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Schatten über der Provence |
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Kapitel 5
Es dauert etliche Sekunden, bis sie sich von ihrem Schrecken erholt hat und den Mann, der ihren Türrahmen mit seiner wuchtigen Erscheinung ausfüllt, und dem zerrauften Haar, endlich erkennen kann. Es scheint dieser Fremde von neulich zu sein, dieser MacArthur, der Schauspieler. Der hatte ihr gerade noch gefehlt! Sie ist mehr als beunruhigt. Wenn nun jemand aus dem Dorf ihn gesehen hatte…? Seine Anwesenheit hier würde Virginies Getratsche nur noch mehr bestätigen! Das, was sie kürzlich über ihn herausgefunden hat, macht sie befangen und ärgerlich über sich selbst. Vor ihr steht ein ziemlich bekannter Kinostar und Frauenheld, der dafür bekannt war, dass sein ungezügeltes Temperament oft genug mit ihm durch ging! Sie öffnet die Tür, ohne jedoch den Weg ins Haus frei zu geben. „Bonsoir und Aurevoir“, bemüht sie sich so höflich wie nur möglich zu sagen, und dabei ihre Natürlichkeit zu bewahren. „Ich kann Ihren Besuch leider nicht empfangen und habe weder Lust noch Laune, mich mit Ihnen zu unterhalten! Ich habe Probleme genug, müssen sie wissen! Vielleicht ein Andermal… “ Schon will sie die Tür ins Schloss drücken, doch sie hat nicht mit der Hartnäckigkeit des Mannes gerechnet, der seine Stiefelspitze, wie ein Wegelagerer, zwischen Tür und Angel zwängt. „Ich bleib’ nicht lange, Mam! Versprochen! Ich bin nur gekommen, um ihre Puppen anzusehen. Meine Mutter liebt solche Dinge! Ich hab noch kein Geschenk für sie gefunden, und in 2 Tagen brechen wir unsere Zelte hier ab! Ich bringe ihr immer etwas mit, wenn ich mich länger außerhalb unseres Landes aufhalte!“ Er grinst unwiderstehlich: „Muttersöhnchen, werden Sie Denken, und da liegen Sie nicht einmal so falsch mit ihren Gedanken…!“ Er macht eine Pause und weidet sich an Amelies Verblüffung und der Unsicherheit, die sie keineswegs vor ihm verbergen kann. Sie hatte sich verändert, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte. Die dunklen Ringe um ihre ausdrucksvollen Augen wollten ihm gar nicht gefallen. „Außerdem wollte ich zur bevorstehenden Hochzeit gratulieren“, fährt er zwanglos fort. „ Ihre quirlige, zukünftige Stieftochter erzählte mir, dass es zu Pfingsten, also nächste Woche, soweit sein wird und sie Dann Einzug halten werden als Gutsherrin in ihrem neuen Domizil!“ Er grinste und fand das irgendwie lustig, doch Amelies Züge verdunkeln sich und eine steile Falte hat sich zwischen ihren Augen gebildet. Sie misst den attraktiven Mann mit gemischten Gefühlen. Einerseits fühlt sie sich unwiderstehlich von ihm angezogen, andererseits wittert sie die Gefahr, die er für sie darstellt. Schon, als sie ihm das erste Mal gegenüber gestanden hatte, spürte sie ein Knistern in ihrer Magengegend, das ihr bisher fremd war. Doch bevor sie noch ein Wort der Ablehnung hervorbringen kann, versinkt ihr Gesicht beinahe in dem Riesenstrauß von rosafarbenen Pfingstrosen, den er ihr unter die Nase hält. Sie macht einen Schritt nach rückwärts und schon ist Dan im Haus und drückt sachte die Tür mit seinem Rücken ins Schloss. „Ich Denke, sie sind dem Anlass entsprechend, nicht wahr? Missverstehen Sie mich nicht, Amelie. So heißen Sie doch, wenn ich mich recht entsinne? Ich will Sie auch keinesfalls länger belästigen als notwendig, und unnötig Süßholz raspeln. Das können andere besser als ich. Sie zeigen mir, was Sie so anzubieten haben, ich such mir die schönste Puppe für Mom aus, und mach’ mich wieder aus dem Staub, damit Sie ihre Ruhe haben.“
Ihre Hände hatten Gezwungenerweise nach den Blumen gegriffen und ihre großen Augen starren ihn über die großen Blüten hinweg flehentlich an. Er musste gehen, sofort! „Sie müssen gehen, Monsieur! Ich bin in einer ziemlich prekären Situation. Sie können das nicht verstehen, aber meine Puppen sind bereits auf dem Weg nach London, wo ich an einer Ausstellung teilnehmen werde. Auch ich fahre in den nächsten Tagen weg und kann Ihnen absolut nichts anbieten! Sie haben den Weg umsonst hierher gemacht!“ Dan misst sie zweifelnd. „Da bin ich mir gar nicht so sicher. So rasch wollen Sie mich loswerden? Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe. Bleibt ihnen kein einziges ihrer wertvollen Stücke?“ Er scheint echt enttäuscht zu sein, aber schließlich war er ja Schauspieler… Sie schüttelt verneinend den Kopf. „Nichts wirklich Brauchbares! Aber wenn sie mir Ihre Adresse geben, kann ich Ihnen von London aus etwas zukommen lassen. Eventuell kann ich Ihnen auch per Handy ein paar Fotos der Ausstellungsstücke schicken, damit Sie sich aussuchen können, was Ihnen gefällt! Über Kataloge verfüge ich nicht, ich bin nur ein Handwerker, müssen Sie wissen. Das meiste fabriziere ich auf Bestellung. Ich mach Ihnen auch einen guten Preis, versprochen! Aber jetzt müssen sie gehen, es tut mir leid!“ „Sie sind viel zu bescheiden, meine Liebe. Der Ausdruck Künstlerin passt weitaus besser zu Ihnen, und das wissen Sie auch. Ich will ja nicht aufdringlich erscheinen, Amelie, aber wovor haben sie solche Angst? Doch nicht etwa vor mir? Ich beiße nicht!“ Er verlagert das Gewicht seines Körpers auf ein Bein und steht wie ein Cowboy vor ihr, beide Daumen in den Ledergürtel seiner Jeans geharkt, während er sie intensiv beobachtet. „Wieso Angst?“ Versucht sie herablassend zu fragen. „Ich habe keine Angst, und schon gar nicht vor Ihnen! Doch es fehlt mir an Zeit, denn ich habe noch eine ganze Reihe von Vorbereitungen zu treffen!“ „Ich kann ihre Furcht fast riechen“, erwidert Dan ruhig und misst sie bedächtig. „Sie steht in ihren Augen geschrieben, und in den kleinen Schweißperlen, die sich auf Ihrer Stirn gebildet haben. Sie sind ganz anders, als das erste Mal, als ich Sie sah. Sie wirkten so zufrieden und ausgeglichen und jetzt erinnern sie mich an ein kleines, gehetztes Reh.“ Sie schüttelt trotzig den Kopf und ringt sich ein spöttisches Lächeln ab „Sie täuschen sich, Monsieur!“ Er wehrt ab: „Ach lassen Sie das Monsieur und nennen Sie mich Dan. Und versuchen Sie nicht mich zu belügen, darin haben Sie nämlich absolut kein Talent! Ich will Sie nicht bedrängen, aber wenn ich irgendwie helfen kann, dann will ich es gerne tun! Auch wenn es nur darum geht, Ihnen als Schulter zum Ausweinen zu dienen!“ Sein Blick fällt auf ihre Hände, die immer noch Halt suchend die Blumenstiele umklammern. „Ihr Ring! Er ist weg? Ich nehme nicht an, dass Sie ihn verloren haben.“ Sie schweigt, dreht sich um und geht ihm voran in die Küche, um ein passendes Gefäß für den Blumenstrauß zu suchen. Während sie die Blumen einzeln in die Vase ordnet, erklärt sie so belanglos wie möglich, ohne ihn dabei anzusehen. „Wir haben unsere Verlobung gelöst, es gibt keine Hochzeit!“ „Oh“, entfährt es ihm überrascht. „Ich bin ehrlich erstaunt über diese Neuigkeit, denn nach Virginias (er spricht den Namen englisch aus) Erzählungen nach, sollte es die Hochzeit des Jahres werden und so ziemlich alles was Rang und Namen in diesem Lande hat, auf die Beine bringen.“ Als es keine Blumen mehr zu ordnen gibt, stellt Amelie die Vase auf den großen Holztisch. Dann wendet sie sich mit verschränkten Fingern abrupt zu ihm um. „Ehrlich gesagt, spreche ich nicht gerne darüber! Es ist ja auch nicht Ihre Sache, nicht wahr? Aber nun sind Sie schon einmal hier und ich kann nur hoffen, dass man sie nicht gesehen hat!“ Sein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Gewaltsam wendet sie den Blick von seinem starken Hals und den breiten Schultern in dem dunkelblauen T-Shirt ab. Seine Unterarme sind voller kleiner, goldfarbener Härchen und seine Hände groß und wohlgeformt. Sie fixiert stattdessen seine staubigen Stiefelspitzen, die unter den bequemen Jeans hervorlugen. „Virginie, hat dafür gesorgt, dass man mich durch ihr verlogenes Geschwätz in der Gegend verachtet. Ich werde wohl auswandern müssen!“ Es sollte ironisch klingen, doch bei Dan kommt es so an, wie Amelie es empfindet, traurig und verletzt. Er scheint ehrlich überrascht, ja, bestürzt, zu sein und ihren Schmerz zu fühlen. „Was hat das kleine Biest Ihnen nur angetan?“ Sie macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ja, ein Biest ist sie wohl. Es ist zwar nichts Weltbewegendes, doch hier auf dem Lande wird es zu einem Staatsverbrechen wenn man angeblich den großen, vielgeliebten Philippe Derrieu, diesen Mann des Volkes hintergeht und betrügt! Ich sagte ‚angeblich’!“ Sie wollte zynisch klingen, doch sie klingt nur enttäuscht und kraftlos. Außerdem hatte sie sich nicht recht zu fertigen vor dem Fremden. Er hat einen Schritt auf sie zu gemacht und hebt ihr Kinn, um in ihre Augen blicken zu können: „Davon geht die Welt nicht unter, Amelie, obwohl ich zugebe, dass dieser verzogenen Göre einmal anständig der Hintern versohlt gehört! Ich würde mich gerne mich gerne für diese Züchtigung freiwillig zur Verfügung stellen. War diese Verleumdung etwa der Anlass zu dem Bruch zwischen Ihnen und Virginias Vater?“ Sie schüttelt verneinend den Kopf und versucht, seinem prüfenden Blick stand zu halten. „Keineswegs! Ich hatte lange und viel nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass ich durch diese Heirat mein eigenes Leben in den Schatten stellen würde und nicht glücklich werden konnte! Eigentlich wollte ich nur einen Aufschub des Hochzeitstermins, um mir selbst über verschiedenes im Klaren zu sein, doch Philippe war verletzt, enttäuscht und hat mir selbst seine Freundschaft aufgesagt!“ Wie kam sie dazu, diesem Fremden solch intime Geständnisse machen? Er sollte wirklich gehen und zwar gleich. Schließlich war er, wenn auch indirekt, das Übel ihres Dilemmas! Aber das war jetzt auch egal! So sollte er doch alles wissen, es änderte rein gar nichts an der Sache. Obwohl sie sich gar nicht richtig vorstellen kann, warum dieser bekannte Mann an ihrem klein karierten Schicksal interessiert sein sollte… „Meinen Ruf hat Virginie erst nachher ruiniert, als die Leute sich Fragen stellten, wieso und warum. Sie wollte ihren geliebten Papa unterstützen, damit er allerseits bedauert wurde und ich als böses, hintertriebenes Luder dastand!“ Dan schüttelt den Kopf über soviel Frechheit. „Und dann wollte Sie sich auch gleichzeitig an Ihnen rächen“, sie macht eine Pause, „….Dan“, sagt sie zaghaft seinen Namen. „An mir?“ wendet er befremdet ein. „Wieso das denn? Ich schwöre, ich hab der Kleinen nichts getan!“ „Eben deswegen“, erklärt Amelie seufzend. „Das hat sie nicht verkraftet, dass Sie, gerade Sie, nicht ihren Reizen erlagen! Sie ist das nämlich nicht gewöhnt!“ Er sieht recht verdutzt drein und sein fragender Gesichtsausdruck entlockt ihr ein kleines Lächeln, das ihn verdammt fröhlicher macht. „Ich bin doch kein Kinderschänder!“ poltert er los. Amelie lacht kläglich:“ Wenn Sie ihr das ins Gesicht sagen, haben Sie einen Todfeind mehr!“ Er grinst. „Das kann ich immer noch nachholen!“ Warum nur machte sich diese Frau bloß solche Gewissensbisse wegen einer schändlichen Lüge? Doch wenn er genauer nachdachte, dann musste er zugeben, dass es in seiner Heimat auf dem Lande nicht anders zuging. Konservativ, sensationslüstern und neugierig, so waren sie wahrscheinlich alle, egal, wo auf der Welt, vor allem auf dem Lande, wo jeder jeden kannte! Aus einer Fliege einen Elefanten machen, das war nicht schwer und ein beliebter Zeitvertreib. Ein Mann schüttelte derartige Vorhaltungen ab wie nasse Flöhe, aber eine Frau, allein und auf sich gestellt, wurde schon nicht mehr so leicht mit einer so heiklen Situation fertig. Vor allem nicht, wenn sie ein wenig sensibel war, wie dieses zerzauste Mädchen da, mit diesem engelsgleichen Gesicht und einer gewissen Unschuld, aber auch Lebenserfahrung im Blick, die ihn so neugierig auf sie machte! „Da haben wir beide also ein Verhältnis, wenn ich richtig verstehe!“ schmunzelt er und sie läuft rot an wie eine Tomate. ‚Endlich bekommt sie wieder Farbe’, denkt er belustigt und seine Blicke sind absichtlich betörend, was Amelie nur noch mehr verwirrt. „Das ist nicht lustig“, weist sie ihn zurecht. „Natürlich nicht“, wird er wieder ernst! „Vor allem nicht für Sie! Aber Sie sollten sich darüber nicht so den Kopf zerbrechen. Menschen vergessen schnell.“ „Diese hier nicht“, entgegnet sie rasch. „Da hat sich in den letzten hundert Jahren nicht viel daran geändert! Philippe ist nicht nur ein Bürger und Politiker dieses Landes, er ist eine Art Halbgott für die Leute! So jemand betrügt man nicht ungestraft!“ Sie war ihm voraus in den kleinen gemütlichen Salon gegangen, und deutet einladend auf ein altes, aber gemütliches Plüschsofa, das sie bei einem Trödler erstanden hatte. „Übrigens, danke für die Blumen“, meint sie leise, während sie sich an einem Tischchen, auf dem mehrere Flaschen abgestellt stehen, zu schaffen macht. „Was darf ich Ihnen zu trinken anbieten?“ Er entdeckt die Flasche Cognac und bittet um ein Glas des solchen. „Tut mir leid, schottischen Whiskey habe ich nicht da. Ich habe noch nicht zu Abend gegessen. Wenn das auch für Sie gilt, können sie gerne zum Essen bleiben! Ich mache Lammkoteletts mit Ratatouille!“ „Rata…, was?“ fragt er sie und freut sich, dass er sie zum Lachen bringt. „Ratatouille“, erklärt sie. „Tomaten, Zwiebel, Auberginen, Zucchini mit Knoblauch und Provencekräutern angebraten und gedünstet.“ „Klingt gut“, gibt er zu. „Wenn ich das gewusst hätte, so wäre ich nicht ohne den vorzüglichen Wein Ihres Nachbarn gekommen!“ beteuert er und sie wehrt ab. „Davon habe ich genug vorrätig“, sagt sie. „Philippe hat immer dafür gesorgt, dass davon genug…“, sie verstummt. „Ich verstehe“, bemerkt er. „Aber wechseln wir einfach das Thema. Außerdem bestehe ich darauf, ihnen beim Schälen und Schneiden des Gemüses zu helfen! Das dürfen Sie mir nicht abschlagen, es ist ein richtiges Abenteuer für mich, beim Zubereiten eines Gerichts der Provence dabei zu sein!“ Daniel schafft es wahrhaftig, sie auf andere Gedanken zu bringen, mehr und mehr wirkt Amelie gelöst und entspannt. Sie scherzen und lachen während des Kochens, und er erzählt von zuhause und seiner Arbeit, während sie zuhört und keine Sekunde Zeit findet, an ihre Probleme zu denken. Sie gehen ungezwungen zum „Du“ über, weil Dan meint, da man sie ja für ein Liebespaar halte, sei es doof, sich zu Siezen! Welche Farce! Das Abendessen wird ein unverhoffter Erfolg. Amelie verzichtet auf die Koteletts und Dan isst dafür für zwei. Als Nachtisch bereitet Amelie noch Creme brulée zu, einfachen Eierpudding, der kurz mit Rohzucker überbacken wird. Sie öffnen eine zweite Flasche ‚Côte de Provence’ und Dan muss sich eingestehen, dass dieser Abend ihm weitaus mehr bedeutete, als einer der luxuriösen Galaempfänge in seiner Branche. Als der Abend weit fortgeschritten ist, bemerkt er an Amelie gewandt, während er ihr zuprostet: „Es war herrlich unterhaltsam. Ein ganz unverhofftes Vergnügen, dass Du mir heute beschert hast! Dabei wolltest Du mich gleich loswerden!“ Sie lächelt und fühlt sich erfrischend lebendig. „Es tut mir leid, dass ich unhöflich und barsch zu Dir war, Dan! Du hast ja Recht! Ich sollte mich weniger um die Meinung anderer kümmern!“ Er nickt zustimmend. “Allerdings, das wäre das Beste in dieser dummen Situation! Die Leute kennen Virginia ja sicher auch zur Genüge und werden sie nicht wirklich ernst nehmen.“ Sie seufzt: „Das kann ich nur hoffen, aber niemand will es sich mit Philippe verderben….“ „Speichellecker, also! Denke nicht daran Amelie! Es sollte Dich gar nicht berühren!“ Sie nickt zustimmend, beide schweigen. Intensive Blicke ersetzen die plötzliche Stille zwischen ihnen. Eigentlich hatte er von beginn an vorgehabt, dieses Mädchen zu verführen und ihre Eroberung in seine lange Liste derselben einzureihen. Doch inzwischen hält ihn etwas davon ab, sie auf plumpe Weise ins bett zu kriegen, obwohl er gerade jetzt, in ihrer melancholischen Stimmung, die größten Chancen dazu wittert. Aber sie hatte genug Probleme. Er legt sein Vorhaben erst einmal ad acta. Sie betrachtet ihn über den Rand ihres Glases hinweg. Was er wohl von ihr dachte? Er war so anders als Philippe, dieser Schotte. So unverblümt einfach in seiner Art und Weise. Einfach er selbst und er schien sich über absolut nichts den Kopf zu zerbrechen. Sein Leben schien einfach, seine Art und Natur. Es musste angenehm sein, einen solchen Menschen an seiner Seite zu haben. Nichts Gekünsteltes, nichts Verhaltenes. Sagen zu können, was man empfand und die Gewissheit zu haben, auch verstanden zu werden, welch märchenhafte Vorstellung! Obwohl seine Wesensnatur auch sicher seine Schattenseiten hatte, die sie nicht kennen konnte. Aber er war ein vorzüglicher Zuhörer und Gesprächspartner. Ob es eine Frau in seinem Leben gab? Gewiss, er war keine zwanzig mehr…. Dan hatte sie beobachtet und ihre sinnende, leicht lächelnde Mimik mit Genugtuung und einer gewissen Neugier registriert. Er ist es, der erneut das Wort ergreift: „Worüber denkst Du nach, Amelie“, wobei er, wie von Anfang an, ihren Namen englisch ausspricht, also ‚Emily’. „Über unsere intime Beziehung, die wir nie hatten, zu meinem großen Leidwesen, wie ich gestehen muss?“ Er wollte sie abermals erröten sehen, doch zu seiner Überraschung geschieht dies keineswegs und sie erwidert eindringlich und sieht ihm dabei fest in die Augen, bis ihm richtig warm wird: „Ich denke, dass es wichtigeres gibt, als kurze Liebeleien, die man bald schon vergessen hat. Freundschaft beispielsweise oder einfach nur ein aufrichtiges Verständnis zwischen Menschen, auch wenn es sich dabei um Frau und Mann handelt. Findest Du nicht?“ Er grinst und scheint nicht sehr davon überzeugt zu sein, doch er nickt, um sie nicht zu brüskieren. „Sicher hast Du Recht! Aber Du solltest mich nicht herausfordern. Männer ticken bekanntlich anders als Frauen!“ Dann erhebt er sich nach einem kurzen Blick auf die Armbanduhr. „Ich muss dann los! Morgen ist Drehschluss! Wird ein langer Tag. Wenn Du etwas zum Schreiben da hast, notiere ich Dir meine Nummer, damit ich auch wirklich noch zu einer Deiner berühmten Puppen komme! Ich hab das nämlich nicht nur als Vorwand genommen, um mich in Dein Haus einzuschleichen!“ Sie glaubt ihm zwar nicht so recht, und reicht ihm Notizblock und Bleistift, damit er seine Handynummer notiert. „Und erinnere mich, wenn ich vergessen sollte, ruf’ mich an, versprich’ es!“ Sie nickt und bedauert schon sein Fortgehen, bevor er sich wirklich auf die Socken macht. „Es ist wohl unnötig, Dich zu bitten, morgen zu der Filmparty anlässlich des abgedrehten Streifens nach Marseille zukommen, oder?“ Sie nickt nur und das Bedauern darüber, sich wie eine Verbrecherin vor der Öffentlichkeit verstecken zu müssen, schnürt ihr fast die Kehle ab. Doch ihr Erscheinen würde den Verdacht, der auf ihr lastete, nur bekräftigen. „Ich wünsch Dir viel Erfolg für Deine Ausstellung“, sagt er an der Tür. „Danke!“ erwidert sie leise und lässt es geschehen, dass er sie leicht auf den Mund küsst, bevor er draußen ist. Seine Berührung ist trostreich für sie und viel zu kurz. Hätte er jetzt darum gebeten, die Nacht hier bei ihr verbringen zu dürfen, sie hätte nicht die Kraft gehabt, ihn weg zu schicken. Sie möchte ihm soviel sagen und weiß dennoch nicht, was genau. Also schweigt sie einfach und sieht ihm nach, als sein Schatten mit dem der Bäume verschmilzt. Wahrscheinlich hatte er den Wagen, wie beim letzten Mal, am Straßenrand geparkt. Selbst als er nicht mehr zu hören ist und kein Laut seiner Schritte mehr an ihr Ohr dringt, starrt sie in die Dunkelheit und kann sich das Bedauern, wieder allein zu sein, nur schlecht erklären, das sie empfindet. Doch sie schläft die Nacht gut und fest durch, diesmal auch ohne Schlafmittel.
Der darauf folgende Tag ist ausgefüllt mit ihren letzten Reisevorbereitungen. Und doch ertappt sie sich immer wieder dabei, dass sie sich versonnen in die eine oder andere Ecke setzt und einfach nur an den gestrigen Abend denkt. Das wohlige Gefühl, dass in ihrem Bauch kribbelt, versucht sie zu ignorieren. Es würde keine Fortsetzung des Vorfalls geben, und das war auch besser so. Sie war verliebt, außer Frage, aber das war man ja bald. Es war nicht wichtig, nicht für ihn und auch nicht für sie. Verliebt war man schließlich in den Sonnenschein, und den Duft der Blumen, wie jenem beispielsweise, der von dem Strauss in der Vase herrührte… Verliebt war man in seine Arbeit, in seine Heimat, in die ganze Welt, und das war gut so. Ach ja, die Arbeit…, sie rafft sich auf, geht nochmals ihre Liste durch, hastet durch Räume und das Arbeitsatelier und weiß doch, dass sie an alles gedacht hat, was für die Ausstellung von Nöten war. Ihre Koffer stehen gepackt und wartend im Flur, die notwendigen Papiere waren in ihrem Reiserucksack verstaut. Sie ist fest davon überzeugt, heute Nacht kein Auge schließen zu können. Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit werden zu einem unverständlichen Wirrwarr in ihrem schläfrigen Unterbewusstsein, als sie die Augen schließt. Immer wieder schreckt sie auf, glaubt Schritte gehört zu haben, Poltern, draußen auf der Veranda. Mistral kommt auf, dieser Landestypische Wind, der Tagelang anhielt und Mensch und Tier wirr im Kopf werden ließ. Sie hasste diesen Wind, er kam Nordwesten und sie war jedes Mal erleichtert, wenn sie fest stellen konnte, dass es nur Ostwind war, oder eine Brise vom Meer her, doch diesmal war es Mistral, unverkennbar. Er schlich erst säuselnd ums Haus, schwelte dann zu einem tosenden Sturm an und ein Blick aus dem Fenster bestätigt ihre Befürchtungen. Die Zweige der umliegenden Bäume biegen sich bereits ächzend unter den unbarmherzigen Stößen des Sturms. Das waren die Angsteinflößenden Geräusche gewesen, die sie zuvor beunruhigt hatten. Sie war auch zu naiv! Immer wieder hatte sie befürchtet, dass der nächste Sturm den schweren Ast des einen Eukalyptusbaumes zerbrechen würde, als wäre er aus Stroh. Deshalb gleiten auch jetzt ihre besorgten Blicke auf die dunklen Umrisse des gemarterten Astes, der einmal mehr um seine Existenzberechtigung gegen die Naturgewalt Sturm ankämpft. Sie hätte ihn längst absägen lassen sollen, er war eine Bedrohung für das Dach ihrer Behausung. Doch nun konnte sie wieder nur bangen und hoffen, dass die Gefahr ein weiteres Mal nur eine solche blieb und nicht zur Katastrophe wurde! Sie nimmt sich fest vor, gleich nach ihrer Rückkehr jemanden vom Weingut um die Beseitigung des riesigen Astes, der an sich schon die Größe und Länge eines ganzen Baumes hatte, zu bitten. Keinen Aufschub mehr! Als hätte das morsche Ding in ihren Gedanken gelesen und sich maßlos darüber entrüstet, vernimmt sie ein drohendes Knirschen. Sie schließt hastig die Fensterläden ihres Zimmers und versucht sich einzureden, dass sie bereits von Hirngespinste heimgesucht wurde. Die Reise würde ihr gut tun, ja, mehr als das! Vielleicht konnte sie anschließend noch weiter reisen, vielleicht Berlin aufsuchen, Wien, Prag. Die Goldene Stadt lag ihr ohnehin schon lange am Herzen! Und warum nicht Moskau oder Sankt Petersburg? Die Pläne überschlagen sich in ihrem Kopf. Ihren Hund weiß sie ja gut versorgt, er würde sie nicht vermissen. Der Gedanke an eine baldige Rückkehr erscheint ihr gar nicht besonders verlockend. Diese Gewissheit beunruhig sie, in gewisser Weise. War sie drauf und dran, ihre Heimat zu verlieren? Ihre Wurzeln? Was hatte Virginie ihr wirklich angetan? Was ihr Vater? Sie brachten sie noch so weit, sich für etwas schuldig zu fühlen, das böse Zungen nur erfunden hatten! Verdammt! Sie beißt wütend in die Knöcheln ihrer geballten Faust, bis es weh tut, um einen Wutschrei zu unterdrücken und fühlt sich ganz plötzlich hundeelend. Dann nimmt sie zwei Kapseln ihres Schlafmittels und rügt sich selbst, davon in letzter Zeit allzu viel eingenommen zu haben. „Ich lass sie einfach hier zu hause“, murmelt sie vor sich hin und spült die Dinger mit einem Glas Wasser hinunter. Der Vorsatz gilt: das waren die letzten gewesen! Erschöpft sinkt sie auf ihre Liegestatt zurück, versucht sich zusammen zu rollen wie ein Kätzchen, doch es ist stickig hier drinnen, mit den geschlossenen Fenstern und den dicken Holzläden davor. Sie strampelt die dünne Decke von sich, streckt Arme und Beine weit aus, und setzt sich schließlich auf, um sich auch noch ihres Schlafhemdes zu entledigen. Doch dazu kommt es nicht mehr, weil sie ganz plötzlich in ihrem ungeduldigen Gehaben inne hält und abgelenkt zu schnuppern beginnt. Ein dröhnendes Ächzen brechenden Holzes, klingt wie ein lang gezogenes Klagen an ihr Ohr! Doch das war nicht alles! Es roch doch auch unverkennbar nach Feuer! Verbranntes Holz! Die größte Furcht ihres Lebens war Feuer! Immer schon gewesen! Ihre verbrannten, erstickten Eltern scheinen ihr zuzurufen: ‚Weg, Kind! Mach dass Du da raus kommst! Mach schnell!’ Sie kann die Stimme ihrer Mutter in ihren Ohren gellen hören, noch, als sie bereits gehetzt zur Tür rennt, diese jedoch, - oh Schreck, nur einen Spalt breit auf bekommt, und diese ernüchternde Tatsache nur mühsam in sich aufnehmen kann. Wie gelähmt starrt sie auf das Blatt- und Astwerk, dass ihr den Weg in die rettende Freiheit versperren will! Der Ast hatte nun endlich der Gewalt des Sturms nachgegeben und lag quer über das Verandadach gestürzt, bis vor ihrer Haustüre! Eine unüberwindbare Barriere und niemand hier, der ihr helfen konnte. Niemals würde sie selbst genug Kraft aufbringen, dieses baumartige Gebilde zur Seite zu schieben! Eingeschlossen war sie, angesichts der Flammen und des giftigen Rauchs, der sich rasend schnell ausbreitet und in ihre Lungen eindringt, sodass sie einem Hustenreiz nach dem anderen erliegt. Mit aller Kraft, von Panik übermannt, stemmt sie sich gegen die Tür, doch es ist, als halte ein Riese sie höhnisch für sie geschlossen und erfreue sich sadistisch an ihrer Ausweglosigkeit. Nach ein paar gewonnenen Zentimetern muss sie aufgeben, von hier aus gab es kein Entrinnen! Sie torkelt benommen zurück ins Schlafzimmer, macht sich an den Fenstern zu schaffen, doch schon muss sie mit einem wehklagenden Ausruf ihr Tun unterlassen, die Scheibe ist heiß wie glühendes Eisen, und als sie instinktiv ein paar Schritte nach rückwärts tut, schlagen bereits die ersten züngelnden Flammen durch die Ritzen der Holzläden. Die verdampfende Lackierung zischt giftig und drohend. Sie ist wie versteinert, gelähmt, und registriert nur am Rande, wie die Farbe der Fensterläden Blasen wirft und zu tropfen beginnt. All dies geschieht im Bruchteil von Sekunden und als ihr Überlebensinstinkt endlich die Angst besiegt, hämmert es in ihrem Kopf: Telefon, Telefon, Telefon. Das Feuer frisst sich langsam durch die Läden, die in wenigen Sekunden ein Opfer der Allmacht Feuerglut werden würden. Sie würgt und hustet, presst den Saum ihres T-Shirts vor Nase und Mund! Während sie durch die Räume hastet, wird ihr zur Gewissheit, dass die Feuerbrunst bereits ihr Haus eingeschlossen haben musste, die Hitze und der helle Schein der Flammen werden in wenigen Minuten alles verschlungen haben, inklusive sie selbst! „Hilfe“, schreit sie panisch, und unsinnigerweise. „Hilfe“, und weiß doch, dass jede Rettung zu spät kam. Bis die umliegenden Gehöfte bemerkten, welches Drama sich in ihrer kleinen, abseits gelegenen Welt abspielte, war sie bereits verkohlt und nur mehr zu einem Häufchen Russ inmitten des verbrannten Gebälks ihrer Heimstatt geworden! Nun beginnt sie stärker zu husten, meint fast zu ersticken, greift zum Telefon, kein Zeichen, tot, denn natürlich waren alle Leitungen durchgebrannt, zerschmolzen, als hätte eine höhere Macht ihr Verderben sorgfältig vorbereitet, bevor sie an die Ausübung desselben ging! Sie bereut zum ersten Male wirklich, ihr Handy so selten zu benutzen! Es steckte unaufgeladen in ihrer Reisetasche, unbrauchbar, gänzlich unnütz! Sirenengeheul, das rasch näher kommt, erschallt ihr wie die schönste Musik, Himmelsmusik, direkt über ihr! ‚Ich überleb’ das’, schreit es in ihr! ‚Ich teile nicht das Schicksal meiner Eltern! Das ist nicht meine Bestimmung! Nicht die meine!’ denkt sie ganz fest und hofft, die Männer draußen würden sich beeilen, sie hier heraus zu holen! Ihr Lebensmut kehrt schlagartig zurück, und während sie hustend nach Wasser sucht, erst die Vase über ihrem Kopf ausgießt und danach in die mit Rauch erfüllte Küche stürzt, um den Wasserhahn aufzudrehen, der nur blubbernde Laute von sich gibt, kann sie die näher kommenden Stimmen hören. Wirkliche Stimmen, rufende, nicht jene, die aus ihrem Kopfe kamen, sondern menschliche Laute, aus lebendigen Mündern! „Ist da noch jemand drinnen?“ hört sie rufen! Da war jemand noch um sie besorgt! „Antworten Sie, Amelie! Sind Sie da drinnen?!“ Aus dem Stimmengewirr und den Rufen, kann sie keine bestimmten Laute mehr ausmachen, denn sie werden von pochenden Axtschlägen direkt vor ihrer Tür unterbrochen. Man versuchte, die Eingangstür aufzubekommen, da sie sich an der anscheinend einzigen, noch nicht brennenden Seite ihres Hauses befand! „Ja, ich bin hier! Holt mich hier raus!“ schreit sie los, mit gellender, sich überschlagender Stimme! „Hilfe! Helft mir endlich! Lasst mich nicht verbrennen!“ Ihre Stimme wird bald zu einem undefinierbaren weinerlichen Krächzen. Sie versucht erneut, sich durch den Spalt ihrer Tür zu klemmen, doch umsonst. Aber die Männer bleiben hartnäckig im Kampf gegen das Feuer und arbeiten sich langsam aber doch sicher durch die tödlichen Schwierigkeiten, die sie bedrohen. Wasser regnet auf den Riesenast, benetzt sie selbst durch den Türspalt, das Innere ihres Flurs! Sie trachten danach, dass der umgestürzte Ast nicht auch noch Feuer fängt, denn dann wäre die Falle endgültig für sie zugeschnappt. Aus, Amelie! Wiedersehen in der Hölle oder sonst wo! Wirre Gedanken, die es jedoch schaffen, ihre Panik im Zaume zu halten, schnellen durch ihr Bewusstsein. „Ich bin hier“, schreit sie nach Luft und Wasser schnappend durch den Türspalt und streckt Hilfe suchend die Arme nach draußen. „Gehen sie von der Tür weg, Amelie!“ fordert eine barsche Männerstimme sie auf. „Wir werden Sie einschlagen, der Baum hier ist zu groß, das braucht Zeit, in zu zersägen! Es muss auch so gehen! Achtung, weg von der Tür!“ Sie gehorcht und weicht an die rückwärtige Zimmerwand zurück. Kleine Explosionsartige Geräusche dringen aus ihrem Atelier. Kunststoffe und flüssige Arbeitsmittel erliegen der chemischen Reaktion durch die Berührung mit Hitze und Feuer. Schließlich knallt es wie bei einem Feuerwerk, und sie fährt bei jedem der schussartigen Explosionen angstvoll zusammen! Hustend hält sie die Hände vor den Mund und sieht mit an, wie ihre solide Eingangstüre unter den Axthieben der Feuerwehrsleute zerbirst. Hilfesuchende Arme strecken sich ins Innere, die Gestalten sind verborgen vom Blattwerk des mächtigen Eukalyptusbaumes. Sie läuft darauf zu, streckt ihre Hände aus, lässt sich fassen und durch ein Gewirr von kratzenden Ästen und Zweigen ziehen. Während man sie mühsam durch das Geäst heraus holt, und sie verbissen um ihre Befreiung kämpft, Kratzer und Schrammen verächtlich hinnehmend, kann sie den kreischenden Laut einer Motorsäge vernehmen, die Männer greifen zu effektiveren Mitteln, um über das Dilemma zu siegen! Dann ist sie durch, barfuss, zitternd, durchnässt, blutend, in ihrem zerrissenem Nachthemd, aber sie lebt! Man wickelt sie in eine Decke, blickt in unzählige geschwärzte Gesichter, die echtes Mitgefühl zeigen, manche kennt sie, manche nicht. Tränen der Dankbarkeit und auch verursacht durch das Rauchgas, trüben ihren Blick! „Danke“, krächzt sie. Man klopft ihr auf die Schulter. Sie schnappt nach Luft, will reden weiterreden, aber jemand hält ihr ein Sauerstoffgerät vors Gesicht, sie lässt sich umsorgen, spürt, wie die Kraft sie zu verlassen droht, aber sie will nicht umsinken und ganz weg treten! Philippe bannt sich plötzlich energisch seinen Weg durch die Schar ihrer Retter. „Amelie! Liebes! Bist Du verletzt?“ Er wirkt, wie immer, wie aus dem Ei gepellt. Kein rasch übergeworfener Morgenmantel, nein, Anzug und Krawatte, als käme er eben von einem Galadinner zurück oder wartete auf seinen Auftritt im Theater des Lebens. Na, vielleicht war es auch so. Sie ist alles andere als erleichtert ihn zu sehen, und fühlt sich gleichzeitig auch unangenehm berührt. Seine Anwesenheit empfindet sie als Bedrohung und kann sich nicht erklären, woher dieses absurde Gefühl kommt. Doch die junge Frau kann sich nicht seiner Anteilnahme, seiner Sorge erwehren, auch nicht, als er die Arme um sie zu breiten sucht, einem Adler gleich, der seine Beute siegessicher unter seinen Schwingen zu erdrücken sucht. Sie wehrt sich, übergeht seine beleidigte Miene, wendet sich dankbar an die Feuerwehrmänner, die sie zu einem bereitstehenden Rettungswagen geleiten. Als sie wieder Luft genug zum Sprechen hat, schiebt sie das Beatmungsgerät aus dem Gesicht und gibt heiser von sich, dass es ihr gut gehe und sie in kein Krankenhaus müsse! Doch die Männer scheinen sie für verwirrt zu halten und ihr Anblick tut wahrscheinlich auch sein übriges. Und wohin sollte sie auch gehen? Im Weingut fände sie Unterschlupf und der Gedanke an ihren treuen Vierbeiner, der sich dort befand, tut gut, doch schon wird sie in den Fond des Wagens geschoben, kann sich der zahlreichen, helfenden Hände nicht mehr erwehren. Der Kopf einer der Männer schiebt sich noch durch die Tür, die man zu schließen sucht. „Wir haben die Koffer und die Tasche aus dem Flur geholt, Mademoiselle! Fast unversehrt. Sieht alles schlimmer aus, als es ist! Der verdammte Wind! Wir bringen sie ins Hospital nach Marseille, dort kommen wir am schnellsten über die Autobahn durch!“ Sie nickt, will danken, doch der Mann ist bereits im Getümmel der Feuerbekämpfung verschwunden. Sie bäumt sich auf der Liege, auf die man sie verfrachtet hat, auf, um sich das Ausmaß der Katastrophe zu verallgegenwärtigen: Ihre Mauern stehen, doch aus den Fensteröffnungen dringen noch immer vereinzelte Flammen. Soweit sie es ausmachen kann, hat das Feuer nur ihr Haus zerstört, der Wald war verschont geblieben, eine Unglaublichkeit bei diesem tobenden Sturm! Dies war der raschen Einsatzkraft der Feuerlöscher zu verdanken! Sie liebte diese Männer, sie liebte sie alle! Sie kann gerade noch ausnehmen, wie Philippe versucht, sich ebenfalls in den Rettungswagen zu quetschen, doch ganz plötzlich unsanft, und entschieden zur Seite geschoben wird, von einem ziemlich entschlossen und grimmig dreinblickenden Mann, der sich statt seiner mit einem Satz in den Fond des Wagens hievt. „Tut mir leid, Mister, aber das ist mein Vorrecht! Ich hab die Feuerwehr nämlich alarmiert, als Sie zuhause auf ihren beiden Ohren schliefen wie ein fauler Sack!“ Sie hatte noch nie zuvor einen derart verdutzten, ja, sprachlosen Philippe gesehen, als sie es jetzt, in diesem Moment, tut! Wenn ihre Kehle nicht so schmerzen würde, hätte sie laut gelacht, doch die Tür ist bereits zu, und über sie geneigt, kann sie nur mehr in die meergrünen, doch sorgenvollen Augen jenes Schotten sehen, dem sie anscheinend ihre knappe Rettung zu verdanken hatte. Irgendwie fühlte sie sich wie in einer Geschichte, die nichts mit ihr selbst zu tun hatte. Das konnte doch alles nicht Realität sein! Und doch… „Na, das haben wir ja noch einmal ganz gut hin bekommen, was Amelie?“ Seine raue Stimme, sein betroffener Blick, als er ihren jämmerlichen Zustand ganz erfasst, sind Balsam auf den vielen kleinen Kratzern und Quetschungen an ihrem Körper. Unaufhaltsam lässt sie die Tränen aus ihren Augenwinkeln strömen, und sie waschen kleine helle Spuren in ihr Russgeschwärztes Gesicht, über das er seinen liebevollen Blick gleiten lässt, zu ängstlich darauf bedacht, ihr nicht dabei wehzutun, wenn er sie mit den Händen berührte. „Machen Sie sich mal nicht so breit, Monsieur“ kontert die Hilfsschwester gespielt herb, die ihm gegenüber neben der Patientin sitzt und ihr, während dieses kurzen Tête à tête eine Infusion verpasst hat. „Sie braucht jetzt nur eines, nämlich Ruhe, und in ein paar Minuten schläft sie ganz tief, wie ein baby….“
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