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Schatten über der Provence |
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Kapitel 1
Sie drückt ihren schmerzenden Rücken durch und seufzt unhörbar. Das stundenlange Stehen in den niedrigen Räumen des alten Rathauses macht sich auf unsanfte Weise bemerkbar. Ein ungeduldiger Blick auf ihre Armbanduhr bestätigt ihre Befürchtungen. Noch volle zwei Stunden, bevor sie ihre Ausstellung schließen konnte. Es wurde bereits dunkel und sie glaubt nicht, dass es noch viele kauflustige Besucher in die Expositionsräume ziehen würde. Draußen hat der Wind aufgefrischt, er versprach zu einem eisigen Mistral umzuschlagen, was mindestens drei Tage Kopfschmerzen versprach. Es konnten aber auch 6 oder 9 Tage darauf werden…. Sie schüttelt sich unbewusst bei den wenig verlockenden Wetteraussichten. Obwohl ihr Landhaus ziemlich gut versteckt unter den Kronen alter Eichen und dichter Föhren lag, mochte sie es dennoch nicht, wenn der unaufhaltbare Wind ums Haus pfiff und die Äste der sich biegenden Bäume wehklagend ächzten. Es kam dann schon vor, dass so mancher Ast einfach abbrach wie ein Zündholz, und sie konnte von Glück reden, dass dabei bis jetzt ihr Hausdach verschont geblieben war. Aber eine Garantie, dass dies auch weiterhin so gut ausgehen würde, gibt es schließlich nicht!
Ein wenig nervös beobachtet sie einen Jungen, der seit geraumer Zeit lautstark und einer durchgedrehten Dampfmaschine gleich durch die Ausstellungsräume saust, nachdem er den Moment, wo seine Mutter sich mit Interesse einer Babypuppe zugewandt hat, abgewartet zu haben scheint. Ihr Herz droht zum Stillstand zu kommen, als er an einen der alten Puppenwägen stößt und dieser gefährlich zu schwanken beginnt. Sie macht einen Satz auf das gefährdete Ding zu und kann es davor bewahren echten Schaden zu erleiden. Ihr giftiger Blick trifft den Jungen, der sich davon unbeeindruckt, grinsend davon macht. Sie bezähmt ihren Zorn und eilt auf die Frau, die seine Mutter zu sein scheint zu. Die ist dabei, die Nachbildung der Bru-Puppe genauestens zu untersuchen. Typisch jene Art von Frauen, die so taten, als verstünden sie eine Menge davon und letztendlich nur aus Neugier und ohne die Absicht eines der schönen Stücke zu erstehen, die Ausstellung besuchten. „Pardon, Madame“, beginnt sie die Frau anzusprechen. „Ihr kleiner Junge hätte beinahe großen Schaden angerichtet. Er führt sich ein bisschen zu wild auf, in diesen engen Räumen hier. Vielleicht sollten Sie….“ Die Frau lässt sie ihre Phrase nicht vollenden. „Sie haben wohl keine Kinder, was?“ Ihr abschätzender Blick misst ihr Gegenüber vom Scheitel bis zur Sohle. Dann wartet sie eine Antwort erst gar nicht ab und setzt die eben noch bewunderte Puppe nicht eben sanft auf das Holzregal zurück. „Ihre Puppen sind ein schönes Stück überteuert!“ Sie wendet sich abrupt ab und ruft nach ihrem Jungen, der sich eben zwischen zwei aufrecht stehenden Charakterpuppen hindurch zu zwängen versucht. Die Puppenmacherin schließt die Augen, um das Malheur, dass sich da anbahnt, nicht ansehen zu müssen. „Henri-Pierre!“ schrillt die Stimme der Anderen durch die Räume und verwundert drehen sich einige Köpfe der anderen Besucher in ihre Richtung. „Wir sind hier nicht erwünscht! Komm, wir gehen. Maman kauft Dir ein Eis, mein Engel!“ Der erwartete Knall von zerschellendem Porzellan bleibt wie durch ein Wunder aus, und Amelie wagt einen Blick in die Richtung ihrer gefährdeten Puppenkinder. Sie haben den brutalen Angriff des kleinen Jungen unbeschadet überlebt. Die Holzstützen, gut unter ihren weiten Röcken verborgen, haben sie vor der Vernichtung ihrer feingliedrigen Gesichter und Gliedmassen aus zartem Biskuit-Porzellan bewahrt! Sie kann einen tiefen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken, als sie die Frau samt ihrem „Engel“ aus dem Gewölbe des Rathauskellers entschwinden sieht und sendet einen dankbaren Blick zur Höhe der alten Bogengänge des geschichtsträchtigen Hauses. Diese Art von Kundinnen konnte sie leicht entbehren! Sie schlendert zwischen ihren Werken hindurch, sieht sich jede einzelne Puppe und ihre Ausstaffierung genauestens an, ob sich auch alles noch auf dem richtigen Platz befand und überdenkt den heutigen und letzten Tag ihrer dreitägigen Ausstellung. Wenn das Geschäft auch nicht so ein ganz besonderer Erfolg war, so hatte sie doch immerhin einen Platz auf der Titelseite der Sonntagsausgabe des Gemeindeblattes errungen. Nicht, dass ihr das besonders wichtig wäre, aber es macht sie doch ein wenig stolz. Ihre Puppen wurden vor allem von langjährigen Stammkunden geschätzt und ihr Geschäft florierte durch deren Mundpropaganda, weit über die Grenzen Frankreichs hinaus. Puppensammlerinnen aus ganz Europa und einige aus den Staaten und Kanada liebten ihre wundervollen und täuschend echten Nachbildungen antiker Puppen von Bru, Jumeau oder Armand Marseille. Und so zierten sie manche Glasvitrine in den verschiedensten Ländern dieser Welt und bildeten den Stolz ihrer Besitzerinnen, die eine Reise in den Süden Frankreichs nicht gescheut haben, um eines oder mehrere dieser kleinen Kunstwerke zu erstehen. „Amelie“, die Stimme ihres Verlobten rüttelt sie aus ihren Überlegungen auf und sie wendet sich dem Gutaussehenden Mann zu, der mit wenigen raschen Schritten auf sie zukommt. „Was hältst Du davon, wenn wir dann einen Happen in der „Forgerie“, der alten Schmiede zu uns nehmen? Ich habe erfahren, dass diese Woche feine Lammkoteletts auf dem Speiseplan stehen, in verschiedensten Variationen! Dazu ein Gläschen Chateauneuf du Pape… na, was meinst Du? Klingt das nicht verlockend?“ Der erwartungsvolle Blick aus seinen dunklen Augen hindert sie daran, ihn barsch daran zu erinnern, dass sie Vegetarierin war. Sie bietet ihm ihre Wange dar und er deutet einen Begrüßungskuss an. Nach ihrer fast einjährigen Beziehung, der etliche Jahre der Freundschaft voraus gegangen waren, schien er es immer wieder zu vergessen oder vergessen zu wollen. Er war ein Mann mit Prinzipien. Nicht das Schlechteste, aber auch einer, der immer wieder gerne versuchte, seine Prinzipien anderen Menschen einzureden, bis diese ihre eigenen Vorsätze und Anschauungen, seiner Hartnäckigkeit wegen, aufgaben. Das hatte schließlich aus ihm einen erfolgreichen Bürgermeister und nicht zuletzt, Gemeindeabgeordneten dieser Region gemacht. Manchmal fragte sie sich, wie ihm da noch Zeit blieb, sich um sein Gestüt zu kümmern. Philippe war seit einigen Jahren Witwer, und seine bildhübsche, lebenslustige Tochter sorgte für Gesprächsstoff in der gesamten Umgebung und die Cote d’Azur entlang von Marseille bis Nizza. Es gab keine Fete bei der sie fehlte, kein sportliches oder gesellschaftliches Ereignis, bei dem sie nicht von sich reden machte. Und nicht immerhin auf die löblichste Art… Dabei war sie erst vor wenigen Monaten volljährig geworden. Sie spielte mit den Männern, als wären es Schachfiguren auf ihrem ganz persönlichen Schachbrett und der König war ihr eigener Vater, der sich von ihr manipulieren und herum schieben ließ, wie es ihr gefiel. Aber keiner getraute sich, dem einflussreichen Mann die Augen zu öffnen oder Virginie zu kritisieren. Niemand legte Wert darauf, es sich mit Philippe Derrieu zu verscherzen. Anscheinend blind ließ er die Eskapaden seiner Tochter über sich ergehen, rettete sie vor Strafverfahren wegen unerlaubten Drogenbesitzes und Autofahren in alkoholisiertem Zustand und schmierte Beamte und Zeugen gleichermaßen, um sein Püppchen vor unangenehmen Strafen oder auch nur Verwarnungen zu bewahren. Und so ringt sich Amelie ein Lächeln ab, vergisst ihre Enttäuschung, dass ihr Verlobter wieder mal vergessen hatte, dass sie nicht zu den Fleischessern gehörte. Die raren Momente, wo Philippe etwas Zeit für sie aufbrauchte waren zu kostbar, um sie mit nichtsnutzigem Schmollen zu verschwenden. „Ich freu’ mich“, sagte sie, und kann es sich doch nicht verkneifen hinzuzufügen: „Aber mir genügt ein Salatteller mit gegrilltem Ziegenkäse!“ Er schlägt sich die flache Hand an die Stirn: „Pardon, Chérie! Wie konnte ich….“ Sie wehrt ab und er verspricht, sie in einer halben Stunde abzuholen. Die letzten Besucher schicken sich eben an, das Gebäude zu verlassen und die tief stehende Sonne an diesem Pfingstmontag steht so tief, dass sie ihr goldenes Licht durch die kleinen, hoch gelegenen Fenster schickt und ihr Puppenreich in verzaubertes Licht taucht, in dem kleine Staubpartikel fröhlich tanzen und die Szenerie lebendig werden lassen.
Der Abend wird nett. Das Restaurant, „La Forgerie“, die Schmiede, liegt nicht weit vom Rathaus entfernt und wird von Stealkliebhabern und Adepten guter Hausmannskost gleichermaßen geschätzt und besucht. Nicht selten kamen Schlemmer aus Marseille vorbei, die gerne die fünfzig Kilometer weite Fahrt auf sich nahmen, um ihren Fleischbedarf, gewürzt mit frischem Pfeffer, Rosmarin und Thymian für einige Zeit zu decken. Die Einrichtung ist einfach, aber gemütlich. Dicke Holzbänke, die mit einer Unzahl bestickter Kissen bestückt sind, und schwere, Handgezimmerte Tische nehmen den Platz des nicht eben überaus großen Etablissements ein. Die starken Holzbalken, die das offene Obergeschoss des Hauses tragen, sind rauchgeschwärzt und von winzigen Löchern übersät, durch die sich einstmals schon viele hunderte von Holzwürmchen ihren Weg gebahnt haben. Trockenblumensträuße, Lavendelbüsche und einfache ländliche Malereien werden von manchen alten Küchenutensilien abgelöst, oder nostalgisch anmutendem Schmiedewerkzeug, und zieren die geweißten Wände. Der Geruch von gebratenem Fleisch reizt die Nase jedes Feinschmeckers, bis auf die von Amelie. Doch die Riesenportion des feinen Salates und der wohlschmeckende runde Geschmack des Rotweins entschädigen sie für den Unmut von vorhin. Und die hausgemachte Mousse au chocolat sollte ihr Mahl noch raffiniert abrunden. Sie hört Philippe aufmerksam zu, als er von der letzten Gemeinderatssitzung berichtet, auch wenn dieses Thema nicht wirklich ihr ungeteiltes Interesse weckt. Er spricht von der Absicht, ein Sommerfest zur Sonnenwende veranstalten zu wollen und es groß proklamieren zu lassen, damit es einen Run der Touristen, die über die gesamte Region der Provence verstreut waren, auf den Ort Le Beausset herauf beschwor. Einen lukrativen Run für Handwerker, Gastronomiebetriebe und manch kleine Pension mit Gästezimmern. Dann konnte er im nächsten Jahr die Gemeindesteuer getrost und guten Gewissens erhöhen. „Eine Internetseite habe ich bereits einrichten lassen!“ fügt er hinzu. „Der kommerzielle Erfolg dieses Ereignisses sollte jedem unserer Bürger zugute kommen! Auch Dir!“ Um ihn nicht zu verletzen, ihn, der nur gute Absichten ihretwegen hegte, schweigt sie und unterlässt es, ihn darauf hinzuweisen, dass sie es lieber hätte, dass man sie in ihrem Atelier nicht störte. Sie ist nicht menschenscheu, aber bewahrt sich ihre eigene Welt, in der sie arbeitet und wirkt, lieber für sich selbst allein. Ernst zu meinende Interessenten meldeten sich vorher telefonisch an oder schickten ihr eine Mail. Und wenn sich wirklich ein paar Neugierige in ihr Haus verirrten, und darum baten, sich ihre Arbeiten ansehen zu dürfen, dann war ihr das auch recht. Zu ihrem eigenen Wohle gestand sie sich ein, dass menschlicher Kontakt von Zeit zu Zeit sie davor bewahrte zur Eigenbrötlerin zu werden. Irgendeine Kleinigkeit kauften sie meist doch und Amelie scheute sich nicht davor, ihre Besucher meist auch noch mit selbst gefertigten Lavendelsäckchen oder bunten Strohgestecken zu beglücken. Sie bot ihnen Kräutertee oder Minzsirup an und Anisgebäck. Später würden diese Leute zuhause berichten, welch nette Puppenmacherin ihnen Einlass in ihre märchenhafte Werkstatt geboten hat und die Freundlichkeit der Provence-Bewohner über den Klee hinaus loben. Und wer wusste es schon? Vielleicht kamen sie ja im nächsten Sommer wieder und wurden zur wirklichen Kundschaft? „Hörst Du mir überhaupt zu, Amelie?“ Philippe waren ihre abwesenden Gedankengänge keineswegs entgangen. Er hatte ein Gespür und ein Auge für gespieltes oder wahrhaftiges Interesse. Das brachte seine Funktion als Politiker so mit sich… „Natürlich“, versichert sie ihm schnell. „Obwohl… mir wäre es lieber, Du würdest mich nicht auf Deiner Internetseite erwähnen, und wenn doch, dann bitte ohne Adressenangabe.“ Er sieht sie mit gespielt tadelndem Blick an. „Chérie“, meint er beschwörend. “Es geht hier um Deinen Erfolg, Deinen Rang einer Künstlerin und nicht zuletzt auch um mein Image, nein, was sage ich, das Image unserer schönen kleinen Stadt!“ Er beugt sich über den Tisch und blickt in ihre grünblau schillernden Augen. „Du musst Dich daran gewöhnen, in der Öffentlichkeit zu stehen. Wenn Du erst meine Frau bist, Amelie, wird Dir nur mehr wenig Zeit bleiben, Dich Deiner Kunst zu widmen. Ich werde Dich aus Deinem verzauberten Knusperhäuschen herausholen und Du wirst mein Leben auf meinem Gutshof teilen und mich überall hin begleiten. Versammlungen, Einweihungen, Gedenkfeiern, Du weißt, mein Kalender ist mehr als voll davon.“ Er bemerkt ihren zweifelnden Gesichtsausdruck, und auch, dass ihr diese Aussichten alles andere als verlockend erscheinen. „Wach auf, Dornröschen! Die Welt wird Dir zu Füssen liegen und irgendwann wirst Du gar nicht mehr verstehen können, wie es Dir so lange Zeit möglich war, Dich in der Wildnis unserer schönen Gegend zu verstecken! Ich will mich mit Dir schmücken, bewundert und beneidet werden mit und um Dich! Dein Platz ist an meiner Seite!“ Warum versetzten seine Worte sie nicht in Euphorie? Warum war da dieser bittere Nachgeschmack, den sie hastig mit einem Schluck aus ihrem Glas zu vertreiben sucht. Die Angst, Philippe könnte sie aus ihrem Leben, das sie liebte und so eingerichtet hatte, wie sie es mochte, brutal heraus reißen. Sie hatte Angst, dass es dann keine Rückkehr mehr für sie gab, und sie sich selbst verlor. Dass sie sein Aushängeschild, seine hübsche, junge Aushängepuppe werden würde. „Puppe“…. murmelt sie fast unhörbar. „Wie?“ gibt er irritiert zurück. Sie schüttelt den Kopf. „Ich hab nur laut gedacht, Philippe! Ich will die Puppen nicht aufgeben, verstehst Du? Sie sind meine Welt, mein Lebensinhalt.“ Beschwichtigend und nachsichtig nimmt er ihre Hand in die seinen. „ Aber natürlich nicht“, versichert er und küsst ihre Hand mehrmals hintereinander, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. „Wer verlangt das von Dir? Du bekommst Dein eigenes Puppenmuseum, wenn Du willst! Es wird wieder eine Attraktion mehr unseres Ortes sein…“ Hat sie sich getäuscht oder sieht sie wirklich in seinen Pupillen das Eurozeichen blitzen. Sie zwinkert mit den Lidern, sie war wirklich kindisch! Er wollte ihr Glück und sie stellte sich an wie ein gezierter Trampel vom Lande! Die Zeit würde es zeigen. Sie hatte die Chance vom begehrtesten Mann dieser Gegend verwöhnt und umworben zu werden und sollte wirklich dankbar dafür sein. Er war für sie da gewesen, als ihre Eltern bei einem Brand, ausgelöst durch den Blitzschlag eines furchtbaren Sommergewitters, elend ums Leben kamen. Sie war damals gerade mal vierzehn gewesen. Er hatte sich ihrer angenommen, ein renommiertes Internat für sie ermöglicht, bis sie volljährig war. Danach hatte er sie nach Paris geschickt, ihre Ausbildung auf der Kunstakademie ermöglicht, alles ohne Gegenleistung. Er hatte erklärt, sie sei das Mündel der Gemeinde Le Beausset und es sei seine Pflicht, dass er über ihr Wohlergehen zu wachen hatte. Seine Frau Mathilde, damals noch nicht von der schlimmen Krankheit gezeichnet, die sie kurze Zeit später hinweg raffen sollte, hatte sich ihrer persönlich angenommen. In den Ferien war sie Gast bei den Derrieus gewesen. Sie waren ihre zweite Familie geworden. Sie lernte reiten, genoss die Freiheit des riesigen Landbesitzes und vergaß allmählich den Schrecken der verhängnisvollen Nacht, in der sie nur knapp von beherzten Feuerwehrmännern aus den Flammen gerettet werden konnte. Sie hatte die Eifersucht der jüngeren Virginie, der einzigen Tochter des Ehepaares mit Humor ertragen, bis sie so etwas wie eine ältere Schwester für das verwöhnte Kind wurde. Als Mathilde starb, weinte sie nicht nur um eine gute Bekannte, sondern um einen Menschen, der ihrem Herzen fast so nahe stand wie eine Ziehmutter. All die herzlichen Briefe, die ihr Philippes Frau sandte, hat sie aufbewahrt und oft greift sie heute noch danach, um sie zu lesen und ihrer liebevoll zu gedenken. Als sie nach dem Begräbnis nach Paris zurückgekehrt war, stürzte sie sich mit Eifer in ihre Arbeit, ihr Studium und schloss es frühzeitig mit Erfolg ab. Man hatte ihr angeboten, als Restaurateurin im Louvre zu arbeiten, aber sie wollte zurück, nach Hause. Dorthin, wo ihre Wurzeln waren und die Menschen, die sie liebten und vermissten, lebten. Philippe bot ihr an, auf das Gut zu ziehen, doch sie lehnte dankbar ab. Er drängte sie nicht, doch sie erkannte schon damals mehr als nur väterliches Wohlwollen in seinen Augen. Sie musste sich und den anderen beweisen, dass sie es auch alleine, ohne Hilfe schaffen konnte. Erst mietete sie das Landhaus und als der Erfolg sich einzustellen begann, kaufte sie es. Es war ihr Besitz, ihr Eigentum. Die Aussicht, es zu verlassen, war alles andere als erfreulich für sie. Philippe kam oft zu Besuch, und er brachte Geschenke mit, ohne sie weiters zu bedrängen.
„Ich weiß, Du hast Bedenken“, redet Philippe leise auf sie ein, ohne ihre Hand dabei los zu lassen. Sie blickt in seine dunklen Augen. Obwohl er fast zwanzig Jahre älter ist als sie, muss sie sich eingestehen, dass er mehr als gut aussieht. Nicht nur äußerlich, denn er hatte Ausstrahlung und ein so gewinnendes Lächeln, das so manches einsame Frauenherz zum Schmelzen. Sein grau meliertes, dichtes Jahr ist wie immer tadellos geschnitten, sein markantes, braungebranntes Gesicht glatt rasiert und seine Stimme so verführerisch wie an jenem Tag, an dem er sie mit seiner Liebeserklärung überrascht hatte. Diesen Tag konnte sie keineswegs vergessen. Noch heute erscheint ihr das Geschehen so unglaublich, dass sie oft wie an eine Szene aus einem romantischen Film zurückdenkt. Einem unglaublichen Film. Er hatte sie zum Abendessen zu sich gebeten. Candlelightdinner! Ganz groß! Ganz romantisch. Ganz unwirklich und nicht zu dem erfolgsgewohnten Mann passend. Sie war fasziniert gewesen, aber immer noch ahnungslos. Sie stießen auf ihren Erfolg an. Sie dankte ihm überschwänglich für alles, was er und Mathilde für sie getan hatten. Nie wäre sie auf die Idee gekommen, dass er sie aus einem so unglaublichen Grund zu sich gebeten hatte, der ihr wenige Minuten später die Stimme verschlug. Er gestand ihr seine Liebe und versicherte ihr, dass er sie erst wie ein eigenes Kind geliebt hatte, und als sie heran wuchs hatten sich seine Gefühle in eine ganz bestimmte Richtung entwickelt, nämlich die Liebe, die ein Mann für eine Frau empfinden konnte. Er gestand, dass er es nie gewagt hätte, ihr seine Gefühle zu gestehen, wenn er Mathilde nicht verloren hätte. Er bewunderte sie, begehrte sie, doch niemand hätte je davon erfahren. Das Schicksal hat ihm den Weg gezeigt, beschwor er sie. Er sei verrückt nach ihr, würde sie zur glücklichsten Frau der Welt machen und ihr sein Leben zu Füssen legen. Die väterliche Figur des Beschützers und Gönners wurde plötzlich zur jenen des Verführers und Liebhabers. Sie wusste nicht wie sie damit umgehen sollte! Sie erbat sich Zeit, zu verwirrt, ihm eine klare Antwort geben zu können. Daheim saß sie stundenlang herum und starrte in die Luft. Es erschien ihr unglaublich, dass dieser stattliche, erfolgreiche Mann gerade sie auswählen wollte, um sein Leben zu teilen. Die Tochter einfacher Leute! Er hätte jede Chance gehabt, seinen Reichtum durch die Heirat mit begüterten Damen der Riviera zu verdoppeln. Warum sie? Der Gedanke, dass ihre Jugend, Unschuld, ihr unverdorbener Liebreiz nicht mit Geld aufzuwiegen war, kam ihr nie. Sie vertraute ihm blindlings. Sie sah zu ihm auf. Und sie war dankbar für die Zukunft, die er ihr ermöglicht hatte, ohne jemals dafür von ihr etwas einzufordern. Und plötzlich mischte sich in ihr eine Flut von Dankbarkeit mit Zuneigung, die sie für den Mann, der sich nun seit über zehn Jahre um sie kümmerte, und sie gab ihm ihr Jawort. Er war außer sich vor Glück, verlobte sich öffentlich mit ihr und liebte sie auf eine väterliche und doch so sinnliche Art, dass sie sich in seinen Armen geborgen und geliebt fühlte. Philippe war ein Mann und nicht einer dieser grünen Jungs, die mit ihr studiert hatten und sich rasch und zügig an ihr befriedigten, überzeugt davon, dass sie es ebenso genossen hatte, wie sie selbst. Philippe war aufmerksam, ein ausdauernder Liebhaber, der ihre Wünsche erriet und an dessen Seite sie sich ganz Frau fühlte. Die anfänglichen Gewissensbisse der verstorbenen Mathilde gegenüber waren rasch verflogen. Immer wieder beteuerte ihr Verlobter, dass Mathilde sich sehr darüber freuen würde zu wissen, dass er sie als ihre Nachfolgerin gewählt hatte. Wahrscheinlich stimmte das sogar. Mit Virginies Verständnis sah es nicht ganz so einfach aus. Sie konnte nicht verstehen, warum Amelie nicht erst ihr Leben in vollen Zügen genoss und sich gleich in die Arme ihres „Alten“ warf. „Was reizt Dich nur an dem antiken Stück? Er ist fast fünfzig! Ein Zombie! Ein Greis!“ Amelie konnte sich ein amüsiertes Lachen nicht verkneifen. „Du übertreibst! Er sieht wahnsinnig gute aus, Dein Vater und ist ein Heißbegehrter Mann!“ Virginie schüttelte den Kopf. „Ja, aber begehrt von alten Schachteln! Sind es seine Moneten, die Dich zu dieser absurden Entscheidung veranlasst haben? Ich glaub’s nicht! Du verdienst selbst genug und hast nicht einmal die Hälfte der Ansprüche, die ich habe! Ich könnte Dir Dinge zeigen, die Du Dir in Deinem braven Leben niemals vorzustellen gewagt hättest!“ lockte sie, nachdem sie sich von ihrem Lachanfall erholt hatte, den die Eröffnung von ihres Vaters ernsten Absichten in ihr ausgelöst hatte. „Dinge, die, je verbotener sie sind, Dich zur Ekstase bringen, die Du niemals mit meinem Vater kennen lernen wirst! Ich stelle Dir Leute vor, von denen Du einfach nicht mehr los kommst, so werden sie Dich faszinieren!“ Amelie lächelte nachsichtig. „Du vergisst, ich habe jahrelang in Paris gelebt, Kleine! Ich weiß, wie der Zug läuft, und manchmal ist es besser, rechtzeitig abzuspringen! Das ist es ganz sicher nicht, was ich will!“ Virginie schüttelte spöttisch den Kopf. „Du hast ja nicht die leiseste Ahnung wovon ich spreche! Und Du redest schon so geschwollen daher wie der Alte! Na meinen Segen habt ihr!“ Dann rauschte sie wortlos davon. Zur nächsten illegalen Raveparty, Orgie oder wie immer sie das nennen mochte. Amelie war nicht mehr interessant für sie. Sollte sie doch ihre Jugend vermodern lassen an der Seite des alten Knackers, der ihr Vater war. Sie würde verwelken wie eine Mimose, die zu lange in der Sonne gestanden hatte. Solange ihr Erzeuger ihr nicht den Geldhahn abdrehte, war ihr alles recht. Amelie hebt ihr Gesicht und blickt ehrlichen Blicks in die Augen ihres Verlobten. „Philippe!“ beginnt sie, fast feierlich. „Ich werde gerne Deine Frau, das weißt Du. Aber bitte versuche nicht, mich einzuengen, in keiner Weise. Sonst ist unsere Ehe vom Beginn an zum Scheitern verurteilt!“ Er wirkt belustigt. „Du stellst mich hin als eine Art Monster, ma chérie! Meine Ehe war eine gute Ehe. Ich glaube nicht, dass Dir das entgangen war. Mathilde und ich verstanden uns, ohne ein Wort zu wechseln.“ Sie nickt. „Ja, das weiß ich. Aber ich bin nicht Mathilde. Es war für sie in Ordnung, ein Leben an Deiner Seite zu verbringen, weil sie, entschuldige, wenn ich das so sage, und es ist auch keineswegs als Kritik oder gar abfällig gemeint, keinerlei anderen Beschäftigungen nachging, als voll und ganz Gutherrin und Ehefrau zu sein, mit allen Pflichten und Annehmlichkeiten, die dieses Dasein mit sich bringen. Aber ich bin selbstständig aufgewachsen und liebe das, was ich mache. Ich will es nicht aufgeben, für niemanden und nichts auf der Welt. Ich glaube, ohne Selbstlob ausüben zu wollen, dass ich auch einiges Talent besitze, sonst wäre der Erfolg, bei dieser harten Konkurrenz auch ganz bestimmt ausgeblieben.“ „Ich weiß, dass Du talentiert bist, klug und selbstständig! Warum sonst liebte ich Dich wie ein junger Gockel, als der ich mich aufführe?“ Sie lächelt belustigt, sich ihn mit aufgestelltem Kamm und gespreiztem Gefieder stolz einher schreitend vorzustellen. Irgendwie gab es da ja doch eine Ähnlichkeit… „Lass uns schnell heiraten“, wirft er rasch hinterher, ohne weiter auf ihre Bedenken eingehen zu wollen. „Noch bevor der Sommer da ist! Wenn ich Morgen das Aufgebot aushängen lasse, könnten wir in wenigen Wochen bereits Mann und Frau sein! Madame Philippe Derrieu, na, wie klingt das?“ Die Überraschung auf ihrem Gesicht ist keineswegs gespielt. „So bald schon?“ fragt sie unsinnigerweise. „Ja, doch!“ er scheint ein wenig ungeduldig zu werden. Warum zierte sie sich so? Hatte sie es nicht genauso eilig seine Frau zu werden, wie er wünschte, dass sie endlich legitim miteinander verbunden waren? Die Aussicht, eine junge, hübsche Frau an seiner Seite zu haben, die ihn repräsentieren konnte, würde seinen Aufstieg um vielfaches bereichern. „Ich dachte, wir könnten ein paar Tage nach Paris fahren, im Ritz absteigen und Du lässt Dich von mir verwöhnen, und zwar in jeder nur erdenklichen Art!“ Seine Augen werden eine Spur dunkler und verhaltene Leidenschaft spielt sich in ihnen. Sein Blick gleitet zufrieden über ihre wohlgeformten Schultern und verweilt sekundenlang auf dem tiefen, runden Ausschnitt ihres leichten Kaschmirpullis. Das kastanienbraune Haar kringelt sich um ihre ovales, zart gebräuntes Gesicht, in dem ihre grünen Augen einen ungewöhnlichen und faszinierenden Kontrast bilden. Ihre Nase zeigt von Charakter, ohne auffällig groß oder unpassend zu sein. Ihre Arbeitsgewohnten, geschickten Hände mit den kurzen, jedoch gepflegten Nägeln streichen gedankenverloren einen Haarkringel aus der Stirn, die jedoch unweigerlich auf ihren angestandenen Platz zurückfällt. „Ein längerer Urlaub wird nicht möglich sein“, legt er ihr Schweigen als Enttäuschung aus. „Du weißt, ja der Wahlkampf für die Abgeordnetenwahl steht bevor. Auch wenn meine Wiederwahl so gut wie in der Tasche ist, kann ich den üblichen traditionellen Wahlbesuchen, den Reisen durchs Departement und Versammlungen nicht fern bleiben. Politik ist ein hartes Geschäft. Und es ist natürlich von Vorteil, wenn der Kandidat ein geregeltes Familienleben vorzuweisen hat“, fügt er hinzu. „Diesbezüglich ist die Öffentlichkeit immer noch sehr konservativ, wenn auch nicht sosehr wie in anderen Ländern oder den vereinigten Staaten!“ „Ich frage mich“, antwortet sie sinnend, „ob in Deinem ausgefüllten und rasant geführten Leben überhaupt noch Platz für mich ist….“ „Wie kannst Du nur daran zweifeln, Amelie! Du denkst zuviel nach und Deine Gedanken gehen die verwirrendsten Wege. Lass es doch zu, dass ich Dich glücklich mache. Lass zu, dass Dein Leben eine bedeutende Wende nimmt, eine außergewöhnlich gute! Du willst doch nicht ewig meine Geliebte bleiben! Ich biete Dir meinen Namen und den Platz meiner angetrauten Frau an!“ Seine Worte geben ihren Zweifeln Recht. Er versteht sie nicht. Nicht so, wie sie es möchte. Vielleicht konnte sie sich auch nicht klar genug ausdrücken. Es war recht praktisch für ihn, sie zu heiraten. Aus politischen Gründen in erster Linie. Sie war jung, viel jünger als er. Und vermögend brauchte sie nicht zu sein, er hatte selbst genug! Aber hatte sie den das Recht ihn weiter hin zu halten? Konnte sie seine Fürsorge und Zuneigung mit Füssen treten, indem sie allein für sich sein wollte, allein und doch niemals, mit ihren Puppen und Träumen, die diese mit sich brachten? „Ich bin einverstanden“, lächelt sie ihn offen an. „Lass uns heiraten. Lass uns glücklich sein!“ Ihre Worte lösen eine kleine Welle von Glückseligkeit in ihrem Innersten aus und die Vorfreude, seine Frau zu werden, lassen ihre Augen erstrahlen und sie genießt ganz bewusst den Druck seiner Lippen auf ihrem Handrücken. Der Wirt, der die Nachspeisen bringt, unterbricht das kleine verliebte Intermezzo und zwinkert Philippe, der den Mann gut kennt, zumal er ebenfalls im Gemeinderat sitzt, zu. „Ich glaube fast, ihr habt etwas zu feiern!“ Philippe grinst. „Das kannst Du laut sagen, Fernand! Du kannst Dich selbst davon überzeugen, wenn Du Morgen früh auf die Aushängetafel des Rathauses blickst!“ Der Angesprochene zieht die Augenbrauen hoch! „Das sollten wir feiern!“ erwidert er wenig überrascht. „Ich bring’ Euch eine Flasche Champagner! Die geht auf’s Haus!“ Philippe nickt zustimmend. „Du erlaubst doch, dass wir sie nicht gleich aufmachen. Wir haben es heute eilig, Freund! Aber sei bedankt! Wir nehmen sie gerne mit nach Hause!“ Amelie kommt sich irgendwie überflüssig vor, während die beiden Männer sich bedeutsame Blicke zuwerfen. Und sie wird das Gefühl nicht los, dass ihre Unterordnung in Philippes Leben bereits in diesen Minuten begonnen hat.
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