Schatten über der Provence

 

Kapitel 3

Als sie am folgenden Morgen den Namen des Schauspielers in die Suchmaschine der Web-Seite eingibt, tut sie es aus purer Neugier. Denkt sie zumindest. Will sie glauben. Und schon nach wenigen Minuten ist ihr sonnenklar, dass sich ein ziemlich berühmt berüchtigter Schauspieler gestern in ihren Garten verirrt hatte. Einen, dem man sonst nur auf Galaempfängen, Luxuspartys oder Nobelrestaurants dieser schnöden Welt begegnen konnte. Wenn man Glück hatte, großes Glück. Oder einen sicheren Tipp von Eingeweihten. Schotte, Weltenbummler, Frauenheld. Foto für Foto spult sich vor ihren Augen ab, ein attraktiver Mann, lächelnd, oft genug ernst oder absichtlich gefährlich böse blickend. Verdammt männlich, verdammt betörend, mit einer Art von Wildheit, die sich hinter einem sanft geschwungenen Mund verbirgt, einem Lächeln, das einem bis in die Mitte des Leibes trifft, anrührend, voll von geheimem Versprechen, und diesen rätselhaften hellgrünen Augen, die sie der dunklen Sonnebrille wegen, die der Fremde kaum abgenommen hatte, gar nicht wirklich klar zu sehen bekommen hatte. Das brünett, dunkelblonde Haar mal kurz, dann länger, einmal sogar ganz lang und zu einem Pferdeschwanz gebunden. Bärtig, glatt rasiert. Im Smoking, in Jeans und karierten Flanellhemden. Bullig, dann wieder einfach nur kräftig und sehr muskulös. ‚Eingefleischter Junggeselle aus Überzeugung’, liest sie. Großzügig, launisch… manchmal. Ein Arbeitstier, der seinen Beruf sehr ernst nahm und dasselbe von den Kollegen und Filmemachern verlangte, was manchmal zu Reibereien führte. Besser, man hatte ihn nicht zum Feind, meinten ein paar Journalisten. Kurze, turbulente Affären mit Schauspielerinnen, Modells, das übliche eben, wobei eine begehrenswerter zu sein scheint, wie die andere, mit nicht enden wollenden, wohlgeformten Beinen, blond, blond, nochmals blond…

Und dann suchen Amelie Gedanken heim, die ihr bisher fremd gewesen waren. In der Art wie, ‚und ich stand da in den abgetragenen Arbeitsklamotten’, oder ‚er muss mich für eine Art Waldhexe gehalten haben und sich heute noch vor Lachen kugeln, wenn er mich nicht schon längst vergessen hat!’ Virginie hatte sicher und unbewusst alles getan, dass dieser Daniel seine Passage in ihrem kleinen Reich sofort aus seinen grauen Gehirnzellen gestrichen hat. Wahrscheinlich hat das Mädchen sogar abfällig über sie gesprochen, sie lächerlich gemacht, vor diesem Mann. Und sie hatte seinem Besuch ein rasches und forderndes Ende gesetzt. Dabei konnte sie nicht einmal sagen, ob ihr das so unangenehm gewesen war. Doch das schien ihn nun wahrhaftig nicht zu stören, im Gegenteil. Er schien amüsiert zu sein, aber keineswegs abgeneigt, ihrer Aufforderung zu folgen. Oh ja, Virginie kannte ihre Reize und war ein Genie darin, sie dementsprechend und erfolgreich einzusetzen! Amelie kaut an ihren Fingernägeln und betrachtet Fotos, Szenen aus diversen Filmen. Ach ja, das Festival von Cannes, da war er auch vor zwei Jahren gewesen. Sie überlegt, wie es wohl gewesen wäre, wenn sie ihn damals schon getroffen hätte, ganz zufällig, denn möglich wäre es durchaus gewesen, sie fuhr oft in die Gegend, wo sie Kontakte zu alten Kunden knüpfen konnte und war manchmal auch gern gesehener Gast in den Häusern der Schönen und Reichen gewesen, die sich Kollektionen ihrer Werke leisten konnten. Und damals hatte sie Philippe keineswegs noch ihr Ja-Wort gegeben. Aber wahrscheinlich hätte er sie im Strom tausender von Fans und Schaulustiger nicht einmal bemerkt. Eine Pendlerin war sie gewesen. Paris, Côte d’Azur, mal hier, mal dort. Eine Suchende nach sich selbst. „Jetzt bin ich am Ziel“ murmelt sie fast unhörbar, um sich selbst zu bestärken. „Ich habe erreicht, was ich immer gewollt habe! Einen Beruf, der meine Bedürfnisse und Erwartungen erfüllt, ein Künstlerdasein nach meinem Geschmack, einen mich liebenden, äußerst attraktiven Mann….“ Wie von selbst holen ihre Finger Philippes politische Homepage auf den Bildschirm ihres Monitors. Ein strahlender Mann, ein entschlossener Blick, Pläne, Aufgaben, Ziele. Und sie würde mitten in dem Geschehen, das sein Leben war, eine wichtige Rolle einnehmen. Für ihn, seine Karriere und ihr eigenes Glück…. ‚Ist es nicht so?’ - necken ihre Gedanken sie.

Ihn repräsentieren, ihm zur Seite stehen, ihre Arme um ihn schlingen, wenn er müde war und Ruhe suchte. Das stand ihr zu. Er hatte viel für sie getan. ….’Ich hab’ ihn nie um etwas gebeten’… stichelt die zweifelnde Seite sie erneut. ‚Ich hätte es auch so geschafft, vielleicht einen steinigeren Weg wählen müssen, mehr Zeit dazu gebraucht, aber ich wusste immer, was ich wollte….’ Sie seufzt und schließt die Augen, die vom unablässigen Starren auf den hellen Bildschirm zu brennen beginnen. Warum musste ihr Hund auch gerade in dem Moment über die Strasse laufen, als dieser Schotte daher gefahren kam. Sie stand bereits in den Startlöchern ihrer Hochzeitszeremonie, sie konnte keine abwegigen Gedanken, ja Zweifel gebrauchen. Aber hatte sie nicht vor dem Auftauchen des Typen bereits gezögert, und versucht Zeit zu gewinnen? Sie würde mit Philippe sprechen. Er musste einsehen, dass sie nicht als Überrumpelte, Wankelmütige vor dem Altar stehen wollte, trotz aller Ausschmückungen, die er so gerne von sich gab, wenn er spürte, dass sie Zeit gewinnen wollte. Außerdem lag es ja auch in seinem eigenen Interesse, dass er ein absolut ehrliches Jawort bekam….

Sie wollte ihre Gedanken ordnen, noch genau mit ihm ausdiskutieren, wie er sich die Zukunft vorstellte, ihre vor allem, ihr berufliches Engagement. Sie fürchtete immer mehr, dass er ihre künstlerischen Ambitionen nicht genug ernst nahm und sie einfach als hübschen Zeitvertreib abtat. Na klar, welche Beziehung sollte ein Mann wie er auch zu Puppen haben? Kinderträume, Sehnsucht nach Geborgenheit, der sie zu schnell entrissen wurde, ein Seufzen in einsamen Nächten, allein, fern von jeglicher Familie, die es nicht mehr gab, als sie es noch gebraucht hätte, in den Arm genommen zu werden. Es war in ihr, ein Teil von ihr, und so fragil wie die Flügel eines gaukelnden Schmetterlings. Sah er das nicht? Verstand er sie nicht? Wie sollte sie es ihm sagen? Er würde sie nur für eine undankbare, verzogene Göre halten, schlimmer, als seine eigene Tochter. Natürlich hatten die Derrieus immer hinter ihr gestanden, aber es war eben nicht dasselbe. Immer schon hatten sie alte Puppen interessiert. Wertvoll, zerbrechlich, voll von Erinnerungen an vergangenen Glanz ferner Epochen. Nur Töchter betuchter Eltern besaßen diese kunstvollen, kleinen Damen aus Porzellan, gekleidet in Seide, Spitzen, Samt und mit Echthaarperücken gekrönt, die jene aus Mohair nach und nach ersetzten. Nach und nach, ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden sie immer beliebter und mutierten vom begehrtem Kinderspielzeug zu wertvollen Sammlerstücken. Und der vage Wunsch, der kindliche Traum wurde zur Besessenheit. Sie würde diese Puppen, die es immer seltener zu finden gab, nach und nach kopieren. Frauen, die eine eben solche Sehnsucht nach kaum erklärbaren Gefühlen und Sehnsüchten hatten, sollten es sich leisten können, das eine oder andere Puppenkind ihr eigen nennen zu können. Die Faszination sollte für sie nicht mehr vor der Glasscheibe einer Puppenmuseumsvitrine enden…. Viel Aufwand, endlose Recherchen, aber auch soviel Befriedigung und Freude, die ihre Arbeit ihr bereitete. Talent hatte sie, den Kunstverstand dazu durch ihr Studium erworben, das war kein Zeitvertreib im Sinne Philippes. Ein Kunsthandwerk, und ein seltenes dazu. Handgemachte Puppen großer Puppenmacher einer fernen Zeit. Armand Marseille, Bru, Kämmer & Reinhart, Simon & Halbig, und wie sie alle hießen, die alten Puppenmacher. Ihre Arbeit bedeutete für sie nicht nur ihren gut florierenden Lebensunterhalt, sie war ein Teil ihrer Persönlichkeit, ihres Ausdrucks, und den Wunsch etwas zu tun, wofür es sich lohnte, morgens aufzustehen. Selige Befriedigung, wenn ein weiteres Werk fertig gestellt war. So einfach war das. So simpel. Aber Philippes Gegenargumente, würden bezwecken, dass sie sich erneut kindisch und unverstanden fühlte, Klein und undankbar. Doch ihr Entschluss scheint unausweichlich. Sie würde sich noch Zeit erbeten. Ein paar Monate, das war nicht viel für die Dauer einer langen und beständigen Ehe. Sie hatte Philippe versprochen, zum Abendessen zu kommen. Er drängte sie, endlich die Tischordnung zu kontrollieren, das Büffet, die Gästeliste. Warum nur hatte sie es ihm so gerne überlassen, all das von seinen Sekretärinnen managen zu lassen? War es denn normal, dass eine Braut so wenig Interesse an der eigenen Zeremonie zeigte. Warum fühlte sie sich müde? Warum ängstlich und ganz und gar nicht wie eine glückliche Braut voller Erwartungen. Doch ihr zukünftiges Leben als Philippes Frau, die einfach nur gut auszusehen hatte, steht so klar vor ihren Augen, so wenig verlockend, dass es sie erschreckt. Immer mehr, immer stärker. Der unverhoffte Besuch dieses Schauspielers mit seiner offenen, lässigen Art, hatte eben auch nicht dazu beigetragen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Warum? Sie wusste es nicht, aber dieses angenehm warme Gefühl in ihrem Bauch, das sie beschleicht, sobald sie sich sein markantes, lächelndes Gesicht vorstellt, lässt ihre Unruhe, ihre Zweifel noch mehr wachsen. Und zum Teufel mit dem Dank, den sie Philippe schuldete.

 

*****

„Virginie?“ Das Erstaunen in ihrer Stimme war keineswegs gespielt. Sie hatte nicht erwartet, das Mädchen heute im Hause ihres Vaters anzutreffen.

„Ich habe sie gebeten, heute ausnahmsweise pünktlich zu erscheinen, weil wir doch noch einiges zu besprechen haben, Liebes!“ Die wohlwollenden Blicke des Vaters streifen über die biegsame und sportliche Erscheinung seiner Tochter. Kein Wunder, dass sie begehrtes Partygirl war. Sie besaß seinen Humor, seinen Verstand und auch das Selbstbewusstsein. Die Schönheit hatte sie zum Teil seiner Frau zu verdanken. Und er befand, wie meist, wenn er seinen stolzen Gedanken nachhing, dass all diese Komponenten ein hervorragendes Endprodukt abgaben.

Vielleicht hätte ihr ein wenig mehr Ernsthaftigkeit nicht geschadet, aber sie war jung und sollte ihr Leben genießen. Virginie erwidert Philippes sanftes Lächeln und nimmt neben ihm Platz, gegenüber Amelie, die sie fragend anblickt. „Und wie war es gestern auf Eurer Superfête?“

„Du hast einiges versäumt, Amelie! Wärst Du doch mitgekommen! Dany ist ein so unterhaltsamer Mensch, die Leute waren begeistert, als ich mit ihm aufgekreuzt bin. Und trinkfest ist der Bursche! Er schlägt alle namhaften Rekorde, das sag’ ich Euch! Und nicht nur beim Trinken….“ Der letzte Satz bleibt in der Luft hängen wie zäher Honig, der langsam ekelhaft zu Boden tropft.

„Dany, also….“ Amelie widmet sich intensiv dem Krabbensalat des Vorspeisentellers. Der Hunger war ihr schlagartig vergangen. Sie zerteilt die gegrillten Krebstiere ins winzige Fasern, schiebt sie ziellos auf dem Porzellan herum und versucht, sich ihre aufsteigende Wut nicht anmerken zu lassen.

„Ja, denkst Du, wir haben es bei dem förmlichen Umgang belassen?“ dringt Virginies neckende Stimme an ihr Ohr und sie zwingt sich, das Mädchen gerade heraus anzusehen. „Das habe ich natürlich nicht angenommen“, sagt sie so sachlich wie es ihr nur möglich ist. „Es war sicher eine lange Nacht! Deshalb mein Erstaunen, Dich heute hier anzutreffen! Du siehst gar nicht erschöpft aus, mein Kind!“ Die Betonung liegt auf dem letzten Wort.

„Darf ich fragen, um wen es sich bei diesem Dany handelt?“ Philippe fragt mehr aus Höflichkeit, nicht wirklich aus Interesse an dem Objekt dieses verhaltenen Frauengeplänkels.

„Oh Paps!“ schwärmt Virginie und lässt die volle Gabel in der Luft hin und her schaukeln, ohne Anstalten zu machen, sie endlich in ihrem plappernden Mund verschwinden zu lassen. „Er ist der aufregendste Mann, der mir jemals begegnet ist!“ „Aha“, kommt es zurück. „Ich weiß nicht, wie oft ich das schon gehört habe…“ Amelie zeigt ein säuerliches, unlustiges Lächeln.

„Ich wusste ja nicht, welchem Irrtum ich erlag, Paps! Du musst ihn kennen lernen! Er findet meinen Akzent so verführerisch, ich denke, er hat einen Narren an mir gefressen“ geht die Schwärmerei weiter. „Er ist Engländer! Ire, oder so...“

„Schotte“, berichtigt Amelie sie, doch ihre Äußerung wird mit einer ungeduldigen Handbewegung abgetan.

„ Ein Weltstar, Papa, ohne Starallüren! Kannst Du Dir das vorstellen? Du musst ihn doch kennen! Daniel MacArthur, der Superstar!“

„Klingt ja auch total irisch“, murmelt Amelie leise und wird gar nicht beachtet. Was war nur in sie gefahren? Warum war sie so gereizt, Virginie würde sich nie ändern, das wusste sie von Anfang an. Und schließlich war Virginie frei, im Gegensatz zu ihr…

„ Er spielte doch in diesem Kriegsfilm, der Dir so gefiel, Du weißt schon“, schwätzt Virginie auf ihren Vater ein. „The long green shore“, oder so ähnlich, hieß der Streifen“.

 „Ah“, Philippe entsinnt sich nach einiger Überlegung. „Ja, natürlich kenn ich den Mann. Bin ihm schon vor 2 Jahren in Cannes begegnet, bei der offiziellen Eröffnung des Festivals. Hab’ ich Dir nicht davon erzählt? Der Film wurde damals außer Konkurrenz vorgestellt!“

Amelie stochert in ihrem Essen und versucht, ein wenig Appetit zu spielen, was ihr aber nicht gelingt. Schauspielerin war sie jedenfalls keine, dafür fühlte sie sich ganz plötzlich alt und verbraucht.

„Ist was, Amelie? Du solltest essen, mein Schatz! Du siehst heute wirklich nicht gut aus! Soll ich Dir etwas anderes zubereiten lassen?“ Amelie ringt sich ein Lächeln ab. „Nein, danke, ich habe mittags sehr spät gegessen. Die Arbeit, Du verstehst doch…. Eigentlich habe ich nicht einmal Hunger!“

„Nun, das wird ja bald vorbei sein, und dann kannst Du einem geregelten Leben nachgehen, Liebling. Du wirst regelrecht aufblühen, glaub mir!“

Was sah er eigentlich jetzt in ihr? Ein verdorrtes Pflänzchen? Was war sie doch empfindlich heute….

„Tja, um nochmals auf gestern zurückzukommen“, schaltet sich Virginie erneut und ungeduldig in die Konversation ein. „Der Mann hat eine Riesenbestellung Wein aufgegeben! Die Kisten werden direkt nach Schottland geliefert. Der alte Simon hat vor ihm gebuckelt, das könnt’ ihr Euch nicht vorstellen!“ Bei dieser Erinnerung lacht sie hell auf.

Philippe scheint amüsiert zu sein. „Und wie ich mir das vorstelle! Dieser alte Gauner! Aber vom Wein versteht er eine Menge, das muss ihm der Neid lassen!“

Wie sollte Amelie im Beisein Virginies ernsthaft mit Philippe reden können? Beide kommen ihr plötzlich sehr oberflächlich und wenig interessant vor.

„Sollten wir uns nicht ernsteren Dingen zuwenden?“ Der ungehaltene Ton in ihrer Stimme lässt ihren zukünftigen Mann aufhorchen. „Du scheinst verstimmt zu sein, Amelie!“ Noch bevor sie verneinen kann, wirft Virginie dazwischen: „Kein Wunder! Ich hab ihren Verehrer abgeschleppt. Welche Frau nimmt das schon erfreut und gelassen hin?“ Virginies Spott in den Kohlumrandeten Augen ist nicht zu übersehen und er trifft Amelie mehr, als ihr lieb ist. Was sollte dieser Machtkampf? Was bezweckte sie damit? Sie hatte keine Sekunde lang versucht, den Schauspieler zu becircen. Warum sah das Mädchen eine Konkurrentin in ihr?

„Du nennst einen Fremden, der mich um ein Glas Wasser bittet, einen Verehrer?“ entgegnet sie erstaunt lächelnd, doch ihre aufgestaute Wut und Enttäuschung spiegelt sich unverkennbar in ihren schönen Augen. „Na, ich weiß nicht so recht“, entgegnet das Mädchen süffisant lächelnd, „wenn ich nicht ganz unverhofft aufgetaucht wäre…. MacArthur hat da einen gewissen Ruf, was Fraueneroberungen anbelangt…“

„Typisch Deine Tochter, Philippe!“ wendet sich Amelie verletzt, aber ruhig an den Verlobten. „Es tut mir leid, das hier und jetzt so sagen zu müssen, aber man muss sich für sie schämen. Nicht nur, dass sie mich mehr als respektlos, nämlich richtig ätzend behandelt, macht sie auch noch wildfremde Männer an, in einer Art und Weise, die mir Schamesröte ins Gesicht treibt!“

„Oh, unsere Heilige! Ist so weltfremd, einen der aktuellsten Stars nicht zu erkennen! Das kann auch nur Dir passieren, weil Du aus Deiner Hütte nicht heraus kommst! Und wenn, dann nur, um in diesen Gemäuern meinem Vater als Wärmeflasche zu dienen! Kein Kino, keine Partys, rein gar nichts! Hockst in Deinen vier Wänden zwischen Farbtöpfen und Brennöfen und vergisst, dass das Leben sich draußen abspielt! Wo wohnst Du eigentlich? Auf dem Mond? Wach auf, Mädchen! Wir leben im Einundzwanzigsten Jahrhundert! Hast Du die letzten Jahre verschlafen?“ kommt es belustigt zurück.

„Ganz bestimmt nicht“, erhitzt sich Amelie zu antworten! „Während Du Dir die Sonne auf den Bauch hast scheinen lassen, all die Jahre, habe ich studiert und nebenbei gearbeitet! Also von weltfremd kann keine Rede sein! Das ist eher bei Dir der Fall. Nur hast Du im Gegensatz zu mir keinen Relationsbezug, dank der Großzügigkeit und Blindheit Deines Vaters! Aber es gibt auch Grenzen! Und ich erbitte mir einen anderen Ton mir gegenüber, ja?““

„Ach ja? Und welche Grenzen wären das, Stiefmütterchen?“

„Du sollst mich nicht so nennen, Virginie! Unterlass Deine Spielchen und unterschätze mich nicht!“ Giftige Blicke kreuzen einander und Philippe scheint ziemlich amüsiert zu sein. „Ist schon gut, ihr Kampfhähne! Ihr werdet Euch doch nicht um ein und denselben Mann streiten!“

„Es geht ausschließlich um ihr Benehmen, Philippe!“ Amelie wendet sich mit funkelnden Augen an den Mann. „Irgendwann wird sie damit anecken und dann kann auch Dein politischer Einfluss sie nicht schützen! Abgesehen davon schadet es vielleicht eines Tages Deinem Image!“

„Du solltest öfter so wütend werden, Chérie! Du bist unwiderstehlich, wenn Du zornig bist!“ Amelie schnappt verärgert nach Luft und Virginie nützt die Pause, um hinzuzufügen: „Das übernehme’ ich gerne, Papa! Freiwillig! Ich werde sie so auf die Palme treiben, dass es Dich nach ihr gelüstet, sobald sie nur in Deinem Blickfeld erscheint!“ Philippe lacht laut auf. Wie spaßig! Seine Tochter war wirklich unübertrefflich!

Amelies Geduld ist am Ende. Die beiden behandelten sie wie eine Spielfigur auf einem Schachbrett und fanden die Sache auch noch amüsant. War sie bloß Zeitvertreib der Reichen? Sie schiebt ihren Stuhl zurück, um sich entschlossen zu erheben und ihr innerliches Zittern zu unterdrücken sucht. Dann blickt sie von einem zum anderen, während sie mit mühsam erzwungener Ruhe sagt: „Wisst ihr was? Ihr braucht mich gar nicht! Ihr genügt Euch selbst! Du, Philippe, rutscht in Deiner Anbetung auf den Knien vor dieser Göre, und kannst Humor von Niveaulosigkeit nicht mehr unterscheiden, so blind bist Du! Nur schade, Philippe, dass sie Deine Tochter ist und Du nicht sie heiraten kannst. Du verlierst jeden Sinn für Takt und Objektivität, wenn sie vor Dir herumtänzelt wie eine aufgezogene Puppe, und dabei ihre schwachsinnigen Kommentare von sich gibt. Du empfindest das als subtilen Spaß, aber es ist nur das stumpfsinnige Gebrabbel eines Kindes, das zu schnell erwachsen wurde. Schade, denn ich habe mich auf den heutigen Abend aufrichtig gefreut!“

Philippe starrt sie an, denn er hat Amelie noch nie so erzürnt erlebt. Was sollte er nur von diesem Ausbruch der offensichtlichen Verletztheit halten? Was hatte er falsch gemacht? Die geduldige, brave Amelie! Was brachte sie nur so aus der Fassung? Doch nicht etwa dieser daher gelaufene Mann, von dem hier anscheinend die Rede war? Virginie hatte doch immer die gleiche freche Art, sie sollte doch längst daran gewöhnt sein und üblicherweise nimmt sie die Sticheleien der Jüngeren auch nachsichtig lächelnd hin. Philippe spürt, dass irgendetwas unwiderruflich aus dem Lot seines sorgsam geplanten Daseins gerutscht war. Er wird ernst. „Du darfst sie nicht so ernst nehmen, Amelie! Sie ist in einer schwierigen Phase! Du weißt doch, ihr fehlt die Mutter….“ versucht er die junge Frau zu beschwichtigen.

„Die hatte ich auch nicht, wie Du weißt! Und auch keinen Vater!“ kommt es vehement zurück.

Er will sie besänftigen, das Ganze war doch lächerlich! „Lass uns fertig essen, Amelie. Es gibt noch viel zu besprechen und Virginie hat sicher noch einiges vor, nach dem Abendessen! Wir sind dann ganz unter uns.“ Sie sieht, dass Philippe ungeduldig zu werden droht. Dieses Intermezzo hatte bereits zu lange gedauert und sollte endlich beendet werden. Der Spaß war zu Ende.

„Mir ist der Appetit für heute vergangen, Philippe! Und auch der auf unsere Hochzeit! Ich wünsche Euch noch einen schönen Abend! Ihr entschuldigt mich. Wir sehen uns!“ Philippe findet keine Worte, als sie Anstalten macht, hoch erhobenen Hauptes den Speisesaal zu verlassen. Nur Virginie kann es nicht lassen und zischt ihr hinterher: „Es war eine aufregende Nacht, Amelie! Aufregender, als Du Dir jemals vorstellen kannst, mit Deiner beschränkten Fantasie!“

Sie hört noch, wie Philippe sie grob zu Recht weist. „Unterlass Deine Spielchen, Virginie! Hol sie lieber zurück!“

„Lass sie doch gehen“, schmollt diese und dann fällt die Tür ins Schloss. Warum war nicht er ihr selbst gefolgt? War es unter seiner Würde, sie zu beschwichtigen oder zu trösten? ‚Es geht ihm um seine Vaterehre, Mannsehre, oder irgendeinen anderen patriarchisch angehauchten Vorwand, warum er mich gehen lässt’, denkt sie. Und sie nimmt es als Zeichen…

Die Chance, ihn in einem vernünftigen Gespräch um Aufschub der Hochzeit zu bitten, war vertan. Aber vielleicht war es besser so. Wenigstens brauchte sie sich nicht erneut seinen Überredungskünsten auszusetzen, und auch nicht dem unangenehmen Gefühl, undankbar zu sein.

„Böses Mädchen’, denkt sie hämisch, aber irgendwie befreit, als ihr Wagen durch die nächtliche Landschaft nach hause fährt. ‚Was sie jetzt wohl von Dir denken?’ Jeder Kilometer, der sie von dem Gutshof trennt, macht sie freier und freier. Sie atmet die kühle Nachtluft durchs offene Fenster ein und beginnt ein Liedchen zu summen. Doch sie macht sich nichts vor. Die Sache war noch nicht ausgestanden. Wahrscheinlich würde Philippe seiner Tochter unter Drohung eine Entschuldigung abringen. Und dann käme er angefahren, besorgt, drängend, beschwichtigend, verführerisch…

 

Als sie zuhause in ihrem Bett liegt und dem ersten zaghaften Zikadengezirpe dieses Jahres lauscht, entsetzt sie die Tatsache, dass es ihr so gar nichts ausmacht, Philippe verärgert oder gar enttäuscht zu haben. Es war eher so, dass sie sich der Erleichterung wegen, die sie als so wohltuend empfindet, ein wenig schuldig fühlt. Wollte sie ihn wirklich und ernsthaft verlieren? Sie weiß es nicht, doch sie ist sich der einen Tatsache sicher: sie wollte nicht jetzt schon heiraten und alles hier aufgeben. Ihre Welt, ihre Träume. Sie wollte kein anderes Leben, so verlockend man es ihr auch schmackhaft machen wollte. Und nachdem sich jetzt doch noch gesunder Appetit bei ihr eingestellt hat, langt sie zu einem weiteren Brötchen mit Landkäse und schwarzen Oliven. Jeder herzhafte Bissen wird mit einem kräftigen Schluck „Cote de Provence“ hinunter gespült. Der Fernseher zeigt eine anspruchslose Musikshow, der sie gedanklich kaum folgt. Sie beginnt sich zu entspannen, und immer intensiver formt sich die eine Frage in ihrem Geiste: ‚Soll ich denn all das hier aufgeben…...“ Eine selbst erteilte Antwort erscheint ihr in diesem Falle überflüssig zu sein.

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