mußten. Vor sechs Jahren
hatte Maximus mir meine Freiheit geschenkt und das Recht zurückgegeben, mein
Leben so zu führen, wie ich es führen wollte oder konnte, nicht wie man es
mir befahl. Vor wenigen Stunden hatte er mir geholfen, die Schwelle zu
überschreiten, und es mir ermöglicht, gereinigt und wiedergeboren zu werden.
Ich würde nie den Tag kennen, an welchem ich in diese Welt kam, aber niemand
würde mich je dessen berauben können, was Maximus mir an diesem Nachmittag
geschenkt hatte.
Ohne ein Wort zu sagen
nahm er meine Hand in seine und küßte sie, legte dann einen Arm um meine
Schultern, und ich bedurfte keiner weiteren Ermunterung, um mich wieder
seinen Armen zu überlassen.
Ich weiß nicht, wie lange
wir uns so hielten - unsere Herzen schlugen in ruhigem Gleichklang, mein
Atem streifte sanft seine warme Haut, ich atmete seinen ihm eigenen
männlichen Geruch ein, seine große Hand streichelte mein zerzaustes
rot-goldenes Haar.
"Julia?"
Nun war er es, der
schläfrig klang.
"Hm?"
"Was hat Dein geschätzter
Cornelius Crassus getan, um Dich so wütend zu machen?"
Ich mußte kichern.
Vielleicht war ich wirklich ein bißchen betrunken, denn ich wußte nicht, ob
ich über die Frage lachte oder über die Tatsache, daß Maximus sich an den
Namen des jungen Quästors erinnerte, oder über beides.
"Er ist nicht mein
Cornelius Crassus ... " sagte ich vergnügt und kuschelte mich noch ein wenig
näher an ihn. "Nachdem ich mich in Rom niedergelassen hatte, habe ich ihn
nie wieder gesehen ... Du willst wissen was er getan hat ... nun, abgesehen
davon, daß er eine wirklich gemeine Schwester hat, war er einfach zu
gönnerhaft ... "
"Hat der Quästor lange
genug gelebt, um für seinen Fehler die schuldige Buße zu tun?" fragte
Maximus in bewußt neutralem Ton.
Ich lächelte an seinem
warmen Nacken.
"O ja. Er hat sogar lang
genug gelebt, um eine Frau für sich zu finden ... Ich habe sie zusammen im
Theater gesehen..."
"Und?"
Ich schaute ihn an und
mein Blick versank in der Tiefe zweier wunderbar aquamarinblauer Augen. Da
ich nicht antwortete, zog Maximus fragend eine Augenbraue hoch.
"Ein hübsches kleines
Ding", antwortete ich unverbindlich.
"Hübsch? Nicht schön?"
"Nur hübsch."
Maximus schwieg einen
Moment, dann küßte er mich auf die Stirn.
"Dummer Mann", knurrte er,
während er mich fester in die Arme schloß und ich mich in seine Wärme hüllte
- seine Geste war so besitzergreifend, so beschützend, daß heiße Tränen
hinter meinen nun wieder geschlossenen Augenlidern aufstiegen.
Grillen zirpten in den
nahegelegenen Büschen, und ihr Lied war so süß und beruhigend wie Maximus'
Wärme. Die nächtliche Brise trug den köstlichen Duft feuchten Grases an
meine Nase und ersetzte jenen des würzigen Weihrauches, konnte aber nicht
Maximus' einzigartig männlichen Geruch verdrängen.
Schlaf begann mich zu
überwältigen, aber obwohl ich erschöpft war, lehnte sich etwas in mir
dagegen auf. Etwas in mir rebellierte dagegen, sich dem Vergessen des
Schlafes zu überlassen. Etwas Vages und gleichzeitig Beunruhigendes ...
"Maximus ... ?"
"Ja, Julia?"
"Wirst Du hier sein, wenn
ich aufwache?"
Er schwieg einen
Herzschlag lang, erfaßte die Spur von Furcht in meiner Stimme. Die Furcht,
ihn zu verlieren, während ich schlief. Die Furcht, aufzuwachen und ihn nicht
mehr an meiner Seite zu finden, so wie es geschehen war, als ich vor sechs
Jahren in seinem Armen eingeschlafen war. Maximus streichelte mir über das
Haar und flüsterte leise: "Natürlich werde ich das. Schlaf jetzt, Julia ...
"
Und er küßte mich auf den
Scheitel.
"Maximus ... "
Meine Hände gruben sich
fester in seine Tunika.
"Schhh ... Schlaf, Julia
... Es gibt nichts zu fürchten ... Ich bin hier. Schlaf jetzt ... "
(*) Natalis (Lateinisch):
"Geburtstag". |