N E B E L

Die Schwärze der Nacht wirkt besonders erdrückend in diesem dunklen Loch, was sich Staatsgefängnis nennt. Ich höre, wie die Ratten sich in den Ecken sammeln, um dann auf Beutezug zu gehen. Manchmal höre ich Schreie aus den dunklen Gewölben und denke, dass es nicht besser wird, wenn ich mir Gedanken darüber mache, woher diese Schreie stammen. Meine Lage ist nicht aussichtslos. Zwar bin ich in diesem Loch gelandet, was zweifelsfrei meine Schuld ist. Ich hätte es verhindern können, aber ich bin nun mal, wer ich bin. Ich kämpfe für meine Sache, ich kämpfe für meine Rechte und die meiner Familien. Für die Rechte Schottlands gegen den Usurpator England, die Krone, die alles an sich reißt, alles verschlingt. Wir werden immer kämpfen, im Untergrund und offen, und es werden immer wieder Leute wie ich im Kerker landen und des Hochverrats bezichtigt. Aber wir werden nicht aufgeben. Wir werden uns nicht einschüchtern lassen. Und wenn der Herr uns gut gestimmt ist, werden wir eines Tages frei sein. Dann wird es sich auszahlen, all die Unbürden auf uns zu nehmen, all das Ungemach über uns ergehen zu lassen, all die Schmach unseren Familien gegenüber, den Frauen und den Kindern, die leiden müssen, wenn ihre Männer und Väter in den Krieg ziehen, wenn ihnen das Dach über dem Kopf weggefackelt wird, wenn sie sich einsam und verloren in die Nebel des Hochlandes verziehen müssen, weil sie Angst vor den Schergen der Krone haben. Ich habe das alles selber mitgemacht, damals als ich noch ein kleiner Junge war. Ich kann mich an jede Einzelheit erinnern. Wie sie des Nachts vor unserer Tür standen und nach meinem Vater und meinem Onkel riefen. Aber die hatten sich längst bei den Steinen versteckt. Dort wo der Nebel nachts umgeht, als ob Gespenster ihre feinen Netze spinnen und jeden einhüllen, der nicht gesehen werden wollte. Die Gespenster waren uns wohl gestimmt, sie beschützten uns, denn die Soldaten trauten sich nicht zu den Steinen. Sie hatten viel zu sehr Angst. Angst, von den Gespenstern gefangen und umgebracht zu werden. Aber die gleiche Angst hatten auch wir, von den Soldaten gefangen und umgebracht zu werden. Wenn sie unsere Häuser stürmten, wenn nichts mehr auf seinem Platz stand, unsere wenigen Habseligkeiten zerstört, zertrampelt auf dem Boden lagen. Ich werde nie das höhnische Lachen vergessen, wenn sie unser Haus betraten, in jedem Winkel suchten und sich anschließend an meiner Mutter und meiner Schwester vergingen. Die unterdrückten Schreie konnte ich hören. Meine Mutter wollte nicht, dass wir ihr Leid und ihre Qual hörten, aber ich wusste, was vor sich ging. Wir stellten uns schlafend, so dass wir möglichst sicher vor den Soldaten waren. Aber sie packten unsere Mutter und warfen sie neben mich auf das Bett. Sie schoben ihr Nachtgewand hoch und sprangen auf ihr herum wie Wilde. Damals schon wusste ich, dass ich fürchterliche Rache üben würde, wenn ich erstmal groß war. Ich war noch ein kleiner Junge gewesen, ein kleiner Junge mit großen Zielen, und ohne Ahnung, wie hart das Leben wirklich sein konnte. Ich wollte mich rächen, wusste aber nicht, dass ich gegen Windmühlenflügel ankämpfen würde. Trotzdem gebe ich nicht auf, jeder noch so kleine Sieg ist ein Sieg. Wir lassen uns nicht unterdrücken. Wir sind frei, und wir werden es immer zumindest in unserem Geiste sein, mögen die Qual und der Schmerz noch so groß sein.

Sobald ich alt genug war, brachten mein Vater und mein Onkel mir bei, mit der Pistole umzugehen. Ich hätte es mir schon viel früher gewünscht, habe auch heimlich versucht, mir die Waffen meines Vaters zu stibitzen. Aber er kannte seinen Sohn und wusste dies zu verhindern. Und als ich schließlich einigermaßen damit umgehen konnte und zudem noch meinen kleinen Dolch ständig bei mir führte, da war ich für den großen Kampf gewappnet. Zunächst blieben meine Aufgaben auf den Schutz unseres Hauses und der Daheim gebliebenen beschränkt. Mein Vater hielt mich immer noch für zu jung, um mit ihnen zu ziehen. Es wäre zu gefährlich, er wollte nicht, dass mir in meinem jungen Alter schon etwas passierte, er würde das Herz seiner geliebten Frau brechen. Aber als der große Tag endlich kam, war ich mächtig stolz. Ich tat alles, um meinen Vater zu beeindrucken. Ich wusste, dass er mich liebte. Er war nicht wie viele der Männer, die keine Gefühlsregungen zeigten. Er nahm seine Kinder in den Arm und sagte ihnen, dass er sie liebte. Jedes Mal, wenn wir los zogen, sagte er zu mir, ich solle vorsichtig sein und auf mich aufpassen. Und jedes Mal setzte ich alles daran, ihn nicht zu enttäuschen. Es gab Situationen, wo ich mich schützend vor ihn warf und schoss, was das Zeug hielt. Und wenn dann alles vorbei war und wir wieder nach Hause zogen, da bedankte er sich bei mir, dass ich ihm das Leben gerettet hatte, schalt mich aber auch gleich sofort, dass ich unverantwortlich und unüberlegt gehandelt hatte. Ich war inzwischen kein Kind mehr, und es war mir peinlich, wenn ich so von ihm zurecht gestutzt wurde. Aber jetzt bin ich meinem Vater dankbar, dass er mich zur Vorsicht gemahnt hat. Ich bin immer noch am Leben, auch wenn man das Dahinvegetieren hier in diesem Loch nicht unbedingt als Leben bezeichnen konnte. Aber ich wusste, dass ich nur ein wenig länger Geduld haben musste, dann würde ich wieder frei sein und wieder meinen Kampf aufnehmen können. Es waren tatsächlich Windmühlenflügel, gegen die ich kämpfte. Aber auch wenn ich nur ein kleines bisschen erfolgreich war, würde uns dies einen Schritt weiter zum Ziel bringen. Und wenn jeder meiner Genossen so weiter kämpfen würde, würde jeder einen kleinen Teil dazu beitragen. Und eines Tages ist Schottland frei.

Ich bin unvorsichtig gewesen. Trotz der ganzen Ermahnungen, die mir mein Vater jahrelang gab. Deshalb saß ich hier jetzt auch in einem Loch. Denn obwohl man dieses Gefängnis Staatsgefängnis nannte, handelte es sich mehr um ein Verließ, eine Höhle, eben ein Loch. Es stank nach Fäkalien, nach Unrat und nach Verwesung. Das Stroh, welches uns als Liegestatt dienen sollte, wurde selten gewechselt. Und die Flöhe und das ganze Ungeziefer, welche sich hier tummelten, trugen nicht gerade zur Besserung der Hygiene bei. Vielleicht dachten die Anstaltsleiter ja auch, dass die meistens von uns eh nichts besseres gewohnt waren, da der größte Teil der Einsitzenden ja eher von ärmlicher Herkunft waren. Außerdem war es ihnen wohl auch egal, wie es uns hier erging, wahrscheinlich waren sie froh, wenn die mangelnde Hygiene hier die natürliche Auslese betrieb. Ein Aufrührer mehr oder weniger machte denen doch nichts aus. Im Gegenteil, einer weniger, um den man sich kümmern musste.

Ich musste an meine Familie denken. An meine Frau und die beiden kleinen Mädchen. Angus war den Schergen entkommen. War er zu meiner Familie durchgekommen, um ihnen berichten zu können, was passiert war? Ich bin schon lange nicht mehr zu Hause gewesen. Die Männer, die wie ich im Untergrund arbeiteten, waren ständig auf der Flucht. Und wir wollten natürlich auch nicht unsere Familien in Gefahr bringen. Nicht in dieser Zeit, wo die Schergen uns ständig verfolgten. Des Nachts konnten wir uns ab und an zu unseren Frauen schleichen und wenige Stunden des Glücks genießen.

Ich hoffte, dass diese Zeit bald vorbei war. Ich wollte zusehen, wie meine Töchter größer wurden. Ich wollte, dass sie ihren Vater jeden Tag sehen konnten, ihm Fragen stellen konnten, mit ihm spielen konnten. Bislang war ihr Vater nur ein Phantom. Sie kannten ihn nur aus den Erzählungen ihrer Mutter. Sie waren noch klein, aber sie verstanden bereits, wenn die Schergen ins Haus einfielen und alles zerstörten, dass dann der Mann gesucht wurde, der ihr Vater sein sollte. Die wenigen Male, die sie mich zu Gesicht bekommen hatten, waren schon längst wieder in Vergessenheit geraten. Es gab diesen Mann, der ihr Vater sein sollte, aber sie wussten nicht, wer er war.

Aber ich konnte nichts an der Situation ändern. Noch kämpften wir, und noch waren wir nicht erfolgreich. Solange wir nicht unseren Sieg davontragen konnten, waren unsere Familien nicht sicher.

Es musste etwas passieren. Es konnte nicht so weitergehen. Kleine Scharmützel hier und da, die nicht wirklich viel ausrichten konnten. Aber wir hatten keinen Mann, der uns wirklich vor der Krone vertreten konnte. Der ernst genommen wurde, und dessen Ideen überdacht wurden. Für die Krone waren wir vergleichbar mit den Barbaren, ungeordnet, ungebildet, dumme Bauern, die es nicht verdienten, frei zu sein. Wenn es doch nur jemanden geben würde, der es ihnen klar machen konnte, warum wir nicht länger unterjocht werden wollten!

Aber was nützte es mir, wenn ich mir darüber Gedanken machte. Es gab niemanden, der solch eine Position inne hatte. Also mussten wir so weitermachen wie bisher. Weiter kämpfen und die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir eines Tages frei sein würden. Diesen Tag würde ich gerne noch erleben.

 

*

 

Nebel. Wo kam auf einmal dieser Nebel her? Und so dicht. Er konnte noch nicht einmal die Hand vor Augen sehen. In der Stadt gab es nicht solch einen dichten Nebel. Schon gar nicht im Gefängnis. Er hatte es noch nie erlebt, noch nie davon gehört, dass der Nebel einen in seiner Zelle heimsuchte. Warum dann auf einmal er? War es das gewesen? Hatte sein letztes Stündchen geschlagen? Er wusste, dass die Bedingungen im Gefängnis nicht gerade gut waren und viele Krankheiten grassierten. Einige der Insassen starben aufgrund der mangelnden Hygiene. Aber ihm ging es doch gut. Er hatte es bislang immer noch geschafft, sich so gut wie möglich sauber zu halten. Was war also mit ihm los?

Langsam richtete er sich auf. Der Nebel war wie eine weiße Wand, die ihn von allen Seiten umgab. Vorsichtig tastete er sich vorwärts. So weit er sich erinnern konnte, war er auf seiner Liegestatt an der Wand eingeschlafen. Aber dort, wo eigentlich die Wand sein müsste, war nichts. Seine Hand griff ins Leere. Er verstand es nicht.

Und dann spürte er auf einmal einen Windzug. Im Gefängnis war es zwar zugig, aber dieser Wind fühlte sich eher an, als ob man auf einer Anhöhe stand. Das war unmöglich. Er konnte sich nicht außerhalb des Gefängnisses befinden.

Langsam ging er weiter. Er musste dieses Geheimnis lösen. Er musste herausfinden, wo er sich befand. Und dann berührte seine Hand auf einmal kalten Stein. Er war nass und glitschig, aber er fühlte sich real an. Je näher er diesem Stein kam, um so besser konnte er die Umrisse erkennen. Wie ein riesiger Schatten tauchte der Stein vor ihm auf. Dann sah er plötzlich weitere Schatten. Vorsichtig tastete er sich voran. Es stand Stein neben Stein, jeder größer als er selbst, jeder kalt und nass, aber dennoch so real, dass es ihn erschreckte. Was war mit ihm passiert?

Aber bevor er sich wirklich darüber klar werden konnte, begann der Nebel zu schwirren, sich zu bewegen. Er hatte das Gefühl, inmitten eines Strudels zu stehen, der sich schneller und schneller bewegte. Ihm wurde schwindelig, konnte er doch mit seinem Verstand nicht mit der Geschwindigkeit, mit der sich der Strudel drehte, mithalten.

Irgendwann gab er auf. Er schloss die Augen. Wenn er nur lange genug wartete, würde schon etwas passieren. Vielleicht würde der Strudel wieder aufhören. Vielleicht würde sein Körper aber auch nicht mehr diesen Strapazen standhalten.

Dann auf einmal herrschte Stille. Vorsichtig öffnete er die Augen. Dunkelheit. Vertraute Dunkelheit. Die Dunkelheit seiner einsamen Zelle. Starke dunkle Wände und seine Liegestatt aus Stroh. Erschöpft fiel er in einen traumlosen Schlaf. Morgen hatte er noch genügend Zeit, um über das Erlebte nachzudenken. Morgen, übermorgen, und an jedem weiteren Tag, den er noch hier verbringen musste.

*

 

Fiona hatte die Kinder zu Bett gebracht. Jeden Abend wünschte sie sich diesen Moment herbei, wo die Kinder endlich schliefen und sie mit ihren Sorgen und ihrer Trauer alleine sein konnte. Er hatte ihr versprochen, vorsichtig zu sein, auf sich aufzupassen, nur keine Fehler zu machen. Und jetzt hatte er sich schon seit Tagen nicht mehr gemeldet. Sie wusste, dass es gefährlich für ihn war, nach Hause zu kommen, aber sie hatten immer Mittel und Wege gefunden, sich zu treffen. Auch wenn es nur für wenige Stunden war.

Dass er sich jetzt so lange nicht mehr gemeldet hatte, war mehr als merkwürdig. Die wildesten Gedanken bildeten sich in ihrer Phantasie, so dass sogar ihr sonst so wunderbar funktionierender Verstand aufgab. Was war mit Kyle geschehen? Hatten ihn die Schergen doch erwischt? War er gefangen genommen worden? War er sogar getötet worden?

Nein, sie durfte diese Gedanken nicht zulassen. Sie würden sie umbringen, das durfte nicht geschehen. Sie hatte zwei Kinder, die sie brauchten, und die sie brauchte. Sie hatte Verantwortung. Sie durfte ihren Mann nicht aufgeben. Wahrscheinlich waren die Umstände nur gerade so schlecht, dass es ihm nicht möglich war, zu ihr zu gelangen oder ihr eine Nachricht zukommen zu lassen. Wer weiß, vielleicht würde er auch schon in den nächsten Minuten durch die Hintertür ins Haus geschlichen kommen. Und dann würde er über ihre törichten Gedanken lachen, sie ein Dummchen schelten. Und ihr würde es peinlich sein, dass sie sich so dumm verhalten hatte.

Auf einmal wurde sie durch ein leises Klopfen an der Hintertür aus ihren Gedanken gerissen. Wer konnte das zu so später Stunde nur sein? Garantiert war es nicht Kyle, denn er hätte nicht geklopft. Auch waren es nicht die Schergen, denn die wären einfach durch die vordere Tür gepoltert, ohne vorher zu klopfen.

Sie ging zur Hintertür und fragte mit fester Stimme, wer des Nachts an ihrer Tür klopfen würde.

„Ich bin es, Angus“, vernahm sie eine ihr sehr bekannte männliche Stimme. Ohne zu Zögern öffnete sie die Tür und erblickte den Mann, der zu der Stimme gehörte.

„Angus“, rief sie aus und zog ihn schnell ins Haus. Dann schaute sie sich schnell nach beiden Seiten um und schloss wieder die Tür.

„Angus“, sagte sie erneut, wusste aber nicht, was sie weiter sagen sollte. Wieder schossen ihr tausend Gedanken durch den Kopf, warum Angus hier stand und nicht ihr Mann. Aber sie konnte ihm nicht diese Frage stellen. Sie hatte viel zu sehr Angst, dass Angus ihre Sorgen bestätigen würde.

Stattdessen ging sie zum Schrank und holte ein Flasche Whiskey heraus. Angus sah erschöpft und durchfroren aus. Vermutlich hatte er schon seit langem nicht mehr unter einem festen Dach geschlafen.

Angus nahm den Whiskey dankend an. Nachdem er das Glas in einem Zug geleert hatte, nahm er die Flasche, die Fiona immer noch in der Hand hielt, und goss sich das Glas wieder voll. Erneut leerte er es in einem Zug und goss sich ein weiteres Glas ein. Dann aber gab er Fiona die Flasche zurück, die sie sofort wieder in den Schrank zurückstellte. Mit dem noch vollen Glas stellte sich Angus an das Feuer und wärmte sich auf. Nach einer Weile drehte er sich zu Fiona um, die erwartungsvoll neben ihm stand.

„Sie haben ihn gefangen genommen“, erklärte er ohne Umschweife. Er wusste, dass sie sich Sorgen machte, und dass er ihr mit dieser Bekanntgabe wahrscheinlich sehr weh tun würde, aber was nützte es, wenn er die Situation schön reden würde? Das würde nichts an der Tatsache ändern, dass Kyle jetzt im Gefängnis schmorte.

Fiona war erstaunlich gefasst, hatte sie sich doch zuvor solch immense Sorgen gemacht. Jetzt aber wusste sie, wo sich ihr Mann befand. Und er war am Leben! Das war ihre schlimmste Befürchtung gewesen, und die hatte sich nun Gott sei Dank nicht bestätigt.

„Wie ist es passiert“, fragte sie Angus, dann ging sie zum Schrank, um sich selber einen Whiskey zu genehmigen. Sie fand, dass sie sich den verdient hatte.

„Wir sind in einen Hinterhalt geraten. Wir waren gerade auf dem Weg nach Aviemore, als uns ein Trupp Soldaten entgegen kam. Damit hatten wir überhaupt nicht gerechnet, hatte uns doch eine bislang zuverlässige Quelle berichtet, dass sich sämtliche Truppenteile bei Fort Williams getroffen hatten. Und das schon vor drei Wochen. Der kleine Michael und ich konnten noch schnell entwischen, aber Kyle konnte nicht entkommen.“

Fiona seufzte. Irgendwann musste das ja mal passieren, aber sie hatte jede Nacht zu Gott gebetet, er möge seine Hand schützend über ihren Mann legen, dass ihm nicht dieses Schicksal widerfahre.

„Wisst ihr denn wenigstens, wo man Kyle hingebracht hat?“, wollte sie nun von Angus wissen.

„Ich denke, dass man ihn nach Fort Williams geschafft hat. Aber genau weiß ich das auch nicht. Wir mussten uns gut verstecken, damit wir nicht auch noch gefangen genommen würden. Aber ich werde versuchen, ihn zu finden. Ich kenne da ein paar Leute, die bei den Soldaten arbeiten. Die können bestimmt herausfinden, ob Kyle dort ist.“

Fiona atmete tief durch. Dass Angus ihr nicht genau sagen konnte, wo man Kyle hingebracht hatte, behagte ihr überhaupt nicht. Fort Williams war nicht weit entfernt, sie könnte ihn besuchen. Und sie wusste, dass die Zustände dort nicht allzu schlimm waren. Es könnte aber auch gut möglich sein, dass man ihn weiter ins Staatsgefängnis brachte. Und das machte ihr Sorgen. Sie hatte viele Geschichten über dieses Gefängnis gehört, und sie wusste auch, dass viele dort ihr Leben gelassen hatten.

Angus trat jetzt unruhig von einem Bein auf das andere. „Ich glaube, ich werde mich mal wieder auf den Weg machen“, sagte er. „Ist besser, wenn man mich hier nicht sieht. Ich halte dich auf dem Laufenden, wenn ich etwas erfahre.“

Dann ging er schnell zur Hintertür und verschwand im Dunkel der Nacht. Fiona jedoch lehnte sich mit klopfendem Herzen an die Tür und dachte an ihren Mann. Sie betete, dass es ihm gut ginge, und dass sie ihn schon bald wieder in ihre Arme schließen konnte.

*

 

Ich fühlte mich wie gerädert, als ich am Morgen aufwachte. Solch eine schlimme Nacht hatte ich noch nicht erlebt. Selbst als sie vor ein paar Nächten in die Zelle neben mir gestürmt waren und den alten Callum heraus gezerrt hatten. Die Schreie werde ich wohl nie vergessen. Er wusste, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Die Gefängniswärter machten sich auch keine Mühe, noch besonders freundlich zu einem zu sein, der dem Tode geweiht war.

Leider wurden diese Todesurteile völlig unwillkürlich verkündet. An einem Tag traf es einen Massenmörder, der schon seit Jahren im Kerker schmorte, an einem anderen Tag traf es den armen Tagedieb, der sich nur das nahm, was er zum Leben brauchte und zur falschen Zeit am falschen Ort geweilt hatte.

Callum gehörte auch zu uns. Aber er war schon alt. Eigentlich hätte er sich schon lange zur Ruhe setzen sollen, um sich nur noch um seine Frau, die Kinder und Enkelkindern zu kümmern. Aber er war eine Kämpfernatur, und die Engländer waren ihm zutiefst verhasst, so dass man ihn einfach nicht davon abhalten konnte, für die Sache zu kämpfen.

Aber als sie ihn vor ein paar Monaten gefangen nahmen, da war er zu Hause gewesen. Und sie hatten die Familie nicht gespart. Es ist schrecklich, sich vorzustellen, wie die Schergen über die alte wehrlose Frau und über die kleinen Mädchen hergefallen sind. Keine Moral, kein Erbarmen. Es ist doch kein Wunder, dass wir uns von diesen Barbaren befreien wollen. Die Engländer selber nennen uns Barbaren, aber wir tun unseren Frauen nicht so etwas an, und selbst, wenn wir deren Haushalte überfallen würden, was wir jedoch nicht tun, so würden wir uns nur die Männer nehmen, die Frauen, die Alten und die Kinder würden wir in Ruhe lassen. Das könnten wir nicht mit unserem Gewissen vereinbaren.

Callum war jetzt tot, und ich konnte nur hoffen, dass die Willkür des Gefängnisleiters nicht auf mich traf. Vielleicht könnte ich mich befreien, obwohl ich noch nie davon gehört hatte, dass je jemand dem Staatsgefängnis entkommen war. Vielleicht würde ich aber auch befreit werden, man konnte nie wissen.

Mir war kalt. Lag vielleicht daran, dass ich müde war. Jetzt erinnerte ich mich auch wieder an den merkwürdigen Traum von letzter Nacht. War es ein Traum gewesen? Es war mir sehr real vorgekommen. Aber es musste ein Traum gewesen sein, denn wie konnte ich sonst wohl an einen vollkommen anderen Ort gelangen?

Ich konnte mich an die Steine erinnern. Ein Steinkreis, kalte, nackte Steine, dennoch verspürte ich ein gewisses Behagen, wenn ich daran zurückdachte, wie sich diese Steine angefühlt hatten. Alpträume hinterließen doch kein beruhigendes Gefühl, warum verspürte ich also dieses dringende Bedürfnis, wieder an diesen Ort zurückkehren zu wollen.

Ich konnte mir keinen Reim darauf machen.

Der Tag verging wie jeder andere zuvor. Heute wurden keine Insassen abgeholt. Musste wohl Sonntag sein. An diesen Tagen war kein Gerichtsstand. Da konnten wir beruhigt aufatmen. Ein Tag länger in unserem Leben!

Ich dachte viel an Fiona. Ob sie inzwischen wusste, wo ich war? Aber woher sollte sie es wissen? Angus und Michael waren nicht mit mir gefangen genommen worden. Sie hatten es noch rechtzeitig geschafft, in ein sicheres Versteck zu flüchten. Aber hatte Angus meine Spuren verfolgen können? Ich konnte mir vorstellen, wie Fiona vor Sorge fast umkam. Wie sie im Haus auf und ab ging, und darauf wartete, von mir ein Lebenszeichen zu erhalten. Wenn ich ihr doch eine Nachricht zukommen lassen könnte. Aber hier konnte ich niemandem trauen. Hätte man mich in Fort Williams gelassen, hätte es genügend Leute gegeben, die man hätte bestechen können. Ich konnte nur darauf hoffen, dass meine Clanmitglieder einen Plan aussonnen, um mich zu befreien.

Als endlich der Abend kam, war ich unruhig. Würde ich wieder träumen? Würde ich mich wieder an diesen seltsamen Ort voller Nebel begeben? Diesmal war ich vorbereitet, ich würde nicht verirrt versuchen, mich in diesem undurchdringlichen Nebel zurechtzufinden. Diesmal würde ich mit mehr Besonnenheit vorgehen. Würde ich dieses Mal überhaupt etwas ähnliches erleben?

*

 

Der Nebel war einem dunklen Zwielicht gewichen. Die Steine ragten kalt und bedrohlich aus allen Richtungen um ihn herum in den sternklaren Himmel und wirkten wie Wächter eines dunklen Geheimnisses, ohne Erbarmen und ohne Gnade. Er bewegte sich von Stein zu Stein, um dieses Geheimnis zu ergründen. Er war nicht mehr so verwirrt wie das erste Mal, als er hier aufgewacht war. Er war vorbereitet gewesen. Dennoch war ihm seine Umgebung gänzlich unbekannt.

Ein Steinkreis, fuhr ihm auf einmal ein Gedanke durch den Kopf. Ein magischer Ort, aber warum war er hier gelandet. Also war alles doch nur ein Traum. Denn wie sollte er hierher gelangt sein, wenn nicht in seinem Traum?

Um die magische Wirkung noch weiter zu unterstützen, wurde die Mitte des Kreises auf einmal durch ein Leuchten erhellt. Es war nicht grell, sondern eher ein warmes und beruhigendes Licht. Das Leuchten wurde größer und größer, bis es schließlich das gesamte Innere des Kreises umfasste und somit auch ihn.

Er fühlte sich seltsam berührt, als ob ein Etwas, denn besser konnte er es nicht beschreiben, an ihm vorbeischwebte und seine Haut streifte. Dieses Etwas strahlte eine seltsame Vertrautheit aus. Er konnte sich die Zusammenhänge nicht erklären, aber er war sich vollkommen sicher, dass er schon einmal eine solche Begegnung gehabt hatte. Nur konnte er sich nicht mehr daran erinnern.

Er versuchte, dieser Erscheinung habhaft zu werden, sie erneut zu berühren, seine Sinne erneut zu stimulieren, um eine Antwort zu erhalten. Aber wo immer er auch suchte, seine Hände griffen ins Leere, das Licht war wie der Nebel. Er wusste, dass es ihn umgab, aber konnte es nicht erfassen.

Vielleicht spielen meine Sinne nur verrückt, dachte er. Die mangelhafte Ernährung und die unwürdige Unterbringung forderten ihren Tribut. Doch war er noch nicht so lange im Gefängnis. Er war stark und gesund, er müsste eigentlich länger aushalten können.

Und dann erlebte er, wie das Licht um ihn herum zu tanzen begann. Es war dasselbe Gefühl wie in der letzten Nacht, als der Nebel auf einmal angefangen hatte zu schwirren. Er wusste, dass sein Erlebnis nun zu Ende war und dass er in wenigen Sekunden wieder auf seinem Lager erwachen würde. Und plötzlich wünschte er sich, nicht wieder in sein Leben zurückkehren zu müssen. Dieser Ort hier war angenehm und vertraut, warum also in die feuchte Kälte seines Gefängnisses zurückkehren wollen? Die Wahrscheinlichkeit, dass er je lebend wieder herauskommen würde, war  eher gering. Es tat ihm um seine Familie leid, die er schmerzlich vermissen würde. Aber vielleicht gab es aus dieser Welt einen Weg, um mit ihnen Kontakt aufnehmen zu können.

Doch er kam nicht mit seinen Gedanken weiter, der Sog wurde zu stark. Er wachte auf und fand sich in seiner Zelle wieder. Er fluchte, dann lehnte er sich an die kalte Wand und ließ das Erlebte noch einmal Revue passieren. Zwei Nächte, an denen er jetzt diesen seltsamen Ort betreten hatte.

Er war gespannt, ob er jetzt immer nach dem Einschlafen dorthin gelangen würde.

Es hatte nichts Bedrohliches an sich, und das wunderte ihn sehr.

*

 

Angus meldete sich tagelang nicht. Fiona wusste nicht, ob das jetzt ein gutes oder schlechtes Zeichen sein sollte. Fort Williams war nicht so weit entfernt, dass es so lange dauern würde, um dorthin zu kommen, nachzufragen, und dann wieder zu ihr zurückzukehren. Vielleicht hatte es Schwierigkeiten gegeben. Vielleicht hatte man ihn auch geschnappt, als er dort Kontakt aufgenommen hatte. Aber daran wollte sie lieber nicht denken, denn das würde ihr die einzige wirkliche Möglichkeit nehmen, um über das Schicksal ihres Mannes zu erfahren.

So ging sie denn täglich ihren hausfraulichen Pflichten nach. Sie versuchte, die Kinder bei Laune zu halten, denn auch die merkten, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie griffen ihre unsichere Stimmung auf, und machten ihr den Tag schwer. Abends lag sie lange wach und grübelte, was sie in ihrer jetzigen Situation machen konnte. Sie weinte sich nicht in den Schlaf, noch nicht. Nichtsdestotrotz war sie traurig. Traurig, und wütend zugleich. Und indem sie sich erlaubte, ihrer Wut freien Lauf zu lassen und Kyle dafür die Schuld zu geben, so unvorsichtig gewesen zu sein und sie in den Zustand zu bringen, in welchem sie sich jetzt befand, fand sie einen Weg aus der Traurigkeit und hatte die Möglichkeit, weiterhin klar zu denken und nicht in Selbstmitleid zu verfallen.

Es waren nun fast zwei Wochen vergangen, nachdem Angus ihr die Schreckensmitteilung gemacht hatte. Die Kinder spielten hinter dem Haus, und Fiona war gerade dabei, ihre Wäsche nach draußen zu bringen, damit sie diese im Bottich waschen konnte, als sie einen Schatten bei dem Hügel hinter dem Haus wahrnahm.

Die Soldaten versteckten sich eigentlich nicht hinter den Hügeln, wenn sie mal wieder das Haus durchsuchen wollten. Es konnte sich nur um ein Clanmitglied handeln. Trotzdem wollte sie ihre Kinder nicht unnötig in Gefahr bringen und rief sie zu sich.

„Geht schnell ins Haus“, rief sie Niamh und Caitlin zu, die keine großen Fragen stellten. Sie kannten das Prozedere. Sie hatten sich daran gewöhnt, wenn Mutter diesen Tonfall anlegte, dass sie keinen Widerspruch duldete. So verschwanden sie schnell im Haus, Fiona jedoch ging weiter ihrer Aufgabe nach und wartete darauf, wer sich schließlich aus seinem Versteck zu ihr begeben würde.

Wenige Minuten später stand Angus vor ihr. Er sah schlecht aus. Dass die Männer nicht immer gerade sauber waren, daran hatte sie sich schon gewöhnt, auch dass die Kleidung meist vor Dreck starrte und an alle Ecken und Kanten ausgefranst war, war kein ungewöhnlicher Anblick für sie. Aber der Anblick, der sich ihr nun bot, ließ ihr Herz schwer werden.

Angus war ausgemergelt, die Haut wirkte aschfahl, und er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Die Kleidung hing nur noch in Fetzen um ihn herum, und er hatte große Mühe, sie zusammen zu halten.

„Was ist mit dir passiert?“ rief Fiona besorgt aus, als Angus ihr entgegen stolperte. Er stützte sich schwer auf sie, als sie ihn ins Haus brachte und auf einen Stuhl vor dem offenen Feuer setzte. Dies geschah nicht ohne ein schmerzerfülltes Stöhnen.

„Danke“, brachte er nur mühsam hervor. „Hast du vielleicht etwas zu trinken für mich?“

Fiona lief sofort zum Schrank und holte die Whiskeyflasche hervor. Dann aber setzte sie auch noch heißes Wasser auf, um Tee zu kochen. Im Kessel befand sich noch genügend Eintopf vom gestrigen Tag. Sie wusste, sie konnte Angus wieder aufpäppeln.

Ein paar Stunden, drei Teller Eintopf, eine halbe Flasche Whiskey und ein Bad später, saß Angus wieder vor dem Feuer. Auch jetzt hielt er ein Glas Whiskey in der Hand, aber er sah weitaus besser aus als zuvor.

Fiona hatte sich in der Zeit um ihre Kinder gekümmert, die immer wieder neugierig um die Ecke lugten. Natürlich kannten sie Angus. Das war der Mann, der ihren Vater immer begleitete. Er war ein bekanntes Gesicht im Haus. Aber dieses Mal hatten sie ein wenig Angst vor Angus. Er sah so anders aus. Ihre Mutter hatte dies bemerkt und sich die Zeit genommen, ihnen zu erklären, warum Angus so aussah. Hinterher, als Angus auch schon wieder etwas besser aussah, gingen sie wieder wie gewohnt zu ihm herüber und setzten sich zu seinen Füßen.

Angus betrachtete die Kinder mitleidig. Es tat ihm in der Seele weh, dass die Kinder ohne ihren Vater aufwachsen mussten. Besonders jetzt, wo er auch nicht mal mehr wusste, welches Schicksal seinen Freund ereilt hatte. Wenn er doch nur etwas vorsichtiger gewesen wäre! Aber wenn er richtig darüber nachdachte, war er vorsichtig genug gewesen. Er hatte sich seiner Quelle anvertraut, der Quelle, von der er jahrelang seine Informationen bekommen hatte und der er, so wie er meinte, immer vertrauen konnte. Aber wenn er es sich jetzt richtig überlegte, dann wusste er, dass er in diesen unsicheren Zeiten eigentlich niemandem mehr vertrauen konnte, der für die Krone arbeitete, selbst wenn diese Personen Landsleute von ihm waren.

Jeder musste zusehen, seinen eigenen Kopf zu retten. Jeder wollte sicher vor den Schergen der Krone sein, sich selbst und seine Familie schützen. Da konnten Freunde zu Feinden werden. Und dabei wollten sie doch zusammen halten, zusammen für die eine große Sache kämpfen. Wo sollte dies alles nur noch hinführen?

Nach einer Weile schickte Fiona die Kinder wieder nach draußen zum spielen. Sie brauchte sie nicht zu ermahnen, in der Nähe des Hauses zu bleiben, das war inzwischen selbstverständlich geworden.

Als die Kinder außer Hörweite waren, nahm sich Fiona einen weiteren Stuhl und setzte sich zu Angus ans Feuer. Sie sah ihn auffordernd an, und er wusste, dass es keine Zweck hatte, noch länger mit seiner Geschichte zu warten. Er respektierte diese Frau viel zu sehr, als dass er sie lange hinhalten würde.

*

 

Heute war ein besonderer Tag im Gefängnis, wir durften für eine Stunde in den Hof, unsere Beine vertreten. Natürlich waren sämtliche Unterhaltungen strengstens verboten, es könnte ja sein, dass man sich zu einem Ausbruch verabreden könnte. Aber natürlich wollte niemand sich so öffentlich über solch ein heikles Thema unterhalten. Diese Art von Themen wurden im Verborgenen verhandelt, dann, wenn sich die Wärter in ihren Raum zurückzogen, sich sinnlos besoffen und über uns arme Würstchen lustig machten.

Ich freute mich jedes Mal darauf, nach draußen zu kommen und meine Beine zu vertreten. Die Sonne auf meiner Haut zu spüren, den Wind, wie er mal stark und mal sacht um mich herum wehte. Ich wusste, dass ich nicht in meiner geliebten Heimat war, dass ich weit von ihr entfernt in einer Stadt war, die so kalt und grau war, dass selbst die Menschen, die in ihr lebten, kalt und grau waren.

Trotzdem fühlte ich mich meinem Zuhause ein großes Stück näher. Sobald ich die Mauern verließ und in den Hof hinaustrat, atmete ich erstmal tief durch und sog die Luft tief in meine Lungen ein. Es war nicht der gewohnte Geruch von Torf und Landwirtschaft. Ich hatte immer noch den Gestank der Fäkalien und der Verwesung in meiner Nase, aber ich schloss diesen Gedanken einfach aus meinem Kopf aus und genoss meine kleine Freiheit, wie ich es nannte.

Wir gingen in diesem kleinen Hof im Kreise. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Bis auf das Schlurfen der Füße über den Sand, war nur das Geplapper der Wärter zu hören. Ich dachte über meinen Traum der letzten Nacht nach. Es war das gleiche Szenario gewesen, dennoch hatte ich ihn intensiver als das erste Mal erlebt. Ich konnte mir immer noch nicht erklären, was hier vor sich ging. Aber irgendwie hatte ich das sichere Gefühl, dass mir nichts passieren würde. Diese Erscheinung, oder wie auch immer man es bezeichnen konnte, war mir nicht feindlich gestimmt. Im Gegenteil, ich fühlte mich dort wohl. Wenn ich in meinem Traum war, wollte ich ihn nicht mehr verlassen, war sogar ein wenig enttäuscht, wenn ich wieder zurück in meiner Zelle aufwachte, denn dann spürte ich wieder die Kälte und die Verzweiflung, die in den Gemäuern steckte.

Ich dachte auch über Fiona und meine Kinder nach. Wie ich sie kannte, machte sie sich zur Zeit bestimmt wahnsinnig viel Gedanken, was mit mir passiert sein könnte. Wenn ich ihr doch nur eine Nachricht zukommen lassen könnte. Aber den Wärtern hier brauchte ich mich nicht anzuvertrauen. Sie würden nur höhnisch lachen und den Brief vor meinen Augen zerreißen. Auch gab es hier wenig Besucher, und die wenigen, die zugelassen wurden, kamen nicht in den Bereich, in dem ich untergebracht war.

Es sah also alles in allem recht aussichtslos aus. Ich konnte natürlich hoffen, dass Angus meine Spur verfolgt hatte, und so vielleicht in Erfahrung bringen konnte, wo man mich hingebracht hatte. Fort Williams war ja ein bekannter Ort, wohin man Verräter wie mich zunächst brachte. Ich wusste, dass Angus Informanten dort hatte, und ich hoffte, dass die ihm weiterhelfen konnten.

Es blieb mir nichts anderes übrig, als diese unliebsamen Gedanken wieder beiseite zu schieben. Unser „Freigang“ war inzwischen auch beendet, und die Wärter waren eifrig dabei, uns wieder in unsere Zellen zu scheuchen. Sie gingen dabei nicht gerade vorsichtig mit uns um, sondern schubsten und traten uns, wo sie nur konnten. Und dabei hatten sie auch noch regelrecht ihre Freude. Gefängniswärter musste man sein. Da konnte man seine schlechte Laune gut an den Häftlingen auslassen! Nicht dass ich dieses Verhalten billigte, aber ich glaube, wenn man lange genug in diesem Beruf arbeitete, dann stumpfte man so weit ab.

Ich kann mir vorstellen, dass es nicht gerade erstrebenswert war, in solch einem Loch zu arbeiten. Ich weiß nicht, wie das Ansehen eines Gefängniswärters in einer Stadt wie dieser war, ich für meinen Teil wusste nur, dass ich diese Leute verachtete. Nicht nur, weil ich selber jetzt im Gefängnis saß, aber ich bin mit dieser Gefahr aufgewachsen, hatte von vielen Männern gehört, die im Gefängnis gelandet waren. Selbst mein Vater hatte hier schon einige Jahre seines Lebens verbracht. Es war wirklich nicht erstrebenswert, hier zu landen.

Als ich wieder in meiner Zelle saß, wartete ich auf den nächsten Höhepunkt des Tages. Heute war Gerichtstag. Das bedeutete, dass wir Neuzugänge bekommen würde. Es bedeutete aber auch, dass man wieder die verzweifelten Schreie derer hören würde, die zum Tode verurteilt ihren letzten Gang machten.

Ich hoffte, dass mir dieses Schicksal noch lange genug erspart bliebe, aber letztendlich hatte ich keinen Einfluss darauf. Und hier wurde man auch nicht frühzeitig wegen guter Führung entlassen. Im Gegenteil, wenn man auf eine Haftmilderung oder gar eine frühere Entlassung plädierte, lief man Gefahr, schneller am Strang zu landen, als einem lieb war.

Das Motto war, halte den Mund, dann lebst du länger. Also hielt ich mich daran. Ich setzte mich auf mein Strohlager, lehnte mich an die kalte Wand und schloss die Augen. Mit etwas Glück würde ich einschlafen und meine Umgebung für eine Weile ausschließen können. Vielleicht würde auch mein Traum zurückkehren, und ich würde vielleicht endlich wissen, was das Ganze auf sich hatte.

*

 

Als ihn das gleißende Licht umfing, wusste er, dass ihn etwas Besonderes erwartete. Wie zuvor war er im Nebel aufgewacht, und wie auch bei den anderen beiden Malen, war die Erscheinung nicht beängstigend. Dieses Mal wusste er auch, dass er der Lösung des Rätsels sehr nahe kommen würde, es vielleicht sogar ganz lösen konnte.

Voller Erwartung ließ er sich los und hatte das Gefühl zu schweben. Nachdem er gänzlich in das Licht eingetaucht war, öffnete er wieder die Augen. Hatte ihn zuvor das Licht so stark geblendet, dass ein Hineinschauen unmöglich war, war es nun wieder zu einer normalen Intensität geschrumpft.

Er fand sich in einer Art Halle wieder, wie sie zu einer Burg gehören konnte. Ihm waren diese Räumlichkeiten nicht bekannt. Neugierig schaute er sich um. Die Halle war leer. Rechts und links von ihm waren die Wände von meterhohen Säulen gesäumt. An jeder der Säulen war eine Fackel angebracht, welche die gesamte Halle in ein warmes Licht hüllten. Unter den Fackeln waren Statuen aufgestellt, sie stellten augenscheinlich Stammesfürsten und Könige aus längst vergessenen Zeiten dar. Aber sie gaben der Halle etwas Erhabenes, etwas, wo man vor Ehrfurcht am Liebsten auf die Knie sinken und sein Haupt beugen mochte.

Am anderen Ende der Halle, welche sich um etliche Yards erstreckte, stand ein Podest. Es führten Stufen hinauf, welche mit einem roten Teppich ausgekleidet waren. Auf dem Podest befand sich ein Thron. Als er sich dem Podest näherte und den Thron eingehender betrachtete, stellte er fest, dass dieser aus Holz gefertigt war, die Rückenlehne und die Armstützen waren kunstvoll verziert. Bei näherem Hinsehen erkannte er Schlangen, die sich in einander wanden und ihre Köpfe ihm zuzuwenden schienen.

Der Thron war mit weinrotem Samt gepolstert, eingesäumt mit Gold, und er fühlte sich eingeladen, dort Platz zu nehmen. Kaum hatte er sich auf dem weich gepolsterten Sitz niedergelassen, fingen die Schlangen an, lebendig zu werden. Erschrocken riss er seine Arme hoch, um aufzustehen und der drohenden Gefahr zu entfliehen, aber jegliche Bemühungen waren vergebens. Die Schlangen wanden sich mit einer derartigen Geschwindigkeit um seine Arme und anschließend auch um seinen Oberkörper, dass er keine Chance der Gegenwehr hatte.

Dann spürte er, wie sich sein Bewusstsein langsam veränderte. Hätte er sich nicht schon in einer Art Traum befunden, er hätte schwören können, dass er eine Vision hatte. Um ihn herum schien alles auf einmal surreal zu sein. Er schien nicht mehr zu wissen, wer und wo er war. Aber wie auch schon zuvor im Nebel, empfand er auch jetzt kein Unbehagen. Und so gab er sich ganz dieser neuen Empfindung hin, um abzuwarten, was weiter passieren würde.

*

 

„Wir waren gerade dabei, Soldaten auszuspionieren“, begann Angus zögerlich. Ihm war nicht ganz wohl dabei, die ganze Geschichte Fiona zu berichten. Er wusste, dass sie sich große Sorgen machte. Aber Kyle hatte sein Tun und Handeln außerhalb der Familie kaum mit seiner Frau besprochen. Er hielt es nicht für notwendig, ihr jedes Detail zu erklären, jeden Ort zu beschreiben, wo er sich aufhalten würde, jede Handlung, die sie planten. Er war der Meinung, je weniger Fiona wusste, um so besser war es für sie und die Mädchen. Denn sollten die Schergen mal wieder ihr Haus heimsuchen, so konnte sie mit klarem Gewissen behaupten, dass sie nichts wusste. Aber es war auch im Allgemeinen bekannt, dass nur die Männer in der Sache involviert waren. Es hatte bislang nur äußerst wenige Frauen gegeben, die sich offen am Kampf beteiligt hatten.

„Wir hatten diesen Trupp schon früher aufgespürt“, fuhr er nun fort. Er wusste, dass er dieses Mal nicht darum herum kam, Details zu verschweigen. „Wir hatten uns mit anderen Clanmitgliedern abgewechselt, das Tun und Treiben dieses Trupps zu beobachten. Es erstaunte uns, dass sie so weit in unser Gebiet vorgedrungen waren, weil es nur so wenige waren. Normalerweise trauen sich die Soldaten nur in größeren Truppen so weit in Clanland. Hier waren es nur 6 – 8 Soldaten.“

Angus nahm einen Schluck aus seinem Whiskeyglas. Er war kein großer Redner. Das und der Fakt, dass es ihm nicht gerade gut ging, machten seine Kehle schnell trocken. Aber als er spürte, wie die goldbraune Flüssigkeit seinen ausgetrockneten Hals herunterrann und sich dann langsam warm in seinem Magen ausbreitete, fühlte er sich wieder besser und konnte weiter sprechen.

„Die Soldaten waren dabei, ihr Lager aufzuräumen. Sie waren schon seit Tagen an dem einen Ort geblieben, waren von dort immer wieder in verschiedene Richtungen los gezogen. Wir hatten sie dabei verfolgt, und es war uns ein Rätsel, was sie eigentlich hier wollten, denn für uns schien es ein sinnlosen hin- und herziehen zu sein. Hätten wir es nur besser gewusst! Aber wir waren so besessen von dem Gedanken, dass wir hier wesentliche Informationen erfahren würden, dass wir blind für die Wahrheit waren. Denn als wir uns weiterhin in Sicherheit wiegten, hatten uns die Soldaten schon längst aufgespürt. Das war ihr Plan gewesen, sie wollten endlich einige von uns gefangen nehmen.“

Fiona hielt bewusst ihren Atem an. Als sie Kyle geheiratet hatte, und es war nicht ein arrangierte Heirat, wie es normalerweise üblich war, hatte sie durchaus gewusst, welcher Tätigkeit ihr Zukünftiger nachgehen würde. Sie war ja damit aufgewachsen, wie jedes andere Kind im Clan. Trotzdem hatte sie immer gehofft, dass ihr Mann verschont bleiben würde. Sie hatte gewusst, dass es nichts bringen würde, dagegen zu protestieren. Wahrscheinlich hätte sie nur seinen Zorn auf sich gezogen, und das war etwas gewesen, was sie nun wirklich nicht erreichen wollte. Ihre Zeit zusammen war so kostbar, dass sie diese nicht mit unnötigem Streit verschwenden wollte.

Angus hatte Fionas Reaktion bemerkt. Er wusste, wie nahe die beiden Ehepartner sich standen. Nicht jede Ehe lief so gut, wie bei den beiden, vor allem nicht unter solchen Umständen. Deshalb tat es ihm in der Seele weh, ihr diese schlechten Nachrichten überbringen zu müssen. Aber gleichzeitig wurde ihm bewusst, welche weiteren Schritte er unternehmen musste, sobald er sein Wissen Fiona mitgeteilt hatte. Also beeilte er sich, seine Geschichte ihr weiter vorzutragen, damit er möglichst bald wieder losziehen konnte.

„Wie ich dir damals schon sagte, kam uns auf einmal dieser Trupp Soldaten entgegen. Das waren nicht die Soldaten gewesen, die wir die ganze Zeit beobachtet hatten. Die hatten sich am Tag zuvor in Richtung Aviemore aufgemacht. Wir waren davon ausgegangen, dass sie mit dem, womit sie auch immer beschäftigt waren, fertig waren, und sich langsam wieder zurückzogen. Hätten wir es nur besser gewusst! Einer der Soldaten muss uns unbemerkt entwischt sein und diesen zweiten Trupp benachrichtigt haben. Denn als wir gerade dabei waren, unsere Soldaten zu verfolgen, tauchte dieser zweite Trupp wie aus dem Nichts auf. Es gab nicht viele Versteckmöglichkeiten links und rechts neben der Straße. Und wir wussten, dass sie uns gesehen hatten. Trotzdem gelang es Michael und mir, irgendwie zu entkommen. Ich hatte geglaubt, dass Kyle direkt hinter uns war. Aber wahrscheinlich hatte er nur versucht, die Soldaten irgendwie noch abzulenken und aufzuhalten. Er hatte auf sein Glück vertraut, dass ihn die Jahre über immer begleitet hatte. Doch dieses Mal war es ihm nicht hold. Der Überraschungseffekt hatte geklappt. Kyle wurde durch die Soldaten einfach so von den vorbei galoppierenden Soldaten ergriffen, auf das Pferd gezogen und weggebracht.“

Der Rest der Geschichte war schnell erzählt. Angus war nicht in der Lage gewesen, die Soldaten zu verfolgen. Er konnte zu Fuß nicht gegen die Geschwindigkeit der Reiter ankommen. Dennoch wusste er, dass Gefangene aus diesem Bereich zunächst nach Fort Williams gebracht wurden. Er machte sich auf den Weg dorthin, wissend, dass er ein paar Kontakte dort hatte. Es gab überall Leute, die gegen Bestechung gerne Auskunft gaben. So auch dort.

Womit er jedoch nicht gerechnet hatte, war dass die Bereitwilligkeit zur Informationsweitergabe nachgelassen hatte. Sie war sogar ins Gegenteil umgeschlagen, denn sein bester und bislang zuverlässigster Kontakt hatte wohl beschlossen zukünftig lieber für die Krone zu arbeiten. Vielleicht gab es dort mehr Geld zu holen.

Angus hatte sofort bemerkt, dass etwas nicht stimmte. Sein Kontakt hatte versucht, ihn unnötig lange hinzuhalten. Das war ihm sehr suspekt vorgekommen. Und sein Instinkt hatte ihn nicht getäuscht, denn als er noch im Haus auf die Rückkehr des Mannes wartete, hörte er auf einmal, wie sich Soldaten dem Haus näherten. Er versuchte, nach hinten aus dem Haus zu fliehen, aber das Haus war umstellt worden, ein Entkommen schien aussichtslos.

Trotzdem war es ihm gelungen. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie er hatte flüchten können, aber die Verfolger waren ihm hart auf den Fersen. Tagsüber versteckte er sich in Tierhöhlen oder im Moor, nachts lief er weiter. Er hatte nichts zu essen außer die Beeren, die er im Vorbeilaufen von den Sträuchern abriss. Dadurch dass er sich zeitweise im Moor versteckte, war seine Kleidung ständig nass, und er konnte sie auch nicht trocknen, denn das Feuer hätte die Soldaten nur wieder auf ihn aufmerksam gemacht. Also zog er sich eine Erkältung zu, die sich durch den Mangel an Wärme und fester Nahrung immer weiter verschlimmerte. Manche Tage vergingen, ohne dass er es bemerkte. Letztendlich jedoch gaben die Soldaten auf. Angus gelangte zurück in sein Dorf, und das war auch das Ende seiner Odyssee.

Fiona atmete tief durch. Angus hatte so viel für sie auf sich genommen, dennoch wusste sie immer noch nicht, wo sich ihr Mann befand. Ihre Sorgen wuchsen ins Immense, sie hatte das Gefühl, als ob ein Knoten ihre Kehle zuschnüren würde. Sie war in einem Bewusstsein aufgewachsen, dass die Männer aus ihrem Dorf ständig Gefahren ausgesetzt waren. Die Männer kämpften, damit ihre Frauen und Kinder in Sicherheit waren, und damit sie ein möglichst sorgenfreies Leben weit von der Krone entfernt leben konnten. Damals hatte sie nicht viel von dem Freiheitswunsch der Clans verstanden. Aber sie hatte es verstanden, wenn die Soldaten kamen, wie alle in Angst und Schrecken versetzt waren, und dass es selbstverständlich war, auch unter größter Angst den Soldaten nichts über den Aufenthaltsort ihres Vaters und ihrer Brüder zu verraten.

Später wusste sie mehr, und je mehr sie verstand, desto mehr breitete sich in ihr das Verlangen aus, die Sache zu unterstützen. Aber sie war eine Frau. Eine Frau hatte im Kampf nichts zu suchen. Sie konnte nur helfen, wenn sie mit den anderen Frauen zusammenhielt und die Männer beschützte, indem sie ahnungslos tat.

Kyle hatte sie selten darin eingeweiht, was er tat. Sie wusste, dass dies Wissen gefährlich war. Die Soldaten könnten versuchen, das auszunutzen. Deshalb hielt ihr Mann es für besser, dass sie nichts wusste. Aber sie war eine starke Frau, sie hatte sich geschworen, nie, unter keinen Umständen auch nur ein Sterbenswort zu sagen, auch wenn sie noch so sehr gefoltert wurde.

Jetzt wünschte sie sich, ihrem Mann helfen zu können. Fort Williams war kein Ort, wo die Gefangenen lange behalten wurden. Dafür war es zu unsicher. Es hatte schon viele Fälle gegeben, wo Gefangene dort befreit worden waren. Mit Sicherheit hatte man Kyle nach Edinburgh verschafft, schließlich war Kyle nicht gerade ein unbeschriebenes Blatt.

Aber Edinburgh war unerreichbar für sie. Sie würde ihn dort noch nicht mal besuchen können. Jedenfalls hatte sie noch nie davon gehört, dass im Staatsgefängnis Besucher zugelassen waren. Doch ihr kam eine Idee.

„Angus, ich brauche deine Hilfe.“

Der junge Mann schaute Fiona überrascht an. „Wie kann ich dir helfen?“, fragte er neugierig.

„Ich vermute, dass Kyle in Edinburgh ist. Ich bin mir natürlich nicht sicher. Es ist nur so eine Vermutung.“

„Da hast du wohlmöglich recht. Aber wozu brauchst du meine Hilfe?“

„Ich gehe dorthin“, entgegnete sie gelassen. „Ich werde versuchen, ins Gefängnis hineinzukommen. Vielleicht kann man Kyle dort doch befreien.“

„Deine Sorgen vernebeln deinen Verstand, Fiona. Die Sache ist doch aussichtslos. Und wie willst du überhaupt in das Gefängnis hinein gelangen? So weit ich weiß, sind dort keine Besucher zugelassen, schon gar nicht die Frau eines Freiheitskämpfers.“

„Ich gedenke auch nicht als Kyles Ehefrau dort hereinzuspazieren, Angus. Ich habe da einen ganz anderen Plan.“

Und dann teilte Fiona ihm mit, was sie vorhatte. Angus war zwar nicht gerade begeistert, aber er sah eine feste Entschlossenheit in ihren Augen, die keinen Widerspruch duldete. Letztendlich willigte er ein, Fiona nach Edinburgh zu begleiten. Sie wollten schon am nächsten Tag aufbrechen. Die Kinder würde sie bei ihrer Schwägerin unterbringen. Die hatte selber zwei Kinder und würde auch keine Fragen stellen, wenn es um ihren Bruder ging.

Angus blieb die Nacht über in Fionas Haus und schlief in ein paar Decken gehüllt vor dem Feuer. Fiona aber war viel zu sehr aufgeregt, um an Schlaf zu denken. Sie wusste, dass sie möglichst ausgeruht sein musste, um den Weg nach Edinburgh aufzunehmen, auch musste sie stark sein, um ihren Plan in die Tat umsetzen zu können. Dennoch schossen ihr tausend Gedanken durch den Kopf, die es ihr unmöglich machten, den gewünschten Schlaf zu finden.

Was hatten die Soldaten mit Kyle gemacht? Hatten sie ihn verletzt? War er überhaupt noch am Leben? Sie hatte schon davon gehört, dass viele Männer das Gefängnis nicht überlebt hatten. Aber sie durfte jetzt nicht aufgeben. Sie konnte sich noch hinterher darüber Gedanken machen, und zwar wenn sie in Edinburgh angekommen und die ganze Situation erfasst hatte. Dann konnte sie ihre nächsten Schritte planen.

Sie musste davon ausgehen, dass Kyle noch am Leben war und fest daran glauben. Denn das gab ihr die ausreichende Kraft, all die Strapazen, die vor ihr lagen, zu ertragen. Irgendwann fiel sie in einen unruhigen Schlaf und träumte von Soldaten, vom Moor und den Nebeln. Mitten im Traum erschien ihr ein Mann, der Kyle sehr ähnlich sah. Aber dieser Mann trug die Insignien der einstiegen Könige des Hochlandes. An seinen Armen sah sie züngelnde Schlangen, welche sich bis zu seinem Oberkörper herauf wanden. Er strahlte eine immense Autorität aus, welche die Soldaten zurückweichen ließ.

Schweißgebadet wachte Fiona auf. Was hatte sie da bloß geträumt? War es eine Vision gewesen? Oder doch nur ein Traum? Aber sie schlief sofort wieder ein. Bis zum Morgen kam dieser Traum nicht wieder, und als sie aufwachte, war sie viel zu sehr mit ihrem Vorhaben beschäftigt, als dass sie noch weiter an den Traum denken konnte.

*

 

Ich war der König. Das war mein erster Gedanke, als ich mich auf den Thron gesetzt hatte und die Schlangen, die zunächst nur einfache Verzierungen im Holz zu sein schienen, plötzlich lebendig wurden und sich um meine Arme schlungen. Warum empfand ich keine Panik? Jeder normale Menschenverstand hätte doch anders reagiert. Lag es vielleicht daran, dass ich schon einige Erlebnisse hinter mir hatte, und dass mir bislang nie etwas passiert war? Ich konnte keine Antwort darauf finden. Das Einzige, was ich im Moment fühlte, war Macht. Macht und Stärke. Ich erhob mich von meinem Thron, die Schlangen lebhaft um meine Arme züngelnd.

Hatte ich zuvor noch eine leere Halle betreten, so erstrahlte sie nun im Licht unzähliger Fackeln. Sie war zum Bersten gefüllt mit Menschen, die Lautstärke, durch ihre Unterhaltungen hervorgerufen, war kaum erträglich.

Doch als ich mich erhob, verstummten auf einmal die unzähligen Stimmen. Alles drehte sich zu mir um und sah mich erwartungsvoll an. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Alles kam mir seltsam vertraut, doch unerwartet fremd vor. Neben mir verspürte ich eine Regung.

Ich drehte mich zu einem hageren älteren Mann in einem dunklen Gewand um. Er war nicht wie die anderen Männer in Stammeskleidung, sondern, und jetzt dämmerte es mir auf einmal, er trug die Kleidung des Merlin. Aber der Merlin war aus einer anderen Zeit, ein Mythos, ein Glaube, den wir schon längst abgelegt hatten. Er tauchte immer wieder in Legenden auf, die wir unseren Kindern erzählten, aber die Zeiten waren längst vorüber.

Trotzdem schien alles plötzlich einen Sinn zu haben. Die Nebel, der Steinkreis, die Halle, die Schlangen. Sollte ich etwa in der Zeit zurück gewandert sein? Ich konnte es mir nicht erklären, vor allem nicht den Sinn, den diese Vision haben sollte. Zwar war mein Empfinden viel zu real, als dass ich mich in einem Traum befinden könnte, aber ich konnte mich noch nicht mit dem Gedanken abfinden, dass ich mich jetzt in einer Art Realität befand. Ich wollte mich daran festhalten, dass ich nur träumte, dass ich irgendwann wieder in meiner Zelle aufwachen würde, und dass ich später diesem Traum nur noch eine gute Erinnerung abringen würde.

„Ihr müsste ein paar wohlwollenden Worte an euer Volk richten, Sire“, hörte ich auf einmal die kraftvolle Stimme des Merlin neben mir. Ich schaute ihn verwirrt an. Doch plötzlich schien ich in meine Rolle hineinzuwachsen, alles machte Sinn. Also drehte ich mich wieder zur Menschenmenge um und sprach.

„Der Krieg hat begonnen“, sprach ich mit kräftiger Stimme. „Wir werden uns des Usurpators entledigen. Zusammen werden wir stark sein. Zusammen werden wir siegen!“

Das Volk jubelte mir zu. Ein schwankendes Meer überzähliger Leiber, die sich mir zudrängten, mich hoch leben ließen. Ich hatte die richtigen Worte gefunden, aber was war ihre Bedeutung? Von welchem Krieg hatte ich gesprochen?

*

 

Seine Gedanken wirbelten. Irgendwie schien sich alles zusammen zu fügen, aber trotzdem war alles mehr als verwirrend. Er fügte sich in seine Rolle, ohne überhaupt zu wissen, warum er diese Rolle spielte oder gar was diese Rolle beinhaltete. Ihm war nur gewiss, dass es seine Bestimmung zu sein schien.

Nachdem die Jubelschreie nach und nach verstummten, leerte sich die Halle wieder. Übrig blieben der Merlin und ein paar der Stammesfürsten. Wieder erinnerte ihn der alte Mann daran, was er zu tun hatte. Ahnte der Merlin, dass er nicht wusste, was hier um ihn herum geschah? War es gar der Merlin, dem er seine Vision zu verdanken hatte?

Manchmal hatte er das Gefühl, dass der alte Mann ihn mit wissenden Augen ansah, dass er ihn mit wohlwollendem Nicken aufmunterte, seinem Instinkt zu folgen. Denn das war das Einzige, zu dem er im Moment fähig war. Rationales Denken war hier fehl am Platze, denn würde er versuchen, die Situation mit seinem Verstand zu analysieren, er würde nicht sehr weit kommen. Dennoch hatte er das Gefühl, als ob sich sämtliche Puzzleteile langsam zu einem Bild zusammenfügen würden. Noch konnte er das Gesamtbild nicht erkennen, aber größere Teile war sichtbar. Er musste nur noch den Sinn verstehen.

Irgendwo im Inneren seines Unterbewusstseins war er noch Kyle. Er wusste, wer er war und wo er eigentlich hingehörte. Aber dieser Teil schien immer weiter in den Hintergrund gedrängt zu werden. In seinem jetzigen Bewusstsein war er ein  König, sein Ratgeber war der mächtigste Zauberer, den das Land je gesehen hatte. Er trug die Schlangen, die Insignien der höchsten Macht, die je in diesem Land geherrscht hatten. Sein verdrängtes Unterbewusstsein mahnte ihn an, dass es nur Legenden waren, dass der Merlin nur wenig mehr als eine Schöpfung der Fantasie gewesen war. Dennoch war dies alles so real, er fühlte wie der König, er dachte wie der König. Er war der König.

Dieser innere Zwiespalt zerrte an seinen Kräften. Er war dem inneren Kampf nicht gewachsen. Manchmal hatte er das Gefühl, als ob er sich einfach aufgeben wollte, nur damit dieser Tumult aufhören möge.

Das war der Moment, wenn er sich wieder bewusst wurde, wer er wirklich war. Dann dachte er an seine Familie. An seine Frau Fiona, die ihn liebevoll in dem Arm nahm. Er liebte sie so sehr, sie verstand ihn, seine Ambitionen, seine Pläne. Seinen Kampf. Der Kampf, er kämpfte für eine Sache. Und plötzlich wurde ihm bewusst, dass diese Sache der gleiche Krieg war, den er nur kurz zuvor seinem Volk angekündigt hatte. Der Usurpator, von dem er gesprochen hatte, das war die Krone, Unterdrücker, die sein Volk nicht ihr Leben ließen, wie sie es sich wünschten.

Aber damals hatte es diesen Zwiespalt doch noch gar nicht gegeben. Das Land war in unzählig viele Stämme unterteilt. Dennoch hatte es einen gemeinsamen Feind gegeben: Rom. Jeder Stamm hatte versucht, einzeln für sich allein gegen die Legionen zu kämpfen. Sie waren erbärmlich gescheitert. Unaufhaltsam war der römische Adler vorwärts gezogen und hatte die Grenzen seines Reiches erweitert.

Aber er erinnerte sich aus den Legenden, dass das römische Reich irgendwann zerfallen war, dass sein Land wieder frei wurde. Ein König hatte die Stämme vereinigt, und sie zum Kampf gegen den Adler geführt und war als Sieger hervorgetreten. War das wirklich nur eine Legende? Oder war es doch die Wirklichkeit gewesen? Für ihn schien es in diesem Moment wirklich.

Aber wieder vermischten sich seine Gedanken. Kämpfte er gegen Rom oder gegen die Krone? Wer war er? Dann bemerkte er die Schlangen. Sie hatten sich um die Armlehne seines Throns gewunden. Jetzt züngelten sie an seinen Armen. Er müsste Angst verspüren, versuchen, sie loszuwerden, dass sie ihn nicht bissen und ihn mit ihrem Gift töteten. Aber etwas in seinem tiefsten Inneren sagte ihm, dass sie ihm nicht gefährlich würden. Sie waren er, sie gehörten zu ihm, das Symbol der Macht. Das Symbol des Herrschers, des einen Herrschers, welcher die Völker vereinigen würde, zum gemeinsamen Kampf, zum gemeinsamen Sieg.

„Auf in den Kampf“, hatte er dem Volk zugerufen. Es hatte ihn bejubelt. Er badete in seinem Erfolg, in dem Gefühl, geliebt und verehrt zu werden. Wenn er doch genauso stark in seinem wirklichen Leben sein könnte!

Sein wirkliches Leben, Fiona, Angus, Schottland. Irgend etwas schien an ihm zu zerren. Noch war er sich bewusst, dass er sich in einer Art Vision befand, dass dies nicht die Realität bedeutete. Aber wie sollte er sich von dieser Vision lösen? Er musste sich lösen, auch wenn er sich hier wohl fühlte. Aber es war nicht sein wirkliches Leben. Er musste hier raus, er musste zurück in seinen eigenen Körper kehren, zurück in seine düstere Zelle, in die Kälte und in das Ungemach. Dennoch war es besser als seine Vision. Denn irgendwann würden sie ihn wieder gehen lassen, und er würde zu seiner Familie zurückkehren, die ihn liebte und ihn schmerzlich vermisste.

Aber ich werde doch auch hier geliebt, dachte er. Er konnte die Liebe des Volkes förmlich spüren, wie sie ihm entgegen wogte, ihn umfing und ihn in einen Mantel des Wohlwollens einhüllte. Es war fast schon zu bequem, als dass er diesen Mantel je wieder ablegen wollte.

Fiona! Fiona, wo bist du? Der innere Kampf wurde stärker, es schien ihn entzwei reißen zu wollen. Warum war er so hilflos? Warum konnte er nicht all seinen Willen aufbringen und wieder dorthin zurückkehren, wohin er gehörte? Aber wohin gehörte er? Realität und Vision vermischten sich. War sie dort nicht in der Menge? Seine Fiona mit dem roten Haar und dem Temperament, welches er so liebte. Fiona! Fiona!

Sein Herz schmerzte. Welch Agonie! Welch Kampf! Die Schlangen züngeln, sie winden sich um seine Arme, sie winden sich um sein Herz. Sie ziehen sich zusammen und zerdrücken ihn.

Der Nebel. Der wohl vertraute Nebel. Er kehrt zurück. Ein Zeichen? Er fühlte, als ob die Erlösung nahe war. Er wünschte sich so sehr, dass der Nebel ihn dorthin zurückbringen würde, wo er die letzten Tage wartend verbracht hatte. Er ließ sich erneut durch den Nebel einhüllen und wartete, dass die dunklen Mauern seines Gefängnisses endlich wieder um ihn herum auftauchen würden. Doch es tat sich nichts. Erneut stieg Verzweiflung in ihm auf. Etwas stimmte nicht. Aber was sollte er tun? Er war ratlos. Er hatte noch nie eine Vision empfangen, wie sollte er also wissen, wie er sich verhalten sollte.

Er konnte sich daran erinnern, dass seine Großmutter davon gesprochen hatte. In früheren Tagen hatte es viele Frauen gegeben, die behaupteten, sie würden das zweite Gesicht haben. Er hatte nie daran geglaubt. Er hatte mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Realität gestanden und hatte solche Dinge als Aberglauben abgetan.

Aber jetzt war alles in ein völlig anderes Licht gerückt. Hätte er damals nur besser zugehört, hätte sich nicht abgewendet und gelacht, vielleicht hätte er jetzt gewusst, was zu tun war.

Stattdessen schloss er seine Augen. Es gab nichts, was er tun konnte. Wieder einmal konnte er nur abwarten.

*

 

Fiona schob die beunruhigenden Gedanken der letzten Nacht beiseite. Sie hatte sich auf ihre Reise zu konzentrieren, die lang und anstrengend werden würde. Angus sollte sie begleiten, da er jedoch von den Schergen gesucht wurde, konnte er nicht bis nach Edinburgh kommen. Zu groß war die Gefahr, dass er erkannt wurde, und der Plan würde scheitern. Fiona könnte ebenfalls gefangen genommen werden, und wer würde sich dann um die Kinder kümmern?

Angus versprach, unterwegs Kontakt zu Freunden aufzunehmen, die Fiona auf dem Rest des Weges begleiten würden, denn es war nicht sicher für eine Frau, alleine zu reisen. Waren sich die Bewohner Schottlands einig im Kampf gegen die Krone, gab es dennoch genügend Wegelagerer, die sich nur zu gerne eines so leichten Opfers annahmen.

Die Sonne begann gerade zu steigen, als sie sich von ihren Kindern verabschiedete. Sie konnte kaum die Tränen unterdrücken, die ungewollt in ihre Augen stiegen. Sie hatte den Mädchen nichts von ihren Plänen gesagt, sie wussten noch nicht mal, dass ihr Vater im Gefängnis saß. Sie würden noch früh genug mit in den Kampf gezogen, jetzt waren sie noch unschuldig und harmlos für die Schergen, so dass Fiona sich sicher sein konnte, so lange sie nichts wussten und mitteilen konnten, würde ihnen nichts geschehen.

Abrupt wendete sie sich ab, winkte den Kindern noch einmal zu und nahm dann ihr Bündel mit Lebensmitteln, um Angus auf dem schmalen Pfad, der vom Haus auf die Straße führte, zu folgen.

Sie gingen schweigend für eine Weile neben einander her. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Fiona überlegte, was sie in Edinburgh erwarten würde. Sie war auf alles gefasst. Sie hatte schon viele Berichte gehört, wie es den Männern im Staatsgefängnis ergangen war. Sie wusste, dass es einige nicht geschafft hatten. Sie hoffte nur, dass Kyle stark genug war, das Ungemach zu ertragen und zu überstehen. Aber selbst wenn er dies überstehen konnte, es war nicht sicher, ob er nicht doch als Hochverräter zum Tode verurteilt würde.

Dieser Gedanke war wie ein Stich ins Herz. Was würde sie tun, wenn Kyle nicht mehr wäre? Wie konnte sie ihr Leben weiter führen, wenn der Mann, den sie über alles liebte, nicht mehr da wäre, sie nicht mehr in die starken Arme nähme, sie nicht mehr küssen und lieben könnte? Wie könnte sie es den Kindern beibringen, dass ihr Vater gestorben war? Würde sie den Hass auch in ihren Kindern sähen, den sie schon so lange in sich trug, dass er ein Teil von ihr war?

Auf einmal erinnerte sie sich an den Traum der letzten Nacht, und sie hatte das dringende Bedürfnis mit Angus darüber zu reden.

„Angus“, sprach sie den Mann an, der ebenfalls in Gedanken versunken neben ihr ging.

Angus schreckte hoch. „Entschuldigung“, murmelte er verlegen, schließlich sollte er doch besser aufpassen, damit der Frau seines besten Freundes nichts passieren würde.

„Ist schon in Ordnung“, beruhigte Fiona ihn. Sie verstand, dass auch er sich Sorgen machte. Plötzlich kam ihr die Idee, Kyle in Edinburgh zu suchen, aberwitzig und unrealistisch vor. Aber sie war jetzt auf dem Weg, und selbst ihr Verstand konnte sie nicht wirklich davon abbringen.

„Ich hatte letzte Nacht einen seltsamen Traum. Erinnerst du dich noch an die alten Sagen vom König, der die Stämme vereinigte. Der König mit den Schlangen an seinen Armen?“

„Ich weiß davon“, antwortete Angus nachdenklich.

„Nun, letzte Nacht, in meinem Traum sah ich diesen König. Er stieg aus den Nebeln und führte das Volk in den Kampf gegen die Krone. Aber Angus, es war Kyle. Ich sah sein Gesicht. Was hältst du davon?“

Angus schwieg. Eine erschreckende Erkenntnis machte sich in ihm breit, die es ihm unmöglich machte, Fiona sofort zu antworten. Angus war, im Gegensatz zu Kyle und Fiona, im alten Glauben aufgewachsen und erzogen worden. Nicht dass er ihn jetzt noch öffentlich praktizierte, aber er wusste mehr über die alten Mythen, über Visionen und Zauber Bescheid, als die meisten seiner Freunde.

Er hatte in der letzten Nacht dieselben Bilder wie Fiona gesehen. Und er wusste, dass es kein Traum gewesen sein konnte. Denn das, was Fiona ihm gerade beschrieben hatte, war Teil einer Vision, die nur von den Menschen geteilt wurde, die sich besonders nahe standen.

Was diese Erkenntnis jedoch so erschreckend machte, war die Tatsache, dass sowohl er als auch Fiona Kyle als diesen mystischen König gesehen hatten. Das bedeutete für ihn, der in dieser Welt vertraut war, dass Kyle diese Vision ebenfalls hatte. Rechnete man nun noch hinzu, dass es Kyle wohlmöglich im Gefängnis aufgrund der desolaten Zustände nicht sehr gut ging, bestand die Gefahr, dass Kyle schnell in solch einer Vision gefangen bleiben könnte. Nur starke Menschen konnte sich einer solchen Vision hingeben, sie durchleben und ohne Schaden wieder aus ihr hervor kommen.

Fiona hatte diese Vision wie einen Traum erlebt, sie hatte die schwächste Form der Vision erhalten. Bei ihm selber war es schon anders, aber durch seine Erziehung konnte er damit umgehen, die Vision lenken und sich schnell wieder von ihr befreien. Aber derjenige, der selber die Hauptrolle in solch einer Vision spielte, war am stärksten dieser Gefahr ausgesetzt, besonders wenn es sich um einen Ungläubigen handelte.

„Das war nur irgendein Traum“, versuchte Angus abzuwiegeln. Aber Fiona hatte schon die Erkenntnis in seinen Augen gesehen.

„Ich glaube dir nicht“, erwiderte sie daraufhin leicht verärgert. „Mach mir nichts vor. Da steckt mehr dahinter.“

Angus zögerte. Er fühlte sich nicht imstande, ihr die Wahrheit zu sagen.

„Angus“, forderte Fiona ihn erneut auf. „Du bist sein bester Freund, du gehörst praktisch zur Familie. Es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, falsche Fürsorge zu empfinden. Ich möchte wissen, was es mit diesen Bildern auf sich hat, die ich gesehen habe. Sind sie wirklich nur ein Traum, oder haben sie doch eine größere Bedeutung?“

„Nun, erstmal will ich dir sagen, dass ich die gleichen Bilder gesehen habe. Und du weißt doch sicherlich auch, dass ich immer noch dem alten Glauben angehöre.“

Fiona nickte nur stumm. Sie schien plötzlich zu ahnen, was Angus ihr sagen würde.

„Es war nicht nur ein Traum, den wir durch einen merkwürdigen Zufall gleichzeitig erlebt haben. Es hat sich hier eindeutig um eine Vision gehandelt. Am Anfang dachte ich, dass nur ich diese Vision erlebt habe. Aber nachdem ich nun weiß, dass auch du diese Bilder gesehen hast, gehe ich davon aus, dass diese Vision einen weitaus größeren Umfang hat, als es vorstellbar ist. Und ich befürchte, dass auch Kyle diese Vision erlebt hat.“

Angus machte eine kurze Pause, um Fionas Reaktion abzuwarten. Da sie ihn aber weiterhin nur anstarrte, beschloss er weiterzumachen. Sie würde schockiert sein, ungläubig, vielleicht auch heftig reagieren, aber er hatte jetzt schon zu viel gesagt, als dass er jetzt noch zurücktreten konnte.

„Du hast die schwächste Form der Vision erhalten. Du hast es wie einen Traum empfunden, und es hat dich in keinster Weise beeinflusst. Natürlich hat es dich aufgewühlt, aber es hat dich nicht körperlich betroffen.“

Fiona schaute ihn verwirrt an. Was wollte ihr Angus damit sagen?

„Bei mir war es etwas anders. Ich habe es eindeutig als Vision empfunden und erlebt. Aber dadurch, dass ich Visionen kenne, und sie auch steuern kann, bin ich ganz gut dabei herausgekommen. Ich hatte zwar das übliche Schwindelgefühl, aber ich kenne Methoden, wie man solche Folgeerscheinungen in den Griff bekommt.“

Fiona bekam Angst. Wenn Kyle wirklich.... Nein, sie mochte gar nicht daran denken, was Kyle ergangen sein mochte.

„Nun, ich habe so meine Theorie, was Kyle anbetrifft. Er war eindeutig die Hauptperson in dieser Vision. Und das macht mich etwas stutzig. Vielleicht sollte ich dir etwas über Visionen erklären. Es gibt Visionen, die einfach zu einem kommen. Sie zeigen einem die Zukunft, nah oder fern, das kann man meist nicht sagen. Aber meist gibt es in der Vision Anhaltspunkt, von denen man aus ungefähr bestimmen kann, wann sie stattfinden werden, damit man sich darauf einstellen kann. Doch es gibt auch noch Visionen, die man selber hervorrufen kann. Wenn man zum Beispiel jemanden sucht, um ihm eine wichtige Nachricht zukommen zu lassen. Diese Visionen kann man steuern, und sie spielen sich im Jetzt ab. Aber die Vision, die wir alle erlebt haben, stellt noch eine weitere Form dar. Eine Form, die ich selber noch nie erlebt habe, von der ich aber durch meine Großmutter erfahren habe.

Sie hat mir von mehreren Personen erzählt, die eine solche Vision erhalten haben, und die nur durch ihre Erfahrung und durch die Hilfe anderer wieder da heraus gekommen sind, und dann auch nur unter einem nicht geringen Schaden. Wie diese Visionen zustande kommen ist mir nicht ganz klar. Selbst meine Großmutter konnte es mir nie erklären. Wie gesagt, ich habe solch eine Vision selbst auch nie erlebt. Aber die Anzeichen sind klar. Es ist eine Vision, welche die betreffende Person direkt betrifft, und die den Tod dieser Person vorhersagt. Diese Visionen sind sehr selten. Üblicherweise sieht man selten seinen eigenen Tod, doch wird man selber von dieser Vision heimgesucht, kann man fast nichts dagegen tun, besonders wenn man wie Kyle ein Ungläubiger ist.“

Fiona hatte den Atem angehalten, als sie Angus' Worte vernahm. Kyle sollte sterben, das konnte sie nicht begreifen. Er war noch so jung, warum sollte er ihr jetzt so plötzlich genommen werden? Sie empfand es als Ungerechtigkeit, dass es gerade Kyle treffen sollte. Dann kam ihr eine Idee.

„Angus, du sagtest, du hast von Personen gehört, die mit Hilfe von anderen aus solch einer Vision herausgekommen sind. Bedeutet das, wenn man keine Hilfe bekommt, dass man tatsächlich in dieser Vision stirbt?“

Angus nickte. So hart wie die Wahrheit für Fiona sein musste, so konnte er nichts weiter tun, als ihr weiterhin keine Lügen aufzutischen und versuchen, sie so gut wie möglich zu trösten.

„Und du sagtest, dass es für einen Ungläubigen besonders gefährlich ist?“

Wieder nickte Angus. Woraufhin wollte Fiona aus?

„Aber du kennst dich doch damit aus. Du weißt, was Visionen bedeuten, du hast selber gesagt, dass du mit deinem Training diese Vision meistern konntest. Kannst du Kyle irgendwie helfen.?“

Angus zögerte. Er war sich nicht sicher, was er Fiona antworten sollte. Er wusste selber nicht, ob es möglich war.

„Ich kann es dir nicht sagen. Wir müssen zunächst Kyle finden. Wir müssen sehen, in welch einem Zustand er sich befindet. Und ich kann es nicht alleine tun. Zwar sind Kyle und ich Freunde, aber es muss eine Person sein, die ihm noch näher steht, als ein Freund, ein Familienmitglied, jemand den er sehr liebt....“

Fiona zögerte. Sie verstand nicht, worauf Angus hinaus wollte.

„Was meinst du damit, dass du es nicht alleine tun kannst? Was kannst du nicht alleine tun?“

„Ihn daraus holen....“

„Aber du kannst doch gar nicht mit zu ihm kommen.“

„Das brauchen wir auch nicht.“

Jetzt war Fiona vollends verwirrt. Aber etwas dämmerte in ihr. Und je länger sie über das Gesagte nachdachte, um so klarer wurde das Bild vor ihren Augen.

„Du meinst also....“, begann sie, traute sich aber nicht, den Satz zu beenden.

Angus schaute sie erwartungsvoll an. Er wusste, dass sie auf dem richtigen Weg war, aber er wollte, dass sie von alleine auf den Gedanken kam, damit sie sich besser damit abfinden konnte.

„Also, wenn ich das richtig verstehe, brauchen wir ihn gar nicht zu sehen. Vielmehr willst du, dass ich bei der nächsten Vision auf das Geschehen eingreife. Aber wir wissen doch nicht, wann eine Vision wieder bei mir eintritt, oder ob ich überhaupt eine wieder erhalten werde.“

„Ich kann solch eine Vision hervorrufen.“

„Auch für mich?“ Alles wurde immer mysteriöser und unvorstellbarer für Fiona. Aber sie hatte das Gefühl, dass Angus wusste, wovon er sprach, und dass sie ihm auch vertrauen konnte.

„Ja. Aber zunächst muss ich wissen, ob er überhaupt noch lebt und wie es ihm geht. Deshalb musst du ins Gefängnis kommen und ihn sehen. Danach können wir weiter entscheiden, was zu tun ist.“

Fiona nickte nur. Die Angst, die sich stetig in ihr breiter und breiter machte, schnürte ihr die Kehle zu und drückte auf ihrer Brust. Sie fühlte sich so klein und hilflos. Warum musste so etwas ihrem Kyle passieren? Reichte es nicht, dass er schon im Gefängnis gelandet war? Warum dann noch diese Bürde? Und konnte sie ihm überhaupt helfen? Was, wenn sie kläglich scheiterte oder alles schon zu spät war? So viele Fragen, auf die sie keine Antwort wusste und wahrscheinlich auch nie eine erhalten würde.

*

 

Fiona, meine geliebte Frau! Wenn ich dir doch nur noch einmal gegenüber treten könnte! Ich denke, ich muss mit meinem Leben abschließen. Es ist mir bewusst, dass dies nicht mein wahres Leben ist. Ich bin in einer Vision gefangen, aus der es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt. Es ist eine schöne Vision. All meine hehren Ziele scheinen sich erfüllt zu haben. Ich könnte als glücklicher Mensch sterben.

Aber ohne meine geliebte Frau fühle ich mich so leer. Sie war meine Stütze, mein fester Anker in den stürmischen Wogen des Lebens. Was würde ich dafür geben, sie noch einmal in meinen Armen halten zu können. Ihr noch einmal meine Liebe zu erklären und ihr zu sagen, dass wir uns in einer anderen Zeit wiedersehen werden.

Ich werde nach ihr Ausschau halten. Sie immer wieder suchen, bis wir uns endlich wiederfinden. Sie ist mein erster und letzter Gedanke. Mit ihr in meiner Erinnerung wird mein Tod nicht qualvoll sein.

Ich mache mir keine Gedanken darüber, wie mein Leben enden wird. Ich habe keine Angst davor, unter Schmerzen aus diesem Leben zu scheiden. Ich bin mir immer dessen bewusst gewesen, dass mein gefährlicher Lebensweg mich eines Tages auf den Weg des Todes führen würde. Dieses Wissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben, so lange wir schon kämpfen.

Ich wünschte, ich hätte etwas von meinem Wissen meinen Töchtern vermitteln können. Aber sie sind noch so unschuldig. Und obwohl sie schon vieles miterlebt haben, wünsche ich ihnen, dass ihr Leben ein sorgenfreies wird, und sie nicht verfolgt und geächtet sein werden wie ich.

Ein aussichtsloser Wunsch, dennoch beruhigt er meine aufgewühlte Seele. Oh Fiona, ich wünsche dir all die Kraft der Welt, um mit meinem Verlust zurecht zu kommen. Ich weiß, wir haben viele Freunde, die dich unterstützen werden. Du wirst nicht alleine sein. Aber ich weiß, am Ende eines langen arbeitsreichen Tages, wirst du einsam in deinem Bett liegen und an mich denken. Wahrscheinlich wirst du weinen, bis der Schlaf dich überkommt. Ich hoffe, dass du stark genug bist, um darüber hinwegzukommen. Ich bete für die Kraft, die brauchen wirst. Und in Gedanken werde ich immer bei dir sein.

Jetzt werde ich mich auf meinen Weg begeben. Ich höre schon das Knistern der Feuer, die sie zu meinen Ehren entzündet haben. Der Schlangenkönig zieht in den Krieg, das Volk bejubelt ihn auf seinem Weg. Die Druiden haben in ihren Runen die Zukunft vorausgesehen und uns einen glorreichen Sieg prophezeit. Ich werde die Vereinigung mit der Göttin vollziehen, die uns den vorherbestimmten Nachfolger bringen soll. Danach werde ich mein Blut auf den Schlachtfeldern vergießen und damit die Erde segnen, damit sie fruchtbar für unsere Nachkommen gedeihen kann.

Ich erhebe mein Haupt und erstrecke mich auf meine volle Größe. Ich gehe stolz auf mein Volk zu und begrüße es mit ausgestreckten Hände. Die Jubelschreie erklingen wohl in meinen Ohren. Ist es nicht ein nobler Tod, der mich erwartet?

*

 

Das Erwachen war weniger schmerzhaft als der Schlaf, der ihn übermannt hatte. Er hatte mit seinem Schicksal gehadert, es hatte ihn gepeinigt, dennoch war er sich bewusst geworden, dass er nichts dagegen tun konnte. Jetzt, wo er damit abgeschlossen hatte, ging es ihm besser.

Er fühlte sich stark und kampfbereit. Er fühlte sich erfüllt von der Macht und Stärke, die ihm inne zu wohnen schien. Die traurigen Gedanken an seine Familie betrübten ihn, jedoch konnten sie ihn nicht mehr davon abhalten, den Weg zu beschreiten, der ihm vorherbestimmt war. Er ergab sich seinem Schicksal, er empfing es mit offenen Armen und schritt auf sein Volk zu, welches ihm zu Ehren ein Fest veranstaltete.

Ein freudiges Jubeln begrüßte ihn, gemischt mit dem Gesang der Druiden, die das Ritual vorbereiteten. Ein Ritual, so alt wie die Religion selbst. Ein auserkorenes Mädchen, welches die Göttin repräsentieren sollte. Ein Mädchen, auf der Schwelle zur Frau, zur Priesterin vorherbestimmt, welches den Sohn des Schlangenkönigs gebären sollte, damit dieser in die Fußstapfen seines gefallen Vaters treten konnte.

Noch war er nicht gestorben, dennoch wusste er, dass der bevorstehende Kampf für ihn den Tod bedeuten würde. Es würde die Segnung des Landes bedeuten, die Rettung aus der tödlichen Schlinge, welche die Feinde um sie zogen. Ein heroischer Tod für einen ehrenvollen Kämpfer.

Er war bereit. Er begab sich zu dem rituellen Zelt, wo seine Gespielin ihn bereits erwartete. Er würde sein Schicksal erfüllen.

*

 

Bevor sie Edinburgh erreichten, machten sie eine letzte Rast. Die Dämmerung war schon zu weit fortgeschritten, es wäre zu gefährlich gewesen, in der Dunkelheit weiterzugehen. Sie suchten sich ein Lager abseits von der Straße, gut verdeckt durch hohes Buschwerk, so dass sie nicht sofort entdeckt würden.

Die Stimmung war gedrückt, keiner wusste so recht, was er sagen sollte. Eine ungemütliche Stille machte sich breit. Aus Angst vor Entdeckung hatte Angus es unterlassen, ein Feuer zu machen. Ihren Proviant verzehrten sie kalt und teilten sich den Rest der Flasche Wein, die Fiona gepackt hatte.

Anschließend hüllten sie sich in ihre Umhänge und versuchten zu schlafen. Sie wollten am nächsten Morgen in aller Frühe aufbrechen, um noch vor Sonnenaufgang am Stadttor anzukommen. Angus wusste jemanden, der sie dort herein schleusen konnte. Aber dieser Mann war nur zu dieser Zeit dort.

Fiona glaubte, sie würde nicht schlafen können, so stark war ihre innere Anspannung. Ihre Gedanken kreisten wild um ihren Mann, sein Schicksal und die ihr bevorstehende Aufgabe. Sie versuchte, sich an die Vision zu erinnern. Er hatte so mächtig und stark gewirkt. War es nicht vielleicht doch möglich, dass er wieder dort heraus kommen konnte?

Sein Bild hatte ihr imponiert. Sie wusste, wie viel Herzblut von ihm an der großen Sache hing. Er war ihr mit Leib und Seele verschrieben. In ihrer Vision hatte er zufrieden ausgesehen. So zufrieden, wie sie ihn schon lange nicht mehr erlebt hatte. Er schien sein Ziel erreicht zu haben und glücklich zu sein.

Ihr graute es vor seiner Rückkehr in die Realität. Er würde sicherlich Bedauern empfinden, dass alles nur ein Traum gewesen war. Aber vielleicht würde er sich durch diese Vision ja auch angespornt fühlen und eine zündende Idee haben. Wenn er zurückkehren würde! Darüber war sie sich nicht sicher. Angus glaubte nicht daran. Aber sie konnte doch nicht die Hoffnung aufgeben.

 

Fiona glitt in einen Traum. Zunächst sah sie nur Farbenspiele, die sich rötlich vom dunklen Hintergrund abzeichneten. Dann wurde das Bild jedoch klarer. Sie befand sich in einer Art Holzhütte. Von draußen schimmerte das Licht der entzündeten Feuer herein. Zahlreiche Menschen waren um die Feuer versammelt, die jubelten und tanzten.

Dann änderte sich auf einmal die Szene. Die jubelnde Menge schien auf die Hütte hinzu zu kommen. Die Tür öffnete sich und ein Schatten erschien im Türrahmen. Durch das blendende Licht der Feuer konnte Fiona zunächst die Person nicht erkennen, doch sie beschlich ein Gefühl der Vertrautheit und des Wiedererkennens.

Nachdem die Person die Tür wieder verschlossen und zu ihrem Lager gekommen war, durchfuhr es sie plötzlich siedend heiß. Sie befand sich in einer Vision. Und die Person, welche nun vor ihr kniete, war niemand anderes als ihr geliebter Mann.

„Kyle!“, rief sie erstaunt aus. Dieser beugte sich nun noch näher zu ihr herüber. Sie konnte nun genau seine Gesichtszüge erkennen. Er war erstaunt und verwirrt.

„Fiona!“ Zu mehr schien er in diesem Moment nicht in der Lage zu sein. Dann aber fielen sie sich in die Arme, und Kyle drückte seine Frau eng an sich. Beide hatten das Gefühl, den Boden unter sich zu verlieren. Jeder war des anderen Anker, ohne dessen Halt beide ohne Rückkehr versinken würden.

Nach einer Weile lösten sie sich jedoch wieder von einander. Beide fingen gleichzeitig an zu sprechen. Dann aber bedeutete Kyle seiner Frau, zuerst zu reden.

„Was geschieht mit uns Kyle? Was hat dies alles zu bedeuten?“ Sie sah ihn mit großen Augen erwartungsvoll an. Ängstlich versuchte sie sich an jedem Strohhalm zu klammern, den er ihr bieten würde. Wenn es doch nur eine Möglichkeit geben könnte, dass sie beide dieser Vision entrinnen konnten!

„Ich kann es dir nicht erklären, meine Liebe. Aber es scheint mein Schicksal zu sein. Was ich nicht verstehe ist, dass wir uns hier treffen. Wie konntest du in meine Vision eintreten?“

Fiona erklärte ihm nun, was Angus ihr gesagt hatte. „Aber eigentlich sollte Angus die Vision für mich hervorrufen, um mich gezielt zu dir zu schicken. Dass ich es auch ohne seine Hilfe geschafft habe, ist mir ein Rätsel. Aber jetzt bin ich hier. Und ich möchte dir helfen. Ich möchte, dass du zu mir zurückkehrst. Vielleicht kann ich dich ja mit zurücknehmen.“

Kyle schüttelte langsam seinen Kopf. „Ich denke, dass das nicht möglich ist. Ich bekomme diese Visionen schon seit einigen Tagen. Zunächst bin ich immer wieder noch aufgewacht. Aber die letzte Vision hält schon zu lange an.“

Fiona legte ihren Kopf an seine Schulter und seufzte. Sie hatte so sehr gehofft, dass sie es schaffen könnte. Dann aber kam ihr eine Idee.

„Und wenn ich versuche, Angus zu erreichen?“ Kyle sah sie fragend an.

„Ich habe zwar keine Erfahrung im Umgang mit Visionen, aber wenn ich es schaffen könnte, Angus zu finden. Wenn ich ihn erreichen könnte, und ihm mitteilen, was mit uns passiert. Vielleicht könnte er uns beide hier herausholen.“

„Aber wie willst du Angus finden? Dies ist eine völlig andere Zeit.“

„Vielleicht muss ich mich nur einfach auf ihn konzentrieren, vielleicht führt mich die Vision dann zu ihm.“

Aber Kyle schüttelte wieder seinen Kopf. „Ich denke, das hat keinen Sinn. Ich muss dir etwas erklären. Eine Erkenntnis, die mir vor nicht allzu langer Zeit gekommen ist.“

Fiona wusste nicht, was er damit sagen wollte. Aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass das Gesagte etwas Endgültiges haben würde. Etwas, was ihr nicht gefallen sollte.

Ohne Umschweife begann Kyle zu sprechen. „Je länger ich mich in dieser Vision befand, um so mehr habe ich durch sie gelernt. Ich habe einen Sinn gesehen, warum ausgerechnet ich diese Vision bekam. Unser Kampf, unsere Ziele, die hat es von Generation zu Generation bereits gegeben. In diesem Land haben unserer Vorfahren ihre Kämpfe gegen Römer, Barbaren und Engländer geführt. Meine Vision ist ein Teil dieses großen Vorhabens, dass wir wieder frei sein werden. Frage mich bitte nicht nach Zusammenhängen. Vielleicht kann Angus dir mehr erklären. Aber scheinbar spielt diese Vision eine große Rolle in unserem Erfolg. Ich weiß, dass dies ein schwerer Schlag für dich und unsere kleine Familie sein wird. Aber wir müssen uns unserem Schicksal ergeben.“

Kyle machte eine kurze Pause und nahm Fionas Hand. Ihr ganzer Körper war am Zittern. Sie war nicht imstande, sich überhaupt zu bewegen, geschweige denn etwas zu sagen.

„Dass du hier bei mir bist, ist vielleicht auch Vorbestimmung“, fuhr er fort. „Auch wenn wir nicht mehr an die alten Mythen glauben, sind sie dennoch ein Teil von uns. Ich bin der Schlangenkönig, der Retter unseres Volkes. Du als Körper der großen Göttin bist vorherbestimmt, unseren Sohn zu empfangen, der unser Volk in die Freiheit führen wird. Ich werde in unserem Sohn weiterleben. Ich werde immer bei dir sein.“

Kyles Worte sollten Fiona trösten, doch sie lösten nur eine große Bestürzung in ihr aus. Er war wahnsinnig geworden. Er sprach wie in einem Delirium.

„Kyle, weißt du überhaupt, was du da sagst? Wir wollen dich nicht verlieren. Diese Vision mag zwar eine Bedeutung haben, aber du kannst deshalb doch nicht dein Leben aufs Spiel setzen.“

Er hielt immer noch ihre Hand. Jetzt nahm er sie in seine Arme und drückte sie fest an sich. Dann drückte er sie wieder ein Stück von sich fort und schaute in ihre Augen.

„Ich weiß, was ich sage. Und ich glaube, dass es für dich nach Wahnsinn klingt. Aber ich versichere dir, dass es mir völlig ernst ist. Ich weiß, dass es schwer für dich ist, das zu akzeptieren. Doch wir haben keine andere Chance.  Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg. Ich bin der Auserkorene. Von mir hängt das Schicksal unserer Freiheit ab. Versuche es zu verstehen. Für mich, für unsere Kinder, und für deren Zukunft.“

Die Stimmen wurden draußen wieder lauter. Sie rissen Fiona aus ihren trübsinnigen Gedanken. Mit einem Mal wurde ihr klar, dass sie nicht stark genug war, um Kyle noch davon abzubringen. Sie war machtlos. Niemand konnte ihm noch helfen, sie konnte sich nur noch dem Schicksal ergeben.

Als Kyle diese Erkenntnis in ihr aufflammen sah, lächelte er erleichtert. Er wollte sie nicht zu irgend etwas zwingen, aber es war wichtig, dass sie dem Ritual zustimmte. Eine letzte Vereinigung, ein letztes Beisammensein der Liebenden. Eine Verbindung zu einem hehren Zweck.

Kyles Augen bekamen einen magischen Glanz, der Fiona augenblicklich in ihren Bann zog. Ihr Mann sah so stark und mächtig aus, wie schon lange nicht mehr. Die Gesänge und Zurufe der Menschenmenge wirkten hypnotisierend. Sanft ließ sie sich von Kyle auf die Bettstatt ziehen, und er liebkoste sie mit solch einer Zärtlichkeit, dass sie fast die Sinne verlor.

Ihr Akt war majestätisch, er war der König, sie war die Göttin. Als solche erreichten sie Höhen, die noch nie ein Mensch zuvor betreten hatte. Sie fühlte, wie sich etwas in ihr regte. Der Nachkomme des Königs, fuhr es durch ihre Gedanken, und sie hieß diesen ungeborenen Sprössling willkommen.

In ihrem Kopf bildeten Kyles Worte ein Echo: 'Ich werde in unserem Sohn weiterleben“. Bei diesen Worte schloss Fiona ihre Augen und gab sich ihrem Mann ein letztes Mal mit voller Leidenschaft hin. Sie küssten sich und pressten ihre hungrigen Leiber an einander. Sie wollte dieses Gefühl in sich aufsaugen, damit sie sich immer daran erinnern werde. Dabei spürte sie kaum die Tränen, die an ihren Wangen herab liefen.

*

 

Ich konnte spüren, wie sie mir entglitt. Noch hielt ich sie in meinen Armen, konnte ihre seidenweiche Haut unter meinen Fingern spüren, aber sie löste sich langsam vor meinen Augen auf. Wie die Nebel, die sich lichteten.

Dann war ich alleine. Sie war fort, und ein trauriges Gefühl von Leere machte sich in mir breit. Leere und Verlust. Ich hatte alle verloren, was mir lieb und wichtig war. Und für was? Für eine bereits verlorene Sache. Auf einmal schien ich wieder klar denken zu können.

Fiona hatte recht gehabt. Ich hatte nicht gewusst, was ich sagte. Meine Gedanken waren nicht klar gewesen. Jetzt musste ich die Konsequenzen tragen.

Hätte ich doch nur auf ihre Worte gehört. Sie hätte mich vielleicht retten können. Aber ich war so besessen von dem Gedanken, ich könnte doch noch etwas ändern. Den Lauf des Schicksals lenken. Ich war solch ein Narr.

Ich glaubte an diese Vision, als ob sie Realität sei. Aber sie war nichts als eine Vision, ein Gedanke, eine Hoffnung. Nichts ließ sich damit bewegen.

Und so saß ich in meiner Hütte. Die zuvor noch euphorisch klingenden Freudengesänge waren nichts weiter als sinnloses Gekreische. Waren diese Personen überhaupt real? Nein, sie waren nur Teil dieses Vision. War ich real? Ich fühlte mich real, realer als je in meinem Leben zuvor. Der Schmerz saß so tief und war unerträglich.

Ich hatte versagt. Nicht in meinem Kampf, nicht gegenüber meinen Landsmänner und -frauen. Ich hatte dort versagt, wo ich am meisten gebraucht wurde, gegenüber meiner Familie.

Natürlich hatte ich mit vollem Herzen hinter dem Gedanken gestanden, dass mein Land befreit werden musste. Dieser Gedanke war uns von Generation zu Generation weitergegeben worden. Er war wie eine Pflanze, die jedes Mal neu eingesät wurde und sich in uns breit machte.

Aber jetzt musste ich erkennen, dass der Kampf nicht alles war. Was nützte mir die Freiheit unseres Volkes, wenn ich sie nicht genießen konnte? Würde es überhaupt eine Freiheit geben? Konnte ich nicht besser bei meiner Familie sein und meine Kinder aufwachsen sehen, auch wenn das Leben unter der Krone nicht gerade einfach war?

Meine Erkenntnis kam zu spät. Ich konnte das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Ich konnte nicht zurückkehren, sondern hier nur mein Schicksal erwarten.

Der Schmerz saß so tief. Wäre es nur ein physischer Schmerz gewesen, ich hätte ihn ertragen, sei er noch so groß gewesen. Aber der Druck auf meiner Seele war so stark, ich hatte das Gefühl, ich würde unter ihm zerbersten. Ich fühlte mich so leer und ausgelaugt.

Und dann konnte ich die Menge draußen wieder rufen hören: „Hoch dem König! Hoch unserem Retter! Bringt den Schlangenkönig! Wir wollen ihn feiern!“ Alles war so real gewesen. Wie hatte ich solch einer Illusion verfallen können?

 

Ich bin müde und meine Glieder schmerzen. Mein Lebenswille scheint zu schwinden. Alles verschwimmt zu einer unkenntlichen Masse. Meine Sinne schwinden, und ich fühle, dass mein Ende nun nahe ist. Ich versuche, mit allem abzuschließen, aber es fällt mir nicht leicht.

Ich hatte mir mein Ende anders vorgestellt. Als junger Mann erstrebte ich den Heldentod. Als Familienvater das Ende im Kreise meiner Familie. Jetzt lag ich einsam in einer Hütte, oder vielleicht doch nur in meiner Gefängniszelle.

Nebel. Sie sind mir seltsam vertraut. Sie umgeben mich wie eine undurchdringliche Hülle. Wie konnte ich sie nur willkommen heißen? Wie konnte ich ihnen nur vertrauen? Alles Lug und Trug. Ohnmächtig lege ich mich nieder und lasse es geschehen. Wozu noch kämpfen? Es ist aussichtslos...

*

 

Epilog

 

Fiona erwachte schaudernd aus einem schmerzhaften Traum. Es war noch dunkel, und Angus schlief tief und fest. Sie versuchte ihre aufgewühlten Gedanken zu ordnen. Vergebens, die Eindrücke waren noch zu frisch, um darüber nachzudenken. Kyles Küsse hatten sich in ihre Haut gebrannt und fühlten sich so real an, dass sie glaubte, er würde neben ihr liegen. Doch sie wusste, dass dem nicht so war.

Und mit dieser Erkenntnis überfiel sie eine übermächtige Traurigkeit. Sie hatte ihn verloren. Sie brauchte nicht nach Edinburgh zu gehen, um seinen Leichnam in der Zelle zu identifizieren. Ihr wurde schmerzlich bewusst, dass er sie nie mehr zärtlich in seine Arme nehmen würde.

Tränen liefen über ihre Wangen. Sie machte sich nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Wer hätte auch schon diese Tränen gesehen? Und so saß sie in der Dunkelheit und lauschte dem Pochen ihres Herzens, welches sie nicht beruhigen konnte, sondern im Gegenteil noch mehr aufwühlte.

Sobald Angus erwachte, würde sie ihm von ihrer Vision berichten und mit ihm beraten, welchen Schritt sie als nächstes tun sollten. Es hatte keinen Zweck, das Gefängnis jetzt noch aufzusuchen. Sie wusste, dass sein Leichnam einfach verscharrt würde. Schließlich war er ein Nichts, und die englischen Behörden machten sich keine Gedanken um ein Nichts. Sie ging das Leid der hinterbliebenen Familien nichts an. Denn auch die Familien waren Nichts.

Sie hätte ihn gerne zu Hause begraben, und wenn sie ihn selber den langen Weg hätte tragen müssen. Aber wenn sie ganz ehrlich mit sich war, wollte sie ihn gar nicht mehr sehen. In ihrer Vision hatte er so gesund und viril ausgesehen. Sein Leichnam würde ausgemergelt und krank sein. Lieber wollte sie ihn in guter Erinnerung behalten.

Der Verlust war so grausam. Ihre leisen Tränen gingen in ein hilfloses Schluchzen über, welches schließlich Angus weckte. Er sprang auf und war in wenigen Schritten bei ihr. Es bedurfte jedoch keiner Worte, um die Situation zu erfassen. Er nahm sie einfach in den Arm, denn er wusste, er konnte ihr nicht den Trost spenden, den sie brauchte. Niemand konnte das. Er konnte nur für sie da sein, sie unterstützen und zusehen, dass sie und ihre Kinder nicht in Gefahr gerieten.

Eines Tages würde sie ihm berichten, was sie gesehen hatte. Dessen war er sich sicher. Jetzt war sie noch nicht dazu bereit.

Fiona nahm seine stille Nähe dankbar entgegen. Es tat gut, einfach nur den Kopf an seine Schulter zu legen und ihrer Trauer freien Lauf zu lassen. Für einen kurzen Moment wunderte sie sich, ob sich denn ein Teil der Vision erfüllen würde. Aber das würde nur die Zeit zeigen. Sie konnte sich nicht entscheiden, ob sie das neue Leben freudig willkommen heißen würde, oder ob sie dann nicht noch größere Trauer überkäme.

Aber das sollte nicht jetzt passieren. Warum sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen? Sie musste jetzt stark sein. Ihre Kinder brauchten sie mehr denn je. Und so straffte sie ihre Schultern, reckte ihren Kopf in die Höhe und sagte mit fester Stimme: „Lass uns aufbrechen, Angus!“

E N D E

Brianna