VI

 

"Das ist bei dir eine 'Hütte'? Na, da möchte ich mal deine Wohnung sehen.." rief ich zum andren Toyota rüber, nachdem ich meinen daneben geparkt hatte.
Er schmunzelte nur süffisant.
'The shack'  war im Grundriss größer als meine Doppelhaushälfte und besaß einen Kniestock, der sogar einen Ausbau des Daches als zusätzlichen Wohnraum ermöglicht hatte.
"Solange mein Vater noch lebte, war es wirklich nur eine Hütte. Ich habe vor 12 Jahren ein bisschen angebaut und das Dach zum Giebel aufschlagen und decken lassen. Vorher waren es 3x5m Wellblech über zwei Räumen mit einem Fenster." erklärte er, während er sein Gepäck auslud. Etwas in der Art wie er ‚mein Vater’ sagte, ließ mich aufhorchen.
Cindy raste bereits übermütig auf das Gebäude zu. Sie schien sich hier heimisch zu fühlen, verschwand kläffend im Gebüsch, das rings um die Veranda wuchs.
Ich warf meine Tasche über die Schulter, schloss den Wagen ab. Er war bereits dabei aufzusperren, eine Kiste mit Vorräten  stand noch beim Auto. Ich hob sie hoch und folgte ihm. Er kam mir entgegen, als ich über die Schwelle trat, machte eine vorwurfsvolle  Miene, nahm mir sofort die Last ab. "He, M'am, das ist mein Job.." murmelte er fast verlegen.
"Nichts da, nachher willst du noch Trinkgeld und schreibst mir eine saftige Rechnung für diese 3 Sterne- Pension im Grünen.." scherzte ich.
"Wenn du nicht streichst, werde ich darauf zurückkommen.“ drohte er freundlich grinsend. Ich erwiderte mit einem knurrenden Zähnefletschen.
Der erfreuliche Zustand der Behausung ließ mich übermütig werden.
“Ich war schon fast überzeugt, dass du doch nicht nur ein Rüpel bist. Danke, dass du mir alle Illusionen nimmst.“
Ich bereute schon, bevor ich zu Ende gesprochen hatte.
„Germany, sei nicht immer so zynisch.“ zischte er. Es klang genervt.
„Das sagt ja grade der Rechte. Mr. Sarcasm personified.“ giftete ich retour.
Er sah mich nachdenklich an.
Dann drehte er sich wortlos um und verschwand irgendwo im Gebäude.
„Arsch.“ murmelte ich. Ich meinte nicht nur ihn.
Klasse. Das fing ja super an.
Zwei frustrierte Deppen, die nicht über ihren Schatten springen können.
Mit dem gleichen Problem. Mangel an Inspiration. Mangel an menschlicher Toleranz. Mangel an allem, was sie nie zugeben würden.
Auf der Suche.
Cindy verhinderte, dass ich wirklich schlechte Laune bekam. Sie raste laut kläffend herein, fegte um mich herum und wollte mich offensichtlich hinauslotsen.
Ich schaute verdutzt, dann folgte ich ihr. Sie lockte mich um das Gebäude.
Meine Neugier wuchs. Als wir wieder vor dem Eingang angelangt waren, setzte sie sich und grinste mich förmlich an.
„Ja, und? Was wolltest du mir denn zeigen, Cindy?“
„Die Hütte von außen. Sie betrachtet das hier als ihr Eigentum, führt jeden Besucher einmal herum. Schau her, alles meins.“ kam die Antwort von oben.
Mein Gastgeber lehnte gelangweilt aus dem Dachfenster, von dem aus  er anscheinend alles beobachtet hatte. Die Herablassung in seinen Gletscheraugen war fast spürbar.
„He, Cindy“ sprach ich die Hündin an. Sie stellte sofort die Ohren.
„Wer ist der Kerl da oben? Ein Untermieter? Oder der Hausmeister? Oder gar die Stimme deines Herrn? Sag ihm, dass ich einen Kaffee vertragen könnte. Kein Nescafe. Ich hasse Nescafe.“ Das Tier bellte prompt in einem verblüffend befehlenden Ton seinen Halter an.
Ich musste einfach schallend lachen.“Schätze, ich habe Verstärkung bekommen.“ trumpfte ich auf. Aber er war schon verschwunden. Ich kniete mich zu Cindy, kraulte sie und warf elfundneunzig  Mal das Stöckchen, das sie mir unermüdlich brachte.
„Cindy aus!“ kam irgendwann ein scharfer Befehl vom Haus her. Herrchen kam mit einem Becher auf uns zu. Er drückte mir den Kaffee in die Hand.
“Frisch gebrüht.“ meinte er knapp in keinen Widerspruch duldendem Ton.
Ich nickte anerkennend. Cindy sah sauer zu uns hoch, weil das Spiel aus war.
Mit einem beleidigten“ Hwrrrafffff“ trollte sie sich.
„Friede?“ schlug er vor.
„Friede.“ stimmte ich zu. "Komm, ich zeig dir alles." meinte er versöhnlich und wandte sich zurück zum Haus. Ich folgte brav.
"Guter Kaffee." lobte ich ihn, als er mir eine Tür öffnete. Er schnaubte nur.

Das Gebäude bestand im Erdgeschoss aus einem kleinen Vorraum, einer Miniküche und dem Hauptraum, der nach Süden ausgerichtet war. Bodentüren ließen sich zu der Veranda öffnen, die fast ganz um das Haus ging. Er öffnete sie und ich trat auf die dicken Holzbohlen. Ein wundervoller Blick auf die Berge belohnte mich.
Ich drehte mich zu ihm.
„Wie ...?“ wollte ich beginnen, als er mich mit einem vielsagenden Blick und Fingerzeig  nach oben unterbrach.
Unter der Veranda konnte ich das Stück Himmel, auf das er deutete nicht sehen, also trat ich hinab ins Gelände über die drei Stufen auf die dunkle Erde.
Ich drehte mich zu ihm um, wollte schon den Mund zur nächsten Frage öffnen, als das Blitzen der Kollektoren mich ablenkte. Die ganze Südseite war voll davon.
Photovoltaik- und  Wärmekollektoren für Warmwasser und Strom, wie er mir später erklärte. Geheizt wurde klassisch mit Holz. Gab ja genug davon.
Die offene Wohnstruktur erlaubte einen einzigen, großen Holz-Kohle-Kaminofen für alle Räume.
Eine steile Treppe führte ins Dachgeschoss, wo ein Schlafraum und ein Raum mit Dusche und Waschbecken das ganze vervollständigte.
Alles sehr rustikal, typisch männlich, aber nicht ohne Charme.
Mir fielen schnell die vielen Bücher auf. Ich lese selbst viel.
Männer, die lesen. Sehr attraktiv.
Flüchtig und neugierig glitt mein Blick über die Buchrücken.
Bekanntes, viel Unbekanntes. Kunst. Ich stutzte, als mein Blick auf einen Namen fiel.
Mitchell.
Mitchell... Mitchell... nicht ‘Gone with the wind’ Margret..
Elyne … Elyne Mitchell…
Woher kannte ich den Namen??? Ich folgte ihm weiter, kramte in meinem Gedächtnis.
Auf dem Rückweg ins Erdgeschoss erhaschte ich einen zweiten Blick auf das Buch.
The Silver Brumby.
Ich kannte das… es macht mich verrückt, wenn ich etwas zu wissen glaube und nicht drauf komme.
Bilder von reitenden Männern in Hüten und Mänteln erschienen vor meinem inneren Auge.
Atmosphärische Musik. Herrliche Landschaftsaufnahmen.
Was....?? Verwirrt stieg ich die Treppe hinab.
Silver  silbern, silver.....silbern.. Brumby ..was ist ein Brumby... Reiter...
PENGGG
Der silberne Hengst.
Das war der deutsche Titel gewesen.
Ich versuchte tiefer zu tauchen. Es gelang mir nicht.
„Germany? Was ist?“ wollte er wissen. Ich sah verblüfft auf.
„Ich habe da ein Buch gesehen, an das ich mich zu erinnern versuche, ich kenne den Autor, aber ich weiß nicht...“ murmelte ich.
„Welches?“  fragte er interessiert.
„Mitchell. Silver brumby.” antwortete ich.
Er zog verblüfft die Brauen hoch. Etwas schien ihn zu beunruhigen.
Er versuchte  sofort es zu verbergen.
„Das ist klassisch-australisches Jugendbuch. Teenies, Pferde. Woher kennst du das?“
Er klang betont belanglos. Ich zuckte die Schultern.
„Wurde es verfilmt?“ wollte ich instinktiv wissen.
„Ja. Noch nicht so lange her. Anfang der 90’er. Recht gut, soweit ich mich erinnere.“
„Dann kenne ich es daher, habe es nie gelesen. Warum ein Kinderbuch hier unter all den Schwergewichten der Belletristik? Lieblingsbuch deiner Kinderzeit?“
Er sah kurz weg, als habe ich etwas taktloses gefragt, dann sah er mir wieder in die Augen. Etwas veränderte sich in seinem Ausdruck.
„Nein. Es ist ein Erinnerungsstück. Mein Vater bekam es von der Autorin persönlich.“
„Wirklich? Und er hat es dir...“ „ Nein. Es war im Nachlass. Wir haben uns nie gut verstanden.“ Der wunde Klang seiner Stimme verstörte mich. Es war ihm unangenehm.
Ich zögerte. Ich mochte ihn, wollte die letzten Tage hier nicht belasten.
„Ich möchte nicht...“ „ Nein.“ unterbrach er mich, er klang plötzlich ganz anders.
Gefasst.
„Es gibt keinen Grund nicht danach zu fragen. Es ist nur seltsam, dass jemand vom andren Ende der Welt an diesen Dingen rührt. Jemand, der eigentlich nichts davon wissen kann. Der mich nicht kennt.Weder als Mensch, noch als.. egal. Von dem ich es am allerletzten erwartet hätte.“
Jetzt war ich völlig verwirrt. Ich suchte eine Antwort, wie ich mich verhalten sollte in seinen sichtlich bewegten Zügen.
Er lächelte auffordernd.
„Frag einfach. Du bist unparteiisch. Deine Fragen sind sachlich. Das ist gut.“
„Was hat ein Kinderbuch mit deinem Vater zu tun? Und warum von der Autorin? War er ein Fan von ihr? Was beunruhigt dich so sehr daran? Entschuldige.... ich bin indiskret.“ nahm ich mich zurück. Er schüttelte den Kopf.
„Sie war eher ein Fan von ihm.“ erwiderte er etwas zynisch.
Ich schaute nur blöde.
„Entschuldige, ich sollte präziser werden. Elyne Mitchell hatte in der Nähe ein Anwesen. Sie schrieb dort in den 60’ern dieses Buch, das ein Klassiker werden sollte.
Erinnerst du dich an eine Figur, die nie mit Namen genannt wurde? Er wurde nur ‚der Mann’ genannt. Es ist der Kerl, der den Brumby jagt.“
Ich nickte vorsichtig. The man. Klar.  Der Typ, der in dieser Hütte in den Bergen....
100000 Watt
An meinem Gesichtsausdruck erkannte er, dass es geschnackelt hatte.
„Dein Vater...“ Er nickte nachdenklich.
Was er dann sagte, schien ihn Kraft zu kosten. Wie ein Geständnis.
Er holte tief Luft, trug es vor wie ein Schriftsteller.
Nun, er ist Schriftsteller.
„Mein Vater, Ethan William Denbroke, stand Pate für die Romanfigur.Er lebte hier als Horsebreaker, einer der Wildpferde fängt und zähmt. Im normalen Leben hatten er und meine  Mutter eine Pension in einem Kaff, das etwa eine Autostunde in die andre Richtung von hier liegt. Er nahm sich immer wieder eine Auszeit von seiner Familie, wenn es ihm zuviel wurde mit Weib und Kindern. Er blieb wochenlang weg. Rücksichtsvollerweise in der Nebensaison. Bis er zu alt dafür wurde. Ich habe ihn gehasst dafür. Ich habe die Mitchell gehasst. Sie hatten ein Verhältnis. Ich habe meine Mutter gehasst, weil sie ihn nicht zum Teufel gejagt hat. Sie haben sich nie getrennt. Meine Mutter hat die Pension allein verwaltet, wenn er mal wieder ‚auf Urlaub’  war.  Aber das Buch ist wunderbar. Es ist  einer der Gründe, warum ich Schriftsteller geworden bin. Das Schlimmste daran ist, ich kann ihn verstehen. Die Mitchell war ein tolles Weib. Geistreich, stilvoll, aber kein bisschen blasiert. Ich habe sie nach seinem Tod kennen gelernt, sie wusste nicht wer ich bin. Aber ich kann es ihm einfach nicht verzeihen, dass er uns so betrogen hat. Ich kann ihm den Schmerz meiner Mutter nicht verzeihen.“
Jetzt holte ich erst mal Luft.
„Oh. Aha.“ Dann war die Luft alle.
PENGGGG     die zweite
„Entschuldige mich.“ Weg war er.
Da stand ich  mit diesen erstaunlichen Informationen.
Instinktiv ging ich zurück zu dem  Bücherregal, wo ich den Band vermutete.
Nach kurzem Suchen wurde ich fündig.
Ich zog den Leinenband vorsichtig heraus, er war sichtlich abgenutzt.
Ich wagte ihn aufzuschlagen . Ein, zwei leere Seiten.
Dann die verblassten, eleganten Schriftzüge der Autorin.

  To E.W.   in eternal Love and friendship from E.

 Our sins shall punish us for the pain we brought

 Our beloved--- we suffered every day, hour, minute

Yet we could not let go

I thank you for every instant-, though.

You have been my one and only ‘Man’

                                                         E. Mitchell

 

Für E.W., in ewiger Liebe und Freundschaft von E.
Unsere Sünden werden uns strafen für den Schmerz, den wir unsren Liebsten zugefügt haben.
Wir litten jeden Tag, jede Stunde, Minute.
Aber wir konnten nicht loslassen.
Dennoch danke ich dir für jeden Moment.
Du warst der einzige, wirkliche ‚Mann’ für mich          

                                                                                               E. Mitchell

 

Verdattert schloss ich den Band  schnell wieder und schob ihn zurück in die Lücke.
Staub. Ich musste niesen.
„Germany??“ kam der Bariton  betont forsch von unten.
Ich zuckte zusammen. Ertappt.
„Ja?“ krächzte ich etwas mitgenommen.
„Willst du noch Kaffee?“
Cindy rettete die Situation  schon wieder. Sie spurtete die Treppe rauf.
Ich hörte das Kratzen ihrer Krallen auf dem Holz der Stufen.
„Hwwwraffff!!!“ meinte sie wieder gut gelaunt. Ich lächelte sie dankbar an.
„Hmm. Ja. Kaffee wäre gut.“ sagte ich mehr zu ihr als zu ihrem Herrn.
Dann  setzte ich  mich in Bewegung.
                             

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