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Schatten über der Provence |
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Kapitel 2 In den nächsten Tagen hat sie viel nachzudenken. Ihre künstlerische Tätigkeit lässt es zu, dass ihre Gedanken genug Platz und Zeit haben, ihre eigenen Wege zu gehen. Ihre Fingerfertigkeit formt mit der gleichen Präzision wie sonst auch die zarten Porzellanköpfe, gießt Formen aus, bedient den Brennofen, näht Puppenkörper und spielt mit der authentischen Seide und den Stoffen einer fernen Zeit, die sie in der Folge in zart ausgeführte Originalkleider umwandeln würde. Bänder, Spitzen, Knöpfe füllen Schubladen und Regale ihres Ateliers. Glasaugen in allen nur erdenklichen Farbschattierungen sehen ihr bei der Arbeit zu, rosige Puppenmünder, sorgsam von ihr gepinselt, lächeln sie wohlwollend an und sie lächelt dann und wann zurück. Verrückt? Ganz sicher, denkt sie. Verrückt auf meine Art und Weise, aber zufrieden. Warum nur lässt sie sich darauf ein, alles ändern zu wollen. Aus Liebe, natürlich, beantwortet sie ihre geistig gestellte Frage. Weshalb sonst? Aus Dankbarkeit, schrillt es im hintersten Winkel ihrer grauen Zellen. Vielleicht solltest Du die beiden Begriffe nicht so arglos miteinander assoziieren… Warum nicht’, kommt es aus der anderen Ecke ihres Kopfes zurück. Ist es denn nicht die perfekte Verbindung? Fragst Du Dich das wirklich? - Kommt es hämisch zurück. Liebe braucht keinen Vernunftgrund. Liebe lässt sich nicht steuern, aber Du bist dabei Dich willenlos steuern zu lassen und verwechselst Bewunderung und Zuneigung mit Liebe, armes Häschen! „Ich liebe ihn, aus, basta!“ sagt sie lauter als beabsichtigt, sodass ihr Labradorrüde aus seinem tiefen Nachmittagsschlaf erstaunt den Kopf hebt und sie fragend anblickt. „Ich liebe ihn und ich werde der glücklichste Mensch der Welt sein! Ich bin ein Glückskind, dass er gerade mich auserwählt hat! Wo das Angebot nicht eben gering ist! Meinst Du nicht, Rocky?“ Der angesprochene Hund gähnt laut und ausgiebig und lässt den Kopf erneut auf die großen Pfoten sinken, um seiner Lieblingsbeschäftigung unbeeindruckt nachzugehen.
In Le Beausset ist niemand wirklich verwundert über die Entscheidung des Bürgermeisters und Abgeordneten, des Gutsherrn Derrieu. Dass er mit der Puppenmacherin seit geraumer Zeit liiert war, daraus wurde niemals ein Geheimnis gemacht. Dass sie nur wenige Jahre älter als die eigene Tochter war, auch das konnte niemanden erschüttern oder gar empören. Warum sollte sich der jugendliche und Gutaussehende Mann eine Frau seines Alters nehmen? Im Gegenteil, diese Tatsache gab der Liebesgeschichte des Ortes einen ganz besonders romantischen Hauch! Auch wenn Amelie nicht unbedingt arm war, so bevorzugte der Mann, der genug Chancen gehabt hätte eine der besonders wohlhabenden Frauen der Region und seines Alters zu ehelichen, das eher einfache Mädchen vom Lande. War das nicht einfach entzückend und zeugte von wahrhaftiger Liebe? Das passte doch so richtig schön in diese zauberhaft sanfte Gegend, gesegnet mit mildem Klima und einer üppigen, mediterranen Vegetation! Es war Stoff für einen romantischen Liebesfilm!
***** „Action!“ Der kräftig gebaute Mann packt das halbwüchsige Mädchen bei den Schultern und blickt es eindringlich, aber auch ein wenig belustigt an. Er versucht, nicht zynisch zu klingen, als er auf sie einzureden beginnt, was ihm weitgehend zu misslingen scheint: „Du willst mir doch nicht einreden, dass Du in diesen Cyril verliebt bist, Cécile! Er ist ein Taugenichts und Habenichts!“ Impulsiv schlingt das Mädchen ihre Arme um den Hals des Mannes und streckt sich dabei auf die Spitzen ihrer nackten Zehen. „Schick’ Anne nach hause und ich werde Cyril nicht wieder sehen!“ „Wir verdanken ihr viel, Cécile, was Du zu vergessen scheinst! Nach dem Tode Deiner Mutter….“ „Blablabla“ unterbricht die Tochter ihren Vater. „Ich kann es nicht mehr hören! Lass uns das Leben weiterführen wie bisher! Lass uns einfach nur glücklich sein, zusammen, wir beide!“
„Cut!“ erschallt es aus dem Megaphon unweit der gespielten Szene. Raunen setzt ein, unzählige Menschen, die auf dem Filmplateau mitarbeiten, schwirren umher, emsig wie ein Aufgeschreckter Ameisenhaufen. Des Mädchens Nase wird gepudert, ihre Frisur aufgelockert und der Mann daneben lehnt sich an die Brüstung der Terrasse und zündet sich eine Zigarette an. Sein aufmerksamer Blick aus hellen Augen widmet sich dem Regisseur, der sich an seine Seite gesellt hat. „Ich denke, die Einstellung passt dieses Mal!“ Der Angesprochene nickt zustimmend. „Geht klar! Das ist im Kasten! Also Schluss für heute“. Er wendet sich der wartenden Crew zu: „Der restliche Tag ist frei, zumindest für die Darsteller!“ Der Helläugige grinst zufrieden. „Dann fahr ich mal kreuz und quer durch die Gegend! Soll hier alle paar Meter Weinverkostungen geben“. Er zuckt die Schultern, …wo wir schon mal hier sind! Gesehen habe ich ohnehin noch nicht viel von der Gegend, bei dem Leuteschinder, der Du bist!“ Der Angesprochene übergeht grinsend diese Aussage. „Wenn Du in einer der Weinverkostungen in einem Chateau de Vin verkommst, wirst Du auch in der Folge nicht viel wissen, außer dass Du morgen einen Kater hast und griesgrämig zum Dreh erscheinst!“ Der kräftige Mann schlägt dem kahlen Regisseur freundschaftlich auf die Schulter. „Das lass mal meine Sorge sein, Fred! Ich bin als trinkfest bekannt, wie Du weißt!“ Er schlendert davon, beide Fäuste in den Hosentaschen vergraben. Der Andere blickt ihm kopfschüttelnd nach. ‚Immer das letzte Wort’, denkt er, - jedoch mit einer gewissen Art von Bewunderung. Er hatte Daniel MacArthur nicht umsonst für diese Rolle der Neuverfilmung eines alten französischen Films aus den Sechzigern gewollt. Dass die Hauptrolle diesmal von einem Schotten besetzt sein sollte, der den berühmten, bereits verstorbenen Franzosen Yves Montand ersetzte, würde niemanden stören. Der Mann hatte seine eigene Ausdruckskraft, sein eigenes Charisma und anerkanntes Talent, dass selbst die Skeptiker nach wenigen Minuten Filmlaufs Montand vergessen würden. Nicht nur, dass MacArthur seit Jahren einen Namen im Filmgeschäft hatte, den man nicht so leicht vergaß, war er auch als raubeiniger Frauenheld bekannt. Die Damen standen auf Kerle wie ihn: unrasiert, mit grün schillernden Augen und einem Jungengrinsen, dass seine Vierzig, die er auf dem Buckel hatte, Lügen strafte. Französischer Stoff, von Briten verfilmt…. Die von sich eingenommenen Franzosen würden ihr blaues Wunder erleben…
Er lenkt den schnittigen Mietwagen geschickt auf den kurvigen Landstrassen, die durch ruhige, verschlafene Dörfer und Weinberge führt, während aus den Stereoboxen des eingebauten Radios französische Schlager erklingen. Er genießt die bereits warme Mai-Sonne auf seinem Gesicht, in seinem halblangen brünettem Haar und grinst zufrieden vor sich hin, während sich seine Finger geschickt eine Zigarette aus der Packung angeln, die, der vielen Kurven wegen, auf dem Ablageboard vergnüglich von links nach rechts und immer wieder retour rutschen. Die Zigarettenspitze glüht kurz rot auf, als er sie an den automatischen Anzünder hält und er inhaliert den verdammten Rauch, den er hasst und liebt zugleich, genussvoll und tief ein. „Verdammter Idiot“, schimpft er sich laut und selbst, während die Zigarette dabei lustig zwischen seinen Lippen auf und ab hüpft. Er war geschickt in der Kunst, mit einem solchen Glimmstängel im Mund zu sprechen, zu lachen, und einiges mehr. Er scherte sich um keine Rauchverbote, keine unwilligen Blicke, er war - Zugegebenerweise – dem Tabakgenuss und seinen giftigen Komponenten verfallen. Nicht Manns genug, davon weg zu kommen. Er grinst höhnisch über sich selbst und seine Selbstkritik. Aber war das nicht bereits ein erster Schritt? Selbsteinsicht? Selbsterziehung? Was würde danach kommen? Sollte er sich die verdammten Dinger vielleicht auf dem Handrücken abdämpfen, damit er davon los kam? Er stößt ein paar unflätige Flüche im Bezug auf viel gepriesene Nikotin-Patsches, Kaufgummis und andere so genannte Wundermittelchen, die er durchwegs alle erfolglos ausprobiert hatte, aus. Aber wahrscheinlich wollte er im Grunde seines Herzens diesem einseitigen Vergnügen gar nicht entsagen. Und noch wahrscheinlicher hatten es die Medien mit ihren unablässigen Hinweisen auf Gesundheitsschäden endlich geschafft, auch ihn zu manipulieren und zu verunsichern. Shit! Er wirft die angerauchte Zigarette wütend aus dem offenen Wagen und kramt nach einem Kaugummi, auf dem er sogleich angewidert und lustlos herumkaut. Die Strasse steigt steil in Serpentinen an. Einspurig, eng. Doch das fällt ihm kaum auf, er ist daran gewöhnt, durch unwegsames Gelände zu fahren. Bei ihm zuhause war es nicht viel anders. Steiler noch, und vor allem steiniger. Und doch sieht er den Hund, der gemächlich über die Strasse trottet, eine Sekunde zu spät und hätte der Wagen nicht so gute ABS-Bremsen und er nicht ein so tadelloses Reaktionsvermögen, wäre das Tier doch glatt unter seine Superspeed-Reifen gekommen! Der Adrenalinstoss, der ihn siedend heiß durchströmt, als der Wagen am Straßenrand zu stehen kommt, weicht einer unbändigen Wut. Verdammt! Die Landleute hier scheinen sich um absolut nichts zu scheren! Es war immer das gleiche! Und wenn man dann unschuldigerweise einen Vierbeiner verletzte, war natürlich der böse Autofahrer schuld! Dies war eine Strasse, wenn auch eine selten befahrene! Aber immerhin war er dem einladenden Schild zu einem Weinchateau gefolgt! Seine Wut gilt nicht dem Tier, das neben seinen Wagen getrottet kommt und ihn aus treuherzigen dunklen Augen neugierig ansieht, sondern den Besitzern des Tieres, deren Unachtsamkeit den hellen Labrador fast umgebracht hätte. Er liebte Hunde, Pferde, Katzen, einfach alles! Seine Eltern hatten einen Hof voll Vierbeinern und Federvieh. Er war damit aufgewachsen. Manchmal fehlte ihm der Kontakt zu Haustieren, doch er hatte weder Zeit noch Ruhe, sich selbst einen Haushalt anzuschaffen mit allem, was dazu gehörte. Irgendwann einmal, wenn er alt wurde... Er verscheucht den aufdringlichen Gedanken, dass er nicht mehr zu den ganz Jungen gehörte mit einem unwilligen Grunzen und steigt aus dem Wagen. Seine Hand tätschelt den Kopf des großen Hundes und er genießt die angenehme Berührung des weichen Fells. Jetzt erst bemerkt er den holprigen Weg, der scharf von dieser Strasse in einen kleinen Mischwald zu führen scheint. Schon nach mehreren Metern ist der Verlauf des Pfades nicht mehr zu erkennen, denn er verliert sich kurvig zwischen Büschen und Bäumen. Dan lehnt sich an den Wagenschlag, der Hund stupst wartend seine Knie an und Dan grinst amüsiert, während er den Blick aufmerksam rund um sich schweifen lässt. Er sollte öfter mal stehen bleiben und tief durchatmen. Einfach so, ziellos, sich der Schönheit der Landschaft bewusst sein. Nicht mehr… Sommerlilien blühen wild am Wegesrand und stehlen den einfacheren Wiesenblumen die farbenfroh zwischen den frischen Grashalmen hervorlugen, die Show. Auf der anderen Seite der Strasse nimmt er Reste einer uralten Steinmauer wahr, die über und über mit wilden Kletterrosen bewachsen sind. In seinem Rücken dehnen sich hügelige Weinfelder mit niedrigen Weinkulturen, wie es hier im Süden der Brauch zu sein scheint. Dazwischen reihen sich die Kronen junger Olivenbäume geradlinig wie die Glieder einer Perlenkette, Hügel abwärts. Weiter unten im Tal kann er die ziegelroten Dächer der verstreuten Landhäuser ausmachen. Pfirsichfarben gestrichen, oder aus Naturstein gebaut. Schattige Terrassen, und die Schwimmbecken, die blaue Flecken ins Landschaftsbild setzen. Ein Bild des Friedens, der Ruhe, zum Greifen nahe. Ein laues Lüftchen spielt mit seinem, durchs Fahren zerrauftes Haar, kräuselt das dichte Fell des gepflegten Hundes, auf dessen Hinterteil. Er scheint sich durch ein einfaches und einmaliges „Wau“ in Erinnerung rufen zu wollen. Ein einfaches Holzschild an der Biegung des einsamen Weges gegenüber, und das man eher verfehlen konnte als sonst etwas, erregt seine Aufmerksamkeit. Er nimmt die schützende Sonnenbrille ab und kneift die Augen etwas zusammen. In altmodischen Buchstaben steht in zarten Pastelltönen der Hinweis: Royaume des Poupées -
Gefolgt von einem Pfeil, in die Richtung des Weges deutend. Der Hund hatte sich auf die Hinterläufe gesetzt und blickt ihn erwartungsvoll an. Dan streckt die Hand aus und tätschelt den Kopf des Tieres erneut, das genüsslich dabei die Augen schließt. „Königreich der Puppen“ – soweit reichte sein Französisch noch allemal aus, um den Hinweis entziffern zu können. „Bist Du dort etwa zu hause?“ fragt er den Hund, während er eine Kinnbewegung zu der geheimnisvollen Landstrasse hin macht. Als hätte der Vierbeiner seine Frage als Aufforderung gedeutet, setzt er sich gemächlich in Bewegung, geradewegs in diese bestimmte Richtung. Dan will das Weinchateau erreichen, es konnte nur mehr wenige Kilometer weit weg sein, doch er zögert. Die Versuchung, das Ende dieser schmalen Strasse gegenüber zu entdecken, ist zu groß. Er hatte keine Termine, keine Verabredungen, nur – Durst! Vielleicht gab es dort auch etwas zu trinken, fürs Erste! Der Hund bleibt nach wenigen Metern steht und sieht sich um, als wolle er sagen: „Na komm endlich… worauf wartest Du?“ Außerdem wollte er den Leuten dort ohnehin die Leviten lesen, und ihnen raten, dass sie auf ihren Hund besser Acht geben sollten! Dieser Gedanke bestärkt ihn in seiner Neugier und der Abenteuerlust, sich zu dem verborgenen „Königreich“ auf zu machen. Er schließt den Wagen ab und hat mit wenigen, ausholenden Schritten den Hund erreicht, der an seiner Seite gemächlich weiter trabt. Die Kronen der Föhren und Eichen bilden ein schattiges Dach über dem Weg, eine Art Tunnel. Das leise Rauschen der Wipfel und ein Konzert aus vielerlei verschiedenen Vogelkehlen scheinen ihn in eine andere Welt zu führen, in die er nicht gehörte. Plötzlich fühlt er sich als Eindringling. So ein Quatsch, mahnt er sich zur Vernunft. Es musste an der würzigen Luft liegen, dass seine Sinne anscheinend vernebelt waren. Er schnuppert. Thymian, Rosmarin, noch irgendetwas, ja, und dann dieser stark duftende Ginster, der zwischen dem Grün anderer Sträucher strahlend gelb hervor lugte. Nach mehreren Biegungen kann er hinter diesen blühenden wilden Ginsterbüschen die Fassade eines gestreckten Hauses, wie es so viele hier gab, flach und mit hölzernen Fensterflügeln versehen, ausnehmen. Die Wände sind in einem dunklen Aprikose gehalten. Ein wild wuchernder Garten, hauptsächlich aus Oleanderbüschen bestehend, in den die menschliche Hand nur wenige Eingriffe gewagt hat, scheint es bewusst vor allzu neugierigen Blicken zu schützen. Eine Sonnen überflutete Steinterrasse, auf der schmiedeeisernen Gartenmöbel mit bunten Polstern zum Rasten einladen, nimmt die Vorderfront ein. Die überdachte Pergola, deren Steinsäulen mit blühendem Geißblatt voll über bewachsen sind, spendet der Eingangstür und zweien der Fenster Schatten. Es ist still, als wäre niemand zuhause. Doch der Schein trügt, denn er kann beim näher kommen erkennen, dass die Eingangstür einen großen Spalt weit offen steht. „Hier bist Du also zuhause!“ stellt er fest und der Hund hechelt und steuert geradewegs auf eine große irdene Wasserschüssel zu, die neben der Eingangstür steht. Genüsslich schlabbert er daraus, geräuschvoll und andächtig. Als Dan rufen will, kommt ihm eine angenehme Frauenstimme zuvor. „Rocky? Wo warst Du Ausreißer nur wieder!?“ Gleich darauf erscheint die Gestalt der Frau, zu der diese Stimme gehörte, in der Tür. Als sie sieht, dass Rocky nicht allein gekommen ist, zögert sie kurz, als wolle sie sich ins Innere des Hauses flüchten, und fasst dann doch den Entschluss, den Fremden nach seinen Beweggründen, die ihn hierher geführt haben, zu fragen. „Monsieur?“ Ihre Stimme klingt einen Ton kühler, als vorhin. „Hallo“, antwortet Dan so liebenswürdig wie nur möglich. „Ich wollte nicht stören! Ich hätte um ein Haar ihren Hund mit dem Wagen erwischt. Er sollte sich nicht so weit vom Haus entfernt herum treiben. Vielleicht sollten Sie ihm das sagen.“ Was redete er da für einen Blödsinn? Aber er konnte diese hübsche, junge Frau, in der praktischen, burschikosen Kleidung, mit dem Anflug ihrer keineswegs gespielten Unsicherheit nicht einfach niederschreien, wie er es eigentlich im Sinne gehabt hatte! In der Art wie, - teurer Mietwagen, Hund sicher nicht versichert – verantwortungsloses Pack, blabla…. Sie lächelt amüsiert, und er erliegt diesem betörenden und ungekünsteltem Gesichtsausdruck, der ihr zart gebräuntes Gesicht erhellt. „Ich werd’s ihm sagen, Mister!“ Ihr französischer, lieblicher Akzent, als sie ihm in seiner Muttersprache antwortet, lässt den hart gesottenen Frauenliebling beinahe seine Fassung vergessen. „Hast Du gehört, Rocky!“ Sie scheint wahrhaftig Humor zu besitzen! Er blickt sie an und sucht nach den passenden Worten. „….Ich meine“, beginnt er gedehnt und seine Hände spielen mit den Bügeln seiner teuren Designerbrille, „wäre doch echt schade um ein so liebes Tier! Und er ist ausgesprochen schön, Ihr Beschützer!“ Sie nickt und Rocky, der genau weiß, wovon die Rede ist, streckt sich vor ihren Füssen auf den Steinfliesen aus. „Es kommen sehr wenig Leute auf dieser Strasse daher“, wendet sie ein. „Menschen aus der Gegend, Lieferanten, und die kennen Rocky! Fremde, die sich hierher verirren, sollten vielleicht vorsichtiger und langsamer fahren! Die Gegend ist es wert, dass man sie ruhevoll betrachtet, ohne Raserei!“ Er nimmt ihre versteckte Zurechtweisung fast zerknirscht entgegen, und beißt sich auf die Unterlippe. Wie konnte er die Konversation mit dieser Frau, die ihm plötzlich unnahbar erscheint, weiter aufrechterhalten, ohne sich dabei zum Trottel zu machen? Schon scheint sie ins Haus zurückweichen zu wollen, als es ihm wieder einfällt: „Hätten sie vielleicht ein Glas Wasser für mich, Mam? Ich wollte zum Chateau de Vin Broussard, aber wie es aussieht, habe ich es verfehlt!“ „Keineswegs“, entgegnet sie ruhig. „Sie sind keine 800 Meter davon entfernt! Das Schild ist ganz sicher nicht zu verfehlen! Doch ein Glas Wasser können Sie gerne haben. Oder ist Ihnen Kräutertee lieber? Garantiert biologischer Anbau!“ Er grinst. „Haben sie auch kalten Tee da?“ Ihre Züge werden eine Spur weicher. „Sogar eisgekühlten. Und eine Zitronenscheibe spendiere ich Ihnen auch dazu, wenn Sie wollen!“ Er folgt ihrem Blick, der stolz über einen schwer mit Früchten bestückten Zitronenbaum an der linken Seite des Hauses fällt und entgegnet schmunzelnd: „Natürlich auch biologisch….“ „Ganz recht“, lautet ihre amüsierte Antwort.“ Ihre Hand deutet einladend auf die Sitzgruppe. „Ich bin gleich zurück!“ Lautlos verschwindet sie im Dunkel des Hauses, gefolgt von Rocky. Er lässt sich auf einen der Stühle fallen und setzt die Brille auf die Nase. Eifriges Summen von herumschwirrenden Bienchen und Hummeln, die Blüte für Blüte besuchen, und der melodiöse Vogelgesang sind die einzigen Geräusche, die diese absolute Stille noch untermalen. Er atmet tief durch und nimmt den schweren Duft des Geißblattes wahr, assoziiert mit dem der wilden Heckenrosen und Rosmarin. Er spürt eine angenehme Müdigkeit in sich aufsteigen und schließt die Augen. Ein Gefühl von Abheben beschleicht ihn und er zwingt sich dazu, der plötzlichen Schläfrigkeit nicht nachzugeben. Als er seine Augen wieder öffnet, steht die Hausfrau vor ihm mit einem Krug in der einen und einem Glas in der anderen Hand. Er betrachtet ihre schmalen Hände, die ihm geschickt einschenken. Kurze Nägel, unlackiert, schmucklos, bis auf den einfachen Diamantring an der Rechten. Irgendwie schien er gar nicht zu ihr zu passen. Die Frage, ob dies wohl ein Verlobungsring sei, kann er nur mühsam zurückhalten und sie begegnet seinem Blick mit einer Art Zustimmung, als hätte sie seine Frage erraten. „Ein wundervoller Ring“, sagt er leise und sie lächelt wissend. „Ich bin verlobt!“ Vielleicht wollte sie ihn so gleich einmal in die Schranken weisen, bevor er noch versuchte, sie auf irgendeine Art und Weise zu becircen. Die Fronten waren von ihr klar abgesteckt worden, und es war ihm nicht einerlei, verdammt…. Er lässt genüsslich den herben, frischen Geschmack des Tees in seine Kehle laufen und betrachtet sie dabei eingehend, in der Hoffnung, dass die dunkle Brille seinen bewundernden Blick verbergen mochte. Schlank, obwohl ihre Gestalt Größenteils in einem Jeansoverall unter dem sie ein weites Hemd trägt, verborgen steckt. Hübsch, wenn auch dieses banale Wort nicht wirklich ihre irgendwie klassische, und dennoch frische Erscheinung beschreibt. Ein wenig unschuldig, was sie ganz gewiss nicht mehr war. Ein ovales, zartes Gesicht mit hohen Backenknochen, eine gerade, fast römisch zu nennende Nase – welch angenehme Abwechslung nach all den operativ geformten Stupsnäschen seiner Schauspielkolleginnen - und ihr gewelltes Haar, mit einer Unzahl von bunten Spangen wahllos hochgesteckt, von der Farbe reifer Kastanien, das ihn einlud, es sanft zu berühren. Der Duft von Holunderblüten und Lavendel streift seine Sinne. Ihre Augen wechseln von Blau zu Grün, dann wieder erscheinen sie wie geschmolzenes Silber. Er sollte gehen. Schnell! Die Frau in Ruhe lassen. Selbstsicher wie er ist, glaubt er ohne Zweifel, dass er sie betören könnte für dieses eine Mal. Der Jäger und seine Beute. Ein unvergessliches Abenteuer. Sie reizt ihn, und auch die Tatsache, dass die glaubte, ihre Verlobung könnte sie vor seinen Verführungskünsten schützen. Naiv, aber so verführerisch. Die wilde Rose der Provence, die er pflücken sollte, ohne zu zögern. Diese ganze Situation scheint ihm wie geschaffen dafür. Diese Einsamkeit und dieses unhörbare Knistern, das unbestreitbar zwischen ihnen mehr und mehr zu entstehen scheint. Sie scheint verlegen zu werden, darauf zu warten, dass er sie verlässt. Er trinkt bedächtig aus dem Glas, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen. Motorengeräusch und die lautstarke Hupe von Virginies Sportwagen lässt beide aus den unterschiedlichsten Überlegungen aufschrecken. Virginie, die unwiderstehliche Virginie, klettert aus ihrem Coupé, in einer kleinen Staubwolke, die ihre Reifen aufgewirbelt hatten. Es scheint sie nicht zu stören. Perfekt und doch so lässig gestylt. Selbstsicher und sich ihrer betörenden Ausstrahlung vollkommen bewusst, schlendert sie auf die beiden Überraschten zu. „Oh, Chérie!“ ruft sie entzückt, während sie ihre zukünftige Stiefmutter auf beide Wangen küsst, „Du hast Besuch? Wie spannend und aufregend! Wo es doch so selten vorkommt….“ Amelie scheint verwirrt, Virginie findet die Situation zum Schreien. Dieser anmaßend gut aussehende Kerl, was wollte der von der zukünftigen Frau ihres Vaters? Ihre Blicke sind keineswegs verhalten, ja fast schon anzüglich, als sie ihn über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg äußerst interessiert misst. Ihre Zungenspitze streift wie zufällig über ihre perfekt geschminkten, vollen Lippen. Und dann flötet sie zuckersüß, ohne Dan dabei aus den Augen zu lassen.“ Sie kommen mir irgendwie bekannt vor… Sind wir uns schon mal begegnet? Monaco? Nizza? Na los, Amelie! Willst Du mich nicht vorstellen?“ Virginies verführerische Kurven sind nicht zu übersehen in dem knappen, schwarzen Top und den hautengen Fischerhosen aus weißem Leinen, die sie trägt. Dan schmunzelt. Da war diese hier ganz anders. Sie betrachtete ihn als Beute, und nicht umgekehrt…. Welch reizvolles Spiel … Er kannte diese Art von Frauen zur Genüge. Sie versprachen Spaß, Vergnügen und nicht zuletzt ein prickelndes Lustgefühl. Amelie blickt von Virginie zu diesem Unbekannten, die sich abwartend und lauernd zu beobachten scheinen, und sucht nach den passenden Worten . „Äh… dies ist die Tochter meines Verlobten, Miss Virginie Derrieu. Und dieser Monsieur, nun….ich weiß nicht….“ Hilfe suchend blickt sie den Mann an, der Virginies nächstes Opfer zu werden scheint, denn diese Absicht der Göre entgeht ihr keineswegs. „Jedenfalls ist er nicht von hier, scheint auf der Durchreise zu sein“, versucht sie hastig irgendeine Erklärung abzugeben. „Daniel MacArthur! Ein durstiger Fremder der zufällig hier gelandet ist!“ Sein Akzent ist unüberhörbar. Nachdrücklich trinkt er sein Glas leer und erhebt sich. „Ich muss zugeben, dass mich dieser kleine Umweg mehr als entzückt hat! Meine Damen, ich mach mich wohl lieber wieder auf die Beine! Es war mir ein echtes Vergnügen.“ Virginies große Augen sind eine Spur runder geworden. „Der Daniel MacArthur?“ Dan zuckt kaum merklich und wie ertappt die Schultern. „Ich werde verrückt!“ Die Stimme des jungen Mädchens scheint sich vor Entzücken überschlagen zu wollen. Amelie kann die plötzliche Aufregung nicht verstehen. Sie beobachtet gespannt die beiden Menschen, die sich zu kennen scheinen, irgendwie, durch irgendetwas…. „Meine fromme Stiefmutter hat seelenruhig meinen absoluten Lieblingsstar im Garten sitzen und ich hätte das beinahe verpasst! Ich träum’ doch nicht, oder?“ Ihre Hand streicht nervös über ihre Stirn, und das grelle Sonnenlicht lässt die Glunker ihrer zahlreichen Ringe aufblitzen. Dan hatte sich schon lange nicht so amüsiert, aber er sollte gehen, bevor das junge Ding noch in Ohnmacht fiel! Er macht Anstalten zu gehen und lächelt Amelie entschuldigend zu, bevor er schlicht erklärt: „Ich mag das Wort Star eigentlich nicht sehr!“ wehrt er ab. „Schauspieler ist mir lieber. Ein Beruf, weiter nichts! Wir drehen einen Film hier in der Nähe! Vielen Dank für die Gastfreundlichkeit! Vielleicht sehen wir uns irgendwann mal wieder!“ Er ist entschlossen zu gehen, doch Virginie stellt sich ihm in den Weg. „Das können sie nicht tun, Daniel! Bitte nicht! Sie haben doch ein paar Minuten Zeit, um uns ihre Gesellschaft zu schenken, nicht wahr?“ Die flehenden Augen der hübschen jungen Frau lassen ihn zögern. „Um ehrlich zu sein, ich will noch zum Weinchateau….“ „Ich bringe Sie hin, Dan! Das können Sie mir nicht abschlagen! Wir nehmen meinen Wagen. Ich kann Sie beraten, wenn Sie vorhaben, Wein zu kaufen! Ich kenne mich besser aus als man mir ansieht, und keiner wird es wagen, Sie in meiner Gesellschaft übers Ohr zu hauen! Und vielleicht wollen Sie mich dann ja zur Superfête nach Marseille begleiten! Natürlich nur, wenn Sie nicht noch wichtige Termine haben! Ganz groß, ganz toll, und viel Prominenz! Ich verspreche Ihnen auch ganz brav zu sein und Sie nur mit angenehmen Leuten wie mich bekannt zu machen! Sagen Sie doch einfach Ja! Ich beiße nicht!“ Er lacht lauthals und Amelie beobachtet, wie sein Kehlkopf dabei zu hüpfen schien. Dieses Grübchen auf dem Kinn verlockt sie, es zu berühren. Als sie sich ihrer Gedanken bewusst wird, schluckt sie und fährt sich fahrig über die Stirn, wobei sich eine der Spangen löst und eine gelockte Haarsträhne in ihre Stirn fällt, die sie nervös aus ihrem Gesicht pustet. Dan beobachtet sie hinter seinen dunklen Sonnengläsern, ohne dass sie es bemerkt. ‚Verdammt’, denkt er. ‚Warum musste dieses vergnügungssüchtige Mädchen auch gerade jetzt hier aufkreuzen! Der Nachmittag hatte noch einiges versprochen…’ Sekundenlang stellt er sich vor, wie er bedächtig Spange für Spange aus dem Haar dieser geheimnisvollen, ein wenig unnahbaren Frau löst, eine nach der anderen… „Nun?“ stört Virginie ihn in seinen Überlegungen. Ihr flehender Schmollmund scheint ihn zu überreden. Schließlich war der Zauber der Zweisamkeit längst vorbei. Was war dagegen auch zu sagen? Und Amelie? „Sie kommen doch mit!?“ In seiner Stimme schwingen Hoffnung und eine Art Bitte… „Amelie?“ Virginie antwortet für die Angesprochene. „Ganz sicher nicht! Sie geht selten auf gesellschaftliche Ereignisse, und wenn, dann nur mit meinem Paps! Schließlich ist sie mit ihm verlobt!“ Amelie ist erzürnt über Virginies Anmaßung. Natürlich wäre sie nicht mitgegangen, aber es war an ihr, diesen Daniel, der anscheinend ein nicht ganz unbekannter Schauspieler war, davon in Kenntnis zu setzen! Schließlich war er ihr Gast gewesen. Ihre Züge verfinstern sich und sie straft Virginie mit Missachtung. „Ganz recht! Ich habe noch viel zu tun. Bestellungen, die rechtzeitig fertig werden müssen…“ „Ach ja, die Puppen….“ Dans Zerknirschung, aber auch Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Ich hätte gerne einen Blick darauf geworfen….“ „Ein andermal“, beeilt sich Amelie zu antworten, wobei ihre Stimme fast frostig geworden ist. „Es hat mich gefreut, Monsieur MacArthur! Und sehen Sie sich vor: Die junge Dame ist sozusagen noch ein Kind, auch wenn sie nicht so aussieht. Der Schein trügt. Und Sie könnten gut und gern ihr Vater sein!“ Ihr Vergeltungsschlag sollte belustigt klingen, doch ihre Stimme klingt spröde und ein wenig zu bitter. Vor allem aber, verschafft ihr diese lächerliche Aussage keinerlei Befriedigung. Als würden diese Worte einen von beiden davon abhalten können, sich gegenseitig zu vernaschen! Wortlos dreht sie sich um und versucht nicht davon zu laufen. Nur weg von dem Biest, dass sie wie eine Entmündigte oder Weltfremde darstellte, und diesem Fremden, der sie viel zu lange angeblickt hatte, als ihr lieb war. „So warten Sie! Ich ….“ Den Rest seiner Worte verschluckt der Knall ihrer Eingangstür, als sie ins Schloss geworfen wird. Sie kann durch die Maschen des gehäkelten Küchenvorhangs sehen, wie er ihr nachstarrt, unentschlossen und betreten. Ihr benehmen war auch wirklich kindisch gewesen. Virginie tänzelt schnatternd um ihn herum wie ein aufgeregtes Gänschen und schließlich lässt er sich auf den Sitz neben ihr gleiten und schlägt die Wagentür ziemlich laut zu. Als das Motorengeräusch verklungen ist, genehmigt sie sich einen kräftigen Schluck Anisschnaps, der ihre Enttäuschung und die Frechheit Virginies herunterspülen sollte. Aber sie war noch nicht fertig mit der Jüngeren. Sie hatte ihr viel zu lange schon nachgegeben und ihre spitzen Bemerkungen hingenommen, als berührten sie sie nicht, was ja nicht stimmte. Ein wenig Respekt wollte sie, nicht mehr, zumindest in dem Maße, in dem auch sie dem Mädchen gebührende Achtung zollte!
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