Schatten über der Provence

 

Kapitel 4

 

Sie ist nicht weiter verwundert, als sie das Motorengeräusch von Virginies Wagen am nächsten Nachmittag vor ihrem Haus vernimmt. Auch ihr Fahrstil, die angesagte Notbremsung und das Geräusch quietschender Reifen sind unverkennbar für sie. Amelie hatte eben den Brennofen angeheizt. Er war gerammelt voll mit Porzellangliedmassen und rohen Puppenköpfen. Achtundvierzig Stunden lang würde es dauern, bis das gewünschte Resultat vorlag. Und dann konnte sie nur mehr hoffen, dass der kostbare Inhalt die Strapaze des Brennens gut überstanden hatte, die Farben echt geblieben waren und keine Fehler im Rohmaterial sichtbare Schäden hinterließen. Ihr Gesicht ist gerötet von der Hitze des Ofens, und sie wischt, die mit Farbe beklecksten Handflächen aufatmend an dem Arbeitskittel, den sie übergeworfen hatte, ab.

Sie ist erstaunt, als nicht, wie erwartet, Virginie in der Tür erscheint, sondern deren Vater. Sein Gesicht zeigt einen bedauernden Ausdruck. „Amelie, Chérie!“ lautet seine überschwängliche Begrüßung. „Ich hoffe, Du hast Dich inzwischen beruhigt und abgeregt! Das alles war diese Aufregung doch gar nicht wert! Wenn Du darauf bestehst, wird Virginie sich bei Dir entschuldigen! Sie wartet draußen im Wagen. Du hast ja Recht. Ich hab die Kleine viel zu sehr verwöhnt. Lass ihr noch ein wenig Zeit, bis sie erwachsen und flügge ist!“

Philippe war ein hoffnungsloser Fall, wenn es um Virginie ging. „Sie ist erwachsen, Philippe“, entgegnet sie, ohne seinen Gruß oder seinen Blick zu erwidern. Doch sie ist ruhig und gefasst. Nichts würde sie mehr aus der Bahn werfen. Ihr Entschluss war gefasst und eisern würde sie daran festhalten. Das Schicksal selbst hatte ihr diese abrupte Lösung in die Hände gespielt. Sie würde es durchziehen!

„Sie schläft mit einer Unzahl von Männern, betrinkt sich fast täglich und nimmt sicher auch noch anderes Zeug. Also, erwachsener geht es wohl nicht mehr! Du bist mit Blindheit geschlagen! Deine übertriebene Vaterliebe wird ihr nur noch mehr schaden! Und ich will keine Entschuldigung von ihr, die nicht auch aus eigener Überzeugung kommt. Soweit solltest Du mich bereits kennen!“

Er geht auf sie zu, will sie in die Arme ziehen, doch sie hebt abwehrend die Hände. „Ich habe viel nachgedacht. Und das hat keineswegs etwas mit Virginie oder ihrem Verhalten mir gegenüber zu tun.“

„Was soviel heißt, dass Du die Hochzeit abblasen willst, hab’ ich recht?“ kommt die spontane Entgegnung des Mannes, als habe er es bereits geahnt. „Mir scheint, das Theater gestern Abend kam Dir gerade Recht, um Deine Trümpfe mir gegenüber auszuspielen…!“

„Ich erbitte mir Zeit, Philippe. Das kannst Du mir doch nicht abschlagen. Du kennst mein Zögern, ich habe Dir meine Bedenken nie verhehlt! Bitte beeinflusse mich nicht immer wieder, damit ich klein bei gebe. Du tust mir und Dir keinen Dienst damit! Es ist alles so überstürzt und ich bin mir über so vieles noch nicht ganz im Klaren! Versteh’ mich doch!“

Das scheint er nicht zu tun, denn seine gepresste Stimme kontert verletzt: „Wir kennen einander, seit Du ein Kind bist. Und jetzt willst Du mir einreden, dass sei nicht lange genug, um sich sicher zu sein und einander zu vertrauen? Du willst mich also in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit der Côte lediglich bloß stellen! Die Einladungen wurden längst versendet, teilweise sind sogar schon Geschenke eingetroffen! Alles ist bestellt und angezahlt, Amelie! Hast Du überhaupt eine Ahnung, was Dein plötzlicher Sinneswandel mich kosten wird? Abgesehen von der Blamage, in die Du mich da vor allen Menschen hinein manövrierst! Du machst mich zum Clown! Die Gegenpartei wird sich eine Freude daraus machen, mich als lächerlichen, Rückratlosen Trottel in der Luft zu zerreißen!“

„Ist das denn alles wichtiger als ich und meine Offenheit zu Dir?“ entgegnet sie leidenschaftlich. „Willst Du riskieren, dass unsere Ehe Schiffbruch erleidet? Ist das denn nicht noch viel schlimmer, als der verschobene Termin?“

Er schüttelt verstehend den Kopf. „Du willst keine Verschiebung, sondern eine Aufhebung Deines Versprechens! Darf ich Dich daran erinnern, was ich für Dich getan habe, Amelie? Ich tue es ungern davon zu sprechen, aber es ist doch die Wahrheit! Ich dachte, Du würdest mich lieben und könntest jetzt gut machen, was wir Dir Gutes getan haben! Aber ich sehe, ich habe mich nur getäuscht! Alles war nur eine große Lüge. Warum hast Du überhaupt eingewilligt?“ Er scheint mehr wütend als enttäuscht zu sein, sodass sie unwillkürlich einen Schritt nach rückwärts macht und mit dem Rücken an ihrem Arbeitstisch anstößt. So außer sich, hatte sie ihn noch nie zuvor erlebt.

„Nichts war Lüge, Philippe! Ich mag Dich, aber ich weiß nicht, ob es Liebe ist! Die wirkliche, ganz große Liebe! Ich hab’ ein Recht darauf, mir vollkommen sicher zu sein! Lass mir Zeit!“

„Genau das ist es, was ich nicht im Überfluss habe, meine Liebe! Wenn Du darauf bestehst, dann zieht Virginie von zu Hause aus und ich kaufe ihr ein eigenes Appartement, dort, wo sie leben möchte. Paris vielleicht? Sie könnte in der Modebranche einsteigen! Sag es! Ist es das, was Du willst? Eifersucht auf die Tochter? So niedrige Instinkte, wie Eifersucht, lassen Dich so schwerwiegende Entscheidungen treffen und unsere Beziehung aufs Spiel setzen?“

Sie schüttelt den Kopf. „Virginie ist nicht der Grund. Absolut nicht. Das Wortgefecht war vielleicht der Auslöser, dass ich endlich den Mut gefunden habe, Dir reinen Wein einzuschenken. Ich will nicht in Deiner Schuld stehen, Philippe, aber die Gegenleistung, die Du von mir erwartest, ist für Deine Hilfe , für die ich Dir immer dankbar sein werde, einfach zu groß. Du willst, dass ich mein Leben aufgebe, meinen Beruf, die Kunst und dadurch mich selbst!“

„Was redest Du da?!“ entgegnet der Mann und fährt sich mit der Rechten durch sein perfekt frisiertes Haar. „Welche Vorstellungen hast Du von Liebe, Amelie? Ich bitte Dich, such Dir doch plausiblere Erklärungen als ein so – Deiner unwürdiges- Kindergewäsch! Du bist in Phantasien verstrickt, die es nicht gibt. Ich liebe Dich und habe es oft genug bewiesen, denke ich! Was erwartest Du noch von mir?“

‚Plötzlich sieht er alt aus’, denkt Amelie. ‚War es mir entgangen oder bin ich schuld daran, dass er plötzlich aussieht, als wäre er mein Vater und nicht mein Liebhaber?’ Mitleid durchflutet sie. Mitleid und Schuld. Wie vorausgesehen. ‚Weg damit! Nicht nachgeben! Es geht um Dein Leben!’

„Ich biete Dir ein Dasein in Luxus, sorgenfrei! Wie kannst Du das so einfach ausschlagen? Ich frage mich allen Ernstes, ob nicht ein anderer Mann hinter Deinem Sinneswandel steckt! Betrügst Du mich? Sag die Wahrheit! Tust Du mir das wirklich an? Habe ich mich so in Dir getäuscht?“ Er hat ihren Arm ergriffen, packt fester zu als beabsichtigt, und sie versucht sich los zu machen.

„Das also zu dem, von Dir zitierten Begriff Vertrauen! Wenn Du mir das zutraust, Philippe, dann ist es nur ein weiteres Zeichen, wie wenig wir voneinander wissen. Kannst Du nicht einfach hinnehmen, dass ich mir selbst nicht im Klaren bin, wo ich mit meinen Gefühlen für Dich stehe und keinen schwerwiegenden Fehler begehen will?“

Er misst sie, als sähe er sie heute zum allerersten Male. Befremdet, enttäuscht.

Seine Stimme klingt spröde, als er sich strafft, und die Jacke seines Anzugs zu Recht rückt. Er versucht seine Fassung zu bewahren. „Ich denke, ich vergeude nur meine Zeit hier“, lässt er kalt vernehmen. So eisig kalt, dass Amelie ein  kühler Schauer über den Rücken läuft. „Ich werde Dich nicht mehr belästigen und die Verlobung offiziell lösen. Aber hoffe nicht, dass es sich nur um einen Aufschub handeln wird. Wir sind geschiedene Leute, Amelie! Heute und für immer! Du bist niemand, auf den man sich verlassen kann und der mit einem durch dick und dünn geht. Gut, dass ich das rechtzeitig erkannt habe. Es wird so aussehen, als habe ich Dich verlassen, und nicht umgekehrt. Damit musst Du Dich abfinden, aber ich habe an meine Karriere zu denken. Anscheinend ist sie alles, was mir jetzt noch bleibt.“ Die Schärfe in seiner Stimme erschrickt sie. Diese gehässige Seite hatte sie noch nie zuvor in Philippe, dem Charmeur, erlebt. „Und jetzt darfst Du mir den Ring zurückgeben!“ fährt er eisig fort.  „Vielleicht schätzt ihn eines Tages eine andere Frau mehr als Du! Denn er ist mehr als nur ein Schmuckstück. Er war ein Versprechen, das Du jetzt mit Füssen trittst!“

Er tut ihr leid, wie er da noch um den Rest seiner Würde kämpfte, aber sein Anflug von Egoismus, hält ihr Mitleid im Rahmen, während sie den wertvollen Ring abstreift und in seine Handfläche gleiten lässt.

„Natürlich! Die Karriere! Tu’ was Du für richtig hältst. Wir können ja trotzdem Freunde bleiben!“ sagt sie leise, fast flehentlich.

Er hat sich bereits umgedreht und zur Tür gewandt. Doch nun blickt er sich nach ihr um und meint verächtlich: „Auch Freunden muss man vertrauen können! Es wird besser sein, wir gehen uns zukünftig aus dem Weg! Hab’ noch einen schönen Tag, Amelie, und sag’ bloß nicht, dass es Dir leid tut!“

Schon ist er draußen und lässt sie stehen, allein mit ihren gespaltenen Gefühlen, und dennoch, einer spürbaren Erleichterung, dass er die Sache doch relativ cool, wenn auch sehr verletzt aufgenommen hat. Er war schließlich kein Idiot, und wusste, wann er verloren hatte. Aber als Gewinnerin fühlt sie sich bei weitem nicht, als sie nachdenklich dem Sportwagen Virginies nachblickt, der die Wiese, die sich vor der Terrasse ausbreitet, in Eile verlässt. Und sie weiß, dieser schwerwiegende Schritt war definitiv und nicht mehr rückgängig zu machen!

 

Im Laufe des Tages schlägt ihre Erleichterung in Schwermut um. Sie fühlt sich plötzlich sehr einsam und allein. Daran ändert weder der Zauber der milden Frühlingsluft, von fröhlichem Vogelgesang geschwängert nichts, und auch nicht der treuherzige Blick aus Rockys Augen, der ihr auf Schritt und Tritt folgt. Als sie es nicht mehr aushält, beschließt sie, nach Marseille zu fahren. Ein Bummel durch die Einkaufsstrasse La Canebière konnte nicht schaden und würde sie auf andere Gedanken bringen. Und vielleicht sollte sie in Erwägung ziehen, eine Weile zu verreisen…. Spanien vielleicht, oder Portugal? Sie lenkt ihren Kleinwagen die Serpentinenstrasse talabwärts und stellt zufrieden fest, dass die Spannung nach und nach von ihr weicht. Eine Schafherde kreuzt die schmale Fahrbahn und sie hält an, genießt die Ruhe der Tiere, die gemächlich vor ihr über die Strasse ziehen und versucht, an ihre wieder gewonnene Freiheit zu denken und sie zu bewusst zu genießen. Doch all das ist nicht sehr leicht für sie. Sie hatte einen Mann, der für sie von Kindesbeinen an da war, aufs tiefste verletzt und enttäuscht, auch wenn sie nach wie vor der festen Überzeugung ist, dass es besser so war, als ihre Zukunft auf eine Lüge aufzubauen. Sie hätte jedoch den Schlussstrich schon weitaus früher ziehen sollen, doch es lag eben daran, dass ihr der Mut dazu gefehlt hatte. Diese Tatsache konnte man nicht einfach vom Tische schieben und sie vergessen, als hätte die Sache nie existiert! Doch Philippe würde sich bald mit anderen weiblichen Bekanntschaften trösten, zumindest hoffte sie es ganz fest. Vor allem aber konnte sie ihm seine Enttäuschung und Wut nicht verdenken.

 

Die skandalöse Neuigkeit vom Bruch zwischen den beiden illustren Personen dieser Region macht schneller die Runde als ein Strohfeuer. Auch wenn Amelie versucht, die fragenden, ja abschätzenden Blicke, die man ihr in den engen Gassen von Le Beausset zuwirft, zu ignorieren  versucht, indem sie freundlich und herzlich grüsst, wie auch sonst, spürt sie eine gewisse Herablassung, die von den Leuten auszuströmen scheint. Natürlich, wenn ein Mann wie Philippe Derrieu die Verlobung löst, und sie zweifelt keine Minute daran, dass er sein Versprechen, den Spieß umzudrehen und sich selbst als derjenige auszugeben, der die Hochzeit absagte einlöste, eine junge und erfolgreiche Frau wie Amelie zum Teufel schickte, dann musste hinter dieser Sache mehr stecken. Und dieser Begriff „mehr“ bot jedermann eine unerschöpfliche Quelle an Phantasiegebilden. Vielleicht war sie steril und der Bürgermeister wollte ja einen männlichen Erben? Vielleicht taugte sie nichts im Bett, oder hatte sie ihn gar betrogen? Die meisten nahmen das Letztere an. Ihre Studienzeit in Paris schürt das Feuer der wagemutigsten Vermutungen. Und, allein da draußen zu leben, bot immerhin die Möglichkeit zu verschwiegenen Techtelmechtels mit allen möglichen Männern, die zufällig oder auch bestellt bei ihr vorbei kamen. Den Abgrund menschlicher Neigungen wie Gehässigkeit und düstere Sensationslust bekommt sie jedenfalls zu spüren, wenn sie ihre Einkäufe erledigt, sodass sie es vorzieht, in Zukunft lieber ein Stückchen weiter zu fahren um ihre Besorgungen in der Stadt Toulon zu machen, oder in einem der großen Supermärkte, wo sie anonym bleibt und unerkannt.

Doch die Tatsache, dass man sie mehr oder weniger wie eine Geächtete behandelt, und das im eigenen Geburtsort, nagt mehr an ihrem Gemüt, als sie sich erst einzugestehen bereit ist. Alles was sie tun konnte, war, dass die Menschen sich mit der Zeit wieder anderen Interessensgebieten zuwandten, und sie in Ruhe ließen.  Männer wagten es wieder, ihr anzügliche Blicke oder ein eindeutiges Grinsen zuzuwerfen, das sie mit eisigem Blick erwiderte, der keinen Zweifel zuließ, was sie davon hielt, auf diese billige Art angemacht zu werden. Sie fragte sich, was Philippe wirklich so über den Bruch zwischen ihnen beiden erzählt haben mochte. Sie traute ihm allerdings schon noch genug Ehrgefühl zu, dass er nicht irgendwelche lächerlichen Geschichten erfunden hatte, um sie in der Gegend schlecht zu machen.  Der Wunsch nach Luftveränderung nimmt deshalb weiter zu. Und sie kämpft gegen die spontane Idee, sich einfach anderswo ein neues Leben aufzubauen, erbittert an.

 

„Ich laufe nicht davon“, sagt sie sich trotzig und laut. „Er wird es nicht schaffen, mich davon zu jagen. Dies ist meine Heimat, ich bleibe, und wenn er mir den Teufel auf die Fersen hetzen will!“

Immer seltener verlässt sie ihr Haus, immer seltener mischt sie sich unter die Bewohner ihres Ortes, wo jeder jeden kennt. Es ist lächerlich, doch sie fühlt sich fast ein wenig wie gebrandmarkt. Deshalb nimmt sie das Angebot, das man ihr macht, auf einer großen Sammlermesse in London auszustellen, freudig, fast erleichtert an. Eine Zeitlang weg zu sein von hier, eine Zeitlang abzuschalten und alles vergessen, Fuß zu fassen in ihrer bitter schmeckenden Freiheit und Unabhängigkeit, war zumindest eine Zeitbegrenzte Lösung.  Dieser Event kommt ihr wie gerufen, fast wie ein Rettungsanker, den ihr jemand aus dem Himmel herunter gelassen hatte. Je mehr sie darüber nachdenkt, umso mehr kommt sie zu der Feststellung, dass Philippe sie, nüchtern betrachtet, seit frühester Jugend manipuliert hatte. Und sie fragt sich heute, ob er diesen Plan, sie ganz für sich zu gewinnen, nach seinem Geschmack formen zu wollen, um sie danach völlig zu besitzen, sozusagen mit Haut und Haar, nicht bereits nach dem Tode ihrer Eltern gefasst hatte. Das war eine sehr gewagte Überlegung, und dennoch, Philippe hatte bis jetzt noch jedes Ziel, das er sich gesteckt hatte, erreicht, egal mit welchen Mitteln. Wenn es wirklich so gewesen war, dann hatten ihre Eigensinnigkeit und der Drang, selbst Grosses zu erreichen, seine Pläne in der Vergangenheit eher unliebsam durchkreuzt. Doch er war gezwungen gewesen nachzugeben, um auch weiterhin in ihren Augen der großzügige Gönner und Ehrenmann zu bleiben. Und nun hatte sie ihm so unbarmherzig den Gnadenstoss gegeben. Eine kalte Gänsehaut läuft ihren Rücken hinunter bis zu den Zehenspitzen. Sie hofft innig, dass ihre unglaublichen Spekulationen auch nur solche waren und keineswegs der Wahrheit entsprachen, denn sonst war Derrieu noch nicht fertig mit ihr, diesem Projekt, in das er enorm investiert hatte, um die ideale junge Gefährtin, ergeben und ansehnlich, die Schachfigur auf seinem Spielbrett der Karrierensucht und des Erfolges einfach und geschlagen aufzugeben. Verletzter männlicher Stolz war aus ihm hervorgebrochen, als sie sich vor kurzem gegenüber standen und sie ihm reinen Wein eingeschenkt hatte, was ihre Gefühle für ihn betraf. Möglicherweise hatte er ihre Zurückhaltung, ihre Demut die ganze Zeit über ohnehin gespürt, aber sie waren nicht wichtig in dem Spektakel, dass er für seine und ihre Zukunft geplant hatte. Ihre Widerspenstigkeit musste ihn ungeheuerlich erzürnt haben und wenn der Rauch seines Zorns sich einmal gelegt hatte, wer konnte schon sagen, zu welchen Mitteln er noch greifen würde, um Genugtuung für diese Niederlage und Schmach zu erlangen.

Sie erschrickt über sich selbst, Philippe, den sie immer geachtet und auf ihre Weise geliebt hatte, solche Dinge zuzutrauen. Ehrenmann, hin oder her, des einen ist sie sich gewiss, er hatte sein letztes Wort noch nicht gesprochen! Das hob er sich auf. Wie ein Sprichwort hier sagte: „Rache ist eine Speise, die sich am Besten kalt degustiert!“ Wie er auch in der Politik als unbarmherziger Gegner bekannt war, ebenso würde er mit ihr verfahren, die sie ihn, seiner Meinung nach, tückisch und verschlagen hinters Licht geführt hatte! Umso mehr sehnt sie das Abreisedatum herbei, um sich eine Weile nach London zu begeben, und auf andere Gedanken zu kommen. Die Ausstellung sollte zehn Tage andauern, doch sie würde, erstens, sich eine gute Woche früher dort einfinden und zweitens, danach möglicherweise weiterreisen und verschiedene Vertriebsagenturen, die mit ihr zusammen arbeiteten, in anderen europäischen Ländern besuchen. 

 

Nichts nimmt sie sosehr in Anspruch wie die Vorbereitungen für diese Ausstellung auf den Britischen Inseln. Und es gibt genug zu tun. Man hatte ihr Kisten geliefert, die den Unbeschadeten Transport ihrer wertvollen Stücke garantieren sollten, und nach und nach füllen sich diese, bis ihre Werkstatt nur mehr ein Labyrinth von Kisten und Truhen ist, zwischen die sie sich vorsichtig hindurch zwängen muss. In einer Woche sollte die internationale Speditionsfirma ihre Schätze abholen, und den Weitertransport per Bahn und Eurostar über den Kanal durchzuführen. Sie brauchte sich um nichts sonst zu kümmern. Der Ausstellungskatalog, den man ihr bereits zukommen hat lassen, wies besonders auf ihre Kunst hin und es hatte allen Anschein, als sei ihre Puppenwelt das Zugpferd der geplanten Veranstaltung. Sie freute sich aufrichtig über das große Interesse, das sie weltweit hervorrufen konnte, mit ihrer Arbeit. Der einzige Schatten, der diese Zufriedenheit über ihren Erfolg überschattete, war, dass ihre Eltern nicht mehr Anteil haben konnten an alledem, nicht stolz sein durften auf die einzige Tochter, die ihnen vergönnt gewesen war. Doch so spielte das Leben. Alles hatte seinen Preis, und der war oft sehr hoch.

 

An dem Tag, an dem ihre wertvolle Fracht abgeholt wird, ist sie besonders aufmerksam und beobachtet jeden Handgriff der Männer, die sich um das Frachtgut kümmern. Sie begleitet jedes einzelne Stück bis zu dem Lastwagen, um sich der guten Unterbringung im Laderaum selbst zu versichern. Die Puppen waren in Unmengen von Holzwolle verpackt und in Noppenplastik gewickelt. Theoretisch konnte wahrhaftig nichts passieren. 

Später, wieder allein, wandelt sie durch die leeren Räume und versucht den Anflug von Melancholie zu unterdrücken, der sie heimzusuchen droht, angesichts der leeren Etageren und Schränke. Halbfertige Anfertigungen und Rohmaterial sind das einzige, das noch auf den Arbeitsflächen herumliegt und die Laden füllt. Sie ist sich dessen voll bewusst, welch unerwartete Chance ihr durch diese Ausstellung geboten wurde. Möglicherweise musste sie in Zukunft sogar ein Lehrmädchen engagieren, dass die einfachen Arbeiten für sie erledigte und ihr zur Hand ging. Die Pläne überschlagen sich in ihrem Kopf und verscheuchen alle negativen Überlegungen und Ahnungen. Sie war müde und abgespannt, aber auch zufrieden und beruhigt, ihre Schätze in guten Händen zu wissen. Wohlig lehnt sie sich in den bequemen Stuhl zurück und schließt die Augen, um in Ruhe und mit Besonnenheit ihre eigene Abreise in wenigen Tagen nochmals zu überdenken. Sie hatte Philippe nicht mehr wieder gesehen und es war besser so. Sie wollte sich seinen befremdeten Blicken nicht aussetzen, hatte Angst vor der Kälte und der Wut, die sich in ihnen bei ihrer letzten Aussprache widergespiegelt hatten. Und so erschrickt sie beinahe, als das nur zu gewohnte nervöse Geräusch eines gequälten Motors an ihr Ohr dringt. Ihr Pulsschlag erhöht sich spontan, und sie hofft inständig, dass nicht Philippe sie erneut heimsucht. Sie tut ihre lächerliche Furcht energisch ab und späht aus dem Fenster. Es ist Virginie, die entschlossen auf ihr Haus zusteuert, und sie ist – Gott sei gelobt – allein! Sie würde die Jüngere gleich vor der Tür abfertigen, denn es gab nichts, dass sie sich noch zu sagen hätten. Vor allem aber war sie keineswegs gewillt, sich irgendwelche Vorwürfe von dem Mädchen anzuhören, oder gar sinnlose Beleidigungen hinzunehmen. Entschlossen tritt sie vor die Eingangstür und verschränkt die Arme. Fast wäre Virginie gegen sie geprallt, hätte sie nicht noch rechtzeitig eingebremst. Sie schüttelt ihr langes Haar und fragt spitz: „Willst Du mich nicht hereinbitten?“

„Was willst Du?“ übergeht Amelie diese Frage. „Ich bin müde und wollte mich gerade hinlegen!“ Die Puppenmacherin wollte auf jeden Fall vermeiden, dass Amelie etwas von der geplanten Reise erfuhr. Sie kann das unangenehme Gefühl nicht unterdrücken, dass jemand vielleicht versuchen würde, ihre Abreise zu verhindern, zumindest aber, zu erschweren. Einfach so, genaue Gründe konnte sie dafür nicht nennen. Ein Gefühl aus dem Bauch heraus warnte sie, und das hatte sie bisher selten getäuscht.

„Es dauert auch nicht lange. Ich will nur mit Dir reden, Amelie!“ Diese deutet auf einen der Stühle, die sich auf der Veranda befinden und nimmt dem Mädchen gegenüber Platz. Dieser Besuch, egal aus welchem Grund auch immer er statt fand, hatte ihr gerade noch gefehlt. „Nun?“ beginnt sie abwartend und misst die Andere aufmerksam. Virginie scheint weniger selbstbewusster als sonst drein zu sehen, doch sie kommt rasch zur Sache. „Du musst zurückkommen, Amelie! Papa wird Dir vergeben, ich bin sicher! Er erdrückt mich mit seiner Liebe, seit Du weg bist! Ich kann kaum einen Schritt aus dem Hause machen, ohne dass er mir hinterher läuft und genau wissen will, was ich vorhabe! Er engt mich ein! Ich fühle mich wie eine Gefangene!“

Amelie erwidert ruhig: „Damit habe ich nichts zu tun, Mädchen! Das musst Du schon allein mit Deinem Vater ausmachen. Und was meinst Du mit, ‚er wird mir vergeben’? Er hat mir nichts zu vergeben! Wir passen letztendlich doch nicht so gut zusammen, als wir dachten. Es ist so einfach wie es klingt. Das wird auch er inzwischen eingesehen haben!“

„Das ist doch Unsinn“, lautet die ungeduldige Erwiderung. „Ihr seid wie füreinander geschaffen! Er gibt mit die Schuld an Eurem Streit, nur weil Du so eine empfindliche Mimose bist, und einfach abhaust, wenn ich Dich ein bisschen necke! Du weißt doch, dass ich es nicht so meine. Ich habe nun mal ein loses Maul, und Du kennst mich lange genug, um zu wissen, dass es nur Spaß war!“

„Davon ist keine Rede mehr, Virginie!“ antwortet Amelie eindringlich und legt dem Mädchen beschwichtigend die Hand auf den Arm. „Ich kann Dich beruhigen. Unsere Trennung hat nichts mit Dir zu tun. Du bist und bleibst die kleine ungebändigte und verhätschelte Schwester für mich. Dass Philippe und ich uns getrennt haben ist eine ganz persönliche Sache. Da sind Gefühle im Spiel, die Dir noch fremd sind. Später wirst Du mich vielleicht verstehen können. Es tut mir aufrichtig leid, dass Dein Vater die Sache so verletzt aufgenommen hat. Wirklich leid!“

„Aber Du bist ihm etwas schuldig!“ versucht Virginie einzuwenden, doch Amelie schüttelt ablehnend den Kopf. „Ich bin ihm nichts schuldig, Virginie! Ich habe mir alles aus eigener Kraft geschaffen und jede finanzielle Hilfe Deines Vaters abgelehnt, falls Du es nicht weißt. Die Ausbildung wurde von der Gemeinde bezahlt, vergiss nicht, ich bin ihr Mündel gewesen. Es tut mir weh, dass man mir die Schuld an alledem gibt, auch wenn Dein Vater vorgegeben hat, dass er es war, der die Verlobung gelöst hat. Ich weiß nicht, was vorgeht, aber ich kann spüren, dass mir hier niemand mehr traut.“

Virginie zögert und ihre Finger verstricken sich ineinander, während sie sich zu einem Geständnis durchringt: „Er hat mir so leid getan, Amelie. Du hättest ihn sehen sollen. Er war wütend aber auch unendlich traurig. Da hab ich ihm einen Vorschlag gemacht, wie er die geplatzte Hochzeit vor aller Welt erklären könnte, doch er war nicht einverstanden, also habe ich die Sache in die Hand genommen, ohne sein Wissen.“

„Was hast Du getan?“ horcht Amelie beunruhigt auf. „Was hast Du über mich herumerzählt, sei ehrlich!“

„Nichts Besonderes!“ Ein Anflug von Trotz liegt in ihrer Stimme. „Ich habe durchblicken lassen, dass Du ein Verhältnis mit Dan MacArthur hast. Nicht, dass die meisten Leute hier, auf dem Lande wissen, um wen es sich hierbei handelt, aber das ist ja auch egal. Es hat jedenfalls eingeschlagen wie eine Bombe! Papa wird bedauert und kann so sein Gesicht wahren, was von großer Wichtigkeit ist.“

Amelie ringt nach Luft, und es hat ihr wahrhaftig die Sprache verschlagen. Eine solche Gemeinheit konnte doch nicht einmal Virginie sich ausdenken! Doch der Blick des Mädchens, halb reumütig, halb trotzig, bestätigt ihre Befürchtung, dass es keinesfalls eine erfundene Geschichte war.

„Was fällt Dir ein!“ fährt sie Virginie empört an. „Eine so verdammte Lüge!“ Sie war aufgesprungen und hat sich drohend vor der Jüngeren aufgebaut. Ihre Augen blitzen vor Zorn.

„Ich hatte ein Hühnchen mit MacArthur zu rupfen, wenn Du es genau wissen willst“, lautet die schnippische Gegenantwort. „Das schien mir die passende Gelegenheit zu sein, zwei Fliegen auf einen Schlag zu treffen!“

„Das interessiert mich nicht“, Amelie versucht ihre Stimme zu mäßigen und zischt weiter: „Wie kannst Du mir so etwas antun! Dein Vater hat sicher längst davon erfahren. Er muss mich für eine Lügnerin und Schlampe halten, und die ganze Ortschaft hasst mich jetzt deswegen!“

Virginie wehrt ab: „Ich habe Papa gesagt, dass ich das nur erfunden habe, um Dir eins auszuwischen!“ „…Was er Dir mit Sicherheit nicht glaubt!“ entgegnet Amelie und spürt, wie Hoffnungslosigkeit sie heimzusuchen droht. „Egal was Du mit diesem Mann hattest, wie kannst Du mich in die Sache hineinziehen! Eine Sache, die nur Deinen Vater und mich etwas anging! Es ist meine Existenz, Mädchen, dass Du dabei bist zu ruinieren! Ich muss hier leben und arbeiten! Wie komme ich dazu, Deine Ärgernisse mit einem Mann, mit dem ich höchstens drei Sätze gesprochen habe, auf so schändliche Weise auszubaden!?“

„Auch Blicke sprechen Bände“, ist die spitze Entgegnung. Amelie macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ach hör doch auf“, entgegnet sie. „Ich kannte den Mann ganze zehn Minuten lang! Du bist noch weitaus verdorbener als ich immer geglaubt habe! Das bringt Dir kein Glück, Virginie! Denk an meine Worte!“

Virginie reckt ihre kleine Nase in die Luft und steht ebenfalls auf, um sich vor Amelie aufzubauen: „Er hat nichts von mir wissen wollen, dieser Dan MacArthur! Das ist mir noch nie zuvor passiert! Den ganzen Abend hat er nur versucht, mich über Dich auszufragen. Ich habe mich noch nie sosehr gelangweilt! Und irgendwann ist er verschwunden, einfach so! Hat mich dort sitzen lassen auf dieser Party und ist ohne mich abgehauen!“

„Wahrscheinlich warst Du zu aufdringlich“, kontert Amelie, und kann es sich nicht verkneifen zynisch hinzuzufügen: „Also war gar nichts mit einer wilden Liebesnacht, Du Lügnerin!“ Virginie pustet verächtlich und dreht den Kopf zur Seite. „Hab ich auch nicht nötig, diesem bescheuerten Engländer hinterher zu laufen!“ Doch ihre Mimik drückt das Bedauern deutlich aus, das sie der Zurückweisung MacArthurs wegen empfinden musste. „Ich hab’ versucht ihn zu kontaktieren, doch der Feigling hat sich verleugnen lassen, da bin ich sicher!“ Virginie war beleidigt, das konnte man spüren. Ihre Reize hatten zum allerersten Male nicht so funktioniert, dass sie ihr Ziel mit Leichtigkeit erreicht hatte. Sie hatte rein gar nichts erreicht, das tat verdammt weh in der Seele dieses kleinen Flittchens, das nach neuem Spielzeug gierte. Und so hatte sich nichts Besseres gewusst, um eine haarsträubende Geschichte zu erfinden, die ihr, Amelie, das Leben zur Hölle machen konnte. Der Bruch zwischen ihr und Philippe musste die Leute nur umso mehr von der Wahrheit dieser Lüge überzeugen!

„Ich denke, wir haben uns nichts mehr zu sagen!“ beendet Amelie das unliebsame Gespräch. „Es wird Dich nicht weiter verwundern, wenn ich Dir jetzt und hier sage, dass wir geschiedene Leute sind und Du Dich besser nicht mehr bei mir blicken lässt!“

„Ich mach’s wieder gut“, fleht Virginie. „Aber versöhne Dich wieder mit Papa, ich werde ihm schwören, dass alles nur meine Erfindung war. Es kann so werden wie früher, glaub’ mir!“

Amelie, die sich bereits zur Tür gewandt hatte, dreht sich langsam um und antwortet mit ernster, leiser Stimme: „Siehst Du, genau das ist es, was ich nicht mehr will!“ Sie schließt die Tür hinter sich und bleibt mit dem Rücken ans Holz gelehnt stehen. Ihre Augenlider flattern, ihr Herz pocht und sie vernimmt im Unterbewusstsein Virginies lauten Abgang. Dann ist es still und die Zikaden beginnen ihren Abendgesang, was die enttäuschte, junge Frau jedoch nicht wahrnimmt. In ihrem Kopf rasen Gedanken, überschlagen sich und tun verdammt weh. Sie will weinen, schreien, doch nur ein trockenes Schluchzen entringt sich ihrer Brust. Sie fühlt sich leer und hintergangen. Es war aus mit der friedvollen Existenz auf dem Lande. Sie würde hier nicht mehr glücklich werden. Alles was sie tun konnte war, einen Schlussstrich zu ziehen und versuchen anderswo Fuß zu fassen, einen neuen Lebensbereich zu suchen. Gleich, schnell, ohne Zeit zu verlieren. Sie fühlte sich nicht gefestigt genug, den Verleumdungen und der Abscheu der hier lebenden Menschen hoch erhobenen Kopfes Tag für Tag gegenüber zu treten. Nichts würde mehr so sein, wie zuvor. Ein dummes, zurückgewiesenes Mädchen hatte ihren Ruf und somit auch ihre Existenz in dieser Gegend mit konservativ eingestellten Menschen leichtfertig zerstört. Das war’s, und vielleicht war es besser so. Der Abschied von hier würde mit ein bisschen Glück dadurch weniger schwer fallen.

 

Nach einer Nacht, in der sie wenig Schlaf gefunden hat, bringt sie Rocky zum Weingut hinauf. Hier sollte er vorerst einmal bleiben und sie wusste ihn in guten Händen. Mehrere Hunde gehörten zu dem großen Anwesen und Rocky war kein Unbekannter unter ihnen. Schlafwandlerisch und innerlich aufgewühlt setzt sie danach ihre Reisevorbereitungen fort. Wie schnell das Leben sich für einen Menschen doch wandeln konnte. Heute noch geregelt und hoffnungsvoll, morgen schon bewölkt und ungewiss. Dass auch sie selbst einmal diese Erfahrung zu machen hatte, daran hatte sie nie zuvor gedacht.

In drei Tagen würde sie fürs Erste die Tür hier verschließen und ihre Reise antreten. Während der geplanten Messe hatte sie ohnehin keine Zeit zu grübeln und sich Gedanken über diese dumme Sache zu machen. Neue Menschen kennen zu lernen, im Trubel des Geschehens zu stehen, alles das konnte ihr nur Gutes bringen. Die Sonne versinkt hinter den Wipfeln der Föhren und die ersten Schatten malen lange Schatten in die Räume. Sie verhält ihren Schritt, als sie bei dem antiken Spiegel im Vorraum vorbei geht. Sie sieht nicht besonders gut aus. Dunkle Ringe unter den Augen, blass, Kein Wunder. Die vergangene Nacht war nicht eben erholsam für sie gewesen. Wirre Träume hatten sie heimgesucht, Feuer und Flammen bedrohten sie und eigenartige Fratzen grinsten sie hämisch an. Schweißgebadet war sie mehrmals erwacht, bis sie sich dazu zwang, im Morgengrauen aufzustehen, um nicht abermals Opfer böser Traumgebilde zu werden. Sie war entschlossen, an diesem Abend ein Schlafmittel zu nehmen, etwas, dass ihr half, den Kopf leer zu machen und besser zu schlafen.

Als es an der Tür klopft, glaubt sie erst, einer Täuschung zu unterliegen. Sie hatte kein Fahrzeug vorfahren hören, keinen Wagen gesehen. Zu Fuß war sie kaum für jemanden erreichbar. Als das Klopfen sich etwas lauter wiederholt, kriecht plötzliche Angst in ihr hoch. Seit sie von Virginie erfahren hatte, wofür man sie jetzt hier hielt, fühlte sie sich nicht mehr wirklich sicher in dieser Einsamkeit. Der klare Menschenverstand musste ihr eigentlich sagen, dass man ihr kaum etwas antun werde, nur weil sie den allseits beliebten Bürgermeister angeblich betrogen hatte, aber Bosheitsakten waren nicht auszuschließen. Zerbrochene Fensterscheiben, vor der Haustür abgeladener Unrat oder ähnliches, damit musste sie dennoch rechnen und das tut sie auch. Sie versucht durch das Küchenfenster zu sehen, was sich vor dem Haus abspielt, doch kann den Winkel der Eingangstür nicht erkennen. Erschrocken, kann sie kaum einen überraschten Laut unterdrücken, als sie plötzlich ein markantes Männergesicht vor sich sieht, das mit vorgehaltener Hand über den Augen versucht, ins Innere zu spähen. Als der Besucher sie erkennen kann, grinst er zufrieden vor sich hin, und macht ihr ein Zeichen, sie solle doch die Tür öffnen.

 

                                                                    weiter ....

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