24.a Enthüllungen und Träume - 180 A.D.

Das war es. Was ich schon immer hatte wissen wollen. Über das ich so oft nachgedacht hatte, während ich mich nach Maximus sehnte ... Die Frage, welche bewies, wie wenig ich wirklich über den einzigen Mann, den ich je lieben würde, wußte, eine Frage, die sowohl unangenehm als auch sehr persönlich war. Und ich platzte einfach damit heraus, bevor mein schläfriger Verstand noch Zeit hatte zu erfassen, was ich da eigentlich tat.

Die große warme Hand hörte plötzlich auf, mein Haar zu streicheln, und ich fühlte, daß Maximus' Körper sich zum erstenmal in einer Weise anspannte, wie er es nicht getan hatte, seit er am frühen Nachmittag an Bord der Poseidon gekommen war. Er versteifte sich nicht, wie in der Vergangenheit, wenn er meine Annäherungsversuche zurückgewiesen oder mich von seiner Trauer ausgeschlossen hatte, aber er war auch nicht mehr so entspannt wie zuvor.

Dann seufzte Maximus.

Ein langer, unsicherer, tiefer, Seufzer.

So lang und so unsicher und so tief, daß es keinen Zweifel an dem innerlichen unterdrückten Schmerz hinter diesem Seufzer gab.

Jetzt war ich überhaupt nicht mehr müde sondern im Gegenteil hellwach und aufmerksam. Maximus lockerte den festen Griff, mit dem er mich an sich gedrückt hielt, und erlaubte mir, ein wenig von ihm abzurücken, während er sich mit dem Rücken auf die Kissen legte. Ich stützte mich gerade noch rechtzeitig genug auf einen Ellbogen um zu sehen, wie er die Augen schloß und dann die Stirn runzelte als müsse er sich anstrengen, die richtige Antwort auf eine besonders schwierige Frage zu finden ...

Plötzlich kam mir der Gedanke, daß Maximus vielleicht so lange nicht über sich selbst nachgedacht hatte, daß es sogar schwierig für ihn war, sich an sein eigenes Alter zu erinnern.

Dann sprach er.

"Am 7.April", antwortete er leise, "bin ich dreiunddreißig geworden."

Seine Stimme war tief und dunkel und ein wenig heiser, aber da war keine Verbitterung oder Traurigkeit in der Art, wie er sprach - nur ein Anflug von Melancholie.

7.April.

Frühling.

Zeit der Kämpfe.

Seit seinem vierzehnten Lebensjahr wird er mit großer Wahrscheinlichkeit die meisten seiner Geburtstage in seinem Armeelager oder sogar an der Front verbracht haben. Die Chance, daß ein Soldat seine im Frühling gelegene natalis(*)  daheim verbringt, ist mehr als gering - sei er einfacher Soldat oder General.

Und Maximus hatte die meiste Zeit seines Lebens als erwachsener Mann in Germanien stationiert verbracht, wo der Kampf gegen die Stämme in der schon zwanzig Jahre währenden Regierungszeit Marcus Aurelius' nie wirklich aufgehört hatte.

"Am 7.April bin ich dreiunddreißig geworden."

7.April.

Nur ein paar Monate war das her ...

Plötzlich hatte ich das Gefühl, als sei ich vom Blitz getroffen worden.

Am 7.April dieses Jahres - des ersten der Herrschaft des Kaisers Caesar Lucius Aelius Commodus Aurelius Antoninus Augustus - war Maximus in Zucchabar gewesen. Am 7.April dieses Jahres war der Mann, welcher von Rechts wegen römischer Kaiser sein sollte, bereits auf dem Sklavenmarkt einer entlegenen, gottverlassenen, staubigen afrikanischen Provinz verkauft worden ... Oder vielleicht war er auf dem Weg nach Rom gewesen - in die große Arena des Kolosseums. Aber es machte wirklich keinen Unterschied, ob er in einer finsteren kleinen Gladiatorenschule in Afrika eingeschlossen oder ob er auf dem Weg in die Hauptstadt der Welt gewesen war, denn er war bereits ein Sklave und Gladiator, ein Mann, der Tag um Tag ums Überleben kämpfte indem er zum Vergnügen des Mobs tötete, währen er sich langsam Commodus und seiner Rache näherte ... und seinem eigenen Tod. Ein Mann, den man seines Ranges, seiner Familie, seiner Freiheit beraubt hatte.

Dem man sogar seinen Namen genommen hatte.

Ein Mann, den man lediglich unter dem Namen 'der Spanier' kannte.

"Am 7.April bin ich dreiunddreißig geworden."

Dreiunddreißig.

So jung. So voll Leben. So viele Jahre noch vor sich, während derer auch seine tiefsten Verwundungen heilen könnten. Während derer er Weizen anbauen oder Pferde züchten oder was auch immer tun könnte .... . Wagen. Hoffen. Lieben und geliebt werden. Kinder haben und sie aufwachsen sehen und sehen wie sie wieder Kinder bekommen ...

Als mir all dies plötzlich klar wurde, wollte ich weinen vor Wut . Weinen vor Wut über die Ungerechtigkeit des Lebens. Über die Ungerechtigkeit des Schicksals. Über die Ungerechtigkeit, daß die Götter gleichgültig schweigen zu den Leiden der Männer und Frauen, die ihnen dienen ... Aber statt dessen schluckte ich den dicken Kloß in meinem Hals hinunter, legte mich neben Maximus flach auf den Rücken und schloß die Augen. Dann sprach ich. Und als ich sprach, war da weder Traurigkeit noch Verbitterung in meiner Stimme. Nur Melancholie. Aber ist es nicht die Melancholie, die an die Stelle von Traurigkeit und Verbitterung tritt, wenn wir es so müde sind zu leiden, daß wir wählen müssen entweder einfach weiter zu machen oder unserem Leben und dem, was uns so sehr schmerzt, ein Ende zu setzen?

"Ich weiß nicht, wann ich geboren bin", sagte ich so leise als würde ich zu mir selbst sprechen. "Niemand registriert die Geburtstage von Sklaven, nur ihre Anzahl und ihr Geschlecht ... so wie beim Vieh. Ich weiß nur, daß ich in Rom geboren bin ... Wenigstens erinnere ich mich an keinen anderen Ort als Rom ... Ich habe keine Erinnerung an meine Mutter ... Ich erinnere mich weder an einen Kuß noch an eine Zärtlichkeit ... "

Maximus bewegte sich an meiner Seite, und selbst ohne die Augen zu öffnen wußte ich, daß er sich zu mir hingedreht und sich auf seinen Ellbogen gestützt hatte, um mich besser anschauen zu können.

"Ich weiß nicht, wie alt ich wirklich bin ... Ich habe eine ziemlich gute Vorstellung von meinem Alter, denn ich begann, die Jahre zu zählen, als mein Körper sich ... veränderte ... Ich war ungefähr achtzehn, als ich dich in Moesia kennenlernte ... also bin ich jetzt ungefähr vierundzwanzig ... "

Ich hielt inne und runzelte konzentriert die Stirn, mühte mich, die richtigen Worte zu finden, denn ich hatte noch niemals über das gesprochen, was ihm zu sagen ich im Begriff war.

In Anbetracht dessen, wie meine frühen Jahre gewesen sind, sollte es gar nicht so schlimm sein, daß ich nicht weiß, wann mein Geburtstag ist ... nur ein unbedeutendes Ärgernis. Aber ... aber ... es ist immer eine Quelle des Kummers gewesen. Eine Quelle des .... Zorns ... "

Maximus schwieg weiter und ich fuhr fort zu erzählen --- etwas, das nicht einfach war.

"Es mag dumm erscheinen, aber ich haßte diese Tatsache mehr als alles andere ... Man hatte mir alles geraubt, bevor ich überhaupt geboren war, aber irgendwie ... irgendwie war, keinen Geburtstag zu haben, besonders ... schmerzvoll... "

Nein, ich hatte das niemals jemandem eingestanden. Wie hätte ich es selbst denen gegenüber, die um meine Vergangenheit wußten, tun können? Wie hätte ich es tun können, ohne mein Unvermögen einzugestehen, trotz meines Reichtums und meiner machtvollen Position mit einem scheinbar so unbedeutenden Kummer fertig zu werden? Nein, nicht einmal der Mann, der mich unterrichtet und mich gelehrt hatte, Verbitterung so weit als möglich zu meiden, hätte das verstanden. Nicht einmal der Mann, der mich trotz meiner befleckten Vergangenheit geheiratet und mich gelehrt hatte, was Macht und Rache bedeuten. Nein, nicht einmal sie. Und sogar nicht einmal der Mann, den ich vor sechs Jahren in Moesia kennengelernt hatte. Nur der Mann konnte es, der schweigend an meiner Seite lag. Nur dieser neue Maximus konnte die Hilflosigkeit, Trauer und Wut, seiner eigenen Identität bis zum letzten beraubt worden zu sein, verstehen ... so wie ich ihn verstand.

Starke, schwielige Finger berührten zart meine Stirn, als Maximus sanft mein Haar beiseite schob, und im Stillen dankte ich ihm für diese diskrete Geste der Zärtlichkeit, von der er wußte, daß ich sie bitter nötig hatte, die mir offen zu schenken er jedoch vermied - aus Sorge, mich zu beschämen. Und für beides - für die Zärtlichkeit und für die Aufmerksamkeit, die ihn davon abhielt, diese Zärtlichkeit einfach unverhüllt zu schenken - liebte ich ihn noch mehr, als ich es schon getan hatte ... wenn das nach menschlichem Ermessen überhaupt möglich war.

"Man betrachtet mich als Römerin, aber ich weiß, daß ich eine Fremde bin ... und immer sein werde. Oder zumindest fühle ich mich als Fremde, und ich weiß, daß sich das niemals ändern wird ... Ich gehöre nirgendwo hin ..."

"Julia ... "

Ich öffnete die Augen und stellte fest, daß Maximus mich anschaute. Da war ein Anflug von Sorge in seiner Stimme, und dieselbe Sorge spiegelte sich in dem intensiven Blick seiner blau-grünen Augen wieder. Aus der Zärtlichkeit, mit der er meinen Namen nannte, und dem Blick in seinen Augen wußte ich, daß er alles getan hätte, um mich vor dem Schmerz zu bewahren, für immer ein Außenseiter zu sein ... und wenn es ihm nicht gelingen sollte, dann würde er mit Freuden die Last dieses Schmerzes mit mir teilen so wie ich alles getan hätte, um ihn vor seinem eigenen Schmerz zu beschützen oder seine Last mit ihm gemeinsam zu tragen. Nun war ich es, welche die Hand hob und mit ihren Fingern zart über sein geliebtes Gesicht strich. Bevor ich weitersprach, lächelte ich. Das Lächeln fiel ein wenig schief aus, und trotzdem hoffte ich, daß etwas Beruhigendes von ihm ausgehen würde.

"Ich wurde meines Volkes, meiner Familie und meiner Vergangenheit beraubt, aber so merkwürdig es klingen mag: meines Geburtstages beraubt zu sein, ... das schmerzt irgendwie am meisten."

Ich schluckte krampfhaft und blickte hinauf zum sternenfunkelnden Nachhimmel über uns. Er sah aus wie ein überdimensionaler Baldachin aus dunkelblauer mit winzigen Diamanten besetzter Seide. Ich hatte darum gebeten, diese Nacht unter den Sternen zu verbringen, aber dennoch hatte ich - was diese Sterne betraf - gemischte Gefühle, denn irgendwie waren sie wie die Götter: ihre strahlende Schönheit war mit einer so kalten Distanz gepaart, daß sie schier unerreichbar waren - eine schmerzende Ungerechtigkeit.

"Ich habe keine Vergangenheit außer jener, die ich lieber vergessen möchte ... ", fuhr ich fort, meine Augen weiter auf die fernen, kalten, schönen Sterne geheftet. "Ich habe keinen alljährlichen persönlichen Feiertag, an dem ich die Freude, am Leben zu sein, feiern und den Göttern Opfer darbringen könnte ... Ich kann mir nicht aus den Sternen lesen lassen ... ist das nicht absurd? Ich glaube nicht an Wahrsager, warum sollte es mir also Kummer bereiten, daß ich sie nicht die Sterne für mich deuten lassen kann? Aber trotzdem tut es das ... "

Ich wandte meine Aufmerksamkeit von den Sternen ab und heftete statt dessen meinen Blicke wieder auf Maximus' Augen. Sie hatten die Farbe eines warmen südlichen Meeres, und ich wollte mich in ihrer Tiefe und Wärme verlieren.

"Auch mein Gemahl glaubte nicht an Wahrsager. Nicht einmal an die Götter ... und mit Sicherheit nicht an die Priester und den offiziellen Kult. Aber sein Geburtstag war für ihn etwas ganz Wichtiges ... Jedes Jahr an diesem Tag schenkte er den besten Arbeitern unter seinen Sklaven die Freiheit, brachte den Göttern großzügige Opfer dar, beschenkte seine Dienerschaft und veranstaltete ein großes Fest ... Von dieser Gewohnheit ließ er sich nicht abbringen, und nicht einmal seine schwächer werdende Gesundheit hielt ihn davon ab - bis unmittelbar vor seinem Ende ... "

Ich preßte die Lippen fest aufeinander, um die gemischten Gefühle kontrollieren zu können, die immer von der Erinnerung an jene besonders schwierigen Tage heraufbeschworen wurden, während derer ich - so sehr ich mich auch bemüht hatte - nicht in der Lage gewesen war, fair jenem Mann gegenüber zu sein, der mir so viel gegeben und im Gegenzug so wenig angenommen hatte.

"Es tat weh, verstehst Du? Seine Geburtstagsfeiern zu organisieren war meine Aufgabe und zu wissen, daß es nie eine für mich geben würde ... das tat sehr weh ... Apollinarius' Mutter hatte ihm den Tag seiner Geburt gesagt, bevor man ihn verkaufte, und er feiert ihn ... Und auch das tut weh ... Das sollte es nicht ... Ich sollte mich für ihn freuen ... Ich sollte froh sein, daß er irgendwie einen Teil seines wahren Selbst hatte retten können, aber es tut weh ... "

Und als ich zum erstenmal mit der Feier von Marius Servilius Tibullus' Geburtstag konfrontiert wurde, war meine Verbitterung so tief gewesen, daß ich in der Folge die Demütigung hatte hinnehmen müssen, dieses Gefühl nicht vor ihm verbergen zu können.

"Als seine erste natalicia nach unserer Eheschließung unmittelbar bevorstand, bemerkte mein Gemahl mein ... Unbehagen was dieses Thema betraf, und in seiner typischen sachlichen Art schlug er vor, ich solle einfach einen Tag auswählen und diesen als meinen Geburtstag feiern ... Wir aßen und er brachte das Thema mit dem ihm eigenen sachlichen Wesen zur Sprache ... "

Ich fügte nicht hinzu, daß ich Jahre gebraucht hatte um zu verstehen, daß die scheinbare Leichtigkeit in seinem Ton nur seine Sorge hatte verschleiern sollen ... und daß er mir so die Peinlichkeit, ein so delikates Thema anzusprechen, hatte ersparen wollen.

"Und was hast Du gesagt?" fragte Maximus und drängte mich sanft, fortzufahren und auszusprechen, was so lange an mir genagt hatte.

Ich seufzte tief, bevor ich antwortete.

"Ich dankte ihm für seine Aufmerksamkeit, wies seinen Vorschlag aber zurück. Ich sagte, daß dies nur ein Schwindel sein würde - so wie die Ahnenlinien, die man sich durch gefälschte Papiere zulegen kann ... Und dann tat er etwas Außergewöhnliches. Er riet mir, die Sache noch einmal zu überdenken ... Wenn ich nein sagte, kam Marius Servilius nie wieder auf ein Thema zu sprechen. Seine Zeit war ihm dafür zu kostbar ... So weit ich mich erinnern kann, tat er dies nur dreimal während der Jahre, in denen ich ihn kannte ... "

Maximus schwieg, während ich meine Erinnerungen an den Mann sammelte, der nur dem Namen nach mein Gemahl aber trotzdem ein besserer gewesen war als so mancher tatsächliche Ehemann.

"Als ich mich weigerte, ihn zu heiraten ... Als ich ihm sagte, ich würde nie seine Flotte verwalten können ... Und als ich mich weigerte, mir einen Geburtstag zu wählen ... Es gelang ihm, mich zu überreden, ihn zu heiraten, und mir beizubringen seine Flotte zu verwalten ... aber was die Wahl eines Geburtstages anging, da blieb ich standhaft."

"Er liebte Dich ... "

In Maximus' tiefer, sonorer Stimme war weder Groll noch Eifersucht. Nur Überzeugung. Und wie immer machte dies es nur noch schlimmer.

"Er liebte Dich ..."

Tat er das?

Seit dem Tode meines Gemahls habe ich mir diese Frage mehr als einmal gestellt, und ich bin immer wieder zu einem Ergebnis gekommen, das noch beunruhigender war als die schon beunruhigende Frage selbst.

Maximus wartete. Also seufzte ich nochmals und schüttelte verneinend den Kopf.

"Nein ... Nein, Maximus. Er ... liebte mich ... nicht ... . Er liebte seine tote Frau und seinen Sohn und seine Schiffe ... Ich bin dankbar, daß er es nicht tat, denn ich wäre nicht fähig gewesen, dieses Gefühl zu erwidern ... Aber er ... respektierte mich ... und dafür bin ich um so dankbarer. Manchmal ist es wichtiger, respektiert ... als geliebt zu werden ... "

Ich wandte mich ihm zu.

"Du warst der erste Mann, der mir jemals Respekt erwiesen hat, Maximus .... "

Er lächelte ein kleines süßes Lächeln und streichelte noch einmal sanft mein Gesicht. Als er das tat, berührte ich seine Hand, nahm sie dann in meine, führte sie an meine Lippen und küßte sie.

Ich küßte die Hand, welche der junge Lucius Aelius Commodus Aurelius Antoninus Augustus in jener kalten Nacht in Germanien hätte küssen sollen - als Zeichen der Unterwerfung und Treue für den Mann, den sein Vater zum Herrscher Roms bestimmt hatte. Die Hand, welche Annia Lucilla Antonina nach ihm aus denselben Gründen hätte küssen sollen. Die Hand, welche wiederum sein Legat hätte küssen sollen, während er schwor, Maximus' Leben mit seinem eigenen Blut zu verteidigen. Aber alle drei hatten ihn verraten und wissentlich zum Tode verurteilt ...

Erschrocken versuchte Maximus, seine Hand wegzuziehen, aber ich ließ sie nicht los, und widerstrebend gab er nach.

Ich küßte noch einmal seine Knöchel, drehte seine Hand dann um und küßte auch die warme, große, schwielige Innenseite. "Sechs Jahre lang habe ich das tun wollen", sagte ich leise. "Ich liebe Deine Hände ... so stark und trotzdem so zärtlich ... die einzigen Hände, die mich jemals gestreichelt haben ..." Ich küßte nochmals seine Handfläche, und während ich das tat, fügte ich schweigend hinzu "Heil Caesar!" - meine unausgesprochenen Worte sollten die einzige Ehrung sein, die ihm je zuteil werden würde.

Als ich aufblickte, sah ich  Maximus' nachdenklichen Blick auf mir ruhen, und bevor ich noch wußte, was ich tat, beantwortete ich bereits die Frage, welche in seinen grün-blauen Augen brannte.

"Ich werde immer diesen Tag in Ehren halten, Maximus ... "

 Er nickte stumm, und das war alles.

Wir sollten nie wieder über diese Sache sprechen, aber alles, das gesagt werden mußte, war gesagt worden, und wir beide wußten alles, was wir wissen mußten. Vor sechs Jahren hatte Maximus mir meine Freiheit geschenkt und das Recht zurückgegeben, mein Leben so zu führen, wie ich es führen wollte oder konnte, nicht wie man es mir befahl. Vor wenigen Stunden hatte er mir geholfen, die Schwelle zu überschreiten, und es mir ermöglicht, gereinigt und wiedergeboren zu werden. Ich würde nie den Tag kennen, an welchem ich in diese Welt kam, aber niemand würde mich je dessen berauben können, was Maximus mir an diesem Nachmittag geschenkt hatte.

Ohne ein Wort zu sagen nahm er meine Hand in seine und küßte sie, legte dann einen Arm um meine Schultern, und ich bedurfte keiner weiteren Ermunterung, um mich wieder seinen Armen zu überlassen.

Ich weiß nicht, wie lange wir uns so hielten - unsere Herzen schlugen in ruhigem Gleichklang, mein Atem streifte sanft seine warme Haut, ich atmete seinen ihm eigenen männlichen Geruch ein, seine große Hand streichelte mein zerzaustes rot-goldenes Haar.

"Julia?"

Nun war er es, der schläfrig klang.

"Hm?"

"Was hat Dein geschätzter Cornelius Crassus getan, um Dich so wütend zu machen?"

Ich mußte kichern. Vielleicht war ich wirklich ein bißchen betrunken, denn ich wußte nicht, ob ich über die Frage lachte oder über die Tatsache, daß Maximus sich an den Namen des jungen Quästors erinnerte, oder über beides.

"Er ist nicht mein Cornelius Crassus ... " sagte ich vergnügt und kuschelte mich noch ein wenig näher an ihn. "Nachdem ich mich in Rom niedergelassen hatte, habe ich ihn nie wieder gesehen ... Du willst wissen was er getan hat ... nun, abgesehen davon, daß er eine wirklich gemeine Schwester hat, war er einfach zu gönnerhaft ... "

"Hat der Quästor lange genug gelebt, um für seinen Fehler die schuldige Buße zu tun?" fragte Maximus in bewußt neutralem Ton.

Ich lächelte an seinem warmen Nacken.

"O ja. Er hat sogar lang genug gelebt, um eine Frau für sich zu finden ... Ich habe sie zusammen im Theater gesehen..."

"Und?"

Ich schaute ihn an und mein Blick versank in der Tiefe zweier wunderbar aquamarinblauer Augen. Da ich nicht antwortete, zog Maximus fragend eine Augenbraue hoch.

"Ein hübsches kleines Ding", antwortete ich unverbindlich.

"Hübsch? Nicht schön?"

"Nur hübsch."

Maximus schwieg einen Moment, dann küßte er mich auf die Stirn.

"Dummer Mann", knurrte er, während er mich fester in die Arme schloß und ich mich in seine Wärme hüllte - seine Geste war so besitzergreifend, so beschützend, daß heiße Tränen hinter meinen nun wieder geschlossenen Augenlidern aufstiegen.

Grillen zirpten in den nahegelegenen Büschen, und ihr Lied war so süß und beruhigend wie Maximus' Wärme. Die nächtliche Brise trug den köstlichen Duft feuchten Grases an meine Nase und ersetzte jenen des würzigen Weihrauches, konnte aber nicht Maximus' einzigartig männlichen Geruch verdrängen.

Schlaf begann mich zu überwältigen, aber obwohl ich erschöpft war, lehnte sich etwas in mir dagegen auf. Etwas in mir rebellierte dagegen, sich dem Vergessen des Schlafes zu überlassen. Etwas Vages und gleichzeitig Beunruhigendes ...

"Maximus ... ?"

"Ja, Julia?"

"Wirst Du hier sein, wenn ich aufwache?"

Er schwieg einen Herzschlag lang, erfaßte die Spur von Furcht in meiner Stimme. Die Furcht, ihn zu verlieren, während ich schlief. Die Furcht, aufzuwachen und ihn nicht mehr an meiner Seite zu finden, so wie es geschehen war, als ich vor sechs Jahren in seinem Armen eingeschlafen war. Maximus streichelte mir über das Haar und flüsterte leise: "Natürlich werde ich das. Schlaf jetzt, Julia ... "

Und er küßte mich auf den Scheitel.

"Maximus ... "

Meine Hände gruben sich fester in seine Tunika.

"Schhh ... Schlaf, Julia ... Es gibt nichts zu fürchten ... Ich bin hier. Schlaf jetzt ... "

 

(*) Natalis (Lateinisch): "Geburtstag".  

 

24.b Enthüllungen und Träume - 180 A.D.

 

Ich schlief.

So tief.

O ja. Ich hatte nie gedacht, daß glücklich zu sein so anstrengend ist.

Sogar anstrengender als traurig zu sein.

Ich schlief in Maximus' Armen, mein Kopf ruhte auf seiner Brust, der kräftige, regelmäßige Schlag seines Herzens war ebenso einschläfernd wie die Wärme seines Körpers.

Ich schlief, und ich träumte.

Und meine Träume waren undeutlich aber auf eine verrückte Weise voller Details.

Ich ging an einem Weizenfeld entlang, die goldenen, rauschenden Halme wiegten sich im warmen Wind. Sie reichten mir bis weit über die Taille, und obwohl ich keine Ahnung von Getreide und Ernte habe, wußte ich doch irgendwie, daß der Weizen reif war.

Oder vielleicht erwähnte es jemand.

O ja, das war es.

 

Eine Stimme in meinem Kopf sagte, daß der Weizen reif sei und die Ernte gut sein würde.

Ein tiefe, wohlklingende Stimme.

Maximus' Stimme ...

Da waren noch andere Geräusche. Ich hörte ein Kind lachen ... und da war so viel Glück und sorglose Freiheit und Unschuld in diesem Lachen, daß mir Tränen in die Augen stiegen.

Die Sonne schien, und ich wandte ihr mein Gesicht zu, badete in ihrer Wärme, und ich genoß diese Wärme, aber ich genoß sie nicht so sehr wie Maximus' Wärme. Das gleißende, goldene Licht blendete mich einen Moment lang.

Als ich die Augen wieder öffnete, befand ich mich nicht mehr neben dem Weizenfeld sondern stand an einem langen Zaun, und das Lachen des Kindes schien so nahe zu sein ...

Da war sie, mein Baby, mein kleines Mädchen.

 

Sie war ein lebhaftes zwei oder drei Jahre altes Kind, und wie immer war sie barfuß, ihre kleinen Füße schmutzig und ihre Tunika zerknittert.

Ihre dunklen Ringellocken tanzten im Wind. Sie klatschte in die Hände, sprang hin und her und zeigte auf etwas jenseits des Zaunes, während sie ganz außer sich vor Freude jauchzte ...

Dann sah ich, was sie sah ... Es war ein Pony. Eine kleine, gedrungene, kastanienbraune Stute.

Und irgendwie wußte ich, daß ihr Name Sagitta (**) war.

Auch der Junge mit den grünen Augen war da. Er saß auf dem Pony und lachte, aber dann wurde er ernst, während er sich bemühte, den Anweisungen zu folgen, die jemand ihm gab ...

Maximus wandte mir seinen Rücken zu, aber es war unmöglich, ihn nicht zu erkennen. Er trug eine einfache Tunika und Stiefel, die Sonne schien auf seine entblößten muskulösen Arme, seine tiefe, melodische Stimme spornte den Jungen auf der kastanienbraunen Stute an, als er zu zögern schien, und lobte ihn, wenn es ihm gelang, das kleine Tier zu lenken.

 

Irgendwie fühlte ich mich unbehaglich, als habe ich nicht das Recht, hier zu sein.

Als habe ich etwas mitangesehen, das für meine Augen einfach zu persönlich war ... Selbst mein kleines Mädchen, die mir in meinen Träumen immer so nahe war, schien meine Anwesenheit nicht einmal zu bemerken ...

Abgelenkt durch den Anblick und den seltsamen Gedanken, entging mir, daß mein kleines Mädchen ungeduldig wurde, weil sie von dem aufregenden Spiel ausgeschlossen war, und über den Zaun zu klettern begann. Sie war ganz offensichtlich entschlossen, bei dem, was auf der anderen Seite des Zauns stattfand, mitzumachen.

Sie war so klein und konnte sich so leicht verletzen!

 

Ich rannte auf sie zu, aber - alarmiert durch ihr aufgeregtes Rufen, während sie den Zaun erklomm - wandte Maximus sich um, eilte ihr entgegen, und nahm sie auf den Arm. Mein kleines Mädchen trat und wand sich, verlangte, wieder auf den Boden gestellt ... oder vielleicht auch auf den breiten Rücken des kleinen Pferdes gesetzt zu werden.

Maximus sagte etwas zu ihr, und sie beruhigte sich, schlang ihre Ärmchen vertrauensvoll um seinen Hals und kicherte, weil sein Bart, als er ihr einen Kuß gab, an ihren blütenzarten Wangen kitzelte. Und als er sie mit seinen starken Armen hochhob und auf seine Schultern setzte, da drangen ihre begeisterten Rufe an mein inneres Ohr ...

Die Erde bebte unter mir, wie sie es - so hatte ich gelesen - bei einem Erdbeben tut. Unbewußt dachte ich, das müsse der Zorn Poseidons sein, weil ich mich geweigert hatte, für Lunas Sicherheit ein Opfer auf dem Altar des Gottes, der die Erde erzittern läßt, darzubringen ... oder weil zwei Männer mich ungläubige, sterbliche Frau Julia Dea (***) genannt hatten.

Und wieder bebte die Erde, und etwas Nasses, Kaltes fiel auf meine Wange.

"Maximus ... "

 "Ich bin hier ... "

 Meine Augenlider waren schwer wie Blei und ich schaffte es nicht, sie zu öffnen, selbst wenn ich alle Willenskraft zusammennahm. Aber meine Hände schienen ihren eigenen Willen zu haben und griffen blindlings nach dem feinen Stoff seiner Tunika.

 "Es fängt an zu regnen ... Wir müssen 'reingehen ... "

 Ich spürte die Schwingungen von Maximus' Stimme an meiner Brust, und trotz der Dunkelheit und meiner Verwirrung wurde mir endlich bewußt, warum die Erde bebte: er hatte mich auf seine Arme genommen und trug mich in die Kabine ...

Er legte mich auf das Bett und richtete sich wieder auf um hinauszugehen, aber meine Hände vergruben sich abermals in seiner Tunika, weigerten sich mit derselben Hartnäckigkeit, mit der ein Ertrinkender sich an ein Stück Holz klammert, ihn gehen zu lassen.

"Julia ... Ich muß mich um die Laternen kümmern ... "

Seine tiefe Stimme wurde beinahe verschluckt vom Wind, der die nahegelegenen Bäume hin und her bewegte und die Taue des Schiffes und seine gerafften Segel knarren ließ, während die ersten Regentropfen auf das Dach der Kabine fielen.

Seufzend ließ ich ihn gehen.

 

Ich weiß nicht, wie lange er weg war.

Einmal, während ich verloren zwischen Schlafen und Wachsein driftete, wälzte ich mich ruhelos hin und her, und ein leises Seufzen war Ausdruck meines Protestes über Maximus' Abwesenheit.

Als habe er meinen wortlosen Protest vernommen, betrat Maximus die Kabine und schlug die Tür zu, um den feuchten Wind auszusperren. Dann hörte ich seine eiligen Schritte, während er die Laden vor dem Bullauge sicher verschloß und dann zum Bett herüberkam.

"Maximus ... "

"Ich bin hier, Julia ... "sagte er leise, und ich vernahm ein raschelndes Geräusch ... Er zog seine Tunika aus, und ein paar Regentropfen fielen auf mein Haar und meinen nackten Hals. Dann hörte ich, wie er irgendwo in der Kabine herumkramte, und das Geräusch eines Truhendeckels, der geschlossen wurde, sagte mir, daß er nach einer Decke gesucht hatte.

Maximus kam zum Bett zurück und legte sich neben mich. Ich drehte mich auf die Seite und kuschelte mich an ihn - genauso wie Rubia es tat, wenn es in Winternächten blitzte und donnerte. Dann kam sie in mein Bett und rollte sich auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit an meinem Bauch zusammen. Seine nackte Haut erschien mir durch die Seide meines Gewandes unglaublich warm. Ich protestierte schwach, als er die leichte Decke über uns beide breitete, aber als er mich in die Arme nahm und seine Wärme mich einhüllte, da vergaß ich alles und schlief auf der Stelle wieder ein.

 

Ich erwachte in den dunklen Stunden kurz vor Tagesanbruch, der Regen tropfte mit monotonem Geräusch auf das Dach, und der Wind wiegte sanft den Rumpf des Schiffes. Ich lag auf dem Bauch, was höchst ungewöhnlich für mich ist, denn normalerweise schlafe ich auf meiner linken Seite. Ich versuchte, mich zu bewegen, aber etwas hielt mich davon ab. Ich brauchte etliche Zeit und Mühe um herauszufinden, was es mir unmöglich machte, mich auf die Seite zu rollen. Dann bemerkte ich die große, kräftige, warme Hand, die mein Haar beiseite schob und meinen Nacken streichelte.

"Maximus ... "

"Ich bin hier ... " flüsterte er zärtlich, und seine andere Hand bewegte sich über meinen Rücken.

Er schälte mich aus meinem Gewand.

Ich leistete nicht länger Widerstand.

 

Maximus streichelte sanft meine Schulterblätter, dann meinen Rücken. Seine Hände wanderten hinab zu meiner Taille und beschrieben langsame, kreisende Bewegungen auf meinem Hinterteil.

Ich seufzte.

Er senkte den Kopf und küßte zart meinen Nacken - und Gänsehaut überzog meine nackte Haut. Dann rollte er mich auf den Rücken, und seine Lippen saugten sich fest an meinem Hals, an meiner Kehle, liebkosten, nagten, wanderten federleicht über meine Haut, die unter der Berührung seines Bartes erschauerte.

Ich ließ los, und es war ganz ähnlich wie vor sechs Jahren, als ich im Opiumrausch schlief, aber ohne jede Spur von Verhängnis, Verzweiflung oder Leid.

Es war mir, als triebe ich im Wasser ...

Ich konnte nicht schwimmen, aber irgendwie wußte ich, daß im Wasser zu treiben so sein mußte wie dieses schwerelose, träge Gefühl, das ich in Maximus' Armen empfand. Irgendwie wußte ich, daß Wasser nicht der Feind sein mußte, der bereit war, mich zu verschlingen, sondern viel mehr dem Daunenbett glich, auf dem ich lag ....

Maximus küßte die Rundungen meiner Brüste, dann wanderte sein Mund durch das Tal zwischen diesen beiden Hügeln.

Ich stöhnte.

Seine Lippen wanderten weiter zu meinen Brustwarzen, ganz sanft, ganz zärtlich.

Es war wie die flüchtige Berührung eines flatternden seidigen Schmetterlings.

"Maximus ... "

"Ich bin hier ... " flüsterte er, und sein warmer Atem streichelte meine harten, feuchten Brustwarzen - und wieder überzog Gänsehaut meinen Körper. Nun fühlte ich, wie er einen Arm fest um meine Taille schlang und wie seine andere Hand zart meine Hüfte streichelte, dann meinen sanft gerundeten Bauch umfaßte und die Wärme dieser Hand auf meinem Leib ruhte.

Und einen kurzen, flüchtigen Augenblick war mein Bauch nicht mehr länger weich und sanft gerundet sondern glich einem reifen Kürbis, und etwas rührte und bewegte sich unter der gespannten Haut.

Meine Augen öffneten sich ruckartig. Wenigstens kam es mir so vor, aber ich sah nichts als Dunkelheit ...

Maximus' immer noch auf meinem Bauch ruhende Hand zitterte leicht.

Hatte er es auch gefühlt?

"Maximus ... "

"Ich bin hier ... "

Statt seiner Hand spielte nun seine heiße Zunge mit meinem Nabel und trotz meiner Schläfrigkeit und Verwirrung mußte ich lächeln, als ich seinen Bart auf meiner Haut spürte, denn ich bin an diese Stelle meines Körpers immer kitzlig gewesen ...

Unter seinen Lippen war mein Bauch wieder weich und sanft gerundet, und Maximus küßte die Stelle unterhalb dieser Rundung, biß zärtlich in das Fleisch und küßte sie noch einmal.

"Ich bin hier ... " wiederholte er, während seine Hände meine Kniekehlen streichelten und mein Körper sich ihm instinktiv entgegenhob.

"Ich bin hier ... "sagte er noch einmal und küßte mich so innig wie ein Mann eine Frau nur küssen kann ...

Ich stöhnte leise - und stöhnte abermals, während er mich weiter küßte - so sanft, so zärtlich, daß ich zu vergehen glaubte ...

 

Dann gab er meine Lippen frei, und bevor ich noch dagegen protestieren konnte, war er in mir.

Schnell.

Wir seufzten beide als wären wir eins.

Er bewegte sich.

Sacht. Langsam.

Und wieder stöhnte ich.

Lauter.

Es war so ganz anders als das, was wir vor nur wenigen Stunden geteilt hatten, nicht blindes Verlangen und wahnsinnige Leidenschaft, sondern ein langsamer, weicher, sanfter, zärtlicher Tanz. Zuvor hatte es weder Zeit noch Raum für Zärtlichkeit gegeben. Nun wußte ich, daß ich nichts anderes ertragen könnte ... . Und Maximus auch nicht.

"Schenk mir ein Kind ... "

Sagte ich wirklich diese Worte? Sagte ich wirklich die Worte, die ich nie zuvor ausgesprochen, die jedoch in mir gebrannt hatten, seit ich ihn zum erstenmal gesehen hatte? War das wirklich ich, die ihr geheimstes Sehnen aussprach, ein Sehnen, so geheim, daß ich es nicht einmal mir selbst eingestanden hatte?

"Schenk mir ein Kind ... "

Sagte ich das?

Oder war es Maximus? War er es, der sein eigenes geheimes Sehnen in Worte faßte, seine Hoffnung, daß sein Same nochmals Frucht bringen und er frei von Sklaverei und Schmerz weiterleben möge in seinem Kind? Sprach wirklich einer von uns? Oder vielleicht wir beide? Sprachen wir diese Worte wirklich aus, oder waren es unsere Seelen, die durch unsere Körper und Herzen miteinander sprachen?

Es schien auf ewig so weiterzugehen - wir bewegten uns langsam und gefühlvoll, verlängerten unsere Vereinigung, gaben und empfingen auf diese neue, ganz andere und dennoch so vollkommene Weise. Es war so innig, daß ich es nicht ertragen konnte, und heiße Tränen sammelten sich wieder unter meinen geschlossenen Augenlidern, um dann aus den Augenwinkeln über meine Wangen zu strömen.

Ich seufzte und schluckte.

"Ich bin hier ... "

Maximus küßte mich, und während er das tat, schmeckte ich mich selbst auf seinen Lippen und seiner Zunge, ein Gefühl so erotisch, daß heiße Flammen in meinem Leib aufloderten.

Aber da war noch etwas ...

Mein Mund kostete von seinem männlichen Geschmack und meinem intensiv weiblichen, aber da war auch dieses Salz, das nur von Tränen herrühren konnte.

Meinen?

Seinen?

Hatten seine Gefühle ihn überwältigt so wie meine mich überwältigt hatten? Hatte die herzzerreißende Schönheit unserer Vereinigung seinen letzten, verborgensten Widerstand gebrochen so wie ein von der Flut angeschwollener Fluß den stärksten Damm bricht?

Meine Augen wollten sich einfach nicht öffnen - wie sehr ich mich auch bemühte.

Ich wollte auf der Suche nach Tränen sein geliebtes Antlitz berühren, aber ich hob meine Hände nur mit Mühe, um sie sofort wieder auf das Bett zurückfallen zu lassen.

Und schon bald war es nicht mehr von Bedeutung, wessen Tränen es waren.

Schon bald verwandelten sich die Flammen in meinem Leib in einen brennenden Schmerz.

 

Ich schrie auf, meinen Mund an seinen gepreßt, und versuchte, den Rhythmus meiner sich wiegenden Hüften zu beschleunigen, sie anzuheben und meine Beine um seine Taille zu schlingen, um ihn noch näher an mich zu ziehen, tiefer in mich zu zwingen - obwohl er bereits so tief in mich eingedrungen war wie nur möglich ... aber Maximus gebot mir Einhalt, besänftigte mich, seine sicheren, wissenden Hände berührten mich an all den richtigen Stellen, zwangen mich, den süßen, süßen Schmerz länger zu ertragen ...

Ich seufzte tief, ließ ihn gewähren und verlor mich in der Süße und dem Schmerz.

Und als er mir endlich zu kommen erlaubte, als ich unaufhaltsam auf der Woge meines Höhepunktes ritt, wandelte sich mein Seufzen in ein Stöhnen.

"Ich liebe Dich ... "

 

"Und ich liebe Dich ... "

 

Hatte ich ihn das wirklich sagen hören? Oder waren es nur meine Sinne, die mir einen Streich spielten? War das wirklich Maximus' Stimme? Oder bildete ich mir das alles nur ein? War es der Wind, der sanft durch die Bäume wehte und der Sommerregen, der auf das Kabinendach tropfte? Oder einfach nur die Einbildung eines überwältigten Herzens?

Spielte das eine Rolle?

Ich stöhnte wieder.

Lauter

"Ich bin hier ... Ich bin ... "

Maximus' Stimme brach, als er seinen eigenen Höhepunkt erreichte, und das Gefühl in seiner Stimme war so unverhüllt, so intensiv, daß es die ersterbenden Flammen meiner Erregung von neuem entfachte, meine eigene Erfüllung nicht enden wollte und das scheinbar endlose Aufbäumen meines Körpers auch ihn wieder und wieder mit sich fort riß.

Nein, es spielte keine Rolle, ob er gesagt hatte, daß er mich liebte, oder nicht.

Es war mir egal, ob es wirklich seine Stimme gewesen war oder nur ein Traum, denn sein Körper und seine Seele hatten schon gesagt, was sein Herz und sein Geist sich einzugestehen noch nicht bereit waren.

Erschöpft an Körper und Seele legte Maximus sich vorsichtig auf mich, bis ich von der seidigen Wärme seiner nackten Haut ganz bedeckt war.

"Ich bin hier ... " wiederholte er, das Gesicht in der Beuge meines Halses vergraben, sein Atem warm und feucht an meinem Ohr.

 

Das letzte, was ich hörte, bevor ich im Schlaf versank, war der gleichmäßige Rhythmus von Maximus' Atem.

Dies und in der Ferne das raschelnde Geräusch der sich im Wind wiegenden Weizenähren ...

Aber da war noch etwas ... Etwas das ich nur in meinen Träumen gehört hatte, das mir aber so vertraut war ...

Es war der Klang eines Kinderlachens ... 

(**) Sagitta (Lateinisch): "Pfeil"
(***) Julia Dea (Lateinisch):  "Die Göttin Julia".

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